Kitabı oku: «Wenn alles in Scherben fällt», sayfa 3

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Da gab es den Johann Anton Pliger, der „Pfleger“ zu Altenburg bei Kaltern gewesen war. Mit kaiserlichem Dekret vom 31. Jänner 1735 wurde ihm und über Antrag des Grafen Franz Anton von Khuen das begehrte Wappen verliehen. Eine Kopie des Wappenbriefs habe ich aus dem Österreichischen Staatsarchiv erhalten. Dieser Pliger ist einer meiner Urahnen. Das Geschlecht der Pliger geht zurück bis in das Jahr 1393. Der Name ist von Palluger über Palüger (1466) und Plüger (1547) auf Pliger mutiert. Die Mutter meines Urgroßvaters aus der Werner-Linie war eine Pliger.

Das Geschlecht der Werner, dem die Mutter meines Vaters entstammt, hat auch alte Wurzeln: Jäclin Perner von Severs (1375), Berner de Severs (1440), Wartleme Werner (1486) und Christian Werner, der 1585 eine Margaret heiratete. Seit 1778 hat es in Gries den „Wernerhof“ gegeben. Direkte Nachfahren bewirtschaften noch heute den „Kohlerhof“ und den „Wendlandhof“ auf dem Virgl.

Was das Geschlecht, das meinen Familiennamen begründet hat, betrifft, so war ein Martin Seebacher schon 1680 als in Bozen ansässig registriert. Auch dieser Name ist im Laufe der Jahrhunderte mutiert, und zwar von Sepach und Seypach im 15. Jahrhundert über Seebach im 16. Jahrhundert (da gibt es einige gewappnete und geadelte) zu Seebacher im 17. Jahrhundert.

Si parla italiano!

Ich hab ihn persönlich nie zu Gesicht bekommen, diesen Tolomei. Als ich dem schützenden Mutterschoß entrissen worden war, war Tolomei mit seinen fünfundfünfzig Jahren bereits ein – nach damaligen Maßstäben – alter Mann. Ich kann mich auch nicht erinnern, seine für unser Volk fatale Existenz dem Namen nach damals registriert zu haben. Dennoch war er überall präsent. Straßen- und Wegbezeichnung wie Via Portici (Laubengasse), Vicolo Conciapelli (Gerbergasse), Viale Venezia (Venediger Straße) oder sonstige Markierungen und Benennungen öffentlicher Institutionen, Schulen, Handelshäuser oder Grabstätten – Tolomeis höhnisches Grinsen traf einen fast überall. Und nicht nur dort: Mit Beginn des Schuljahres 1923/24, ohne Ausnahme, hatte in allen Schulen Italienisch als Unterrichtssprache zu gelten; schrittweise sozusagen, bis zur völligen Abschaffung der sogenannten Anhangstunden in der zweiten, dritten und allen höheren Klassen per Dekret vom 22. November 1925.

Ich war noch keine drei, als ich begann, Kindergartenluft zu atmen. Sie hat mir gut getan. Nicht so gut bekommen ist mir der erzwungene Wechsel vom Klosterkindergarten der Barmherzigen Schwestern in der Franziskanergasse in den „asilo“, den Kindergarten, in der Vintlerstraße. Mit Bächen von Tränen, hauptsächlich wegen Schwester Davida vergossen, und großem Kummer habe ich den Hort vis-à-vis der Franziskanerkirche verlassen. Die meisten meiner bisherigen Gespielen haben den Transfer mitgemacht, ebenso Rudi Mair, mit dem ich schier unzertrennlich war. Allerdings hatte Rudi bald nach dem Milieuwechsel und einem kleinen Händel mit einem um einen Kopf größeren Buben beim „Soldatenspielen“ seinen Abschied genommen und war für immer aus dem „asilo“ verschwunden.

Anderthalb Jahre hatte ich Zeit, im steten Kontakt (sieben Stunden am Tag) mit Kindern italienischer Zuwanderer, mit „bambine“ und „bambini“, das auf das Tirolerische fixierte und trainierte Ohr an die uns völlig fremde Sprache zu gewöhnen. Natürlich reichten die achtzehn Monate Vorschule längst nicht aus, das Sprachenmanko wettzumachen, aber empfänglich für das Neue, das hatte es uns Südtiroler Kinder schon gemacht. Hierzu verhalfen die von den „Tanten“ raffiniert eingefädelten Paarungen einheimischer Kinder mit Kindern zugezogener Eltern.

Der neue Kindergartentyp war als Ganztagsheim ausgelegt: Die Kinder wurden um neun Uhr früh gebracht und um vier Uhr Nachmittag abgeholt. Man blieb über Mittag, wurde abgespeist und unter der Obhut rein italienischsprachigen Personals zu möglichst brauchbaren Bürgern herangezogen.

Am 3. Oktober 1926 begann mein erstes Schuljahr. Ging es im Kindergarten noch gemischt zu, waren die Geschlechter in der Schule streng getrennt. Die Mädchen hatten ihre Schule am Marienplatz, ein Prachtbau, noch unter österreichischer Domäne errichtet und dem letzten Monarchen gewidmet. Tolomei ließ sich einen neuen Namen einfallen: Adelaide Cairoli. Wer es sich leisten konnte, der schickte seine Tochter in die Marienschule, die als Internat geführt wurde.

Die Buben gingen entweder in die Regina Elena, die bis vor Kurzem noch Elisabethschule hieß (auch ein Prachtbau österreichischer Architektur), oder in die Weggensteinschule, je nachdem, in welchem Stadtteil sie wohnten. Erstere lag in der Sparkassenstraße, Letztere in der Weggensteinstraße. Ich war der Elena-Schule zugeteilt, Norbert musste in die Weggensteinschule. Wahrscheinlich lag unsere Wohnadresse im Grenzbereich beider Schulzonen, soweit es die Stadt zwischen Talfer und Eisack betraf.

Was sich mir von Anfang an nachhaltig eingeprägt hatte, war meine Lehrerin, Pia Fontana, und ihr liebevolles Bemühen um die Gunst der deutschsprachigen Kinder und um deren Schulerfolge. Frau Fontana war drei Jahre lang meine Erzieherin, und ich habe sie gemocht, wie ich einst meine kleine Kindergartenschwester Davida gemocht hatte. Ich glaube, dass es eine Sympathie auf Gegenseitigkeit war, denn ich habe sie in all den Jahren unseres Zusammenwirkens nie enttäuscht.

Es war Silvester 1926, ein Schultag wie jeder andere, denn Weihnachtsferien bis ins neue Jahr hinein hat es damals nicht gegeben. Ich tippelte die Defreggerstraße entlang und fror. In der Nacht hatte es geschneit, ein paar Zentimeter nur, wie am Heiligen Abend. Aber es reichte, mich zum Bibbern zu bringen. Ich trug keinen Mantel und keine warmen Schuhe, nur eine Pudelmütze – Mamas Eigenfabrikat – auf dem Kopf und war froh, die Schule erreicht zu haben.

Im geheizten Klassenzimmer wurde ich das Bibbern bald los. Stehend leiteten wir den Schultag mit einem kurzen Gebet ein. Das „Setzen!“ der Lehrerin veranlasste uns, ohne weitere Aufforderung zunächst „Horchposition“ einzunehmen. Hierzu hatte man uns von allem Anfang an zwei Disziplinen beigebracht: Zum einen kerzengerade dasitzen, die Arme auf dem Rücken verschränkt; zum anderen kerzengerade dasitzen, die Hände auf die Schulbank gelegt, die Daumen gegen den Boden gerichtet. Dressuren, die auch zu einer strammen Haltung verhelfen und das Rückgrat entlasten sollten.

Die Lehrerin nutzte diesen letzten Tag des Jahres, die Kinder mit dem Wesen des Jahreswechsels vertraut zu machen. Kapiert habe ich nichts. Dazu reichten die im „asilo“ erworbenen Italienischkenntnisse natürlich nicht aus: Außer, dass wir einen neuen Kalender aufhängen müssen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es unter den Fittichen von Lehrerin Fontana je einen Versager gegeben hätte. Ihre Mühen waren dabei nicht nur auf das Erlernen von Kalligrafie, Lesen, Rechnen und auf alle anderen Fächer, die sie lehrte, beschränkt. Sie kümmerte sich auch um die Hygiene der Kinder: Sie führte uns einmal in der Woche in den schuleigenen Duschraum, wo die Kinder sich mit Seife und Bürste gründlich waschen konnten. Zumal damals in den meisten Wohnungen der alten Häuser das Bad fehlte (auch wir hatten keines), war die obligate Säuberung geradezu eine Wohltat für alle. Sie war auch um das Wohlbefinden, um die Gesundheit der Kinder besorgt und veranlasste sie, vollzählig an den Untersuchungen des Schularztes teilzunehmen – damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Sie kümmerte sich um die sozialen Belange der Kinder im Elternhaus und schaltete karitative Organisationen ein, um den Ärmsten aus ihrer Not zu helfen. Auf ihre Interventionen hin wurden unzählige Kinder Not Leidender Familien kostenlos in Ferienlager geschickt. Norbert und ich haben auch davon profitiert, sogar mehrmals. Der Lido von Venedig, Riccione und Palmschoß unweit der Plose im Brixner Raum haben uns viele erholsame Tage beschert. Ich glaube, die Lehrerin, die „maestra“, liebte uns, als wären wir ihre eigenen Kinder. Sie hat meinen Fleiß genährt und den Ehrgeiz ohne Drill herausgefordert und gefördert. Die Eins als Zensur war nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die beiden Auszeichnungen für meinen Lernerfolg in der zweiten und vierten Klasse habe ich auch ihr zu verdanken. Meine Freude, prämiert zu werden, war groß, und auch mein Stolz. Als „Prämie für besondere Leistungen“ gab es in der zweiten Klasse einen silbernen Zehner, in der vierten Volksschulklasse habe ich ein Sparbuch der Sparkasse Bozen mit einer Einlage von zehn Lire kassiert.

Ich habe das Sparbuch kurzfristig Mama zu „treuen Händen“ überlassen, dann unten auf dem Boden der Schublade meines Nachtkästchens fixiert. In der Zeit unserer ärgsten Not, 1934, ist es aufgelöst worden. Immerhin bekam man damals für zehn Lire zehn große Wecken Brot oder acht Kilo Weizenmehl oder zwölf Kilo Polentagrieß oder einen Sack Kartoffeln. Den silbernen Zehner habe ich gehütet wie meinen Augapfel und über viele Hürden hinweg gerettet. Erst als Mama auf dem Höhepunkt der wirtschaftlichen Krise in unserem Haushalt weder ein noch aus wusste und der Not ein gewaltsames Ende bereiten wollte, drückte ich ihr das Geldstück in die Hand.

In der vierten Klasse bekamen wir einen neuen Lehrer, Martignoni hieß er. Er war nicht nur mir kein vollwertiger Ersatz für unsere „maestra“. Er war anders, ganz anders als Frau Fontana, seine Ausstrahlung war die eines Eisblocks.

Im Februar 1930, wir hatten gerade das halbe Schuljahr hinter uns gebracht, wurden an einem Nachmittag alle Klassen samt dem Lehrkörper in die Turnhalle beordert. Der Direktor erschien, eskortiert von seinem Stellvertreter und dem Direktionssekretär. Er pflanzte sich vor uns auf, wartete ein paar Minuten, bis kaum noch das Atmen der Schulgemeinde zu hören war und donnerte dann los: „Schimpf und Schande über den Schüler Wieser der Klasse 4a, der es gewagt hat, Ungeheuerliches gegen den Duce auszusprechen! Das Lehrerkollegium und die Direktion haben entschieden, Wieser von der Schule auszuschließen!“ Soweit ich mich erinnern kann, war betretenes Schweigen die Reaktion auf diese wohl härteste Disziplinierung, die einem Schüler widerfahren konnte. War sie auch gerechtfertigt? Wieser hatte während einer Auseinandersetzung mit dem Lehrer Martignoni wutentbrannt geschrien: „Dem zelm on dr Wond tat i om liabschtn ins Gfrieß schaißn!“ „Der dort“ an der Wand des Klassenzimmers, das war der konterfeite Duce.

Während meiner Volksschulzeit gab es gemäß faschistischer Diktion keinen Deutschunterricht. Abhilfe gegen diese Liquidierung schafften die sogenannten Katakombenschulen. Die spärlichen Lehrmittel, die uns aus der Zeit der Monarchie herübergerettet worden waren, wurden zum Teil durch Schmuggelgut aus Deutschland und Österreich ergänzt. Geschrieben wurde mit Griffeln auf Schiefertafeln, da mit einem nassen Schwamm die Spuren des Deutschunterrichts im Nu gelöscht werden konnten. Und die Faschisten hatten das Nachsehen, wenn sie nachsahen.

Ich bin vier Jahre lang im Untergrund auf Deutsch getrimmt worden: vom Eintritt in die Pflichtschule an bis zum Übertritt ins Gymnasium der Franziskaner. Rudi Mair, Teddy Maier, David Casna, Heinrich Trenk, mein Bruder Norbert und ich gehörten der gleichen Gruppe an. Unsere „Katakombe“ war im Palais der Grafen Forni verborgen, in nächster Nachbarschaft der Grafen Toggenburg (wo auch mit mehreren Gruppen „subversiv“ gearbeitet wurde) und des Franziskanerklosters. Das Palais war von einem großen Park umgeben, der von der Franziskanergasse bis hin zur Rauschertorgasse reichte. Heute gibt es den Park nicht mehr, er ist völlig verbaut. Vom Palais sind nur noch kümmerliche Reste nach einem Bombenangriff in den letzten Weltkriegstagen übrig geblieben. Ich bin dort gern ein und aus gegangen. Das vornehme Haus, das vornehm-edle Wirken der gräflichen Familie, die frohen Partys im Park, zu Ostern etwa, wenn wir Kinder dort bunt bemalte Eier, Konfekt und Osterfladen suchen durften. Unter dem wachsamen Auge der Gräfinmutter haben wir mit den Komtessen, bildhübschen Mädchen im Alter von sechzehn, siebzehn und neunzehn Jahren, und dem achtzehnjährigen Grafen gespielt – Spiele, die uns bislang unbekannt waren. All das hat mir mächtig imponiert und meine Träume von den Ahnen „edlen Standes“ regelrecht angeheizt.

Ostern war immer etwas Besonderes, auch wenn der Pomp nicht so spektakulär war wie jener zur Geburt des Heilands.

„Wonn kimmp dr Oschtrhos, ha?“, so die Frage schon bald nach dem Christkind. Der „Osterhase“ war gefragt, nicht die Auferstehung. Dabei waren wir im Religionsunterricht auf die Karwoche mit den Leiden Jesu, seinem Kreuztod und die wundersame Auferstehung gründlich vorbereitet worden. So erfuhren wir, dass die Jungfrau Maria den Sohn Gottes geboren hatte und diesem auf Verheiß des Gottesboten der Name Jesus gegeben wurde.

„Jesukindlein komm zu mir…“ lehrte uns Mama beten. Wir sangen zur Weihnachtszeit „Jesus, der Retter ist da!“ Und wir erneuerten im Nikolaus Kirchlein den Eid zum Tirolertum gemäß dem Gottesbund vom 1. Juni 1796: „So geloben wir aufs Neue, Jesu Herz Dir ew`ge Treue!“ Wir nahmen an den Jesu-Andachten teil, den ganzen Monat Juni. Wir mühten uns den Kalvarienberg hinauf bis zur Grabeskirche, wo wir vergeblich Einlass suchten.

Mit zehn, zwölf Jahren waren Norbert und ich schon so weit, die „Seligkeiten“ der Kirche zu begreifen, also schickte uns Mutter am Karfreitag Abend zu den Gräbern Jesu in diverse Kirchen im Stadtbereich, um dort sein Leiden zu beklagen und seinen Kreuztod zu betrauern. Die Herz-Jesu-Kirche am Ende der Rauschertorgasse war eine der Bastionen des Glaubens, die wir aufzusuchen hatten; dort lag im Schummerlicht einiger Kerzen auf einem fußhohen Katafalk der Gekreuzigte. Die erste Begegnung dort mit dem Leichnam Christi, an die ich mich erinnere, zeigte mir eine vielköpfige Menschenschlange: sie reichte bis zur Kommunionbank beim Hauptaltar; da mussten Norbert und ich uns anhängen. Eine „Galgenfrist“ von etwa zwanzig Minuten, bis wir an der Reihe waren, es den Vorbildern gleichzutun.

„Galgenfrist“? Als solche habe ich die Zeitspanne von der letzten Position in der Menschenschlange bis hin zum Katafalk gewertet, denn, was ich trotz andächtigem Vorbeigleiten mitbekommen hatte, das waren die Praktiken der Gläubigen, wenn sie das Kruzifix erreicht hatten: Sie ließen sich in die Knie fallen und küssten die Wunden des Heilands an Händen und Füßen aufwärts. Manches Weiblein schmatzte so laut, dass es sich anhörte, als wollte es das Blut Jesu aufsaugen.

Mir ekelte bei dem Gedanken, ich könnte mit dem möglichen „Gesabber“ der alten Frau vor mir in Berührung kommen. Statt in Andacht zu versinken, sann ich nach Abhilfe. Es fiel mir nichts Besseres ein, als die Küsserei zu simulieren und so kontaktfrei zu bleiben; dunkel genug war es ja, dass meine Camouflage nicht auffiel. Wie sich Norbert hinter mir über den frommen, aber gar nicht appetitlichen Brauch hinwegschwindelte, das war sein Geheimnis.

Zu besonderen Anlässen – Ostern war ein solcher und Weihnachten – waren die Kinder aller geheimen Schulgruppen, an die dreißig Buben und Mädchen, im Palais oder im Park der gräflichen Familie versammelt. Wir haben dort miteinander Weihnachten gefeiert, haben kleine Krippenspiele aufgeführt, fromme und frohe Lieder gesungen und sind mit schönen, guten, vor allem aber mit praktischen Dingen beschenkt worden.

Deutsch haben wir gelernt, wie es unsere Eltern schon gelernt hatten: aus Büchern, bedruckt mit gotischen Lettern, und geschrieben haben wir kurrent. Ich kann es heute noch, obwohl aus der „Katakombe“ heraus kein Kurrent mehr auf dem Lehrplan der Patres im Gymnasium stand. Unter der Ägide Franz Josefs, des jungen Grafen, haben wir ministrieren gelernt: „… Introibo ad altarem Dei – ad Deum qui laetificat juventutem meam …“

Die Bedeutsamkeit der Untergrundschule für das patriotische Bewusstsein der unterdrückten Südtiroler ist nicht unumstritten – es gibt Politologen, die behaupten, dass die Untergrundschule den Chauvinismus unserer Jugend geschürt hätte. Für meine Person kann ich nur sagen, dass mir auf diese Weise Deutsch zwar nicht bis zur Perfektion vermittelt wurde – dazu hätten die wenigen Stunden pro Woche in den vier Jahren nie ausgereicht –, aber missen möchte ich keine der im gräflichen Milieu verbrachten Stunden: Sie haben mein Kindsein verschönert und nachhaltig geprägt.

Revier Waltherplatz

Den Waltherplatz habe ich in mir aufgenommen, da war ich noch keine drei Jahre alt. Unter Mamas oder Tante Pepis Obhut bin ich auf ihm herumgetrippelt, im Samthöschen und Blusenhemdchen, dem „Ausgehgewand“. Ich hatte nur Augen und Ohren für die Tauben – unzählig viele schienen sie mir, und es faszinierte mich, wie sie sich ohne Scheu aus Menschenhand füttern ließen.

Der gute Walther, etwa sechs Meter über dem Boden auf seinem Denkmal stehend, in nachdenklicher oder durchgeistigter Pose, den Blick nach Süden gerichtet, hatte mich damals noch nicht berührt. Auch nicht das ganze Drumherum, außer der Trambahn und deren Gebimmel, wenn sie einspurig sich der Weiche näherte, dem Gegenzug ihr Kommen signalisierend. Oder wenn sie in die Mustergasse einbog und mit „bimm, bimm“ meinen Augen entschwand.

Am 28. April 1924 machte der Kronprinz dem Waltherplatz seine Aufwartung. Zu dieser Zeit hatte ich schon anderthalb Jahre Kindergarten hinter mir. Einander an den Händchen haltend und von zwei Nonnen geleitet, erreichten wir am besagten Tag den Platz. Von den Ordnungshütern wurden wir angewiesen, mit Schulklassen und faschistischen Jugendorganisationen ein Spalier entlang der Fahrroute des königlichen Konvois zu bilden. Man hatte uns grün-weiß-rote Papierfähnchen, die unentwegt zu schwingen waren, in die Hand gedrückt. So standen wir dort und warteten ungeduldig bis Fanfarenstöße das Herannahen des Erhabenen ankündigten. Wir reckten unsere Hälschen und sahen eine Fahrzeugkolonne die Bahnhofsallee herauf zum Waltherplatz fahren. Der königliche Spross stand in einem der Autos und grüßte in die Menge. Vor dem Gebäudekomplex des ehemaligen Hotels Europa – ab 1921 Sitz der Zweigstelle der Bozner Sparkasse – war ein Podium errichtet worden, auf dem sich Prinz Umberto in der Uniform eines Offiziers des Heeres zur Schau stellte, umringt von zivilen, militärischen und faschistischen Würdenträgern. Auch der Klerus durfte nicht fehlen. Der „Podestà“, also der von den Faschisten eingesetzte Amtsbürgermeister der Stadt, Augusto Guerriero, überreichte dem Gast eine Urkunde über die Umbenennung der Mustergasse in Via Principe di Piemonte.

Vier Jahre nach dem Königsspross traute sich der König höchstpersönlich auf jenen Platz, den Waltherplatz, der seit dem 11. November 1925 nun seinen Namen trug: Piazza Vittorio Emanuele III. Anlass seines Besuches war die Inauguration des Siegesdenkmals: Mussolini hatte den provokanten Bau in Gedenken an die „Märtyrer des Ersten Weltkriegs“ angeordnet. Provokant schon deshalb, weil abgesehen vom Namen des Denkmals und der dem Geiste des italienischen Faschismus entsprechenden Inschrift, das Monument genau dort hinplatziert wurde, wo das halbfertige österreichische Kaiserjägerdenkmal stand.

Rund um das Waltherdenkmal war eine Tribüne errichtet worden, von der herab „Seine Majestät“ dem herbeidirigierten und herbeigeeilten Volk Huld vorheuchelte und dafür marktschreierische Ovationen entgegennahm: „Viva il re!“ „Viva l’Italia!“ („Es lebe der König!“ „Es lebe Italien“) Wir Kinder mussten diesmal nicht Spalier stehen, denn die Volksschulen hatten an den Donnerstagen schulfrei. Was uns nicht hinderte, Viktor Emanuel III zu Gesicht zu bekommen: vor allem weil wir neugierig waren, ob er wirklich nicht viel mehr als anderthalb Meter maß, wie kolportiert wurde. Wie er so an der Brüstung der Tribüne auf dem Waltherplatz stand, merkte man von seinem Mangel an körperlicher Größe nichts. Ein Mann mit Bart hinter mir lästerte aber: „Der schteaht jo auf an Kischtl drobm.“ So wird es wohl gewesen sein.

Zum Waltherplatz zog es uns auch, wenn es sich in Bubenkreisen herumgesprochen hatte, dass dort ein besonders schönes Auto parkte. Einmal stand ein Acht-Zylinder-Horch, Baujahr 1930, dort. Ein Haufen Erwachsener und Kinder umstanden das Fahrzeug, bestaunten es und gaben ihre Kommentare ab. Mitte der Zwanziger- bis Anfang der Dreißigerjahre war es noch allemal eine kleine Sensation, wenn sich ein Automobil der Luxusklasse in unsere Gefilde verirrte.

Der „Walther“ selbst wurde von den Faschisten am 21. Juni 1935 abgetragen und im Roseggerpark aufgestellt. Erst lang nach dem Zweiten Weltkrieg, genau fünfunddreißig Jahre nach seiner Verbannung, ist das Denkmal auf seinen ursprünglichen Platz zurückgebracht worden. Das Denkmal hat mein und meiner Kindesfreunde Interesse erst dann gefunden, als die Kraft unserer Arme ausreichte, die großen Wasserbecken zu erklimmen und dort die nackten Beinchen hineinzuhängen, wenn es die Jahreszeit zuließ. Wir erklommen die zweite „Etage“, wo auf der Höhe der sitzenden Markuslöwen zwei kleinere Becken, mit wasserspeienden Löwenköpfen verbrämt, angebracht waren. War in den unteren Becken genügend Wasser drin, dann ließen wir uns in sie von oben hineinplumpsen. Das bescherte uns bei sommerlicher Hitze wohlige Abkühlung und brachte uns scheele Blicke, Gesten des Unmuts und missbilligende Worte von vorbeispazierenden „Herrschaften“ ein. War ein uniformierter Ordnungshüter in Sicht, dann verdrückten wir uns, pudelnass wie wir waren, so unauffällig und so geschwind wie nur möglich.

Abgesehen vom Palais Campofranco mit seiner pompösen Aussichtsterrasse für Gäste, das den Waltherplatz von der Mustergasse bis zum Pfarrplatz hin flankiert, gab es im Norden des Platzes das Café Hotel Stadt beziehungsweise Città (die einstige Mädchenschule) und das Gebäude das der Familie Kräutner gehörende Hotel Europa, auch Hotel de l’Europe genannt, mit Bierhalle, das nach dem Krieg abgerissen und von der Südtiroler Sparkasse wieder aufgebaut wurde. Die linke Flanke des Platzes war vom Hotel-Café Schgraffer und dem „noblen“ Schwarzen Greif dominiert. Das Bristol in der Raingasse existiert heute auch nicht mehr; es musste einer Geschäfts- und Wohnanlage weichen, nachdem es von Fliegerbomben schwer getroffen worden war.

Das Hotel Greif war damals deshalb von besonderer Bedeutung, weil es neben dem Hotel Mondschein das einzige Bad (Wannen, Brause) der Stadt beherbergte. Ein Bad in unserer Wohnung hat es nicht gegeben – solange wir Kinder ins Blechschaff passten, gab es das obligate „Gepritschel“ einmal wöchentlich in der Küche. Mit zunehmendem Alter war das Schaff aber nur noch für Fußbäder ausreichend. Deshalb drückte mir Mama jede Woche einmal eine ganze Lira in die Hand, mit der das Entree zur Badeanstalt im Hotel Greif für Norbert und mich gesichert war. Mama gab uns nicht nur Seife und Handtuch mit, sondern auch frische Unterhosen. Damals und noch lange Zeit danach war es unschicklich, sich nackt und bloß in öffentlichen Bädern oder Badeanstalten unter die Brause zu stellen oder in die Wanne zu steigen. Also behielt man die Unterhose an.

Immer schon beherbergte die Laubengasse die nobelsten und mächtigsten Handelsunternehmen: Mumelter, Tachezy, Comploi, Eccel, Kußtatscher, Valier, Delazer, Streiter und Anfang der Dreißigerjahre seinen Konkurrenten Psenner, der sich genau vis-à-vis in die Lauben gesetzt hat. Mitten unter den Lauben, auf der rechten Seite vom Obstplatz aus gesehen, ist das Geschäft des Vogelweider-Verlages gelegen, dessen Verkaufsräume heute bis zur Silbergasse reichen. Anno dazumal gab es diese weitläufigen Geschäftsräumlichkeiten nicht; die Verkaufsfläche endete an einem Lichthof vor den Silbergasse-Bauten. Der Sitz des Verlages – vormals Tyrolia und später Athesia – war in der Museumstraße, aber letztlich nicht weit vom Namensgeber am Waltherplatz entfernt.

Das Verlagshaus Vogelweider übte damals eine eigenartige Faszination auf mich aus, allein schon seines Namens wegen. Im Namenspatron nämlich, diesem Walther von der Vogelweide, sah ich als Bub all das, was Michael Gaismair gewesen war: ein Rebell gegen Unfreiheit, Ausbeutung und Unterdrückung. Doch dies war der minnesingende Ritter nicht; im Gegenteil: Walther soll es blendend verstanden haben, sich’s mit den jeweiligen Machthabern zu richten. Seine wirklichen Verdienste, die fast siebenhundert Jahre später in Bozen bedenkmalt wurden, lagen lediglich in der Revolutionierung des Minnesangs. Was mich aber zusätzlich faszinierte, war das Gerücht, dass der Vogelweider-Verlag in seinen Kellerarchiven echte Handschriften des minnesingenden Namensvetters aufbewahrte: einen Schatz von unermesslichem Wert, wie es hieß. Es war aber nur ein Gerücht.

8. Februar 1934: Wir hatten am Vormittag Schularbeit in Mathematik. Kein gutes Gefühl begleitete mich mittags nach Hause. Der Geruch vom Küchenherd her war auch nicht so, dass er meine Laune hätte bessern können: Saure Kutteln und Polenta gab’s. Wenig später stürmte Norbert völlig aufgebracht zur Tür herein.

„Mama, dr Voglwaidr prennt!“, sagte er.

„Dr Voglwaidr? Untr die Laubm?“

„Frailich der, wo sunscht? I hon’s selbr gsehgn, jetz, wia i hoamkemmen pin … Die Fuierweahr hot olles ogschperrt und schprizt wia net gschait. Luisl, giahmr schaugn?“

Ruckzuck hatten Norbert und ich die Teller leer gegessen, und draußen waren wir bei der Tür. Wie im Tandem sausten wir die kurze Strecke die Lauben zum Vogelweider hinunter. So weit kamen wir gar nicht, denn schon zwei Gewölbe vorher war alles abgesperrt, von Feuerwehr und Polizei. Vom Brand selbst war noch gar nichts zu bemerken, und wäre nicht die hektische Aktivität der Wehrmänner gewesen, man hätte eher an ein harmloses Manöver glauben können. Die Gasse also bot uns mitnichten das erhoffte schaurige Erlebnis. So zogen wir enttäuscht von der Brandstätte ab und machten uns auf den Heimweg.

Was mir nicht aus dem Kopf ging, das waren des Minnesängers Handschriften, die ich in höchster Gefahr wähnte. Mittlerweile hatten wir unser Haus erreicht. Norbert, dem die Nase tropfte, zog zum x-ten Mal sein Schnäuztuch und meinte dann unvermittelt: „I woaß, wia mr’s Fuier sehgn: mir giahn holt aufs Doch aui und oi pis zun Voglwaidr.“

Unsere Dächer waren leicht begehbar, insbesondere, wenn man baren und leichten Fußes von Ziegel zu Ziegel stieg. Kurze Zeit später waren wir bereits Richtung Vogelweider unterwegs; siebeneinhalb Dächer waren zu überwinden, eine Kleinigkeit für uns, wo wir schon reichlich Übung in solchen Exkursionen hatten. Von dort oben lernten wir die Laubengasse von einer anderen Seite kennen, aus einer Perspektive, wie sie sonst nur Dachdeckern, Spenglern und Kaminkehrern, vielleicht noch flüchtenden Einbrechern, allenthalben aber einem tief fliegenden Aeroplan dargeboten wird.

Am Rand zum Hof des Vogelweidertraktes angelangt, legten wir uns auf das Dach, pressten die Bäuche auf die kalten Ziegel und bestaunten das Geschehen tief unter uns. Da brannte es lichterloh. Offenbar war das Feuer in einem der Souterrainlager ausgebrochen und schaffte sich nach oben Luft. Die Flammen schlugen aus geborstenen Fenstern und suchten sich züngelnd einen Weg entlang der Hausmauer in die höher gelegenen Stockwerke. Man hörte das Zischen des Löschwassers, und der Rauch, der zu uns heraufdrängte, brannte in Lunge und Augen. Damit war unsere Neugier auch schon gestillt, und wir zogen uns in unsere Gemäuer zurück.

Die Folgen des Brandes waren für die Buchhandlung verheerend: Was die Flammen nicht vernichtet hatten, besorgte schließlich das Löschwasser. Das ganze Inventar, alle Lagerbestände waren ruiniert. Lediglich die Handschriften Walthers von der Vogelweide sollen gerettet worden sein, im letzten Augenblick.

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Serideki Altıncı kitap "Memoria. Erinnerungen an das 20. Jahrhundert"
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