Kitabı oku: «Auf Bali geht um Vier die Sonne unter», sayfa 4
7. Das Leben in vollen Zügen genießen
Verkäuferinnen wirken gleich um einiges unfreundlicher und weniger ambitioniert, wenn es darum geht, gesonderte Fälle zu bearbeiten.
„Ich möchte das einfach nur umtauschen. M ist mir zu klein, ich brauche L.“
„Meinen Sie? Sie sehen für mich eher wie ein M-Typ aus...“
„Aber genau das ist mir ja zu klein. Die fallen vielleicht einfach klein aus...“
„Eigentlich nicht, aber okay. Ich schau mal, was ich für Sie tun kann.“
Na geht doch. Während die Verkäuferin wild an ihrer Kasse herum tippt, kann man ihrer Nase kaum aus dem Weg gehen. Was für ein Brummer. Es ist wie bei einem Autounfall: Schrecklich, aber man kann nicht wegsehen. Will man ihr während eines Dialogs einfach nur höflich in das Gesicht schauen, gleitet der Blick immer wieder automatisch zum dominierenden Geruchsorgan. Mike Krüger müsste sich zwölf Ferrari kaufen, um die zu ihrer Nase fehlende Länge zu kompensieren.
„So hier.“
Die sprechende Nase drückt mir einen Zettel in die Hand.
„Bitte unterschreiben. Holen Sie nun einfach ein größeres Hemd und kommen Sie noch einmal zu mir, zum Entsichern.“
„Alles klar, danke.“
Leicht ängstlich, kein Exemplar in Größe L vorfinden zu können, mache ich mich auf zum Regal, an dem Toms Brüder hängen. Aber ich habe Glück, eine Größe L ist noch vorhanden. Um einem absoluten Desaster aus dem Weg zu gehen, entschließe ich mich, das Hemd nun doch vor Ort anzuprobieren. Ein schneller Blick zu den Umkleiden zeigt, dass dafür keine Zeit ist. Spontan entschließe ich mich dazu, es direkt auf dem Gang zu testen. Ich lege meine Klamotten zur Seite und kämpfe mich aus meinem Sweatshirt. Dabei immer ein Auge auf das neue Hemd gerichtet. Geschwind in die Hemdärmel, die Knopfreihe zugeknöpft, und: Es ist zu groß! Ich werd bekloppt. Das kann doch nicht sein. Für was für Menschen werden denn bitte diese Konfektionsgrößen geschneidert? Mit 1,74m und 71 Kilogramm bin ich doch nun auch nicht soo unnormal, oder? Kurzfristig überlege ich, für einen besseren Fit des Hemdes einfach ein paar Pfund zuzulegen. Ist ja schnell gemacht. Aber für ein Hemd meine gesamten anderen Klamotten zu benachteiligen erscheint mir dann doch ungerecht. Genervt und leicht zornig erregt schreite ich zurück zur Kasse und knalle meinen Kassenbeleg auf die Theke.
„Sie sollten doch das neue Hemd direkt mitbringen...“
„Zu groß.“
„Aber Sie haben doch gesagt...“
„Geld. Können Sie mir bitte das Geld geben?“
Der Pegel an Unfreundlichkeit steigt sekündlich an bei der Verkäuferin. Widerspenstig tippt sie erneut eine Runde auf ihrer Rechenmaschine herum und zahlt mir den Betrag als Gutschrift aus.
„Danke. Man riecht sich später.“
Ich nehme den Gutschein und wanke bedröppelt aus dem Laden. Schöne Scheiße. Nun muss ich noch ein drittes Mal los, um endlich etwas eingekauft zu bekommen. Dem zielstrebigen Einkaufstyp scheine ich nicht mehr anzugehören.
Noch immer etwas gefrustet mache ich mich auf den Weg zu meiner Bahnstation. In etwa gleicher Schrittgeschwindigkeit und mit anscheinend identischem Ziel läuft eine kleine Gruppe Jugendlicher neben mir her. Meine Stimmung vermiest sich noch mehr, als ein Handy zu klingeln beginnt. Einer der Jugendlichen rückt seine Basecap von Viertel vor Neun auf Sechszehn vor Zwölf.
„Ey, wisst ihr? Ich hab da voll das neue Witzige!“
Kaum sind die Worte ausgesprochen, fingere ich auch schon in meiner Jackentasche nach der digitalen Erlösung namens Kopfhörer. Verdammter Mist, zu Hause vergessen! Und schon beginnt eine hochfrequente Stimme, einen gespielten Anruf nachzustellen. Intuitiv verkleinere ich meine Schrittfrequenz und hoffe, dass das Übel einfach seinen Lauf nimmt. Möglichst von mir weg. Ich nutze die gewonnene Schlenderzeit und schaue mir die Einkaufsstraße etwas genauer an. Von den Geschäften her sieht sie wohl aus, wie jede andere Fußgängerzone in Deutschland. Fressbude, Kleidung, Elektronik, Fressbude,... Immer das Gleiche. Doch dann muss ich kurzfristig stehen bleiben. Ein prüfender zweiter Blick bestätigt meine Hoffnung und verbessert meine Laune schlagartig. Da steht doch tatsächlich inmitten all der 08/15-Geschäfte ein Unternehmen, welches sich auf Lampen und Beleuchtungsartikel spezialisiert hat. Soweit, so langweilig. Aber der Claim des Unternehmens, der dick und fett am Eingang zu lesen ist, der hat was:
„Watt ihr Volt!“
Danke schön. Genau so etwas sollte das Ziel eines jeden Werbetreibenden sein. Ein simples und einprägsames Wortspiel passend zur Ausrichtung des Unternehmens. Kurz überlege ich, diese Idee mit dem Kauf einer Glühbirne zu unterstützen, aber dann fällt mir ein, dass ich eine Glühbirne momentan einfach mal so gar nicht gebrauchen kann. Kaum habe ich mich wieder auf den Weg zur Bahnhaltestelle gemacht, höre ich auch schon wieder lauter werdende auswechselbare Hip Hop Beats. Die Gruppe Handys mit Jugendlichen ist an einem Stand mit gefälschten Armbanduhren und sonstigem Bling-Bling stehen geblieben. Ich beschleunige kurz und ziehe gekonnt vorbei. Immerhin habe ich das schon einmal hinter mich gebracht. Der Blick auf die Anzeigetafel sorgt für eine weitere Beschleunigung. Die Bahn fährt anscheinend gerade ein. Gekonnt fliege ich die Treppenstufen geradezu herunter und renne in das Bahnabteil. Mit meiner Leistung zufrieden setze ich mich in einen der Viererplätze. Wenn man erst einmal auf der anderen Seite der Plastikscheibe ist, sind Menschen, die rennend versuchen eine Bahn zu erwischen schon wieder mit einem hohen Unterhaltungswert gesegnet. Gerade sonst eher unsportliche Menschen haben dann eine gewisse Komik an sich. Wenn allerdings eine Gruppe Kindergartenkinder anfängt, auf einen zu zu rennen, schlägt das Gefühl schnell in Angst rum. Meine Ohren erwarten sehnsüchtig das Schließsignal der Türen. Da, ein Piepen, wunderbar. Alle Türen schließen, perfekt. Aber warum hören die Kleinen nicht auf zu rennen und lassen sich weinend auf den Boden fallen um ihre Erzieherinnen in den Wahn zu nerven? Ganz einfach: Weil ein älterer Herr mit einem Schritt auf den Stufensensor eine Tür offen gehalten hat. Er meinte es sicherlich gut, aber im Alter anscheinend verlorene Weitblick und die missglückte Einschätzung der Situation werden ihn noch abstrafen.
„Nils, Jasmin, Mareike, Tim, setzt euch bei dem jungen Mann in den Vierer“ höre ich eine der alten Kinderführerinnen auch schon raunzen.
„Niklas, Judith, Kim und Tom, ihr setzt euch mit mir hier rüber.“
Tom. Hätte ich nicht wenigstens den haben können? Der sieht auch viel ruhiger aus, als die acht Kinderaugen, die mich jetzt doof anglotzen. Das kommt davon, wenn man vor zwölf Uhr aufsteht, um mit der Bahn zu fahren. Klasse Idee. Nach fünf nervenaufreibenden Stationen und einer verkippten Capri-Sonne, bin ich froh, das Höllenabteil verlassen zu können und kann die Altersfalten der Erzieherinnen absolut nachvollziehen. Die sieht zwar aus wie 39 ist aber bestimmt erst Vierzehn. Mit solchen Kindern kann man einfach nicht gut aussehen. Auf dem Weg zu meiner Haustür fingere ich nach meinem Schlüssel. Ich fische ihn aus meiner Hosentasche und finde daran hängend meine Kopfhörer. Die 98 Stufen gehe ich in Demut nach oben.
Ich habe noch ein bisschen Zeit, bis mein angepeilter Zug nach Köln fährt und surfe noch ein wenig im Internet. Kaum bin ich online, schreibt mir Jonas eine Nachricht und erscheint blinkend am unteren Bildschirmrand.
SvenTheMan80 (13:12)
Mensch Jonas, was lungerst du in meiner Taskleiste rum? Haste keine eigene? :)
Cpt.Jonas (13:12)
Haha, du bist ja witzig. Ich bin hier grad mit CuteFTP am rumwerkeln, aber hab nur Probleme. Dieses Drecksprogramm macht mich fertif...
Cpt.Jonas (13:13)-f + g
SvenTheMan80 (13:13)
Was macht das eigentlich?
Cpt.Jonas (13:14)
Es ist scheiße!!!!1
SvenTheMan80 (13:14)
Okay, ich formulier es anders: Was soll es denn machen?
Cpt.Jonas (13:14)
Funktionieren...
SvenTheMan80 (13:15)
Mein Gott, arbeitest du bei Microsoft? du gibst kurze korrekte Antworten, die kein Schwein weiter bringen...
Cpt.Jonas (13:15)
Bist du Günther Jauch? Wer dumme Fragen stellt, bekommt dumme Antworten. ;)
Nach einer guten Viertelstunde kranker Vergleiche und einer ähnlich kranken Diagnose seiner Softwareproblematik kamen wir zu dem Entschluss, dass er bei seinem Passwort die Groß- und Kleinschreibung vergessen hat. Dank dieser kleinen unnützen Odyssee hätte ich beinahe die Zeit vergessen. Ich verabschiede mich von Jonas und packe schnell meinen letzten Kram zusammen. Die S-Bahn zum Bahnhof erwische ich gerade pünktlich und schaffe es somit mit etwas Pufferzeit zum Hauptbahnhof der Deutschen Bahn. Immerhin muss ich ja auch noch ein Ticket holen. Und das ist nicht immer ein Spaziergang. Der Bahnhof selbst ist heute erstaunlich wenig überfüllt. Die Chance, einigermaßen unbeschadet die gesamte Halle zu durchqueren um zu den Kartenautomaten zu gelangen, scheint recht hoch zu sein. Hier am Bahnhof ist es ähnlich, wie in der Fußgängerzone, mit dem einen kleinen aber bedeutsamen Unterschied: Koffer. Am besten noch kleine Trollies, die man hinter sich herzieht und die kein Schwein sieht. Dazu kommt dann ein plötzliches Stoppen, weil die feine Dame, die genau am Aufgang zu den Bahnsteigen 3 und 4, steht gucken muss, wo denn wohl Bahnsteig 2 liegen könnte. Eine Kettenreaktion wird in Gang gesetzt: Um einen Auflaufunfall zu vermeiden muss ein älterer Herr ausweichen und blockiert somit den Gegenverkehr. Alle müssen langsamer werden, bleiben stehen oder rempeln sich an. Das Weltklima verschlechtert sich, weil alle von sich gegenseitig jeweils denken „man, was ist das denn nur für ein volltrunkener Penner?!“. So ist niemandem geholfen. Und kein Wunder, dass der Bahnhof heute einigermaßen leer erscheint: Anscheinend haben sich alle Menschen Hannovers dazu entschlossen, sich in diesem Augenblick ein Bahnticket an einem der zahlarmen Automaten ziehen zu wollen. Aus Zeitgründen lasse ich eine eingehende Prüfung der verschiedenen Warteoptionen ausfallen und stelle mich bei der nächstbesten Schlange an. Dieses Mal habe ich wirklich Glück. Ein junges Pärchen vor mir scheint kurzfristig eingefallen zu sein, dass es doof ist, vor einem Automaten Schlange zu stehen und entschließt sich zu gehen. Außerdem entpuppt sich die weitere Menschenmasse vor mir als eine Großfamilie, die gesammelt zu elft von dannen zieht, als der Familienvater selbiges mit dem Automatenticket macht. Ich wusle mich durch die Automatenlogik und erhalte nach kurzer Zeit einen kleinen Ausdruck für 63 Euro. Hannover Hbf – Köln Hbf; Köln Hbf – Hannover Hbf. Fein. Danach gehe ich den gesamten Weg durch die Bahnhofshalle zurück zu meinem Gleis ohne einen Auflauf zu veranstalten und schaue nach, in welchem Abschnitt die Wagen der zweiten Klasse bestimmt sind, stehen zu bleiben. Ich gehe etwa einen Abschnitt weiter, als auf dem Plan angegeben, lege meinen Rucksack ab und schaue auf die Uhr. Na klasse, noch zwölf Minuten. Da wird einem das Timing bereits vollkommen dadurch versaut, dass alles einigermaßen planmäßig abläuft. Kaum ist mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, da ertönt auch schon eine alte Männerstimme durch die Bahnsteiglautsprecher:
„ICE 2049 aus Berlin Ostbahnhof bis Köln Hauptbahnhof über Bielefeld, Hamm, Dortmund, Abfahrt 14:31 Uhr, wird voraussichtlich etwa fünf Minuten später eintreffen. Wir danken für Ihre Geduld.“
Was denn bitte für eine Geduld? Dass er es noch einmal wiederholt und in gebrochenem Englisch aufsagt, macht das Ganze auch nicht besser. Um weiteres Unheil möglichst aus dem Weg zu gehen, stöpsele ich meine Kopfhörer in Handy und Ohren. So überhört man die Durchsagen und ärgert sich erst über eine Verspätung, wenn es wirklich dazu kommt und nicht elf Minuten vorher.
23 aufregende Minuten und eine Tüte Chips aus dem Automaten später fährt auch schon der Zug ein. Um „ist der noch frei?“-Gesprächen gegenüber gewappnet zu sein, schalte ich meinen MP3-Player ab und stöpsele mein rechtes Ohr frei. Mein angezielter Waggon bleibt selbstverständlich nicht dort stehen, wo er stehen bleiben sollte, aber ich habe Glück und stehe direkt vor einer anderen Eingangstür. Die Tür öffnet sich und ich bin froh, dass viele Menschen aussteigen wollen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass in dem Waggon noch freie Plätze vorhanden sind. Denn sind wir mal ehrlich: Drei Euronen für eine Platzreservierung? Nein danke. Schade ist nur, dass anscheinend alle Reisenden mit Hannover als Ziel durch genau meine anvisierte Tür aussteigen müssen. Neidisch schaue ich zur Tür am anderen Ende des Abteils, wo bereits Leute einsteigen. Kein Wunder, dass das hier nicht voran geht. Eine alte Dame hat ihre kompletten Erbschaften mit dabei und lässt sich diese von diversen Herren über die Schwelle tragen. Somit dürfte sich die Verspätung des Zuges noch weiter ausbauen. Endlich ist der Weg frei und ich schlängle mich durch den dünnen Eingang und haste in das Abteil. Ein freier Platz ist schnell gefunden. Zumindest sitzt da keiner drauf. Ein schneller prüfender Blick auf die Reservierungsanzeige erfüllt meine Hoffnungen und ich lege meinen Rucksack ab. Während ich im Begriff bin, meinen stilvollen Kurzmantel abzulegen fällt mir ein, dass es doch irgendwie geiler ist, in Fahrtrichtung an einem Fensterplatz zu sitzen und entschließe mich, doch eine Reihe weiter zu gehen. Auch hier der Blick zur Digitalanzeige: Frei. Wunderbar. Sitzplatz, Armlehne, Fenster, Tisch – alles dabei. Erleichtert lasse ich mich in den Sitz sinken und schaue den nach mir Eingestiegenen bei der hektischen Platzsuche zu. „Ist der noch frei?“ hier „Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie sitzen auf meinem Platz“ dort. Selbstzufrieden, bereits die Früchte der eisernen Platzsuche gefunden zu haben, stöpsele ich mir den Kopfhörer wieder in mein rechtes Ohr und schalte mein mobiles Orchester an.
„And when I’m tired of walking alone, I put my headphones on. And whe…”
Und wieder aus. Ein älterer Herr stupst mich mehrmals an.
„Junger Mann?!“
„Hä?“
„Sie sitzen auf meinem Platz...“
„Wie meinen?“
„Ich habe den reserviert.“
„Aber ich habe doch vorhin extra geguckt...“
„Ja, die schalten sich manchmal erst später ein.“
Tatsache. Mein erneuter Blick auf die Anzeige zeigt mir ein sarkastisch aufleuchtendes „Hannover Hbf – Dortmund Hbf“. Na super. In der Zeit in der ich selbstzufrieden vor mich hin gesessen habe, haben alle anderen Leute Plätze fürs Leben gefunden. Der Waggon scheint voll zu sein. Ich packe meine Klamotten zusammen und mache mich auf zum nächsten Wagen. Auf dem Gang stecke ich hinter einer dicken Frau fest, die versucht, möglichst unerotisch ihre Jacke auszuziehen. Mit Erfolg. Ein wehmütiger Blick nach links offenbart mir, dass auf meinem zuerst anvisierten Platz ein Herr mittleren Alters neben einer hübschen jungen Frau sitzt. Und bei beiden Plätzen liegt keine Reservierung vor. Fuck. Im nächsten Abteil sieht es nicht viel besser aus. Anscheinend wollen alle ihren Freitagabend in Köln verbringen. Hinten links entdecke ich eine kleine Lücke im Meer der Köpfe und mache mich auf den Weg. Nach einigen Schritten entpuppt sich der vermeidliche Parkplatz als Kleinwagen. Zwei kleine Kinder grinsen mich an. Es ist ein hämisches, schadenfrohes Grinsen. Gut, dass ihr in die Weltwirtschaftskrise hinein geboren wurdet, ihr Drecksblagen. Wenn es um Sitzplätze im Zug geht, gibt es keine Freunde oder Zukunft, die auf kleinen Beinchen unterwegs ist. Ein weiterer verzweifelter Rundumblick offenbart mir jedoch eine andere frei erscheinende Stelle. Aber nicht nur das: Auf der anderen Seite des Gangs scheint ein anderer junger Mann dasselbe Problem wie ich zu haben. Er schaut genau in die Richtung meines neuen Ziels. Dann schaut er zu mir. Wir bleiben beide einen kurzen Augenblick stehen. Schnell laufe ich zügigen Schrittes über den Gang. Er fängt schon beinahe zu rennen an. Doch dieses Mal hat er das Pech: Ein voluminöser Herr möchte einen Schokoriegel aus seinem Koffer holen und versperrt den Gang und die Grenzübergänge an alle Ostblockstaaten gleichzeitig. Ich schere kurz davor in den freien Platz ein und schicke ein hämisches Grinsen zu meinem Interimskontrahenten hinüber. Dieser lässt seine Faust schwingen und zieht erbost in die andere Richtung ab. Noch im Endorphinrausch des Sieges schwelgend, schaue ich auch hier auf die Reservierungsanzeige: „Hannover Hbf – Bielefeld Hbf“ steht dort geschrieben. Aber der Zug ist seit einigen Minuten in Bewegung und weit und breit niemand zu sehen, der berechtigte Ansprüche auf den Platz zu erheben scheint. Die ältere Dame am Fensterplatz scheint von dem ganzen Schauspiel etwas irritiert zu sein und schaut von ihrem Taschenbuch zu mir hoch. Ich setze mich erst einmal hin und warte ab. Nach wenigen Momenten sehe ich mich in meiner Entscheidung bestätigt, denn die Reservierung erlischt. Klasse, denke ich mir und lege meine Klamotten ab.
„hen it’s time to get out of this all, I put my headphones on. And when…”
Erneut werde ich aus dem kurzen Musikintermezzo geprügelt.
„Nein, ich möchte nichts trinken, danke.“
„Ähm, das ist mein Platz, auf dem Sie da sitzen,“ sabbelt es und hält demonstrierend eine Platzkarte in die Luft.
„Aber, das Licht ist bereits aus,…“
„15 Minuten!“
„Was, 15 Minuten?“
„So lange hat man noch ein Anrecht darauf. 14:31 Abfahrt, 14:46 erlischt es…“
Und wir haben 14:45 Uhr. Bingo. Erneut sammel ich meine Sachen und stehe auf. Ich versuche erst gar nicht, im nächsten Waggon unter zu kommen, sondern hocke mich im Zwischenbereich vor den Toiletten hin. Gar nicht mal soo unbequem.
„hen it feels like everything’s lost, I don’t wanna listen to the static of the radio.“
30 Minuten und fünf Sitzpositionswechsel später, denke ich weitaus anders darüber. Es macht schon was aus, die drei Euro Gebühr für eine Sitzplatzkarte zu zahlen. Das weiß man erst nach einem solchen Trip zu schätzen. Wundert mich, dass nicht auch hier jemand kam, und meinte, der Platz würde ihm gehören, und auf ein über meinem Kopf leuchtendes Schild oder seinen eingeritzten Namen deutet. Das zum Thema „Das Leben in vollen Zügen genießen“. Volle Züge sind scheiße.
„Eine Durchsage: Sven Bukholz wird aufgrund einer Signalstörung um zirka fünfzehn Minuten angepisster sein. Ich wiederhole: Sven Bukholz wird aufgrund einer Signalstörung etwa zwanzig Minuten angepisster sein. The passenger Sven Bukholz will be pissed of about 25 minutes more, because of signal failure. Thank you for traveling without style.“
8. Aufgemerkt: Kölsch
Endlich in Köln angekommen, teste ich meine Beine auf noch vorhandene Lebenszeichen. Wacklig stehe ich auf und mache mich auf den Weg in die Freiheit. Am Bahnsteig steht auch schon mein alter Freund Flo.
„Mensch Sven, du alter Möchtegernstudent!“
„Florian, du alter Paragraphenwürger!“
Oh, hatte ich vergessen, das zu erwähnen? Flo heißt eigentlich Florian.
„Und, wie war die Fahrt?
Ich deute mit dem rechten Zeigefinger auf mein zerknittertes Gesicht.
„Mann, Ich sag Dir, ich bin von drei Stunden Herumsitzen und Musik hören derart kaputt, als wäre ich eine ostasiatische Fälschung von mir selbst. Ich glaube, eine der steinalten Frauen war kurz davor, mir mit meinem Gepäck zu helfen...“
„Ach, ein paar Kölsch und wir kriegen Dich schon wieder hin!“
„Bestimmt. Und dann noch ein paar Bier und alles ist vergessen. Musst du denn heute noch zur Kanzlei?“
Habe ich das etwa auch vergessen zu sagen? Verdammt. Also: Kölsch ist kein Bier.
„Ne, ich habe für heute frei. Wir können also gleich loslegen.“
Und schon geht es los. Wir machen uns auf den Weg zu seiner Bude, wo ich gnädiger Weise zwei Nächte Unterkunft gewährt bekomme. Die kostenlose Unterbringung rechtfertigt dann auch die hohen Reisekosten. Und das alles für ein bisschen Feierei. Ach, hatte ich Idiot das etwa auch vergessen? Dann hier der hoffentlich letzte Nachtrag: Flo, der eigentlich Florian heißt, ist Anwalt. Okay, noch kein ausgewachsener Anwalt, sondern eher so ein kleines, süßes, großäugiges Etwas von einem Anwalt. Aber das ist mir egal. Ich kann ihn trotzdem ganz gut leiden. Eigenartig wirkt dagegen, dass Flo ein dunkelhäutiger, homosexueller, angehender Rechtsanwalt mit polnischem Personalausweis und sächsischem Dialekt ist. Geboren in Polen, aufgewachsen in Sachsen und nun arbeitstätig im Rheinland. Wenn das mal kein Kulturschock ist. Ich kann ihn trotzdem ganz gut leiden. Dass er aber in den wenigen Jahren hier schon so von der Domstadt aufgesogen wurde, erstaunt mich immer wieder. Ein leichter Kölscher Akzent ist mittlerweile im sächsischen Dialekt zu erkennen, er trinkt „Bier“ aus Reagenzgläsern und sein Herz schlägt für den FC. Ich kann ihn trotzdem ganz gut leiden. Durch den ständigen seriösen Anwaltskram hat er es sich sogar antrainiert, nahezu akzentfrei zu sprechen. Zumindest, solange keines der besagten Kölschs in seine Nähe gerät. Schwul war er jedoch bereits vor dem ersten Kontakt mit Köln.
Wir parken meine Klamotten in Flos Wohnung und machen uns auf, etwas Essbares zu finden. Der feine Anwalt in spe lässt sich zum Glück nicht lumpen und spendiert mir ein feines Porterhouse-Steak. Im Gegenzug soll ich abends dann die Zeche zahlen. Na, das sollte sich doch lohnen. Denn wie ich Flo aus alten Zeiten kenne, ist nach zwei Bier und einem möglichst bunten Cocktail mit Schirmchen Schluss mit durstig. Mit jeweils einem wahrhaft gelungenen 24-Euro-Steak im Magen gehen wir in eine Bar, die nur einen Steinsprung von Flos Wohnung entfernt ist, damit der nächtliche Heimweg möglichst wenige potenzielle Todesstellen bereithält. Die Furchtbar ist relativ klein. Ein kurzer Tresen vorne und ein noch kleinerer Hinterraum mit zwei Kickertischen. Wir gehen durch zu den Sportgeräten und Flo bestellt mit gekonnter Handbewegung zwei Kölsch. Kaum haben wir unsere Jacken abgelegt, kommt auch schon eine Bedienung mit vier Gläsern Gerstensaft zu uns.
„Hier Schätzekenns.“
„Danke schön!“ sagt Flo und reicht mir zwei Kölsch rüber. Erst bin ich einen kurzen Augenblick verwundert und überlege, ob gerade eine Happy Hour oder ein Kölner Feiertag ist. Aber nachdem ich einen Schluck Kölsch genommen und das leere Glas abgestellt habe, war mir klar, warum die Bedienung die doppelte Anzahl gebracht hat. Danach geht es lustig weiter so. Wir kickern einige Runden mit ununterbrochener Bierversorgung und wechseln schließlich zu einem Platz an der Bar. Da der Laden keine bunten Cocktails mit Schirmchen aufbieten kann, trinkt auch Flo ein Kölsch nach dem anderen. Schnell kommen wir ins Gespräch mit anderen Barbesuchern. Einige wahrhaft kölsche Originale sind darunter. Irgendeiner der Stammgäste scheint ein Quizspiel mitgebracht zu haben und stellt die ganze Zeit über irgendwelche Fragen in Runde.
„Aufgemerkt Leute: Welche Lichtgestalt des deutschen Fußballs wird auch ‚Kaiser‘ genannt?“
„Ey, natürlich der Franz Beckenbauer!“
Es ist eine wahrhaft unterhaltsame Truppe und ebenso der Abend. Wir quatschen über alte Zeiten, über Fußball, über Frauen und ganz kurz auch über Männer. Denn mit Flo über Sport zu reden ist dann doch ziemlich gefährlich, da Sportler in der Regel gut gebaut sind. Und solange sie nicht Briten oder Ronaldinho sind, folgt auf jeden bekannten Spielernahmen ein nicht allzu männlich klingendes „ooohh“ aus Flos Mund.
„Aufgemerkt Leute: Wer hat den Terminator gespielt und ist nun Gouverneur von Kalifornien?“
„Mensch, dat is doch de Schwarzenejja...“
Willkommener Themenwechsel von Sport zu Film. Da dürfte doch die Chance bestehen, über männliches zu reden, ohne über wohlproportionierten Muskelaufbau reden zu müssen. Wer ist denn beliebt, aber eher semi-hübsch?
„Haste eigentlich schon den neuen Tarantino gesehen, Flo?“
„Oooohh“
Na so toll sieht der doch wohl nun wirklich nicht aus. Und die nervige Stimme...
„Ooooh, da spielt doch auch der Brad Pitt mit, oder?“
Ah, da haben wir des Übeln Wurzel. Klar, daran habe ich ja gar nicht gedacht.
„Klar, genau daran hatte ich bei Dir gedacht.“
Verdammt. Jetzt bin ich doch tatsächlich froh, dass das angestrebte Hemd nicht gepasst hat. Denn Flo hätte mir Tom sicherlich ausgespannt: „Oooooh, schickes Hemd haste da, Sven. Kann ich mir das mal kurz ausleihen? Wir wollen nur reden...“ Na-türlich.
„Aufgemerkt Leute: Woher kommt die Redewendung ‚alles in Butter‘?“
„Ach Jung, was is denn dat für ne Fraje? Weil die dat früher jenömme habe, um Schmuck und Edelmetalle zu transpörtieren. Erst Butter einjeschmölze, Wertzeuchs rin und wieder hart werden lasse. Transpörtiert und danach wieder einjeschmölze.“
Nach einem kräftigen Schluck Kölsch, dreht sich Flo zu mir um, stellt das Glas ruckartig auf den Tisch und sagt voller Überzeugung:
„Öh, nä. Keen Bier meh!“
„Gibt es etwa keins mehr?“
„Ne Dü,... Für misch reicht dat aber.“
Seine vermehrt fehlende Hand-Augen-Koordination macht sich mir nun auch bemerkbar, als sein Versuch, ein paar Salzstangen zu essen in seiner Nase endet. Ich nicke ihm zu und winke die Bedienung herüber um zu zahlen. In Köln kommt man sich spätestens dann als totaler Säufer vor, wenn einem gesagt wird, dass man doch 28 Bier zu zahlen hätte.
„Aufgemerkt Leute: Wer hält mir die Haare nach hinten, während ich kotze?“
„Stimmt so.“
Ich lege zwei Scheine auf die Theke, winke freundlich in die Runde und schleife Flo möglichst schnell aus dem Laden. Nach dem kurzen Heimweg schläft Flo im Treppenhaus etwa drei Mal ein, ehe ich ihn bis nach oben gebracht habe. Zum Glück hatte er mir bereits vorhin seinen Schlüssel gegeben, so muss ich wenigstens nicht einem sturzbesoffenen Schwulen in der Hosentasche rumfingern. Auch mir macht der alkoholbedingt etwas erschwerte Seegang zu schaffen, aber beim vierten Versuch landet der Schlüssel im Schloss und kurz darauf Flo im Bett und ich auf der Luftmatratze.
Schon mehrfach habe ich bereits von irgendwelchen Menschen gehört, die von Menschen gehört haben, deren Bruder von irgendeinem Cousin (oder Neudeutsch: Kuhseng) in einer Tour durchschläft, auch wenn eine Atombombe neben ihm explodiert oder die Katzenberger einen tiefgründigen Monolog in sein Ohr schreit. Bislang habe ich das Gerücht absolut ignoriert und für völligen Blödsinn befunden. Aber Flo scheint der Cousin von irgendeinem Typen seinem Bruder zu sein. Denn ich werde plötzlich von einem lauten Brummen wach. Ich kann es nicht wirklich einordnen, weiß noch nicht einmal, wo es genau herkommt. Ich weiß nur, dass es verdammt laut ist. Das Brummen macht kurz Mittag und seine Freunde „lautes Klacken“ und „wildes Gepiepe“ übernehmen für ihn. Genervt schleife ich mich irgendwie aus seinem Zimmer in Richtung des Geräusches. Es wird lauter und lauter und scheint in meinem Kopf gegen eine Alkoholmauer zu prallen und ein lautes Echo zu erzeugen. Auf einmal stehe ich ihm in der Küche genau gegenüber: Eine Kaffeemaschine. Aber nein, keine alte, vor sich hin laufende, tropfende Kaffeemaschine, die nur dann Mucks gibt, wenn man sie dazu aufgefordert hat. Nein, es muss natürlich eine italienische Koffeinkampfmaschine mit den Ausmaßen eines gesunden Kleinwagens sein, die sich von selbst reinigt. Reinigen mit Wasser und einem lauten 8-Zylindermotor? Aber welcher bescheuerte Idiot lässt seine Kaffeemaschine automatisch mitten in der Nacht von Freitag auf Samstag rumrödeln? Anscheinend war Flo schon immer taub und hat lediglich die Kunst des Lippenlesens in Vollendung und im Suff drauf. Anders kann ich mir das nicht vorstellen, dass jemand bei dem Lärm noch schlafen kann um 11 Uhr morgens. Er kann froh sein, dass er Anwalt ist, so kann ihn wenigstens keiner seiner Nachbarn wegen Lärmbelästigung anzeigen. Anwälte genießen anscheinend Lärmbelästigungs-immunität.
Wenn ich schon wach bin, beschließe ich, den Kühlschrank und den feinen LCD-Fernseher im Wohnzimmer auszutesten. Mit zwei Käse-Toasts mache ich es mir zu Sitcom-Wiederholungen gemütlich. Zwei Stunden später erscheint Flo im Zimmer.
„Moin Sven. Warum haste mich nicht geweckt, als du wach geworden bist?“
Als ob ich da auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte.
„Sorry, dachte, du wolltest weiter pennen...“
Wir besprechen die Taktik für den Tag. Chillen, Stadt, Sportschau, Essen. Guter Plan. Nach weiteren Käsetoasts und Wiederholungen machen wir uns auf, etwas von der Stadt zu sehen. Ich war zwar schon einige Male in Köln, aber wirklich viel gesehen habe ich da irgendwie nie. Flo zeigt mir den Dom von innen und wir steigen auch einen der Türme hoch. Von da oben hat man schon einen beeindruckenden Blick. Auf dem Weg nach unten bereuen wir es, dass es nur einen Treppenaufgang gibt. Immer wieder muss man kurz anhalten, weil einem Leute entgegen kommen. Auf einmal hören wir ein lautes Klacken. Ich fühle mich sofort in mein Kaffee-Automaten-Reinigungstrauma zurückversetzt und fange an, überall kalt zu schwitzen. Es wird lauter und lauter. Dann erblicken wir das Übel: Eine rheinische Karnevalsgruppe zwängt sich an uns auf den altsteinernen Stufen vorbei. In Holzschuhen. Und mit Mega-Alkohol-Fahnen. Es riecht wie bei Pete Doherty’s 21. Geburtstag. Alleine durch diese geschätzt 28 klackenden Holzschuhe in denen Alkoholleichen den Dom einnehmen fühle ich mich bereits wieder betrunken. Wenigstens ist der Kater weg.
Nach weiteren Einblicken in die Rheinstadt gehen wir wieder zu Flo, um Sportschau zu gucken. Auf Weiteres möchte ich hier nicht eingehen, da der sportliche Verlauf nicht unbedingt meine Motivation zu schreiben erhöht hat. Aber dieser verkackte Schiedsrichter hat auch... Naja, lassen wir das.
Für den Abend beschließen wir in eine Disko zu gehen. Im Vergleich zur Bar gibt es da einige Vor- und Nachteile. Entspanntes Trinken und lockere Gespräche sind Vorteile der Bar. Musik, Tanz und freizügigere Mädels eindeutige Vorteile der Disko.
„Und da ist es so laut, dass die Mädels Deine schlechten Anmachsprüche erst gar nicht verstehen, Sven. Die hören nur das, was sie hören wollen.“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
