Kitabı oku: «Die Schiffe der Waidami», sayfa 9

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Während sie weiter durch den Dschungel zogen, brütete Lanea dumpf vor sich hin. Erleichtert blieb sie stehen, als Jess Morgan sich erneut umdrehte und das Zeichen zum Anhalten gab.

„Wir sind da. - Zwei weitere Wachen nicht weit voraus.“ Diesmal waren seine Worte so leise, dass sie Lanea an Jintel weitergeben musste, der sich seinerseits umdrehte, um die Nachricht an seinen Hintermann zu übermitteln.

„Wir warten auf die Dämmerung und greifen dann an. Solange bleiben wir hier. – Und Lanea ….“ Jess sah sie ernst an, aber Lanea entging trotzdem nicht das belustigte Blitzen in seinen Augen:“… pass auf, falls du dich setzen möchtest.“

*

Lanea kämpfte mit der Müdigkeit, die sich unauffällig über ihren Körper in ihren Verstand schob. Sie gähnte verhalten und bewunderte die Männer, die in stoischer Gelassenheit ihre Plätze eingenommen hatten und seitdem den Eindruck vermittelten, von einem Augenblick auf den anderen wieder voll da zu sein, um sich in den Kampf stürzen zu können.

Jintel, der ihr mit seiner massigen Gestalt direkt gegenüber saß, verzog seinen breiten Mund zu einem leichten Grinsen und überzog damit sein Gesicht mit vielen kleinen Falten. In seiner rechten Hand ruhte mit trügerischer Friedlichkeit eine Muskete. Lanea lächelte zurück und ließ ihren Blick über jeden einzelnen Mann wandern. Überall lagen Waffen griffbereit, davon jedoch nur wenige Schusswaffen. Jess hatte sich klar ausgedrückt. Er hatte nicht vor, das Schiff im offenen Kampf zu entern. Dafür waren sie zu wenige, sie mussten sich also anschleichen. Jedes überflüssige Geräusch hatte er aufs schärfste verboten und ihr dabei einen besonders warnenden Blick zugeworfen. Lanea verdrehte die Augen, sie durfte sich nicht noch einmal so ungeschickt erweisen, wie vorhin. Wenn sie mit übertriebenem Lärm die Mannschaft des fremden Schiffes auf sich aufmerksam machten, würde es unausweichlich Verletzte oder sogar Tote auf beiden Seiten geben. Lanea tastete nach ihrem Schwert und überprüfte, ob es ebenfalls griffbereit war. Sie hoffte, dass es tatsächlich nur Verluste auf der gegnerischen Seite gab, auch wenn sie sich eingestand, dass diese Männer ihnen nichts getan hatten. Offensichtlich war sie auf dem besten Weg, ebenfalls wie ein Pirat zu denken. Dort hinten zwischen den Pflanzen, lag irgendwo ihre Beute. Bis jetzt hatte Jess Morgan ihr noch nicht den Eindruck vermittelt, nicht mehr für die Waidami segeln zu wollen. Er plante den Überfall auf die Silberflotte, davon würde ihr Volk nur Vorteile haben. Jede Menge Schätze und an die versenkten Schiffen brauchte sie gar nicht erst zu denken. Jetzt lagen sie auf der Lauer, um ein schwer beladenes Schiff zu kapern. Er musste noch auf der Seite der Waidami sein, warum sollte er sonst ein zufällig vorbeisegelndes Schiff ins Auge fassen?

Lanea schüttelte ihren Kopf und betrachtete besorgt Kadmi, der zwischen den beiden sehnigen Brüdern Lorenzo und Riccardo saß, die ihre sonst wild blickenden Augen fest geschlossen hatten, als würden sie schlafen. Doch ab und zu, hob einer von ihnen, wie unter geheimer Absprache den Kopf und sah sich um, bevor er die Augen wieder schloss. Beide Männer hatten das gleiche schwarzglänzende Haar und feine Gesichtszüge, die meist verschlossen wirkten. Lorenzo war der Ältere von beiden und sollte, laut den Erzählungen von Jintel, wie ein Wachhund auf seinen Bruder aufpassen. Doch der Jüngste an Bord war sicher Kadmi, dessen Gesicht noch völlig unschuldig wirkte. Seine großen Augen blickten oft verträumt. Für ihn schien dies alles nur ein großes Abenteuer zu sein, und er saugte alles auf, was ihm von einem der älteren Männer erklärt wurde. Mit einem verlegenen Lächeln fuhr er sich durch die struppeligen blonden Haare, als er plötzlich ihren Blick bemerkte.

Sie hockten seit einer Ewigkeit auf diesem Fleck, jetzt endlich kündigte sich die Dämmerung an. Lanea konnte ihre Ungeduld kaum noch beherrschen, die ihre Müdigkeit zur Seite drängte. Wann würde er endlich das Zeichen zum Aufbruch geben? Der Captain saß die ganze Zeit etwas abseits von ihnen. Er wirkte in sich gekehrt, als würde er permanent auf etwas lauschen und sein Gesichtsausdruck war völlig verschlossen. Worauf wartete er bloß?

Als hätte er ihre Frage gehört, spannte sich sein Körper unvermittelt an, und er sah auf.

„Es ist soweit.“ Er erhob sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Nichts an seinen Bewegungen deutete darauf hin, dass er Ewigkeiten bewegungslos dagesessen hatte.

Lanea hingegen fühlte sich steif und streckte ihren Körper, während sie gespannt auf die nächsten Anweisungen wartete.

„Kadmi und Finnegan begleiten mich, der Rest wartet hier auf mein Zeichen.“ Jess schenkte ihr ein wissendes Grinsen. „Du musst deine Angriffslust also noch ein wenig zügeln, Lanea!“

Die Männer, die sich gerade erhoben hatten, nickten und blieben mit Lanea zurück, als Jess mit den anderen wieder fast völlig lautlos zwischen den Blättern verschwand.

*

Mit dem Moment, in dem er die Blätter vor sich zerteilte, ließ Jess sein Bewusstsein fallen und gab sich völlig den ihn umlagernden Strömungen hin. Hinter ihm bewegte sich Finnegan trotz seiner Größe annähernd lautlos, aber er konzentrierte sich auch vollkommen auf sein Fortkommen und war damit eher langsam. Kadmi huschte wie eine Katze durch die Pflanzen, die sich auf eine Jagd begibt. Seine freudige Erregung lenkte nur ab, und Jess beschloss, vorerst alles zu ignorieren, was in seinem Rücken lag. Der Gegner lag vor ihnen. Nur wenige Meter voraus, saßen zwei unaufmerksame Männer, die vom Ufer aus Wache hielten und vergeblich auf die Rückkehr der Späher warteten. Sie waren inzwischen so nah, dass er auch Strömungen von der Karavelle empfing und die deuteten darauf hin, dass ein Boot zu Wasser gelassen werden sollte. Jess vermutete, dass es sich um die Wachablösung handelte. Dies war der richtige Zeitpunkt, um sich das Boot zu holen und das Schiff zu entern. Sie rechneten mit der Rückkehr der Wachen, aber nicht damit, dass sie ihre Gegner zu einer trockenen Passage aufs Schiff verhalfen.

Langsam schob er die letzten Zweige zur Seite, um einen Blick dahinter zu werfen. Kadmi und Finnegan verharrten auf der Stelle, sie hatten ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann es Ernst wurde.

Vor ihnen lag ein Beiboot am Ufer, dass hier tatsächlich dem Dschungel ein Stück Strand abgetrotzt hatte. Einer der Männer saß lässig auf einem umgestürzten Baumstamm, während der zweite offensichtlich schlafend in dem Beiboot lag. Jess schnaubte verächtlich. Wären dies seine Männer, würden sie es kein zweites Mal wagen, auf diese Art Wache zu halten. Diese Männer würden keine Gegenwehr leisten, und Jess spielte mit dem Gedanken zu warten, bis die Wachablösung am Ufer landete, um sie alle gleichzeitig auszuschalten. Aber er verwarf diese Idee sofort wieder. Der Mann im Beiboot schlief tief und fest, daran ließ seine Ausstrahlung keinen Zweifel. Aber der auf dem Baumstamm würde irgendwann merken, dass sich das andere Boot näherte und dann würde er seinen Kumpel wecken. Sie mussten auch hier so lautlos wie möglich vorgehen. Jess sah sich nach Kadmi und Finnegan um. Kadmis große Augen schauten ihn erwartungsvoll an und entlockten Jess ein Grinsen. Der junge Mann brannte darauf, dass endlich etwas passierte. Er nickte ihm zu und deutete auf den schlafenden Wachposten. Die Augen leuchteten kurz auf, und Kadmi hob seine Hand an die Stirn, um zu zeigen, dass er verstanden hatte. Sofort verschwand er zwischen den Pflanzen, um sich dem Boot, soweit wie möglich, unentdeckt zu nähern. Jess verfolgte kurz seine frohlockende Ausstrahlung, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf das Ufer lenkte.

An der Position der zweiten Wache hatte sich kaum etwas geändert, obwohl inzwischen das zweite Beiboot von der Karavelle abgefiert wurde. Der Mann hatte lediglich ein wenig den Kopf gehoben, machte aber keine Anstalten aufzustehen. Nun gut, umso besser. Jess atmete einmal tief durch und rümpfte angewidert die Nase. Ein süßlicher Gestank wehte von dem Schiff zu ihnen herüber, drängte sich in seine Nase und sorgte im ersten Moment für einen Würgreflex. Jess schaute überrascht zu Finnegan, der sich die Hand vor den Mund hielt und plötzlich blass geworden war. Was war das für ein ekelerregender Gestank? Hatte das Schiff Kadaver geladen, die im Laderaum verwesten? Das würde er bald herausfinden. Jess brannte vor Neugier, zog ein Schwert von seinem Rücken und trat gelassen mit wenigen Schritten auf den Wachposten zu.

Der Mann sah ihn überrascht an und blinzelte mit den Augen, als wäre er gerade erst aus einem Traum erwacht. Er richtete sich noch aus seiner zusammengesunkenen Position auf und griff nach seiner Muskete, doch dazu kam er nicht mehr. Finnegan war hinter ihm erschienen und riss ihn mit einem einzigen Ruck in den Dschungel.

Kadmi nutzte den gleichen Augenblick, um sich dem Boot zu nähern. Wie ein Schatten huschte seine schlanke Gestalt heran. Vom Schiff aus konnte ihn längst niemand mehr aufgrund des Zwielichtes erkennen. Sie hatten dort außerdem Laternen entzündet und starrten aus dem Licht in die nichts offenbarende Dunkelheit. Sie machten es ihnen wirklich leicht. Kein Captain mit Verstand beleuchtete das Ziel eines Piraten in der Dunkelheit wie zu einem Fest. Jess lächelte, als Finnegan kurz darauf aus dem Dschungel trat.

„Zieh dir die Kleidung von dem Mann über und geh den Männern im Boot gleich entgegen, als würdest du dich über die Ablösung freuen.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern schritt zu Kadmi, der bereits angefangen hatte, der anderen Wache das Hemd über den Kopf zu ziehen.

„Diese Idioten vom Schiff können ja überhaupt nicht sehen, was hier geschieht.“ Der Junge grinste ihn verwegen an. Jess schmunzelte. Er war wirklich sehr gewitzt und ahnte oft im Voraus, was sein Captain vorhatte. Mit flinken Fingern, die den ehemaligen Taschendieb verrieten, warf er sich die Kleidung des Toten über. Dann sprang er mit einem Satz in das Boot und setzte sich aufrecht auf die Duchten.

„Sie können kommen.“

„Pass auf dich auf, Junge.“ Jess schlug Kadmi kameradschaftlich auf die Schulter. Ein Blick zurück zeigte ihm, dass Finnegan den Platz auf dem Baumstamm eingenommen hatte. Keinen Augenblick zu früh. Das andere Beiboot näherte sich rasch, und Jess zog sich wieder zwischen die Pflanzen zurück.

In dem Beiboot saßen zwei weitere Männer. Während der eine ruderte, hockte der zweite im Bug und hielt eine Laterne in die Richtung des Ufers.

„He, Rodriguez! Wach auf, du kannst auf der Argonautica weiterschlafen.“ Er schwenkte die Laterne, als suchte er nach dem zweiten Mann, ließ sie dann aber sinken, als das Boot endlich auf Grund lief.

Kadmi stand langsam auf und bemühte sich so zu tun, als müsste er seine steifen Glieder nach der langen Wache erst wieder in Bewegung bringen.

„Wo ist Miguel, hat er sich im Dschungel verlaufen?“

Finnegan brummte aus der Dunkelheit etwas Unverständliches und näherte sich langsam den beiden Männern. Jess tastete nach einem Gegenstand in seinem Gürtel, während er angespannt beobachtete, wie die beiden Wachposten ahnungslos aus dem Boot stiegen und es auf das Ufer zogen. Sie drehten Kadmi und Finnegan den Rücken zu, und Jess fragte sich, ob diese Seeleute wirklich so dumm waren. Seine Männer nutzten den Augenblick, sprangen gleichzeitig vor und überwältigten den Gegner in rascher Entschlossenheit. Eine Hand legte sich um den Mund, während jeder ein Messer von hinten in das Herz stieß. Ein dumpfes Gurgeln ertönte, während die Körper langsam zu Boden rutschten, ohne irgendjemand an Bord noch warnen zu können.

„Hol die anderen, Kadmi. Freundlicherweise haben wir zwei Beiboote, so dass niemand von uns rüber schwimmen muss.“

Kadmi nickte rasch und verschwand zielsicher in der Richtung, in der die anderen warteten. Jess schloss die Augen und konzentrierte sich wieder auf das Schiff, das in der Mitte des ruhigen Flusses ankerte. Er konnte nur die Strömung von einem einzelnen Wachposten im Bug des Schiffes ausfindig machen, der jedoch nicht so unbeteiligt seinen Dienst versah, wie seine Kameraden an Land.

Wieder wehte ein leichter Wind über den Fluss und trug Gestank mit sich. Jess versuchte ihn zu ignorieren, während er mit Finnegan eines der Beiboote ins nachtschwarze Wasser des Flusses zog. Er empfing nur wenige Strömungen aus dem Schiffsinneren und fragte sich, ob vielleicht eine Krankheit an Bord wütete. Misstrauisch warf er einen Blick auf die beiden Wachposten, die so unbedarft an Land gerudert waren. Nein, bis auf den Umstand, dass sie tot waren, machten sie weder einen heruntergekommenen noch kranken Eindruck.

Die restliche Mannschaft kündigte sich mit leichtem Geraschel an und trat kurz darauf unter der Führung von Kadmi aus dem dichten Unterholz.

*

Laneas Mund war vor Aufregung völlig ausgetrocknet, als sie unter der Führung Kadmis an das Ufer trat. Wie zum Hohn waren ihre Handinnenflächen hingegen feucht, und sie bemühte sich, das leichte Zittern zu unterdrücken, indem sie die eine Hand fest um den Griff ihres Schwertes schloss. Das Ufer war in schwaches Licht getaucht, da das Schiff in der Mitte des Flusses beleuchtet war, als wollte es die ganze Nacht verdrängen. Jess stand mit Finnegan bis zu den Knien bei einem der Boote im Wasser und winkte ihnen, sich zu nähern.

Eigentlich konnten sie dem unbekannten Kapitän nur dankbar für die Beleuchtung sein, dachte Lanea, als sie zu dem schwarzgrauen Himmel blickte, der voller Wolken hing. Der Mond, der sich ab und an durch schmale Lücken darin drängte, hätte nicht ausgereicht, um ihr Vorhaben zu beleuchten. Doch so konnten sie alles sehen, und Lanea folgte eilig dem Beispiel der Männer. Sie überquerte den schmalen Sandstreifen und kletterte bis in den Bug des Beibootes. Die Männer verteilten sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren in den Booten und nahmen die Plätze an den Rudern ein. Jess kletterte als Letzter hinein und nahm direkt neben ihr Platz. So leise wie möglich ruderten sie mit leichten Ruderschlägen auf das Schiff zu. Die Rudergänger in beiden Booten bemühten sich ihre Schläge aufeinander abzustimmen. Ein Geräusch zu viel würde einen aufmerksamen Posten in Alarmbereitschaft versetzen, denn schließlich erwartete er nur ein Boot zurück.

Lanea wischte unauffällig ihre Hände an ihrer Hose ab und betrachtete Jess aus den Augenwinkeln. Er hatte seinen Blick fest auf das Schiff gerichtet, und schien sie gar nicht wahrzunehmen. Sein Körper war angespannt, als wäre er eine Katze, die zu einem Sprung ansetzt. Während sie sich mit jedem Ruderschlag ihrem Ziel näherten, war er vollständig auf sein Opfer konzentriert. Nichts hätte ihn jetzt noch davon ablenken können, dessen war sie sich absolut sicher.

Plötzlich lief eine unmerkliche Bewegung durch die schlanke Gestalt ihres Captains. Unerwartet richtete er sich auf, als wäre er von etwas Unsichtbarem hochgezogen worden. Laneas Herzschlag beschleunigte sich unangenehm, als die Bordwand vor ihnen aufragte. Nur wenige Ruderschläge noch und sie würden längsseits gehen. Sie legte ihren Kopf so weit wie möglich in den Nacken, um besser sehen zu können, als auch schon über ihnen eine Laterne über die Reling gehalten wurde. Daneben tauchte das hagere Gesicht des Wachpostens auf, dessen Augen sich überrascht weiteten, als er zu ihnen herabsah.

„Alar …!“ Der laute Schrei endete abrupt, das Gesicht verschwand polternd, und die Laterne klatschte nur unweit von ihrem Boot in das dunkle Wasser, gefolgt von einer Stille, die ihre Unnatürlichkeit lauthals durch die Nacht brüllte. Laneas Atem setzte für einen Wimpernschlag aus, unfähig zu begreifen, was gerade genau geschehen war. Jess musste irgendetwas nach dem Wachposten geschleudert haben, aber sie hatte nichts erkennen können. Noch bevor sie Gelegenheit hatte, sich zu fassen, brach auf dem Schiff Unruhe aus. Jess sprang mit einem spielerisch wirkenden Satz bis zur Hälfte der Bordwand hoch, klammerte sich dort in das Fallreep und enterte in Windeseile hinauf. Seine Gestalt war kaum verschwunden, da folgten ihm bereits die Brüder und die anderen Männer aus ihrem Boot. Lanea leckte sich über ihre spröden Lippen und beeilte sich, ebenfalls hinaufzusteigen. Mit jeder Sprosse, die sie erklomm, steigerte sich ihre Aufregung und brachte ihren Herzschlag zum Tanzen. Als sie endlich ihre Füße auf die Planken der Karavelle setzte, war sie für einen Moment wie erstarrt und machte nur zögerlich, den hinter ihr vorbeidrängenden Männern aus dem zweiten Boot Platz. Die Mannschaft der Argonautica hatte sich, trotz des Überraschungseffektes, bereits auf Deck verteilt und stellte sich ihnen entgegen, während Jess Morgan vollkommen ungerührt auf sie zuschritt. Lanea sah in die übermüdeten Gesichter ihrer Gegner, die ihre Waffen zur Verteidigung bereit hielten. Sie würden ihnen das Schiff nicht kampflos überlassen.

Während Jintel und die anderen gegen die Männer der fremden Mannschaft prallten und von ihnen in ihrem Ansturm aufgehalten wurden, ging Jess ungehindert weiter. Seine Augen hatten mit Betreten des fremden Schiffes jegliche Farbe verloren und schimmerten nun weiß und unheilvoll in die beginnende Dunkelheit. Er griff mit beiden Händen über seine Schultern, packte die Schwerter auf seinem Rücken und zog sie aufreizend langsam aus ihren Scheiden. Dann witterte er förmlich in alle Richtungen. Lanea lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hatte keine Gelegenheit, ihn länger zu beobachten, da sie von einem Angriff überrascht wurde. Schnell riss sie ihr Schwert hoch und parierte den Schlag.

Bleib in meiner Nähe, schallten die Worte von Jess mahnend durch ihren Kopf. Beunruhigt bemerkte sie, dass es dafür bereits zu spät war. Während sie ihren Gegner mit wenigen gezielten Hieben niederstreckte, sah sie, wie Jess seine Aufmerksamkeit auf das Achterdeck richtete. Seine Miene bekam einen lauernden Ausdruck. Nichts erinnerte mehr an den Jess Morgan, den sie bisher kenngelernt hatte. Dieser Mann glich einem mordgierigen Raubtier, das die Witterung seiner Beute aufgenommen hatte und nicht eher ruhen würde, bis er es zur Strecke gebracht hatte. Lanea fürchtete sich vor diesem Jess Morgan. Die Attacke eines neuen Gegners riss sie zurück in die Wirklichkeit ihres Kampfes, und Lanea schob jeden Gedanken an ihren unheimlichen Captain zur Seite. Als ihr Widersacher nach einem weiteren kurzen Schlagabtausch leblos zu Boden sank, richtete Lanea sich schweratmend auf. Ihr Blick glitt suchend über das Deck, auf dem sich die fremde Mannschaft erbittert wehrte. Jess Morgan schritt zielstrebig und völlig unberührt durch das Kampfgetümmel auf den Niedergang zu. Seine Schwerter wirbelten dabei so blitzartig durch die Luft, dass Lanea ihren Weg nicht verfolgen konnte. Mit tödlicher Präzision streckten sie jeden nieder, der es wagte, seinen Weg zu kreuzen, ohne dass er dabei seine Schritte auch nur im Geringsten verlangsamte. Er wütete wie ein unbezwingbarer Dämon, und Lanea verstand die Männer nur zu gut, die sich bei seinem Anblick schaudernd bekreuzigten. Lanea atmete tief durch, griff ihr Schwert fester und stürzte sich entschieden auf den nächsten Gegner.

*

Unterdessen erreichte Jess Morgan das Achterdeck und sah sich dem Kapitän des Schiffes und zwei weiteren Männern gegenüber. Sie standen wie erstarrt. Ihre Strömungen wälzten sich quälend langsam durch ihre Körper. Der Kapitän klammerte sich verzweifelt an dem Griff seines Schwertes fest, als er es drohend auf Jess richtete.

Jess lächelte amüsiert und neigte seinen Kopf leicht auf die Seite, als die beiden anderen Männer versuchten, sich unauffällig in seinen Rücken zu bringen. Ihre Angst war greifbar und drängte sich geballt in ihren Verstand. Der aufdringliche Geruch ihres Angstschweißes mischte sich in den alles überlagernden, süßen Geruch nach Tod und Verwesung, der aus dem Schiffsinneren drang.

Jess Morgan ignorierte die beiden Männer und schlenderte lässig auf den Kapitän zu, während er seine Schwerter offensichtlich nachlässig gesenkt hielt. Eine Welle des Triumphes durchdrang den Kapitän, der diese Geste falsch verstand und ansatzlos auf Jess zu sprang. Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung trat Jess gegen die Schwerthand des Mannes. Der Arm wurde von der Wucht des Trittes nach oben gerissen, das Schwert entglitt seiner Hand und wurde einige Meter hinter ihm auf die Planken geschleudert. Ehe der Kapitän begriff, was geschah, ließ Jess die Griffe seiner Schwerter durch die Finger wirbeln, das deren Spitzen hinter ihn zeigten und stieß dann voller Kraft die Klingen in die angreifenden Männer in seinem Rücken. Jess zog die Waffen mit unbeteiligter Miene aus den zusammensackenden Gestalten und lenkte dann seine Aufmerksamkeit erneut auf den Kapitän. Der Mann war leichenblass geworden und wich ängstlich vor Jess zurück, als dessen Kopf plötzlich herum ruckte. Mit einem kraftvollen Sprung brachte er sich auf die Brüstung zum Hauptdeck, ohne weiter auf den verdutzten Kapitän zu achten. Dort sprang er ansatzlos auf das Deck herunter und landete geschmeidig neben Lanea, die soeben getroffen von einem Streich aus dem Hinterhalt, zur Seite taumelte. Sie schrie erschrocken auf, als sie sich ihm unvermittelt gegenübersah, und er mit einigen kräftigen Hieben ihren hinterhältigen Gegner aus seinem Versteck drängte. Als der Mann sich mit einem panischen Hechtsprung über die Reling in Sicherheit brachte, wendete sich Jess an Lanea. Er nahm den Schleier von seinen Augen und ließ seinen Blick vorwurfsvoll über ihre Gestalt wandern. An dem zerschnitten Hemd blieb er hängen. Er hatte ihr nicht ohne Grund den Befehl gegeben, in seiner Nähe zu bleiben. Mit einem Ruck schob er den Stofffetzen hoch und legte seine Hand neben den Schnitt an ihrer Seite. Jess zuckte betroffen zurück, als Laneas Strömung unvermittelt unter seiner Berührung erstarb. Sie hatte Angst vor ihm, beruhigte sich aber sofort wieder, als er sich entfernte. Jess kniff die Augen zusammen und bemühte sich, ihr nicht zu zeigen, dass er ihre Reaktion gespürt hatte.

„Ich hatte dir befohlen, in meiner Nähe zu bleiben. Also pass ab jetzt besser auf dich auf.“, sagte er wütend.

Ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, ließ er sich in die Strömungen des Kampfes fallen. Eine neue Woge der Angst schlug ihm von Lanea entgegen, als sie verfolgte, wie sich der neblige Schleier über seine Augen legte. Sie fürchtete sich vor ihm und ging zurück, bis sie mit dem Rücken an ein Hindernis prallte. Jess lächelte spöttisch und ließ sie stehen. Mit langen Schritten erklomm er erneut die Stufen zum Achterdeck. Diesmal stellte sich ihm niemand mehr in den Weg. Der Kapitän sah ihm aus schreck geweiteten Augen entgegen. Feine Schweißperlen rannen in einem nicht enden wollenden Strom über sein Gesicht, als Jess wie ein lebendig gewordener Sturm auf ihn zukam. Mit einer hektischen Bewegung warf er sein Schwert zu Boden, das schlitternd vor Jess‘ Füßen liegenblieb.

„Ich ergebe mich!“

Als seine Männer die schrille Stimme ihres Kapitäns vernahmen und sahen, wie er sich auf die Knie warf, taten sie es ihm nach, und ihre Waffen fielen klirrend zu Boden. Der Kampf endete so abrupt, wie er begonnen hatte. Mit einem schnellen Blick über Deck, überzeugte sich Jess, dass niemand aus seiner Mannschaft ernsthaft verletzt worden war. Dann trieb er den Kapitän vor sich her, den Niedergang herunter. Der Mann stolperte mehr, als er ging und blieb zitternd bei seinen Männern stehen. Hoffnungslosigkeit verzerrte sein Gesicht, und er senkte den Blick, um seiner Mannschaft nicht in die Augen blicken zu müssen.

„Was habt ihr geladen, Mann?“, fragte Jess kalt.

Der Kapitän zuckte bei dem Klang seiner Stimme zusammen, als hätte man ihm ein Schwert in die Rippen gestoßen. Trotzdem presste er widerspenstig seine Lippen fest zusammen und schüttelte nur den Kopf. Jess schürzte verächtlich die Lippen und gab Jintel einen Wink.

„Nimm Sam und sieh nach, was sie geladen haben.“

„Aye aye, Sir!“ Jintel stellte ein paar Mann zur Überwachung der Gefangenen ab und verschwand dann unverzüglich mit Sam unter Deck, um nach der Ladung zu sehen.

*

Wenige Augenblicke später kehrte Jintel mit einem betroffenen Gesichtsausdruck zurück und trat auf Jess zu.

„Du solltest dir den Laderaum ansehen, Captain.“

Jess runzelte die Stirn und sah seinen Profos fragend an. Dann nickte er kurz und sah zu Finnegan hinüber, der mit drohendem Gesichtsausdruck vor den Gefangenen stand.

„Ich geh mir das mal ansehen. Sperrt in der Zwischenzeit die Mannschaft unter Deck, Finnegan.“

„Aye, Sir.“

Jess folgte Jintel in die unteren Decks. Der bestialische Gestank wurde hier immer intensiver, und selbst Jess Morgan nahm ein Tuch und hielt es sich vor Nase und Mund. Lanea folgte ihnen, da sie einfach nicht wusste, was sie sonst hätte machen sollen. Schließlich hatte ihr Jess auch keine anderen Befehle erteilt. Der süßliche Gestank schien, das gesamte Schiff durchdrungen zu haben. Übelkeit breitete sich in ihr aus, und sie presste ihr Tuch verkrampft vor das Gesicht. Gleichzeitig verfluchte sie ihre Neugier, wollte aber auch nicht mehr umkehren.

Der Schott zum Laderaum stand sperrangelweit offen, davor stand Sam, der unnatürlich blass im Gesicht war. Jess ging an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten und blieb im Eingang wie angewurzelt stehen. Lanea wäre beinahe auf seinen Rücken geprallt, so plötzlich kam seine Reaktion. Sein Fluch war leise, doch deutlich, und Lanea drängte sich an seine Seite. Was sie sah, war ein Schock. Mit einem Schlag war ihr bewusst, warum es auf diesem Schiff so fürchterlich stank. Der dunkle Laderaum, der von zwei Laternen notdürftig beleuchtet wurde, war voller Gestalten, die in dem Dämmerlicht nur undeutlich zu erkennen waren. Jess Morgan nahm Jintel eine Laterne ab, die dieser ihm bereits entgegenhielt. Der Pirat ging vorsichtig zwischen den Gestalten hindurch und beleuchtete die einzelnen Gesichter. Lanea keuchte auf, als das Licht auf das Erste traf. Große Augen starrten lethargisch aus einem entsetzlich eingefallenen Gesicht gegen die blendenden Erscheinungen. Um dieses Gesicht schälten sich immer mehr ähnlich gezeichnete Mienen heraus, und um das Entsetzen in ihr noch zu steigern, erkannte sie, dass es alles Kinder waren. Lanea blieb stehen. Panik wallte in ihr auf. Was war das für ein Schiff, auf dem sie Kinder wie Vieh in den Laderaum sperrten?

Der Captain war inzwischen weitergegangen und erhellte jeden Winkel des Raumes, indem sich überall das gleiche Elend vor dem Licht verbarg, um plötzlich aus seinem Versteck zu springen und die Leute der Monsoon Treasure mit seinem Entsetzen anzugreifen. Lanea sah die Betroffenheit in den Gesichtern von Jess Morgan und Jintel. Die Kinder lagen oder hockten dicht an dicht. Ihre Zahl war unmöglich zu schätzen. Sie waren schmutzig. Vermutlich hatten sie nicht mehr das Tageslicht zu Gesicht bekommen, seit dem sie hier eingesperrt worden waren. Es bestand kein Zweifel, dass der Gestank von ihren Exkrementen kam. Lanea hoffte von ganzem Herzen, dass es nicht noch andere Gründe dafür gab.

„Sobald die Treasure zu uns gestoßen ist, soll Hong sofort hierher kommen und die Kinder versorgen. Sie sollen so schnell wie möglich auf die Treasure gebracht werden.“ Jess Stimme durchbrach Laneas Gedanken. Er war stehengeblieben und hielt die Laterne so, dass sie möglichst viel seiner Umgebung beleuchtete.

„Aye, aye, Captain!“ Jintel verließ bereits den Laderaum, und Jess sah sich weiter eingehend um. Eine Reihe von Kisten war so aufgestellt worden, dass sie eine zweite Wand um die Kinder bildete.

„Man kann die Bordwand gar nicht mehr sehen“, murmelte Jess wie zu sich selbst. Dann zog er mit einem scharrenden Geräusch ein Schwert und ging auf eine der Kisten zu. Suchend sah er sich nach Lanea um, und winkte sie heran.

„Halt das!“ Auffordernd hielt er ihr die Laterne entgegen, die sie ohne zu zögern ergriff. Dann setzte er mit der Schwertspitze an einem Deckel an und hebelte diesen mit einer kräftigen Bewegung auf. Der Deckel rutschte polternd zur Seite, und Jess pfiff leise durch die Zähne. Die Kiste war bis zum Rand mit matt blinkenden Silberbarren gefüllt. Er drehte sich um, und warf Lanea einen vielsagenden Blick zu.

„Das ist interessant. Jetzt ist mir auch klar, warum ich diese Kinder nicht gespürt habe. Das Silber hat eine undurchdringliche Barrikade gebildet, die keinerlei Strömungen nach außen dringen lässt.“

Plötzlich schob sich ein Junge von ungefähr zwölf Jahren vor ihn.

„Verzeiht, Sir, - versteh ich das richtig, dass Ihr uns helfen werdet?“

Jess sah den Jungen überrascht an. Er war zwar ebenso schmutzig wie die anderen Gestalten, doch war an der Kleidung zu erkennen, dass sie aus kostbaren Stoffen gefertigt war. Es handelte sich hier offensichtlich nicht um das Kind einfacher Leute, und seine Wortwahl bekräftigte die Vermutung noch.

„Mit wem habe ich die Ehre, wenn ich fragen darf?“ Der große Pirat bedachte das Kind mit einem interessierten Blick.

„Mein Name ist Alejandro Vasquez y Tirado, Sir. Darf ich auch Euren Namen erfahren?“ Der Junge stand aufrecht und sah Jess herausfordernd an. Intelligente Augen blitzten ihn aus dem schmutzigen Gesicht entgegen.

„Ich bin Captain Jess Morgan. Du kannst mir auch sicher verraten, was ihr hier macht und woher ihr kommt, Alejandro?“ Jess ließ sein Gesicht wieder über die umliegenden Gestalten gleiten. „Gibt es bereits Tote unter euch oder Fieberkranke?“

„Ja, wir haben in eine Ecke zwei tote Kinder getragen. Und dort hinter den Kisten …“ Er zeigte mit ausgestreckter Hand direkt hinter Jess, „… liegen etwa zehn Kinder mit Fieber. Die meisten von uns stammen aus spanischen Hafenstädten. Sie sind dort von der Mannschaft dieses Schiffes von den Straßen entführt worden.“

Jess nickte und sah Lanea an.

„Leider eine übliche Vorgehensweise, um junge Sklaven in die neue Welt zu transportieren und sein Geld damit zu machen.“ Dann blickte er wieder ernst den Jungen an.

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