Kitabı oku: «Die Schiffe der Waidami», sayfa 7
Zuerst wechselten sich die Bilder in rascher Folge ab, bis sie in einen langsamen und gleichmäßigen Fluss übergingen. Bilder von einem kleinen Jungen inmitten einer Familie: Sein Vater, dem er erst vor kurzem begegnet war, um viele Jahre jünger in einer innigen Umarmung mit seiner Mutter, die ihn liebevoll betrachtete. Jess durchströmten die schmerzhaften Empfindungen, die er gespürt hatte, als man ihn entführt und zu den Waidami gebrachte hatte. Er erlebte erneut die Jahre bei den Waidami voller Demütigung und Schmerz, traf auf einen Mann mit smaragdgrünen Augen, der ihm Zuneigung entgegengebracht hatte und ihn heimlich an einem Strand unterrichtete, durchlebte den Schmerz bei der Zeremonie der Tätowierung. Die Bilder beschrieben einen Kreis und begannen von vorne, bis die Erinnerungen und Gefühle aus seinem Leben als normaler Mensch auf die Erinnerungen des Piraten trafen und sich zu einem Ganzen zusammenschlossen. Sein Leben war komplett und wies keinerlei Lücken mehr auf.
Die Träume zogen sich zurück und hinterließen nur noch das Bild von zwei katzenhaften, grünen Augen, die auf ihn hinab starrten. Jess riss seine Augen auf und fühlte eisige Kälte, als er in eben diese Augen über sich starrte. Mit einem Satz sprang er auf und wollte sich auf die Gestalt stürzen, als ihn ein Ruf zurückhielt: “Jess, nein, das ist Lanea!“
Cale Stewart schob sich zwischen ihn und die rothaarige Frau, die ihn irritiert ansah und ihre Hände abwehrend nach vorne richtete. Verwirrt sah Jess zwischen Lanea und seinem Freund hin und her.
„Wie habt ihr mich gefunden?“ Seine Stimme klang rau, und er bemühte sich, nicht auf die grünen Augen von Lanea zu starren.
„Heute Morgen kam ein bezahlter Bote zur Treasure, der uns zu diesem Haus führte. Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet.“ Cale sah sich neugierig um. „Was machst du hier?“
Jess Morgan runzelte die Stirn und betrachte Cale zurückhaltend. Dieser begegnete dem Blick und nickte dann.
„Wir kehren zur Treasure zurück und laufen heute noch aus.“ Jess verließ seinen Leuten voran das Haus, während sich seine Gedanken um ein Paar grüner Augen drehten.
*
Lanea stand auf dem Vordeck der Monsoon Treasure. Dies war ihr dritter Tag an Bord und nach der ersten rätselhaften Begegnung mit Captain Jess Morgan hatte sie kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Nachdem sie ihn in diesem schäbigen Haus gefunden hatten, waren sie sofort ausgelaufen. Sie segelten scheinbar ziellos durch die Gewässer, und sie hatte erst heute Morgen zum ersten Mal einen Kurs bestimmen dürfen. Nun gut, sie hatte damit gerechnet, dass es dauern würde, sich das Vertrauen der Piraten zu erwerben.
Lanea ließ ihren Blick über den Bugspriet hinweg in das Meer gleiten. Das Schiff wälzte sich durch dicke, bleigraue Wellen. Der Wind hatte seit dem Morgen stetig zugenommen und wechselte oft unvermittelt die Richtung. So gut es ging, hielt die Crew die Monsoon Treasure hoch am Wind. Die Segel waren bis zum Zerreißen gespannt und sackten dann plötzlich in sich zusammen, als der Wind drehte. Doch die Mannschaft war ein eingespieltes Team. Es bedurfte nur weniger Augenblicke, die Taue schlugen knatternd gegen die Masten, und das Tuch flatterte kurz im Wind, bevor es sich wieder blähte und den Wind einfing.
Von Cale Stewart hatte Lanea erfahren, dass die gesamte Mannschaft seit gut fünfzehn Jahren zusammen segelte. Sie verstanden sich ohne Worte. Während der Segelmanöver schallten kaum Befehle über Deck. Jeder einzelne Mann schien genau zu wissen, was er zu tun hatte, und jeder Handgriff saß und passte perfekt in das Gefüge.
Die Monsoon Treasure tanzte wild auf den Wellen und schlingerte hin und her, wenn der Wind sie wieder neckte. Lanea hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest. Ihr Gesicht hielt sie in den Wind und spürte ein wunderbares Gefühl voller Tatendrang. Dann richtete sie ihr Augenmerk auf das Achterdeck, auf dem Jess Morgan und Cale Stewart dicht beieinanderstanden und sich unterhielten.
Er war einfach faszinierend, mit welcher Sicherheit der Captain auf den Planken stand. Während jeder der Mannschaft bei den unvermittelten Schlingerbewegungen des Schiffes schwankte oder sich einen Halt suchen musste, stand er wie ein Fels in der Brandung. Jess Morgan verlagerte immer im richtigen Augenblick kurz sein Gewicht, um dem Schlingern des Schiffes entgegen zu wirken. Es war ganz und gar sein Parkett, sein Tanz. Er schien jede plötzliche Bewegung vorauszusehen und nahm sie mit einer gleitenden Bewegung in Empfang und in seinen Körper auf.
Lanea ertappte sich dabei, wie sie sich wieder in der heimlichen Beobachtung des Mannes verlor. Er berührte oft, wie zufällig, das Schiff, wie man es meist mit Menschen tat, denen man auf besonderer Weise zugetan war. Sie versuchte, einen Blick auf seine faszinierenden Augen zu werfen und erschrak, als es ihr unvermittelt gelang. Ihr Mund wurde plötzlich trocken. Beschämt schlug sie die Augen nieder, als seine Augen den ihren begegneten. Jess sagte etwas zu seinem Ersten Maat und lenkte seine Schritte zielstrebig in ihre Richtung.
Lanea schluckte. Ihre Brust presste sich auf unangenehme Weise zusammen. Er kam tatsächlich auf sie zu. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft hinter ihrer Stirn. Sicher wusste er genau, warum sie hier war: Dass sie Verrat plante, kaum dass sie ihren Fuß auf die Planken gesetzt hatte; dass sie eigentlich jedem Piraten Verachtung entgegenbrachte und sie der Meinung war, dass sie alle durchaus mehr als den Tod verdient hatten.
Lanea runzelte die Stirn. Dieses ursprüngliche Urteil von ihr war aber bereits nach den wenigen Tagen hier nicht mehr ganz so einfach. Hinter den namenlosen Piraten standen nun plötzlich Gesichter voller Leben und Geschichte. Sie war bei der Vorstellung durch Cale sehr freundlich aufgenommen worden, und die Männer waren ihr tatsächlich auf Anhieb sympathisch gewesen. Sie waren zwar allesamt raue Kerle, aber nicht die gefühllosen Mörder und Verbrecher, die sie erwartet hatte.
Unbehaglich wurde Lanea bewusst, dass Jess Morgan bereits auf dem Niedergang war. Ihr Herz schlug schneller, stolperte und fiel, rappelte sich mühsam auf und schlug eilig weiter. Verzweifelt konzentrierte Lanea ihren Blick wieder auf das Meer, um sich zu beruhigen.
Der Bug der Treasure tanzte gerade eine hohe Welle hinauf, stürzte sich auf deren Kamm kopfüber in das folgende Tal, um dort spritzend in das aufgewühlte Wasser einzutauchen, bevor sie sich an die nächste Welle begab.
Lanea spürte dankbar die erfrischende Kühle der Gischt in ihrem Gesicht, als sie sich bereits wieder verspannte.
„Hast du dich eingelebt, Lanea?“ Seine Stimme erklang direkt hinter ihr.
Warum hatte sie nicht bemerkt, dass er bereits so dicht an sie herangetreten war? Langsam wandte sie ihm ihr Gesicht zu.
„So weit, Captain.“ Sein forschender Blick ruhte auf ihr, und sein Mund verzog sich zu einem selbstgefälligen Lächeln, als er ihre Unsicherheit bemerkte. Jess Morgan trat neben Lanea und umfasste mit seinen sehnigen Händen die Reling direkt neben den ihren. Schweigend betrachtete Lanea die ungestümen Wellen und dachte fieberhaft darüber nach, was sie sagen könnte, als sie erneut seine dunkle Stimme vernahm.
„Was treibt eine junge Frau wie dich auf ein Piratenschiff?“ Jess hatte fragend eine Augenbraue gehoben und musterte sie beiläufig von der Seite. Doch Lanea war klar, dass die Antwort auf diese Frage nicht wirklich unbedeutend war. Sie hatte mit einer Frage dieser Art gerechnet und hoffte, dass ihre Antwort plausibel klang.
„Ich bin ein Mischling. Meine Mutter stammt aus dem Volk der Ka’anu, und mein Vater ist ein spanischer Seefahrer, der nie zu meiner Mutter zurückgekehrt ist. Das Volk meiner Mutter hatte nur Verachtung für sie übrig und duldete sie und mich, ihren kleinen Bastard, nur …“ Lanea bemühte sich, ihrer Stimme einen bitteren Klang zu verleihen und war selbst überrascht, wie leicht ihr die Lüge über die Lippen ging. Ihr Vater hatte ihr eingeprägt, bei jeder Lüge so dicht wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Genau das tat sie jetzt. Innere Ruhe überkam sie und machte sie selbstsicher. „Meine Mutter hatte keine andere Wahl, als in ihrem Dorf zu bleiben. Sie wusste nicht, wo sie sonst hingehen sollte, aber ich konnte die ständigen Demütigungen und die Verachtung nicht länger ertragen. Ich hatte nie wirklich einen Platz in dieser Gemeinschaft und habe dann beschlossen, die besonderen Fähigkeiten, die ich von meinen Vorfahren geerbt habe, für mich zu nutzen. Ihr suchtet zum richtigen Zeitpunkt einen Navigator, und ich habe einfach mein Glück versucht.“ Lanea richtete ihren Blick fest auf sein Gesicht. Jess Morgans Augen schienen bis in ihre Seele zu dringen. Lanea räusperte sich unbehaglich. Während der Pirat sie mit seinen Augen festhielt, die so tiefgründig waren wie das Meer um sie herum, bemerkte sie eine plötzliche Veränderung. Lanea schaute in den Himmel, folgte dem Zug der Wolken und besah sich die Segel, bevor sie wieder Jess Morgan ansah.
„Wir haben den Kurs geändert!“
Er legte seinen Kopf leicht auf die Seite und grinste sie offen an, wobei er strahlend weiße Zähne entblößte.
„Ein kleiner Test für den neuen Navigator, verzeih!“ Er legte elegant eine Hand auf sein Herz und verbeugte sich provozierend langsam, während er sie nicht aus den Augen ließ.
Lanea kämpfte erneut gegen ihre eigene Unsicherheit.
„Ich werde heute noch Abschriften meines Kartenmaterials in deine Kabine bringen lassen. Du wirst sie brauchen.“ Er zögerte kurz und seine Augen verengten sich unmerklich. „Wenn du das Material gesichtet hast, werde ich mit dir über unsere nächsten Pläne reden.“ Jess drehte sich mit dem Rücken zur Reling und stützte sich lässig darauf. „Jedem einzelnen dieser Männer dort würde ich blind mein Leben anvertrauen. Für jeden Einzelnen würde ich meines geben, wenn es nötig wäre.“ Er machte eine kurze Pause, um seinen Worten noch mehr Geltung zu verleihen, und Lanea fragte sich, worauf er so plötzlich hinauswollte. Seine Augen schienen immer klarer zu werden, trotzdem konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass er ihr gerade einen winzigen Einblick in seine Abgründe zeigte. Seine Augen hielten ihre wieder fest. Eisblaue Augen, die die Kälte darin spürbar machten. Sein Blick war offen und fest, und sie wurde in seinen Bann gezogen, war gefangen von der Intensität und dem Abgrund dahinter, der sie in seine Tiefen lockte.
„Ich will dir vertrauen wie jedem anderen an Bord auch, Lanea. Meine Frage ist ganz einfach: Kann ich das? Kann ich dir vertrauen so wie dem Rest meiner Crew? – Das Leben meiner Männer kann davon abhängen, ob ich mich in dir täusche oder nicht.“
Lanea schluckte. Ihre gerade gewonnene Selbstsicherheit drohte zu zerbröckeln. Mühsam darauf bedacht, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, antwortete sie: „Ihr könnt mir vertrauen, Captain!“
Jess schaute sie aus seinen unergründlichen Augen an.
“Du hast sicher davon gehört, dass ein Kapitän der Waidami ein einzigartiges Bündnis mit seinem Schiff eingeht?“ Er wartete keine Antwort ab, sondern sprach direkt weiter. „Aufgrund dieser Verbindung habe ich ein besonderes Gespür für das Meer und Wasser an sich entwickelt, das mir Einblicke in eine Welt ermöglicht, die für andere verborgen bleibt. Ich höre das Flüstern der Begeisterung, wenn ein Delfinkörper sanft durch das Wasser streicht. Ich spüre, wie das Wasser den Vertiefungen des Meeresgrundes folgt und Felsen ausweicht. Ich fühle, wie der Tod in der Gestalt eines Hais aus den dunklen Tiefen heraufdrängt, um sich ein Opfer zu suchen. All dies und noch viel mehr höre und fühle ich in jedem einzelnen Augenblick des Tages und der Nacht. - Es gibt keine Möglichkeit des Entrinnens für mich.“
Jess Morgan lächelte sie schief an, und ihr Herz schlug heftig in ihrem Brustkorb.
„Ich spüre die gewaltigen Kräfte des Meeres, die Strömungen, die unser Schiff mit einem leichten Schlag zerschmettern könnten.“
Er griff unvermittelt nach Laneas Hand, hielt sie fest in seiner und presste dann beide auf das Schanzkleid. Lanea wurde von solcher Wucht gepackt, dass sie zuerst zurückschrak, aber Jess hielt sie mit eiserner Hand fest. Die Empfindungen schwappten über sie hinweg, als hätte er sie gepackt und in das Wasser geworfen. Doch sie stand immer noch neben ihm. Die Eiskristalle in seinen Augen funkelten sie unbewegt an. Lanea schnappte nach Luft, als eine Welle voller Eindrücke über sie brach und mit unbeugsamer Gewalt in ihr Bewusstsein drang. Sie wurde in einen Strudel fortgerissen, immer tiefer hinein in das Leben und Sterben des umgebenden Gewässers. Sie spürte das Leben und den Tod, der auf dem Meeresgrund lauerte, und sah Schönheit von bisher ihr unbekannten Farben. Angst war ihre erste Reaktion, die augenblicklich schwand und sich in schlichtes Staunen über die Einzigartigkeit dieser Fähigkeit wandelte. Hätte sie es nur vermocht, hätte Lanea die Arme begeistert ausgebreitet und sich in dieser Empfindung voller Freude gedreht wie ein Kind, das im Regen tanzt.
Plötzlich ebbte die Brandung der Empfindungen ab. Jess hatte seine Hand fortgenommen und ihre Finger sanft von dem Schanzkleid gelöst, in das sie sich unbemerkt immer fester gekrallt hatte. Sie riss den Mund auf, um ihre Lungen mit Luft vollzusaugen, als wäre sie tatsächlich zu lange unter Wasser getaucht. Lanea taumelte, wurde jedoch augenblicklich von Jess festgehalten.
„Ich kenne den Weg, den das Wasser nimmt.“ Ein überhebliches Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie losließ und geschmeidig zur Seite trat. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck beobachtete er, wie eine hoch aufspritzende Welle sich über dem Schanzkleid brach und Lanea unvermittelt nass spritzte.
„Ich spüre alles, was mit Wasser in meiner Umgebung zusammenhängt. Selbst der Mensch besteht zu einem großen Teil aus Wasser.“ Mit einer weit ausholenden Geste deutete er auf die Männer an Deck.
Jess beugte sich verschwörerisch vor, und Spott saß in seinen Mundwinkeln. Er grinste sie an, doch seine Augen blickten kalt. „Ich spüre, dass es bei dir anders ist – du bist nicht das, was du vorgibst zu sein …“ Captain Jess Morgan machte eine Pause und brachte seinen Mund direkt neben ihr Ohr.
„Ich hoffe, du enttäuschst mein Vertrauen nicht!“
Abrupt richtete er sich zu seiner vollen Größe auf, wandte sich um und ließ Lanea beklommen zurück.
Kidnapping
Lanea war froh, als sie die Tür zu ihrer Kabine schließen konnte und sie endlich wieder alleine war. Die Begegnung auf Deck mit Jess Morgan war seltsam verstörend gewesen. Jetzt musste sie dringend einen klaren Gedanken fassen. Natürlich wollte er seinen Leuten trauen können. Es war nur nachvollziehbar, dass er sie offen darauf hingewiesen hatte. Aber das Ganze hatte auch den unmissverständlichen Charakter einer Drohung gehabt, die unausgesprochen zwischen seinen Worten hing.
Lanea ging nachdenklich durch den kleinen Raum. Nein, Jess Morgan entsprach zwar dem äußeren Erscheinungsbild nach nicht ihren Vorstellungen eines erbarmungslosen Piraten, strahlte aber deren skrupellose Entschlossenheit aus, was die Durchsetzung seiner Interessen anbelangte. Widerstrebend gestand sie sich ein, dass ihr das offensichtlich enge Verhältnis zu seinen Männern imponierte. Es war unverkennbar, dass für ihn das Wohlergehen seiner Crew an oberster Stelle stand, und das gefiel ihr.
Während sie das Band löste, das ihren Zopf zusammenhielt, betrachtete sie ihre Kabine. Sie war nicht sonderlich groß, hatte aber ein kleines Fenster, durch das spärliches Licht hineinfiel. Beiläufig fuhr sie sich durch die Haare und löste einzelne Strähnen, die sie sich grübelnd um die Finger wickelte. Ihr Blick wanderte über den schmalen Tisch, auf dem ein Stapel Karten lag, die jemand dort ordentlich hingelegt hatte.
Jemand war in ihrer Abwesenheit hier gewesen! Ihr Herzschlag beschleunigte sich bereits wieder. Natürlich, er hatte es ihr ja schließlich angekündigt, dass er die Karten vorbei bringen lassen würde. Doch so schnell? Mit klopfendem Herzen ging sie zu ihrer Kleiderkiste und öffnete sie. Hektisch wühlte sie zwischen ihren Sachen, bis ihre zitternden Finger den Gegenstand fanden, nachdem sie gesucht hatten. Lanea atmete erleichtert auf und beruhigte sich wieder, als sie einen dunklen Lederbeutel herauszog. Geschickt knotete sie das dicke Lederband auf, das den Beutel verschloss, und weitete die Öffnung.
Blutrote zu einem Pulver, gemahlene Steine lagen unscheinbar in der sicheren Obhut des Beutels und hielten das Geheimnis, das in ihnen lag, vor dem unkundigen Betrachter verborgen. Als Lanea hineingriff, konnte sie sich eines Schauerns nicht erwehren. Sie würde sehr vorsichtig sein müssen, wenn sie unbemerkt die Positionen der Monsoon Treasure verraten wollte. Vermutlich wusste Captain Morgan genau, warum sie an Bord war. Lanea weigerte sich jedoch, darüber nachzudenken, wie er mit verräterischen Crewmitgliedern umging. Sie ging zu dem winzigen Fenster und betrachtete im Schein des immer schwächer werdenden Tageslichtes die funkelnden Steinchen. Sie sahen aus wie die Splitter von Rubinen und jemand, der nicht um ihre Kräfte wusste, würde sie nicht eingehender betrachten. Tatsächlich handelte es sich jedoch um die Tränen der Göttin Thethepel, die sorgfältig von den Sehern gehütet wurden. Einer Legende zufolge wurde Thethepel von ihrem Vater Mako‘un aus dem Reich der Götter vertrieben, weil sie ständig Streit mit ihrer Schwester Kahamaka gesucht hatte. Wütend über den Verlust ihrer Heimat schuf sie mit Hilfe eines Vulkans, den sie aus dem Meer erhob, die Insel Waidami und besiedelte sie mit dem gleichnamigen Volk. Doch sie vermisste bald ihren Geliebten Pa’uman, der nicht wusste, wohin sie gegangen war und sich ebenfalls nach ihr sehnte. Ihr Vater hatte den Kontakt zu Thethepel verboten und sämtliche Spuren von ihr verwischt. Thethepel weinte bittere Tränen, die in den Vulkan Kaelaena fielen und dort in der Lava zu Edelsteinen verschmolzen, die sich in einer Höhle des Vulkanes absonderten. Viele Jahre verstrichen, in denen Pa’uman und Thethepel unter der Trennung litten, bis eines Tages ein junger Waidami in der Höhle die Edelsteine fand, und sie mit sich nahm. Auf dem Weg in sein Dorf, musste er steile Klippen überqueren. Er geriet ins Stolpern, und die Edelsteine fielen in die Brandung, die sie sofort mit sich riss. Sobald die Steine das Wasser berührten, lösten sie sich darin auf und zogen für das menschliche Auge unsichtbare Fäden durch das Meer. Die Strömung trug sie bis zum Strand der Götter, an dem Pa’uman gerade ins Wasser stieg, um ein Bad zu nehmen. Die feinen Fäden berührten ihn, und er erkannte die Tränen Thethepels darin. Pa’uman folgte den Fäden und gelangte so nach Waidami, um dort endlich seine Geliebte in seine Arme zu schließen. Die überglückliche Thethepel bedankte sich bei den Waidami, indem sie sie überschwänglich mit Gaben überhäufte. Sie schenkte ihnen die Fähigkeit, die Schiffswracks zu heben und daraus einzigartige Schiffe zu bauen, und sie schenkte ihnen die Fähigkeit des Sehens. Und damit ein Waidami auf ewig mit seiner Heimat verbunden bleiben konnte, egal wo er sich auch befinden sollte, schenkte sie ihnen ihre Tränen.
Und diese hielt Lanea jetzt in ihren Händen. Die Steine waren nicht kalt, wie es Edelsteine normalerweise waren. Während sie auf Laneas Handflächen lagen, ging eine geheimnisvolle Hitze von ihnen aus, die über ihre Hand in den Arm hinauf wanderte und ihren gesamten Körper erkundete. Lanea hob die Hand direkt vor ihre Augen und betrachtete fasziniert, wie im Innern der Steinchen Leben zu existieren schien. Jede kleinste Bewegung wurde von ihnen aufgenommen. Sie waberten hin und her, als würden sie aus einer Flüssigkeit bestehen und nicht aus einem trockenen Pulver. Lanea schloss die Finger um das Pulver, öffnete den Beutel, den sie achtlos auf den Tisch gelegt hatte, und ließ es gewissenhaft zurück in das schützende Innere rieseln.
Wenn sie also sicher war, dass Jess Morgan weiterhin keine Schiffe für die Waidami versenkte, sollte sie alle zwei Tage die Position übermitteln. Normalerweise gab ein Schiffshalter nur dann die Positionen durch, wenn die Piraten ein Schiff versenkt hatten. Die Seher fanden das Wrack dann sehr schnell und ließen es nach Waidami schleppen. Wenn sie jedoch regelmäßig und in diesen kurzen Abständen das Pulver ins Meer streute, würde es sich zu einer langen Schnur verweben, die von der Monsoon Treasure durch das Meer gezogen würde. Die Galeone glich dann einem blutenden Opfer, das dem mörderischen Spürsinn eines hungrigen Hais ausgeliefert war. Andere Piraten der Waidami würden die Verfolgung aufnehmen und Jess Morgan gefangen setzen.
Lanea seufzte schwer. Der Gedanke daran, was mit der Crew, dem Schiff und Jess Morgan passieren würde, behagte ihr auf einmal nicht mehr, und sie wusste nicht, ob es wirklich richtig war, was sie tat. War es richtig, ausgerechnet denjenigen zu verraten, der sich offensichtlich gegen die Machenschaften der Waidami stellte? Schien Jess Morgan nicht eher auf derselben Seite zu stehen? Wenn er sich überhaupt als Verräter entpuppte, denn bisher hatte sie keine Anzeichen dafür gefunden. Lanea schüttelte den Kopf. Sie würde sich mit dieser Frage noch intensiv auseinandersetzen müssen, aber nicht jetzt. Zuerst musste sie länger auf der Treasure sein, um eine Entscheidung darüber treffen zu können.
Sorgfältig verschloss sie den Beutel und steckte ihn dann wieder ganz nach unten in die Truhe. Offensichtlich hatte sie niemand durchsucht, sondern tatsächlich nur die Karten auf dem Tisch platziert.
Die Karten! Lanea konnte ihre Neugier nicht länger zurückhalten und setzte sich an den Tisch. Da inzwischen immer weniger Licht durch das Fenster drang, entzündete sie mit Hilfe eines Feuersteins einige Kerzen und verteilte sie. Als sie genug Licht hatte, griff sie zaghaft nach der obersten Karte und betrachtete sie im rötlichen Schein der Kerzen. Es handelte sich offensichtlich um eine Übersichtskarte der Gewässer, in denen sie sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt befanden. Sie hatte einen großen Maßstab und reichte von der südamerikanischen Küste über die gesamte Karibik bis weit in den Atlantik hinein. Lanea betrachtete sie ausgiebig und legte sie dann sorgfältig an die Seite, um die nächste in Augenschein nehmen zu können. Diese hatte einen geringen Maßstab und zeigte nur einen kleinen Teil der südamerikanischen Küste, auf der die Hafenstadt Cartagena lag. Nachdem sie auch diese Karte genau studiert hatte, legte sie diese ebenfalls auf die Seite und nahm sich die darunter liegende Karte vor. So arbeitete Lanea sich nacheinander durch alle Karten. Schnell fiel ihr auf, dass alle Karten nur einen kleinen, aber sehr detaillierten Ausschnitt der ersten großen Übersichtskarte zeigten. Stirnrunzelnd überlegte sie, was Jess Morgan vorhaben könnte. Sie war sich sicher, dass er irgendeinen größeren Plan ausheckte. Unbewusst zuckte Lanea mit den Schultern. Es würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als abzuwarten.
Als sie herzhaft gähnte, sah sie zum ersten Mal von den Karten auf und bemerkte überrascht, dass die Kerzen fast bis zum Grund abgebrannt waren und ihr hinter dem Fenster nur schwarze Leere entgegen starrte. Lanea wischte sich über die müden Augen. Es war besser, nun schlafen zu gehen. Sie würde morgen früh direkt wieder damit beginnen, sich die Details der Karten einzuprägen. Jess Morgan sollte neben ihr auf dem Deck stehen können, ein Ziel nennen und sie würde ohne Karte den Kurs bestimmen können. Sie wollte ihn damit beeindrucken und so sein Vertrauen gewinnen.
Steif schob sie den Stuhl zurück und erhob sich. So schnell es ging entledigte sie sich ihrer Kleidung und ließ sich auf die Koje fallen. Sie genoss den Moment des Friedens, als sie sich ausstreckte, und fiel schnell in einen Schlaf, der von wilden Träumen begleitet wurde.
*
Die gesamten nächsten Tage verbrachte Lanea in ihrer Kabine und verließ diese nur zu den Mahlzeiten. Jess Morgan schien wie ein Geist auf seinem eigenen Schiff zu sein, denn sie bekam ihn nicht ein einziges Mal zu Gesicht. Wann würde er endlich mit ihr reden und ihr seine Pläne offenbaren? Es war unübersehbar, dass sie nicht die einzige war, die noch nichts von seinen Plänen wusste. Den Gesprächen mit den Männern konnte sie entnehmen, dass er die letzten Tage ebenfalls meist in seiner Kajüte verbracht hatte. Lediglich Cale Stewart suchte ihn regelmäßig auf, äußerste sich jedoch zu den Mutmaßungen der Mannschaft in keinster Weise.
Am Morgen des vierten Tages verließ Lanea völlig übermüdet ihre Kabine, um sich zum Frühstück zu begeben. Sie hatte wieder bis spät in die Nacht die Karten studiert.
„Hattest du ausreichend Gelegenheit, die Karten zu betrachten, Lanea?“
Erschrocken fuhr sie herum. Unvermittelt sah Lanea sich Jess Morgan gegenüber, der es fertigbrachte, sie überheblich anzugrinsen und dabei fragend eine Augenbraue zu heben.
„Aye, Captain. Ich kenne sie in- und auswendig.“ Lanea sah ihm fest in die Augen, die sich bei ihren Worten ein wenig verengten. Jess nickte, zögerte unmerklich und wandte sich bereits wieder halb von ihr ab.
„Ich erwarte dich nach dem Frühstück in meiner Kajüte.“ Er schenkte ihr einen durchdringenden Blick, dem Lanea nur mühsam standhielt. Als er ging, fiel ihr auf, dass sie die Luft angehalten hatte. Mühsam beherrscht atmete sie aus.
Nach dem Frühstück also. Mit wackeligen Beinen ließ sie sich auf ihrem Platz nieder und betrachtete lustlos das kleine Fladenbrot auf ihrem hölzernen Teller. Vorsichtig schob sie diesen von sich und stützte die Arme auf der Tischplatte ab, um den Kopf in die Hände sinken zu lassen. Ihre Gedanken jagten sich hinter ihrer Stirn. Jetzt kam es darauf an, jetzt hatte sie die Möglichkeit, ihn wirklich zu überzeugen. Lanea schluckte. Was würde er wohl mit ihr anstellen, wenn er ihren Verrat aufdeckte?
Eine geraume Weile hing sie ihren Gedanken nach, doch dann ließ sie ein rhythmisches Klacken aufblicken. Patrick McPherson, der Schiffszimmermann, setzte sich breit grinsend neben sie.
„Was hat dir denn den Appetit verhagelt?“, fragte er und blickte sie aus seinen grauen Augen freundlich an. McPherson hatte ein breites Kreuz und mächtige Oberarme, deren Muskeln unter den abgerissenen Hemdsärmeln herausquollen, als wäre darunter nicht genug Platz für sie.
Lanea starrte gefesselt auf sein Holzbein. Nie zuvor war sie einem Menschen mit so einem Stock als Bein begegnet. Peinlich wurde sie sich ihrer Neugierde bewusst und lief rot an.
„Entschuldige, aber ich habe noch niemals ein Holzbein gesehen.“
McPherson grinste anzüglich und klopfte mit der rechten Hand auf das Holz, das unterhalb seines Knies aus dem Hosenbein ragte.
„Das verdanke ich unserem Captain“, sagte er und kicherte vergnügt, als er Laneas Schaudern bemerkte.
„Patrick ist auf einem Erkundungstrupp durch den Dschungel von einer Schlange durch den Stiefel hindurch in den Fuß gebissen worden.“ Hong stand plötzlich mit einer Schüssel voller neuer Fladenbrote neben dem Tisch und setzte zu einer Erklärung an. „Ich konnte nichts tun und sein Fuß schwoll innerhalb von wenigen Augenblicken an. Wir zerschnitten das Leder und konnten nur zusehen, wie das Gift sich immer weiter ausbreitete und den Unterschenkel hochwanderte.“
„Ja, es war unübersehbar. Seine Haut verfärbte sich furchtbar schwarz.“ Kadmi stieß McPherson kameradschaftlich von der Seite an und nickte ihr zu.
„Ich war ratlos, da hat Jess nicht lange gezögert und unserem lieben Patrick kurzerhand die Axt abgenommen, die er immer mit sich führt …“ Hong musterte sie skeptisch. Auch ohne in den Spiegel zu sehen, war Lanea klar, dass sie verdächtig blass um die Nase geworden sein musste.
„Er hat ihm das Bein …?“ Ihre Stimme versagte, und sie versuchte, das Bild aus ihrem Kopf zu drängen, das bei den Worten der Männer entstanden war.
„… abgeschlagen, ja!“ McPherson grinste noch breiter. „Danach habe ich tagelang in der Koje vor mich hingestarrt und mir nichts mehr als den Tod gewünscht. Jeden Morgen und jeden Abend erschien der Captain, um nach mir zu sehen. Nach einer Woche kam er und sah mich aus Augen an, die schwarz wie die Nacht waren. Dann zog er seine Pistole und hielt sie mir an den Kopf. – Wenn du dich so sehr nach dem Tod sehnst, werde ich deinem Wunsch nachkommen. Gleich hier und jetzt. - An seine Stimme erinnere ich mich, als hätte er gerade erst gesprochen. Jedes Wort bohrte sich wie Eissplitter in meine Verzweiflung, und ich hatte plötzlich furchtbare Angst davor, zu sterben. Im selben Augenblick ließ Jess die Pistole sinken und sagte schlicht: Gut so! - Er ging ohne ein weiteres Wort.“ McPherson machte eine kurze Pause und starrte dabei ins Leere. „Damit hat er mir ein zweites Mal das Leben gerettet, denn danach wollte ich wieder gesund werden.“
Lanea schüttelte sich leicht, als erwachte sie aus einem Traum. Ganz sicher war sie sich nicht, ob die Geschichte auch vollständig der Wahrheit entsprach. Zu groß war die Erheiterung zwischen den Männern. Doch wenn sie der Wahrheit entsprach, war Jess Morgan ein Mann, der sehr schnell und sehr konsequent seine Entscheidungen traf. Ein weiterer Schauer lief über ihren Rücken und erinnerte sie an ihre Verabredung. Entschlossen stand sie auf. Die Männer um sie herum sahen erstaunt zu ihr hoch und lächelten sie an, als sie mit einem knappen Gruß die Runde wieder verließ. Diesmal würde sie es nicht hinauszögern, sie würde sich jetzt Jess Morgan stellen.
*
Jess Morgan stand an den weit geöffneten Fenstern des Heckkastells und schaute versunken auf die ruhige See.
Sein 1. Maat trat in die Kajüte und sah stirnrunzelnd auf seinen Captain. Seitdem Lanea an Bord gekommen war, benahm er sich auffallend merkwürdig und war seinen Fragen konsequent ausgewichen. Jetzt hatte Jess ihn hierher gebeten, weil sie gemeinsam mit Lanea ihre Pläne besprechen wollten. Cale würde die Gelegenheit nutzen, um endlich in Ruhe mit ihm zu sprechen.
„Guten Morgen, Captain“, sagte er, bemüht sich seinen inneren Grimm nicht anmerken zu lassen.


