Kitabı oku: «Die Tränen der Waidami», sayfa 8

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Torek seufzte und wischte sich über die müden Augen. Er sah so viel und wusste so viel, dass es ihn manchmal schlicht erschöpfte. Inzwischen brauchte er nicht einmal mehr in der Gegenwart eines Menschen sein, um gezielt Visionen über ihn hervorzurufen. Es reichte, wenn er der betroffenen Person einmal begegnet war. Niemals zuvor hatte ein Seher solche Fähigkeiten besessen, und dennoch brachte es ihn nicht überall an sein ersehntes Ziel. Sehnsüchtig dachte er an Shamila, rief sich den warmherzigen Ausdruck ihrer Augen in Erinnerung, der früher immer darin gewesen war. Der Ausdruck war verschwunden, seitdem er für ihren Vater arbeitete.

Mühsam unterdrückte er ein Gähnen. Er sollte besser ein wenig schlafen. Er griff nach der Kette und streifte sie wieder über den Kopf, dann wankte er zu der schmalen Koje und ließ sich hineinsinken. Für einen Moment lag er mit geöffneten Augen da und lauschte den Geräuschen an Bord. Es war relativ ruhig. Keine Schüsse fielen mehr. Sicher waren wieder alle Mann an Bord, und die Treasure nahm gehorsam Kurs auf Waidami. Torek lächelte. So schlecht war es gar nicht. Der erste Ausflug mit Morgan war ein Erfolg. In ein paar Tagen waren sie wieder zu Hause, und er würde wenigstens einen Blick auf Shamila werfen können. Die Versuchung wurde immer größer. Er hatte sich einst geschworen, niemals in ihre Visionen zu schauen, aber sein größter Wunsch war es, sie einst zu seiner Frau machen zu können.

Nur ein Blick!

Was konnte es schon schaden?

Er hatte es geschworen.

Aber nur sich selbst. Nichts war verwerflich an einem Blick.

Nur einen einzigen Blick auf ihre Augen werfen und dann würde er sofort wieder aus der Vision herausspringen.

Noch während der Wunsch in ihm immer größer wurde, schob sich bereits das Bild von Bairanis Tochter in seinen Kopf. Ihre dunklen Locken schimmerten blauschwarz. Mit ihren tiefbraunen Augen sah sie ihn direkt an. Ihr Blick traf geradewegs in sein Herz. Sie lächelte ihn an, wie sie ihn früher immer angelächelt hatte, wenn sie sich begegnet waren. Toreks Herz begann schneller zu schlagen. Er fühlte sich ertappt. Beschämende Hitze versengte seine Wangen, und er schlug die Augen nieder. Genau das hatte er nicht gewollt. Er wollte sie nicht heimlich betrachten wie ein Verrückter, der sich mit seinen Gefühlen nicht ans Licht wagte. Er wollte sie nicht ansehen, ohne dass sie die Möglichkeit hatte, auch ihn anzusehen. Bitterkeit überkam ihn, und er wischte die Vision fort. Für eine Weile lag er so da und spürte dem Nachhall der Vision hinterher. Scham und Sehnsucht paarten sich mit dem Wissen, dass Shamila nicht ihn so angelächelt haben konnte. Aber wer mochte derjenige gewesen sein?

Es ging ihn nichts an.

Es stand ihm nicht zu. Nicht bei ihr.

Der Verlust ihres Lächelns war der Preis für seinen Erfolg bei ihrem Vater. Möglicherweise war es nur gerecht.

Plantage

Cale und Lanea verhielten ihre Pferde auf einer Hügelkuppe. Unter ihnen lag in einem Tal ein Plantagenhaus. Wie ein Fremdkörper stand es inmitten von üppigen grünen Bäumen und Sträuchern, an deren Rand sich einfache Holzhütten demütig unter dem prachtvollen Weiß des Herrenhauses duckten. Lanea seufzte unwillkürlich, als ihr Blick auf die Sklavenunterkünfte fiel. Sie hatte die Sklaverei immer verabscheut. Und jetzt sollte sie selber auf einer Plantage leben, die von der Arbeit dieser armen Seelen abhängig war. Ein Seitenblick auf Cale bewies ihr, dass er das Gleiche denken musste. Sein Gesicht wirkte ablehnend, und sie hätte eine Dublone für seine Gedanken in diesem Augenblick gegeben. Doch sie fragte nicht und schwieg, so wie sie es getan hatten, seitdem sie an Land gegangen waren.

Das war es also! Vor ihnen lag ihr neues Zuhause, ihre Zuflucht und ihre Zukunft. Lanea hätte beinahe wieder geseufzt, doch sie hielt sich im letzten Augenblick zurück.

Cale nickte ihr kurz zu und schnalzte dann leise. Sein brauner Wallach zockelte los, als könnte er es kaum erwarten, sein neues Heim zu beziehen. Doch Lanea hielt die Zügel fest in der Hand und blieb, wo sie war. Plötzliche Panik schlich in ihre Brust und griff nach ihrem Atem.

Wie konnte sie das nur tun? Wie? Wie konnte sie einfach der See den Rücken kehren und all den Männern, die ihr so ans Herz gewachsen waren? Wie konnte sie Jess hier vergessen? Sie hatte geschworen, ihn nie im Stich zu lassen. Ihr Vater selbst hatte ihr das abverlangt, als sie an Jess verzweifelt war. Doch er hatte sie weggestoßen. Wieder einmal. Er hatte sie einfach zurückgelassen. Ohne ein Wort des Abschieds war er gegangen. Wie konnte sie ihm das verzeihen und wie noch zu ihm halten? Indem sie sich auf einer Plantage verkroch und dem salzigen Seewind aus dem Weg ging? Ihr neues Heim war weit genug im Inselinneren, sodass sie nicht Gefahr lief, versehentlich an die Küste zu gelangen. Mit brennenden Augen sah sie in den Himmel und seufzte nun doch. Die Wolken flogen dahin, wie in einem Wettstreit mit den Vögeln, unter denen sich glücklicherweise keine Seevögel befanden. Und doch spürte sie genau, wohin es die Wolken trieb. Dahin, wo sie ihnen am liebsten auf der Stelle folgen wollte.

»Lanea?« Cales Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er war auf der Hälfte des Abhangs stehengeblieben und hatte sich im Sattel herumgedreht. Sein Gesicht war schmaler geworden; die Kinnlinie härter, als kaute er immer noch auf der Demütigung herum, von seinem besten Freund und Captain einfach über Bord geworfen worden zu sein.

Dachten sie wirklich, dass sie hier dem Schatten Jess Morgans und der Waidami entkommen konnten? Cale war gezeichnet, so wie sie auch. Jess hatte ihn zu dem Mann gemacht, der er heute war. Und auch sie konnte die Zeit mit ihm nicht verleugnen, jedenfalls nicht mehr lange.

»Ich komme gleich. Gib mir einen Moment«, entgegnete sie leise. »Bitte!«

Wieder nickte er, keine Spur von Ungeduld in der Miene. Er ritt ein Stück weiter hinab und wartete dort erneut, doch diesmal ohne sich nach ihr umzudrehen. Ihre Panik wuchs unter seinem Gleichmut. Wie konnte er dieses Leben nur so gelassen betrachten? Lanea atmete tief ein und sah sich um. Sie betrachtete die Büsche und Bäume, die Gebäude und vermisste bereits jetzt aus tiefstem Herzen die See. Alles hier umstand sie wie eine Mauer, die nichts anderes im Sinn hatte, als sie von der See abzuschneiden. Dabei brauchte sie das Meer. Sie war ihr gesamtes Leben nie weit davon entfernt gewesen, und nie war ihr bewusst gewesen, wie sehr sie es brauchte. Wie sehr das Blut der Ka’anu in ihr pulsierte und die Nähe zum Meer einforderte.

»Cale?« Ihre Stimme klang viel zu dünn. Auch Cale bemerkte die Stimmung darin. Er wendete sein Pferd und sah zu ihr hinauf. »Was tun wir hier, Cale? Wir können doch unmöglich unser Leben an diesem Ort verbringen.« Lanea umzeichnete mit ihrem Arm einen großen Bogen, der alles um sie herum einschloss. »Wir können doch unmöglich leugnen, wer wir sind.«

Cale seufzte und sah sich ebenfalls um. Seine Stirn legte sich in Falten, als bemerkte er erst jetzt, wo sie sich befanden. Dann sah er sie wieder an. Seine Miene verschloss sich wie eine Auster, während er sprach: »Du willst wissen, was wir hier tun? - Wir lecken unsere Wunden.«

»Und dann?«

Cale trieb sein Pferd wieder an und lenkte es in Richtung Plantage. »Dann machen wir uns wieder auf den Weg und werden den Waidami ein wenig ins Handwerk pfuschen.«

Wunden

Missmutig schritt Bairani den Gang entlang, der ihn zur Sichtungshöhle führte. Die Zeremonie war inzwischen nur noch zeitraubend und zu einer längst überflüssigen Pflicht geworden. Sie lieferte keine neuen Erkenntnisse mehr. Die Seher offenbarten nichts, was Torek nicht schon längst getan hatte. Dennoch scheute er sich davor, mit dieser Tradition zu brechen. War es doch noch eine der letzten Möglichkeiten, die Bindungen zu den anderen Sehern aufrechtzuerhalten. Immer mehr machten deutlich, dass sie es nicht schätzten, wie die Piraten der Waidami die Karibik überschwemmten. Wie einst Ronam und Tamaka!

Die Erinnerung riss eine alte Wunde wieder auf. Bairani knurrte unwillkürlich. Das grollende Geräusch wurde von den glattgehauenen Wänden zurückgeworfen und folgte ihm, als wäre ihm mehr auf den Fersen als nur sein Zorn.

Als er nach einer Weile die Höhle betrat, empfingen ihn die Seher wie gewohnt mit ehrerbietig geneigten Häuptern. Jeder hatte seine ihm zustehende Position eingenommen, was seltsam anmutete, da sich heute nur sieben Seher hier versammelt hatten. In der weiträumigen Höhle, die für größere Ansammlungen vorgesehen war, wirkten sie seltsam verloren. Doch die anderen Seher befanden sich auf See. Langsam wurde es schwierig, für die vielen Schiffe auch die begleitenden Seher zu stellen.

Bairani setzte eine wohlwollende Miene auf, die er sich für jede Zeremonie angeeignet hatte, als wäre es eine Maske. Wohlwollen gegenüber der Schar dieser Männer war wohl das Letzte, was er für sie empfand. Dennoch trat er wie üblich in den Kreis und ließ seine Augen über die Männer wandern, die ihre Augen geschlossen hatten, um sich ganz auf die Visionen in ihrem Inneren zu konzentrieren. Die Gier, die ihn einst beherrscht hatte, als er noch nach dem einen Piraten gesucht hatte, war einem Desinteresse gewichen, das er nur schwer verbergen konnte. Diese Suche war längst beendet.

Bairani breitete seine Arme aus, um endlich die Zeremonie hinter sich zu bringen. Er selbst richtete sein Augenmerk auf sein Innerstes und sprach die Alten Worte, ohne sich ihrer bewusst zu sein. Einer nach dem anderen schloss sich leise murmelnd an, um aus den Bildern der Visionen ein Netz zu weben. Doch noch während sich die einzelnen Bilder aneinanderfügten und sich zur Höhlendecke erhoben, bemerkte er das seltsame Flackern, das von einigen Visionen ausging. Sie schwankten, stabilisierten sich kurz, nur um sich plötzlich in Nichts aufzulösen. Die Bilder, die sich direkt daneben befanden, nahmen das Flackern auf, erzitterten und verschwanden, eins nach dem anderen. Bis das gesamte Netz sich wieder aufgelöst hatte.

Misstrauisch kniff Bairani die Augen zusammen, als er die Schuld in Samadis Miene sah. Erabor daneben blinzelte und wischte sich unsicher über das Gesicht. Keiner wagte es, den Blick zu heben. Nein, bis auf Ifasor, der den Kopf hob und ihn ohne jede Umschweife ansah.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte der Oberste Seher mühsam beherrscht. Die Maske des Wohlwollens ließ er fallen, als er direkt vor Ifasor trat. Sie war nicht mehr notwendig. Selbst jetzt hielt der Mann frech seinem Blick stand.

»Wir denken, dass es an der Zeit ist, Euch unsere Unterstützung zu verweigern«, sagte er mit fester Stimme. »Schon Ronam hat an Euer Gewissen appelliert, als wir anderen hier noch lange nicht darüber nachdachten, welche Ziele Ihr tatsächlich verfolgt. Doch nun ist es an der Zeit, die Augen nicht mehr davor zu verschließen. Thethepel hat uns dieses Eiland und das Leben darauf nicht geschenkt, damit wir das Leben anderer zerstören.«

»Du möchtest mir also erklären, was der richtige Weg ist? Du möchtest mir, dem Obersten Seher, erklären, was die Göttin von uns erwartet?« Bairani senkte gefährlich seine Stimme. Er hatte es geahnt. Irgendwann hatte es einfach so kommen müssen. Doch Ifasor ließ sich davon nicht beeindrucken. Ein Fanatiker, der die Warnzeichen eines tödlichen Sturmes nicht sehen wollte oder ignorierte.

»Die Göttin Thethepel gab uns unsere Fähigkeiten, um UNSER Volk zu beschützen. Mit dem Missbrauch dieses Geschenks treten wir ihr Andenken in den Dreck. Wir werden Euch keine Visionen mehr geben, die dazu beitragen. Denn wir sind sicher, dass als Strafe ein Unglück über Waidami hereinbrechen wird.«

Langsam trat Bairani einen Schritt zurück. »Das ist es also, was ihr wollt?« Sein Blick wanderte wie zu Beginn der Zeremonie von einem zum anderen. Diesmal sahen ihn die Männer unsicher an. Keiner hatte den Mut, sich ihm entgegenzustellen, außer Ifasor. Das ließ ihn vermuten, dass sie von ihm nur angestiftet worden waren. Sie waren zu feige, eine eigene Meinung zu haben und diese auch kundzutun. »Und ihr glaubt, ich nehme das einfach so hin? Eine Verweigerung dem Obersten Seher gegenüber? Ungestraft?«

»Die Sichtungszeremonie findet jedenfalls nicht mehr mit uns statt, solange Ihr Euren Weg nicht ändert«, entgegnete Ifasor ruhig. »Ihr könnt uns nicht alle töten lassen, so wie einst Ronam.« Damit nickte er in die Runde und ging. Die anderen schlossen sich ihm wortlos an, nicht ohne noch einen hastigen Blick auf den Obersten Seher zu werfen.

Bairani sah ihnen nach, dann lächelte er böse.

»Kann ich nicht?«, fragte er in die Stille der nun einsamen Zeremonienhöhle, die nur von den verklingenden Schritten der schon bald toten Seher gestört wurde.

*

Nicht lange danach verneigte sich Torek zufrieden und eilte mit schwungvollen Schritten aus den Höhlen Bairanis.

Es war soweit!

Er wusste es, seitdem er heute Morgen aufgewacht war. Heute war sein ganz persönlicher Festtag. Heute war der Tag, an dem Recam sterben würde, so wie er es ihm damals prophezeit hatte. Recam, der ihm so übel mitgespielt hatte, als er noch kein Seher gewesen war. Ein leichtes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, als ob ihn die Erwartung auf diesen einen Moment immer belastet hätte. Und jetzt freute er sich wie damals als kleiner Junge, wenn seine Mutter ihm eine Überraschung versprochen hatte. Nur, dass es heute keine Überraschung gab, jedenfalls nicht für ihn. Denn er wusste ja nur zu genau, was kommen würde. Freudig rieb er sich die Hände. Als er aus den Höhlen trat, sog er die feuchtwarme Luft ein und blinzelte in die Sonne, als würde er dies alles zum ersten Mal sehen. Dann grinste er. Der Pirat lehnte lässig an einer Seite des Felsenbogens, so wie er es ihm befohlen hatte. Auch dies war ein Grund, sich großartig zu fühlen. Ein Geschmack, nach dem sich sein Selbstbewusstsein verzehrte. Tatsächlich war der Rest ihres kleinen Ausfluges, nachdem sie die spanischen Schiffe versenkt hatten, recht erfolgreich verlaufen. Morgan war widerspenstig seinen Befehlen nachgekommen, als er ihm befohlen hatte, eine kleine Ansiedlung zu überfallen und dem Erdboden gleichzumachen. Auch wenn er aus seiner Verachtung ihm gegenüber keinen Hehl gemacht hatte, hatte er letztendlich getan, was Torek ihm auftrug, nachdem er das Amulett wieder ins Spiel gebracht hatte. Ein Kauffahrer, der zufällig ihren Kurs kreuzte, hatte dann sämtliche unterdrückte Wut des Piraten zu spüren bekommen. Der Einsatz des Schmuckstückes war nicht mehr vonnöten gewesen.

»Morgan!«, rief der junge Seher und ging zu ihm hinüber. »Es gibt da eine Angelegenheit, die dringend von dir erledigt werden muss.«

Der Pirat sah ihm mit hochgezogener Augenbraue entgegen und verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust. Ansonsten zog er es vor, seine lässige Haltung beizubehalten, was Torek insgeheim ärgerte. Auch wenn er kaum erwartet hatte, dass dieser ihm freiwillig Respekt zollte.

»Welche Schiffe sind es diesmal?«

»Keine Schiffe«, Torek winkte ab. »Du wirst ein paar Verräter für uns beseitigen.«

»Das ist wohl eher eine Aufgabe für Eure Wächter. Sie sind doch von Euch dazu abgerichtet worden.«

»Abgerichtet werden bei uns nur die Kapitäne«, entgegnete Torek kalt und griff an das Amulett. Genau das war es, was er wollte. Er wollte, dass der Pirat sich wehrte. Er wollte ihm zeigen, wie leicht es für ihn war, ihn zu unterwerfen. Immer und immer wieder wollte er ihm das beweisen. Doch Morgan tat ihm nicht den Gefallen. Er zuckte mit den Schultern, ließ die Arme sinken und stieß sich leicht von dem Felsen ab.

»Also? Wer sind Eure Verräter?«, fragte er verächtlich. »Ein paar Fischer, die es gewagt haben, nicht den Boden zu küssen, über den Eure Seher wandeln?«

»Genau genommen handelt es sich dabei selbst um Seher. Der Grund hat dich nicht zu interessieren. Es sind sieben!« Und vier Wächter. Doch das verschwieg er, denn es spielte keine Rolle. Jedenfalls nicht für Morgan, der jetzt tatsächlich grinste, dass seine ebenmäßigen Zähne aufblitzten.

»Und keiner von ihnen hatte eine Vision darüber?« Morgan lachte sarkastisch.

»Keiner außer mir«, versicherte Torek mit einer Spur Genugtuung. »Visionen über das eigene Schicksal sind höchst selten. Für die meisten Seher ist es zu gefährlich, wenn sie in einer Vision einem anderen Seher begegnen. Dessen Visionen sind Teil von ihm und überschwemmen den Seher, der ihn sieht. Wenn es sogar noch die eigenen sind, ist es als würde man in einen Spiegel sehen, der die Visionen auf einen anderen Spiegel wirft. Die wenigsten sind in der Lage, dieser Flut Herr zu werden.«

»Wo und wann?«, fragte Morgan unbeeindruckt.

»Jetzt! Auf dem Weg zur Werft. Bairani hat sie dorthin befohlen, weil neue Schiffe mit ihren Kapitänen verbunden werden sollen.«

»Sind sie in Begleitung?«

Torek verkniff sich einen Fluch. »Vier Wächter«, antwortete er widerwillig. Dabei konnte es Morgan gleichgültig sein. Er wusste nichts von Toreks persönlichen Racheplänen. Dennoch ging es ihm beinahe zu schnell. Bisher hatte Morgan sich ihm ständig entgegenstellt. Konnte es sein, dass es ihm tatsächlich nach dem Blut der Seher so sehr gelüstete? Beinahe enttäuscht rieb er mit dem Daumen über den glatten Stein des Anhängers. »Ich werde dich im Auge behalten. Keiner der Gruppe darf überleben.«

Morgan legte eine Hand auf sein Herz und verbeugte sich mit einem anzüglichen Lächeln auf den Lippen: »Es wird mir eine Freude sein.«

*

Jess ließ sich in die Strömung seiner Umgebung fallen und schlug den Weg in Richtung Werft ein. Ein seltsames Gefühl, nachdem er so oft davon gekostet hatte, wie es war, wenn ihm dies von Torek oder Bairani aufgezwungen wurde. Doch diesmal war er frei. Niemand lenkte seinen Willen. Und das war auch nicht nötig. Er war es, der die Seher töten wollte. Auch wenn ihm nur zu deutlich bewusst war, dass Torek dies für seine Zwecke nutzte. Aber ein Seher war wie der andere. Sie entführten Kinder und manipulierten die Menschen von dem Moment an, in dem sie ihre Fähigkeiten erhielten, bis zu ihrem Tod. Und jetzt eilte der Tod auf sieben von ihnen zu. Sieben Männer weniger, die mit ihren Visionen spielen konnten wie kleine Götter. Es war ihm gleichgültig, womit sie den Unmut Bairanis heraufbeschworen hatten. Jess verließ den Weg und schlängelte sich zwischen das Dickicht. Die Blätter und Zweige waren voller Wasser, das in den vergangenen Tagen herabgeregnet war. Dadurch waren sie nachgiebig, und Jess konnte sich nahezu lautlos hindurchbewegen. Vertrockneten und abgestorbenen Teilen wich er geschickt aus, ebenso wie den Lebewesen, die sich vereinzelt zwischen den Pflanzen verbargen.

Das laute Brechen eines trockenen Astes verriet ihm, dass Torek ganz offensichtlich seine Verfolgung aufgenommen hatte. Jess blieb stehen und wandte sich um. Zwischen das fließende Leben rings um ihn schob sich eine undefinierbare Erscheinung wie ein Schatten und störte mit seiner Andersartigkeit das Gefüge des Dschungels. Obwohl er den Seher nicht lesen konnte, war er doch auf diese Weise sichtbar für ihn. Jess ging zurück und sperrte seine Empfindungen aus. Unmittelbar vor ihm stand der junge Seher, der konzentriert mit zusammengepressten Lippen eine Pflanze vorsichtig zur Seite schob, während er auf dem Boden auf einen toten Ast trat. Das Knacken war so laut, dass Bewegung im Unterholz entstand und eine Schar kleiner Vögel zeternd über dem Boden davon huschte. Torek fluchte, schob den Zweig beiseite und sah sich unvermittelt Jess gegenüber, der ihn kalt ansah. Seine Augen wurden groß, und der Mund öffnete sich zu einem Schrei. Mit einer schnellen Bewegung hielt ihm Jess die Hand vor, während er sich zum Zeichen, dass er ruhig sein sollte, einen Finger an die Lippen legte. Für einen Wimpernschlag durchzuckte ihn der Gedanke, die Hand einfach um Toreks dünnen Hals zu legen. Doch nahezu im selben Augenblick spürte er, wie es in seiner Herzgegend immer heißer wurde. Torek stand leichte Panik in den Augen, aber er war tatsächlich auf eine derartige Situation gefasst gewesen.

»Was tut Ihr hier?«, fragte Jess leise und fluchte innerlich über die verpasste Chance.

»Mich davon überzeugen, dass du deinen Auftrag zu meiner Zufriedenheit erledigst.« Toreks Stimme zitterte leicht. Ihm war die günstige Gelegenheit durchaus bewusst. Eine Unaufmerksamkeit von ihm würde genügen. Er war unleugbar leichte Beute und stand vollkommen alleine einem jagderprobten Raubtier gegenüber. Mit beiden Händen hielt er die einzige Waffe, die er hatte, und umklammerte fest das Amulett. Jess konnte die Präsenz des Sehers spüren, wie sie an seinem Verstand kratzte, um einzudringen. Er hasste dieses Gefühl.

»Wie soll ich eine Gruppe Seher in Begleitung von Wächtern überraschend angreifen, wenn Ihr durch den Dschungel stolpert, als wolltet Ihr ihn abholzen. Man braucht kein Seher zu sein, um misstrauisch bei dem Lärm zu werden, den Ihr veranstaltet.«

Torek zögerte einen Moment. Deutlich war ihm anzusehen, dass er darüber nachdachte, wie er angemessen reagieren konnte. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, Jess erneut zu erniedrigen oder ihn den Auftrag erledigen zu lassen, an dem er anscheinend auch ein persönliches Interesse hatte. Dann nickte er langsam.

»Ich werde mir einen anderen Beobachtungsposten suchen. Aber sei dir bewusst, dass ich die Sache in die Hand nehmen werde, solltest du den Versuch wagen, auch nur ein Leben zu verschonen.« Demonstrativ klopfte er auf das Amulett.

Jess beugte sich vor, trotz des stärker werdenden Zugriffs von Torek. »Wieso sollte ich das Leben eines Sehers verschonen? Ich betrachte es als Training für einen ganz speziellen Mann.«

Er gab Torek keine Gelegenheit zu antworten, sondern wandte sich um und verschwand im Dschungel.

Ungestört setzte er seinen Weg fort und trat erst kurz vor der Treppe, die zur Werft hinunterführte, auf den Pfad. Dort setzt er sich gelassen auf einen Felsen. Vor nur wenigen Augenblicken hatte er eine Gruppe von Männern überholt, die eine gelangweilte Strömung in sich trugen. Das mussten die Seher in Begleitung der Wächter sein, von denen Torek gesprochen hatte. Kurz hatte er überlegt, sie aus dem Hinterhalt heraus anzugreifen. Die Wächter waren nur zu viert. Da diese auf der Insel normalerweise keine Giftpfeile mit sich trugen, dürfte er leichtes Spiel mit ihnen haben. Von den Sehern erwartete er nicht mehr an Gegenwehr, als dass sie davonliefen. Aber er wollte vorher gesehen werden. Er wollte die Überraschung in den Gesichtern der doch so allwissenden Seher erkennen. Außerdem führte zur Werft nur dieser eine Weg, der einen großen Bogen hinab ins Dorf beschrieb. Es würde nicht weiter schwer sein, einem Flüchtigen den Weg durch den Dschungel abzuschneiden. Diese Stelle war gut gewählt, das musste er Bairani und Torek zugestehen.

Die Strömungen näherten sich. Als sie um eine Biegung traten, ging eine Welle durch die Männer, die die Langeweile mit einem Mal fortwischte und aufmerksame Wachsamkeit trat an ihre Stelle. Nur einer von ihnen verströmte offenes Misstrauen. Seine Hand sank unmissverständlich auf den Griff seines Langmessers.

»Was tut Ihr hier oben, Pirat?«, fragte er und gab den anderen ein Zeichen zum Stehenbleiben.

Für einen flüchtigen Moment schob sich die Erinnerung an Hong wie ein Geist in Jess’ Kopf, der ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn mahnend ansah. Er begab sich hier und jetzt auf genau den Pfad, von dem ihn der Chinese dereinst abgebracht hatte. Es war die wilde Freude auf Gewalt, beflügelt von dem hilflosen Zorn, der in einem Mann brodeln konnte. Doch Hong gab es nicht mehr, und der andere Weg hatte ihm auch nicht mehr eingebracht als Verluste. Jess neigte seinen Kopf auf die Seite und lächelte den Anführer an: »Ich könnte behaupten, dass ich mir die Schiffe ansehen will. Doch warum lügen?« Damit ließ er sich fallen, tauchte in die Strömungen ein und riss die Schwerter von seinem Rücken. Der erste Wächter landete auf dem harten Felsenboden. Noch bevor er reagieren konnte, hatte Jess ihm mit dem linken Schwert die Beine unter dem Körper weggerissen. Mit der Rechten parierte er den Schlag des Anführers. Der Mann war schnell und wich geschickt den herumwirbelnden Klingen aus. Flink warf er sich herum, landete neben seinem schreienden Kameraden und riss dessen Langmesser an sich. Jess wollte vorstoßen, als er Strömungen hinter sich bemerkte. Er wirbelte herum und traf den dritten Wächter an der Schulter. Mit dem rechten Bein nutzte er den Schwung der Drehung und trat dem vierten Mann gegen die Brust. Der Tritt schleuderte ihn an den Rand des Weges, wo er mit dem Kopf gegen einen Felsbrocken schlug und regungslos liegenblieb.

Die Zeit nutzte der Anführer, um ihn erneut zu attackieren. Jess wehrte die überraschend kräftig ausgeführten Schläge ab, machte einen langen Schritt zur Seite und stach mit einer schnellen Bewegung einem Seher in den Hals, der nicht wie die anderen zurückgewichen war. Der Anführer schrie auf und sprang ihm nach. Jess drehte sich aus den Schlägen heraus. Von der Seite drang der an der Schulter verletzte Wächter auf ihn ein und erwischte ihn am Arm. Jess griff nach seinem Handgelenk und riss den Verblüfften wie ein Schild vor sich. Von seinem Schwung nach vorne getrieben, konnte der Anführer nicht mehr abbremsen und durchbohrte seinen eigenen Mann. Ohne auf den verzweifelten Schrei zu achten, ließ Jess den Toten fallen und wirbelte herum. Während die Leiche mit dem Langmesser des Anführers zu Boden sackte, sperrte er die Strömungen aus und rannte zwischen die vor Angst erstarrten Seher. Wie ein Wolf wütete er unter ihnen und ließ seine Schwerter wie ein zuschnappendes Gebiss in alle Richtungen wirbeln. Drei Seher brachen ohne jede Gegenwehr zusammen. Zwei weitere drängten sich wie verängstigte Schafe hinter einen Mann, der seine Arme schützend vor ihnen ausgebreitet hatte. In seinen Augen stand das Wissen, dem unvermeidlichen Ende gegenüberzustehen. Ruhig sah er Jess entgegen.

»Nein!«

Jess wandte sich gelassen um und stieß zu. Der Anführer wich knapp aus und wurde trotzdem noch von den Klingen an den Oberarmen getroffen. Blut quoll aus den Schnitten, die aufklafften, als der Krieger sich breitbeinig vor die Seher stellte, beide Arme angewinkelt, die Langmesser zum Einsatz bereit. Jess brauchte nicht nach den Strömungen zu greifen, um zu wissen, dass er zu allem entschlossen war. Ein guter Mann, der seinen letzten Atemzug in die Erfüllung seiner Aufgabe legte. Und wenn er nur die Gelegenheit bekam, konnte er zu einem außergewöhnlichen Krieger heranwachsen. Denn der Mann, der vor ihm stand, war noch sehr jung für einen Anführer. Er konnte kaum mehr als neunzehn oder zwanzig Jahre alt sein. Doch diese Gelegenheit würde er nicht mehr erhalten. Selbst wenn er die Waffen senkte, was ein Mann wie er nie tun würde, konnte Jess ihn nicht am Leben lassen. Längst hatte er Torek bemerkt, der sich einen erhöhten und sicheren Beobachtungsposten in den Felsen gesucht hatte. Und plötzlich war es ihm zuwider. Er schlachtete die Männer ab, während der Seher sich das Ganze wie ein unterhaltsames Spektakel ansah. Zögernd stand Jess da und betrachtete die zusammengeschrumpfte kleine Gruppe vor sich. Der Seher, der schützend vor den anderen gestanden hatte, löste sich von ihnen und kam auf Jess zu.

»Bleibt stehen, Seher!«, befahl der junge Krieger immer noch schweratmend und wollte sich dem Seher in den Weg stellen. »Er wird Euch töten.«

Doch der Mann schüttelte nur den Kopf und trat furchtlos dem Piraten gegenüber.

»Ich habe Euer Zögern bemerkt. Aber der Weg, den Ihr eingeschlagen habt, ist der Richtige, mein Junge.« Der Seher warf einen Blick aus dunklen Augen zu Torek hinauf, bevor er sich erneut an Jess wandte. «Er wird Euch sicher zu dem Moment geleiten, der für uns alle, die dem Treiben Bairanis ein Ende setzen wollen, von so großer Bedeutung ist. Verlasst ihn nicht, nur weil er Euch lang und beschwerlich erscheinen mag. Tut alles, was vonnöten ist und lasst die Gespenster Eurer Vergangenheit nicht Eure Zukunft bestimmen.«

Selbst jetzt noch versuchte sich dieser verdammte Seher an der Manipulation. Jess gab dem aufwallenden Hass nach und stieß zu. Das Schwert bohrte sich tief in das Herz des Mannes, der, von dem verzweifelten Aufschrei des Kriegers begleitet, zusammenbrach.

Der Angriff kam schnell und immer noch mit erstaunlicher Kraft. Jess duckte sich darunter hindurch und zog das Schwert über den muskulösen Bauch. Der Wächter blieb stehen, als wäre er vor eine Wand gerannt. Die Langmesser entfielen seinen Händen, als er sie auf die Wunde presste. Ungläubig sah er auf sie hinab und brach in die Knie. Jess trat mit leichtem Bedauern an ihm vorbei und richtete seine Aufmerksamkeit auf den traurigen Rest der kleinen Schar.

»Geh fort, Pirat!«, kreischte der eine Seher und schlug abwehrend mit den Händen nach Jess, als könnte er ihn wie eine lästige Fliege vertreiben. Der Zweite drehte sich auf den Fersen herum und rannte los. Jess machte sich nicht die Mühe, ihm nachzusetzen. Er nahm sein Schwert, holte aus und schleuderte es. Mitten im Lauf traf es den Seher zwischen die Schulterblätter. Ein kurzer Schrei. Der Seher fiel der Länge nach hin und rutschte über den Staub. Reglos blieb er liegen.

»Ich kenne dich!«, kreischte der andere weiter und presste sich jetzt an die Felsen in seinem Rücken, als könnte sich eine verborgene Tür dahinter öffnen. »Du bist Morgan, die neue Klinge Bairanis. Sag ihm, es wird ihm nichts nützen. Er wird verlieren und kann sein Schicksal so wenig abwenden, wie du das deine!« Seine Augen flackerten panisch, und die Spucke sprühte bei jedem Wort aus seinem Mund. Angeekelt setzte Jess auch seinem Leben ein Ende.

Als das Klatschen Toreks in die Totenstille fiel, ließ Jess das Schwert sinken. Voller Verachtung sah er zu dem Seher, der umständlich herabkletterte und sich mit einem befremdlichen Lächeln umsah. »Was für ein Schauspiel«, sagte er und kniete sich schließlich mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht zu dem jungen Anführer. Jess runzelte die Stirn. Er hatte tapfer gekämpft und war der stärkste Gegner gewesen. Noch lebte er, doch sicher nicht mehr lange. Seine Brust hob und senkte sich unter heftig zitternden Atemzügen, in dem vergeblichen Bemühen, die klaffende Wunde in seinem Bauch zu ignorieren.

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9783742748058
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