Kitabı oku: «Die Schiffe der Waidami», sayfa 8
„Guten Morgen, Cale.“ Jess drehte sich um und begegnete dem skeptischen Blick seines Freundes mit ruhiger Gelassenheit. „Ich weiß, du hast Fragen. Und ich bin auch bereit, diese zu beantworten – soweit ich kann, Cale. Aber ich bin mir selbst über einige Dinge nicht ganz im Klaren!“
„Ich will wissen, warum es ausgerechnet eine Frau ist, die wir jetzt an Bord haben. Auch wenn sie hundertmal vom Volk der Ka’anu ist. Vor allen Dingen würde ich gerne verstehen, warum du sie in dem Augenblick angeheuert hast, in dem du einen Blick auf ihr hübsches Gesicht geworfen hattest. War das unbedingt nötig? Wir waren in einem Hafen, du hättest nur in die nächste Spe …“
Ein Blick aus stahlharten Augen, die sich zu schmalen Schlitzen zusammenpressten, ließ Cale unvermittelt verstummen. In seiner Wut darüber, in den letzten Tagen von Jess ausgeschlossen worden zu sein, war er gerade eindeutig zu weit gegangen. Er sollte seinen Freund besser kennen. Verlegen räusperte er sich.
„Verzeih, ich bin zu weit gegangen.“
„Ich verstehe deine Zweifel.“ Jess nickte verständnisvoll und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich dir sage, dass ich selbst nicht weiß, warum ich sie angeheuert habe, wirst du mir kaum Glauben schenken.“
Cale sah ihn sprachlos an.
„Ich bin von ihr angezogen worden, als würde ich einem alten Ruf folgen, den ich schon vor langer Zeit vernommen habe. Es war wie eine Art Zauber, der von ihr ausging, noch bevor ich sie gesehen hatte. – Nicht im romantischen Sinne, versteht sich.“ Jess grinste schief auf seinen Freund herab, der sich inzwischen auf einen Stuhl gesetzt hatte. „Es schien mir, als gäbe es für mich keine andere Möglichkeit. Ich musste zu ihr gehen, und ich musste sie anheuern. Nenne es eine Art Vorbestimmung, ich selbst habe keinerlei Ahnung.“ Ratlos ließ er seine Arme sinken, bevor er fortfuhr. „In dem Augenblick, als ich sie berührte, ist mit mir irgendetwas passiert, Cale! Es war, als würde eine Mauer eingerissen, die schon zuvor bei meinen Eltern Risse bekommen hat.“ In knappen Worten, die nicht die Verwirrung dahinter verbergen konnten, schilderte er Cale von den Ereignissen bis hin zu dem Augenblick, wo sie ihn in dem verfallenen Haus gefunden hatten.
Cale schüttelte immer wieder verwirrt den Kopf.
„Was hat das alles zu bedeuten, Jess?“
„Wenn ich das nur selbst wüsste!“ Jess sah ihn ernst an. „Ich kann mich an mein ganzes Leben erinnern. Die Dinge, die vor meiner Verbindung mit der Monsoon Treasure liegen, sind nicht mehr länger vor mir verborgen. Ich kann mich sogar an meine Eltern und ihre Fürsorge erinnern.“ Seine Stimme wurde leise und tiefes Bedauern stand in sein Gesicht geschrieben. Dann richtete er einen flammenden Blick wieder auf Cale. „Was habe ich bisher getan, Cale? Mir ist, als würde ich alles plötzlich aus einem veränderten Blickwinkel sehen. Mein ganzes Leben bestand darin, für die Waidami Schiffe zu versenken, Menschen zu töten, ohne einen Gedanken an sie zu verschwenden! Jetzt empfinde ich plötzlich Mitleid für die Unschuldigen unter ihnen. – Warum geschehen ausgerechnet jetzt diese Dinge? Meine Erinnerungen verwirren mich und gleichzeitig bestätigen sie mich in der Entscheidung, dass wir uns von den Waidami trennen müssen. Zu viel haben sie mir angetan, zu viel Leid bringen sie wahllos über andere.“
Cale hörte voller Entsetzen den Schmerz in der Stimme seines Captains und sah die Qual in seinen Augen.
„Und immer wieder treffe ich in meinen Gedanken auf ein verdammtes Paar grüner Katzenaugen – als wollten sie mir etwas mitteilen.“ Jess brach abrupt ab. Er warf Cale einen raschen Blick zu und nickte in die Richtung der Tür.
„Herein!“
Langsam öffnete sich die Tür, und Lanea betrat zögernd den Raum.
*
Lanea ging mit entschlossenen Schritten auf die Tür der Kapitänskajüte zu. Zögernd blieb sie stehen, als sie die Stimmen dahinter vernahm. Sie atmete tief durch, hob die Hand, um zu klopfen und erstarrte, noch bevor ihre Finger das Holz berührten.
„Herein!“
Irritiert vernahm sie Jess Morgans Stimme und öffnete vorsichtig die Tür. Cale Stewart saß auf einem Stuhl und sah ihr ernst entgegen, während Jess Morgan mit dem Rücken zu den offenen Fenstern stand und ihr freundlich zunickte.
Als sie eintrat und die Tür hinter sich schloss, hatte sie das Gefühl als würde etwas gänzlich Fremdes in seinem Blick liegen. Es war völlig unmöglich, aber sie sah für einen flüchtigen Augenblick unter den unsichtbaren Schleier, der sein wahres Gesicht normalerweise verborgen hielt. Jess Morgan hatte sich schnell wieder im Griff, und seine Miene war ausdruckslos wie immer. Dann deutete er mit einer Hand zu einem freien Stuhl neben Cale.
„Setz dich, Lanea. Wir wollen direkt beginnen.“
Lanea hätte sich gerne den großzügigen Raum näher angesehen, doch sie traute sich nicht, ihren Blick abschweifen zu lassen. Eilig setzte sie sich und richtete ihr Augenmerk auf die Karten, die auf dem mächtigen Tisch lagen. Es war unverkennbar, dass es sich um die gleichen Karten handelte, die auch in ihrer Kabine lagen.
„Ich will mit dir über unsere Pläne sprechen und hoffe, dass du dich in den vergangenen Tagen mit dem Kartenmaterial auseinandergesetzt hast.“
Lanea nickte und beobachtete neugierig, wie Jess aus einem kleinen Schrank neben dem Tisch einen Lederband zog. Er stand auf der anderen Seite des Tisches, beugte sich leicht vor und legte den Band vor ihr auf dem Tisch ab.
„Weißt du, worum es sich hierbei handelt?“ Seine Stimme klang abwartend.
Lanea hatte eine dunkle Ahnung und griff bedächtig danach. Mit einem ehrfürchtigen Blick auf den Lederband, öffnete sie ihn und leckte sich dabei unbewusst über die Lippen, als sie einen Blick auf die Karten im Inneren warf.
„Es ist eine Derroterro, Captain!“ Lanea entging nicht, wie die beiden Männer einen Blick miteinander wechselten.
„Du kennst sie?“ Cale hatte die Frage an sie gerichtet und sich in seinem Stuhl vorgebeugt.
„Ja, ich …“ Lanea presste kurz die Lippen aufeinander. Bleib so dicht, wie es geht bei der Wahrheit, Lanea, schalt sie sich in Gedanken. „… meine Mutter hat mir davon erzählt, dass mein Vater so eine besessen hat, und sie ihm mehr bedeutete, als sein eigenes Leben.“ Im Stillen verfluchte sie sich. Ihr Zögern war nicht unbemerkt geblieben. Cale stand offenes Misstrauen ins Gesicht geschrieben, aber Jess Morgan betrachtete sie weiterhin mit völlig unbewegter Miene.
„Dann weißt du also auch um ihren Wert?“
Lanea nickte eifrig.
„Sie enthält sämtliche Karten, auf denen die spanischen Routen eingezeichnet sind, und …“ jetzt fühlte sie sich selbstsicher und schaute beide Männer herausfordernd an. „Sie gibt detaillierte Angaben über Abfahrt und Route der sagenumwobenen Silberflotte, die zweimal im Jahr von Südamerika nach Spanien segelt, voll beladen mit den Reichtümern der Gold- und Silberminen aus der Neuen Welt.“ Sie schloss zufrieden mit sich selbst und lehnte sich, zum ersten Mal wirklich entspannt in der Gegenwart von Jess Morgan in ihrem Stuhl zurück.
„Gut, ich bin beeindruckt.“ Jess nickte ihr anerkennend zu, und auch Cale sah beeindruckt aus.
„Ich gehe davon aus, dass dir auch bewusst ist, was wir damit vorhaben.“ Jess schlenderte langsam um den Tisch herum und blieb direkt hinter Lanea und Cale stehen. Seine unmittelbare Nähe verunsicherte Lanea erneut. Unbewusst hielt sie den Atem an, als sie sich auf die Fragestellung konzentrierte.
„Wir greifen die Silberflotte an?“ Unsicher sah sie zu Cale Stewart neben sich und sog zischend die Luft ein, als sie seinem breiten Grinsen begegnete.
„Die Silberflotte wird von einer Armada begleitet. Das ist unmöglich!“
„Hmm …“ ein überheblicher Zug bildete sich um Jess Morgans Mundwinkel. „Unmöglich ist es nur, dem Tod auf Ewigkeit zu entgehen. Wir werden die Silberflotte nicht offen angreifen.“ Jess beugte sich zwischen Cale und Lanea vor. Unbemerkt streifte er dabei Laneas Arm, die zurückzuckte, als hätte sie sich verbrannt. Der Pirat fuhr mit seiner sehnigen Hand über eine unsichtbare Linie auf der großen Übersichtskarte.
„Hier werden wir nach einer geeigneten Stelle suchen, an der wir vereinzelte Schatzschiffe von der Gruppe abspalten können!“
Lanea folgte fasziniert dem Weg seiner Hand und versteifte sich, als er diese ihr kurz auf die Schulter legte. Sofort schnellte ihr Herzschlag nach oben, und Jess zog seine Hand mit einem anzüglichen Grinsen zurück.
„Wir werden in der nächsten Zeit in diesen Gewässern kreuzen, um uns mit dem Gebiet vertraut zu machen. Du solltest die Karten studieren, damit du blind den Kurs bestimmen kannst, den wir von dir fordern.“
Lanea beruhigte sich wieder. Hier würde sie ohne Probleme beweisen können, dass man ihr vertrauen konnte. Sie stand halb auf und griff nach den Karten. Zielsicher zog sie eine Karte aus dem Stapel hervor, die einen bestimmten Ausschnitt zeigte. Sie legte sie bedächtig auf die große Übersichtskarte und deutete auf einen kleinen Punkt, dann legte sie die andere Hand auf den entsprechenden Ausschnitt der kleineren Karte.
„Hier befindet sich ein großes Barriere-Riff. Wenn es uns hier gelingt, zum richtigen Augenblick einige Schiffe auf die „falsche“ Seite zu treiben, können die armierten Schiffe nicht mehr einfach über das Riff segeln. Sie müssen es erst umsegeln!“ Die restliche Anspannung fiel von ihr ab, als sie sah, wie Jess sie zustimmend ansah.
Cale lachte und erhob sich, um drei Becher mit Wein zu füllen, die er dann an Lanea und Jess reichte. Er hob seinen Becher zum Gruß und verbeugte sich leicht in Laneas Richtung.
„Mir scheint, wir haben mit unserem Navigator eine gute Wahl getroffen, Captain.“
*
Nachdem sie die Karten noch einmal gemeinsam gesichtet hatten, verließ Lanea die Kajüte. Cale saß seinem Captain an dem großen Tisch gegenüber und wartete bis ihre Schritte verklungen waren.
„Traust du ihr?“, fragte er knapp.
„Sie hat uns angelogen. Beantwortet das deine Frage?“, antwortete Jess ebenso knapp.
Cale verdrehte die Augen und goss von dem Wein nach. Einen Augenblick überlegte er, dann setzte er den Becher an den Mund und trank in bedächtigen Schlucken. Er schüttelte den Kopf und stellte das Gefäß hart ab.
„Was hast du vor? Meinst du, sie plant Verrat oder verheimlicht sie uns aus anderen Gründen etwas?“
„Sie hat uns belogen, was ihre Herkunft betrifft.“ Jess betrachtete nachdenklich seinen Freund und begann, unbewusst mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln.
„Ich denke, dass sie eine Verräterin ist. Meiner Meinung nach, und da bin ich mir sehr sicher, ist sie eine Schiffshalterin der Waidami.“ Seine Finger stoppten ihren Tanz auf der Tischplatte, und er breitete sie beruhigend aus.
„Ihre Strömung ist wie ein unterschwellig brodelnder Vulkan. Sie strahlt eine permanente Aufregung aus, die mal mehr, mal weniger ausgeprägt ist. Manchmal ist sie so stark, dass ich sie über das ganze Schiff spüren kann. Seitdem wir die Nuestra Senora di Hispaniola versenkt haben, haben wir keine Positionen mehr übermittelt. Bisher hat kein Captain der Waidami länger als ein paar Monate überlebt, wenn er sich dazu entschlossen hatte, auf eigene Rechnung zu kapern.“ Jess Augen wurden immer heller und nahmen einen arktischen Ton an, als er weitersprach. „Die Seher haben sie als Spion geschickt, und wenn sie erst einmal damit beginnt, unsere Positionen zu übermitteln, hängen wir wie eine Fliege im Spinnennetz der Waidami.“
„Wir sollten sie sofort über Bord werfen und gar kein Risiko eingehen.“
„Nein, Cale. Sei nicht voreilig. Ich kann spüren, dass sie sich selbst nicht sicher ist, ob sie uns verraten soll. Wir werden sie im Auge behalten. Wenn sie sich als vertrauenswürdig erweist, wäre sie mit ihren navigatorischen Fähigkeiten auf jeden Fall ein Gewinn für unsere Crew.“
„Die Konfrontation ist nicht zu vermeiden, Jess. Selbst wenn Lanea sich uns anschließt, werden wir den Waidami nicht ewig davon segeln können. Das weißt du genau.“
„Nein, sicher nicht. Aber darüber werden wir uns nach dem Angriff auf die Silberflotte Gedanken machen. Ich denke, dass die Waidami uns nicht vorschnell angreifen werden. Sie werden warten, bis sie sicher sind.“
„Ich hoffe, du hast wie immer Recht, Jess. Soll ich die Männer über Lanea einweihen?“
„Nein, ich werde sie persönlich überwachen.“
*
Lanea presste sich vollkommen verängstigt in eine Felsspalte. Um sie herum herrschte dichter, undurchdringlicher Nebel. Plötzlich zerteilte sich dieser, und Jess Morgan trat heraus. Seine Augen waren wie blind und in seinem Gesicht lag blanke Mordgier, als er seinen Blick auf Lanea richtete.
Schweißgebadet schreckte Lanea aus ihrer Koje hoch und starrte mit weit aufgerissenen Augen durch ihre kleine Kabine. Ihr Atem ging schnell, und das Herz schlug bis zu ihrem Hals. Zögernd hob sie ihre Hände und massierte sich die feuchte Stirn. Die Bilder aus ihrem Alptraum waren wie fortgewischt und hatten nur dieses dumpfe Gefühl des Entsetzens hinterlassen, das wie ein Echo in ihr nachhallte.
Langsam beruhigte sich ihr Atem. Lanea seufzte schwer. Seit sie vor ein paar Wochen an Bord der Monsoon Treasure gelangt war, hatten sie immer wieder Alpträume geplagt. Meist konnte sie sich danach an nichts mehr erinnern. Ganz selten jedoch bekam sie ein Bild zu fassen, das sie mit in die Wirklichkeit nahm. Und immer waren es Bilder von Jess Morgan. Lanea schüttelte unwillig den Kopf und ärgerte sich über sich selbst. Dieser Mann brachte sie vollkommen aus der Fassung und beherrschte anscheinend nun auch bereits ihre Träume.
Er ist ein Pirat, Lanea, erinnerte sie sich. Es wurde wirklich langsam Zeit, die Position der Monsoon Treasure an die Waidami weiterzugeben. Sie kreuzten jetzt schon seit gut zwei Wochen durch die Gewässer rund um das Barriere-Riff. Aber Jess Morgan schien noch nicht die Stelle gefunden zu haben, die er für sein Vorhaben suchte.
Laneas Gedanken kehrten zu den Waidami zurück, die sicherlich schon ungeduldig auf ein Zeichen von ihr warteten. Sie seufzte erneut. Wenn er doch bloß dem Bild des grausamen Piraten entsprechen würde, das sie von ihm gehabt hatte. Wenn er doch bloß nicht so attraktiv wäre. Lanea wurde rot bei dem Gedanken daran, dass er ihre Strömungen spürte und damit immer so ziemlich genau wusste, was sie gerade empfand. Sie musste dringend lernen, sich besser im Griff zu haben.
Lanea stand ärgerlich schnaubend auf und ging zu einer kleinen Waschschüssel, die sie sich bereits am Vorabend mit Wasser gefüllt hatte. Langsam ließ sie ihre Finger in die erfrischende Kühle des Wassers tauchen und senkte ihren Kopf darüber. Nachdenklich betrachtete sie ihr leicht verzerrtes Gesicht in der Wasserspiegelung. Sie runzelte die Stirn, als ihr bewusste wurde, dass ihre Gedanken schon wieder von den Waidami und ihrem Auftrag abgeschweift waren und zu Jess Morgan wanderten. Sie konnte sich nicht eingestehen, dass sie versuchte, den Augenblick hinauszuzögern, an dem sie das verräterische Pulver in das Wasser streuen würde. Aber sie konnte sich ja auch immer noch nicht sicher sein, ob er jetzt ein Verräter war oder nicht. Schließlich war der Überfall auf die Silberflotte für die Waidami von Vorteil, – wenn er dann seine Beute auch teilte.
Ein plötzlicher Schrei von Deck ließ sie hochfahren. Beinahe hätte sie die Waschschüssel umgeworfen. Lanea fluchte leise. Sie hatte den Ruf nicht genau verstanden, aber es schien, als hätte der Ausguck ein Schiff ausgemacht. Sie wirbelte auf dem Ansatz herum und griff nach ihrer Kleidung. Eilig zog sie sich das Hemd über und schlüpfte in Hose und Stiefel. Sie verzichtete darauf, ihre Haare noch zu einem Zopf zu flechten, sondern rannte mit wehender Mähne auf das Achterdeck.
Jess Morgan und Cale Stewart standen bereits dort, und Jess setzte gerade das Spektiv ab.
„Sie liegt ziemlich tief im Wasser.“
„Und sie hat uns ebenfalls bemerkt, Jess. Sie setzen gerade alle verfügbaren Segel und drehen ab.“ Cale setzte ebenfalls sein Spektiv ab und nickte Lanea kurz grüßend zu.
„Hmm, es scheint fast so, als legten sie keinen Wert auf eine nähere Bekanntschaft mit uns.“ Jess grinste und sah Lanea an.
„Eine Karavelle mit erheblichem Tiefgang, die uns nicht treffen möchte. Was meinst du, Lanea, sollen wir uns das Schiff mal genauer ansehen?“
Lanea schluckte schwer und griff nach dem Spektiv, das Jess ihr reichte. Mit einer Hand wischte sie ihr Haar aus dem Gesicht, das von einer kräftigen Brise umhergewirbelt wurde. Jetzt ärgerte sie sich darüber, dass sie sich vorhin nicht die Zeit genommen hatte, sie wenigstens mit einem Band zusammenzuhalten. Der Wind machte es ihr fast unmöglich, einen Blick durch das Fernrohr zu werfen. Immer wieder verdeckten ihre Haare die Linse. Die beiden Männer wechselten einen amüsierten Blick.
„Darf ich?“ Jess lächelte sie spöttisch an und griff sanft in Laneas Haare, um sie in ihrem Nacken zusammenzuhalten. Eine Hitzewelle verbrannte ihre Wangen, und Lanea murmelte unverständlich vor sich hin, als sie endlich durch das Fernrohr blickte. Sie zwang sich, ihre Gedanken auf das fremde Schiff zu richten und nicht auf die Hand in ihrem Nacken, von der eine eindringliche Präsenz ausging.
Das Schiff lag tatsächlich ziemlich tief im Wasser, was auf eine volle Beladung hindeutete. Es steuerte gerade auf die Spitze einer Landzunge zu, die sich von der Insel, neben der sich beide Schiffe befanden, ins Meer streckte.
„Sie steuern die Landzunge an, damit sie dahinter außer Sichtweite geraten.“ Sie nahm das Spektiv herunter und spürte dankbar, wie sich die Hand aus ihrem Nacken löste, und die Haare wieder um ihr Gesicht tanzten. „Wir sollten sie uns ansehen, ja!“ Lanea nickte erregt. Jetzt würde sie endlich Gelegenheit erhalten, zu sehen, wie diese Piraten wirklich waren. Wie sie sich im Kampf verhielten und mit ihren Opfern umgingen. Sie hoffte, dass er ihr danach leichter fallen würde, sie an die Waidami zu verraten.
„Also gut, nehmen wir die Verfolgung auf. – Cale!“ Jess nickte Lanea zustimmend zu, während Cale bereits mit klarer Stimme Befehle über Deck rief. Lanea beobachtete wieder voller Faszination, wie die eingespielten Männer innerhalb kürzester Zeit alle restlichen Segel setzten. Die Monsoon Treasure segelte nun hoch am Wind. Lanea kam es vor, als würde sie über die Wellen fliegen, während sie ebenfalls auf die Landzunge zuhielten. Das fremde Schiff hatte diese bereits umrundet und verschwand gerade hinter einer Bergformation, die die Insel überragte. Sie spürte, wie die Aufregung in ihr wuchs und erkannte, dass es eine Art Jagdtrieb war, der von ihr Besitz ergriffen hatte. Überrascht bemerkte sie, dass sie noch immer das Spektiv in Händen hielt und wollte es Jess zurückreichen. Doch sie erstarrte in der Bewegung, als sie sich ihm zuwandte. Sein Gesicht war völlig abwesend auf das Meer gerichtet. Seine Hände hatten sich locker um das Holz der Reling gelegt, und Jess‘ Atem ging tief, als würde er schlafen. Schaudernd erinnerte sich Lanea an die Begegnung auf dem Vordeck, als sie gerade den dritten Tag an Bord gewesen war. Sie hatte am eigenen Leib erfahren, wie er mit seinen Sinnen in das Meer abtauchte, und sie fragte sich, was er wohl gerade sah.
„Er sucht nach dem Schiffsrumpf. Sie haben keine Chance uns abzuhängen. Die Karavelle ist viel zu schwerfällig.“ Cale Stewart trat neben sie. Die Monsoon Treasure umsegelte nun ebenfalls die Landzunge, aber von der Karavelle fehlte bereits jede Spur. Die Küste der Insel streckte sich in sanften Bögen vor ihnen aus. Nicht weit voraus öffnete sich eine breite Bucht, die nicht ganz einsehbar war, da eine vorgelagerte Felseninsel den Blick darauf verwehrte.
Cale warf einen kurzen Blick auf Jess, der jedoch keinerlei Reaktion zeigte. Dann wandte er sich ab und gab Befehl, um die Felseninsel zu umsegeln.
„Sie versuchen, sich tatsächlich zu verbergen.“ Cale schmunzelte leicht und verfolgte wachsam, wie die Treasure in die Bucht hinein segelte.
Lanea ließ ihre Blicke abwechselnd zwischen Jess Morgan und der Insel hin- und herwandern. Die Insel war wirklich groß und ein recht breiter Flusslauf mündete in die Bucht. Die Treasure lag gerade auf gleicher Höhe mit der Flussmündung, als ein lauter Befehl von Jess Morgan Lanea herumfahren ließ, der urplötzlich zur Balustrade rannte und seine Stimme über Deck schallen ließ.
„Klar zum Beidrehen! – Fier auf die Großschot!“ Ein zufriedener Ausdruck lag auf seinem Gesicht, als er Cale ansah.
„Sie sind den Fluss hinauf gesegelt. Ich kann spüren, wie der Schiffsrumpf die Strömung des Flusses stört.“ Jess griff erneut nach der Reling und tauchte wieder mit seinen Sinnen ab, um nach dem Schiff zu forschen. Es dauerte nur wenige Augenblicke, aber die Anspannung in Lanea steigerte sich ins Unerträgliche. Sie zuckte leicht zusammen, als sie unvermittelt den Blick seiner Augen auf sich ruhen sah. Der eisige Ton, der so oft darin lag, war für einen flüchtigen Moment einem tiefen Blau gewichen. Als er blinzelte, war dieser Moment vorbei. Der eisblaue Ton kehrte zurück und brachte sein Bewusstsein mit sich.
„Cale!“
„Aye, Captain?“ Der 1. Maat sah seinen Captain abwartend an.
„Wir ankern hier! - Sie liegen quer hinter einer Flussbiegung. Ich werde mit ein paar Männern an Land gehen, und wir werden die Karavelle von dort aus entern. Gib uns einen halben Tag Vorsprung, dann kommst du mit der Treasure nach.“
„Aye, aye, Captain.“ Cale nickte und eilte mit großen Schritten auf das Hauptdeck, um unverzüglich die Männer für das Unternehmen einzuteilen.
Lanea sah ihm nach und war sich unsicher, was sie tun sollte. Sie warf einen kurzen Blick auf ihren Captain, der sie flüchtig ansah und dann ebenfalls das Achterdeck verließ.
Das erste Beiboot wurde bereits zu Wasser gelassen. Lanea straffte ihre Schultern. Entschlossen lief sie in ihre Kabine und griff dort nach ihrem Schwert, das sie sich mit zitternden Fingern umgürtete. Dann band sie ihr Haar zu einem einfachen Zopf im Nacken zusammen. Lanea beeilte sich und hoffte inbrünstig, dass Jess Morgan nichts dagegen einzuwenden hatte, dass sie sich dem Landungstrupp anschließen wollte.
Als sie ihre Kabine verlassen wollte, blieb sie kurz im Rahmen der Tür stehen, atmete ein paar Mal tief durch und ging dann entschlossen an Deck.
Jess Morgan stand bereits wartend neben Cale Stewart an der Reling. Um seinen Oberkörper trug er zwei gekreuzte breite Ledergürtel. Als er sich umdrehte sah Lanea überrascht, dass er auf diese ungewöhnliche Art zwei Schwerter auf seinem Rücken trug. Jeder der Männer, die mit an Land gehen würden, war inzwischen bis an die Zähne bewaffnet. Unbewusst tastete Lanea nach dem Griff ihres Schwertes. Das kühle Metall verströmte eine beruhigende Wirkung. Mit diesem Gefühl ging Lanea mit festen Schritten auf Jess zu. Beide Männer sahen sie überrascht an, als sie dazu trat.
„Ich möchte mitkommen, Captain.“ Sie sah ihm gerade in die Augen und ignorierte den erstaunten Blickwechsel zwischen Jess und seinem 1. Maat.
„Kannst du mit deinem Schwert auch umgehen, Lanea?“ Jess deutete mit der Hand auf ihren Gürtel.
„Jemand in meinem Dorf hat mit mir geübt. Ich denke, es wird ausreichend sein.“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, denn sie wollte um jeden Preis dem Trupp angehören, der das Schiff entern sollte.
Die Augen von Jess verengten sich skeptisch, doch dann nickte er.
„Warum nicht? Du darfst mit.“ Jess musterte sie prüfend, und hielt sie kurz zurück, als sie sich sofort umwendete, um in das Beiboot ab zu entern, das längsseits der Treasure wartete.
„Wenn es zum Kampf kommt, bleib in meiner Nähe.“
„Aye, aye, Captain!“ Lanea beeilte sich zu nicken, denn sie hatte Angst, dass er es sich sonst noch einmal anders überlegen konnte. Als er sich wieder zu Cale umdrehte, kletterte sie eilig in das Beiboot.
Es dauerte nicht lange und der Landungstrupp besetzte zwei Boote, die unverzüglich ablegten und zielstrebig auf den nahen Strand zu hielten. Lanea saß zwischen Sam und Finnegan, die beide voller Ungeduld, aber im gleichmäßigen Takt der anderen Ruderer, die Riemen durch das türkisfarbene Wasser zogen. Keiner der Männer an Bord sprach ein Wort, und die Anspannung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Als sie auf Grund trafen, stapften sie mit schweren Schritten an Land und zogen das Boot so weit auf den feinkörnigen Strand, das es davor sicher war, von vorwitzigen Wellen mitgezogen zu werden. Jess Morgan stand an vorderster Stelle, drehte sich suchend nach ihr um und winkte ihr dann zu.
„Du bleibst direkt hinter mir.“ Sein Blick war nicht zu deuten. Lanea war sich nicht sicher, ob er diesen Befehl gab, weil er sie schützen wollte oder weil er ihr noch nicht traute. Doch sie zögerte nicht und reihte sich direkt hinter seiner großen Gestalt ein. Jess zog mit einer beeindruckend geschmeidigen Bewegung ein Schwert aus dem Gürtel und begann mit gleichmäßigen und kraftvollen Schlägen, eine Bresche in das scheinbar undurchdringliche Dickicht zu treiben. Ohne weitere Zeit zu verlieren, schlossen sich die Männer ihrem Captain an. Schon nach wenigen Augenblicken legte sich die feuchte Luft schwer auf ihren Atem. Innerhalb kürzester Zeit war jeder von ihnen schweißgebadet. Die Pflanzen bildeten einen Wall, der ihre Sicht behinderte und Geräusche verschlang, als wären sie vollkommen alleine auf der Insel. Die Vielfältigkeit der sie umgebenden Pflanzen- und Tierwelt schrumpfte mit jedem Augenblick zu einer tödlichen Eintönigkeit zusammen, in der Lanea nur noch die grüne Wand um sich herum wahrnahm und den Blick für alles andere verlor. Einer nach dem anderen löste Jess Morgan an der Spitze ab, um den nicht enden wollenden Kampf gegen die Pflanzen zu führen. Der Weg schien endlos, den sie durch die Pflanzen nahmen. Finnegan, der im Moment vor ihnen ging, blieb schweratmend stehen und stützte seine Hände auf den mächtigen Oberschenkeln ab. Seine Muskeln zitterten. Lanea war im Stillen dankbar dafür, dass niemand von ihr erwartete, die Spitze zu übernehmen. Für einen Augenblick blieben sie alle stehen und sahen sich um. Sie waren eine geraume Weile in einer geraden Linie gen Süden gezogen bis Jess einen leichten Bogen geschlagen hatte, als würden sie ein unsichtbares Hindernis umgehen. Immer wieder hatte er kurz gehalten und die Augen geschlossen, als würde er in seinem Inneren nach irgendetwas suchen. Dann hatte er zielstrebig seinen Weg fortgesetzt.
Lanea hoffte, dass sie bald ihr Ziel erreicht haben würden. Vor ihr legte Jess Finnegan die Hand auf die Schulter und löste ihn dann wieder an der Spitze ab. Erneut begann er mit unglaublicher Ausdauer, die Pflanzen aus dem Weg zu schlagen. Lanea fiel in einen Schritt, in dem sie automatisch einen Fuß vor den anderen setzte. Unbewusst richtete sie ihren Blick auf seinen breiten Rücken. Ihre Aufmerksamkeit verfing sich fasziniert in dem Spiel seiner Muskeln, die sich deutlich bei jedem Hieb unter dem an seinem Oberkörper klebenden Hemd abzeichneten. Lanea schrak aus ihrer Betrachtung hoch, als Jess unvermittelt stehen blieb und sich leicht zu ihnen umdrehte. Er hatte zwei Finger an seine Lippen gehoben und gebot ihnen, sich nicht mehr zu bewegen.
„Zwei Männer, ich denke eine Art Spähtrupp.“ Jess flüsterte und sah seine Männer warnend an. „Ihr wartet.“
Vollkommen lautlos steckte er sein Schwert zurück in den Gürtel auf seinem Rücken und schob sich geschmeidig zwischen die Pflanzen. Als sich die Blätter hinter ihm schlossen, kam es Lanea vor, als wäre er ansatzlos vom Dschungel verschlungen worden; als hätte es ihn nie gegeben. Kein Rascheln, kein Laut deutete darauf hin, dass er sich durch den Dschungel bewegte. Lanea runzelte die Stirn und konzentrierte sich darauf, irgendetwas zu hören, was nicht in die Umgebung gehörte, doch der Dschungel schwieg. Nur die Geräusche, die sie bisher begleitet hatten, drangen an ihre Ohren. Lanea seufzte und starrte dumpf auf die dicken, glänzenden Blätter vor sich. Sie schimmerten feucht, und Lanea wischte ungeduldig daran herum, während die Zeit quälend langsam und ereignislos verstrich. Plötzlich teilten sich die Pflanzen direkt vor ihr, und Jess Morgan erschien wie aus dem Nichts. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Ihr rechter Fuß blieb dabei an einer Wurzel hängen und Lanea fiel rücklings zu Boden. Laut zeternd flog eine kleine Schar von grünen Papageien auf, als Zweige knackten und Blätter raschelten und die Augenpaare von zwölf Männern sich vorwurfsvoll auf Lanea richteten.
„Gut, dass es keine Wache mehr gibt, die Alarm schlagen kann!“ Jess Morgan blickte leicht tadelnd auf die völlig entsetzte junge Frau herab. Dann reichte er ihr zuvorkommend die Hand, die sie zögerlich ergriff und zog sie hoch. Da er keinen Schritt zurück machte, kam Lanea so dicht vor ihm zu stehen, dass sein warmer Atem über ihr Gesicht streichelte. Verlegen spürte sie, wie eine Hitzewelle ihr Gesicht überflutete und ihr Herz schneller zu schlagen begann. Laneas Blick flatterte unruhig umher, unfähig ihn aus dieser Nähe so direkt anzuschauen.
Die Augen von Jess Morgan verengten sich ein wenig. Seine Mundwinkel umspielten ein freches Lächeln, als er vorsichtig seine Hand aus ihrem Griff löste.
„Können wir dann weiter?“
Lanea holte tief Luft, als ihr auffiel, dass sie mal wieder unbewusst den Atem angehalten hatte und schaute beschämt auf die Männer hinter sich. Die Versuche von Jintel und den anderen, sich unbeteiligt zu geben, machten es nur noch schlimmer. Laneas Blick blieb an Jintel hängen, der sich intensiv mit Finnegan über eine Blume zu unterhalten schien, während hinter ihnen Sam fest die Lippen aufeinander presste und Laneas Blicken auswich. Kadmi betrachtete seine Stiefelspitzen, als gäbe es nichts Interessanteres in der Umgebung. Lanea stöhnte innerlich und griff in ihre Haare, die sich teilweise aus dem Zopf gelöst hatten und sich nun in klebrigen Strähnen um ihr Gesicht wanden. Stumm nickte sie Jess zu, der ihr abwartend gegenüber stand. Dann endlich machte er einen Schritt zur Seite und begann erneut, einen Weg freizuschlagen. Lanea folgte ihm schweigend und konzentrierte sich darauf, ihre Gedanken von dem peinlichen Schauspiel zu lösen. Die Männer waren unmissverständlich Zeugen davon geworden, was Jess Morgan für eine Wirkung auf sie hatte. Ärgerlich murmelte sie vor sich hin und hing ihren Gedanken nach. Er hatte es ganz bewusst provoziert. Jess Morgan trieb seine Spielchen mit ihr und genoss es ganz offensichtlich in vollen Zügen, sie aus der Fassung zu bringen. Das musste sich ändern.


