Kitabı oku: «Auf Bali geht um Vier die Sonne unter», sayfa 2
3. Engländerinnen
Mitte des zweiten Stockwerks höre ich sie kommen. Ein kurzer verzweifelter Zwischensprint und ich höre auch schon, wie sie wieder wegfährt. Na wunderbar, Bahn verpasst. Die acht Minuten gewonnene Zeit beschließe ich in unserem Kiosk an der Ecke zu investieren.
„Ein Bier und eine Schachtel West, bitte.“
„Hier. Macht 5,90 Euro.“
„Stimmt so.“
Ich gebe es auf mit dem Kassiererinnen-Humor dieser Welt und drücke der jungen Kosovo-Albanerin sechs Euro in die Hand.
Das Bier ist laukalt und das Wetter beschissen. Ein guter Start für einen gelungenen Abend. Je weniger Lust man zu Beginn des Abends hat, aus dem Haus und durch die Nacht zu gehen, desto besser wird es doch in der Regel. Hoffentlich. Es regnet leicht und der Bahnsteig ist voller Müll. Lauter Fast-Food-Verpackungen und Bierflaschen liegen herum. Eine alte Dame rollt mit ihrer Gehhilfe vor sich hin schimpfend durch den Abfall. Das müsste sie doch eigentlich aus den Fünfzigern kennen. Andere scheint es weniger zu stören und sitzen oder liegen sogar direkt daneben. Oh man, noch vier Minuten. Immer diese Warterei. Ich schreibe Chris eine SMS, dass es etwas später bei mir wird.
„Junger Mann, lassen Sie mich mal durch…“
Auch wenn sich auf dem Steigbereich vor mir drei alte Frauen mit ihren Wagen ein Rennen hätten liefern können, gehe ich noch einen Schritt zurück und die alte Frau rollt an mir vorbei. Noch zwei Minuten. Ich schreite wieder einen Schritt nach vorne und schalte meinen MP3-Player an, damit Metallica mir die Abendstimmung versüßen kann. Durch den fallenden Regen hindurch sind hetzende Menschen mit ihren Regenschirmen und Taschen in den dunklen Straßen zu erkennen. Manche rennen durch den Regen, manche würden gerne rennen, aber das ist ihnen zu peinlich, so dass sie lediglich „zügig laufen“, was weitaus peinlicher aussieht, und wieder andere schlendern genüsslich als ob es der erste Regen in einem vertrockneten Sommer wäre. Ist es aber nicht. Es ist verdammt nochmal scheiße kalt! Als hätte sie meine fluchenden Gedanken gehört, schlägt mir die alte Rollator-Dame mit ihrer Gehhilfe gegen mein Schienbein.
„Ahh! Was soll das?“
„Gehen Sie zur Seite, junger Mann!“
Die alte Dame hat sich nun doch wieder für die andere Bahnsteigseite entschieden und will anscheinend rübermachen, was sie mir mittels ihrer Gehhilfe in einer Art Morsecode verdeutlichen will.
„Aye, aye, alte Frau.“
Sie schaut etwas grimmig und schiebt sich schimpfend an mir vorbei in Richtung Abfallhaufen. Was müssen die denn auch immer selbst betonen, dass andere so viel jünger sind als sie? Da kann ein 70-Jähriger auf dem Bahnsteig stehen und wird von 80-Jährigen Frauen als „junger Mann“ beschimpft. Aus was für Wörtern die überhaupt Schimpfwörter kreieren können.
Noch eine Minute. Ich sehe die Bahn bereits an der vorherigen Station stehen. Im Hintergrund ein lautes Klimpern. Die alte Frau, die gerade noch über den Abfall gemeckert hat, meckert nun darüber, dass in einigen der Flaschen noch Reste liegen. Sie schüttet sie aus und packt die Flaschen in ihre Tasche. Pfandsammlerin, soso. Wohl der Job 2.0 des neuen Jahrtausends in Deutschland. Der Spaß für die ganze Familie.
„Linie 6, Messe Ost“ ertönt es von der kleinen Bahnfrau, die im Lautsprecher versteckt ist. Meine Straßenbahn ist da. Endlich. Ich steige in den hinteren Wagen und setze mich wärmend in eine Ecke. Schon komisch, was für Gestalten man nachts in der Bahn so zu sehen bekommt. Ein Mann im Anzug schreibt etwas in seinen Laptop, während sich neben ihm eine kleine Gruppe halbstarker Jugendlicher Döner reinzieht, von denen einer stärker riecht als der nächste. Und damit meine ich sowohl die fleischbeladenen Fladenbrote, als auch die fleischbeladenen Vierzehnjährigen. Gegenüber sitzt um diese Zeit tatsächlich noch eine Frau mit ihrem Kinderwagen. Das Kind muss etwa zwei Jahre alt sein – wenn überhaupt – und ist noch wach. Einer der Halbstarken scheint der Meinung zu sein, dass die musikalische Untermalung der Stationsdurchsagen eine zu geringe kulturelle Grundlage für eine abendliche Bahnfahrt sei und schaltet seine Musikfunktion im Handy ein. So sehr der technische Fortschritt auch zu begrüßen ist, manche Entwicklungen dürfen einfach nicht in die falschen Hände geraten, sonst werden viele Menschen Schaden erfahren. So ist es bei Massenvernichtungswaffen, so ist es bei Giftstoffen und so ist es bei Musikhandys. Bässe von 50 Cent’s „Candy Shop“ schlagen dem ganzen Abteil entgegen und ich beschließe meinen Player um eine Stufe lauter zu schalten. Komischerweise tritt immer wieder der Effekt in Kraft, dass wenn eine Person anfängt, Musik zu spielen, andere an die Möglichkeit erinnert werden, ihre persönliche Musikkollektion mit der Welt teilen zu können. Und schon schaltet ein zweiter Halbstarker sein Handy ein und elektronische Töne ohne erkennbare Melodie erklingen. Man könnte nun sagen, dass durch experimentelle Musikmischung eine neue, interessante Mash up-Form des Elektro-Hip-Hops entstanden ist, und junge Menschen ihre Freiheit genießen müssen. Das sagt man aber nicht. Ich erhöhe derweil die Lautstärke meines Handys dezent um vier Stufen. Der nächste Halbstarke setzt ein mit den schlimmsten Worten, die wohl folgen können:
„Ey, isch hab da noch voll das Witzige! Moment, warte… hier!“
Und man kann eigentlich immer sicher sein, dass man sich auf alles nur erdenklich einstellen kann – witzig wird es nicht sein. Irgendein pseudo origineller Witz-Klingelton-Schrägstrich-Was-auch-immer-Sound spielt in gewollt schräger Stimmlage an. Ich bin froh, dass das Kleinkind gegenüber endlich anfängt zu schreien, sonst hätte ich diesen Part übernommen. Die Mutter wirft einen bösen Blick zu der jungen Bande, die sich glücklicherweise der nächsten Bahnhaltestelle widmet. Sie steigen aus. Ebenso die alte Flaschensammlerin, die bereits auf dem Bahnsteig anfängt, die jungen Leute zu beschimpfen. Endlich ein guter Einsatz ihrer bösartigen Supermacht. Das Kind quengelt rum und möchte anscheinend etwas essen. Die Mutter drückt ihm eine kleine Plastikdose in die Zwergenhände. Der Junge hat bereits Probleme diese zu öffnen, doch dann erscheint der Inhalt: Pistazien. Welch gemeine Frau. Hat man in dem Alter überhaupt schon Fingernägel? Geschweige denn die Kraft, zwei scheinbar unauseinanderbringbare Nusshälften auseinander zu bringen? Selbst ich kapituliere regelmäßig an kniffligen Einzelnüssen und besitze Mini-Blutergüsse am Fingernagel nach einer abendlichen Fressattacke. Der kleine Junge versucht sein Bestes. Sein Kopf fängt langsam an zu erröten. Im Endeffekt geht die Strategie der Mutter aber auf: Der Kleine ist beschäftigt, ruhig und frisst sich nicht unnötig voll.
Der Name meiner Zielstation ertönt und ich mache mich auf zu einer der Türen. Auch die Mutter mit ihrem Kinderwagen schiebt sich gen Ausgang. Ich schaue in den Wagen und der kleine Knirps grinst mich verstohlen an. Ich grinse zurück, winke und steige zu befreienden Metalklängen aus der Bahn. Kaum stehe ich auf der Rolltreppe und fahre Richtung Obergrund piept mein Handy.
„Kein Ding. Werd auch etwas später kommen. Treffen uns in der Bar! Chris“
Genau da treffe ich Matze, wild umschlungen von einer jungen Blondine, die etwas aufgedreht wirkt.
„Abend Matze. Na, haste die schon bezahlt?“ sage ich locker vor mich hin, grinsend zu der Kleinen nickend. Er hat den Witz etwas verbittert aufgenommen, wenn ich seinen Mittelfinger richtig deute. Das Mädel scheint zu betrunken zu sein, um überhaupt noch einen Finger heben zu können, wenn sie mich gehört hätte.
„Wichser. Lass uns runter gehen!“ sagt Matze und geht Richtung Eingang vom Ripper’s, seine neue Bekanntschaft hinter sich her schleifend. Wir steigen die Stufen hinab in den alten britischen Pub und ich freue mich in erster Linie aus dem kalten Dreckswetter zu kommen. Hier ist es warm und alle sind gut drauf. Kein Wunder, zum einen hat England heute ausnahmsweise im Fußball gewonnen, zum anderen sind die Briten schlechtes Wetter ja gewohnt. Denen kann man das Leben doch gar nicht mehr versauen, oder? Schlechtes Wetter, schlechte Frauen, schlechtes Bier, schlechtes Essen, schlechte Elfmeterschützen. Als Brite hat man es nicht leicht. Wir setzen uns an einen Tisch und bestellen bei der britischen Kellnerin drei Pints. Sie sieht zumindest aus, als könnte sie Britin sein.
„Und, willst du mich Deiner neuen Bekanntschaft nicht mal vorstellen, Matze?“
„Och ja. Klar, wenne willst. Tina – Sven, Sven – Tina.“
„Hallo Tina.“
Tina scheint immer noch nicht wirklich daran interessiert zu sein, ihre Zunge aus Matzes Ohr zu nehmen.
„Du sorry, die is glaube ich schon ein bissel zu betrunken...“
„Das könnte sein.“
„Na, immerhin hab‘ ich eine! Schau Dich an, mal wieder nichts am Start.“
„Jaja, kommt ja noch. Wart‘ ma ab, wie der Abend sich entwickelt.“
Kaum gesagt, sondiere ich auch schon die Barlandschaft. Zu alt, zu fett, zu britisch. Alles nicht das Wahre. Oh, die da vorne am Tisch, die ist doch... anscheinend nicht gerade dabei, ihrem Vater die Zunge in den Hals zu schieben?! Mein Blick erfasst eine Gruppe junger Mädels an der Theke. Bestimmt Studentinnen, so Anfang Zwanzig. Ich beschließe meinen unausweichlichen Humor einzusetzen und mache mich auf zu einem Versuch.
„Hi, ist das hier eigentlich eine Bar oder kann man auch mit Karte zahlen?“
Die Mädels stoppen ihr Gespräch und schauen mich alle einen Moment lang verdutzt an. Dann schauen sie sich alle gegenseitig verdutzt an, um dann erneut mich verdutzt anzuschauen.
„Zieh Leine, Spinner“ sagt die Rudelsführerin und fängt genau wie ihre Freundinnen lauthals an zu lachen. Das war wohl nichts. Waren wohl doch keine Studentinnen. Da hätte ich nicht mit so einem Niveau ankommen dürfen. Es hätte plumper sein müssen. Ich setze mich wieder an unseren Tisch und bereite mich darauf vor, mich für meinen schnellen Fehlschlag rechtfertigen zu müssen. Doch das muss ich gar nicht, denn Matze und Tina sind verschwunden. Ich nippe gelangweilt an meinem Bierchen weiter und schaue umher. Bar, was für eine scheiß Idee.
„Bar, was für eine geile Idee!“ sagt Chris, der gerade rein kommt. Während er seinen Mantel auszieht und sich an den Tisch setzt, bestellt er mit einer gekonnten Handbewegung noch zwei Bier bei der Bedienung.
„Danke, ich hab‘ noch“ sage ich, mit einem Blick auf das halbvolle Pint verweisend.
„Jaja, mir doch egal, die sind beide für mich“ sagt Chris etwas gehetzt wirkend. „Ich brauch das jetzt.“ Die Bedienung kommt, stellt Chris ein Pint vor die Nase und will das andere zu mir stellen. Ich winke ab und deute auf Chris, der bereits das erste leere Pint wieder auf das Tablett der Kellnerin stellt.
„Aaaaah, das tut gut. Genau das habe ich jetzt gebraucht“ schmatzt er in sich selbst hinein, während er entspannt im Stuhl versinkt. „Danke Schätzchen“ sagt er mit einem Augenzwinkern zur Kellnerin und nimmt einen Schluck vom zweiten Pint.
„What the fuck ist denn mit Dir los, Chris? Mal ganz davon abgesehen, dass man einer Britin kein Augenzwinkern schenkt, scheint doch irgendwas mit Dir nicht so ganz zu stimmen, oder?“
„Hatte halt noch was zu tun“ antwortet er leicht benebelt grinsend.
„Was denn?“
„Ist doch egal... Die Hauptsache ist, dass wir da sind. Und jetzt heißt es, eine Perle für Dich klar zu machen.“
„Jaja. Am besten gleich eine ganze Perlenkette.“
Chris hat es gut. Er hat eine wirklich süße Freundin zuhause sitzen, mit der er bereits so lange zusammen ist, wie Guns N‘ Roses für ein neues Studioalbum brauchen. Wenigstens konzentriert er sich als Wingman so voll und ganz auf meinen möglichen Erfolg. Er durchsucht den Raum und bleibt mit dem Blick am Tisch der jungen Nicht-Studentinnen hängen.
„Hatte ich schon. Zu humorlos“ sage ich verzweifelt drein blickend.
„Nur weil andere nicht Deinen Humor teilen, heißt es nicht, dass sie humorlos sind“ erwidert Chris, weiter Ausschau haltend. Sein Kopf bleibt still stehen und sein Lächeln wird größer und größer.
„Was?“ frage ich ihn, in dieselbe Richtung schauend. An der Bar steht eine junge Frau, leider nur von hinten sichtbar. Sie sieht sexy aus in ihrem rückenfreien, dunkelgrünen Top. Doch, hat was. Aber nur von hinten sehen und dann anquatschen, ist wie eine Wohnung zu kaufen, bei der man bislang nur den Flur gesehen hat. Aber noch ehe ich meine Erwägung, abwarten zu wollen in Worte fassen kann, fasst Chris mich am Arm und schleift mich rüber.
„Ähm, Entschuldigung, kennst du Sven?“ sagt er, die junge Dame an der Schulter antippend, und dreht sich weg. Diesen Spruch hat er dreist aus einer Fernsehserie geklaut, aber es funktioniert. Sie dreht sich um und sieht mich. Ich bin baff. Nicht nur, weil ich so plötzlich hier stehe und unvorbereitet improvisieren muss, nein, sie sieht auch noch richtig klasse aus. Der Flur war gut, aber der Rest ist großartig. Das Wohnzimmer hat einen Kamin und das Badezimmer einen Whirlpool! Eine absolut nehmenswerte Wohnung.
„Hi“ sagt das Zauberwesen mit einem breiten Lächeln auf den schönen Lippen. Was für ein Lächeln. Und diese Zähne. So weiß, wie eine chemisch hergestellte Wandfarbe. Ich muss etwas sagen. Ich kann nicht einfach so hier stehen, sie angaffen und nichts erwidern. Sie hat immerhin schon etwas zur Konversation beigetragen, da darf ich nicht hinten anstehen. Nur, was sage ich, um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen? Außerdem darf ich nicht zu schüchtern wirken. Oh nein, ihre Augen zeigen eine gewisse Erwartungshaltung an. Sie denkt sich sicherlich, warum der Typ da nur rumsteht und nichts sagt. Nun muss es aber auch überzeugend werden, wenn ich mir schon eine derart lange Bedenkzeit erlaube. Aber was? Aber wie? Aber wer?
„Hi, ich bin Sven.“
„Das weiß ich doch schon... Hallo, ich bin Nathalie.“
„Hallo Nathalie.“
Sag was! Das kann doch nicht alles gewesen sein, da muss mehr kommen.
„Du hast eine schöne Einrichtung.“
Bitte was? Ihre Einrichtung? Was soll der Quatsch denn nur?
„Wie bitte?“
„Also... äh, das ist natürlich nicht Deine Bar hier. Ich meine das im übertragenen... also.“
Hör auf mit dieser dämlichen Wohnungs-Metapher...
„Ich würd‘ Dich nehmen.“
Batz.
Ich setze mich wieder hin und nutze mein Pint zum Kühlen des roten Handabdrucks auf meiner Wange. Chris rutscht auf seinem Stuhl umher und kann sich das Lachen kaum verkneifen.
„Was war das denn für ´ne Show?“ bricht es aus ihm heraus.
„Ach, halt’s Maul.“
„Heute wird das irgendwie nichts. Lass uns einfach noch in Ruhe einen trinken.“
Gesagt, getan. Wir trinken noch ein paar Pints, reden über alte und neue Zeiten und haben einen angenehmen Abend. Gegen halb Zwei zahlen wir und verlassen den Pub, von Matze noch immer keine Spur. Ich verabschiede mich von Chris und mache mich auf zu meiner Bahnhaltestelle. Gerade fummle ich an meiner Jackentasche herum, um meine Kopfhörer heraus zu kramen, als ich eine junge Frau sehe, der eine Tüte voller Karnevalsutensilien auf den Boden gefallen ist. Tröten, Partyhüte, Konfetti und son Zeug. Ich gehe zu ihr rüber und helfe dabei, die Sachen in die Tüte zu packen.
„Na das sind aber dicke Hupen“ sage ich auf die Tröten deutend. Verdammter Alkohol, so kann man ja gar nicht aus seinen Fehlern vom Abend lernen, wenn nach fünf Pints wirklich jeder noch so dumme erste Gedanke aus dem Kopf direkt den Weg zum Sprachzentrum findet. Mein Gesicht ziehe ich reflexartig zurück, um einer weiteren Ohrfeige aus dem Weg zu gehen.
„Pardon?“
Ha, sie hat mich nicht verstanden! Glück gehabt.
„I’m from England and it is my first time in Germany. Mine Deutsch is nickt good.“
Eine Engländerin? Ach, was soll’s. Leider fällt mir spontan kein guter Witz auf englisch ein...
„Oh, okay. No problem. Let me help you with your stuff.”
“That’s very sweet of you” sagt die überraschend gut aussehende Britin mit einem international anerkannten Lächeln. Wir schlendern gemeinsam durch die Innenstadt in Richtung Bahnhaltestelle. Sie müsse mit der gleichen Bahn wie ich fahren, sagt sie. In die selbe Richtung fahren. Eine Station vor meiner aussteigen. Das trifft sich gut. Während wir auf die Bahn warten, unterhalten wir uns. Sie ist in Hannover, um eine Freundin zu besuchen, die sie bei einem Studentenaustausch kennengelernt hat. Heute Mittag haben sie Sachen für eine Party nächste Woche eingekauft und abends noch einen Cocktail getrunken, ehe ihre Freundin sie wegen eines Typen alleine gelassen hat.
„A great friend of yours“ sage ich ihr, möglichst viel Sarkasmus in meine Stimme legend.
„Ah, she’s a bitch, when it comes to men. But she’s nice. And so are you” sagt sie mir lächelnd ins Gesicht.
„You could help me taking this stuff up the stairs, if you like?“
„I’d like to” sage ich und erwider das Lächeln. Für eine Britin sieht sie ja wirklich süß aus.
Am nächsten Morgen mache ich mich auf zu meiner Wohnung. Zunächst vergewissere ich mich, dass das Mädchen, neben dem ich aufgewacht bin, auch im tendenziell nüchternen Zustand vertretbar ist. Der Alkohol hat sicherlich etwas die Konturen verschönt, aber dennoch bin ich zufrieden. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer und tapse zur Wohnungstür. Vom Küchentisch genehmige ich mir schnell noch eine Karnevalströte und verschwinde im Hausflur. Die 4 Stockwerke nehme ich im Spurt und erleichtert trete ich auf aus dem Haus.
„Aaaaah, das tut gut. Genau das habe ich jetzt gebraucht.“
Und so mache ich mich auf den Fußweg zu meiner Wohnung, absolut selbstzufrieden und absolut laut trötend.
4. Tom
Heute schaffe ich es einfach nicht zu BWL. Es gibt viel zu viel zu tun. Ich muss noch Einkaufen, die Küche auf Vordermann bringen, Etwas essen und den üblichen Internetkrams erledigen. Und nebenbei auch noch den guten Vorsatz vorantreiben, Comedian zu werden. Da bleibt keine Zeit für meinen zweiten Bildungsweg per Studium. Und dann kommt einem mal wieder Mr.HelloKitty59 dazwischen. Schon wieder hat der Sack meinen Wikipedia-Eintrag gelöscht. Langsam bin ich es leid, meine kostbare Freizeit für die Allgemeinbildung und den Fortschritt der Gesellschaft zu opfern, wenn immer wieder alles, was ich mit den Händen aufgebaut habe, von dem Arsch wieder eingerissen wird. Heute habe ich einen kurzen Dokumentarfilm über die Kreation des perfekten Mettbrötchens eingestellt. Das sollte auch den letzten Gourmet-Banausen davon überzeugen, dass mein Beitrag von Wert ist. Ein schmackhafter Beitrag mit wertvollen Essenzen, gewürzt mit einer Prise Humor. Wie ein Mettbrötchen halt.
Aber jetzt ist Schluss mit dem Lotterleben. Nun heißt es in die Hände gespuckt und angepackt. Ich packe meinen Wäscheberg beherzt in beide Hände, stiefel durch die Wohnung und verliere auf dem Weg zur Waschmaschine die Hälfte. Waschmaschine vollgestopft, Waschmittel rein, Hahn aufgedreht und ab geht die Schleuder. Ich spüle schnell ein Messer, eine Gabel und einen Teller in weiser Voraussicht für heute Abend und schnüre die Müllsäcke zusammen, um sie nachher mit runter zu bringen. Danach geht es ins Badezimmer. Rasieren, beim Duschen die Zähne putzen, Fußnägel schneiden, Fingernägel schneiden, Haare stylen. Die Glühbirne fängt an zu flackern. Muss ich mal austauschen. Schnell flitze ich durch die Wohnung und sammle im Vorbeigehen die auf dem Boden liegenden Wäscheteile auf. Diese werfe ich schnell in den Schrank und suche vernünftige Klamotten für den Tag raus. Doch bevor ich mich ankleide, um in die Stadt zu gehen, beschließe ich, eine Pause einzulegen. Das war bislang auch durchaus aufreibend. Immerhin habe ich einiges geschafft. Ich schaue mir mehrere Wiederholungen von King of Queens im Fernsehen an und surfe etwas im Internet. Man hat ja sonst nichts vom Leben. Neben all meinen Pflichten muss ich dann auch noch die Abendplanung in Schwung bringen. Ich zücke mein Handy und schreibe eine SMS an Chris, Matze, Jonas und Linda. Letztere sind alte Schulkollegen von mir. Jonas studiert jetzt Medien Management und Linda ist endlich von ihrem Auslandsaufenthalt in New York wieder da. Das Problem daran ist, dass sie es jedem unter die Nase reiben muss.
„Hey Du! Wie schaut es heute Abend mit Pool spielen aus? Um 8 im Stars. Gruß, Sven“
Das sollte reichen. Bei den momentan aufsteigenden Temperaturen benötige ich unbedingt ein neues Sommerhemd und ein paar T-Shirts. Dieses Jahr ist es im März bereits unüblich warm, also fahre ich in die Innenstadt. Ich habe Glück und verlebe eine Handymusik-freie Bahnfahrt. In der Stadt angekommen mache ich mich auf den Weg zum Kaufhaus meines Vertrauens. Die Innenstadt ist mal wieder verdammt voll. Das wäre ja absolut nicht schlimm, wenn alle Leute einfach gezielt und in einheitlichem Tempo von A nach B laufen würden. Aber nein, da gibt es ja die unterschiedlichsten Typen von Einkaufspassagengängern:
1. Der zielstrebige Erlediger. Dieser ist in der Regel männlich und jung. Er ist auf sein (Einkaufs-)Ziel fokussiert, weiß, was er haben möchte und in etwa, wo er es bekommt. Da er auch noch Wichtigeres vorhat mit seiner Zeit, sieht er das Einkaufen in der Innenstadt als notwendiges Übel, welches möglichst rasant über die Bühne gebracht gehört.
2. Der unentschiedene Vergleicher. Dieser weiß – wenn überhaupt – grob, was er diesen Tag erwerben möchte und durchsucht aber auch wirklich jeden noch so kleinen Pimpfladen. Alle Sortimente werden verglichen und am Ende stets mehr gekauft, als zuvor eingeplant war. Es gibt ja soo viele schöne Sachen. Und diese gelangen in soo viele Tüten, die anderen beim Schlendern durch die Fußgängerzone schlichtweg den Weg versperren.
3. Der preisbewusste Entscheider. Ebenso, wie der unentschiedene Vergleicher ist der Entscheider den ganzen Tag unterwegs und in jedem Kaufhaus anzutreffen. Allerdings beläuft sich sein Kauf tatsächlich nur auf die angestrebten Teile. Zuerst werden alle Preise miteinander verglichen, um dann nach vier Stunden und etlichen Kaffees zurück zu Geschäft A zu gehen, bei dem es das begehrte Stück für vier Cents günstiger gibt, als in Geschäft Q.
4. Der schlendernde Neugierige. Hier scheiden sich die Geister der Logik. In der Regel sind hiermit Menschen gemeint, die schlicht den gesamten Tag „mal gucken wollen, was es so gibt“. Eindeutig erkennbar sind sie durch ihre langsame Fortbewegungsgeschwindigkeit, die im Einkaufsstress der anderen Leute um sie herum nahezu hypnotisch wirkt und ihnen den letzten Nerv stiehlt. Am Ende des stundenlangen Spaziergangs stehen dann entweder endlos viele unnütze Accecoires im Schrank des Schlenders oder aber, er hat den Großteil der Zeit damit gebracht, die Stadttauben zu füttern. Wir haben ja Zeit.
5. Die total Bekloppten. Der schlimmste Fall. Denn sie halten den ganzen Laden erst auf. Und mit Laden ist die Innenstadt an sich gemeint. Die Bekloppten zeichnen sich durch ihre Unberechenbarkeit aus. Das Schlimmste ist, wenn man sich gerade ungeahnt hinter einen Bekloppten gehängt hat, um anhand seiner gebildeten Schneise durch die Menschenmenge zu gelangen, und Unvorhergesehenes geschieht: Er bleibt stehen. Warum in aller Welt gibt es so viele Leute, die meinen, einfach mal stehen bleiben zu müssen? Oder sich gar noch auf der Stelle umzudrehen und in die andere Richtung zu laufen? Bedenken die nicht, dass so etwas in einem Menschenfluss nicht funktioniert? Ich meine, auf der Autobahn macht man doch auch keine Vollbremsung mit Powerslide, weil man sich gerade überlegt hat, vielleicht doch einen Apfel beim Obsthändler zu kaufen. Und das Schlimmste: Total Bekloppte gibt es in der Stadt, im Bahnhof, im Supermarkt - es gibt sie überall. Ständige Richtungs-, Geschwindigkeits- und Schrittlängen-wechsel machen sie zum wohl unverstandensten und nervigsten Individuum der Einkaufswelt. Mal ganz von Frauen abgesehen, aber das ist ein ganz anderes Thema.
Als zielstrebiger Entscheider, der ich nun einmal bin, mache ich mich möglichst gradlinig zum Geschäft meiner Wahl auf, bei dem ich mit großer Sicherheit fündig werden sollte. Schnell vorbei an gut riechendem Essen, schlecht riechenden Leuten und zu teuren Designerläden. Im Laden angekommen schallt mir sofort 90er-Party-Musik in die Ohren. Na ob das so verkaufsfördernd wirkt? Ich gehe in die Abteilung für junge Menschen und lasse mich vom aktuellen Angebot berieseln. Das, was gut aussieht ist zu teuer. Das, was in meiner Preislage ist und gut aussieht, ist natürlich nicht in meiner Größe da. Fängt ja gut an. Doch dann: Meine Augen erhaschen ein perfekt aussehendes Hemd. Stilvoll aber doch jugendlich sportlich. Und auch noch heruntergesetzt, perfekt. Wenn das jetzt auch noch in meiner Größe... M! Tatsächlich, ein reines `M‘ hängt mir freudig vor dem Gesicht. Vor lauter ausgeschütteten Einkaufsendorphinen hüpfe ich hektisch umher. Ich drehe mich um, um meinen Rucksack und meine Jacke zur Seite zu legen. Kurz noch den Pullover ausgezogen, um das Hemd auch in seiner natürlichen Umgebung, dem
T-Shirt, testen zu können. Eine erneute 180-Grad-Drehung in die Ursprungsstellung, und - es ist weg! Wo ist das Hemd hin? Wo ist MEIN Hemd hin? Größe L, Größe S, Größe XXL, Größe S... Verdammt, keines mehr in Größe M da. Verwirrt schaue ich umher. Irgendwo muss es ja sein. Alter Mann hat Korthut in der Hand, junge Frau hat Slips in der Hand, junger Mann hat eine Hose in der Hand, alte Frau hat alten Mann an der Hand, nochmal die sehr junge sehr gutaussehende Frau mit den Slips in der Hand… Da! Junge Frau hat Hemd in der Hand. Mein Hemd. Diese dreiste Diebin. Das hing doch quasi schon bei mir daheim und hat sich bei den neuen Nachbarn Anzug und Hawaiihemd vorgestellt.
„Ähm, Entschuldigung? Das ist mein Hemd, das Sie da haben.“
„Bitte was?“
„Ich habe mir das Hemd rausgesucht. Das haben Sie mir einfach weggenommen...“
„Einfach weggenommen? Sie spinnen doch! Das hing ganz normal an der Wand, oder gehört das etwa alles Ihnen?“
„Ähm, nein..“
„Und sowieso: Solange Sie es nicht bezahlt haben, kann es ja wohl Jeder nehmen. Da hängen doch bestimmt noch andere.“
„Aber das ist doch in meiner Größe! Alle anderen sind nicht M. Und das ist M.“
„Dann müssen Sie halt ein anderes Hemd nehmen. Oder bei einem Verkäufer nachfragen, ob es noch andere im Lager gibt. Das bleibt meins.“
Das muss doch irgendwie zu regeln sein, du verdammtes Miststück.
„Das muss doch irgendwie zu regeln sein. Sie scheinen doch eine freundliche und zuvorkommende Frau zu...“
„Tut mir leid, da ist nichts machbar. Und mit Geschleime kommen Sie erst recht nicht weiter. So, mehr Zeit kann ich mit Ihnen nicht verplempern. Schönen Tag noch.“
Argh. Keine Zeit? Lachhaft. Die schlurft doch sicherlich schon seit Tagesanbruch durch die Läden auf der Suche nach Beute. Und überhaupt, für wen holt die denn das Hemd? Für ihren Freund? Woher will sie denn dann überhaupt wissen, ob das passt? Oder ob es dem gefällt? Klar, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er einer dieser Kleidungshörigen ist, die aus Faulheit und Argumentationsschwäche im kleidungsbezogenen Terrain gleich die gesamte Kompetenz an das Frauchen weiter geben. Aber von so einem lass ich mir doch nicht mein Hemd wegnehmen! Langsam schleiche ich der Frau hinterher. Mit einem kleinen Sicherheitsabstand schlendere ich durch die Regale und lasse sie nicht aus den Augen. Ich streiche semi-interessiert an Jacken und Hosen vorbei, fasse hier und da prüfend das Material an, mein Blick bleibt aber steif auf mein Hemd gerichtet. Mein Gott, die Frau nimmt und nimmt und nimmt. Die muss mehrere Liebhaber haben, so viele Hemden und Hosen kann doch kein normaler Mann tragen. Dass ihre dünnen Ärmchen überhaupt diesen Neukleiderberg halten können. Mittlerweile hat mein Hemd mitsamt seiner Entführerin den Männerbereich verlassen. Ich folge den beiden unauffällig und bleibe bei meiner Taktik, hin und wieder obligatorisch das ein oder andere Kleidungsstück anzufassen, um nicht allzu auffällig zu wirken. Mein Handy fängt auf einmal an zu Klingeln. Ich schrecke kurz zusammen und ducke mich hinter einen Ständer voller Jacken. Irritiert schaue ich auf mein Display:
„Sorry, aber kann heute Abend nicht kommen. Erzähl Dir später warum. Gruß, Chris“
Na klasse, wenn das mal kein Timing ist. Und dann hat es sich noch nicht einmal gelohnt. Ich bin froh, meine Diebin nicht aus den Augen verloren zu haben. Sie scheint mich nicht gehört zu haben und shoppt unbelastet weiter, ohne jegliches Gefühl der Paranoia. Wenn sie geht, gehe ich auch. Bleibt sie stehen und schaut sich etwas an, bleibe ich stehen und schaue sie an.
„Sie haben aber einen guten Geschmack. Unsere neue Büstenhalter-Kollektion für diesen Sommer“ höre ich auf einmal eine Stimme in meinem hinteren Kopf. Ich drehe mich erschrocken um und sehe eine ältere Verkäuferin. Mein Blick schnellt zu meiner rechten Hand, die ein teures Stück BH-Spitze streichelt.
„Ähm, ja. Ich dachte… das könnte etwas für meine Freundin sein. Habe mich aber verirrt... äh, geirrt“ will ich mich aus der misslichen Lage befreien und nehme die Hand vom BH. So schnell wie möglich versuche ich der Unterwäscheabteilungsoma und den Bildern, die sie in meinen Kopf gepflanzt hat, zu entkommen. Warum müssen auch immer die alten, verfallenen Frauen in den Dessous-Abteilungen arbeiten? Können einem da nicht mal ein paar Laufstegmodels beratend zur Seite stehen? Die können mit Dessous wenigstens noch etwas anfangen. Das zum Thema Verbesserungen im Bereich verkaufsfördernder Maßnahmen. Aber wo ist meine Hemdnapperin nur hin? Vor lauter Brüsten in meinem Kopf habe ich die vollkommen aus den Augen verloren. Ich schaue hastig umher und suche verzweifelt den Laden ab. Der alte Mann spielt immer noch mit seinem Korthut. Wahnsinn, mit welch simplen Sachen man im Alter doch unterhalten werden kann. Aber ich muss mich konzentrieren! Wo ist diese Frau mit meinem Hemd? Langsam verlässt mich jeglicher Optimismus, Tom noch einmal wieder zu sehen. So habe ich mein neues Lieblingshemd in der Zwischenzeit getauft. Tom hat Klasse, passt perfekt zu mir und steht für Coolness. Wie Tom Hanks. Nur jünger! Auf einmal öffnet sich neben mir eine der Ankleidekabinen und heraus tritt die blöde Kuh, Arm in Arm mit meinem Tom. Erneut tapse ich ihr möglichst unauffällig hinterher und warte auf den richtigen Moment. Oh nein, sie begibt sich langsam Richtung Kasse. Wenn sie erst bezahlt hat, habe ich verloren. Doch was macht sie nun? Kurz vor der Kasse bleibt sie an einem der Wühltische voller Handschuhe stehen. Da man sowohl für Wühltische, als auch für Handschuhe möglichst viele Hände zur freien Verfügung braucht, beschließt Madame Hemddiebin einen folgenschweren Fehler zu begehen: Sie legt ihre anvisierten Beinahe-Einkäufe auf dem Nebentisch ab. Meine Chance! Ich renne geschwind auf leisen Sohlen hinüber, greife gekonnt nach dem Kleiderhaken mit meinem Hemd und renne weg. Einfach weg. Dabei lache ich hämisch in mich hinein. So ein lauter werdendes, lechzendes, versautes Bösewicht-Lachen. Anscheinend habe ich doch lauter gedacht, als ich dachte, denn ein kleiner Junge in der Kinderabteilung in der ich mittlerweile bin schaut etwas verstört aus seinem Buggi hoch zu mir.
