Kitabı oku: «Das Konzerthaus», sayfa 2
„Ich bespreche das mit dem Leiter für operative Einheiten, und dann sehen wir weiter. Du musst aus dem Einsatz raus und zurück nach Hamburg.“
Nora schluckte, das hatte sie vermutet, aber das wollte sie nicht. Wollte sie auf keinen Fall. Sie liebte München und ihre Arbeit hier. All das sollte jetzt vorbei sein? Aber es hatte keinen Sinn zu opponieren. Die Entscheidung würde so fallen, das wusste sie. Nach Hamburg zurückzukehren, war aber immer noch besser, als in irgendeiner Abteilung als Dienstunfähige am Computerschreibtisch zu verenden.
„Wo wird man mich einsetzen?“
„Das weiß ich nicht“, erwiderte Siebert etwas freundlicher. „Ich bespreche das mit dem zuständigen Kollegen in Hamburg. Du hörst von mir. Wahrscheinlich geht es sehr schnell. München ist jetzt ein gefährliches Pflaster für dich. Du musst hier weg. Wenn ich mehr weiß, rufe ich dich an.“
Die Andeutung eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Ihr quirliges Temperament hatte ihn fasziniert, aber er wusste, dass er über seinen schon länger gehegten Verdacht nicht würde schweigen dürfen.
„’tschuldigung“, sagte Nora, als sie mit einem Mann in einem passgenauen Nadelstreifenanzug an der Tür des Cafés zusammenstieß und dann ihren Weg fortsetzte. Beim Hinausgehen musterte der Mann im Anzug sie eingehend und stellte sich sodann an den Tresen. „Einen Espresso doppio bitte.“
Siebert stand auf und stellte sich neben den Mann.
„War sie das?“, fragte der Mann Siebert und leckte sich mit der Zunge die Crema von der Oberlippe.
„Ja.“
„Max, ich setze in Hamburg meinen besten Mann auf sie an. Schick mir bitte Personalbogen und Liste ihrer Vorlieben und Besonderheiten.“
Mit diesen Worten beendete Horst Röpke das kurze Treffen.
Als am Nachmittag des gleichen Tages Noras Telefon klingelte, lag sie mit Isa auf dem Sofa und nahm erstarrt die Anordnung von Max Siebert entgegen, dass sie bereits am nächsten Tag nach Hamburg zurückkehren müsse. In der Abteilung für vermisste Personen sollte sie anfangen, die der Abteilung für Kapitalverbrechen angegliedert war.
„Ich kümmere mich um die Formalien und deine Wohnung hier in München. In Hamburg kommst du vorläufig in einer Dienstwohnung unter.“
Die vielen Informationen prasselten auf sie ein.
„Nora, ich kann dich nur schützen, wenn du auf mich hörst und sofort das Nötigste packst. Heute Abend geht dein Zug.“
„Du denkst an meinen Hund, den muss ich doch mitnehmen?“, fragte sie mit letzter Kraft.
„Ja, mach dir keine Sorgen“, beruhigte er sie. Sie hörte zwar Max’ sanfte Stimme, aber nicht, was er sagte. Ihre Gedanken schweiften ab. Was sollte sie in Hamburg, was in dieser unsäglichen Abteilung? Es war ihr jetzt schon zuwider.
Kapitel 3
Montag 7.12.2015
Parlamentarischer Untersuchungsausschuss Hamburg
Gernot Melzer war sich seiner Rehabilitierung sicher. Endlich würde er die Gelegenheit bekommen, seine Position darzulegen. Heute würde er alles geraderücken können. Der Fahrer seiner dunkelblauen Limousine bog in die Straße hinter einem Rathaus ein. Als er die Fahrzeugtür öffnete, seinen Fuß gewandt auf die Straße setzte und seinen Kopf anhob, wirkte er mit jeder seiner einstudierten Bewegungen, mithilfe derer er sich aus dem Auto schälte, als würde er vor einem für ihn ausgerollten roten Teppich aussteigen und eine Schar an Fotografen erwarten. Wirklich gut aussehend war er nicht, denn durch den über Jahrzehnte genossenen Alkohol und die unzähligen Zigaretten schimmerte seine Haut gräulich-gelb und war aufgedunsen. Aber er war stattlich gewachsen und hatte trotz seiner über fünfzig Jahre noch volles, allerdings gefärbtes blondes Haar. Sein unsportlicher Körper steckte in einem dunkelblauen Anzug, der von seinem langjährigen Schneider angefertigt worden war. Gernot Melzer komplettierte seine Erscheinung mit italienischen spitzen Designerschuhen, die aus schwarz-weißem Schlangenleder gefertigt waren. Insgesamt wäre er zwischen den extravaganten Flaneuren auf der italienischen Luxusmeile der Via Monte Napoleone in Mailand nicht aufgefallen.
Angespannt blickten seine eisblauen Schlupfaugen durch seine Pilotenbrille auf sein Handgelenk, welches eine schwere Luxusuhr schmückte. Es war viertel vor zehn, und er fragte sich, wo sein Anwalt blieb. Immerhin bezahle ich dich gut, dann könntest du wenigstens pünktlich sein, ging es ihm durch den Kopf. Er kniff verärgert seine Augen zusammen, sodass sich drei tiefe Furchen zwischen den Augenbrauen bildeten.
Für zehn Uhr war Gernot Melzer durch das Gremium des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) geladen worden, und viel Zeit blieb nicht mehr, um noch einmal die wichtigen Details durchzugehen.
In Gedanken ging er seinen Werdegang durch, der im PUA sicher zum Thema gemacht werden würde. Er war vorbereitet. Sollen sie nur fragen. Gernot Melzer lächelte überlegen. Ja, er verdiente den Erfolg.
Mit viel Ehrgeiz, schneller Auffassungsgabe und Fleiß, wahrscheinlich auch mit einer ordentlichen Portion Skrupellosigkeit, hatte er ein expandierendes Bauunternehmen geschaffen und sich hohes Ansehen in der Hansestadt erworben. Wenn er zu einem Empfang im Rathaus oder einem anderen gesellschaftlichen Ereignis geladen worden war, freute sich Melzer wie ein Kind, das lange auf eine ersehnte Einladung zum Kindergeburtstag gewartet hatte. In der Tat, er war für den Wirtschaftsstandort Hamburg unentbehrlich. Ja, er war ein erfolgreicher hanseatischer Kaufmann mit hohem Ansehen. Überdies spendete er für das Kinderhospiz namhafte Summen, wirklich, man konnte ihm nichts nachsagen. Er lächelte stolz und selbstgefällig.
Melzer griff in seine Manteltasche und zündete sich eine Zigarette an, musste dann aber plötzlich einen Schritt zurücktreten, um dem an ihm vorbeirasenden Kurierfahrer auszuweichen, der ihm mit einem Schulterblick kopfschüttelnd bedeutete, dass er dem König der Straße im Weg gestanden hatte.
„Gehts noch, du Penner?“, entfuhr es Melzer, aber der Radfahrer fuhr unbekümmert weiter.
„Diese Kuriere sind echt die Pest“, schimpfte er leise vor sich hin und zog gierig an seiner Zigarette, während er nach seinem Rechtsanwalt Peter Dietrich Ausschau hielt, nicht ohne ihm zuvor eine eindringliche WhatsApp geschickt zu haben. Warten war nicht seine Stärke und schon gar nicht in diesem Moment. Wieder verdunkelte sich sein Gesicht, und er schob seine Zunge unter die Oberlippe.
Diese blödsinnige nervende Presseberichterstattung über die damaligen Zustände auf der Baustelle der Elbphilharmonie muss ein Ende haben. Und diese dauernden Lügen und unzutreffenden Verdächtigungen dieses Architektenbüros, allen voran Albert Berend, sind eine kaum zu überbietende Unverschämtheit.
Das Rufen seines Namens riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Gesicht hellte sich auf, denn Rechtsanwalt Dietrich kam mit langen Schritten auf ihn zu und streckte ihm zur Begrüßung den Arm entgegen. Ohne seinen Handschlag zu erwidern, baute Melzer sich auf und maßregelte seinen Beistand für die Verspätung wie einen Pennäler, was dieser souverän an sich abprallen ließ. Durch Melzers angestrengte Mimik und seine aufgebrachte Sprache fiel sein immer leicht herabhängender rechter Mundwinkel noch mehr aus der Gesichtssymmetrie. Fasziniert betrachtete Dietrich das aus der Form geratene Mienenspiel, und ihm fiel ein, dass er mal ein Gespräch in Melzers Büro verfolgt hatte, in dessen Verlauf die Sekretärin und ihre Kollegin vermuteten, dass Melzer mal einen Schlaganfall erlitten haben könnte. Dietrich war demgegenüber davon überzeugt, dass diese Lähmung von einer tiefen Verletzung zeugte, über die Melzer nie würde sprechen können. Und damit sollte er recht behalten.
Auf dem Weg zum Sitzungssaal besprachen sie in der verbliebenen Zeit die kritischen Punkte und unterbrachen ihre Unterredung erst, als sie im Vorraum des Sitzungssaals Albert Berend, der federführend mit dem Entwurf der Elbphilharmonie und deren Baubegleitung betraut war, auf einer Holzbank sitzen sahen. Er war ein attraktiver Mann um die fünfzig, schlank und gut gekleidet. Mit frisch geschnittenen silbergrauen Haaren und einem kurz gestutzten Vollbart, der seine vollen Lippen wirkungsvoll einrahmte, wartete er auf seine Einvernahme.
Irritiert über Berends Anwesenheit, betrat Melzer in Begleitung seines Bevollmächtigten den Saal und war – wenn auch nur für einen kurzen Moment – sichtlich beeindruckt von den mit Holz vertäfelten Wänden und den quadratisch aufgestellten Tischen, an denen die Mitglieder des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Platz genommen hatten. Im Zentrum des Raumes an der hinteren Wand imponierte ein altarähnlicher Bereich, an dem die ehrgeizige, von den Mitgliedern des Ausschusses gewählte Vorsitzende Anne Fliege-Schulz thronte. Sie hatte kurzes, platinblondes Haar und trug eine rote Lesebrille auf der Nase.
„Herr Melzer“, gab sie kühl bekannt. „Wir mussten Ihre Vernehmung leider kurzfristig verlegen auf 11.30 Uhr, da der Zeuge Berend wegen eines Todesfalles an dem ursprünglich vorgesehenen Termin nicht erscheinen konnte und jetzt an Ihrem Termin vernommen werden soll. Bitte finden Sie sich um 11.30 Uhr wieder ein.“
Melzer verließ gemeinsam mit seinem Verteidiger wutschnaubend den Saal und machte sich gegenüber seinem Rechtsanwalt Luft. „Wegen des Architekten muss ich jetzt warten. Was glaubt die Kuh eigentlich, wer sie ist? Wegen eines Todesfalles kann er nicht erscheinen. Kann man da nicht mal vorher Bescheid geben?“
Plötzlich hielt er inne. Er wiederholte in Gedanken die Ausführungen der Vorsitzenden. „Wegen eines Todesfalles ...“
Sein Magen krampfte, und trotz der sich langsam ausbreitenden Hitze fröstelte er. Hastig verabschiedete er sich von seinem Verteidiger, verließ das Rathaus und trank in einer kleinen, unscheinbaren Bar um die Ecke trotz des frühen Tages ein Glas Weißwein. Dabei googelte er Todesanzeigen der letzten Tage. Während er in seinem Handy die Anzeigen hektisch durchblätterte, trank er immer wieder einen Schluck Wein. Als er das Glas ein weiteres Mal zum Mund führte, erstarrte er, das Glas an seinen Lippen haltend, als hätte er in diesem Moment vergessen, dass er trinken wollte. Er fixierte das Display seines Handys und las immer wieder den Namen, als könnte er auf diese Weise besser begreifen, dass die Mutter von Albert Berend gestorben war.
Mit leichter Verspätung kehrte er gegen 11.45 Uhr zurück zum Sitzungssaal, in dem alle Beteiligten am Tisch saßen und auf ihn warteten, auch sein Vertreter.
„Herr Melzer, ich hatte Ihre Vernehmung auf 11.30 Uhr anberaumt und nicht auf 11.45 Uhr. Ich darf Sie bitten, respektvoll mit meiner Zeit umzugehen und meine Ladungszeiten zu beachten.“
Gernot Melzer nahm nach der Ermahnung auf dem für ihn vorgesehenen Stuhl Platz.
Er spannte seinen gesamten Körper an und presste die Kieferknochen aufeinander. Leichtes Zucken an den Gesichtsknochen war trotz aller Beherrschung zu sehen, und auch die sich rötende Halsschlagader pulsierte. Schon jetzt hätte er der Vorsitzenden ins Gesicht springen können, er musste sich unbedingt zusammenreißen.
„Entschuldigen Sie bitte“, presste er hervor.
„Herr Melzer, wie Sie wissen, geht es darum festzustellen, wie es zu den katastrophalen Zuständen auf der Baustelle und zu der explosionsartigen Kostensteigerung gekommen ist. Insoweit ist es von Bedeutung, wie es überhaupt dazu kam, dass Sie im Rahmen des Vergabeverfahrens den Zuschlag bekommen haben. Worauf beruhte Ihre im Nachhinein hinfällige Kalkulation, die Ihnen aber den Zuschlag sicherte?“
„Frau Vorsitzende, lassen Sie mich zur Einführung zunächst erläutern, dass es für mich und meine Firma eine besondere Ehre ist, für die Hansestadt dieses großartige Projekt federführend bauen zu dürfen und ich nicht ohne Stolz berichten kann, dass wir uns der Fertigstellung mit großen Schritten nähern ...“
Die Vorsitzende unterbrach ihn: „Herr Melzer, bitte beantworten Sie meine Frage.“
Melzer bemerkte, wie die Wut in ihm hochstieg.
Es gefiel ihm nicht, wie sie mit ihm sprach, aber er wusste, wie wichtig es für sein Vorhaben war, nicht die Beherrschung zu verlieren.
„Frau Vorsitzende, die Planungen des Architekten Berend waren unvollständig, und so gut wir es konnten, haben wir eine belastbare Kalkulation vorgelegt.“
Die Vorsitzende widersprach und blätterte in ihren Akten.
„Nach den mir vorliegenden Unterlagen haben Sie keine den Bauplänen entsprechende Angebotskalkulation abgegeben. Mir liegen hier sogar Zeugenaussagen von Mitarbeitern Ihrer Firma vor, wonach Sie erklärt haben sollen, dass die Architektenpläne für einen seriösen Kostenvoranschlag völlig untauglich gewesen seien.“
„Mögen Sie mir freundlicherweise sagen, um wen es sich da handelt?“, versuchte Melzer Zeit zu gewinnen.
„Haben Sie nicht wegen der unvollständigen Planung damit rechnen müssen, dass Sie diese Kalkulation nicht würden halten können? Wieso haben Sie einen Kostenvoranschlag abgegeben, obwohl, wie Sie selbst gesagt haben sollen, die Pläne für eine Kostenkalkulation völlig ungeeignet waren?“
Sie schaute ihn erwartungsvoll an.
Melzer rutschte auf dem Stuhl hin und her und suchte nach einer Antwort. Er legte einen Aktenordner auf den Tisch und suchte sein erstes Angebot.
Die Vorsitzende setzte ihren Vorhalt fort, indem sie Melzer mit einem weiteren kritischen Aspekt seines Kostenvoranschlages konfrontierte.
„Immerhin hat unter anderem das am Vergabeverfahren beteiligte renommierte Unternehmen Hochtief AG eine deutlich höhere Kostenkalkulation abgegeben und demzufolge den Zuschlag nicht erhalten.“
„Ja, da müssen Sie die am Vergabeverfahren beteiligten Behördenmitarbeiter befragen, Frau Vorsitzende, da kann ich wenig zu sagen, auch wenn ich Ihnen da gerne weiterhelfen würde ...“, schmeichelte er und überlegte, ob er jetzt nicht doch etwas zu weit gegangen war.
Fliege-Schulz überhörte die unterwürfige Bemerkung und hielt ihm weiter vor: „Der Zeuge Albert Berend berichtete vorhin in seiner Vernehmung, dass er den Zustand auf der Baustelle unbeschreiblich chaotisch fand und Ihre Firma dies zu vertreten gehabt habe. So berichtete der Zeuge, dass Sie und Ihre Bauleiter täglich Nachforderungen gestellt und Mängellisten aufgestellt hätten. Eine Flut an Behinderungs- und Verzögerungsanzeigen sei von Ihnen erstattet worden.“
Melzer unterbrach die Vorsitzende und wurde laut. „Was hätten Sie getan, wenn Sie Baupläne ausführen sollen, die sich täglich ändern?“
Er haute mit der Faust auf den vor ihm stehenden Tisch und schaute in die Runde, um nach Verbündeten zu suchen. Er fand keine. Mit gesenktem Kopf wühlten die Abgeordneten entweder in Aktenbergen, machten Notizen oder versuchten, gegen die Langeweile anzukämpfen.
„Mäßigen Sie sich in Ihrem Ton, Herr Melzer, um meine Einschätzung geht es hier nicht“, entgegnete sie sachlich. „Erklären Sie mir, ob es zutrifft, wie der Zeuge Berend bekundet hat, dass Ihre Firma im Rahmen der Betonarbeiten am großen Saal derart gravierende Fehler gemacht haben soll, dass sowohl die Statik als auch die Akustik und somit das gesamte Bauprojekt gefährdet gewesen seien. Mehrere Hohlräume sollen in der Betonschale entdeckt worden sein, die die Klangisolierung hätten gefährden können.“
Melzer erkannte, dass sein Plan nicht aufging. Alle im Saal schienen sich gegen ihn verschworen zu haben. Offenbar positionierten sich alle für Albert Berend.
„Frau Vorsitzende, ich dachte, Sie sollen die Vorkommnisse aufklären, stattdessen scheinen Sie doch schon sehr festgelegt zu sein und suchen die Schuld einseitig bei mir ...“, versuchte er einen Gegenangriff, den die Vorsitzende jedoch abwürgte.
„Herr Melzer, Sie sollen sogar die Ultraschalluntersuchungen verweigert und die Vertreter des Architekten der Baustelle verwiesen haben.“
Melzer ärgerte sich, da er nicht gut genug vorbereitet war, um auf diese Details überzeugend einzugehen. Wenn er ehrlich war, hatte er ein wenig den Überblick verloren. Er drehte seinen Kopf zur Seite und schaute Hilfe suchend zu seinem Anwalt, der nun reagierte.
„Frau Vorsitzende, ich beantrage Einsicht in die Ihnen vorliegenden Unterlagen, aus denen sich ergeben soll, dass die Vertreter der Firma meines Mandanten sich auf der Baustelle in vorwerfbarer Weise verhalten haben.“
„Hierzu war doch schon ausgiebig Gelegenheit!“, entgegnete sie verwundert. „Konnten Sie sich nicht genügend vorbereiten, Herr Melzer? Sie wussten doch, dass es heute genau darum gehen würde.“
Melzer antwortete nicht und gab resigniert auf. Er hatte für den heutigen Tag verloren und nicht damit gerechnet, dass Albert Berend sich mit seinen Vorwürfen derart weitreichend Gehör verschaffen würde.
Fliege-Schulz beendete die Anhörung.
„Ich denke, so hat es keinen Sinn, wir sehen uns an einem weiteren Termin wieder, wenn Sie besser vorbereitet sind. Sie wissen jetzt ja, auf welche Themen es ankommt. Ich beende die Sitzung. Fortsetzungstermine werden bekannt gegeben“, spulte die Vorsitzende die Formalien ab.
Gernot Melzer verließ erhobenen Hauptes den Saal, aber innerlich brodelte es in ihm.
Er ließ das Blitzlichtgewitter der Presse über sich ergehen und flüchtete in die kleine Bar, in der er sich einen Cappuccino und ein weiteres Glas feinperligen Weißweins gönnte.
Melzer saß in einer uneinsehbaren Ecke des Lokals direkt vor einem kleinen Spiegel und las Zeitung. Von ihm unbemerkt betrat ein Pärchen das kleine Ecklokal und ließ sich an einem kleinen Tisch auf eine gemütliche rot gepolsterte Bank fallen. Sie gingen sehr vertraut miteinander um, und ihre auf dem Tisch liegenden Hände fanden immer wieder zueinander. Gegenüber ihrem Tisch drehte der Barista den Siebträger mit gekonnten Handgriffen aus der Espressomaschine, klopfte den alten Kaffeesatz in den Abschlagbehälter und bereitete Melzers Kaffee zu. Durch das Pfeifen der Maschine merkte Melzer auf und hob den Kopf. Er schaute direkt in den ihm gegenüber hängenden Spiegel und wurde auf das turtelnde Paar aufmerksam. Eine alberne, rote Lesebrille auf dem kleinen, runden Tisch zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Als der Mann die Umarmung löste, erkannte Melzer die beiden Personen und wollte es nicht glauben. Architekt Albert Berend hatte gerade eine Frau mit platinblonden, kurzen Haaren umarmt, die Frau, die ihn, Melzer, herabgesetzt und Albert Berend bevorzugt hatte. Fliege-Schulz. Er starrte fassungslos auf das beschäftigte Paar und realisierte, dass er zu keinem Zeitpunkt eine faire Chance gehabt hatte.
Gernot Melzer musste feststellen, dass dieser PUA-Ausschuss eine Farce war, eingerichtet für die politische Galerie. Wieder und wieder fühlte er die glimmende Wut in sich aufsteigen. Ohne etwas von seinen Getränken angerührt zu haben, schob er den Stuhl nach hinten, stahl sich zum Tresen, bezahlte seine Rechnung und verließ das Café.
Das leise Klimpern der in den Opferstock fallenden Münzen unterbrach die von Weihrauch umgebene Stille in Melzers Lieblingskirche Am Weiher. Er blickte in das Flackern der von ihm angezündeten Kerze, wandte sich zum Gebet in das Kirchengestühl und sprach das „Vaterunser“.
Was zu tun war, wusste er nun.
Kapitel 4
AZ: LKA HH 141 033/1K/3033312/2015
Nora Kardinal fragte sich, was sie erwarten würde, als sie am Dienstagmorgen das Landeskriminalamt in Hamburg (LKA) betrat. Das sternförmige Gebäude kannte sie noch aus ihrer früheren polizeilichen Tätigkeit in Hamburg, und sie fand problemlos in diesem Labyrinth ihre neue Abteilung, die Mordkommission. Sie schüttelte viele Hände, die ihr freundlich entgegengestreckt wurden, und war froh, als sie endlich in ihrem Büro angekommen und alleine war. Dort sackte sie auf ihrem Drehstuhl zusammen wie eine Marionette, deren Fäden gerade durchtrennt worden waren.
Die Müdigkeit zog fast schmerzhaft durch ihre Glieder, während sie langsam mit ihrer Hand über den dreckigen Bürotisch strich, als hoffte sie, auf diese Weise ihre tiefe Verzweiflung beiseitewischen zu können, so wie diesen grauen Staub. Aber ihren Fehler konnte sie nicht ungeschehen machen.
Als Nora aus dem Fenster blickte, entdeckte sie zwei Eichhörnchen, die auf der von schmutzigem Schnee bedeckten Wiese, die durch kleine grüne Rasenflecken durchbrochen war, hektisch hin und her liefen und emsig damit beschäftigt waren, die Nüsse zu finden, die sie im Herbst vergraben hatten. Aufgeregt piepsend jagten sie sich plötzlich, als würden sie Fangen spielen. In Einstimmung auf die verfrühte Paarungszeit sprangen sie in einem atemberaubenden Tempo von Ast zu Ast und stießen sich dabei mit ihren muskulösen Hinterbeinen wendig von den wackelnden Zweigen ab. Sie rasten durch den blattlosen Baumbestand und lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd, in deren Verlauf gelegentlich ihre weißen Bäuche aufblitzten. Nora war gefangen von diesem Schauspiel und vergaß für einen Moment ihre düsteren Gedanken. Fasziniert und mit einem Lächeln im Gesicht schaute sie den Nagern hinterher, als jemand das Büro betrat. Alexander Berend blieb im Türrahmen mit einem Stapel brauner Akten stehen.
Nora drehte sich zu ihm um und musterte ihn eingehend. Seine Haare waren rötlich, und er trug einen Dreitagebart, wie Max Siebert. Dennoch hatte er durch seinen olivfarbenen Hautton insgesamt ein südeuropäisches Erscheinungsbild. Alexander Berend war groß und sportlich gekleidet und blickte Nora neugierig an. Sie sah ihm direkt in seine braun-grünen Augen und versuchte, seinem Blick standzuhalten. Er trat an ihren Tisch, legte die Akten ab und streckte ihr zur Begrüßung freundlich seine Hand entgegen. „Ich bin der stellvertretende Leiter der Mordkommission. Wenn wir in den nächsten Tagen eine Aufgabe für dich haben, werden wir dich sofort einsetzen. Bis dahin bitte ich dich, die tagesaktuellen und teilweise sehr eiligen Vermisstenvorgänge durchzusehen und gegebenenfalls Anträge beim Haftgericht zu stellen. Wir freuen uns über deine Teamverstärkung und auf gute Zusammenarbeit.“
Mit diesen Worten ließ er sie mit ihrer neuen Aufgabe im Büro zurück.
Missmutig zog sie den Aktenstapel zu sich und sichtete die Akten. Schon nach nicht ganz zwanzig Minuten fielen ihre Augen immer wieder zu, und sie fragte sich, was schlimmer war: dienstunfähig am Computer Verwaltungskram zu bearbeiten oder Vermisstenanzeigen durchzugehen. Sie konnte sich nicht entscheiden.
Auf einer der Akten las sie das Aktenzeichen LKA HH 141 033/1K/3033312/2015. So viele meiner Glückszahlen, dachte Nora und merkte auf. Zögerlich führte sie ihre Hand unter den rauen Aktendeckel und schlug den Vorgang auf.
Eine Anzeige zum Nachteil Simone Maar. Sie blätterte oberflächlich die Akte durch und las:
Am Montag, den 7.12.2019 gegen 9 Uhr, erreichte das PK 33 ein anonymer Anruf. Die Anruferin teilte mit, dass ihre Arbeitskollegin Simone Maar seit Sonntagabend vermisst sei. Auf mehrfache Frage des Unterzeichners, ob die Vermisste vielleicht nur ein verlängertes Wochenende angetreten oder sich verliebt habe und nun bei ihrem neuen Freund sei, versicherte die Anruferin, dass dies nicht sein könne. Ihre Arbeitskollegin sei sehr zuverlässig und hätte ihr gesagt, wenn sie am nächsten Tag nicht würde arbeiten können. Auf Nachfrage teilte die Anruferin mit, dass es sich bei der Arbeitsstelle um den Nightclub „Flow“ handele, Am Schwanenwik 31a.
Die Anruferin habe mehrfach versucht, die Vermisste über das Handy zu erreichen, was bisher misslungen sei.
Bei der Handynummer handele es sich um die Nummer 0176/233 322 78.
Sie mache sich große Sorgen, da die Vermisste Diabetikerin sei und ihr Insulinbesteck immer noch an ihrem Arbeitsplatz liege, was sehr untypisch sei. Auf die Frage nach ihren Personalien erklärte die Anruferin, diese seien unwichtig, und beendete das Gespräch.
Eine Recherche des Unterzeichners hat ergeben, dass es sich bei diesem Club um ein Edelbordell handelt und die Handynummer auf eine fiktive Personalie eingetragen ist. Ein Rückruf bei der Vermissten hat keinen Kontakt ermöglicht, obwohl das Handy aktiv geschaltet ist.
Gegen 11 Uhr rief dieselbe Anruferin (der Stimme nach) erneut an und fragte, was in der Sache schon unternommen worden sei.
Der Unterzeichner führte aus, dass das Handy auf eine Fiktivpersonalie eingetragen sei und zur Überprüfung der Schlüssigkeit ihrer Angaben die Anruferin ihre Personalien angeben müsse.
Die Gesprächsteilnehmerin hat daraufhin ihre Personalien angegeben. Danach handelt es sich um:
Lotta Kardinal
Weidenstraße 3
Hamburg
Telefon: 0176/9812209
Nora riss ihre Augen auf und unterbrach ihr Aktenstudium. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Sie fühlte einen intensiven Schmerz in ihrem Magen und schob ihre Unterlippe nach vorne. Während sie in ihrem Schreibstuhl erneut zusammensank und auf die Akte starrte, lösten sich einzelne Buchstaben aus dem Text und wiegten sich im Takt nach den Klängen von Chopin op. 64.2. Das melancholische, aber auch fröhliche Stück, welches Noras Opa häufig gehört hatte, begleitete sie in ein Krankenhaus, in dem sie als kleines Kind wegen eines Autounfalls gelegen hatte. Ihre ältere, neun Jahre alte Schwester Lotta trat mit einem riesigen, gelben Luftballon an Noras Krankenbett heran. Lotta schlang aber nicht – wie sonst – ihre Arme um sie, obwohl Nora ihre erwartungsvoll ausgebreitet hatte. Starr stand sie vor ihrem Krankenbett, ballte beide Hände zu Fäusten und schaute sie wütend und verzweifelt an. Dieser Blick, den niemand hätte deuten können, grub sich wie ein Brandzeichen in Noras Gedächtnis. Bis heute verstand sie nicht, warum ihre Schwester so wütend auf sie gewesen war und sich seitdem so von ihr entfernt hatte.
Ungewohnt schrilles Klingeln riss Nora aus ihren Bildern heraus.
Sie nahm den Hörer des Telefons ab und stellte sich vor: „LKA 41, Vermisstenabteilung, Kardinal.“
„Hier ist Max aus München. Nora, ich wollte hören, ob du gut angekommen bist?“
Noch wehmütig, aber auch aufgeregt, berichtete sie ihrem ehemaligen VE-Führer aus München von ihrem ersten, langen Tag in Hamburg und auch darüber, dass sie glaubte, ihre Schwester in einer Akte entdeckt zu haben.
„Stell dir vor, sie taucht hier als Anzeigende auf, in einer Vermisstensache, die ich mir zufällig gegriffen habe.“
„Es gibt keine Zufälle“, bemerkte Max und machte einen tiefen Atemzug. „Ich vermisse dich, Nora.“
Kaum ausgesprochen, bereute Siebert es bereits. Schließlich wollte er ihr das Einleben in Hamburg nicht noch schwerer machen und hatte sich fest vorgenommen, nichts zu sagen, was sie traurig machen könnte. Als er jedoch ihre Stimme gehört hatte, konnte er nicht anders und musste diesem Impuls nachgeben. Aber so war es nun. Nora musste nach Hamburg zurückkehren, weil sie die Ermittlung eines mutmaßlichen Terroristen vereitelt hatte und enttarnt worden war. Und nun hatte er in erster Linie eine Instruktion zu befolgen.
„Nora, ich muss hier für dich noch ein paar Formalitäten regeln, könnte dich dann aber besuchen kommen.“
Nora schwieg und hing ihren Gedanken nach.
„Wirst du wieder in diesen Jazzclub gehen, in dem du früher auch schon Musik gemacht hast? Wie hieß der noch, ,Birdland‘ oder so?“, fragte er.
„Am Wochenende ist Vocalsession, da werde ich wohl hingehen. Wieso? Willst du kommen?“
Sie war irritiert über das Interesse.
„Nein, nein, das werde ich wohl nicht schaffen“, lachte Siebert, während er auf das Display seines Handys tippte.
„Birdland“, Wochenende, Nora.
Er drückte auf Senden, und zwei graue Haken quittierten die Ankunft seiner Nachricht.
Ob er das Richtige tat, wusste er nicht, aber er war verpflichtet, an der Aufklärung mitzuwirken, so unwohl er sich dabei auch fühlen mochte.
„Verzeih, Max, ich bin durcheinander …“
Ihre Stimme kippte leicht, und es war still. Gefasst sprach sie weiter. „Ich habe schon seit ewiger Zeit keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester Lotta.“
Während Nora im Vertrauen von ihrer Beziehung zu Lotta erzählte, nahm Siebert sein Handy und sah im Display, dass der Empfänger seine Nachricht bereits gelesen hatte. Horst Röpke antwortete:
OK. Kümmere mich.
„Irgendwie hatte ich mich damit abgefunden“, sprach Nora weiter, und ihre Stimme begann sich zu überschlagen. „Und nun finde ich sie auf diese Weise wieder. Das ist Fügung. Ich werde sie anrufen und fragen, wie es ihr geht, was sie macht und … “
Nora freute sich zwar über ihre wiedergefundene Schwester, fühlte sich aber zugleich unbehaglich. Wie würde Lotta auf ihre Begegnung reagieren?
Jäh fiel ihr ein, dass die Vermisstensache eilig war, und sie beendete das Telefonat.
„Max, ich melde mich bei dir, ich muss jetzt auflegen und Lotta und die vermisste Frau suchen, pfiat di.“
Nora stürmte aus ihrem Büro und suchte einen ihrer Kollegen im Nachbarzimmer auf, bei dem sie sich erkundigte, welcher Ermittlungsrichter für Vermisstensachen zuständig sei.
„Geht nach Anfangsbuchstabe“, erläuterte Kriminaloberkommissar Pieter Struck, auf dessen Schreibtisch einige Polizei-Playmobilfiguren aufgereiht waren und der selbst ein wenig skurril wirkte. Ganz am Rand der Sammlung stand ein Pastor mit weißem Kragen, langem schwarzen Gewand und einem goldfarbenen Kelch mit einem Kreuz. Pieter Strucks größter Stolz war allerdings eine GSG-9-Figur, Elite Force BBI, deren Hand etwas dynamischer wirkte als die sonst üblichen halb runden starren Sichelhände. Nora betrachtete den Pastor und nahm sich vor, ihren Kollegen bei Gelegenheit zu fragen, ob er gläubig sei oder der Pastor es nur wegen seiner Sammelleidenschaft in die Ruhmeshalle der Plastikfiguren geschafft hatte.
„Hey, Pieter, könntest du mir helfen, habe das bisher noch nicht gemacht.“
Gleichzeitig griff sich Nora eine Polizeifigur mit khakifarbener Hose und strich mit ihrem Daumen über die grüne Plastikjacke mit den aufgemalten Taschen. Die Hände erinnerten sie an die Ersatzhand von Käpt’n Hook, nur eben ohne Haken. Während Nora den kleinen, ergrauten Polizisten mit der Prinz-Eisenherz-Frisur und dem grauen Schnurrbart betrachtete, fiel ihr auf, dass Pieter Struck viel Ähnlichkeit mit dem älteren Herrn aus Plastik hatte.