Kitabı oku: «Wenn alles in Scherben fällt», sayfa 2

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Haus Nummer 57

Was heute am unteren Ende des Eisacktales als Bozen figuriert, das ist längst nicht mehr Bozen, das ist für mich Bolzano. Das wirkliche Bozen war das merkantile Zentrum des Tirols unterhalb des Brenners, wie es trotz der zunehmenden Italianisierung ab Beginn der Zwanzigerjahre noch heute im Alt-Bozner Stadtteil unverkennbar und spürbar ist: eine sich um die Laubengasse, diese von Ost nach West ausgerichtete Handelszeile, entwickelnde Metropolis, überschaubar und ökologisch vertretbar. Von der Talfer im Westen, dem Eisack im Süden, dem „Dorf“ und St. Oswald im Norden und Zwölfmalgreien im Osten geografisch umzingelt ist der Standort meiner Stadt. Dort habe ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht.

Den genauen Zeitpunkt des Transfers von Altötting in Bayern über Sinich bei Meran nach Bozen in das Haus Nummer 57 unter den Lauben habe ich wohl mitgekriegt, aber nicht behalten. Wenn ich ein bisschen zurückrechne, komme ich auf das Jahr 1921. Wie dem auch sei: In der „Beletage“ habe ich den Keuchhusten überstanden, die Masern überwunden und meine erste Influenza gemeistert, und das alles innerhalb eines einzigen Jahres, von meinem zweiten zum dritten Lebensjahr. Mama, die in diesem Zeitraum mit meinem ersten Bruder schwanger ging, hatte alle Hände voll zu tun. Norbert kam am 6. Juli 1922 in Bozen zur Welt: Getauft wurde er auf Josef, was Vater aber absolut nicht in den Kram passte. „I will koan Seppl!“, sagte er, deshalb wurde er einfach Norbert gerufen.

Im Oktober des gleichen Jahres lernte ich Schwester Davida kennen, im Kindergarten der „Barmherzigen“ in der Franziskanergasse, wohin mich Mama brachte, kaum war ich stubenrein geworden. Zwei Kindergartenjahre war ich mit einer Schar gleichaltriger und älterer Buben und Mädchen der Schwester anvertraut gewesen. Und wie elend war mir zumute, als ich den Klosterkindergarten mit dem städtisch-faschistischen an der Vintlerstraße, nächst dem Marienplatz, tauschen musste. Das mir völlig fremde Milieu traf mich wie eine harte Strafe, für die ich nicht die geringste Schuld trug. Per Dekret wurden alle privaten und geistlichen Kindergärten gesperrt und die Eltern verpflichtet, ihre Kinder mindestens ein Jahr vor Beginn des Schuljahres 1926/27 in öffentliche Kindergärten zu schicken. Dort sollten sie quasi spielerisch im Kontakt mit Kindern zugewanderter Italiener mit der fremden Sprache vertraut gemacht werden. Denn in der Volksschule war es mit unserer Muttersprache aus und vorbei.

Drei Stockwerke ragt das Haus Nummer 57 laubengassenseits der Sonne entgegen und hat ein zur Wohnung ausgebautes Dachgeschoss, das bis zur Lichthaube reicht. Der gegen Süden ausgerichtete Trakt ist um eine Etage höher, was wohl mit der Konstruktion der Lichthaube zusammenhängt; zudem birgt er noch den geräumigen Dachboden. In der Laube, dem Gewölbe im Erdgeschoss, war das damals wohl größte und schönste Blumengeschäft Bozens untergebracht, der Detailhandel der Großgärtnerei Streiter. Das Streiter’sche Anwesen lag im „Dorf“ am Oswaldweg und erstreckte sich bis zur Oswaldpromenade, wo die „Wildn Mandr“, zwei spitzkegelförmige Porphyrriesen, aus dem Berg ragen und auf die zu ihren Füßen liegende Stadt herunterschauen.

Dem „Blumendoktor“ Streiter gehörte auf Nummer 57 nicht nur das ganze Parterre bis hin zum Hof des Nachbarhauses an der Silbergasse, sondern auch die ganze Kelleranlage, sodass den Mietern der sieben Wohnungen der Gang in den Keller erspart geblieben ist. Diese „Wohltat“ war dadurch eingeschränkt, dass jedem der Kellerlosen eine Ablage hinter einem Lattenverschlag auf dem Dachboden zugestanden worden war. Etwa zwei Quadratmeter Bodenfläche hatten die „Holzlegen“, gerade ausreichend, unverzichtbaren Krimskrams unter Verschluss zu halten. Wir hatten Glück: Unsere Holzleg war gemauert, hatte ein Fenster zum Stiegenhaus und eine volle Tür. Dieser Umstand kam Vater ganz besonders entgegen, denn er konnte dort vor fremden Zugriffen ziemlich sicher seinen umfangreichen Bestand an teuren Werkzeugen aufbewahren.

Unser Domizil umfasste zwei große Zimmer und eine um die Hälfte kleinere, dunkle Küche; Wasser und Klo befand sich auf dem Gang. Wenn man durch eines der Küchenfenster schaute, sah man den gitterbewehrten „gläsernen“ Flur und das Treppenhausvisavis: düster und unbesonnt, denn von oben durch das Glasdach reichte kein Sonnenstrahl bis zu uns herab. Sonne und Grün konnten wir nur im Freien genießen, abseits der romantischen Gassen, Durchgänge und Winkel der Altstadt, im Marienpark zum Beispiel.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1924 sind wir von dem an und für sich bequemen, aber düsteren ersten Stock in den dritten gezogen, und zwar in dem südseitig gelegenen Trakt, wo nicht lange vorher die Wohnung frei geworden war. Sie entsprach schon eher den Vorstellungen meiner Eltern von Wohnwert und Wohnkultur: viel Himmel, viel Sonne, mit Blick auf Kohlern, einen der schönsten Hausberge der Bozner. Sogar die Spitze des Turmes der Pfarrkirche mit der großen goldenen Kugel, in der angeblich ein Erwachsener sitzend Platz hätte, und dem Kreuz darauf war zu sehen.

Kaum mehr als einen Katzensprung betrug die Distanz vom Streiter-Haus zum Kindergarten. Uns gegenüber war der Durchgang zum Fischmarkt/Dr.-Streiter-Gasse, die kürzeste Verbindung zur Franziskanergasse und sicher genug, mich nach einer gewissen Übergangszeit allein auf den Weg zu den frommen Schwestern zu schicken. Den besagten Durchgang gibt es heute noch, wie eigentlich alle Passagen von den Lauben zur Silber- und zur Dr.-Streiter-Gasse. Ursprünglich waren die Durchgänge als strategische Passagen zum Ringwall in die beiden Häuserzeilen, die heutige Laubengasse, eingeplant worden, vor beinahe tausend Jahren.

Bei den frommen Schwestern entwickelten sich die ersten Freundschaften, die bis ins Pflichtschulalter hinein und auch darüber hinaus, ja ein Leben lang hielten. So die mit Rudi Mair, der, sieben Monate älter als ich, mir immer eine Schulklasse voraus war. Unsere Mütter (Rudi nannte seine „Minca“, wohl dem kosenden slawischen Diminutiv von Matka: „Mamuschka“, „Maminka“, nachempfunden) kannten einander wegen der Kindergartenkontakte und waren befreundet. Kaum war Norbert im „Mitzieh-Alter“, ergab sich aus ihm, Rudi und mir ein schier unzertrennliches Freundestrio, voller Lebenslust und Lebensfreude, ständig auf Achse und Abenteuer ausheckend, keiner Lausbüberei abhold, sofern sie das Beichtgeheimnis unserer Seelsorger nicht allzu sehr strapazierten. Es war unsere „glorreiche“ Zeit nach dem Kindergarten. Ich will uns nicht besser machen, als wir waren, aber es ist schon so: Wir waren im Grunde brave und folgsame Lausbuben. Der quirligste war Norbert, dem die Lust nach Abenteuer geradezu in die Augen geschrieben stand.

Obwohl in der Wohnung über den Lauben die Küche nicht viel Platz bot, spielte sich trotzdem ein Gutteil des Familienlebens dort ab. Einmal war ich gerade erst vom Kindergarten heimgekehrt und schnupperte Rasierwasser an Vaters frisch rasiertem Gesicht. Auch er dürfte gerade erst vom Friseur heimgekommen sein; diesen Luxus leistete sich Vater jeden Samstag, solange er sich’s eben leisten konnte. Er war gut gelaunt, zeigte sich übermütig, schnappte sich Norbert, der sich schon aufrecht halten konnte, schubste ihn gegen den Plafond und fing den Kleinen im Fallen wieder auf. Norbert machte es hörbar Spaß: Er quietschte derart vergnügt und laut, dass man es bis auf den Gang hinaus hörte. Mama gefiel das Treiben der beiden ganz und gar nicht. „Hear decht au, i konn schun nimmer zuaschaugn!“, mahnte sie Vater. Und dann war es passiert: Norbert rutschte dem Vater durch die Hände und klatschte bäuchlings auf dem Küchenboden auf. Das vergnügliche Gequietsche war urplötzlich einem gotterbärmlichen Gebrüll gewichen. Ich selber blieb vor Schreck ein paar Augenblicke regungslos stehen, hörte noch Mama, wie sie händeringend dem Vater die heftigsten Vorwürfe an den Kopf warf. Während sie Norbert aus seiner jämmerlichen Lage zu sich ans Herz nahm, rannte ich in panischer Angst zur Tür und auf den Gang hinaus. Norbert war Gott sei Dank nichts weiter passiert, keine innere Verletzung, kein Knochenbruch, „nur“ ein handtellergroßer Bluterguss auf Brust und Bäuchlein zeugte von dem Unfall, der sehr bös hätte ausgehen können. Ober uns ordinierte der Zahnarzt Dr. Dejaco, 1928 wechselte er seine Ordination in die Nähe der Buchhandlung Vogelweider. Ober dem Zahnarzt, im dritten Stock, wohnte das kinderlose Ehepaar Giovannini (keine Italiener, wie der Name vermuten ließe). Wenn die Frau nach „Guiidooo!“, also ihrem Mann, rief, dann hörte sich das wie „aiuto“ an. Giovanninis bestritten ihren Unterhalt mit einem Wasch- und Bügelservice. Noch ein Stückchen weiter oben, schon unter dem Dach, wohnte bis Ende 1933 das Ehepaar Pancheri, kinderlos auch sie; dann zog das jungvermählte Paar Füller ein, froh, ein Nest unter dem Dach gefunden zu haben. Sie, italienischen Ursprungs, hütete das Heim und sehnte sich nach Mutterschaft; er, Blumengärtner beim Streiter, beherrschte das Okulieren und Kopulieren, sorgte für blühenden Flieder und duftende Maiglöckchen zur Weihnachtszeit und trieb in dunklen Kanälen Importazaleen bis zur Blüte, außerdem war er Herr über eine Vielzahl von Kakteen.

Im südseitigen Trakt wohnte im vierten Stock die Familie Franceschi mit Söhnchen Bruno, Welschtiroler und lange vor dem Ersten Weltkrieg in Bozen ansässig. Mamma Franceschi, ganz Mutter und Hausfrau, sprach nur sehr gebrochen Deutsch. Sie war blond, vollschlank (gut zweimal unsere Mama, was Fülle und Gewicht betrafen) und hatte ein sonnig-warmes Gemüt. Der Babbo Franceschi, mindestens fünfzehn Jahre älter als seine Gattin, war Schuhmacher und hatte seine Werkstätte in der Gerbergasse, ein nicht gerade nobles Viertel. Die Gerberei dort verbreitete zuweilen einen pestigen Gestank.

Die Franceschis hatten die Etage nicht allein; am Ende des Flurs zum Abort bewohnte eine alte Jungfer namens Berta ein Kabinett genau über unserer Küche. Berta, sie arbeitete in der Süßwarenfabrik Ringler, hatte einen steifen Nacken, weswegen sie den Kopf nicht drehen konnte – wollte sie das trotzdem, musste sie den ganzen Oberkörper drehen. Das sah recht eigenartig aus. Obendrein hatte sie nach einem Arbeitsunfall eine verkrüppelte Hand. Berta war Einzelgängerin und kapselte sich so gut es ging von den übrigen Hausparteien ab. Auch mit uns Kindern mied sie jeden Kontakt. Ein einziges Mal hat sie mich zu sich in ihr Kämmerlein gerufen, da war ich schon zwölf, und bat mich, ihre verstorbene Katze zu beseitigen. Ich nahm den in Packpapier gewickelten Kadaver und trug ihn in den Haslacher Wald, wo ich die Katze zur ewigen Ruhe bettete.

Im dritten Stock, direkt unter den Franceschis und der Berta, waren ab Mitte 1924 wir zu Hause; von den Vormietern weiß ich nichts. Die Wohnung einen Stock tiefer, mit einer Terrasse, die die ganze Hausfront einnahm (das wäre ein Tollplatz für uns Kinder gewesen!), war vom Senioren-Ehepaar Streiter, mit den Blumen-Streiters weder verwandt noch verschwägert, bewohnt.

Unser Haus war kein kinderreiches. Außer Bruno Franceschi, im Alter von Norbert, meinen drei Geschwistern (Norbert 1922, Helma 1926 und Hermann 1932 zur Welt gekommen) und mir gab es da zu meiner Zeit keinen Nachwuchs, der unsere Hausgemeinschaft vergrößert hätte.

Soweit ich zurückdenken kann, hatten wir stets einen Abreißkalender im Blickpunkt des Wohngeschehens hängen: in der Küche, meinem Sitzplatz am Esstisch gegenüber, an der Wand. Hoch genug vom Boden weg, dass wir Kinder nicht dran konnten, solange wir nicht durften. Um den Wechsel der Tage hatte sich Mama gekümmert, jedenfalls bis zu jenem Tag, da ich die Zettelchen ohne Fußschemel erreichen konnte. Der Kalender war nicht nur der „Geburtshelfer“ für mein Zahlenverständnis, sondern machte mir auch den Wechsel vom Werktag zum Sonn- und Feiertag – schwarze und rote Ziffern –, den Wechsel der Jahreszeiten und den Jahreswechsel begreiflich. Ich brauchte nur zum letzten Tag des Jahres einen Tag hinzuzählen, und schon war ich von einem Tag auf den anderen um ein Jahr älter geworden – nicht ganz, aber fast.

Bis zum zehnten Lebensjahr etwa war für mich der Jahreswechsel lang nicht so bedeutend wie das Osterfest oder gar das Christkind. Wir haben das alte Jahr auch nie mit „Bomben und Granaten“ verabschiedet. Knallereien hatten die neuen Machthaber für unser Gebiet per Dekret verboten. Sonstige Feiern zur Jahreswende hat es in unseren vier Wänden auch keine gegeben. Die Silvester meiner Kindheit und meiner Jugend bis zum neunzehnten Lebensjahr waren die ruhigsten meines Lebens.

Neujahr wurde in der Kirche gefeiert: zumindest solange ich die Schulbank drückte im St.-Nikolaus-Kirchlein hinter dem Dom. Wir nannten sie die „alte Pfarrkirche“. Der romanische Bau diente exklusiv den Gottesdiensten für Kinder der Heimat. Fliegerbomben haben ihn im Mai 1944 dem Erdboden gleichgemacht. Nur noch die Silhouette des Grundrisses gibt Zeugnis von dem kleinen Gotteshaus. „Hausherr“ war dort mein Katechet, Pfarrer Kofler. Er zelebrierte meist selber die Messe und hielt die Predigt. Außerdem kümmerte er sich um den geordneten Ablauf des Gottesdienstes. Hochwürden war auch Präses des katholischen Lehrlingsvereines, bis er aus Bozen verbannt wurde, strafweise. Mein Verhältnis zu ihm war die längste Zeit ein ungestörtes, bis er mir einmal kurz vor Schluss des Gottesdienstes („Großer Gott wir loben Dich …“) und dem „Ite missa est!“ eine Watsche auf die linke Gesichtshälfte knallte, dass es nur so patschte. Und Mama, die in der letzten Bankreihe, für Begleitpersonen reserviert, saß, hatte meine Demütigung miterlebt. Wahrscheinlich hatte sie auch mitgelitten, nicht, weil mich die Ohrfeige geschmerzt haben könnte, sondern wegen der Schmach, die sie meinetwegen hatte erleiden müssen. Nach dem Ende der Messe wartete ich auf Hochwürden und stellte ihn zur Rede. „Herr Katechet, warum haben Sie mir eine Watsche gegeben?“, fragte ich recht forsch.

„Da fragst du noch? Du hast doch dauernd getratscht und die heilige Messe gestört!“

„Na, des isch net wohr!“ Vor Aufregung und Wut war ich in den Dialekt gefallen. „Nix hon i trotscht, net oanmol net. Frogn s’ lai die Puam, de nebm miar gschtondn sain …“

„Hast dir’s halt für ein anderes Mal verdient!“, seine lapidare Antwort.

Eine Rechtfertigung aus geistlichem Mund, der ich nichts mehr entgegenzusetzen wusste. Der Priester verdrückte sich ins Pfarrhaus und ließ mich in meiner Blamage stehen. Derart belastet und mit dem Makel der Ohrfeige gezeichnet, drückte ich mich nach Hause. Mamas Scham hatte sich in Wut gewandelt, und die ergoss sich über mich wie ein Wasserfall: „A Watschn, in dr Kirch, vor olle Lait. Des holt i net aus!“ In dieser Tonart ging es weiter.

„I pin unschuldig!“, hämmerte es in meinem Schädel.

Ich gab mir einen Ruck und stoppte Mamas Schimpforgie. Während sie sich am Herd zu schaffen machte, trug ich ihr meine Version vom Ärgernis vor. Und überzeugte sie, dass ich Opfer geworden war.

„Wos? Des isch jo net zun glabm! Des zohlt er mr hoam. Weahrlose Kindr, unschuldige, haun, in dr Kirch a no. Na, na, na … Von dr Konzl oer muaß er’s verkindn, dass ’r dr Unrecht getun hot.“

Ob sich Mama gegenüber dem Hochwürden durchgesetzt hat, das wissen die Götter. Meine Rehabilitierung von der Kanzel herab, so es überhaupt eine gegeben hatte, habe ich boykottiert und das Kirchlein mehrere Sonntage gemieden.

Pfarrer Koflers Auszug aus Bozen erfolgte einige Jahre nach diesem Vorfall; irgendwohin wurde er versetzt, wo er keinen Schaden mehr anrichten könne, wie es hieß. Als pädophiler Rückfalltäter war er der kirchlichen Obrigkeit nicht mehr „koscher“ genug; den Eltern auch nicht. An mir hatte er sich, von jener Ohrfeige ganz abgesehen, nicht vergriffen.

Durch die Altstadt

Stets am ersten Neujahrstag gingen Norbert und ich, später auch Helma, zur in Bozen ansässigen Verwandtschaft, das neue Jahr „owinschn“: aus Tradition, „wail si des keart“ und weil es was eingebracht hat. Die Eltern meines Vaters kamen als Erste dran. Sie wohnten in der Weintraubengasse auf Nummer 6, ganz oben, im letzten Stock. Was die Ausbeute betraf, war das kein besonders lohnendes Ziel, denn unsere Glückwünsche trugen nicht mehr als eine einzige Lira ein, für beide. Sie waren ja nicht begütert, die Großeltern; alt und kränklich, waren sie auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Sie deswegen nicht aufzusuchen, das hätte uns Vater nie verziehen. Ich bin eigentlich gern hingegangen, nicht nur am Neujahrstag. Mich faszinierte die Einrichtung des großen Zimmers, das zur Weintraubengasse hin gerichtet war. Da standen sehr alte Stühle mit handgeschnitzten Lehnen, massiv und schwer. Außerdem war das Fertigungsjahr in die Herzen der Lehnen geschnitzt: 1779, das Geburtsjahr des Großvaters meiner Großeltern, Peter Simon Seebacher. Und da stand auch eine Bank, uralt und mit reichlich geschnitztem Dekor. Und eine Truhe mit handgeschmiedeten Beschlägen und einem Wunderwerk an Schloss. Die Truhe dürfte das Hochzeitsgeschenk der Sippe an das Ururbrautpaar gewesen sein, denn sie trug deren Hochzeitsjahr – 1805 – in gotischen Ziffern aufgemalt. Die Truhe und die Stühle hatten es mir mehr angetan als die Aussicht auf ein paar Centesimi. Artig machten wir unseren Diener, sagten zur Vorsicht noch einmal „Donkschian“ und trollten uns zur nächsten Station: Bindergasse Nummer 11, zweiter Stock. Dort wohnten Tante Luise, Onkel Peppm und Kusinchen Mädi. Die Tante, ein Wiener Kind, haben wir selten zu Gesicht bekommen. Sie war schwer lungenkrank und verbrachte viel Zeit in Sanatorien und Lungenheilanstalten, ohne zu gesunden. Noch jung an Jahren, mit achtunddreißig, ist sie hinweggerafft worden. Der Onkel überlebte Tante Luise knapp vier Jahre. In der Bindergasse wurde uns eher fürstlich für die Glückwünsche gedankt: fünf Lire für Norbert und einen Fünfer auch für mich. Fünf Lire, dafür musste damals ein Facharbeiter eineinhalb Stunden arbeiten.

Von der Bindergasse schwenkten wir in die Dr.-Streiter-Gasse ein, wo auf Nummer 17 eine Innenhofwohnung im dritten Stock von einem weiteren Sippenmitglied bewohnt wurde: von Tante Pepi, (der um zwei Jahre älteren Schwester unseres Vaters), Onkel Heinz (dem Italiener aus der unteren Stiefelregion, den die Sippe der Tante nie verzeihen wollte), Kusine Pepi (ein lediges „Tschopperl“ der Tante) und Bubi, dem legitimen Sohn beider, der eigentlich Enrico wie der Vater hieß. Der Onkel, ein seelenguter Mensch, ein zärtlich liebender Vater, auch dem Pepperl gegenüber, hat keine wirtschaftliche Krise erfahren. Den Torris (der Familienname, mit dem Onkel Heinz die Tiroler Tradition durchbrochen hatte) ist es immer recht gut gegangen, besser, ja viel besser als uns zuweilen. Das hat sich auch bei unserem „olles Guate und viel Glick in naien Johr“ ausgewirkt.

Von der Wohnung der Torris konnte man über ein Gänge- und Stiegengewirr in die Laubengasse gelangen. Es war ein für die Bauweise des späteren Mittelalters typisches Durchhaus, von denen es in den Lauben genug gab: sowohl zur Dr.-Streiter-Gasse als auch zur Silbergasse hin. Im Laufe der Zeit lernten wir Laubengassler die meisten dieser Schleichwege kennen und nutzten sie für spielenden Zeitvertreib, wenn uns das Wetter keine andere Möglichkeit ließ. Diese Abkürzung nahmen wir, um zur nächsten „Inkassostelle“ zu gelangen, dem Domizil unserer Großtante Anna, einer Schwester der Mutter unseres Vaters. Wir hatten es nicht weit zu ihr: zwei, drei Häuser Richtung Rathausplatz zu wohnte und werkte sie. „Tante“ Anna, damals schon betagt und seit einem Jahrzehnt Witwe, hatte auf mich immer schon wie eine uralte Frau gewirkt. Sie betreute ihre zwölf Bienenstöcke, deren Honig sie preisgerecht an Mann und Frau zu bringen verstand, und sie schneiderte. Ein Besuch bei dieser Großtante war nie vergeblich; meist trug er dir eine Schnitte Bauernbrot vom Laib ein, mit Bienenhonig aus eigener Produktion bestrichen. Auch Neujahrswünsche wurden mit Honigbrot bedankt, was uns nur recht sein konnte, denn Hunger hatten wir immer.

Von den Lauben ging es zur Rauschertorgasse, einem Seitengässchen der Museumstraße, wo die Familie meines späteren Firmpaten zu Hause war: Tante Sofie, Onkel Franz, der Tischlermeister mit Briefmarkenhandel-Ambitionen, und deren beiden Kinder, Herbert und Irmgard; diese verstarb im Alter von fünf Jahren an einem Blinddarmdurchbruch. Die Tante war Vorarlbergerin: unverkennbar ihr Idiom, das sie dem Boznerischen nicht opfern wollte oder konnte. Auch unser Vater hatte sich Mama aus Vorarlberg geholt, aber Mama war im Nu eine waschechte Tirolerin geworden. Dass Tante Sofie und Mama im gleichen Milieu, fast miteinander aufgewachsen waren, das wäre uns nie in den Sinn gekommen. Mamas Ausdrucksweise verriet nichts. War sie aber im Kreise ihrer Geschwister, dann war sie wieder ein Bludenzer Kind und palaverte in deren Mundart.

Mein bester Freund Rudi Mair, wie wir ein Laubengassler, wohnte unweit der Waaggasse – ein Gässlein in Wirklichkeit nicht länger als zwanzig Meter und eng genug, für eine Haus-zu-Haus-Passage gehalten zu werden. Die Waaggasse führte, von den Lauben kommend, auf den Kornplatz zum Waaghaus, dem die Fronwaage vorgelagert war, ein vom 12. Jahrhundert bis 1633 verhasstes und verfluchtes Instrument zur Bewertung der Abgaben aus der Handelsware an den Landesherrn.

Das Waaghaus steht nach wie vor dort, wo es im Mittelalter errichtet worden war, und zählt zum wertvollen historischen Bestand Alt-Bozens. Soweit ich zurückdenken kann, war im Parterre des Waaghauses das Fotogeschäft Gostner untergebracht. Das Haus erscheint wie ein Denkmal. Steht man auf dem Kornplatz vor dem Waaghaus und schaut rechts davon zur Laubengasse hin, dann sieht man auf der linken Seite die Winkel zweier vorspringender Häuser, Anbauten späterer Jahrhunderte an das Waaghaus. In einem dieser Winkel war zu unserer Kinder- und Jugendzeit der Stand eines Händlers postiert, der antiquarische Bücher, Zeitschriften, Kurzromane und anderes Les- und Schaubares feilbot, aber auch kaufte und tauschte. Auch wir gehörten damals zu seinem Kundenstock: „Tom Shark“, „Lord Lister, der Gentlemandieb“, „Jörn Farrow“ und was es sonst noch alles von diesem Einstunden-Roman-Schmarren auf dem Büchermarkt gegeben hat, konnte man beim sogenannten „Piachrjud“ preiswert erwerben. Alte „Schwarten“ – keine antiken – und abgegriffene Heftchen zum schnellen Schmökern hatte er in Griffweite gelagert, wohl eingedenk des Mottos: „Mit Speck fängt man Mäuse!“. Da lag auch ein „Doktorbuch“ zur Ansicht, reich bebildert mit ganzseitigen Darstellungen des menschlichen Körpers, in den man buchstäblich hineinschauen konnte. Das Werk kam mir so groß vor wie ein Messbuch auf dem Altar beim Gottesdienst; vielleicht nicht ganz so dick. Der Händler hatte es mit den Buben wohl etwas zu gut gemeint, denn das „Doktorbuch“ hat nichts verborgen gelassen. Eine wahre Fundgrube an Anschauungsmaterial. Der Händler ließ die Knaben bei solchen „Studien“ ungestört, zog sich diskret in die Deckung seines Standes zurück und lugte verstohlen zwischen den Spalten des bunten Zeitschriftenvorhangs hervor. Es schien ihn zu amüsieren, den noch nicht oder gerade schon stimmbrüchigen Buben beim Begaffen verbotener Ansichten zuzuschauen und den einen oder anderen erröten zu sehen.

Der Kornplatz war die Drehscheibe zur Silbergasse und über die Gumergasse zum Rathausplatz, oder zur Laubengasse und zum Waltherplatz. Ihn säumten mehrere Gasthöfe und Wirtshäuser, von denen der Unterhofer, den eingesessenen Boznern besser als „Schlutziger Luis“ bekannt, zu den frequentiertesten zählte. Dort konnte man Bozens „beschtes Greaschtl“ schlemmen.

Zum rechten Rand des Kornplatzes hin, Richtung Silbergasse, stand schon damals der „Figl“, ein Zwei-Sterne-Gasthof altbürgerlicher Tradition und mit gutbürgerlicher Küche, zumindest wurde das behauptet. Mit Beginn der wärmeren Jahreszeit expandierte der Figl in den Kornplatz hinein. So seine Aufnahmekapazität verdoppelnd, wurde er ein Tummelplatz für Fremde, die nach strapaziösem „Sightseeing“ und hitzegeplagt bei einem oder mehreren Glas Forster Bier Labung fanden. Übrigens, mit dem Werbeslogan „Trinkt Bier, Bier ist flüssig Brot!“ hat das Forster dem Wein echte Konkurrenz gemacht.

In der Altstadt „daheim“, zumindest nachts, waren unterstandslose „Zoggler“, Stadt- und Landstreicher, meist Strandgut des verlorenen Krieges und der verlorenen Existenz. Italiener waren keine darunter. Diese Zoggler, ohne Heim, ohne Arbeit, ohne Zukunft, bettelten sich tagsüber durchs Leben, und nachts suchten sie irgendwo Unterschlupf. Während der warmen Jahreszeit schliefen sie in Hütten aus Blech und Zweigen im Talferbett oder in einer der geräumigeren Höhlen auf den Anhöhen zum Virgl oder Ritten und in den Burgruinen. In der kalten Jahreszeit zogen sie sich in die Hausgänge der Altstadt zurück, wo sie auf ein paar Lumpen unter den Treppen im Parterre oder in den Gängen zu schlafen versuchten. Man sah sie nicht, es war ja stockfinster in diesen unwirtlichen Winkeln; aber man roch sie, wenn man in ihre Nähe kam, und man konnte ihren Atem hören, wenn sie eingeschlafen waren. Harmlose arme Teufel. Trotzdem war ich jedes Mal heilfroh, wenn ich bei einem Botengang zu den Großeltern, zu Tanten oder Onkeln, die alle im engsten Altstadtbereich wohnten, ungeschoren geblieben war.

Zum Inventar der Altstadt gehörten auch sogenannte „Ritschen“, das waren ursprünglich offene Wasserläufe, etwa achtzig, neunzig Zentimeter breit und ebenso tief, die im Mittelalter entlang der Gassen des damaligen „Botzens“ angelegt worden waren und bis ins zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts herauf genutzt wurden. Dieses Kanalsystem hatte mehrfachen Zweck: Löschwasserlieferant bei Bränden, Kühlung der engen Gassen im Sommer, Waschwasser für die Großwäsche und nicht zuletzt Sammler jeder Art von Unrat, einschließlich der Fäkalien. Das Wasser wurde von der Talfer zugeleitet und verlor sich nach seiner Stadtdurchquerung irgendwo im Eisack. Die Ritschen haben im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Bedeutung, so etwa als Wäschestelle, verloren. In Rentsch hatte man deshalb als kommunale „Sozialeinrichtung“ eine Waschanstalt errichtet, ein „Ring-Ritschen-Waschzentrum“, zur Nutzung ohne Gebühr für die Not leidenden Bürger der Stadt. Das Waschzentrum war ein mit Betonmauern eingefriedetes Rondell, einem Freibad nicht unähnlich, nur viel kleiner. Gespeist wurde die „Großwäscheanlage“ mit Talferwasser, das ununterbrochen durch eine Ritsche rauschte, die kreisförmig angeordnet war und an die fünfzehn, zwanzig Waschplätze hatte. Diese waren mit Eisenrechen gegen das Fortschwemmen von Wäschestücken abgesichert. Ich habe Mama oft in diese Waschanlage begleitet und das Leiterwagerl mit dem Schaff voll Schmutzwäsche gezogen. Zwei Stunden und auch länger hat Mama dort jedes Mal am Waschplatz kniend Leintücher, Bett- und Polsterüberzüge mit Kernseife und Waschlauge bearbeitet und gerumpelt. Mitte der Dreißigerjahre wurde die kommunale Waschanlage für sozial Bedürftige dem technischen Fortschritt geopfert. Aber das nur nebenbei.

Unsere Ritsch kam uns aus der Museumstraße entgegen und plätscherte sich die Lauben entlang in die Weintraubengasse hinein, wo sie sich mit ihresgleichen aus der Bindergasse und der Karnergasse, der heutigen Dr.-Streiter-Gasse, vereinte und via Zollstange zu anderen Ufern strömte. Mit der Zunahme der Wohnbevölkerung wuchs auch der Unrat; die Ritschen wurden zur stinkenden Brühe, zur Kloake der Stadt. Dies und die Tatsache, dass das offene Gerinne eine Falle für nicht ganz standfeste Heimkehrer nach durchzechten Abenden und Nächten war, hatte die Stadtverwaltung im 19. Jahrhundert bewogen, die Ritschen mit Eichen- oder Lärchenbohlen abdecken zu lassen. Die Bohlen ließen sich abheben – aber nicht überall: In der Laubengasse war die Ritsch zugenagelt worden. In Abständen von zwanzig Metern waren jedoch schwere Deckel aus Bohlenholz eingepasst worden. Was sich darunter verbarg, machte uns Buben natürlich neugierig.

Unsere Ritsch führte schon damals, als es uns Lausern gelungen war, in sie hineinzusteigen, kaum noch Wasser. Und zu Beginn der Dreißigerjahre hatte die Stadtverwaltung entschieden, die Ritschen in das Kanalisierungskonzept mit einzubeziehen und so die Entsorgung der Abwässer und Fäkalien aus den Wohn- und Geschäftshäusern der Altstadt zu gewährleisten. Eines Tages machten sich Kanalräumertrupps daran, unserer Ritsch die Geheimnisse zu entreißen. Relikte aus dem Ersten Weltkrieg, zumindest im Abschnitt vor dem Streiterhaus, kamen zum Vorschein: Gewehre, Säbel mit und ohne Scheide, Sporen, Bajonette und unzählige Emaillebroschen mit dem Konterfei des Kaisers Franz Joseph. Für Norbert und mich war der Haufen Unrat, der zum Vorschein kam, die Fundgrube schlechthin. Aus der Fülle des Kriegsabfalls haben wir heraussortiert, was uns von Wert schien: Säbel, Bajonette und zwei Handvoll Franz-Joseph-Broschen, wenngleich die Anstecknadeln völlig weggerostet waren. Die Schätze packten wir in einen Rupfensack, trugen sie heim und legten sie zum Trocknen auf dem Söller aus. Mama zeigte sich von unserer gesteigerten Sammeltätigkeit gar nicht begeistert. Ihre Aufforderung, mit dem „Glump“ zu verschwinden, haben wir aber ignoriert. Meine Sammelleidenschaft konnte mir Mama nicht ausreden. Alles, was alt war, faszinierte mich; je älter, desto mehr. Das konnten Bücher ebenso sein wie versteinerte Muscheln, alte Waffen oder Urkunden aus vergangenen Jahrhunderten. 1932 wurde unweit des italienischen Siegesdenkmals, dieses provokanten Marmorklotzes die Baugrube für die Handelsschule ausgehoben. Wann immer es die Zeit erlaubte, war ich dort auf der Grieser Seite der Talfer und habe den frischen Aushub abgesucht. Und ich hatte Glück: Ich fand eine schöne verzierte Schelle aus Bronze, wie sie Hofnarren an ihren Kappen und Gewändern hängen hatten.

Auch habe ich die Burgruinen und Schlösser rund um Bozen abgeklappert, eine Münze oder ein paar Scherben aus der Minnezeit zu finden oder eine Inschrift zu entdecken, die von Rittersleuten oder Söldnerhänden in die Wände der Burgen gekritzelt worden war. Insgeheim hoffte ich damals, dass es auch in meiner Ahnenreihe einen Edelmann gab. Erst Jahrzehnte später wurde mein Kindheitstraum erfüllt.

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Serideki Altıncı kitap "Memoria. Erinnerungen an das 20. Jahrhundert"
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