Kitabı oku: «Die Engel der Madame Chantal», sayfa 8
»In den letzten vielen Wochen habe ich ja unendlich viel Zeit gehabt«, begann Miranda. »Ich habe viel gelesen und recherchiert … auch über dich und deinen Harald.«
Für Chantal waren diese Worte keine Überraschungen. Schließlich hatte sie ja auch unendlich viele Informationen über ihren Gast eingeholt. Allerdings nicht selbst. Das erledigten Ferdinand und Sven. Sven war ein IT-Genie.
Was sollte sie in diesem Moment auch antworten. Deshalb schwieg sie zunächst, und genoss den Rotwein.
»Nie hätte ich es für möglich gehalten. Aber dein Harald war vermögend, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Nach meinen Informationen hatte er sogar eine Beteiligung an einem großen chinesischen Konzern gehabt.«
»Stimmt. Das habe ich mit eingefädelt.«
»Duuu?!«
Chantal lachte dunkel.
»Ja. Vor zwei Wochen war Tao Lin-Lin, der Inhaber, bei mir. In meiner Villa im Odenwald. Wir haben nicht nur Kaffee getrunken.«
»Sag‘ dass das nicht wahr ist!«
Miranda stellte ihr Weinglas krachend auf den Tisch. Bedeutet das, dass du …?«
»Ja. Harald hat mir alles vermacht. Die letzten Wochen waren irrsinnig spannend und arbeitsreich. Das war der Grund, warum ich unser Rendezvous so lange hinausschieben musste. Leider.«
»Ach du meine Güte. Dann … dann.«
Miranda blickte ihre Freundin mit versteinerte Mine und offenem Mund an.
Und dann erzählte Chantal die ganze Geschichte. Ihre Freundin und Geliebte sollte es wissen. Damit sie das, was gleich folgen würde, richtig einordnen konnte.
»Tao hat mir die Position des Aufsichtsrates angeboten. Natürlich nicht für den chinesischen Konzern, sondern für das deutsche und das französische Unternehmen … und für die fünfundzwanzigprozentige Beteiligung in China«, schloss Chantal ab.
»Ach du meine Güte. Das ist ein Traumjob«, jubelte Miranda. »Ich beneide dich.«
Während Chantal die beiden Gläser wieder mit dem dunklen Rotwein nachfüllte, sagte sie fast beiläufig:
»Falsch meine Liebe. Du hast allen Grund, dich zu beneiden.«
»Wie … wie soll ich das verstehen?«, stammelte die plötzlich Hellwache.
Chantal übergab Miranda ein volles Glas, um danach ihr Glas hochzuheben.
»Lass‘ uns anstoßen auf deinen neuen Traum.«
Als sie sah, dass ihre Freundin das Glas abstellen wollte, blaffte sie diese schroff an:
»Anstoßen hab‘ ich gesagt! Das bringt sonst kein Glück. Verstanden?!«
Mit Tränen in den Augen streckte Miranda ihrer reichen Geliebten zitternd das Glas entgegen. Es klirrte dunkel. Beim Trinken rann fast die Hälfte des roten Inhalts über ihr Kinn, ihren Hals und tropfte auf die Decke. Doch danach warf sie das Glas in den Kamin, um auf Chantal zuzustürzen. Diese konnte gerade noch rechtzeitig ihr Glas ebenfalls in den Kamin schleudern.
Jauchzend und schreiend setzte sich Miranda breitbeinig auf Chantals Schoß. Sie umschlang hastig und weinend ihren Hals. Nach unzähligen wilden Küsschen gab sie ihr einen langen und innigen Kuss.
Anschließend liebten sie sich - bis die Vögel draußen im Garten wieder zu lärmen begannen.
Kapitel 13
Die Zeit war nicht stehen geblieben. Chantal hatte sogar das Gefühl, dass sie zu rasen begann.
Ihre Stammkunden waren inzwischen höchst unterschiedliche Wege gegangen.
Bruder Balduin, der Dekan, hatte sich zwar nicht unter eine Glocke gestellt, die ihn hätte zermalmen können. Stattdessen ließ er sich von einer attraktiven Witwe in seiner Heimatgemeinde trösten. Man munkelte, sie sei zu anstrengend gewesen. Er starb auf dem Weg in die Klinik. Es war ein schneller und schöner Tod.
Ronald Rehfeldt zog sich aus der Geschäftsführung der Sektfirma zurück. Er starb bei einem Abschlag auf seiner geliebten Golfanlage; ein Sekundentod.
Die Entscheidung, Miranda den Weg in eine neue Zukunft zu ebnen, stellte sich als eine gute und pragmatische Lösung heraus. Für diese Welt war Chantal nicht geschaffen. Zweifellos hätte sie sich zu sehr in diesen Sumpf hineinziehen lassen. Ihre Seele wäre darin erstickt.
Allerdings, und das war ebenfalls abzusehen, riss diese Welt Miranda mit sich. Sie sahen sich nur noch selten. Neuerdings verbrachte die Gestresste weit über die Hälfte der Zeit in China. Vor wenigen Tagen lüftete sie ihr Geheimnis. Taos Schwester Ailin war ein geteilter Pfirsich, wie man in China zu sagen pflegte. Während im alten China die gleichgeschlechtliche Liebe zur weitverbreiteten Kultur des Landes zählte, bestand die Partei auch noch heute darauf, dass es sich hierbei um einen dekadenten kapitalistischen Lebensstil handle. Repressionen waren deshalb noch immer an der Tagesordnung. Tao liebte seine jüngere Schwester über alles. Insofern betrachte er die Liebe zwischen ihr und der überaus attraktiven Deutschen als eine Fügung des Schicksals. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit. Ailin gehörten beträchtliche Teile am Unternehmen. Mit ihr musste er sich gut stellen.
Chantal entwickelte sich zunehmend zur Pragmatikerin. Mit riesigen Schritten steuerte sie auf die einundfünfzig zu. Ihre männlichen Kunden, auch des gleichen Alters, ließen sich lieber von einer duftenden und erotischen Zwanzig- oder Dreißigjährigen verwöhnen. Das Zeitalter der Begleiterinnen mit Niveau schien sich schleichend zu verabschieden. Heißer Sex war angesagter. Lange Gespräche mit einer Konkubine waren nicht mehr so wichtig. Oder redete sie sich das nur ein?
Und noch etwas hatte sich verändert. Frauen drängten zunehmend in die höheren Ebenen; bis hinauf in die Chefetagen. Sie mussten taff und durchsetzungsstark sein. Keine Ahnung, was sich die Götter dabei gedacht hatten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil gerade dieser starken Frauen schien nicht viel von Männern zu halten. Oder sie waren zwar mit Männern verheiratet; suchten jedoch Entspannung bei Frauen. Ein Großteil dieser Frauen war nicht mehr blutjung. Und diese Klientel war auf der Suche nach Frauen mit Niveau. Sex war zwar wichtig. Aber sie suchten Begleiterinnen mit Einfühlungsvermögen, mit Sanftheit und gleichzeitig mit Intelligenz oder gar Klugheit. Und solche Frauen waren nicht dichtgesät.
Nicht wenige Klientinnen sahen deshalb großzügig darüber hinweg, dass ihre Begleiterinnen nicht mehr taufrisch waren. Beim Kerzenschein fiel das ohnehin nicht auf.
Gespräche bei entspannenden Ausflügen, im dezenten Ambiente oder im Bett waren durchaus etwas Erstrebenswertes, um aufzutanken oder sich für einige Stunden oder gar Tage fallen zu lassen. Chantal liebte Miranda immer noch. Doch diese war weit weg; lag in den Armen einer Chinesin.
Eines Tages stand Chantal vor dem Spiegel und lachte halblaut.
»Was bist du für ein dummes Huhn. Eigentlich könntest du dir viele Begleiterinnen leisten. Sogar junge, knusprige Ladies. Du könntest sie aus der Portokasse bezahlen.«
Darüber sinnierte sie noch lange. Nein. Nein. Sie brauchte diesen Kick. Sie war ihr ganzes Leben lang lang Liebesdienerin gewesen. Warum sollte sich daran etwas ändern? Weil sie jetzt reich war? Okay. Was sie für ihre Liebesdienste bekam, war lächerlich im Verhältnis zu ihrem neuen Reichtum und zu ihrem Lebensstil. Ein paar Jahre wollte sie diese knisternde Welt noch genießen. Noch ein paar Jahre.
Die Zeit flog dahin. Vor allem die letzten Jahre waren wunderschön und herrlich gewesen. Selbstverständlich bis auf Haralds Tod.
Neuerdings dachte Chantal sehr oft über das Leben mit Harald nach. Es war der einzige Mann in ihrem Leben, dem sie Einblick in ihre Seele gegeben hatte. Zunehmend wurde ihr bewusst, dass sie ihn geliebt hatte; genau genommen immer noch liebte. Bei ihm fühlte sie sich geborgen; fühlte sie sich zuhause. Aber noch mehr liebte sie ihn dafür, dass er sie so genommen hatte, wie sie war. Vielleicht war es ein wenig kitschig, den großen lachenden Buddha, in dessen Bauch sich Haralds Urne befand, dezent zu beleuchten. An warmen Abendenden saß sie auf der Terrasse, blickte auf diesen Buddha und prostete Harald mit seinem Lieblingswein zu.
Eines Abends fiel ihr Professor Kubischek ein, der Harald bis zu seinem Ende begleitet hatte. Sie hatte noch seine Telefonnummer. Und sie hatte ihm versprochen, sich zu melden. Es war verrückt – aber irgendeine Stimme in ihr sagte, dass sie das Harald schuldig war.
Rolf Kubischek war ein guter und zärtlicher Liebhaber. Für Chantal war es fraglos, dass sie diesen Mann unendlich glücklich machte. Dafür untersuchte er sie alle drei Monate; selbstverständlich kostenlos.
Und dann kam dieser Tag.
Nach einer Untersuchung nahm er Chantal in den Arm. Das, was er ihr zu sagen hatte, wollte er ihr nicht mitteilen, während er in ihre Augen blickte.
»Ich … ich habe einen Schulfreund … am Bodensee. Mein Freund Harald leitet dort eine … na sagen wir mal … Nobelklinik. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Ich werde Harald bitten, dich ebenfalls zu untersuchen. Zur Sicherheit.«
Danach wurde Rolf einsilbig; sehr einsilbig. Er starrte auf seine Uhr, und hatte plötzlich einen sehr wichtigen Termin.
Am 1. Juni, es war ein wolkiger und leicht windiger Tag, schlug das Schicksal zu. Für Chantal war es, als würde eine diabolische Kraft ihr einen Dolch in die Brust rammen – und diesen noch einmal genüsslich in ihrem Leib herumdrehen.
»Es ist, wie ich das befürchtet habe, sagte Professor Harald Lemberg.
»Warum muss dieser Mann ausgerechnet Harald heißen«, fluchte Chantal in sich hinein.
Gleichzeitig hoffte sie, dass dies ein gutes Omen sein könnte. Auf alle Fälle galt dieser Professor als eine Koryphäe auf seinem Gebiet – hatte ihr Rolf mit auf dem Weg gegeben.
»Herr Professor Lemberg. Sie wissen, dass ich Ihnen voll vertraue.«
Chantal versuchte, eine gefasste und ruhige Miene aufzusetzen, obwohl ihr Herz bis zum Hals schlug.
»Bitte erklären Sie es mir so einfach wie nur irgend möglich.«
Der Professor lächelte milde. Was er zu sagen hatte, würde für diese schöne Frau hart genug sein. Nicht unwesentlich war natürlich, dass es sich um eine wohlhabende Frau handelte, die ihm bei der ersten Konsultation ein Kuvert mit 10 000,- Euro hinterlassen hatte; dezent versteht sich.
Im Laufe des Vorgespräches waren sie auf Chantals „Beruf“ zu sprechen gekommen. Dem Fachmann war schlagartig bewusst, welche Bedeutung diese schönen Brüste für diese Frau haben mussten.
»Die gute Nachricht zuerst Frau Mauriac«, begann er mit ruhiger Stimme.
»Die Brusthaut und die Brustwarzen sind Gott sei Dank noch gesund. Das ist extrem wichtig für den späteren Brustaufbau.«
»Brustaufbau!«, schrie Chantal auf.
Der Professor strich beruhigend über Chantals Hände.
»Ebenso wichtig ist, dass die bösen Biester da drinnen nicht gestreut haben. Wir konnten keine Metastasen in den Knochen oder in anderen Organen feststellen. Ich darf deshalb von einer lokalen Erkrankung sprechen.«
»Und die schlechte Nachricht Herr Professor?!«
Professor Lemberg ergriff langsam die schmalen und grazilen Hände seiner Patientin. Er hatte große und warme Hände; beruhigende Hände.
»Nun. Ich habe Ihnen offene und verständliche Worte versprochen. Wir müssen zunächst das befallene Gewebe entfernen.« Er neigte seinen Kopf von der einen auf die andere Seite und blies seine Luft leise durch die geschlossenen Lippen.
»Da dieses Bist da drinnen im Verhältnis zur Brustgröße nicht unbeträchtlich ist, habe ich mich mit weiteren Experten beraten. Danach sehen wir es als geboten, weiteres Gewebe zu entnehmen. Wie groß dies sein wird, entscheiden wir während der Operation. Damit wollen wir das Risiko ausschließen, dass die Krankheit noch einmal aufflammt. Ich hoffe, dass Sie mit dieser Vorgehensweise einverstanden sind Frau Mauriac.«
Danach schwieg der Professor.
Er wollte ihr Zeit geben, das Gesagte einzuordnen.
Chantal hatte registriert, dass der Professor alles daransetzte, das böse Wort „Tumor“ zu umschiffen. Sie blickte dem Professor in die Augen. Kleine Tränen sickerten langsam über ihre Wangen.
»Da muss ich mich ganz auf Sie verlassen Herr Professor.«
Ihre Blicke wurden hilfesuchender.
»Beide Brüste Herr Professor?«
»Ja. Frau Mauriac. Leider.«
War er ein guter Schauspieler? Oder fühlte sich der Professor persönlich tatsächlich betroffen, als er mit einem tiefen Seufzer flüsterte:
»Das passiert mir nicht oft Frau Mauriac. Aber mir blutet ein wenig das Herz.« Er legte seine Hände wie eine Waagschale Chantal entgegen, um mit seiner warmen Stimme hinzuzufügen:
»Priorität hat das Leben; das Überleben.«
Er tätschelte sanft auf Chantals Hände. Hierbei versuchte er ein Lächeln aufzusetzen.
»Ich verspreche, dass wir Ihnen zwei Schmuckstücke zaubern werden, auf die sie ebenfalls stolz sein werden. Aber darüber sprechen wir nach der Operation und den notwendigen Nachbehandlungen.«
Kapitel 14
Es war eine kluge Entscheidung, die Operationen nicht in Frankfurt vornehmen zu lassen. Die Zeiten zwischen den Nachbehandlungen hätte Chantal mit Sicherheit allein in ihrer Villa zugebracht.
Nein. Im Moment wollte sie niemanden aus ihrem bisherigen Freundeskreis sehen; noch nicht einmal Iris oder Manuela. Und auch nicht Miranda.
Hier, in dieser herrlichen Klinik, wurde sie sensibel und optimal betreut. Vielleicht noch wichtiger war es, hautnah mitzuerleben, dass sie nicht allein war mit ihrem schlimmen Schicksalsschlag.
Viele Stunden unterhielt sie sich mit der gutaussehenden Frau aus dem Allgäu. Ihre beiden süßen Mädchen liebten die Mutter über alles; hingen an ihr wie Kletten. Für diese Frau, sie hieß Sonja, war es sekundär, dass ihr die Ärzte beide Brüste vollständig entfernen mussten. Sie kannte nur ein Ziel: Überleben; da sein für ihre Töchter; mit ihnen zu sprechen, zu singen und sie aufwachsen zu sehen.
Sonja war Besitzerin eines Hotels. Um das Hotel, und vor allem um die Töchter, musste sie sich keine großen Sorgen machen. Auf ihre Eltern konnte sie sich verlassen. Allerdings: Wolfgang, ihr Mann, hatte sie vor vier Monaten verlassen; war zu einer Jüngeren und Gesünderen gezogen; hatte inzwischen die Scheidung eingereicht, und war nicht darauf erpicht, die süßen Mädchen zu sehen.
Und da war Viola Straubinger. Als Chefsekretärin in einer großen Versicherung fehlte ihr nun der tägliche Stress. Im Unternehmen wusste man, warum sie hier in dieser Klinik war. Ihre größte Sorge schien zu sein, dass später alle auf ihren Busen starren würden. Nach drei Wochen musste man sie auf eine Spezialabteilung verlegen. Sie hatte versucht, sich das Leben zu nehmen.
Fünf, oder manchmal sogar fünfzehn Frauen, saßen in einer Runde, um sich unter sanfter Anleitung auszutauschen; sich ihre Sorgen von den Seelen zu reden oder gemeinsam zu weinen. Sie nahmen sich schluchzend in die Arme. Und sie fühlten hautnah, dass sie nicht alleine waren mit dieser Scheiße.
Professor Lemberg hatte Chantal im Vorfeld beruhigt. Bei ihr würden vergleichsweise wenig Bestrahlungen notwendig werden. Allerdings sei es sinnvoll und anzuraten, den Heilungsprozess mit einer Chemotherapie zu begleiten – hatte er es vorsichtig ausgedrückt. Nennenswerte Nebenwirkungen seien nicht zu erwarten.
Aber trotzdem lagen jeden Tag viele ihrer langen schwarzen Haare auf dem Kopfkissen. Seitdem trug sie ihre Haare leicht hochgesteckt.
Sonja dagegen trug eine bunte Wollmütze. In einer der vielen Gruppensitzungen zeigte sie eines Tages lachend und weinend ihre Glatze. Eines Tages tauchte sie jedoch mit einer Echthaarperücke auf. Sie beteuerte schluchzend, keinen Unterschied zu ihrer früheren Haarpracht entdecken zu können. Angeblich hatte ihr gestern irgendjemand ein Päckchen mit dieser Perücke zukommen lassen. Chantal lächelte in sich hinein. Zwei Wochen zuvor hatte sie ihrer Leidensgenossin ein Foto stibitzt. Diese Szene, als die kleinen Töchterchen ihre „neue“ Mutti mit kleinen Tränchen in den Augen anstarrten, konnte man mit Geld nicht aufwiegen.
Trotz dieser segensreichen Ablenkungen schlidderte Chantal von Woche zu Woche in eine Talsohle; in eine Grube mit glitschigen Wänden, an denen sie zunehmend keinen Halt fand. Oh ja, die Betreuerinnen hatten empfohlen, in der Nacht nicht ihre Brüste, oder was davon noch übrig war, abzutasten; sich vor allem nicht vor den Spiegel zu stellen. Das sagte sich so leicht.
Deshalb, vor allem in den Nächten, haderte Chantal mit dem da oben. Sie führte viele Monologe mit ihm. Wofür hatte er sie bestraft? Sie suchte nach unendlich vielen Gründen. Sie weinte und schluchzte – bis irgendwann keine Tränen mehr kommen wollten.
Eines Tages besuchte sie Professor Lemberg in ihrem Appartement. Das war mehr als unüblich. Das hätte man ihm als kompromittierend auslegen können.
Und tatsächlich. Der Professor setzte sich zu Chantal auf die Couch – und griff unvermittelt nach ihren Händen. Hierbei blickte er in ihre Augen. Nein. Nein. Das waren keine lüsternen oder gierigen Augen. Vielmehr waren es bittende Augen.
»Ich habe mir inzwischen erzählen lassen, dass Sie gerne als „Madame Chantal“ angesprochen werden wollen. Also, Madame Chantal, ich habe eine Bitte an Sie.«
»Oh oh. Das scheint jetzt spannend zu werden«, lachte Chantal mit ihrer dunklen und warmen Stimme. »Ich bin ganz Ohr.«
»Ihnen ist doch inzwischen diese Sache mit Viola Straubinger zu Ohren gekommen?«
»Nicht nur das. Ich habe zuvor mit ihr viele Gespräche geführt.«
»Umso besser. Dann sind Sie ja voll im Thema.« Der Professor schnaufte hörbar tief durch, um leiser fortzufahren:
»Hatten Sie das Gefühl gehabt, dass diese Frau zu einer solchen Kurzschlusshandlung neigen könnte?«
»Achtzig Prozent aller Patientinnen in dieser schönen Klinik werden mit Sicherheit ein oder mehrere Male über einen solchen Schritt nachgedacht haben. Ich auch«, sagte Chantal, und versuchte schulterzuckend ein Lächeln aufzusetzen.
»Ein so hoher Prozentsatz?!« Professor Lemberg zog entsetzt seine Hände zurück, und starrte Chantal nachdenklich in die Augen.
»Mit Sicherheit könnten Sie auch ohne Hoden pinkeln. Niemand, na ja, bis auf wenige Damen, hätte eine Ahnung, dass Ihnen diese kleinen Dinger fehlen. Aber Sie wüssten es. Und das ist das Entscheidende. Mit Sicherheit sind sie jetzt hin und hergerissen zu sagen, dass man das nicht vergleichen kann.«
Der Professor lehnte sich zurück, verschränkte demonstrativ seine beiden Arme vor der Brust und prustete:
»Au weia. Diese Sätze muss ich mir für eine der nächsten Seminare merken. Ich sehe jetzt schon, wie einige meiner Kollegen eine Schnappatmung bekommen.«
»Sie werden blitzschnell sichergehen wollen, dass sie noch da sind«, gluckste Chantal.
Nachdem der Mediziner sich von seinem Lachanfall erholt hatte, griff er noch einmal nach Chantals Hand.
»Kommen wir zurück zu Viola Straubinger. Morgen darf sie wieder auf ihr Appartement. Könnten Sie sich ein wenig um sie kümmern? Von Frau zu Frau sozusagen. Damit würden Sie mir einen riesengroßen Gefallen tun.«
»Und mir quasi den Schwarzen Peter zu spielen? Und wer kümmert sich um meine schwarze Seele?«
Professor Lemberg erhob sich lachend.
»Der Teufel ist im Grunde genommen ein feiger Hund. Er sucht sich die Seelen immer nur einzeln. An zwei Seelen auf einmal traut er sich nicht ran.«
»Gut«, sagte Chantal. »Dann habe ich drei kleine Wünsche: Bei den Mahlzeiten sitzt Viola neben mir. In ihrem Zimmer wird ein Doppelbett aufgestellt. Und bitte keine weiteren Fragen hierzu.«
Der Professor verschränkte seine Hände, nickte kurz und verließ das Appartement.
Chantal ging auf die Terrasse. Sie genoss den Weitblick an diesem sonnigen Tag, und ließ ihre Gedanken schweifen.
Nach einer halben Stunde stand für sie fest: Dieser Professor war verdammt clever. Mit Sicherheit wollte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Seine drei letzten Sätze hatte er mit Bedacht gewählt. Höchstwahrscheinlich hatte er erkannt, dass auch sie in den letzten Tagen zunehmend in den Seilen hing. Ihm ging es nicht um diese blonde Viola allein. Und es ging ihm vor allem um den guten Ruf. Ein Suizid in dieser Nobelklinik war alles andere als eine gute Reklame.
Viola Straubinger wirkte um fünf oder gar zehn Jahre gealtert, als sie sich an den Mittagstisch setzte. An jedem runden Tisch saßen sechs Personen.
Wortlos legte Chantal eine Hand auf die von Viola; lange und beruhigend. Während des Frühstücks, wobei die Blondine noch nicht am Tisch saß, hatte sie mit ernster Miene höchst unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass diese Frau künftig unter ihrem Schutz stehen würde. Sie wünsche sich keine blöden Fragen! Und auch keine dummen Blicke! Daraufhin entstand zunächst einmal atemlose Stille.
Während des Abendessens hatte sich die Stimmung am Tisch bereits gelockert. Einige machten sogar wieder Späße, als sei nichts gewesen. Sie hatten wohl nachgedacht. Sonja gab Chantal zur Begrüßung lächelnd einen Kuss auf die Wange.
Die dunkle Zeit nach dem abendlichen Beisammensein war für die meisten Frauen besonders schlimm. Vor allem in den langen Nächten sagte sich die Hölle an.
Chantal hörte das Schluchzen von Viola bereits durch die geschlossene Tür. Als diese nach langem Klopfen geöffnet wurde, schlenderte sie, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, an der Weinenden vorbei; bewaffnet mit zwei Flaschen Wein und zwei Gläsern.
Während sie Platz nahm, und zwei Gläser eingoss, sagte sie lachend:
»Sich allein besaufen macht auf die Dauer keinen Spaß.«
Viola schnappte sich unaufgefordert ein Glas und kicherte mit Tränen in den Augen:
»Als du zu uns gestoßen bist, habe ich sofort gesehen, dass du einen an der Waffel hast.«
Gegen Mitternacht wurde Viola immer lockerer. Die süffige Spätlese zeigte zunehmend ihre Wirkung.
»Ich werde diese lüsternen und starken Kerle vermissen«, gluckste die Blondine lachend und mit Tränen in den Augen.«
»Saublöde Einstellung«, sagte Chantal. »Denk‘ doch mal logisch! Wollten diese Lüstlinge deine Titten oder viel eher deine Muschi?«
»Schon. Schon«, schniefte Viola. »Aber zuerst haben sie auf meinen großen Ausschnitt gestarrt – und auf meinen Hintern.«
»Der Professor zaubert dir einen noch größeren Busen. Dass da Silikon drin ist, können die Kerle doch nicht riechen. Und mit dem Po kannst du weiterhin wackeln.«
»Aber sie wollen sich auch an meinen Titten ergötzen. Stattdessen glotzen sie auf die großen Narben. Und ich sehe, wie sich ihr Schniedelwutz verabschiedet.«
Der Blondine war es offensichtlich wichtig, sich diese Szene vorzustellen. Ihr um 45 Grad ausgestreckter Zeigefinger neigte sich in Zeitlupentempo nach unten; begleitet von einem langen und immer dumpfer werdendem „Tsssssss“.
Chantal drückte der Blondine lachend einen Kuss auf die vollen und leicht zitternden Lippen.
»Ach du liebes Bisschen. Du musst noch eine ganze Menge lernen.«
»Zum Schluss noch von dir?!«, ätzte die Blondine.
»Warum nicht?«, lächelte Chantal.
»Merke dir vor allem eines. Zu viel Licht kann tödlich sein. Spiele mit dem Licht, mit deinen Augen, deinen Lippen, deiner Zunge, deinem Atem, deinen Bewegungen. Du musst deinen ganzen Körper einsetzen. Du bist die Chefin von diesem herrlichen Spiel. Nicht die Kerle. Lass‘ sie das ruhig glauben. Die meisten von diesen Burschen denken in einer solchen Situation ohnehin mit dem Schwanz. Wesentlich ist, dass du sie dorthin führst, wohin du sie haben willst.«
»Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott.«, gluckste die Blondine. So wie du es ausdrückst, sehe ich dieses Spiel plastisch vor meinen Augen. Du hast es faustdick hinter den Ohren.«
»Wir sind ja noch eine ganze Weile hier. Wenn du diese schöne Klinik wieder verlassen musst, darfst du Männern wieder zeigen, wo es langgeht. Jetzt lasse dir zuerst einmal ein paar schöne Brüste drapieren, die aus deiner Sicht zu dir passen.«
Kopfschüttelnd blickte sie Viola in die Augen.
»Du bist doch eine clevere Frau. Was hindert dich daran, diesem Scheißladen den Rücken zu kehren. Suche dir einen anderen guten Job. Vielleicht in einer anderen Stadt, wo niemand deine Geschichte kennt. Fang‘ einfach von vorn an. Eine andere Stadt bedeutet auch andere Männer. Typen, die auf deine neuen Titten stieren, und geil auf deine Muschi sind, gibt es überall.«
Chantal goss die Gläser wieder voll. Sie waren bereits an der zweiten Flasche angelangt.
»Vielleicht lächelst du dir aber auch eine gutaussehende Frau an«, flüsterte sie hierbei fast konspirativ.
»Frauen?! Igitt. Was soll ich mit Frauen?«
Chantal nahm der Blondine das Glas aus der Hand.
Und danach zeigte sie der Beschwipsten, dass die Liebe unter Frauen auch himmlisch sein kann. Männer waren schließlich auf Monate hinaus nicht greifbar.
Warum also auf die Freuden der Liebe verzichten!
Die darauffolgenden Monate in der Klinik am Bodensee vergingen wie im Flug.
Professor Lemberg brauchte Chantal nicht zu fragen, wie sie das Kunststück mit Viola fertiggebracht hatte. Die Blicke der Blondine sprachen Bände. Die Frauen tuschelten und waren neidisch.
Dieser eine Abend, diese Nacht und die darauffolgenden vielen Tage waren sowohl für Viola aber auch für Chantal wie eine Befreiung.
Sie hatten sich im wahrsten Sinne des Wortes aneinandergeklammert.
Sie hatten sich gegenseitig aus den Tiefen ihrer Qualen und Ängste herausgeholfen. Beiden Frauen war jedoch bewusst, dass sich nach diesem Klinikaufenthalt ihre Wege wieder trennen würden.
Sie verhielten sich wie unzertrennliche Schwestern; schwammen jeden Tag, machten unter Anleitung Gymnastik und ließen die Physiotherapien über sich ergehen. Die Lymphknotenoperationen hatten beträchtliche Spuren hinterlassen. Es dauerte viele Wochen, bis sie ihre Arme wieder ohne Schmerzen bewegen konnten. Sie gingen am Bodensee spazieren und saßen bis in die Nacht hinein zusammen. Fast jede zweite Nacht lagen sie zusammen im Bett. Sie streichelten sich, liebten sich und kuschelten sich eng aneinander.
Das geht schon in Ordnung, lachte der Professor, als man ihm mitteilte, dass Chantals Bett oft unbenutzt blieb.
Chantals gute Figur entpuppte sich als Fluch. Ein Brustaufbau mit Eigengewebe war schlichtweg unmöglich.
Mit einer vergleichsweise kleinen Brust wollte sie sich auch nicht zufriedengeben. Es blieb also nur die Möglichkeit, Silikonkissen einzupassen. Danach sahen ihre Brüste aus wie vor der Operation; prall und fest. Der Professor war tatsächlich eine Koryphäe. Die Narben verschwanden fast vollständig unter den Rundungen.
Der 14. November war ein kalter und sonniger Tag. Chantal und Viola wurden gleichzeitig entlassen. Viola bestand darauf, zusammen mit ihrer Freundin 14 Tage Abschieds-Urlaub in Bad Füssing zu machen.
So nannte sie das.
In einem noblen Hotel mit zwei Innen- und zwei Außen-Thermal-Becken teilten sie sich noch einmal ein großzügiges Appartement.
An einem Sonntag, Ende November, trennten sich ihre Wege. Mit Tränen in den Augen versprach Viola hochheilig, so oft wie möglich mit Chantal zu telefonieren. Natürlich würde sie so bald wie möglich nach Frankfurt kommen. Aber Chantal machte sich nichts vor. Dieses blonde Gift mit den großen neuen Brüsten würde sie bald vergessen haben. Und das war auch gut so.
Der Taxifahrer lud beflissentlich die Koffer ein sein Fahrzeug. Eine Fahrt nach Frankfurt hatte er nicht alle Tage. Als er sah, wo er seine kostbare Fracht im Frankfurter Nordend ablud, war er mit seiner Welt wieder versöhnt; zumal ihm die gutaussehende Dame einen Hundert-Euro-Schein zusätzlich in die Hand drückte.
Chantal hatte von unterwegs das Ehepaar Lorenz angerufen, das in den letzten 18 Monaten sowohl ihre Villa in Frankfurt, ihre Wohnung im 22. Stock als auch die Villa im Odenwald pfleglich behandelt hatte. Als sie das Haus betrat, flackerte bereits das Feuer im Kamin. Ausreichend Geld konnte etwas Herrliches sein.
Der Nieselregen hielt sie nicht davon ab, zunächst Harald zu begrüßen.
»Guten Tag mein Liebster«, sagte sie, während die Regentropfen das wieder länger gewordene Haar durchtränkten.
»Vor einiger Zeit habe ich nicht mehr damit gerechnet, dich wiederzusehen. Ich habe ein bisschen Silikon mitgebracht. Aber sonst geht es mir wieder prima. Du hast mir gefehlt. Ich werde dir heute Abend zuprosten. Also bis später.«
Danach wanderte sie von Zimmer zu Zimmer, um wieder Besitz von der schönen Villa zu nehmen; Heimatluft zu tanken.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
