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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 12

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Neuntes Capitel.
Die Einnahme des Osprey

Frere’s Ausflug zum Fischen war nicht glücklich gewesen und hatte sich deshalb verlängert. Die Hartnäckigkeit seines Charakters verleugnete sich auch hierbei nicht und obgleich ihn die schnell eintretende Dunkelheit eines australischen Abends zur Rückkehr antrieb, so zögerte er doch, weil er nicht mit leeren Landen kommen wollte. Endlich bestimmte ihn ein letztes Signal. An Bord der Brigg wurde ein Schuß abgefeuert. Gewiß war Mr. Bates ungeduldig geworden und mit Murren zog Frere seine Angeln ein und befahl den beiden Soldaten, nach dem Schiff zurückzurudern. Doch lag der Osprey noch ganz bewegungslos auf dem Wasser und kein Segel deutete an, daß es ausgehen wolle. Den Soldaten, welche, mit dem Rücken nach der Brigg gewandt ruderten, war ein Flintenschuß das aller gewöhnlichste Ereignis der Welt. Sie sehnten sich, die Niederlassung endlich zu verlassen und hatten Frere’s verlängerte Fischerei mit großem Unwillen angesehen und schon nach dem Signal aufgeschaut, das ihre Rückkehr beschleunigen sollte. Plötzlich bemerkten sie eine eigenthümliche Veränderung in dem Gesicht ihres Befehlshabers. Frere, der hinten saß mit dem Gesicht nach dem Osprey gewendet hatte allerlei Merkwürdiges auf dem Deck des Osprey bemerkt. Ueber dem Schanzbord zeigten sich hin und wieder fremde Köpfe, die schnell wieder verschwanden und ein schwaches Murmeln wie von vielen Stimmen drang über die See zu ihm hinüber. Plötzlich hörte man einen zweiten Flintenschuß, dessen Echo von den Felsen zurücktönte und etwas Dunkles fiel vom Schiff hinunter in das Wasser. Frere von Unruhe und Schreck ergriffen, sprang auf, beschattete seine Augen mit den Händen und blickte scharf nach dem Schiff. Die Soldaten, erschreckt, thaten dasselbe und das Boot so ohne Führung hin und her geworfen, gerieth in ein sehr gefährliches Schwanken. Eine ängstliche Pause, dann fiel wieder ein Schuß und der Angstschrei einer Frau ertönte. Alles erklärte sich. Die Gefangenen hatten sich der Brigg bemächtigt.

»Fort!« schrie Frere, bleich vor Wuth und die Soldaten, die plötzlich ihre furchtbare Lage begriffen, zwangen das schwere Boot so schnell durch die Wogen, als zwei Paar elender Ruder es vermochten.

* * *

Mr. Bates, dem die anscheinende Ruhe ein gewisses Sicherheitsgefühl gegeben hatte, ging zu seiner kleinen Spielgefährtin hinab und erzählte ihr, daß sie nun bald nach Hobart-Town absegeln würden, wovon sie so viel gehört hätte. Der Soldat, der gerade nicht Wache stand, benutzte seine Abwesenheit und ging auf das Vorderkastell, wo die Gefangenen sangen. Er fand die Zehn zusammen und in sehr guter Laune, denn Drei von ihnen sangen einen Wechselgesang. Die Stimmen waren recht melodisch und die Worte des Gesanges, die oft und oft schon auf dem Deck von Schiffen gesungen worden, waren wohl geeignet, einem Soldaten zu gefallen. Der gute Grimes vergaß ganz den unbewachten Zustand des Decks und setzte sich um zuzuhören.

Während er zuhörte, entfernten sich James Lesley, William Cheshire, William Russen, John Fair und James Barker unbemerkt, schlüpften den Gang hinauf und gelangten auf Deck. Barker erreichte gerade die große Luke, als der Soldat auf Wache eben den Rücken wandte und seinen Weg nach der andern Richtung wieder antrat. Er schlang seinen Arm ihm so schnell um den Hals und drückte ihn nieder, daß der Soldat nicht Zeit hatte, einen Schrei auszustoßen. In der Verwirrung des Augenblickes ließ der Soldat sein Gewehr los, um mit dem unsichtbaren Gegner zu ringen. Fair faßte schnell nach der Flinte und schwor, ihn durch den Kopf zu schießen, wenn er einen Finger rührte. Da die Wache so in Sicherheit war, sprang Cheshire, wie es schien nach völlig festgesetztem Plan die Treppe hinab und reichte die Flinten von dem Waffenstand an Lesley und Russen. Es waren drei Flinten da außer der, die sie der Schildwache abgenommen hatten und Barker, der den Gefangenen unter Fairs Obhut ließ, ergriff eine Flinte und lief auf Deck. Russen unbewaffnet gelassen, schien seine Rolle genau zu kennen. Er ging zurück auf’s Vorderkastell und von hinten kommend, klopfte er dem gehorchenden Soldaten auf die Schulter. Dies war ein verabredetes Zeichen. John Rex beendete seinen Gesang mit lautem Lachen und hielt dem erstaunten Grimes seine Faust vor die Nase. »Keinen Laut,« rief er. »Die Brigg ist unser.« Ehe Grimes noch antworten konnte, ergriffen ihn Lyon und Riley und banden ihn.

»Nun, Burschen,«« rief Rex, »schafft den Gefangenen hinunter. Dies Mal haben wir das Schiff sicher, dafür stehe ich ein.« Gehorsam diesem Befehl wurde der gebundene Soldat durch die Vorderluke hinuntergeworfen und diese geschlossen. »An die Luke, Porter,« rief Rex, »und wenn die andern Kerls herauf kommen, schlagt sie mit der Handspeiche zu Boden. Lesley und Russen, jetzt nach der Kajütstreppe. Lyon sieh nach dem Boot aus und wenn es zu nahe kommt, schieße drauf los. Während er so sprach, fiel der erste Schuß. Barker hatte augenscheinlich die Kajütstreppe hinab gefeuert.

* * *

Als Mr. Bates hinabging, fand er Sylvia auf einem Sopha der großen Kajüte lesend. »Nun, Missy,« sagte er, »Jetzt sind wir bald auf dem Wege zu Papa.«

Sylvia antwortete mit einer Frage, die dem Gegenstand völlig fremd war. »Mr. Bates,« sagte sie und strich das Haar aus ihren blauen Augen, »was ist ein Korakel?«

»Was für ein Ding fragte Bates.

»Ein Korakel?—K—o—r—a—k—e—l«– buchstabierte sie ganz langsam. »Ich möchte es gern wissen.«

Der erstaunte Bates schüttelte den Kopf. »Habe nie davon gehört,« sagte er und beugte sich über ihr Buch. »Was sieht da?«

»Die alten Briten,« las Sylvia ernsthaft, »waren wenig besser als Barbaren. Sie malten ihre Körper mit Weid, – das der blaue Stoff, Mr. Bates Sie wissen wohl, – und aßen in ihren leichten Korakels von Haut, die auf seine, hölzerne Rahmen gezogen war. So boten sie einen wilden und wüsten Anblick.«

»Ach,« sagte Bates, als sie ihm dies vorgelesen, »das ist wirklich fest merkwürdig, ein Korrikel – « ihm schien ein Licht aufzugehen. »Ein Kurrikel vielleicht, das ein Wagen. Ich habe dergleichen in Hyde Park gesehen, die von jungem Blut geführt wurden.«

»Von jungem Blut?« fragte Sylvia erstaunt. »Was ist das?«

»O Gecken! Feine Leute,« erwiderte der arme Bates, »Junge, reiche Männer, die sich groß thun.«

»Hm, ja, ich verstehe,« sagte Sylvia, ihre kleine und anmuthig ausstreckend. »Edeleute und Fürsten und solche Menschen. – Aber was ist’s mit dem Korakel?«

»Nun,« sagte der demüthige Bates, »ich denke es ist ein Wagen, eine Art Phaeton, Mihty, wie man es so nennt.«

Sylvia war nicht ganz zufrieden gestellt und versenkte sich wieder in ihr Buch: »Des Kindes Geschichte von England,« und nachdem sie eine Weile mit ganz finsterem Gesicht darin gelesen, brach sie plötzlich in lautes, kindliches lachen aus.

»O, Mr. Bates,« rief sie und schwang das Buch im Triumph, »was sind wir für Gänse gewesen. Ein Wagen, o Sie alter, thörichter Mann – ein Boot!«

»Wirklich,« sagte Bates in großer Bewunderung vor dem Verstande seiner kleinen Gefährtin. Wer hätte das gedacht? Warum nennen sie es denn nicht gleich ein Boot und damit holla!«

Er wollte auch eben in Lachen ausbrechen, da sah er, als er aufblickte die Gestalt von Barker in der Thür stehen, eine Flinte in der Hand.

»Holla, was ist das? Was wollen Sie hier?«

»Thut mir leid, Sie zu stören,« sagte der Deportierte grinsend, »aber Sie müssen mit mir kommen, Mr. Bates.«

Bates begriff, daß etwas Schreckliches geschehen, verlor aber nicht seine Geistesgegenwart. Eins der Sophakissen lag gerade unter seiner Hand. Er warf es blitzschnell mit wohlgezieltem Wurf dem Gefangenen gerade in’s Gesicht. Die weiche Masse traf den Mann doch mit so voller Kraft, daß er einen Augenblick geblendet war. Seine Flinte ging in die Luft los und ehe der erstaunte Barker sich erholen konnte, hatte Bates ihn schon gefaßt, aus der Thür hinausgedrängt, Meuterei geschrien und die Thür von innen verriegelt.

Der Lärm lockte Mrs. Vickers aus ihrer Kajüte und die arme kleine Geschichtsgelehrte lief ihr in die Arme.

»Gott im Himmel, Mr. Bates, was gibt es?«

Bates, halb rasend vor Wuth, vergaß sich so weit, daß er fluchte. »Es ist eine Meuterei, Madam! Gehen Sie zurück in Ihre Kajüte und schließen Sie die Thür. Diese Schurken haben sich gegen uns erhoben.« Julia Vickers fühlte ihr Herz fast still stehen. Sollte sie diesem entsetzlichen Leben niemals entgehen? »Gehen Sie nur in Ihre Kajüte und rühren Sie einen Finger, bis ich komme. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Ich habe meine Pistolen bei mir, Gott sei Dank und Mr. Frere wird den Schuß; schon gehört haben. Meuterei! Alle auf Deck!« schrie er mit seiner kräftigen Stimme. Aber seine Stirn wurde feucht vor Entsetzen, als er keine andere Antwort hörte, als ein spöttisches Lachen vom Deck.

Die entsetzte Frau und das Kind in Sicherheit bringend, zog der Lootse eine Pistole, spannte sie und einen Säbel ergreifend, der in dem Mast hing, welcher durch die Kajüte ging, stieß er mit dem Fuß die Thür auf und stürzte die Treppe hinauf. Im ersten Augenblick hielt er den Weg für rein, aber Lesley und Russen stießen ihn mit ihren Flintenläufen zurück. Er hieb mit dem Säbel nach Russen, verfehlte ihn aber und da er die Hoffnungslosigkeit des Angriffes einsah, zog er sich ein wenig zurück.

Indessen hatten Grimes und der andre Soldat sich ihrer Bande entledigt und durch die Schüsse ermuthigt, die ihnen bewiesen, daß noch nicht Alles verloren war, versuchten sie, die Vorderluke zu öffnen, um auf Deck zu gelangen. Porter, dessen Muth durch die jahrelange schreckliche Disziplin ziemlich gebrochen war, widerstand nicht lange, als Jones, die Schildwache ihm die Handspeiche entriß und dem Lootsen zu Hilfe eilte.

Aber als; er das Deck erreichte, schoß ihn Cheshire, ein kaltblütiger Mann todt nieder. Grimes fiel über den Körper hin und Cheshire, die Flinte umkehrend, – hätte er noch ein geladenes Gewehr gehabt, hätte er gefeuert, – bearbeitete seinen Kopf, als er am Boden lag, mit dem Kolben. Dann nahm er den unglücklichen Jones in die Höhe und warf ihn in‘s Meer. »Porter, Du Faulpelz,« schrie er, etwas außer Athem durch die Anstrengung den Körper so hoch zu heben, – hilf anfassen, den Andern!« Porter näherte sich ganz bleich; da wurde die Aufmerksamkeit des Schurken durch ein neues Ereignis abgelenkt und das Leben des armen Grimes blieb für einige Zeit noch verschont.

Rex, in Wuth über den unerwarteten Widerstand von Seiten des Lootsen, stürzte auf das Deckfenster der Kajüte und zertrümmerte es eiligst. Als er das gethan, feuerte Barker, der sein Gewehr: inzwischen wieder geladen, in die Kajüte hinein. Die Kugel ging durch die Thür der Staatskajüte und das Holz zersplittern ging sie fort neben Sylvias blonden Locken in die Wand. Diese Rettung aus der furchtbaren Gefahr entriß der geängstigten Mutter jenen Schrei, welcher durch die offenen Kajütsfenster hinaus bis zu Frere und den Soldaten drang.

Rex, der bei seiner Geckenhaftigkeit noch einigen Abscheu vor unnöthigem Verbrechen besaß, glaubte, daß dies ein Schmerzensschrei gewesen und daß Barkers Kugel eine tödtliche Wirkung gehabt. »Du hast das Kind getödtet, Du Schurke,« schrie er.

»Was thut’s,« sagte Barker mürrisch. »Sie muß doch sterben, früher oder später.«

Rex steckte den Kopf in das Deckfenster und forderte Bates auf, sich zu ergeben, aber Bates zog als Antwort sein zweites Pistol. »Wollt ihr einen Mord begehen?« fragte er sich verzweifelnd umblickend.

»Nein nein,« rief einer der Leute, der gern den Tod des armen Jones verhehlen wollte; »es ist nicht nöthig, die Dinge noch schlimmer zu machen, als sie schon sind. Laßt ihn heraufkommen und es soll ihm kein Leid geschehen.«

»Kommen Sie herauf, Mr. Bates, und es soll Ihnen kein Leid geschehen,« rief Rex.

»Wollt Ihr die Frau des Kommandanten und das Kind an Land bringen? fragte Bates die wüthenden Gesichter oben fest anblickend.

»Ja.«

»Ohne ihnen Böses zu thun?« fuhr der Andre fort, buchstäblich vor der Mündung der Flinten unterhandelnd.

»Ja, ja, Alles in Ordnung,« antwortete Russen. »Wir wollen nur unsre Freiheit, das ist Alles.« Bates, der noch immer auf die Rückkehr des Bootes wartete, suchte Zeit zu gewinnen. »So schließt das Deckfenster,« sagte er mit dem letzten Schatten,von Autorität in seiner Stimme, »bis ich mit der Dame gesprochen habe.« Dies verweigerte John Rex jedoch. »Sie können mit ihr auch so sprechen,« sagte er.

Aber Bates hatte nicht nöthig Mrs. Vickers zu fragen. Ihre Kajütsthüre öffnete sich und sie erschien, zitternd mit Sylvia an ihrer Seite. »Nehmen Sie Alles an, Bates,« sagte sie, weil es doch nicht anders ist. Wir würden nichts gewinnen, wenn wir es verweigerten. Wir sind in ihrer Macht – Gott helfe uns.«

»Amen,« sagte Bates leise und dann laut: »Wir nehmen an.«

»So legen Sie die Pistolen auf den Tisch und kommen Sie herauf,« sagte Rex, seine Flinte gerade auf Bates, der am Tisch stand, richtend. »Niemand soll Sie anrühren.«

Zehntes Capitel.
Die Rache von Jahn Rex

Mrs. Vickers, bleich und schwach vor Entsetzen, aber doch aufrecht erhalten von jenem Muth, der ihr eigen war ging schnell unter dem offenen Deckfenster fort und wollte hinauf. Sylvia, deren Romantik von der furchtbaren Wirklichkeit zerstört war, hielt sich mit einer Hand an ihrer Mutter fest und mit der Andern drückte sie ihre »Englische Geschichte« fest an ihr Herz. In ihrer entsetzlichen Furcht, hatte sie ganz vergessen, das Buch fortzulegen.

»Nehmen Sie einen Shawl mit und einen Hut für Missy,« erinnerte Bates.

Mrs. Vickers sah zurück in den Raum, der unter dem offenen Deckfenster lag und schüttelte schaudernd den Kopf. Die Männer oben fluchten ungeduldig über die Verzögerung und die Drei eilten auf Deck.

»Wer wird die Brigg nun kommandieren?« fragte der uneingeschüchterte Bates, als sie hinauf kamen.

»Ich,« sagte John Rex und mit diesen braven Burschen will ich sie rund um die Welt bringen.«

Dieser Bombast war wohl angebracht und gefiel den Deportierten so wohl, daß sie einen schwachen Beifallsruf hören ließen, worüber Sylvia die Stirn runzelte. So erschreckt sie auch war, so staunte doch das unter Gefangenen aufgewachsene Kind ebenso über einen Beifallsruf den die Deportierten ausstießen, wie eine elegante junge Dame über den Diener gestaunt haben würde, der ihr ein Gedicht citirt hätte. Doch Bates, praktisch und ruhig sah die Sache anders an. Der kühne Plan, so kühn gestanden war für ihn eine völlige Abgeschmacktheit. Der »Dandy« und neun Deportierte wollten eine Brigg rund um die Erde steuern! Wie albern! Kein einziger konnte eine Berechnung machen. Seine nautische Phantasie stellte sich das gute Schiff vor, wie es hilflos auf den großen Wogen des Südmeeres hin und her rollte, oder in das Eis der Antarktischen See eingeschlossen lag. Er sah das trostlose Schicksal der verführten Leute im Geist vor sich. Selbst wenn sie sicher in einen Hafen gelangten, war ihre Aussicht auf Entkommen nur sehr gering, denn was für Auskunft konnten sie über sich geben? Ueberwältigt von diesen Gedanken machte der ehrliche Bursche noch einen letzten Versuch, seine Feinde andern Sinnes zu machen.

»Ihr Narren,« rief er. »Wißt Ihr, was Ihr thut? Ihr werdet niemals Eurem Schicksal entgehen. Gebt die Brigg zurück und ich will erklären, – vor Gott und auf die Bibel will ich’s schwören, – daß ich nichts sagen will, sondern Allen ein gutes Zeugniß geben!« Lesley und ein Anderer brachen bei diesem ungeheuerlichen Vorschlag in lautes Lachen aus, aber Rex, der alle Dinge wohl erwogen hatte, fühlte wie richtig des Lootsen Worte und antwortete ernsthaft:

»Es hilft nichts, weiter darüber zu sprechen,« sagte er, seinen hübschen Kopf schüttelnd. »Wir haben die Brigg jetzt in unserm Besitz und wir denken, sie zu behalten. Ich kann sie steuern, wenn ich auch kein Seemann bin. Sie brauchen nichts weiter zu sagen, Mr. Bates. Wir wollen Freiheit!«

»Was wollt Ihr mit uns machen?« fragte Bates.

»Sie zurücklassen.«

Bates erbleichte.

»Wie! Hier?«

»Ja. Es ist nicht schön hier und doch habe ich hier Jahre gelebt,« sagte er mit höhnischem Grinsen. Bates schwieg. Die Logik dieses Grinsens war unumstößlich.

»Nun,« rief der Dandy Rex, seinen augenblicklichen Trübsinn abstreifend, – »nun seht nur heiter aus. – Laßt das kleine Boot hinab. Mrs. Vickers gehen Sie in Ihre Kajüte und holen Sie, was Sie brauchen. Ich bin genöthigt, Sie an Land zu bringen, aber ich will Sie nicht ohne Kleider gehen lassen.« Bates horchte auf in ärgerlicher Bewunderung des höflichen Deportierten. Er hätte nicht so sprechen können und wenn sein Leben davon abgehangen hätte. »Nun, mein kleines Fräulein,« sagte Rex, »laufen Sie mit der Mama hinunter und fürchten Sie sich nicht.«

Sylvia wurde glühend roth über diese Beleidigung. »Mich fürchten!« rief sie. »Wenn irgend Jemand außer Weibern an Bord gewesen wäre, so hättet Ihr die Brigg nicht genommen! Lasset mich vorbei, Gefangener!«

Das ganze Deck brach in lautes Gelächter aus und die arme Mrs. Vickers hielt an, erschreckt wegen der Folgen dieser Kühnheit. Es war reiner Wahnsinn, den wilden Deportierten, der ihr Leben in seiner Hand hielt, so zu beleidigen. Doch in der Kühnheit ihrer Sprache gerade lag Sylvia’s Sicherheit. Rex, dessen Höflichkeit nur Prahlerei war, fühlte sich tief beleidigt durch die Anspielung auf seinen Muth und der bittere Ton, mit dem sie das Wort »Gefangener« ausgesprochen hatte, (die allgemeine Bezeichnung für die Deportierten) brachte ihn so in Wuth, daß er auf seine Lippen biß. Hätte er seinem Wunsch gefolgt, so hätte er die Kleine zu Boden geschlagen, aber das tolle Lachen seiner Gefährten warnte vor solcher That. Selbst unter Deportierten gibt es eine öffentliche Meinung und Rex wagte nicht, seine Wuth an einem so hilflosen Wesen auszulassen.

Wie Männer in solchen Fällen immer thun, verbarg er seinen Aerger unter der Maske der Lustigkeit, um zu zeigen, daß ihn der Spott nicht beleidigt, lächelte er die Kleine noch freundlicher an.

»Ihre Tochter hat des Vaters Geist, Madam,« sagte er mit einer Verbeugung zu Mrs. Vickers. Bates öffnete seinen Mund, als er dies hörte. Seine Ohren waren nicht groß genug, um Alles aufzufassen, was dieser höfliche Deportierte sagte. Er glaubte wirklich, Alles sei nur ein Traum. In diesem Augenblick kam es ihm sogar vor, als wenn John Rex ein größerer Mann wäre als John Bates. Als Mrs. Vickers hinunterging, kam das Boot mit Frere und den Soldaten gerade in Schußweite und Lesley feuerte auf Befehl seine Flinte über ihre Köpfe ab, ihnen zurufend, abzuhalten. Aber Frere vor Wuth schäumend über die Art, in der sich das Blatt gewandt, war entschlossen, seine Herrschaft nicht ohne Kampf aufzugeben. Die Warnung unbeachtet lassend, kam er gerade auf das Schiff zu, die Augen urverwandt darauf gerichtet. Es war fast dunkel geworden und die Gestalten auf dem Deck nicht mehr zu unterscheiden.

Der empörte Leutnant konnte den Stand der Dinge nur errathen. Plötzlich rief ihn aus der Dunkelheit eine Stimme an: »Haltet ab, haltet ab,« rief die Stimme und wurde vermuthlich dem Sprecher das Reden sogleich gelegt. Die Stimme war die von Bates. An der Seite stehend hatte er bemerkt, wie Rex und Fair eine große Eisenbarre herbeischleppten, die mit zum Ballast der Brigg gehörte und sie auf die Seite des Schiffs hinauslegten. Die Absicht war zu augenscheinlich und der ehrliche Bates bellte wie ein alter, treuer Hund um seinen Herrn zu warnen. Der blutdürstige Cheshire packte ihn an der Kehle und Frere, auf die Warnung nicht achtend, lief mit dem Boot an das Schiff, gerade unter die Nase des rachsüchtigen Rex.

Die Eisenmasse fiel hinab, streifte das Boot und zersplitterte eine Planke.

»Ihr Schurken,« schrie Frere, »wollt Ihr uns ersäufen?«

»Freilich,« lachte Rex »und noch ein Dutzend Euresgleichen. Die Brigg gehört uns und wir sind Eure Herren!«

Frere, einen Wuthausbruch unterdrückend, befahl das Boot anzulegen, aber der Stoß hatte es zurückgetrieben und es war schon über Armes Länge vom Schiff entfernt. Aufblickend sah er Cheshire’s wildes Gesicht und hörte das Knacken des Gewehrhahnes, als dieser seine Flinte anlegte. Die beiden Soldaten, erschöpft vom Rudern, machten keine Miene, das Abtreiben des Bootes aufzuhalten und fast ehe das von dem Fall der schweren Eisenmasse bewegte Wasser sich wieder beruhigt hatte, verschwand das Deck des Osprey schon in der Dunkelheit. Frere schlug mit der Faust auf die Bank, wüthend über seine völlige Ohnmacht. »Die Schurken,« murmelte er zwischen den Zähnen, »sie haben uns ganz untergekriegt. Was werden Sie nun weiter thun?«

Die Antwort folgte der Frage. Von dem dunkeln Körper der Brigg ging ein Blitz und ein Knall aus und eine Flintenkugel sauste dicht neben ihnen über das Wasser mit ihrem eigentümlich pfeifenden Tone. Zwischen der undeutlichen, schwarzen Masse der Brigg und dem schimmernden Wasser dicht neben ihnen, zeigte sich ein weißer Fleck, der sich ihnen allmählich näherte.

»Kommt heran,« rief eine Stimme sie an, »oder es wird Euer Schaden sein.«

»Sie wollen uns morden,« sagte Frere. »Fort, Leute!«

Aber die beiden Soldaten wechselten einen bezeichneten Blick miteinander und wandten den Kopf, um nach dem Schiff zu rudern. »Es hilft nichts, Mr. Frere,« sagte der Mann, der ihm zunächst saß. 1 »Wir können nichts machen und sie werden uns nichts thun.«

»Ihr Hunde, Ihr seid mit ihnen im Bündnis:« wüthete Frere, »seid Ihr auch Meuterer?«

»Still, still, Sir,« sagte der Soldat mürrisch, »jetzt ist’s nicht Zeit einen Mann niederträchtig zu machen und was die Meuterei anbetrifft – nun jetzt ist ein Mann hier so gut wie der Andere.«

Diese Worte von den Lippen eines Mannes, der noch vor wenigen Minuten sein Leben ans Befehl seines Offiziers gewagt hätte, überzeugte Maurice Frere mehr als Alles Andere von der Hoffnungslosigkeit jedes Widerstandes. Seine Autorität, die ihm durch Umstände zugefallen und durch vortheilhafte Verhältnisse bisher gesichert war, war dahin! Der eine Flintenschuß hatte ihn in die Reihen der Andern gestellt. Er war jetzt nicht mehr als jeder Andre; nein er war weniger als mancher Andre, denn diejenigen, welche die Feuerwaffen besaßen, hatten die Macht in Händen. Mit einem tiefen Seufzer ergab er sich in sein Schicksal und als er seine Uniform anblickte, war es ihm, als wenn jede Tapferkeit von ihm gewichen sei.

Als sie die Brigg erreichten, sahen sie daß die Jolle herabgelassen und längs lag. Es waren elf Personen darin: Bates, mit einem Hieb über der Stirn und gebundenen Händen, der fast bewußtlose Grimes, Russen und Fair an den Rudern, Lyon, Riley, Cheshire und Lesley mit Flinten und John Rex am Stern mit Bates geladener Flinte über die Knie gelegt. Der weiße Gegenstand, den die Männer im großen Boot gesehen hatten, war ein großer, weißer Shawl, in den Mrs. Vickers und Sylvia eingehüllt waren. Frere fluchte für sich und fühlte sich erleichtert, als er dies weiße Bündel sah. Er hatte gefürchtet, daß man das Kind mißhandelt habe. Auf Befehl von Rex wurde das große Boot an das kleine herangebracht und Cheshire und Lesley stiegen hinein. Lesley gab seine Flinte an Rex und band Freres Hände ihm auf den Rücken, ebenso wie bei Bates. Frere wollte das nicht dulden, aber Cheshire hielt die Mündung seiner Flinte ihm dicht an’s Ohr und schwor, er werde ihm den Schädel auseinander sprengen, wenn er noch eine Silbe äußere. Frere sah an dem boshaft blinkenden Auge von Rex, daß nicht viel dazu gehöre, um die alte Rechnung, welche diese Kerls mit ihm hatten, abzuschließen und – schwieg. »Treten Sie herein, Sir,« sagte Rex mit höflicher Ironie. »Es thut mir leid, daß ich genöthigt bin, Sie zu binden, aber ich muß meine Sicherheit eben so wohl bedenken wie Ihre Bequemlichkeit.« Frere machte ein mürrisches Gesicht, trat hinüber in das Boot und fiel. Mit den gebundenen Händen konnte er sich nicht allein aufhelfen und Russen riß ihn roh in die Höhe, höhnisch lachend. In seiner jetzigen Stimmung erbitterte ihn dieses Lachen mehr als seine Fesseln. Die arme Mrs. Vickers sah dies und mit dem Instinkt der Frau, wußte sie, selbst in tiefen Leiden, Trost für ihn zu finden.

»Die Elenden,« murmelte sie, als Frere neben ihr niedergeworfen wurde, »Sie solcher Schmach auszusetzen!«

Sylvia sagte nichts, zog sich aber etwas von Frere zurück. Ja in ihrer kindischen Phantasie hatte sie sich vielleicht vorgestellt, daß Frere von Kopf bis zu den Füßen bewaffnet zu ihrer Befreiung kommen müsse, oder wenigstens als starker Held die Rache durch persönlichen Muth ausfechten würde. Die Wirklichkeit mußte allerdings kalt auf solche Träume fallen.

Mr. Frere, dunkelroth, schwerfällig und gebunden erschien durchaus nicht herrisch.«

»Nun, Burschen,« sagte Rex, der mit Frere’s verlorener Autorität bekleidet zu sein schien zu den Soldaten, – »wir lassen Euch jetzt die Wahl: bleibt am Höllenthor oder kommt mit uns.«

Die Soldaten schwiegen unentschlossen. Sich mit den Meuterern verbinden hieß, harter Arbeit entgegengehen und schließlich gehängt werden. Mit den Gefangenen zurückbleiben, hieß dem unvermeidlichen Hungertode auf der öden Küste verfallen. – Wie oft in solchen Fallen, entschied eine Kleinigkeit. Der verwundete Grimes, der sich allmählich von seiner Betäubung erholte, begriff jetzt den Sinn der Frage und dachte in seiner etwas undeutlichen Vorstellung von der Sache, daß er seine Meinung abgeben müsse.

»Geht mit ihm, ihr Bettler,« sagte er, – »verlaßt uns ehrliche Leute! O, Ihr werdet noch mal angebunden werden dafür!«

Das Wort »angebunden« erinnerte die Beiden an die schlimmste Seite der militärischen Disziplin, an die Katze und weckte in ihnen, die schon sehr geneigt waren, das harte Joch abzuwerfen, eine Reihe von unangenehmen Erinnerungen. Das Leben eines Soldaten in einer Deportierten Station war damals ein äußerst hartes. Er wurde oft in seinen Rationen sehr knapp gehalten und nothwendiger Weise aller Erholung beraubt, während die Strafe für jede Art von Vergehen streng und schnell war. Die Compagnien, welche in die Strafkolonien geschickt wurden, waren nicht aus den besten Elementen zusammen gesetzt und die Beiden hatten manches Beispiel von ähnlichem Vergehen anführen hören.

»Nun,« sagte Rex, »ich kann hier nicht die ganze Nacht warten. Der Wind ist gut und wir müssen über das Riff. – Was wollt Ihr thun?«

»Wir wollen mit Euch gehen,« sagte der Mann, der im großen Boot nächst Frere gesessen hatte und spie mit abgewandtem Antlitz in die See. Die Deportierten brachen lachend in allerlei Flüche aus und die Beiden wurden mit vielem Handschlagen aufgenommen. Dann stiegen Rex mit Lyon und Riley als Wachen, in das große Boot, lösten die Bande der zwei Soldaten und sie mußten die Plätze von Russen und Fair einnehmen. Das große Boot wurde nun mit den sieben Meuterern bemannt: Rex steuerte, Fair, Russen und die zwei Soldaten ruderten und die andern vier standen da, die Flinten auf die Jolle gerichtet. Ihre lange Sklaverei hatte ihnen solche Scheu vor der Autorität gegeben, daß diese, selbst unter dem drohenden Feuer von vier Flinten ihnen noch Furcht einflößte.

»Haltet Euch weit ab,« rief Cheshire, als Frere und Bates den Befehlen gehorchend und gelöst von ihren Fesseln die Jolle nach der Küste hin ruderten. So wurde die unglückliche kleine Gesellschaft auf’s Festland gebracht.

Es war Nacht, als sie landeten, aber der klare Himmel leuchtete im Schein des ihnen noch unsichtbaren Mondes und die Wellen brachen sich sanft an der Küste und schimmerten so hell als ob die Bewegung selbst ihnen ein eigenes Licht gäbe. Frere und Bates an Land springend, halfen Mrs. Vickers und Sylvia und dem verwundeten Grimes heraus. Dies geschah unter den Mündungen der Musketen und Rex gab nun Befehl, daß Frere und Bates die Jolle so weit wie möglich in’s Wasser stoßen sollten. Das geschah und Riley faßte sie mit einem Bootshacken und dann wurde sie in’s Schlepptau genommen.

»Nun, Burschen,« rief Cheshire mit wilder Freude, »drei Hurrahs für Alt England und die Freiheit!«

Ein großes Geschrei entstand, das die Hügel, die soviel Elend gesehen, als Echo zurücksandten.

Den unglücklichen Fünfen klang dies Geschrei wie Todtengeläute. »Großer Gott,« rief Bates, bis an die Knie in’s Wasser laufend »wollt Ihr uns hier verhungern lassen?« Aber die einzige Antwort war das Plätschern der sich entfernenden Ruder.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
700 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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