Kitabı oku: «SCHIKO – Portraitskizzen: Der Schulmeister aus einem vergangenen Jahrhundert», sayfa 4
1.1.3 „Widerstand und Friede – die Verantwortung vor der Geschichte
“Verabschiedung der Abiturientinnen und Abiturienten am 12. Juni 1987 (Festansprache: StD. Schikore)
Werte Gäste! Werte anwesende Kolleginnen und Kollegen!
Liebe Eltern unserer zu verabschiedenden Schüler!
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Ihr eigentlich angesprochenen in dieser Stunde!
Gestattet dem Älteren in der Stunde des Abschieds noch einmal das vertrautere Personalpronomen, um Euch in einer unpersönlicher werdenden Zeit den Übergang zum Neuen, noch Unbekannten, nicht allzu krass erscheinen zu lassen.
Ich habe aus drei Überlegungen lange Zweifel gehabt, ob ich der Bitte von Herrn Rechtmann, Euch im Namen der Schule zu verabschieden, entsprechen solle. Erstens: Ist nicht Euer heute von uns bescheinigte Erfolg und der nicht zu verschweigende Nicht-Erfolg von institutionellen und personalen Unwägbarkeiten beeinflusst worden? Was soll da eine Feier zum Abschied? Zweitens: War nicht Eure Schulwirklichkeit ein „Büffeln“, ein „Jagen“ nach Noten, Punkte – und davon möglichst gute und möglichst viele –, mit denen Euch Staat und Gesellschaft durch computergesteuerte Zähl- und IQ-berechnete Testverfahren die Startbedingungen in eine „Leistungselite“ oder in ein „Aussteigerdasein“ offen oder geschlossen halten? Was sollen da Wünsche zum Abschied? Drittens: Was erinnert Euch denn später einmal an diese namenlose Schule, diese anonyme Bildungseinrichtung, die in verordneter Traditionslosigkeit versäumt hat, Euch Leitbilder vorzugeben, deren Wirken und Lebensweg Jüngere, Nachkommende zu eigenverantwortlichem Handeln motivieren? Was sollen in einer zunehmend sprachlosen Zeit Worte zum Abschied? Lasst Ihr nicht vielmehr den Vorwurf an uns zurück, Euch sprachlos gemacht zu haben in einer Zeit, die so dringend der Worte bedarf? Ich versuche, Euch zu antworten. –
Im Frühjahr des Jahres 1986, in der Woche nach Tschernobyl, wird in der 5. Klasse der Bielefelder Laborschule die Frage behandelt, wie es mit unserem Planeten weitergehen werde. Ein 11jähriger Junge schreibt zu dem Thema: „Es wird keinen Krieg mehr geben, die Luft wird wieder klar sein. Die Menschen werden nur noch Katalysator-Autos fahren. Computer wird es bald auch nicht mehr geben, weil die Menschen immer mehr arbeitslos werden. Die Bombenflugzeuge werden abgeschafft. Die Bäume werden grüner. Die Leute werden viel vernünftiger. Sie kapieren, dass das Ganze falsch war.“ Auch dies schreibt ein dreizehnjähriges Mädchen: „Die Erde wird vernichtet. Das Leben ist nur noch mit Robotern möglich. Die Häuser, Straßen und Firmen bestehen aus Eisen, Blech und Kunststoff. Autos werden durch Raumschiffe und Eisenroller ersetzt. Das Leben ist ohne Helm unmöglich; er besteht aus einem Funkgerät, einer Gasluftmaske, einer Antenne und einem kleinen Bildschirm. Es ist nirgendwo etwas Grünes zu sehen. Alles ist grau, hart und kalt. Die Menschen ernähren sich von künstlichen Sachen. Erdöl, Gas, Steinkohle und die anderen Metalle gehen langsam zu Ende. Der Tageslauf besteht aus Heroin, Alkohol und Schlägereien. Bald gibt es keine Menschen mehr. So stelle ich mir die Zukunft vor.“
100 Jahre zuvor schreibt ein deutscher Philosoph, Friedrich Nietzsche, die seherischen Worte: „Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon in einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“
Niemand weiß, was aus jenen Kindern, die so geschrieben, wird. Die älteren von uns haben alle ein Stück von dem, was Nietzsche sah, erfahren: Verdun, Stalingrad, Auschwitz, Dresden, Hiroshima. Spiegelt sich nicht in den naiv-erschreckten Kinderaugen die zu Ende gedachte Logik unserer historischen Existenz wider?
Ich bin bei meinem heutigen Thema: Widerstand und Friede - die Verantwortung vor der Geschichte. Ich habe dieses so scheinbar gegensätzliche Wortpaar aus einer Sammlung von Aufsätzen zur Politik des von mir sehr geschätzten marxistischen Philosophen Ernst Bloch übernommen. Bloch ist jener Denker, der uns das „Prinzip Hoffnung“ als konkrete Utopie einer in der Zukunft zu verwirklichenden realen Demokratie vorstellt, indem der arbeitende Mensch sein Dasein radikal begreift, es an der Wurzel fasst und sich Heimat gründet. Und das – so müssen wir heute feststellen – in einer Zeit, da die Menschheit im Begriff ist, sich radikal auszulöschen. Wo ist Euch Hoffnung? Wo ist Euch Zukunft?
Ein Grundübel, dem es zu widerstehen gilt: der Verlust von Eigenverantwortung und die Herrschaft durch Fremdbestimmung. Nicht erst seit heute wissen wir, dass die einst in der Geschichte mit viel Verzweiflung, Blut und Tränen erstrittenen Freiheitsrechte des einzelnen, dass die Vorstellungen der Menschen von einer vom Volkswillen getragenen und legitimierten Herrschaft zu reiner Makulatur in Schullehrbüchern und Propagandaschriften politischer Parteien degradiert worden sind. Im Zeitalter von Atomkernspaltung und Genmanipulation gelten andere Herrschaftsbedingungen. Der konservative Soziologe Helmut Schelsky hat das Verhältnis zwischen Mensch und Staat im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Zivilisation – schon 1961 – wie folgt definiert: „An die Stelle des politischen Volkswillens tritt die Sachgesetzlichkeit, die der Mensch als Wissenschaft und Arbeit selbst produziert … Der Sachzwang der technischen Mittel, die unter der Maxime einer optimalen Funktions- und Leistungsfähigkeit bedient sein wollen, enthebt von diesen Sinnfragen nach dem Wesen des Staates. Die moderne Technik bedarf keiner Legitimität; mit ihr ‚herrscht‘ man, weil sie funktioniert und solange sie optimal funktioniert … hier ‚herrscht‘ gar niemand mehr, sondern hier läuft eine Apparatur, die sachgemäß bedient sein will … Das Volk im Sinne des Ursprungs der politischen Herrschaftsgewalt wird dann zu einem Objekt der Staatstechniken selbst.“
Dies ist doch die Sprache, die wir täglich aus den Medien und selbst aus den Sitzungssälen unserer Gemeinwesen hören: dieses „optimale funktionieren“, diese „technischen Notwendigkeiten“, diese „Sachgesetzlichkeiten“ und „Planvorgaben“. Das ist doch der Zustand, in dem wir heute leben: abhängig, gespeichert und gesteuert von einer anonymen Apparatur, die uns den vermeintlichen Spielraum individueller Freiheit und politischer Eigenverantwortung nur noch in von sogenannten Sachzwängen bestimmten Fachausschussentscheidungen belässt. „Management“ ist heute gefragt. In den Top-Etagen der großen Glaspaläste managet man Arbeitsplätze wie Börseneinlagen; unsere tägliche Angst um Berufswahl, Broterwerb und Alterssicherung ist Arbeitsmarktstrategien, Inflationsraten und Außenhandelsbilanzen ausgesetzt. Und alles unter der verführerischen Zauberformel: „Mehr Wachstum“. In den Hauptstädten der Welt planen an Konferenztischen Krisenstäbe ihr Krisenmanagement, während die Menschen sich in Städten und Dschungeln zerbomben, zerfleischen oder in Wüsten verhungern. Und alles unter dieser gedanken- und bedenkenlosen Devise: „Weiter so.“
Das zweite Grundübel, dem es zu widerstehen gilt: der Verlust an Frieden und die Herrschaft durch Abschreckung. Seit den Tagen des alten Heraklit geistert das Leitwort des Krieges durch die Menschhirne, dieses „pólemos patér hapánton“: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. Zweieinhalbjahrtausende Menschheitsgeschichte haben nicht vermocht, die Zahl der Getöteten und die Stätten der Zerstörung dem Machtwahn Einzelner oder einzelner Staaten als abschreckendes Beispiel vorzuhalten. Vielmehr halten Politiker und Militärs Eurer Generation mit dem Strategiekonzept einer nuklearen Abschreckung Waffenarsenale und Vernichtungspotentiale bereit, die, kämen sie zur Anwendung, ein Nachdenken darüber unmöglich machten: Es gäbe uns nicht mehr. Und nicht wenige von Euch müssen solche Waffen handhaben lernen, die uns alle töten. Das ist heute die Perversion, die letzte Konsequenz des Waffenhandwerks. Wir wären unaufrichtig, feige, würden wir Euch das nicht sagen.
Bevor ich zur Skizzierung der Wurzeln dieses Übels komme, muss ich eine in der Öffentlichkeit gerne vorgebrachte Behauptung richtigstellen: Erst der militärischen Präsenz und der nuklearen Abschreckung verdankten wir in Europa seit mehr als 40 Jahren den Zustand des Friedens. Das stimmt ja so gar nicht: So wie es den ‚schäbigen Krieg‘ gibt, gibt es auch den ‚faulen Frieden‘ (Bloch). Und in einem solchen Zustand leben wir hier in Europa seit 1945: An mehr als 150 Kriegen mit mehr als 30 Millionen Toten sind in diesen vier Jahrzehnten die Bündnisländer beider Militärblöcke, NATO und Warschauer Pakt, beteiligt gewesen mit Waffenlieferungen, Ausrüstungen, Ausbildern und Geld. Auch unsere Rüstungsindustrie verdient am Geschäft mit Waffen.
Wo aber sind die Wurzeln dieses Unfriedens? Kriege finden nicht aus heiterem Himmel statt, Kriege werden gewollt, d. h., sie werden im Innern des Menschen geboren und sind Ausdruck friedloser Gesinnung. Ein einzelner Mächtiger, eine Gruppe von Mächtigen, eine Weltmacht will den Krieg und beschließt ihn dann auch. Da aber kein Politiker und keine Regierung gerne zugeben, Macht- und Eroberungsgelüste zu befriedigen, muss das Argument der Verteidigung, der Notwehr Existenz und Handlungen des Militärs rechtfertigen. Das aber heißt – ich zitiere jetzt wieder Nietzsche: „…sich die Moralität und dem Nachbar die Immoralität vorbehalten, weil er angriffs- und eroberungslustig gedacht werden muss, wenn unser Staat notwendig an die Mittel der Notwehr denken soll … Diese Voraussetzung ist aber eine Inhumanität, so schlimm und schlimmer als der Krieg: ja, im Grunde ist sie schon die Aufforderung und Ursache zu Kriegen, weil sie dem Nachbar die Immoralität unterschiebt und dadurch die feindliche Gesinnung und Tat zu provozieren scheint.“
Wir stoßen hier auf die nächste Wurzel des Übels: Feindliche Gesinnung setzt Feindbilddenken und Bedrohungspsychosen voraus. Und wer sich bedroht denkt, rechtfertigt das Mittel massiver Abschreckung, die selbst wieder Drohung ist und erneute Bedrohung auslöst. Von all dem – glaube ich – haben gerade wir Deutschen in unserer jüngsten Geschichte genug erfahren. Aber gelernt zu haben aus ihr scheinen wir nicht.
Ich befürchte, die jüngsten mahnenden Worte des Bundespräsidenten auf der Kommandeurstagung der Bundeswehr sind auf wenig offene Ohren gestoßen. Wenn der verantwortliche Minister auf der 24. Wehrkundetagung in München im Februar dieses Jahres ein nachlassendes Bedrohungsbewusstsein der westlichen Bevölkerung bedauert und kritisiert hat und der Generalinspekteur der Bundeswehr auf jener Kommandeurstagung in Oldenburg als Begründung neuer Rüstungsforderungen die Bedrohung aus dem Osten angeführt hat, dann zeigt sich hier staatliche Macht nicht bereit, ja, unwillens, auch nur im Ansatz militärische Denkkategorien aufzugeben – und wir bedürfen so dringend friedfertiger! „Sich wehrlos machen, während man der Wehrhafteste war, aus einer Höhe der Empfindung heraus – das ist das Mittel zum wirklichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen muss.“ Vor dieser Chance – von Nietzsche uns vor über 100 Jahren in Worten hinterlassen – steht die Menschheit jetzt.
Nur fürchte ich, das erste große, mit viel Hoffnung in Ost und West erwartete Abrüstungsvorhaben im Bereich der atomaren Mittelstreckenraketen wird sich aus militärischen Sachzwängen und bündnispolitischen Strategieplänen zerschlagen. Und die Bundesrepublik wird ihren Anteil daran haben. Es gibt einflussreiche Kräfte bei uns, die die Null-Lösung in jenem Bereich verhindern wollen. Und wenn mit Beginn der 90er Jahre die verbleibenden Pershing-1A-Raketen modernisiert werden, hat die Bundesregierung wohl endgültig vor ihren Bürgern die Glaubwürdigkeit und vor der Geschichte den Anspruch verloren, den Frieden endlich gewollt zu haben. –
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten! Ich konnte hier nur aus meiner Sicht und meiner Erfahrung eine Zustandsbeschreibung der Wirklichkeit skizzieren, in die Ihr nun entlassen werdet. Sie scheint wenig einladend. Bei aller funktionierender Anonymität, bei aller Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit, bei aller noch so organisierter Perfektion: Wir sind zurückgeworfen auf unsere Menschlichkeit. Das klingt paradox, ist aber d i e Chance zur Umkehr in einer Welt, die wissend ans Ende will. Ihr aber seid Anfang! Ihr müsst diese Chance zur Umkehr ergreifen, mit dem Mut zum Widerstand gegen das, was Euch diese, Eure Welt kaputtmacht. Ich kann Euch dafür keine Patentrezepte geben, Ihr selbst müsst sie Euch erfahren. Und niemand kann sich drücken, jeder ist gefordert: wo Ihr auch weiterlernt, wo Ihr auch arbeitet, wo Ihr auch lebt. Wehrt Euch gegen die Gleichgültigkeit in dieser Welt! Wehrt Euch gegen den Hochmut in dieser Welt! Wehrt Euch gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt! Wehrt Euch gegen die Gewalt in dieser Welt, woher sie auch kommt. Hier liegt Eure Verantwortung f ü r diese Welt. Eure Kraft hierzu sei Zivilcourage!
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1.1.4 Nach-Wort im Jahrbuch an die Entlassenen des Abiturjahrgangs1988
(StD. Klaus Schikore (Kurslehrer u. Abiturkoordinator)
Unser Leben hat viele Abschiede. Einer der leichtesten ist wohl der von der Schulzeit: 13 Jahre „Zwang“ – im Einzelfall mögen es auch 14 sein – können über Bord geworfen werden, und man fühlt sich in der frisch gewonnen geglaubten „Freiheit“ am Beginn seines nun eigentlich erst richtig eigenständigen Lebens, am Anfang seiner „Selbstverwirklichung“. So viele Anführungszeichen, so viele Einschränkungen schon beim Nach-Wort auf die zu Entlassenden?
Nach-Wort ist nicht „Nachruf“ – unsere Sprache unterscheidet hier recht gut. Nach-Wort ist hier gemeint von einem, der bleibt, an die, die gehen oder schon gegangen sind: in ihren Hoffnungen, Wünschen, Plänen. Es ist der Gruß des Lehrers (er bleibt: in seiner Pflicht vor dem nächsten Jahrgang, der nächsten Schülergeneration) an die Schüler, die gegangen sind, mit einem Zertifikat in Händen, von dem man meint, es öffne die Tür Eurer Berufswünsche, und das landläufig doch immer noch „Reifezeugnis“ genannt wird. Welche Widersprüche müsst Ihr nun neu erfahren?
Was haben wir Euch also mitgegeben, wenn das Nach-Wort eines Bleibenden Euch beim Fortgang begleitet? Sind nicht Zweifel angebracht an dem, was Präliminarartikel zum Schulgesetzt an Erziehungs- und Bildungsauftrag einer Öffentlichkeit vorstellen, und dem, was Schulwirklichkeit daraus macht? Hier liegt doch ein erster Grund für den „Zwang“, dem Ihr nun enthoben zu sein meint. Aber an dieser Schulwirklichkeit, unserem Schulalltag, sind beide Seiten beteiligt: Lehrer und Schüler. Jenen Widerspruch zwischen Auftrag und Alltag müssen wir uns teilen.
Hier liegt die Wurzel jenes „Zwanges“, den Ihr nun meint, hinter Euch gelassen zu haben; hier liegt das Grundverständnis oder Missverständnis von „Freiheit“, die Ihr durch die Schule vorenthalten bekommen zu haben meint; hier liegt der Anfang aller „Selbstverwirklichung“, von der viele meinen, mit so schneller Zunge reden zu müssen. Schüler und Lehrer sind auf Jahre – mal kürzer, mal länger – aufeinander angewiesen. Sicher, wir suchen einander nicht aus, und einige verstehen einander, andere nicht – aber, das ist ja nicht jener „Zwang“. Sondern der tägliche Ablauf der (doch noch) kleinen Pflichten: das tägliche Aufstehen-Müssen, der tägliche Gang zur Schule, die Hausaufgaben (wenn man sie gemacht hat), die Klassenarbeiten oder Klausuren, die Zensuren, die Zeugnisse … das sind doch all diese Zwänge. Und in ihren wöchentlichen, monatlichen und jährlichen Wiederholungen seht Ihr ja uns, die Lehrer.
„Mich schafft diese Schule“ hörte ich dieser Tage eine Schülerin besonders laut sagen, als ich vorbeiging. So haben doch die meisten von Euch – sicher gab und gibt es Ausnahmen – auch empfunden. So müsst Ihr ja auch empfunden haben – Ihr seid doch jung. Und wer sieht in Eurem Alter und aus eigenen Stücken oder gar gerne ein, dass Schule notwendig der erste gesellschaftliche Kontrapunkt Eures heranwachsenden und sich orientierenden, sich probierenden Lebens ist? Und wir Lehrer sind es, an denen Ihr Euch – zugestandenermaßen oder nicht – reibt und gerieben habt. Bildungsauftrag und Schulalltag: Reibefläche Eurer Individualitäten! Persönlichkeiten wachsen selten in Harmonie. Solltet Ihr diese Erfahrung beim Abschied, beim Fortgang über Bord werfen, vergessen wollen?
Unsere persönliche Freiheit ist bestimmt durch die Notwendigkeit sozialer (= mitmenschlicher) Verantwortung. Hierfür muss ich mich in die Pflicht nehmen lassen. Die Gesellschaft, in die wir Euch entlassen, ist eine Ellenbogengesellschaft, die nur an das denkt, was sie hat und was ihr nützt, die Sinn und Inhalt von Leistung nur misst nach Zahl, Haben und Gewinn. (Das Gegenbild – es gibt es noch – wird eher ausgelacht als ernstgenommen.) In diese Gesellschaft, die ihr soziales Gewissen mit der täglichen Statistik über Millionen von Arbeitslosen, mit täglichen Hunger- und Elendsbildern aus den unterentwickelten Gebieten der Erde, mit ministerieller Beschönigung immer neuer Umweltkatastrophen fernvisuell beruhigt und danach abschaltet, wachst Ihr mit Eurer „Schulweisheit“ hinein. Haben wir Euch denn die Reife vermittelt, die Ihr braucht, diese Welt für Euch selbst zu begreifen und zu bewältigen? Welche Freiheit habt Ihr denn noch – wenn nicht die aus Euch selbst heraus –, Euch diese Welt lebenswert zu gestalten?
Bei dieser Frage komme ich zurück zu jenem „Zwang“ der Schule, zu den „kleinen“ Pflichten: Sie fordern uns täglich. Aber wenn wir uns täglich in der von uns geforderten Pflicht üben (auch und gerade gegen den „inneren Schweinehund“), haben wir es im Leben leichter, die Forderung der Gesellschaft an uns zu begreifen und zu bestehen. Das hat die Schule zu leisten: lernen, dass wir eines Tages selbst Verantwortung zu übernehmen haben gegenüber dem Mitmenschen. Das kann ich nur, wenn ich gelernt habe, mich selbst in die Pflicht zu nehmen. Ich glaube, diese Erfahrung nehmt Ihr doch mit hinaus, wenn Ihr geht. Auch das macht den Abschied leichter – trotz aller Ungewissheit über den kommenden Weg, den Ihr geht.
Es zählen nicht die Punkte, die Ihr auf Eurem Abiturzeugnis mit auf den Weg nehmt … (sicher, für den Numerus Clausus einer zentralgesteuerten Studiumzulassungsquote haben sie Funktion) – aber das meine ich hier nicht. Denkt auf Eurem weiteren Lebensweg und später im Beruf nicht an diese oder ähnliche Ziffern. Was besagen sie schon? Noten, Schlüsselzahlen für den vermeintlichen Erfolg. Es zählt im Leben nur, ob Ihr anständig geblieben seid: vor Euch selbst und gegenüber anderen. Dieser Wunsch möge Euch an Eure Schule erinnern.
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1.1.5 Abiturientenentlassung Gymnasium OHZ am 14. Juni 1991
Festansprache: StD. Schikore
(LK-Kurslehrer u. Abiturkoordinator)
Meine Damen und Herren!
Sehr geehrte Eltern!
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten!
Ich schließe in der Stunde Ihrer Entlassung, in der Stunde Ihres Abschieds auch den jungen Menschen mit ein, dessen Abschied – es war sein letzter – noch vor uns allen liegt und der doch gerne den heutigen Tag miterlebt hätte: Maik Junghans. An seinem kurzen Leben haben Sie wohl etwas von dem geahnt, was geschehen ist und wie schnell sich in einem Leben Anfang und Ende ereignen. Wie bewältigen wir unser Ereignis Leben? Welche Dauer ist uns zugemessen? Was überdauert uns?
Auch in dieser Stunde ereignet sich Geschehen und lässt Geschichte ahnen: Die Schule liegt hinter Ihnen als Vergangenheit, vor Ihnen öffnet sich Zukunft. Und nicht jedem Schülerjahrgang zeigt sich Geschichte in ihrem konkreten politischen Geschehen so hautnah und weltumfassend wie dem Ihrigen: Die Ereignisse der Jahre 1989, 1990 und dieses Jahres halten uns in unseren, sie begleitenden Wünschen, Hoffnungen und auch Ängsten in Atem und machen uns betroffen. Diese Betroffenheit sucht Antwort im Fragen an die Geschichte. Darum lassen Sie mich heute von der „Verantwortung vor der Geschichte“ zu Ihnen sprechen.
Das Wort ‚Geschichte‘ scheint uns bei einer ersten Begegnung mit ihm immer etwas sehr Fernliegendes, fast Fremdes und Sachliches zu sein. Wir meinen sehr oft – zu oft –, uns aus unserem Heute, aus dem Augenblick begreifen zu sollen. Doch Geschichte wohnt schon in unserem Erinnern sehr dicht bei uns. Und jeder Schritt, den wir in das Leben tun, ist zugleich ein Schritt in die Geschichte, in unsere Geschichte. Der Mensch ist in seinem Seins-Verständnis und in seinem politischen Tun ein zutiefst historisch bestimmtes Wesen. In seiner jeweiligen Gegenwart ist er in seinem Handeln und Denken immer bezogen auf seine Vergangenheit und gerichtet auf seine Zukunft, und das heißt zugleich: gerichtet auf das, was auf uns zukommt. An diesem Schnittpunkt von Gestern und Morgen – unserer Gegenwart – sind wir zu einer Entscheidung gefordert: geschehen zu lassen, was uns geschieht, oder selbst handelnd in das Geschehen einzugreifen und es mit zu bestimmen. Hier liegt eine Wesensbestimmung des Menschen, hier liegt die Wurzel dessen, was wir zu verantworten haben.
Ich möchte zum Grundverständnis des Gesagten noch ein weiteres Bild als orientierende Begriffsklärung hinzufügen: Geschichte ist Stein gewordenen Politik. Seine äußere Schale ist der Witterung von Zeit und Geschehen ausgesetzt und wird von immer neuen Schichten überlagert, bis sie – selbst Vergangenheit geworden – in ihrem sedimentären Kern Gegenwärtigen verborgen ist. Erst Neugier, Interesse und Wissensdurst nach unserer Herkunft lassen uns als Gegenwärtige den Bohrer an jenen Stein ansetzen und nach Erkenntnissen über das Vergangene suchen. Was wir an hervorgeholtem Sedimentgestein sortieren, analysieren und aufzeichnen, ist ein punktuelles Erkennen unserer selbst, dessen Wissenswertes wir festhalten, damit es Künftigen bewusst werde und eine Spanne Zeit vielleicht auch bleibe. Das heißt nun auch in andere Richtung, auf die Zukunft hin: „Wer nach vorne fragt, sieht sich unvermeidlich von rückwärts her gefragt.“ In dieser einfachen Formel meines längst verstorbenen alten Göttinger Hochschullehrers Reinhard Wittram liegt eine für unseren historischen Lernprozess grundlegende Einsicht: Wir bleiben in der jeweils neuen Generation gebunden an das Tun der vorangegangenen, wir bleiben vor der Geschichte in der Verantwortung der Generationen.
Nun ist alles Suchen nach Erkenntnis über uns auch ein Lernen an uns. Lernen aber ist immer – neben allem Festhalten an Überlieferungswertem – auch ein Begehen von Fehlern. Ich greife wieder zu einer Formel meines alten verehrten Lehrers: „Nichts auf Erden ist ohne Geschichte, kein Irrtum und keine Wahrheit.“ Hier stoßen wir auf eine weitere Bedingtheit unserer historischen Existenz: Indem wir in ein Zeitalter hineingeboren werden, sind wir Partner, Teilhaber seiner Irrtümer und Wahrheiten. Welches aber sind unsere Irrtümer, welches unsere Wahrheiten? Hier liegt eine weitere, nicht gering zu veranschlagende Schwierigkeit, Geschehen zu verantworten. Wir bleiben eingebunden in den Relativismus unserer historisch-ideologischen Bedingtheit, die immer auch ein Relativieren von Werten meint. Von hier aus wird die Begründung politischen Handelns aus einer historisch gesetzten sittlichen Norm schwierig.
Ich will mein Thema nicht ausweiten, ob und wieweit unser politisches Handeln aus dem Bekenntnis zu einer Gesinnungsethik begründet oder von der Einsicht in eine Verantwortungsethik geleitet ist. Ich will nur den Unterschied skizzieren, aus welchen Motiven politisches Handeln historisch dokumentiert ist. Wenn auf den Kreuzzügen des Mittelalters – ich muss in den Vergleichen stark vereinfachen – die Glaubenskrieger mit der Bibel und dem Schwert in der Hand zum Kampf gegen die Ungläubigen (welche doch auch Gläubige waren) auszogen, dann lag in dem politischen Machtanspruch der Päpste der Absolutheitsanspruch auf die alleinige und ewige Wahrheit. Wenn in den roten Revolutionsarmeen unseres Jahrhunderts die geschundenen Proletarier mit den Parolen eines Marx und Lenin im Munde und mit dem Gewehr in der Hand zum Sturm auf die Paläste zogen, dann lag in dem politischen Anspruch auf Weltrevolution der Absolutheitsanspruch des Menschen auf Verwirklichung eines Erdenglücks. Nicht Kreuzritter, nicht Barrikadenkämpfer zählten die Toten, die im Namen ihrer Fahnen durch ihre Schwerter oder ihre Kugeln endeten. Segen oder Weihe jener Fahnen vollzog sich nach den Forderungen einer religiös bzw. ideologisch verbrämten institutionellen Moral.
In diesen beiden grob skizzierten historischen Bildern liegt ein in unserer gesamten abendländischen Geschichte nachzuzeichnender Dualismus unseres Wertebewusstseins. Einfacher ausgedrückt: die Frage nach ‚Gut‘ und ‚Böse‘ und nach dem ihr innewohnenden Widerstreit. Dies ist und bleibt zugleich die Frage nach der moralischen Instanz unseres politischen Tuns, die Frage nach unserer persönlichen Verantwortung.
„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ – dieser von dem großen deutschen Philosophen Immanuel Kant 1788 in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ formulierte Kategorische Imperativ ist gleichsam das moralische Einzugsmotto der Neuzeit. Antike und Christentum finden in ihren Wertvorstellungen bzw. in ihrer Wertetradition zu ihrem abendländischen Kulminationspunkt: dem Humanismus. Hier liegt der Beginn unseres neuzeitlichen politischen Selbstverständnisses, der Beginn einer auf der Freiheit der Person und auf Recht und Gesetz ruhenden staatlichen Ordnung. Und jener Kategorische Imperativ entsprang dem Geist der Aufklärung.
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit … Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Diese Worte Kants richten sich an den einzelnen und fordern ihn auf, sich im Denken und durch das Denken vernünftig zu orientieren, um zu praktischem – sprich: moralischem – Handeln zu gelangen. Erst in seiner Mündigkeit wächst dem Menschen Verantwortung zu.
An den Beginn unseres modernen politischen Selbstverständnisses gehört auch der Name des Mannes, gegen den wegen seiner ketzerischen Schriften Haftbefehl erlassen wird und dessen Bücher öffentlich verbrannt werden: Jean Jaques Rousseau. „Der Mensch wird frei geboren“, sagt er und „überall liegt er in Ketten.“ Und diese Unterdrückung beginne mit dem Eigentum: „Der erste, der sein Stück Land einzäunte und sagte: das gehört mir, war der Gründer des Staates und der Ungleichheit.“ Dennoch sieht Rousseau gerade im Staat die Ermöglichung und Verwirklichung von Freiheit: Indem ihm der allgemeine Wille freier Individuen in einem Gesellschaftsvertrag (contrat social) zugrunde gelegt wird. Hier haben wir das Postulat der Volkssouveränität. Und so lautet die Konsequenz seines Freiheitsbegriffs: „Der Gehorsam gegenüber dem Gesetz, das man sich vorgeschrieben hat, ist Freiheit.“
‚Vernunft‘ und ‚Freiheit‘ – gebunden in der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft als die Garanten, uns den Menschheitstraum vom Frieden zu ermöglichen, vom Glück, von Würde?
Was aber ist von diesem Menschheitstraum vom Frieden, vom Glück, von der Würde geworden? Widerlegen nicht die uns fast gegenwärtigen Bilder vom Todesmarsch des kurdischen Volkes, die Schreie aus den Elendsregionen und Flüchtlingslagern dieser Welt jene Vokabeln von ‚Freiheit‘ und ‚Vernunft‘‘ in der Geschichte? Bestätigen sie nicht vielmehr die Unfähigkeit des Menschen, aus der Geschichte zu lernen und sich seiner Verantwortung bewusst zu sein? Wir stoßen hier auf die Frage, was wir im Wissen um unsere Geschichte anderen schuldig sind. Wir stoßen hier auch auf die Frage nach der Schuld in unserem politischen Tun, die sehr dicht bei unseren Entscheidungen wohnt. Wir stoßen hier auf das Problem der Schuld in unserer Geschichte. Ich sagte einmal an anderer Stelle: Erst wer schuldfähig ist, weiß um Verantwortung. Das hieße umgekehrt: Ein Politiker, der um Schuld nicht weiß, handelt ohne Verantwortung, ist verantwortungslos.
Lassen Sie mich, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, in diesem letzten Teil meiner Ausführungen persönlich zu Ihnen sprechen und den Geschichtslehrer, der ich in all den hinter mir liegenden Jahren auch war, etwas zurückstellen. Sie und ich, wir sind Reisende auf dem Bahnsteig „Schule“, auf dem es immer ein Kommen und Gehen gibt. Wir sind die Gehenden – nur mit dem Unterschied: Sie verlassen die Stätte Ihres Lernens heute, ich die meines Lehrens wenige Tage später. Sie stehen im Aufbruch, ich im Abruf. Und noch ein Unterschied ist da: Sie gehen in die Verantwortung hinein, ich gehe aus der Verantwortung hinaus – und dennoch bleiben wir in der Verantwortung der Generationen. Ich habe Ihnen jetzt noch zu sagen, worin wir unserer Verantwortung bewusst werden.
Ich komme aus einem Deutschland, das in meiner Kindheit und Jugend sehr anders war und viel größer als das, in dem Sie aufgewachsen sind. Das Land, in das Sie hinausgehen, ist nun wieder größer als das, in welchem Sie groß geworden sind, aber doch um ein Beträchtliches kleiner als das meiner Kindheit. Ich komme aus einem Deutschland – und es ist jetzt auch das Ihre –, dem zweimal in seiner Geschichte Schuld zugewiesen worden ist: für die Jahre der NS-Herrschaft und für die Jahre der SED-Herrschaft. Zu beiden Zeiten sind Verbrechen begangen worden, am Menschen: Er wurde verfolgt, in Lager verfrachtet, gefoltert, getötet – Zahlen machen hier keinen Unterschied, sie sind groß genug. Aber auch heute wird verfolgt, gefoltert, getötet – auf allen Kontinenten dieser Welt. Wo bleibt uns Orientierung?
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