Kitabı oku: «Immanuel Kant: Der Mann und das Werk», sayfa 3
Einfluß des Elternhauses
Fragen wir, ehe wir ihn in diesen neuen Lebensabschnitt begleiten, nach dem Anteil der Eltern an des Sohnes Eigenart, so müssen wir uns sicherlich hüten, zu viel Vererbtes anzunehmen. Zunächst ist natürlich alles abzuziehen, was seine philosophischen Anlagen betrifft. Dagegen verdankt er dem Elternhaus, nach Blut und Erziehung, doch offenbar eine ganze Reihe höchst wertvoller persönlicher Eigenschaften: die strenge Rechtlichkeit, die ihn unter anderem auch, selbst während der Zeiten größter Dürftigkeit, vor Schuldenmachen bewahrte, die Gewissenhaftigkeit in der Arbeit, die unbedingte Wahrhaftigkeit, die Einfachheit und Regelmäßigkeit der Lebensweise, die Ordnungsliebe, z. B. in bezug auf Kleidung und Haushaltführung, die ihm, im vollsten Gegensatz zu seinem Landsmann Hamann, zeitlebens eigen blieb; vielleicht auch den Unabhängigkeitssinn, der den bescheidenen Handwerker seinen Ältesten während der ganzen Schulzeit aus eigenen Mitteln unterhalten ließ. Der Erinnerung an die bei aller Einfachheit tüchtigen Eltern entstammt wohl auch der bürgerlich-demokratische Grundzug seines Wesens ("Vor dem braven Manne nehme ich den Hut ab"), der ihn von allem äußerlichen Vornehmtun, "Complimentieren" und Zeremonienwesen fernhielt, auch als er später in den vornehmsten Kreisen verkehrte und die äußeren Formen der feinen Gesellschaft beherrschte. Dass ihm neben solchen Vorzügen vom Elternhause her auch eine gewisse Kleinbürgerlichkeit, ein Mangel an freierem Sichgehenlassen in der äußeren Lebensführung, das wir gern an großen Männern wahrnehmen, haften geblieben ist, wollen wir damit nicht leugnen.
Zweites Kapitel.
Im Fridericianum (1732—1740)
Das Friedrichs-Kolleg
Der neue Geist, der mit Leibniz und seinen Nachfolgern in die deutsche Philosophie einzog, hat die Universitäten erst nach und nach, noch später, erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Gelehrtenschulen ergriffen. Zu der Zeit, während der Immanuel Kant zum Jüngling heranwuchs, beruhte die Gymnasialbildung des deutschen Protestantismus noch immer auf der durch Melanchthon begründeten eigentümlichen Verbindung von Christentum und klassischem Altertum: nur dass jenes völlig in kirchlicher Dogmatik, dieses in scholastisch-rhetorischem Betrieb erstarrt war, einem Betrieb, der nichts anderes als möglichste Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Gebrauch der lateinischen Gelehrtensprache im Auge hatte.
Eine Opposition gegen diese Verknöcherung ging (merkwürdig genug) zuerst aus einer Verbindung zweier so entgegengesetzter Strömungen wie des Pietismus und des Rationalismus hervor, verbunden freilich nur, um sich nach einiger Zeit wieder zu trennen. Beide waren sie einig im Kampf gegen die erstarrten Formeln des dürren und trockenen Verstandes und der Buchstabengläubigkeit, aus denen der Rationalismus die denkende Vernunft, der Pietismus das fromme Gefühl zu befreien strebte. Die nämliche Verbindung, die sich in Halle um 1723 schon gelöst hatte, – damals sah der fromme Francke in Wolffs Vertreibung eine Erhörung seiner Gebete um Erlösung von dieser großen "Macht der Finsternis" – wiederholt sich nun etwa ein Vierteljahrhundert später in Königsberg.
Auch hier war um die Wende des 18. Jahrhunderts das kirchlich-religiöse Leben in theologischer Dogmatik und trockenen Formeln fast erstickt. "Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft!", so dachte wohl auch der fromme Holzkämmerer Theodor Gehr (geb. 1633), als er, nach dem Vorbilde des Halleschen Waisenhauses und mit Unterstützung eines von dort verschriebenen Studiosen, am 11. August 1698 in seinem Hause auf dem Sackheim eine anfangs nur aus 4 Mädchen und 2 Knaben bestehende Privatschule eröffnete, die sich rasch hob und trotz zahlreicher, heftiger Anfeindungen der "Winkelschule" seitens der Vertreter des Bestehenden – der schon vorhandenen beiden Lateinschulen, des Konsistoriums und der Landstände – am 4. März 1701 von dem neugekrönten König Friedrich I. die Bestätigung als "Königliche Schule auf dem Sackheim" erhielt. Noch vor dem frühen Tode ihres Gründers (1705) hatte die neue Anstalt das Glück, in dem 35 jährigen Dr. theol. Heinrich Lysius aus Flensburg einen ebenso tatkräftigen wie wissenschaftlich tüchtigen Leiter zu bekommen, der allen Anfeindungen der Gegner und allen finanziellen Schwierigkeiten zum Trotz das Collegium Fridericianum, wie es seit 1703 hieß, in die Höhe zu bringen wußte und es, als er sich 1729, zwei Jahre vor seinem Tode, ins Privatleben zurückzog, seinem Nachfolger in blühendem Zustand hinterließ; das Porträt des energisch dreinschauenden Mannes hängt noch heute im Konferenzzimmer des Friedrichskollegs.
F. A. Schultz
Nach vierjähriger Leitung durch den früh verstorbenen Rogall (geb. 1701), unter dem zu der Latein- noch eine "Deutsche Schule" für künftige Kaufleute und Handwerker und mehrere Armenschulen hinzukamen, wurde im Jahre 1733 der schon von uns genannte Franz Albert (Albrecht) Schultz an die Spitze der Anstalt berufen. Schultz, 1692 in Pommern geboren, hatte während seiner Studienzeit in Halle neben dem Francke-Spenerschen Pietismus auch die Wolffsche Philosophie in sich aufgenommen. Mehr praktisch als theoretisch veranlagt, hatte er 1724 eine Feldpredigerstelle bei einem Reiterregiment zu Frankfurt a. O. angenommen und es als solcher durch die von ihm eingeführten Erbauungs- und Katechisationsstunden dahin gebracht, dass seine Reiter nicht bloß mit Waffen und Pferden, sondern auch in Bibel, Gesangbuch und Katechismus Bescheid wußten! Seitdem stand er bei dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. in höchster Gunst. Der ernannte ihn 1731 zum Konsistorialrat, Theologieprofessor und Pfarrer in Königsberg und übertrug ihm nach Rogalls Tode – und zwar über den Kopf der preußischen Regierung hinweg – auch noch die Leitung des Friedrichskollegs. Schlicht und unscheinbar in seiner äußeren Erscheinung, nach außen ruhigen Wesens, in seinen Predigten mehr durch Klarheit als den bei anderen beliebten rednerischen Aufputz wirkend, war er doch voll inneren Feuers und leidenschaftlicher Tatkraft: eine "geheime Cholera" bildete nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen den Grundzug seines Temperaments. An der Universität war er bald nicht bloß die maßgebende Persönlichkeit der theologischen Fakultät, sondern bis gegen. 1750 ihr einflußreichster Lehrer überhaupt. Sein Lehrer Wolff soll von ihm gesagt haben: "Hat mich je jemand verstanden, so ist's Schultz in Königsberg," und sein Zuhörer Hippel wollte von seinen dogmatischen Vorlesungen den Eindruck gewonnen haben, "als hätten Christus und die Apostel sämtlich in Halle unter Wolff studiert." Auch seine Wirksamkeit auf dem Gebiete der Schulverwaltung war weitreichend: er ist der geistige Urheber aller im letzten Jahrzehnt Friedrich Wühelms I. ergangenen Reformerlasse in Kirchen- und Schulangelegenheiten für das "Königreich Preußen", d. h. die Provinz Ostpreußen, gewesen, zu deren Generalinspektor er dann auch 1737 ernannt wurde.
Diesen Mann mußten wir genauer kennenlernen, weil er der Anstalt, in der Immanuel Kant 8 Jahre seiner Jugendzeit verbrachte, auf lange Zeit das geistige Gepräge verliehen hat. Für die engere Leitung freilich hatte er sich, bei seiner weitverzweigten sonstigen Tätigkeit, bereits Ende 1734 einen "Adjunkten" in der Person des seit Ostern 1732 als Inspektor an der Anstalt wirkenden Christoph Schiffert (1689—1765) erbeten und erhalten, der nicht weniger als 33 Jahre seine Kraft ungeteilt dem Friedrichskollegiuni und den damit verbundenen Schulen gewidmet hat. Von ihm stammt denn auch die 1742 erschienene "Zuverlässige Nachricht von den jetzigen Anstalten des Kollegii Fridericiani", die ein anschauliches Bild von deren innerem und äußerem Betrieb entwirft.
Die einzelnen Unterrichtsfächer.
Der Stundenplan
Als Immanuel Kant im Sommer 1732 in die Lateinschule des Kollegiums eintrat, zählte dieselbe 187, die "deutsche" 292 Schüler; 36 Zöglinge, später mehr – 1734 z. B. 56 – wohnten im Anstaltsgebäude, einem einfachen Bau an der Landhofmeisterstraße, einer Seitenstraße der "Neuen Sorge".4 Auch ein Teil der 26 an der Anstalt unterrichtenden Lehrer hatte dort seine Wohnung. Jeder Schüler bekam zu Anfang des Schulhalbjahres seinen Stundenplan, der ihm für jedes Fach die ihm zukommende Klasse zuwies. Der kleine Immanuel z. B. wurde nach Ostern 1732 in die 5. lateinische und 5. Religions-, in die 3. arithmetische und 3. kalligraphische Klasse aufgenommen. Ostern 1735 befand er sich in der 3. lateinischen und 2. arithmetischen und kam in die 2. theologische, 3. hebräische und 3. griechische Klasse. Der Unterricht begann jeden Morgen um 7 und dauerte bis 11, nachmittags von 1—4 Uhr. Die Mittwoch- und Samstag-Nachmittage wurden für den "Privatunterricht" in den nicht obligatorischen Fächern: Französisch, Mathematik (!), Musik, Polnisch u. a. freigehalten. Die erste Vormittagsstunde gehörte an fünf, in den obersten Klassen an vier Tagen der "Theologie", d. h. dem Religionsunterricht. Dann folgten täglich von 8 bis 10 zwei Lateinstunden. Auch die letzte Vormittagsstunde diente in der untersten Klasse der lateinischen Grammatik, während von IV bzw. III aufwärts an drei, später fünf Tagen Griechisch getrieben wurde. Nachmittags 1 Uhr begann für die unteren Klassen der Unterricht mit dem weniger kopfanstrengenden Schönschreiben (Kalligraphie) nebst den damit verbundenen orthographischen Übungen, für die oberen mit Geographie bzw. – Philosophie! Von 2 bis 3 lernten die Kleineren Rechnen, die Größeren Hebräisch. Den Schluß machte von 3 bis 4 Uhr wiederum eine – Lateinstunde.
In welcher Art gestaltete sich nun der Unterricht in den einzelnen Fächern?
Religion, Hebräisch, Griechisch
Der Religionsunterricht war, obwohl der Pietismus sich eigentlich gegen dogmatische Haarspaltereien wandte, im wesentlichen doch durchaus dogmatisch. Nur eine der fünf Wochenstunden der drei unteren Kurse war der biblischen Geschichte gewidmet, die vier übrigen dienten dem Auswendiglernen des Lutherschen Katechismus und der zugehörigen Bibelsprüche. Höchstens darin machte sich der pietistische Geist geltend, dass die Lehrer überall, besonders auf den späteren Stufen, zeigen sollten, "wie alles ins Gebet zu bringen und zum Christlichen Leben und Wandel anzuwenden sey". In Tertia schloß der Unterricht für die von hier aus ins bürgerliche Leben Tretenden mit einer eingehenden Behandlung der "Heilsordnung" ab, während die übrigen auf den etwas mehr systematischen Lehrgang der beiden obersten Klassen vorbereitet wurden. Dort wurden die dogmatischen Sätze des Lehrbuchs erörtert und mit Bibelstellen "bewiesen", die, wenigstens von den künftigen Theologen, im hebräischen bzw. griechischen Urtext zu lernen waren. Danebenher ging eine genauere Einführung in die biblischen Schriften, ihre Entstehungszeit, ihren Hauptinhalt und ihre Grundlehren, unter Hervorhebung der schwierigsten Stellen. In II wurde das Neue, in I das Alte Testament behandelt; im letzteren besonders die messianischen Prophezeiungen aufgesucht.
Dem Religionsunterricht diente natürlich auch das Hebräische, dem in der dritten Klasse zwei, in den beiden oberen gar vier Wochenstunden gehörten. In Tertia wurden, neben der grammatischen Einführung, einige Kapitel des ersten Buches Mose Wort für Wort erklärt, in II kam der Rest des Buches hinzu, in I die übrigen Bücher Mose, abgesehen von einigen schwierigen Kapiteln, ferner die anderen historischen Schriften des Alten Testaments, sowie die Psalmen. Einzelne Jahrgänge sollen sogar das ganze Alte Testament durchübersetzt haben.
Aber nicht bloß das Hebräische stand im Dienste der Theologie, sondern auch – das Griechische, das auf drei (vorübergehend auch vier) Klassen in je drei bis fünf Wochenstunden gelehrt wurde. Der grammatische Stoff war nicht wesentlich anders als heute verteilt, dagegen diente als Lektüre fast ausschließlich das Neue Testament, dessen reines Griechisch wegen der Inspirationslehre als Glaubenssache galt. In Tertia wurden zur Einübung der Formenlehre – mehrere Kapitel des Johannes-Evangeliums Wort für Wort erklärt! In Sekunda las man Matthäus, Markus und einige paulinische Briefe, in Prima den Rest, der ins – Lateinische übersetzt wurde. Erst kurz vor der Entlassung wurde, falls die Zeit noch reichte, mit den Vorgeschritteneren etwas aus Gesners Chrestomathie gelesen. Von den großen Rednern, Geschichtsschreibern und Philosophen, einem Plato, Thukydides, Demosthenes, ja selbst von Homer bekamen diese bedauernswürdigen Primaner, natürlich auch in den übrigen Königsberger Gymnasien, keine Ahnung. Das hat denn auch unserem Philosophen sein Leben lang nachgehangen. In allen seinen Schriften und Briefen begegnet man keinem griechischen Satze im Urtext.
Latein, Deutsch
Das Rückgrat des gesamten Unterrichts aber bildete das Latein mit seinen 16—20 Wochenstunden. Den Anfang der Stunde bildete auf allen Stufen das Einprägen bzw. das Abhören von Vokabeln, später Phrasen. Die Lektüre war bloßes Mittel, anstatt Zweck, des Sprachunterrichts. Jeder Satz der in Tertia mit Cornelius Nepos beginnenden Lektüre wurde Wort für Wort grammatisch erklärt, umgewandelt, erst zuletzt ins Deutsche übersetzt, nach Beendigung jedes Kapitels der Inhalt ausführlich lateinisch wiedergegeben. Erst in Untersekunda wurde der heute mit Recht zum alten Eisen geworfene Nepos zu Ende gelesen und das "Leichteste und Nützlichste" aus Ciceros Briefen begonnen. In "Groß"-, d. i. Obersekunda kam zu den letzteren Cäsar hinzu, der übrigens später zugunsten eines – Neulateiners (Muret) verschwand. In Prima bildete der letztere neben Ciceros Reden und dem anekdotenhaften Historiker Curtius den Hauptgegenständ; nur vereinzelt kam es auch zur Lektüre einiger philosophischer Schriften Ciceros. Nichts von Livius, nichts von Tacitus. Welch dürftiges Gesamtergebnis bei so gewaltigem äußeren Apparat!
Desto mehr wurde von der untersten Stufe an auf Rede fertigkeit in der lateinischen Sprache gesehen, lateinische Gespräche auswendig gelernt, später an den Unterrichtsstoff angeschlossen. In Obersekunda und Prima sollten die Schüler überhaupt, untereinander wie mit den Lehrern, nur lateinisch sprechen! Daneben das ganze Brimborium von gelehrten Kunstausdrücken, Tropen und Figuren, Chrien usw. Man begreift Kants spätere Abneigung gegen alle Rhetorik, wenn man liest, wieviel Zeit und Mühe diese armen Schülerseelen auf solches Phrasengeklingel von sogenannten Reden verwenden mußten, die teils nur schriftlich ausgearbeitet, teils auch wirklich gehalten wurden. Galt doch ein von den Primanern nach einem selbstentworfenen Programm veranstalteter Actus oratorius als Ziel und Gipfelpunkt des auf der Schule Erreichbaren, wie für das auswärtige Publikum der feierliche Aktus der ganzen Anstalt (s. weiter unten). Schriftliche Exerzitien und Extemporalien, wie heute, wurden auch geschrieben, jedoch nicht im Übermaß; in den oberen Klassen häufig in Briefform.
Als interessanterer Teil des Lateinunterrichts erscheint auf den ersten Blick die poetische Stunde, in besonderen "poetischen Klassen" von Tertia aufwärts gehalten. Zunächst wurde Metrik gelernt und praktisch eingeübt. Stoff genug bot die umfangreiche Sammlung von Freyers poetischem Lesebuch, das von Anfang bis zu Ende durchgearbeitet ward. Neben Stücken aus den Dichtern, die noch heute von unseren Gymnasiasten gelesen werden (Ovid, Vergil, Horaz) standen auch solche von Catull, Tibull, Martial, Juvenal und Seneka, daneben auch von Vertretern der spätlateinischen und der neuzeitlichen Schulpoesie. Das, worauf es ankam, war aber auch hier nicht der Inhalt, sondern die äußere Form. Die Versmacherei wurde geradezu systematisch betrieben, über ein gegebenes Thema par ordre de Mufti Verse gemacht, anfangs in der Klasse, später auch als Hausarbeit. Bei den Unbegabten mußte wohl auch der Stock nachhelfen. Die Begabtesten kamen bis zur Verfertigung lateinischer Oden in sapphischem oder alkäischem Maß. Kein Wunder, wenn Kant in seinen populären Vorlesungen und Reflexionen gelegentlich auch diese Versmacherei ebenso wie die Lernerei der "phrases" brandmarkt.
Das einzige Reale in all diesem Formen- und Formelkram des lateinischen Unterrichts boten die Belehrungen über römische Altertümer, die in Unter- und Obersekunda, aber nur in einer halben oder ganzen Stunde des Sonnabend-Vormittags, gegeben wurden.
Von besonderem deutschen Unterricht ist neben alledem kaum die Rede. Übungen in der deutschen Rechtschreibung und Interpunktion wurden, wie schon erwähnt, mit der Unterweisung in der "Kalligraphie" oder "netten Schreibart" verbunden. Im übrigen wurde die deutsche Sprache eben mit und an der lateinischen gelernt. Doch scheint wenigstens die Unterrichtssprache vorherrschend die deutsche gewesen zu sein; wie es denn auch für die damalige Zeit schon einen Fortschritt darstellt, dass die aus den Francke-Spenerschen Anstalten in Halle übernommene lateinische Grammatik von Joachim Lange in deutscher Sprache abgefaßt war. Außerdem hören wir von einzelnen deutschen "Brief- oder periodologischen" Stunden auf den mittleren Klassen, während in Obersekunda und Prima deutsche Briefe mit lateinischen als häusliche Arbeiten wöchentlich abwechselten, übrigens muß auch die deutsche Versmacherei geblüht haben, wenn uns auch über das Fridericianum speziell keine genaueren Nachrichten bekannt sind. Denn wie viele Gelegenheiten gab es, den lateinischen und den deutschen Pegasus zu besteigen! "Da waren", wie Möller, der Historiker des Königsberger Altstädtischen Gymnasiums, schreibt, "zuvörderst die unaufhörlichen Schulaktus, bei denen schon um der Abwechslung willen Latein und Deutsch, gebundene und ungebundene Rede einander ablösen mußten. … Bald starb ein alter Rektor oder Konrektor, bald feierte ein Lehrer seinen Namenstag oder gar seine Hochzeit, oder er wurde neu introduziert oder empfing den Doktorhut oder siedelte von einer Schule zur anderen oder ging in ein Kirchenamt über, und es war eine grobe Verletzung des Anstands, wenn nicht die Schüler in die Saiten gegriffen und ihren wahren oder erheuchelten Gefühlen Ausdruck gegeben hätten."
Philosophie, Geographie
In seinem rhetorischen Teil führte der lateinische Schulbetrieb selbst auf die Philosophie, zumal die Logik, hin. So war denn auch am Fridericianum 1730 für die Primaner eine besondere "logische" Klasse eingerichtet worden, die sich 1734 in eine "philosophische" verwandelte. In dieser wurden, neben der Logik, auch die "Historie der Weltweisheit" und "aus der Vernunft- und Naturlehre und anderen Wissenschaften (!) das Nötigste" vorgetragen. Auch sollten, in der Regel einmal im Monat, mit den Fähigeren Disputierübungen, ähnlich wie im "Theologie"-Unterricht, veranstaltet werden. Es war sogar für diesen "philosophischen" Unterricht, den Kant zwei Jahre lang genossen hat, ein besonderer Lehrer vorhanden. Was darin zu Kants Zeit geleistet wurde, muß trotzdem kläglich gewesen sein. "Diese Herren", äußerte er später einmal im Gespräch zu seinem einstigen Mitschüler (später selbst Lehrer am Fridericianum) Cunde, "konnten wohl keinen Funken, der in uns zum Studium der Philosophie oder Mathese lag, zur Flamme bringen." – "Ausblasen konnten sie ihn wohl," meinte der andere ernst.
Beiläufig gesagt, ist dies die einzige Stelle des Lehrplans, wo einmal von "Naturlehre" die Rede ist. Erst nach Kants Schulzeit wurde eine besondere "physikalische" Klasse eingerichtet. Doch war schon 1718 auf dem Dache des Schulgebäudes ein kleiner (freilich 1765 schon ganz baufällig gewordener) hölzerner Turm als "Observatorium" angebracht, das erste seiner Art in Königsberg.
Die Anfänge des realen Elements im Unterricht sind überhaupt erst der pietistischen Richtung zu verdanken. So hatte Gehr (S. 23) zuerst in Königsberg Erdkunde und Geschichte als Lehrgegenstände eingeführt. In der Geographie gab es eine "Vorbereitungsklasse", in die Kant als Quartaner mit zehn Jahren, und eine "ordentliche", in die er 2½ Jahre später als Sekundaner eintrat; in Prima wurde dann anscheinend in der Geschichtsstunde das Ganze noch einmal wiederholt. Das für die Anstalt geltende Lehrbuch zeigt uns, worauf Wert gelegt wurde. Am eingehendsten ist die heimatliche Provinz behandelt. Die politische Geographie überwiegt durchaus, es werden zahlreiche Städtenamen, aber kein übersichtliches Bild eines Landes gegeben. Die Flüsse erfahren eine äußerst stiefmütterliche Behandlung; Gebirge werden außer den Alpen und dem Jura überhaupt nicht genannt. Die außereuropäischen Erdteile werden nur ganz oberflächlich beschrieben. Begreiflich genug, dass Kant später als Dozent eine so minderwertige gymnasiale Ausbildung durch seine geographischen Vorlesungen zu ergänzen suchte. Selbst der erdkundliche Lehrstoff wurde übrigens im Friedrichskollegium zum Lateinsprechen benutzt! Anzuerkennen dagegen ist, dass die Lehrpläne Veranschaulichung des Gelesenen oder Gehörten durch die Wandkarte, ja auch gelegentliche eigene Kartenzeichnungen der Schüler empfehlen. Auch die Hauptlehren der mathematischen Geographie werden nicht vergessen.