Kitabı oku: «NACHT ÜBER DUNKELHEIT», sayfa 2
»Aber wozu habt ihr mich jetzt schon als Magier verkleidet?«
»Wir haben dich nicht verkleidet«, Volker schüttelte den Kopf. »Du bist ein Magier, selbst wenn du nackt wärst.«
Vigor seufzte.
»Und außerdem«, Volker sah Vigor an, »geht es wieder darum deine Herkunft zu verschleiern. Wenn du wie ein Gelehrter ankommst und dann zu den Magiern wechselst, dann bist du bei den hohen Herrn gleich unten durch.«
»Hohe Herren, dass sind meine Mitschüler?«, fragte Vigor. »Äh, Kommilitonen, meine ich.«
»Richtig«, antwortete Volker. »Und gut, dass du so was weißt. Ich hätte dieses blöde Wort nicht von der Zunge gebracht.«
»Aber nur weil es dir zu blöd ist.«
»Klar.«
Der Diener und zwei weitere Kollegen brachten das Essen verdeckt unter großen Silberglocken hinein. Vigor betrachtete das polierte Silber. Sein Gesicht spiegelte sich in der Wölbung. Es verschwamm vor seinen Augen, während er glaubte den Geruch eines Holzfeuers zu atmen. Er hatte ein flaues Gefühl, aber die weiß gekleideten Herren brachten ihm vielleicht auch ein Abendessen.
Volker stieß ihn an. Vigor erwachte aus seinem Tagtraum. Der dunkel gekleidete Diener sah Vigor unsicher wartend an. Vigor lächelte höflich ohne den leisesten Schimmer, was man von ihm wollte. Er nickte leicht, wie zum unsicheren Gruß. Nun wurden die Tablettes vor ihnen abgestellt und die Silberglocken abgenommen. Der Diener, der die Bestellung aufgenommen hatte, holte einen Krug Rotwein aus einem Kabinettschrank und begann auszuschenken. Plötzlich meinte der Dorfschulmeister: »Keinen Wein für die Jungs.«
Der Diener nickte, sein Gesicht sah aber empört aus. Wie konnte man den preisgekrönten und weltbekannten Wein aus den sonnigen Landen ablehnen?
»Sonnenakademie«, erwähnte der Dorfschulmeister kurz angebunden. Das Gesicht des Dieners hellte auf. Er winkte einem anderen, der sofort mit einem Krug roten Traubensaft kam. Vigor verstand, sie durften keinen Alkohol trinken. Dass alle Genussmittel in der Sonnenakademie verboten oder beschränkt waren, wusste er allerdings nicht. Doch den Bediensteten war dies bekannt, schließlich waren die Grundregeln der Akademie des Sonnenordens volkstümliches Allgemeingut. Die Diener zogen sich zurück und ließen die drei wieder allein.
»So Jungs, einen guten Appetit allerseits.« Der Dorfschulmeister strahlte über beide Ohren, während er sich die Hände rieb. Vigor und Volker sahen ihn an, dann auf dessen Teller. Die Jungen wussten, warum der alte Lehrer so fröhlich war. Er hatte eine Portion Hirschfilet in Rotweinsoße mit Beilagen vor sich stehen. Volker grinste. »Es muss sich ja auch für Sie irgendwie bezahlt machen, uns zu begleiten.«
»Das hat es sowieso, Königliche Hoheit.«
Während sie aßen, verschwand vor dem Fenster der blaue Himmel in der Nebelbank.
»Ihr hättet Euren Vater wirklich über Vigor aufklären sollen«, sagte der Dorfschulmeister plötzlich. »Seine Königliche Hoheit hätte viel Geld sparen können und für Vigor wäre es einfacher und womöglich förderlicher gewesen.«
»Wieso das?«, fragte Volker skeptisch.
»Die Eignungsprüfung der Universität hätten dem Großherzog und Vigor Planungssicherheit gegeben. Lady of Trolley hätte ihn vielleicht kurzfristig auf seine Talente untersucht und seine Königliche Hoheit beraten.«
»Ja und? Wir wissen, dass er ein Heiler ist.«
»Stimmt«, fuhr der Dorfschulmeister fort. »Das kommt mir aber auch gerade. Wer ist denn der beste Heiler weit und breit?«
»Ach so«, gestand Volker nun. »Sir Mike of Trolley natürlich.«
Vigor hörte schweigend, aber aufmerksam zu. Ihm wurde bewusst, dass die Welt der Herrschenden komplexer war, als er geahnt hatte. Offenbar war sein Sonderweg durch die Stände ein echter Kunstgriff.
»Genau den meine ich.«
»Aber, dann hätte man Vigor und mich getrennt«, verteidigte sich Volker. »Wer hätte ihn dann in die Welt des Adels eingeführt? Es gibt sehr viele Fettnäpfchen in die er treten kann. Jetzt können wir gemeinsam zumindest einen Teil der Ausbildung durchlaufen.«
Vigor unterstützte Volker. »Ich bin froh, dass ich an der gleichen Schule wie Volker bin. Sonst wäre ich ganz allein und ich kenne sonst niemand.«
»Und ich wäre allein, weil mich mag sonst niemand«, brummte Volker, wobei sich Vigor nicht sicher war, ob sein Freund dies ernst meinte und wenn ja, darüber traurig war oder nicht.
»Aber der Sonnenorden wird sicherlich keinen fähigen Heiler abweisen«, vermutete Volker.
»Ich ...« Der Dorfschulmeister stockte. »Nein, wohl nicht.«
Er warf Vigor einen wohlwollenden Blick zu, der den Jungen allerdings eher beunruhigte. Vigor begriff, dass sein Ausbildungsgesuch wohl nicht oft vorkam. Er kannte den Sonnenorden von den Geschichten und Sagen. Aus diesem Grund konnte sich Vigor auch denken, dass eine Ausbildung unter dem Goldenen Turm ein Privileg war, dass sich alle Kinder wünschten und wofür die Familien der Auserwählten tief in die Taschen greifen mussten.
Schließlich brach die Fähre durch die Nebelwand. Vigor und Volker waren an Deck, in der Kabine war ihnen einfach zu langweilig. Vigor sah den Nebel entlang. Eine hohe Klippe begrenzte auf der Steuerbordseite die Bucht, welche das Schiff anlief. Die Nebelwand endete etwa drei Schiffslängen vor dem steilen Fels. Hoch auf dem Berg hinter der Klippe thronte eine Wehrburg. Vor allem der mächtige, rechteckige Bergfried fiel auf, der weit über die Zinnen und Dächer ragte. Die äußere Ringmauer rahmte die ganze Klippe ein. Darunter lag der Hafen. Sie passierten gerade den weißen, runden Leuchtturm am Ende des Mittleren von drei langen Stegen. Im Vergleich zu den mächtigen Bauten am Ufer und der Klippe wirkte das weiße Türmchen geradezu putzig. Direkt am Leuchtturm war auch ein Wohnhaus angebracht, wohl das des Leuchtturmwärters.
Dahinter konnte Vigor die Masten von unzähligen kleinen Fischkuttern erkennen. Die fröhlich bunt bemalten Kutter lagen auch an vielen anderen Anlegestellen, überall da, wo gerade Platz gewesen war. Offensichtlich war der Nebelsee sehr fischreich. Die meisten Schiffe hatten ein oder zwei Masten. Neben den Handelsschiffen und Fähren fielen die Kriegsschiffe durch ihre Bewaffnung auf. Alle Dreimaster waren Fähren oder Linienschiffe. Die Fähren waren dunkelbraun, die Kriegsschiffe dunkelblau und goldfarben angestrichen.
Links von der Hafenanlage zog sich die Stadt Sonnensee um die Bucht, weit bis nach Backbord der Fähre. Vigor ging mit den Augen die Küstenlinie entlang. Die ganze Bucht lag im strahlenden Licht der Spätsommersonne. Auf der linken Seite, begrenzte eine weitere Klippe den weißen Sandstrand. Vigor war sich recht sicher, dass dies einer der wenigen Strände war und die Insel zumeist aus steilen Klippen bestand. Auf der linken Klippe, die Süden sein musste, standen erneut Häuser. Sie schienen deutlich größer zu sein, als die Gebäude der Stadtmitte. Am Rand der südlichen Klippe zum Zentrum hin, stand auf einem fast ebenso hohen Hügel ein mächtiger Palast mit vier dicken, runden Türmen. Die Häuser daneben sahen alle von Weitem schon, groß und prunkvoll aus. Doch wirkten sie gegen den gelben Palast recht zierlich. Die Fähre hielt auf den Pier, hinter dem Leuchtturm zu. Insgesamt erschien die Stadt sehr einheitlich, da die Hausfarben, im Gegensatz zu den Bootsfarben, keine große Auswahl kannten. Es gab in abnehmenden Anteil lediglich backsteingelb, sandsteingelb, backsteinrot und weiß. Meistens hatten Nachbarhäuser die gleiche Farbe, sodass der Hausanstrich blockweise oder mit dem Straßenzug wechselte.
Im Hafenbecken wuchsen die zierlichen Häuser hinter der Hafenkante stetig an. Sie waren alle mehrstöckig, meist drei Stockwerke und einem Spitzdach. Die Häuser am Hafen gehörten wohl dem Mittelstand. Ob diese Stadt überhaupt Armut kannte? Das Klatschen des Ankers riss Vigor aus seinem Gedankengang.
Die breite Planke wurde wieder von Bord gehievt. Interessanterweise waren Vigor, Volker und der Dorfschulmeister mit Wagen und Gefolge nicht nur die Ersten an Bord gewesen. Nun wurden sie auch zuerst von Bord gelassen. Wieder fiel Vigor dies auf, der an die Standesgepflogenheiten aus Adelssicht nicht gewohnt war. Fasziniert beobachtete der Junge mit welchem Aufwand auf dem Schiff rangiert wurde, nur um sie vorzulassen. Es ging an vier Fuhrwerken vorbei, einem halben dutzend Besatzungsmitgliedern, die sich allesamt verbeugten, neugierigen Passagieren und über die Planke in eine irgendwie andere Welt. Volker ritt erst vor, dann neben ihnen her. Der Wagen rollte mit knirschendem Schaben über das ebene Pflaster aus großen Sandsteinplatten. Aus dem gelben Sandstein bestanden alle umliegenden Klippen und war daher schnell verfügbares Baumaterial. Daneben gab es die Backsteine und zu allem Überfluss den Marmor. Sie hielten vor einem schmalen, vierstöckigen Sandsteinhaus mit dicken Säulen und Gewänden. Es war kleiner als einige Häuser drumherum, wirkte sehr robust wie eine winzige Burg mit seinen kleinen Spitzbogenfenstern. Es war das Haus des Hafenmeisters.
»Ich muss kurz unsere Papier unterzeichnen lassen.« Der Dorfschulmeister stieg ab und verschwand hinter der dicken Eichentür. Die beiden Jungen sahen sich um, dann einander an.
»Hier haben einige Leute zu viel Geld«, bemerkte Volker.
»Sieht so aus«, nickte Vigor. »Schloss neben Schloss.«
Hinter ihnen hielt der Reisewagen des Kaufmanns, der auf ihrer Fähre mitgereist war. Auch der Kaufmann verschwand im Haus des Hafenmeisters. Gleichzeitig kam der Dorfschulmeister wieder heraus. Sie fuhren die Hafenpromenade entlang und unter dem mächtigen Palast vorbei. Der vor ihnen in den Himmel wuchs, wie ein von Menschen gebauter Felsvorsprung. Obwohl er weit über dem Hügel thronte, auf dem er und die Nachbarhäuser standen, gingen seine Stockwerke so weit den Hang hinunter, dass er nur etwa eine Häuserhöhe von der Uferpromenade entfernt endete. Es war eindeutig kein Verteidigungsbau. Die Unzahl von gelben Backsteinen, die aufgemauert waren, empfand Vigor als schwindelerregend. Ein so großes Haus mit großen Steinen zu bauen, wäre doch viel sinnvoller. Gewände und Simse waren aus roten Backsteinen zusammengesetzt. Das Schloss war ein riesiges Backsteinpuzzle mit ungefähr hunderttausend Teilen oder so. Vigor zählte die weiten Fenster. Der Palast hatte mindestens acht volle Stockwerke und darüber einen hoch aufragenden Dachstuhl mit schwarzen Schieferschindeln. Mit dem mehrstöckigen Dach kam der Palast auf genau zwölf Geschosse. Alle Fenster waren rechteckig, nur in einem Stockwerk waren sie halbrund und deutlich größer als die anderen. Das Stockwerk befand sich drei Fensterreihen unterhalb der Dachkante. Warum dem so war, erschloss sich Vigor aber nicht. Über jenem Stockwerk wand sich eine Terrasse an der Fassade entlang. Sie bogen um eine Kurve und das Schloss verschwand außer Sicht.
Dafür wurden dem Jungen die recht großen Häuser gewahr, die links und rechts auf den steilen Hängen der südlichen Klippe und des Schlosshügels standen. Ihre prächtigen Fassaden lugten hinter alten Bäumen hervor. Die Straße folgte einem Klamm, den ein Bach gegraben hatte und wie ein Park gestaltet war. Über die Straße führte eine prunkvolle Eisenbrücke, die die Stadtteile verband.
»Der Park hier sind die Villengärten und der Talpark«, bemerkte der Dorfschulmeister während er um sich deutete. Eine Abzweigung nach rechts nahm der Wagen und nun begrenzten geschlossene Reihen großer Stadthäuser die Straße, während sie weiter den Hügel hinaufstiegen. Oben steuerte sie der Dorfschulmeister zielbewusst auf den den Schlossplatz mit einem Garten und Brunnen in der Mitte. Der Wagen mit den Reitern immer noch dahinter überquerte den Platz um vor dem Schloss, nahe dem Brunnen anzuhalten. Auf der Schlossseite durfte wahrscheinlich nur der Goldene Magier stehen bleiben.
»Bleibt hier«, meinte der Dorfschulmeister, als er vom Wagenbock stieg und Vigor bereits aufstand. »Ich muss kurz im Palast etwas abgeben.«
»Können wir nicht mit?«, fragte Volker, noch schneller als Vigor.
»Nein, das würde die Sache nur verzögern.«
Die beiden Jungen sahen ihn fragend an.
»Ihr seid weder mächtige Herrscher noch Mitglieder der Sonnenakademie«, erklärte der Dorfschulmeister. »Ohne Audienz kommt ihr an den Wachen hier nicht vorbei.«
Er deutete, mit einem gerollten Papier in der Hand, auf die mit langen Hellebarden bewaffneten Wachposten in gelben Uniformen, die links und rechts des Haupteingangs vor den mannsdicken, runden, fast schwarzen Marmorsäulen standen. Vigor verstand nun den Sinn der halbrunden Fenster. Das besagte Stockwerk bildete auf dem Gipfel des Hügels das Erdgeschoss und die Fenster passten zum Eingangstor. Der Lehrer schritt zügig zu den beiden Wachen hinüber. Diese machten schon von weitem eine abweisende Geste, indem sie die Hellebarden kreuzten. Der Dorfschulmeister schien aber unbeirrt zu sein. Er griff in seine Tasche und zog an einer Kette eine Goldmünze hervor, welche er dem rechten Wächter zeigte. Der Wächter nickte und die Hellebarden wichen zurück. Nun standen beide Männer stramm, bis der Dorfschulmeister an ihnen vorbei und hinter der dicken Eichentür verschwunden war. Dann widmeten sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße.
Die Jungen musterten das Schloss, um sich die Zeit zu vertreiben. Viel passierte auf dem Schlossplatz nicht. An allen drei Eingängen standen zwei Wachposten. Die Fenster- und Türgewände, sowie die Simse waren mit einem sehr verspielten, aufwendigen Muster behauen. Jeder Stein hatte einem Ziegler wohl mehrere Tage Arbeit gemacht. Die große Terrasse über dem Erdgeschoss umschlang das Schloss mit einem weiß bemalten, schmiedeeisernen Geländer. Das gleiche Kunstwerk des Schmiedehandwerks krönte die kuppelförmigen Dächer der vier Türme. Überhaupt hatte Vigor schon viele geschmiedete Geländer, Zäune und sonstige Abgrenzungen bemerkt. Offenbar verstanden in Sonnensee nicht nur die Ziegler, sondern auch die Eisenschmiede ihre Arbeit. Die Menschen die über dem Schlossplatz huschten, fielen Vigor und Volker nicht sonderlich auf. Es schienen mehr Wohlhabende darunter zu sein, denn ihre Kleidung war bunt und gepflegt. Aber das war schon alles. Vom Schlossplatz aus konnten die Jungen die Eisenbrücke entlang sehen. Die Anwesen auf der entfernten Seite ragten über die alten Bäume und bekräftigten mit ihrem Prunk erneut Vigors Verdacht, es wäre ein Villenviertel. Schließlich erschien der Dorfschulmeister aus dem Palast.
»So Jungs, dann geht es jetzt weiter«, sagte er, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was er eigentlich gerade getan hatte. Vigor dachte sich, dass der alte Lehrer nicht darüber reden wollte. Volker dachte sich das auch, allerdings wollte er es nicht dabei bewenden lassen.
»Was hattet Ihr den zu erledigen?«, fragte er, während er auf Obsidan, neben dem Wagenbock her ritt.
»Ach...«, fing der Dorfschulmeister an. »Ich habe nur Vigors Kurswechsel beantragt. Der Hafenmeister sagte mir, dass ich den Sohn des Golden Magiers im Palast finde. Er ist für die Akademie zuständig.«
»Ach...«, meinte Volker, »so.« Er wunderte sich, was der Dorfschulmeister verheimlichte. Vigor grinste, wenn sie schon mal beim Bohren waren, dann könnte er ja auch dicke Bretter versuchen.
»Herr Lehrer, was ist das eigentlich für ein Medaillon an dieser Kette?« Vigor deutete auf die Hose des Dorfschulmeisters.
»Euch Zweien entgeht auch nichts, oder?«
Der alte Lehrer lachte und zog das Goldmedaillon aus der Tasche. Es war ein sehr großes Goldstück mit einer eingravierten Sonne in einem zwölfstrahligen Stern darauf, auf beiden Seiten. »Das ist der Nachweis, dass ich zum Rat der Sonne gehöre.«
»Was ist das?«, fragte Vigor weiter.
»Das ist ein Zusammenschluss von Gelehrten, die sich unter Führung des Goldenen Turms regelmäßig treffen, austauschen und einander informieren. Alle Mitglieder des Rates haben das Ziel die Welt ins Licht zu führen und die Mächte der Finsternis zurückzuschlagen.«
»Klingt sehr dramatisch«, bemerkte Vigor.
»Dramatischer als es ist«, erzählte der Dorfschulmeister. »Meistens analysieren wir irgendwelche Indizien und Entwicklungen für irgendetwas.«
Zwischenzeitlich passierten sie ein weiteres, prächtiges Schloss aus rotem Backstein geziert mit gelben Sandsteingewänden und zahlreichen, quadratischen Türmen. Es war deutlich kleiner als der Palast, allerdings glichen die großen, teilweise bunt verglasten Fenster und die geschwungenen Kuppeldächer aus grün angelaufenem Kupfer dies wieder aus. Der Eigentümer hatte offensichtlich Macht und Ansehen. Der Dorfschulmeister folgte Vigors Blick.
»Das hier ist das Grafenschloss, der Herren von Skard. Gründer der Grafschaft und Stadt Sonnensee.«
Der Junge nickte. Die Häuser schrumpften nicht. Doch nach einer Biegung stieg der Hügel weiter an. Die Straße, mit dem hier eindeutig nichtssagenden Namen Schlossstraße, führte schnurgerade hoch auf die Klippe nach Nordosten hin, dann wandte sie sich nach Osten. Dort konnten die Jungen bereits die Umrisse der Burg ausmachen. Vor den sandsteingelben Burgmauern stand ein kleines, dreistöckiges Schloss auf der linken Seite, mit zwei dicken runden Türmen. Es war mit Schießscharten gekrönt und wirkte ein bisschen wie eine verspielte Vorburg. Doch mit der eigentlichen Wehranlage nichts zu tun hatte. Der graue Stein der Schlosswände war zum Teil weiß gestrichen und die vielen Spitzbogenfenster machten es nicht gerade wehrhaft. Beim Vorbeifahren sah Vigor, dass es einen ziemlich weitläufigen Seitenflügel hatte und als Dreiseitenhof angelegt war. Auf jeden Fall bot es eine erstklassige Aussicht, da sich der Hügel zu einem Grat verengte, der neben dem Schloss, nur noch für die Straße Platz ließ. Der Eigentümer hatte also völlig freie Sicht nach zwei bis drei Seiten. Hinter dem Schloss konnte Vigor eine weitere Bucht mit noch mehr Stadt drumherum entdecken.
»Das hier ist das Schloss am See«, erzählte der Dorfschulmeister. »Wichtig zu wissen, denn hier wohnt euer zukünftiger Schulmeister.«
»Sonnenorden Junior?«, fragte Volker nach.
»Richtig, das ist der Sitz von ihm und seiner Familie.«
»Und was ist mit dem großen Palast?«, wunderte sich Vigor.
»Dort wohnt Sonnenorden Senior.«
Vigor schüttelte den Kopf. Kein Wunder, dass es hier so viele Schlösser gab, wenn jeder aus der Familie sein Eigenes brauchte. Bis dann auch die Großtante der Exfreundin ihr Herrenhaus hatte, bekam man eine Stadt schon voll.
Der Grat stieg zwischen die Bäume und den immer steileren Abhang. Schließlich gab eine Linkskurve den Blick auf das Torgebäude frei. Das Torhaus war mit zwei dicken, runden Türmen befestigt, die kaum höher als die Burgmauer und mit einem Flachdach und Zinnen versehen waren. Links hatte der Wehrgang noch zwei Türme ähnlichen Formats bevor die Klippe dort endete. Rechts vom Tor zog sich die Mauer mit einem scharfen Knick entlang des Fels, bevor die Ringmauer nach einem weiteren Knick die lange Südseite der Klippe mit etlichen Türmen befestigte. Die Wand war schlichtes Bruchsteinmauerwerk mit auf Rundbögen überhängender Brüstung und symmetrischen Zinnen. Wächter sahen Vigor und Volker auf den Wandelgängen allerdings keine. Die Klippe fiel unter der Burg fast senkrecht ab.
3. Kapitel: Schlägerei
Das Tor stand offen und der Dorfschulmeister lenkte seinen Wallach durch das Torhaus. Sie kamen in eine schmale Vorburg, denn der Grat war nur so breit wie das Torhaus und die beiden Türme links davon. Die dreieckige Befestigung ging auf der rechten Seite über eine Steinbrücke in den nächsten Teil der Burg auf der eigentlichen Klippe. Davor stand eine Baracke, aus der ihnen zwei Wächter in gelben Gewändern entgegentraten. Der Dorfschulmeister hielt sein Pferd an. Volker und der Rest der Karawane warteten dahinter. Einer der Wächter sprach den Lehrer an. »Die Jungen da rüber.«
Er deutete auf die Sackgasse auf der linken Seite der Vorburg, unterhalb der beiden Türme. Dort auf dem Rasen tummelten sich schon ganz viele Jungen, die offenbar ebenfalls warteten.
»So ihr zwei, dann steigt jetzt bitte ab und geht dort hinüber«, sprach der alte Lehrer.
»Und was dann?«
»Wartet dort auf Anweisungen.«
»Was ist mit meinem Pferd?«, fragte Volker.
»Das nehme ich mit hinein«, erwiderte der Dorfschulmeister. »Gebt Eure Zügel, einem der Männer.«
Volker nickte, stieg aus dem Sattel und lud mit einem Handzeichen einen der Reiter ein, die Zügel von Obsidan zu führen. Die Lederriemen hingen jungfräulich um dessen Hals. Volker hatte sie anlegen müssen. Benutzen tat er die Zügel trotzdem nicht, bei so einem Schlenderritt schon gar nicht.
»Ich gebe das Gepäck noch ab und gehe dann wieder«, erklärte der Dorfschulmeister.
»Alles klar.« Vigor sprang vom Wagenbock und lief zu Volker.
»Vigor, vergiss deinen Stab nicht.«
»Brauche ich den jetzt?« Vigor empfand es als sinnlos, dass Stück Holz herumzutragen.
»Natürlich«, antwortete der Lehrer.
Volker rollte die Augen.
»Ja, klar«, beschwichtigte Vigor, als er Volkers Blick sah. »Ich bin ja ein Magier. Schon verstanden.«
Während der Dorfschulmeister über die bewehrte Brücke verschwand schritten die beiden zu den Jungen auf der Wiese.
Fast vierzig Jugendliche, alle im Alter von Vigor und Volker, lungerten im Gras herum. Vierzehn war das Standardalter für den Einstieg in die höheren Abschlüsse der Sonnenakademie. Darüber gab es nur noch die akademischen Grade für den Fall, dass sich jemand für ein Studium entscheiden sollte. Dies war aber noch teurer, seltener und vor allem schwerer als die Ausbildungen. Einige waren schon eine ganze Weile hier und langweilten sich. Bis zum Nachmittag hatten alle neuen Schüler der Sonnenakademie Zeit anzureisen. Und vor dem Anreiseschluss schien sich niemand mit ihnen beschäftigen zu wollen. Während der letzten Stunde reiste niemand mehr an. Vigor und Volker waren wohl die Letzten. Aber das machte ja nichts. Die Jungen tauschten sich über ihre Herkünfte und Titel aus. Vigor fand das ein bescheuertes Thema. Offenbar hatte sich auch schon herumgesprochen, dass jemand niederer Herkunft aufgenommen werden sollte. Letztendlich versuchten sie diesen jetzt schon heraus zu sieben und eine Hackordnung anhand ihrer Familientitel festzulegen. Ein schlanker Junge, von ähnlicher Statur wie Vigor, war federführend. Im Gegensatz zu den meisten stand er und stellte sich den beiden Neuankömmlingen vor.
»Ich bin Graf Heribert von und zu Aura; Magier des Olivfarbenen Turms.«
Volker sah Vigor an und rollte gelangweilt die Augen. Vigor grinste.
»Und mit wem habe ich die Ehre?«, bestand Heribert.
»Volker, Großherzog von Starkenberg; Militärische Großmacht im Glockenbündnis.«
Heribert nickte und sah Vigor interessiert an.
»Äh, Vigor.« Er hatte absolut keinen Plan was er sagen sollte. Wenn er gewusst hätte, wie früh diese Spielchen anfingen, hätte er sich darauf vorbereitet, aber so.
»Vigor und weiter?«, hakte Heribert nach.
Vigor drehte sich zu Volker.
»Of Evil«, flüsterte er seinem Freund ins Ohr. Volker grinste, schüttelte dann aber den Kopf. Schade, dachte sich Vigor. Heribert hätte bestimmt ein Gesicht gemacht.
Heribert runzelte die Stirn. »Was gibt es da zu flüstern?«
»Hm«, überlegte Volker. »Geht dich unter Umständen nichts an.«
»Ich bin ein Magier, mich geht alles etwas an.«
»Er ist auch einer«, entgegnete Volker. »Und ansonsten geht dich das einen feuchten Dreck an.«
»Das soll ein Magier sein.« Heribert klang abwertend. »Der ist ja so arm, der kann sich nicht mal einen Nachnamen leisten.«
»Kann ich wohl!«, widersprach Vigor. Er überlegte, ob er sich als Of Shine ausgeben sollte. Aber er traute sich nicht, es wäre schließlich gelogen.
»Was willst du hier Bauerntölpel?« Heribert hatte sein Opfer gefunden.
»Halt die Klappe.« Vigor hatte nicht vor sich Ärgern zu lassen.
»Haltet Eure Klappe, Eminenz – heißt das«, erwiderte Heribert. »Und du musst dabei auf die Knie gehen.«
Viele der anderen Jungen lachten. Sie standen auf und versammelten sich im Kreis um die drei. Denn nun gab es wenigstens etwas zu sehen und ein handfester Streit, das war schon was, fast so gut wie ein Kampf. Aber der konnte ja noch werden.
»Vor dir gehe ich mein Leben nicht in die Knie.« Vigor sah ihn mit Verachtung an. Wieder einmal hatte er diese erhabene Entschlossenheit in den Augen, die Volker schon öfter bei seinem Freund entdeckt hatte. Dieses Feuer in Vigors Augen, welches ihm schon bei seiner ersten Begegnung mit dem kleinen Jungen aufgefallen war. Es gab Vigors Lausbubengesicht den Ausdruck von Intelligenz und Macht.
Heribert war damit sichtlich überfordert. Er gab Vigor einen Stoß vor die Brust. Vigor stieß reflexartig zurück.
»Lass deine Pfoten von mir«, drohte Heribert.
»Wäre besser«, erwiderte Vigor. »Sonst habe ich dein Damenpuder an den Fingern.«
Heribert zog seinen Umhang aus und legte seinen Stab darauf. »So, du willst kämpfen? Dann komm doch, feiger Bauer!«
Er sprach vom feigen Bauern. Dennoch wollte er kein magisches Duell mit dem Bauer versuchen. Heribert war bereits aufgefallen, dass sein Diopsid auf jeden Fall unter dem Edelstein lag, den dieser fremde Junge mit sich führte. Der klare Kristall könnte ein Quarz oder gar ein weißer Topas sein und da er die Vorkenntnisse von Vigor nicht kannte, wollte Heribert es nicht auf ein Duell ankommen lassen.
Vigor legte den Stab auf die Erde. Dann zog er sich kurz entschlossen den Umhang aus und streifte das Hemd über den Kopf. Dann baute er sich vor Heribert auf. Vigor war zwar klein und schmal, aber durchtrainiert und das bemerkte auch Heribert.
»Hier bin ich.«
Die beiden stießen sich erneut vor die Brust. Dann gingen sie zum Angriff über. Gerade als Vigor Heribert in den Schwitzkasten nahm, um ihn nieder zu ringen, tauchte plötzlich ein etwa dreißigjähriger Mann aus dem Nichts auf. Er packte Vigor und Heribert an einer Schulter und zog sie auseinander. Keiner der Jungen wusste wer er war. Doch der schlanke, braunhaarige Mann trug einen strengen Blick und ein goldgelbes Gewand, einen langen Mahagonistab mit einem gelben Moissanit im Treppenschliff an der Spitze. Er hielt sich nicht mit der eigenen Vorstellung auf. Wer er war, würden die Schüler bald genug erfahren. Stattdessen gab er Anweisungen. »Schluss mit der Rauferei! Schlag zwölf beginnen wir und ich erwarte ein ordentliches Erscheinungsbild.«
Dann verschwand er wieder.
»Da steht er unser Nackedei, wie unsere Bauern auf dem Felde«, stachelte Heribert. »Wahrscheinlich ist das sein einziges Hemd, also hat er Angst darum.«
Die umstehenden Schüler lachten wieder. Wer bitte schön besaß nur ein Hemd? Selbst ein Bauer hatte mehr davon, glaubten diese Jungen zumindest. Schließlich hatten sie Armut noch nie erlebt. Vigor erwiderte nichts, denn er wusste, dass Heribert zumindest zum Teil Recht hatte.
»Dieser Bauer verschmutzt unser Blut.«
Jetzt wurde es Volker zu bunt, der bislang unbeteiligt neben Vigor und Heribert stand. Er wandte sich Heribert zu und packte ihn am Kragen. Dann fuhr er mit ihm herum und riss den Jungen von den Füßen. Volker spannte den Oberarm an, beugte ihn und hob Heribert in die Luft.
»Wenn du nicht gleich die Klappe hältst, dann spuckst du den Rest des Tages Zähne mit jedem Wort.«
Heribert rührte sich nicht. Volker ließ ihn achtlos in den Dreck fallen. Heribert stand auf und ließ sich seinen Stab von einem Mitschüler reichen. Den Zauberstab richtete Heribert auf Volker und drückte dem deutlich größeren Jungen den Kristall gegen die Brust.
»So, wer spuckt hier was?«
Volker stand stocksteif da. Er bemühte sich um eine ruhige Stimme. »Und was nun? Willst du mich damit durchbohren?«
»Entschuldige dich«, forderte Heribert. »Du hast mich beschmutzt.«
»Und wenn nicht?« Volker war immer der Meinung, dass man die Alternativen kennen sollte. Heribert versetzte Volker mit seinem Stab einen Stoß gegen die Brust.
»Dann verbrenne ich dein Hemd auf deiner Haut.«
»So«, mischte sich Vigor ein. »Wer ist nun der Feigling? Stark nur mit der Waffe in der Hand.«
Einige Schüler lachten. Heribert drehte den Kopf und musterte Vigor.
»Du bist der Nächste.«
Dies war der Moment, den Volker gebraucht hatte. Er packte den Stab mit beiden Händen und schob den Kristall auf die Seite. Dann zog er Heribert an dem Holz zu sich ran. Dieser stolperte überrascht einen Schritt nach vorne. Heribert fand sich Auge in Auge mit dem großen Volker. Ohne Vorwarnung hämmerte Volker seine Faust in Heriberts Magengrube. Der schlanke Junge beugte sich vornüber. Zwei weitere Fausthiebe platzierte Volker an der gleichen Stelle. Heribert ging zu Boden, noch ehe Volker erneut zuschlagen konnte. Er beugte sich hinunter und pickte Heribert an den Haaren. Mit einem Knie nagelte Volker das Kreuz seines Gegners am Boden fest. Volker zog Heriberts Kopf nach hinten hoch.
»Richte nochmal eine Waffe auf mich«, zischte er ihm laut ins Ohr, »und ich drehe dir den Hals um!«
Heribert am Boden wimmerte. Dies wurde nun einem anderen Jungen zu viel. Er war kräftig gebaut mit blondem Haar und sprang Volker auf den Rücken. Es war Viktor, den Vigor von der Hochzeit in der Bash-Central-City erkannte. Er riss Volker nach hinten und erwischte dabei Volkers Kragen. Es gab ein lautes ratschendes Geräusch, als das Hemd riss, denn Volker drehte sich rasch um, ohne sich um Viktors Griff zu kümmern. Die beiden Jungen begannen am Boden zu raufen und zu schlagen. Viktor war stark, doch Volker genauso unterlegen wie Günther es war. Volker saß oben auf und bearbeitete Viktor mit den Fäusten. Es war ein Gefühl, das dem Prinzen neu war. Dafür mischte sich Heribert ein. Er verpasste Volker einen Tritt in die Seite. Volker zuckte kurz und Viktor konnte dem Griff entkommen. Nun packte Vigor Heribert und rang ihn zu Boden. Volker fiel auf die Seite und Viktor stürzte sich auf den am Boden liegenden Volker. Der Ringkampf brach erneut aus. Währenddessen prügelte sich Vigor mit Heribert. Heribert war überrascht, dass ein anderer auch eher schmaler Junge soviel Körperkraft mitbrachte. Doch Vigor war durch das Waisenhaus und die Schmiede harte körperliche Arbeit gewohnt und hatte in den dünnen Muskeln doch ziemlich viel Kraft. Er nagelte Heribert am Boden fest. Im Hintergrund konnten sie eine große Uhr schlagen hören. Volker und Viktor kämpften unverdrossen weiter. Dabei griff Volker bewusst Viktors Hemd, zerrte es ihm von hinten über den Kopf. Irgendetwas riss dabei.