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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 13

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Elftes Capitel.
Am Höllenthor zurückgelassen

Es ist nicht nöthig bei den Qualen dieser Nacht zu verweilen. Vielleicht war von Allen Mrs. Vickers am wenigstens geeignet, Leiden zu ertragen; sie war aber diejenige, welche durch den Gedanken an das künftige Leiden am meisten litt. Sie war Frau und in dieser doppelten Eigenschaft besaß sie auch eine vermehrte Leidensfähigkeit. Ihre Einbildungskraft führte ihr alle Qualen des künftigen Hungertodes vor und nachdem sie sich die eigenen Leiden vorgestellt hatte, durchlebte sie noch ein Mal die Leiden ihres Kindes. Sie wies Bates Anerbieten seiner Jacke und Frere’s unbestimmtes Hilfsanerbieten zurück und suchte sich hinter einem kleinen Felsen eine geschützte Stelle auf, nahm ihr Kind in ihre Arme und überließ sich ihren quälenden Gedanken. Sylvia, die sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte, schlief ganz zufrieden, in ihrer Mutter Shawl gewickelt ein. Diese mitternächtliche Romantik mit Booten und Flinten hatte für ihre kleine Seele etwas sehr Anziehendes. Mit Bates, Frere und ihrer Mutter so nahe bei ihr, brauchte sie sich gar nicht zu fürchten. Es war ja auch ganz sicher zu erwarten, das Papa – das höchste Wesen der Niederlassung bald zurückkommen und dann die Gefangenen strafen würde, welche gewagt hatten, seine Frau und sein Kind zu beleidigen. Als Sylvia einschlief, war ihr letzter Gedanke ein Mitleidsgefühl für die armen Gefangenen, die in eine so fürchterliche Lage mit offenen Augen gegangen waren. Wie würden sie gepeitscht werden, wenn Papa zurück kam! – Uebrhigens war diese Nacht unter freiem Himmel ganz angenehm.

Der ehrliche Bates brachte ein Stück Zwieback zum Vorschein und mit natürlicher Großmuth bestimmte er, daß dies nur für die beiden Frauen aufbewahrt werden sollte. Davon wollte aber Mrs. Vickers nichts hören.

»Wir müssen es Alle miteinander theilen,« sagte sie in dem Geist, den ihr Mann wohl bei dieser Gelegenheit entwickelt hätte und Frere konnte nicht umhin, ihre augenscheinliche Geisteskraft zu bewundern. Hätte er mehr Beobachtungsgabe gehabt, so würde er sich nicht gewundert haben, denn wenn Gefahren einer von zwei Personen zustoßen, die zusammen gelebt haben, so macht sich immer der Einfluß des edleren Geistes geltend. Frere hatte eine Zunderbüchse in seiner Tasche und machte ein Feuer von trocknen Aesten und Blättern. Grimes schlief ein und die beiden Männer, am Feuer sitzend, besprachen die Möglichkeit ihrer Rettung. Keiner von ihnen wollte klar die Möglichkeit beleuchten, daß sie vollständig verlassen waren. Sie kamen dahin überein, daß wenn die Brigg nicht noch diese Nacht segelte – und der aufgehende Mond zeigte ihnen, daß sie noch fest vor Anker lag, so würden die Deportierten wohl kommen und ihnen Nahrungsmittel bringen. Diese Voraussetzung war richtig, denn etwa eine Stunde nach Tagesanbruch sahen sie das große Boot abstoßen und zu ihnen herüberrudern.

Unter den Meuterern war eifrigst besprochen worden, ob sie sogleich in See gehen sollten oder nicht. Barker, der bei dem Lootsenkommando gearbeitet hatte und die Gefahren des Riffs kannte, schwur, daß er es nicht unternehmen würde, die Brigg vor Tage durch das Thor zu bringen. So wurden denn die Boote in Sicherheit gebracht und eine Wache ausgestellt, damit der hilflose Bates nicht etwa einen Versuch machte, die Brigg wieder zu erobern. Bald legte sich die Aufregung über die vollbrachte That und die Größe ihrer Aufgabe stellte sich ihnen in ihrer ganzen Schwierigkeit dar. Bald wurde ein Gefühl des Mitleids gegen die armen Ausgesetzten in ihnen rege. Es war ja sehr möglich, daß der Osprey wieder genommen würde und dann hätte man fünf ganz überflüssige Morde begangen. Wie grausam und kalt auch die Meisten von ihnen waren, Keiner dachte ohne Gewissensbisse an den möglichen Tod des unschuldigen Kindes. John Rex, der schon merkte, wohin die Gedanken sich wandten, machte sich den Gedanken an Barmherzigkeit wieder zu Nutzen. Er herrschte und hatte immer über die Leute geherrscht, nicht gerade dadurch, daß er sie unbedingt seinen Willen ausführen ließ, sondern vielmehr dadurch, daß er sie auf dem Wege führte, den sie schon eingeschlagen hatten.

»Ich schlage vor,« sagte er, »daß wir die Lebensmittel theilen. Wir sind zehn, sie sind fünf, dann kann uns Niemand einen Vorwurf machen.

»Ja,« sagte der schüchterne Porter, und dachte an eine ähnliche Geschichte. »Wenn wir wieder gefangen werden, können sie sagen, was wir gethan haben. Last uns nicht so handeln, wie die von der Cypresse, die Alle verhungern ließen.«

»Ganz recht,« sagte Barker. »Als Fergusson in Hobart Town geköpft wurde, hörte ich den alten Troke sagen, daß wenn er sich nicht geweigert hätte, Nahrung an Land mitzuschicken, er noch mit heiler Haut davon gekommen wäre.«

So von Selbstsucht mehr als von Mitleiden getrieben brachten sie bei Tagesanbruch alle Vorräthe auf Deck und machten eine Art Theilung. Die Soldaten, durch Gewissensbisse getrieben, wollten die Hälfte von Allem an die Ausgesetzten geben, aber Barker sprach sich dagegen aus. »Wenn der Schooner merkt, daß sie nicht nach kommen, wird er zurückkommen und sie holen und wir brauchen alles Futter selbst, denn wer kann wissen, wann wir Land sehen.«

Dem stimmten Alle bei und danach wurde gehandelt. Es waren in den Pökeltonnen etwa fünfzig Pfund Salzfleisch. Davon nahmen sie ein Drittel, ebenso einen kleinen Sack Mehl, etwas Thee und Zucker, so wie einen eisernen Kessel und einen Becher. Dies wurde in das große Boot hinabgelassen und Rex, der Ausschweifungen seiner Leute fürchtete, fügte noch eines der kleinen Fässer Rum hinzu, die sich im Vorrathsraum vorfanden. Cheshire wollte davon nichts wissen, aber Rex ließ nicht ab und als Cheshire gerade über eine Ziege stolperte, die von Philipps Island mit an Bord gekommen war, faßte er das Thier lachend bei einem Bein und warf es mit einem Spaß in die See, Rex zurufend, er möge das auch noch mit zur Ladung einnehmen. Rex zog das arme Geschöpf in das Boot und mit dieser bunten Ladung ruderte er der Küste zu.

Die arme Ziege, welche fror, fing an, jämmerlich zu blöken und die Männer lachten. Dem Fremden hätte es so vorkommen können, als ob glückliche Fischer oder Küsten-Ansiedler vom Markte zurückkehrten.

Rex legte an der seichten Küste an und rief Bates zu, die Ladung in Empfang zu nehmen. Drei Mann standen mit ihren geladenen Flinten auf, um jeden Versuch einer Wiedereinnahme zurückzuweisen. Die Vorräthe, Ziege und Alles wurden an Land geschafft. »Da,« rief Rex, »jetzt könnt Ihr nicht sagen, daß wir Euch schlecht behandelt haben, denn wir haben die Vorräthe getheilt.« Der Anblick dieser fast unerwarteten Hilfe, belebte den Muth der Fünf und sie fühlten wahre Dankbarkeit. Nach der schrecklichen Nacht, welche sie durchlebt, sahen sie die Männer welche ihnen nun beistanden mit freundlichen Augen an. »Männer,« sagte Bates mit etwas gerührter Stimme, »das erwartete ich nicht. Ihr seid gute Kerls, denn an Bord gibt’s nicht viel zu essen, das weiß ich.«

»Ja,« sagte Frere, »Ihr seid gute Kerls.«

Rex brach in ein wildes Gelächter aus, »Halte Dein Maul, u Tyrann,« rief er und vergaß in der Erinnerung an seine früheren Leiden seine Geckenhaftigkeit. »Es geschieht nicht für Euch; Sie haben der Dame und dem Kinde dafür zu danken.« Julia Vickers beeilte sich, den zu versöhnen, der ihrer Tochter Schicksal in Händen hielt. »Wir sind Ihnen sehr dankbar,« sagte sie nicht ohne Würde, die sie von ihrem Manne angenommen hatte, »und wenn ich je zurückkomme, will ich dafür sorgen, daß Ihre Güte bekannt werde.«

Der Schwindler und Fälscher nahm seine lederne Mütze mit Achtung ab. Seit fünf Jahren hatte keine Dame mit ihm gesprochen und die alte Zeit, da er noch »Mr. Lionel Crofton« war, kam ihm wieder in Erinnerung. In diesem Augenblick, – Freiheit und Glück vor sich – fand er seine Selbstachtung wieder und er sah der Dame ohne Verlegenheit in die Augen.

»Ich hoffe aufrichtig, Madame, daß Sie sicher zurückkommen werden. Kann ich auf Ihre guten Wünsche für mich und meine Gefährten rechnen?«

Der horchende Bates brach in laute Bewunderung aus.

»Was für ein Hund das ist,« schrie er. »John Rex, John Rex, Du warst nie dazu gemacht, ein Deportierter zu ein.«

Rex lächelte: »Leben Sie wohl, Mr. Bates. Gott beschütze Sie!«

»Lebt wohl!« sagte Bates und riß auch seinen Hut vom Kopf. »Ich hoffe, Ihr werdet sicher frei kommen, denn die Freiheit ist für Jedermann süß.«

»Lebt wohl, Gefangene!« sagte Sylvia und schwenkte ihr Taschentuch. »Ich hoffe, daß sie Euch nicht greifen!«

So stieß das Boot unter Hurrahrufen und Tücherschwenken ab.

In der Aufregung, welche das anscheinend großmüthige Betragen von John Rex bei den Ausgesetzten hervorgerufen hatte, war jeder ernste Gedanke an die eigene Lage zurückgetreten und merkwürdiger Weise herrschte der Gedanke an das Schicksal der Meuterer vor. Aber als das Boot den Blicken mehr und mehr entschwand, wurde das Bewußtsein des eigenen Schicksals wieder deutlicher und als endlich das Boot ganz in dem Schatten der Brigg verschlungen war, fuhren Alle wie aus einem Traume auf zu der vollen Klarheit des eigenen Zustandes.

Eine Art Kriegsrath wurde unter dem Vorsitz von Frere gehalten und alle Besitzthümer der kleinen Gesellschaft zusammen geworfen. Das Salzfleisch, Mehl und Thee wurden in einem ausgehöhlten Felsen, in einiger Entfernung von der Küste untergebracht und Mr. Bates zum Verwalter ernannt. Er sollte Jedem ohne Furcht und Gunst den bestimmten Antheil zumessen. Die Ziege wurde an einer Angelleine festgemacht, ihr aber genügend Raum zum Grasen gelassen. Das Fäßchen Rum wurde im hintersten Raum der Felsenhöhle untergebracht und es wurde ausgemacht, daß sein Inhalt nur in Krankheitsfällen oder in er äußersten Noth angegriffen werden sollte. Es war kein Mangel an Wasser, denn ein Bächlein floß in der Entfernung von etwa hundert Ellen von den Felsen herab. Sie berechneten, daß mit Vorsicht, ihre Vorräthe etwa vier Wochen dauern würden.

Man fand als Eigenthum bei der Durchsicht drei Taschenmesser, eine Rolle Bindfaden, zwei Pfeifen, ein Ende Tabak, einen Rest Angelleine mit Haken und ein starkes Einschlagmesser, das Frere eingesteckt hatte, um die Fische abzufangen, die er etwa tödten würde. Aber sie sahen mit Unruhe, daß sie nichts besaßen, was die Dienste einer Axt hätte versehen können. Mrs. Vickers hatte ihr Shawl und Bates eine große Jacke, Frere und Grimes aber hatten keine Kleidungsstücke weiter. Man kam überein, daß Jeder sein Eigenthum behalten sollte, mit Ausnahme der Angelleinen, die gemeinsames Eigenthum wurden. Als man mit diesen Besprechungen fertig war, füllte man den Kessel mit Wasser aus dem Bach und er wurde an drei grünen Stöcken über ein Feuer gehängt. Ein Becher schwachen Thee’s mit einem Zwieback wurde Jedem gereicht, ausgenommen Grimes, der erklärte, er sei nicht im Stande, etwas zu genießen. Als das Frühstück vorüber war, machte Bates einen Mehlkuchen, der in der Asche gebacken werden sollte und dann wurde wieder ein Rath gehalten, um zu bestimmen, wie man künftig wohnen wolle. Es war klar, daß sie nicht unter freiem Himmel schlafen konnten. Sie hatten jetzt Sommer und es war gerade kein Regen zu erwarten, aber die Hitze war Mittags erdrückend. Ueberdies war es ganz nothwendig, daß Mrs. Vickers und das Kind ein Plätzchen für sich haben mußten. In einer kleinen Entfernung von der Bucht erhob sich ein sandiger Zügel, welcher zu der Klippe hinauf führte und auf der Ostseite dieses Hügels stand ein Gehölz von jungen Bäumen. Frere schlug vor, diese Bäume nieder zu hauen und eine Hütte davon zu bauen. Doch fand sich bald, daß ihre Messer ganz ungenügend waren, um diese Bäume abzuschneiden. Nun knickten sie wenigstens die Aeste ein, brachen sie herunter und es gelang ihnen nach einigen Stunden der Arbeit, so viel Aeste und Zweige zu sammeln, daß sie eine Art Dach flechten konnten, das von dem hohlen Felsen, in dem ihre Lebensmittel lagen, bis zu einem andern kleinen Felsen, fünf Ellen entfernt, reichte. Dies sollte Mrs. Vickers und Sylvia’s Ruheplatz sein und Frere und Bates wollten vor dem hohlen Felsen liegen, um die Lebensmittel und die Frauen zugleich zu beschützen. Grimes indeß sollte für sich selbst später eine kleine Hütte bauen.

Als sie zum Mittagessen zurückkehrten, ganz belebt von ihren Entschlüssen, fanden sie die arme Mrs. Vickers in großer Unruhe. Grimes, der wegen seiner Kopfwunde zurückgeblieben war, ging längs der Bai am Ufer entlang, geheimnißvoll sprechend und seine Fäuste gegen einen eingebildeten Feind drohend ausstreckend. Als sie sich ihm näherten fanden sie, daß er irre redete und daß der Schlag augenscheinlich sein Gehirn erschüttert hatte. Frere versuchte vergeblich ihn zu beruhigen, endlich auf den Rath von Bates tauchten sie ihn in das Wasser. Das kalte Bad beruhigte seine Raserei etwas und als sie ihn in den Schatten eines Felsens legten, fiel er in große Erschöpfung und schlief ein.

Der Mehlkuchen wurde nun vertheilt und bildete mit einem Stückchen Fleisch ihr Mittagessen. Mrs. Vickers berichtete, daß sie viel Bewegung an Bord der Brigg bemerkt hätte und glaubte, daß die Gefangenen viele Stücke der Ladung über Bord geworfen hätten, um sie zu erleichtern. Dies erklärte Bates für sehr richtig gehandelt und beobachtete nun auch seinerseits, daß sie einen Bugsiranker ausgeworfen, und daß sie nun mittelst der Busirleine sich allmählich aus der Bucht holten. Ehe noch das Mittag vorüber war, sprang eine leichte Brise auf und vom Osprey, der die umgekehrte britische Flagge aufgezogen, wurde ein Schuß abgefeuert, zum Lebewohl oder als Triumph. Dann setzten sie Segel und bald verwand das Schiff hinter dem westlichen Horn der Bai.

Mrs. Vickers nahm Sylvia an die Hand und ging einige Schritte weit fort, lehnte sich gegen die rauhe Felswand ihrer künftigen Wohnung und weinte bitterlich. Bates und Frere heuchelten Heiterkeit, aber jeder von ihnen fühlte, daß er bis jetzt die Anwesenheit der Brigg als eine Art von Schutz betrachtet hatte und nun erst die absolute Verlassenheit fühlte. Die Nothwendigkeit der Arbeit indeß ließ ihnen keine Muße, eitler Sorge nachzuhängen und die Beiden arbeiteten so hart, daß sie vor Anbruch der Nacht genug Astholz herbeigeschleppt hatten, um Mrs. Vickers Wohnung fertig zu bauen. Während des Fortschrittes ihrer Arbeit wurden sie oft von Grimes unterbrochen, der sich auf sie stürzte und laut über ihre Verrätherei schalt, die ihn der Gnade der Meuterer überlassen hätte.

Bates klagte auch über Schmerz in seiner Wunde und fühlte zuweilen einen Anfall von Schwindel, den er sich gar nicht erklären konnte. Er badete häufig den Kopf und hielt sich so aufrecht, bis die Arbeit des Zusammenholens der Zweige fertig war, dann warf er sich nieder und erklärte, er könne nicht mehr aufstehen.

Frere wandte bei ihm das Mittel an, das sie so erfolgreich bei Grimes angewandt hatten, aber das Salzwasser entzündete die Wunde und verschlimmerte sein Befinden. Mrs. Vickers meinte, die Wunde müsse mit etwas Rum und Wasser gewaschen werden und so wurde das Fäßchen vor-geholt, geöffnet und zu dem Zwecke angebrochen.

Thee und Mehlkuchen bildete ihr Abendessen und bei dem Lichte eines guten Feuers sah sich ihre Lage nicht mehr ganz so verzweifelt an. Mrs. Vickers hatte den Becher auf einen flachen Stein gesetzt und theilte den Thee mit einer Würde aus, die etwas Geziertes gehabt hätte, wenn sie nicht so ergreifend unter diesen Umständen gewesen wäre. Sie hatte ihr Haar geglättet und das weiße Shawl kokett umgeschlungen. Sie klagte schon gegen Mr. Frere, daß sie nicht mehr Kleidungsstücke mitgenommen. Sylvia war sehr aufgeräumt wollte aber nicht bekennen, daß sie Hunger hatte.

Als der Thee getrunken war, holte sie Wasser mit dem Kessel aus dem Bach und kühlte Bates Kopf. Man beschloß, daß am nächsten Morgen ein Platz ausgesucht werden sollte, von wo man die Angelleinen aushängen könnte und daß dann täglich Einer fischen sollte.

Das Befinden des unglücklichen Grimes gab jetzt zu der größten Besorgnis Veranlassung. Er sprach nicht nur Unsinn, sondern war ganz wild und rasend geworden und Frere mußte ihn fortwährend bewachen. Nach vielem Schreien und toben schlief der arme Kerl endlich ein und Frere, der Bates geholfen hatte, nach seiner Schlafstelle vor dem Felsen zu gelangen und ihn dort auf einen Haufen grüner Blätter gebettet hatte, bereitete sich jetzt selbst, einiger Stunden Schlafs zu genießen. Müde von der Aufregung und Arbeit des Tages schlief er sehr fest, bis er gegen Morgen von einem sonderbaren Lärm erweckt wurde. Grimes, dessen Irrereden augenscheinlich in Wahnsinn übergegangen war, hatte sich durch das rohe Astholz, das den Schlafplatz umzäunte, einen Weg gebahnt und sich wie ein Rasender auf Bates geworfen. Stöhnend und ächzend hatte er den Lootsen bei der Kehle gepackt. Dieser von dem Fieber, eine Folge seiner Kopfwunde sehr geschwächt, war fast unfähig, sich seinem Gegner zu widersetzen und mit schwacher Stimme nach Frere um Hilfe rufend, war es ihm gelungen, das große Messer, von dem wir gesprochen, in seiner Hand zu verbergen. Frere, aufspringend, eilte dem Lootsen zu Hilfe, aber Grimes, das Messer während des Ringens zu Gesicht bekommend, entriß es Bates und ehe Frere ihm in den Arm fallen konnte, stieß er es zwei Mal tief in die Brust von Bates.

»Es ist vorbei mit mir,« rief Bates sterbend.

Der Anblick des Blutes, so wie der Ausruf seines Opfers ab Grimes die Besinnung wieder. Er blickte entsetzt auf das blutige Messer und dann, es von sich werfend, stürzte er nach dem Ufer und warf sich kopfüber in das Wasser.

Frere ganz versteinert von dein Anblick dieser furchtbaren Tragödie blickte ihm nach. Er sah aus dem stillen Wasser die Arme mit hochgehobenen Händen auftauchen; ein schwarzer Kopf erschien dazwischen auf der Oberfläche und dann verschwand Alles mit einem schrecklichen Schrei und das blitzende Wasser war so ruhig wie zuvor. Die Augen des entsetzten Frere wandten sich von dem Wasserspiegel zu dem blutigen Messer zurück und sahen auf dem Sande einen Gegenstand, der wohl geeignet war, den plötzlichen Wuthausbruch des Wahnsinnigen zu erklären. Das Rumfäßchen lag auf der Seite neben den Resten des gestrigen Feuers und dicht dabei ein Tuch, mit dem der Kopf des Verwundeten verbunden gewesen. Augenscheinlich war der Unglückliche in seinem Delirium auf das Rumfaß gestoßen und hatte ihn dies Getränk ganz wahnsinnig gemacht.

Frere eilte zu Bates, hob ihn auf und versuchte das Blut zu stillen, das aus der Brustwunde floß. Es schien, als ob, auf dem linken Ellenbogen ruhen, Grimes ihm das Messer aus der rechten Hand gerissen und ihn zweimal in die rechte Brust gestoßen hatte. Er war blaß und bewußtlos und Frere fürchtete, daß die Wunde tödlich war. Sein Halstuch abreißend, versuchte er die Wunde zu verbinden, aber das kleine seidene Tuch reichte nicht aus. Mrs. Vickers, durch den Lärm geweckt und ihr Grauen unterdrückend, riß etwas von ihrer Kleidung in Streifen und so gelang es ihnen, Bandagen von genügender Länge anzulegen. Frere ging nun, um zu sehen, ob in dem Fäßchen noch etwas Rum zurückgelassen, damit er die Lippen des Sterbenden damit befeuchten konnte und denselben vielleicht in’s Leben zurückrufen.

Aber Grimes hatte, nachdem er getrunken, das Fäßchen umgekehrt und der gierige Sand hatte jeden Tropfen des kostbaren Getränks aufgesogen. Sylvia holte Wasser aus einem Bach und nachdem Mrs. Vickers Bates Kopf damit gebadet lebte er wieder auf. Mrs. Vickers melkte die Ziege, eine Arbeit, die sie nie zuvor in ihrem Leben gethan und Bates trank die Milch gierig aus dem Becher, spie aber Alles gleich wieder aus. Augenscheinlich war er innerlich stark verletzt und es ging schnell mit ihm zu Ende.

Niemand von der Gesellschaft spürte Appetit zum Frühstück, doch aß Frere, dessen Empfindsamkeit nicht ganz so hoch gespannt war, ein Stück Fleisch und Brod. Es fiel ihm in grausamer Selbstsucht ein, daß, nun Grimes fort war, die Vorräthe länger vorhalten würden und sollte Bates auch sterben, so würde sich der Antheil eines Jeden noch vergrößern. Doch sprach er seine Gedanken nicht aus, sondern saß still da, hielt den Kopf des Verwundeten aus seinen Knieen und wehrte ihm die Fliegen ab. Er hoffte, daß der Lootse nicht sterben möchte, denn dann blieb er ja ganz allein zurück, um für die Frauen zu sorgen. Vielleicht durchfuhr dasselbe auch Mrs. Vickers Kopf. Nur Sylvia hielt nicht zurück mit dieser Sorge.

»Sterben Sie nicht, Mr. Bates, sterben Sie nicht!« sagte sie und stand jammernd neben dem Körper, den sie zu berühren fürchtete.

»Lassen Sie mich und Mama nicht allein an diesem schrecklichen Ort!i«

Der arme Bates sagte natürlich nichts, aber Frere runzelte die Stirn und Mrs. Vickers sagte tadelnd:

»Sylvia!« gerade, als ob sie noch in dem alten Hause in Sara Island wären.

Nachmittags ging Frere fort, um Holz zum Feuer zusammen zu tragen und als er zurück kam, fand er Bates im Sterben. Mrs. Vickers sagte, daß er schon Stunden lang so ohne Bewegung und auch fast ohne Athem dagelegen habe.

Des Major’s Frau, die schon an mehr als einem Sterbebett gestanden, war ruhig genug, aber Sylvia, die in der Nähe auf einem Stein saß, zitterte vor Angst. Sie bildete sich ein, daß der Tod von irgend etwas Schrecklichem begleitet sei. Als die Sonne unterging, schien es, als ob Bates sich von Neuem belebe, aber die beiden Wächter wußten, daß es nur das letzte Aufflackern war.

»Jetzt ist es vorbei,« flüsterte Frere, als ob er die schlummernde Seele nicht wieder wecken wolle. Mrs. Vickers hob mit strömenden Thränen den guten, ehrlichen Kopf in die Höhe und befeuchtete die trocknen Lippen mit ihrem nassen Tuche. Ein Zittern ging durch den einst starken Körper und der Sterbende öffnete die Augen. Einen Augenblick schien er verwirrt, dann kehrte Bewußtsein in seinen Blick zurück, als er von Einem zum Andern blickte und es war klar, daß er Alle erkannte. Sein Blick ruhte auf Sylvia’s schreckensbleichem Antlitz und wandte sich dann zu Frere. Man konnte die stumme Bitte der beredeten Augen nicht mißverstehen.

»Ja ich will für sie sorgen,« sagte Frere.

Bates lächelte. Dann bemerkte er, daß das Blut aus seiner Wunde Mrs. Vickers Shawl befleckt hatte und machte eine Anstrengung, seinen Kopf zu bewegen. Es paßte sich doch nicht, daß der Shawl einer Dame von dem Blute eines so geringen Mannes, wie er befleckt werden sollte. Die Modedame verstand mit schnellem Blick seine Bewegung und zog seinen Kopf wieder an ihre Brust. In Gegenwart des Todes ist das Weib nur weiblich. Einen Augenblick war Alles still und sie dachten er sei todt. Aber plötzlich öffnete er wieder keine Augen und blickte nach der See.

»Wendet mein Gesicht dahin,« flüsterte er und als sie ihn ausrichteten, wandte er sein Ohr wie um zu horchen.

»Hier ist es ruhig genug, Gott sei Dank,« sagte er, – aber ich kann die Wogen hören draußen am Riff!«

Und sein Kopf fiel zurück und er starb.

Als Frere Mrs. Vickers den Körper abnahm, lief Sylvia zu ihrer Mutter.

»O Mutter, Mutter, warum ließ Gott ihn sterben, da wir ihn doch so nöthig brauchten?«

Ehe es dunkel wurde, brachte Frere den Körper in den Schutz eines Felsens, deckte die Jacke über das Gesicht und legte Steine auf ihn um ihn zu sichern. Der Gang der Ereignisse war so unglaublich schnell gewesen, daß er kaum sich daraus besinnen konnte, daß von den fünf Personen die in der Wildniß zurückgelassen seit dem vorigen Abend nun schon zwei gestorben waren. Und als er sich diese Wirklichkeit recht vorstellte, dachte er daran, an wen nun wohl die Reihe käme.

Mrs. Vickers, völlig erschöpft von der Aufregung und Ermüdung des Tages zog sich früh zur Ruhe zurück. Sylvia, die nicht mit Frere sprechen wollte, folgte ihrer Mutter.

Dieser Beweis ganz unerklärlichen Widerwillens gegen ihn von Seiten des Kindes verletzte Maurice mehr, als« er sich gestehen wollte. Er war ihr böse, daß sie ihn nicht leiden mochte und that doch nichts, um sie sich zu versöhnen.

Mit eigenthümlicher Befriedigung dachte er daran, daß sie nun bald auf ihn als ihren einzigen Beschützer blicken müsse.

Wenn Sylvia einige Jahre älter gewesen wäre, so hätte er wirklich geglaubt, in sie verliebt zu sein.

Der folgende Tag verging in düsterer Trauer. Es war heiß, schwül und ein dichter Dunst hing über den Bergen.

Frere brachte den Morgen damit zu, im Sande ein Grab für den armen Bates zu machen. Praktisch bedacht auf sein eigenes Wohl nahm er dem Körper alle die Kleider ab, die für ihn brauchbar sein konnten, versteckte sie aber unter einigen Steinen, denn er wünschte nicht, daß Mrs. Vickers sähe, was er gethan. Auf Mittag hatte er das Grab fertig, legte den Körper hinein und rollte so viele Steine als möglich auf den Hügel.

Am Nachmittag warf er die Angelleinen von einem Felsenvorsprung aus, den er sich am Vormittag ausgewählt, aber er fing nichts. Als er am Grabe vorüber ging, sah er, daß Mrs Vickers ein rohes Kreuz an das Kopfende gesteckt hatte, das sie mittelst zweier sich kreuzender Stäbe gebildet hatte.

Nach dem Abendessen, wie immer Salzfleisch und Mehlkuchen, steckte er sich eine Pfeife an und versuchte, mit Sylvia zu plaudern. »Warum wollen wir nicht Freunde sein, Missy?« fragte er. »Ich mag Sie, nicht,« sagte Sylvia. »Ich fürchte mich vor Ihnen.«

»Warum?«

»Sie sind nicht gut. Ich meine nicht, daß Sie grausame Dinge thun, – aber Sie sind —. Ach, ich wünschte, Papa wäre hier!«

»Wünschen bringt ihn nicht her!« sagte Frere und drückte vorsichtig seinen aufgesparten Tabak zusammen.

»Da! Das ist’s was ich meine! Ist das gut? »Wünschen bringt ihn nicht her!« O, wenn es das nur thäte!«

»Ich meinte das nicht unfreundlich,« sagte Frere. »Was für ein sonderbares Kind Du bist!«

»Es gibt Personen, welche keine Anziehungskraft für einander haben. Das las ich in einem Buch von Papa und das ist es. Sie haben keine Anziehungskraft für mich. Ich kann nichts dafür.«

»Unsinn!« antwortete Frere. »Komm her, ich will Dir eine Geschichte erzählen.« Mrs. Vickers war in ihre Hütte zurück gegangen und die Beiden waren allein am Feuer, neben welchem der Kessel stand und das frischgebackene Brod lagt. Das Kind kam zögernd zu ihm heran und er nahm es und setzte es auf seine Knie. Der Mond war noch nicht aufgegangen und die Schatten, die das flackernde Feuer warf, erschienen ungeheuer und phantastisch. Frere kam plötzlich der abscheuliche Gedanke, das arme Kind zu ängstigen. »Es war ein Mal ein Schloß in einem Walde,« begann Frere, »und in dem Schlosse lebte ein Menschenfresser mit furchtbaren Glotzaugen.« »Sie abscheulicher Mann. Sie wollen mich nur erschrecken,« sagte Sylvia und versuchte sich frei zu machen.

»Und dieser Menschenfresser lebte nur von den Knochen von kleinen Mädchen. Eines Tages ging ein kleines Mädchen durch den Wald und sie hörte den Menschenfresser kommen. Hau, hau, hau!«

Mr. Frere lassen Sie mich herunter!«

»Sie fürchtete sich sehr und lief fort und lief bis sie endlich – — —

Die Kleine stieß einen durchdringenden Schrei aus. »O, o, was ist das?« und sie drängte sich näher an ihren Quäler.

Auf der andern Seite des Feuers stand ein Mann. Er schwankte vorwärts dann fiel er auf die Knie, streckte die Hände aus und mit heftiger Anstrengung brachte er nur das Wort »Essen« heraus. Es war Rufus Dawes. Dies Wort beruhigte Sylvia’s Entsetzen und bei dem Anblick der zerrissenen gelben Jacke errieth sie die ganze Geschichte. Nicht so Maurice Frere. Er sah eine neue Gefahr vor sich, einen neuen Mund, der Anspruch an ihre Vorräthe machte und schnell einen Brand aus dem Feuer ergreifend, hielt er denselben dem Deportierten entgegen. Aber Rufus Dawes, der mit gierigen Blicken sich umgesehen, sah den Mehlkuchen, der neben dem Feuer lag und griff danach. Frere schwang den Brand vor seinem Gesicht. »Zurück,« schrie er. »Wir haben kein Essen übrig.«

Der Deportierte stieß einen fürchterlichen Schrei aus und seine Eisenstange erhebend, sprang er vor um in der Verzweiflung diesen neuen Feind niederzuschlagen.

Aber das Kind, schnell wie ein Gedanke, glitt plötzlich zwischen die Beiden, nahm das Brod und legte es in die Hand des Verhungerten. »Hier, iß, armer Gefangener!« Dann wandte sie sich zu Frere und warf ihm einen Blick zu, so voll Empörung, Schrecken, und Ueberraschung, daß der Mann beschämt die Augen senkend, den Brand zu Boden warf.

Rufus Dawes schien durch die plötzliche Erscheinung des goldhaarigen Kindes ganz umgewandelt zu sein. Er ließ das Brod aus seinen Fingern gleiten, starrte mit geisterhaftem Blick dem sich entfernenden Kinde nach und als es aus dem Bereiche des Feuerscheines in die Dunkelheit trat, sank der unglückliche Mann mit dem Gesicht zur Erde und brach in Thränen aus.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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