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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 14
Zwölftes Capitel
Mr. Dawes
Der rauhe Ton von Mr. Freres Stimme brachte ihn wieder zu sich.
»Was wollen Sie?« fragte dieser. Rufus Dawes hob seinen Kopf, betrachtete den Mann vor sich und ihn erkennend sagte er langsam: »Sie sind es?«
»Was meinen Sie? Kennen Sie mich?« fragte Frere ein wenig zurücktretend. Aber der Deportierte antwortete nicht. Seine augenblickliche Bewegung war vorüber, die Qualen des Hungers stellten sich wieder ein und gierig nach dem Mehlkuchen greifend, aß er schweigend.
»Hört Ihr, Mann?« wiederholte Frere endlich. Wer seid Ihr?«
»Ein entflohener Gefangener. Sie können mich morgen abliefern. Ich habe mein möglichstes gethan und kann nicht mehr.«
Diese Worte erfüllten Frere mit Unbehagen. Der Mann wußte also nicht daß die Niederlassung verlassen war!
»Ich kann Euch nicht ausliefern. Es ist niemand hier als ich und die Frau und das Kind.«
Rufus Dawes hielt in seinem Essen inne und starrte Frere ganz verwirrt an. »Die Gefangenen sind mit dem Schooner fort. Wenn Ihr frei bleiben wollt, so könnt Ihr es thun, – meinetwegen gewiß. Ich bin eben so hilflos wie Ihr.«
»Aber wie kommen Sie hierher?«
Frere lachte bitter. Einem Deportierten eine Aufklärung geben zu müssen, war ihm bis jetzt noch nicht vorgekommen und er liebte die Sache grade nicht. Doch konnte er m diesem Fall nicht anders handeln. »Die Gefangenen machten Meuterei und nahmen die Brigg.«
»Welche Brigg?«
»Den Osprey.«
Ein schreckliches Verständnis öffnete sich ihm jetzt und Rufus Dawes begriff daß er diese Gelegenheit versäumt habe. »Wer nahm sie?«
»Der vielfarbige Schurke John Rex,« sagte Frere und ließ seiner Leidenschaft freien Lauf. »Mag das Schiff sinken, verbrennen und – —«
»So sind sie fort?« schrie der Unglückliche und griff mit verzweiflungsvollen Geberden in sein Haar.
»Ja, seit zwei Tagen und sie haben uns hier zurückgelassen, um zu verhungern.«
Rufus Dawes brach in ein so entsetzliches Gelächter ans, daß selbst Frere davor schauderte.
»Dann wollen wir zusammen verhungern, Maurice Frere,« sagte er, »denn so lange Sie eine Brodkruste haben, will ich sie theilen. Wenn ich nicht meine Freiheit haben kann, will ich doch meine Rache haben.«
Der unheimliche Anblick dieses wilden Menschen, der mit dem Kinn auf seine mit Lumpen bedeckten Knie gestützt, sich an dem Feuer hin und herwiegte, verursachte ihm eine eigenthümliche Empfindung. Solch Gefühl mochte wohl der afrikanische Jäger gaben, der zu seinem Lagerfeuer zurückkehrt und einen Löwen dabei findet. »Elender,« rief er, sich ein wenig zurückziehend, »warum wünscht Ihr, Euch zu rächen?«
Der Deportierte sah ihn höhnisch an. »Nehmen Sie sich in Acht, so sprechen! »Ich will keine harten Worte hören. Elender! Wenn ich ein Elender bin, wer machte mich dazu? Ich war frei geboren, so frei wie Sie. Warum hat man mich mit wilden Thieren eingesperrt und zu dieser Sklaverei verurtheilt, die schlimmer ist als der Tod? Das sagt mir, – Maurice Frere, das sagen Sie mir?«
»Ich habe die Gesetze nicht gemacht,« sagte Frere. »Warum greift Ihr mich an?«
»Weil Sie sind, was ich war. Sie sind frei!l Sie können thun, was Ihnen gefällt. Sie können lieben, arbeiten, – denken! Ich kann nur hassen!« Er hielt an, selbst erstaunt über sich, dann fuhr er mit leisem Lachen fort: »Schöne Worte für einen Deportierten, he? Aber es schadet nichts, Mr. Frere, wir sind jetzt gleich und ich werde keine Stunde früher sterben als Sie, obgleich Sie ein freier Mann sind.«
Frere dachte, daß er es nun vielleicht mit einem zweiten Wahnsinnigen zuthun habe. »Sterben! Man braucht grade noch nicht von Sterben zu sprechen,« sagte er so beruhigend wie möglich. »Dazu ist immer noch Zeit.«
»Das spricht der »Freie.« Wir Deportierten haben einen Vortheil vor Euch Herren voraus. Sie fürchten den Tod, – wir beten darum. Es ist das Beste, das uns geschehen kann. Sterben! Ein Mal wollte man mich hängen. Ich wünschte, es wäre geschehen. Mein Gott, hätten sie es doch gethan!«
In diesem schrecklichen Wort lag eine solche Tiefe der Qual und Verzweiflung, daß Frere ganz erschüttert war.
»Seht und schlaft, Mann,« sagte er. »Ihr seid ganz erschöpft. Wir wollen morgen weiter sprechen.«
»Halt,« schrie Rufus Dawes plötzlich mit einer Rohheit im Ton, wie sie mit seiner bisherigen Art in keinem Einklang stand. »Wer ist mit Euch zusammen?«
»Die Frau und die Tochter des Kommandanten,« antwortete Frere, der nicht wagte, auf eine so gestellte Frage hin zu schweigen.
»Niemand sonst?«
»Nein.«
»Die armen Geschöpfe,« sagte der Deportierte. »Sie thun mir leid.« Dann streckte er sich wie ein Hund am Feuer hin und schien sogleich einzuschlafen. Maurice Frere blickte die lange Gestalt an, ein Zuwachs zur Gesellschaft, der ihn in Verlegenheit brachte, wie er zu handeln habe. Solch’ ein Charakter war bis jetzt noch nicht in den Bereich seiner Kenntnisse gekommen. Er wußte nicht, was er aus diesem wilden, zerlumpten, verzweifelten Manne machen sollte, der abwechselnd weinte und drohte, der jetzt im widerlichsten Jargon der Deportierten tobte und dann den Himmel in Tönen anrief, die an wahre Beredtsamkeit streiften.
Zuerst dachte er daran, sich auf den Schlafenden zu stürzen und ihn unschädlich zu machen, dann aber als er die zwar abgemagerten, aber doch muskulösen Gliedmaßen schärfer anblickte, schien es ihm doch Tollheit zu sein, diesem Einfall zu folgen. Eine entsetzliche Gedankenverbindung, aus seiner früheren Feigheit entstanden, ließ ihn nach dem großen Messer fühlen, mit dem schon ein Mord begangen worden war. Die Lebensmittel-Vorräthe waren so sehr knapp und das Leben der Frau und des Kindes waren schließlich doch mehr werth als das dieses unbekannten Schurken. Aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so war dieser Gedanke nicht so bald entstanden, als er auch schon wieder schwand. »Wir wollen bis morgen warten und sehen, wie er sich macht.« Dann ging er leise bis au das Astwerk, hinter dem Mutter und Tochter umschlungen ruhten und flüsterte ihnen zu, daß er Wache hielte, und daß der Flüchtling schliefe. Aber als der Morgen kam, sah er, daß keine Ursache zur Sorge vorhanden war. Der Deportierte lag fast noch in derselben Stellung wie am Abend zuvor und hatte die Augen noch geschlossen. Sein drohender Ausbruch am vorigen Abend war nur durch die Aufregung verursacht und er war jetzt unfähig zu jeder Gewaltthat. Frere näherte sich ihm und schüttelte ihn an der Schulter.
»Nicht lebend,« schrie der arme Kerl und holte zum Schlage aus, »zurück!«
»Alles gut,« rief Frere. »Niemand will Euch etwas thun. Wacht auf!«
Rufus Dawes sah sich ganz betäubt um, dann schien er sich daran zu erinnern, was geschehen war und richtete sich mühsam auf seine Füße.
»Ich dachte, sie hätten mich gefaßt,« sagte Rufus, – »aber es ist nichts. Wir müssen frühstücken, Mr. Frere, ich bin hungrig.«
»Ihr müßt warten« sagte Frere. »Denkt Ihr, Ihr seid allein hier?«
Rufus Dawes schwankte vor Schwäche und wischte sich mit dem Rest seines Aermels über sein Gesicht. »Ich weiß nichts, als daß ich hungrig bin.«
Frere überlegte. Jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, ihre Beziehungen zueinander festzustellen. Da er in der Nacht wachend lag, die Hand an dem Messer, hatte er sein künftiges Handeln überdacht. Der Deportierte sollte seinen Antheil haben, aber nicht mehr. Wenn er sich dagegen auflehnte, mußte die Gewalt zwischen ihnen entscheiden.
»Seht,« sagte er, »wir haben kaum genug Lebensmittel, um durchzukommen, bis Hilfe gebracht wird, wenn sie überhaupt kommt. Ich mußt für die arme Frau und das Kind sorgen. Also reines Spiel, um ihretwillen. Ihr sollt mit uns unsern letzten Bissen theilen, aber beim Himmel, nicht mehr bekommen.«
Der Deportierte streckte seine abgezehrten Arme aus und blickte mit dem unsicheren Blick eines Trunkenen darauf. »Ich bin jetzt schwach,« sagte er. »Sie haben die Macht.« Dann sank er plötzlich völlig erschöpft zu Boden. »Gebt mir zu trinken,« sagte er und machte eine schwache Bewegung mit der Hand.
Frere brachte ihm Wasser in dem Becher und als er es getrunken hatte, lächelte er und schlief wieder ein. Mrs. Vickers und Sylvia kamen heraus, während er schlief und erkannten in ihm den Gefürchtetsten der ganzen Kolonie.
»Er war der Wildeste von Allen, die wir hatten,« sagte Mrs. Vickers, sich mit ihrem Manne eins wähnend; »o, was sollen wir thun ?«
»Er wird nicht viel Böses thun,« sagte Frere und sah auf diesen allbekannten Schurken mit Neugier nieder. »Er ist mehr todt als lebendig.«
Sylvia sah ihn mit ihren klaren Kinderaugen an. »Wir müssen ihn nicht sterben lassen, – das wäre Mord!«
»Nein, nein,« sagte Frere heftig. Niemand will, daß er sterbe. Aber was können wir thun?«
»Ich will ihn pflegen,« rief Sylvia. Frere brach in rohes Lachen aus, das erste, das er sich seit der Meuterei erlaubte.
»Du ihn pflegen! Das ist gut, bei George!« Das arme kleine Mädchen, schwach und erregbar, fühlte die Verachtung in seinem Ton und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus. »Warum beleidigen Sie mich, Sie böser Mann? Der arme Mensch ist krank und er wird sterben wie Mr. Bates. O Mama, Mama, wir wollen Beide allein fortgehen!«
Frere fluchte laut und ging fort. Er ging in den kleinen Wald unterhalb der Klippe und setzte sich dort nieder. Sonderbare Gedanken, die er kaum hätte ausdrücken können; und die er nie zuvor gehabt, durchkreuzten sein Hirn. Der Widerwille, den das Kind gegen ihn hatte, machte ihn ganz elend und doch machte es ihm Freude, es zu quälen. Er war sich bewußt, daß er wie ein Feigling gehandelt hatte, als er am vorigen Abend versucht hatte, sie zu ängstigen. Die Verachtung, die sie ihn fühlen ließ, war wohl verdient; aber er war ganz fest entschlossen, sein Leben für sie hinzugeben, wenn der Wilde, der sich so zu ihnen gesellt hatte, Gewalt ausüben sollte und er war ganz unvernünftig eifersüchtig auf das Mitleiden, das sie dem Deportierten gezollt. Es war nicht Recht, ihn so mißzuverstehen. Aber er war auch im Unrecht gewesen, daß er geflucht hatte und sie so plötzlich verlassen. Doch das Bewußtsein seines Unrechtes bestärkte ihn nur noch darin. Seine natürliche Hartnäckigkeit erlaubte ihm nicht, zurückzunehmen, was er ein Mal gesagt. Entlang wandernd kam er zu dem Grabe von Bates und zu dem Kreuz darauf. Hier war wieder ein Zeugniß der schlechten Behandlung, die sie ihm hatte angedeihen lassen. Sie hatte immer Bates vorgezogen. Nun Bates todt war, mußte sie gleich ihre kindische Neigung auf einen Deportierten übertragen. »O,« sagte Frere in angenehmer Erinnerung an manchen: rohen Triumph in der Liebe, »wenn Du ein Weib wärest, Du kleine Hexe, dann solltest Du mich schon lieben.« Als Frere das gesagt hatte, lachte er über seine Thorheit. Er wurde ganz romantisch. Als er zurückkam, fand er Dawes auf den abgehauenen Zweigen sitzend, Sylvia neben sich.
»Er ist besser. « sagte Mrs. Vickers, nicht an die frühere Scene erinnern wollend. »Sehen Sie sich und essen Sie etwas, Mr. Frere.« »Sind Sie besser?« fragte Frere kurz.
Zu seinem Erstaunen antwortete der Deportierte ganz höflich: »Ich werde in ein bis zwei Tagen ganz wohl sein, dann will ich Ihnen helfen, Sir.«
»Helfen, wobei?«
»Eine Hütte zu bauen für die Damen. Und wir wollen hier unser ganzes Leben lang bleiben und nie in die Häuser zurück kehren.«
»Er redet etwas irre,« sagte Mrs. Vickers leise. »Der arme Mensch, er beträgt sich sehr gut.«
Der Deportierte fing jetzt ein altes deutsches Lied an zu singen und schlug den Takt dazu mit den Händen. Frere sah ihn mit Erstaunen an. »Ich möchte wissen, was der Mann für eine Geschichte hat,« dachte er, »gewiß eine sehr merkwürdige.«
Die pflegende Sylvia sah ihn jetzt ganz versöhnlich an. »Ich will ihn fragen, wenn er wohl ist,« sagte sie, »und wenn Sie gut sind, erzähle ich sie Ihnen, Mr. Frere.
Frere nahm die angebotene Freundschaft an. »Ich bin ein rechter Grobian zuweilen, Miß Sylvia nicht wahr?« sagte er. »Aber ich meine es nicht so schlimm.«
»Ja das sind Sie,« erwiderte Sylvia freimüthig; »aber lassen Sie uns die Hände schütteln und wieder Freunde sein. Wir müssen nicht streiten da wir nur vier sind.«
Und so wurde Rufus Dawes im Familienkreise aufgenommen.
Eine Woche, nachdem er den Rauch von Freres Feuer gesehen, hatte der Deportierte seine alten Kräfte wieder gewonnen und wurde nun eine sehr wichtige Person. Das Mißtrauen, mit dem er zuerst angeblickt worden, verschwand nach und nach und er war nicht länger ein Ausgestoßener, den man scheute und nach dem man zeigte oder von dem man nur in Flüstertönen sprach. Er hatte seine rauhe Art gänzlich abgelegt und drohte nie mehr, auch beklagte er sich nicht. Er schien ganz heiter zu sein und obgleich ihn zuweilen eine tiefe Melancholie ergriff und bedrückte, so war seine Stimmung doch meist gleichmäßiger als die Frere’s, der sich oft mürrisch, ärgerlich und anspruchsvoll zeigte.
Rufus Dawes war nicht länger jener rohe Elende, der sich in die dunkeln Wasser der Bai gestürzt hatte, um dem Leben zu entgehen, das er verabscheute oder der in der Waldeinsamkeit abwechselnd geflucht und geweint hatte. Er war jetzt ein thätiges Mitglied der Gesellschaft, – einer Gesellschaft von Vieren und er fing an, eine gewisse Unabhängigkeit und Autorität zu gewinnen. Diese Veränderung war durch den Einfluß der kleinen Sylvia hervorgerufen. Als er sich von seiner großen Schwäche nach jener schrecklichen Reise erholte, hatte Rufus Dawes seit sechs Jahren zum ersten Mal gütige Behandlung erfahren. Er hatte jetzt einen Gegenstand, für den er leben konnte. Er nützte jetzt Jemand und wäre er gestorben, so würde er beweint worden sein. Uns erscheint das wenig, aber dem Unglücklichen war es viel, ja Alles. Er fand zu seinem Erstaunen, daß er nicht verachtet wurde, und daß durch ein wunderbares Zusammenwirken von Umständen gerade seine Erfahrungen als Deportierter ihm Autorität verschafften. Er war geschickt in allen Geheimnissen der Künste der Gefangenen. Er verstand das Leben bei ganz geringer Nahrung zu erhalten. Er konnte Bäume fällen ohne Axt, konnte Brot backen, ohne Ofen, konnte eine Hütte zum Schutz gegen das Wetter bauen, ohne Steine und Mörtel. Aus dem Patienten wurde er zum Rathgeber, aus dem Rathgeber zum Befehlshaber. In dem halb wilden Zustande, in welchem diese vier Menschen lebten, fand er, daß die Kenntnisse der Wilden den meisten Werth hatten. Macht war Recht und Maurice Freres Standes-Autorität mußte bald der Wissens-Autorität von Rufus Dawes weichen.
Als die Zeit verging und der knappe Vorrath von Lebensmitteln bedeutend abnahm, fand er, daß seine Autorität immer mehr zunahm. Wenn es sich um die Eigenschaft einer wilden Pflanze handelte, so mußte Dawes darüber entscheiden. Sollten Fische gefangen werden, so mußte Rufus sie fangen. Beklagte sich Mrs. Vickers über die Unhaltbarkeit ihrer Hütte, so war es Dawes, der ein Flechtwerk von Ruthen machte, es mit Thon dichtete und so eine Schutzwand herstellte, durch die selbst der schärfste Wind nicht drang. Er machte Tassen aus Tannenzweigknoten, Teller aus Rindenstreifen. Er arbeitete mehr als drei Mann arbeiten können. Nichts schreckte ihn ab, nichts entmuthigte ihn. Als Mrs. Vickers vor Angst und aus Mangel an genügender Nahrung krank wurde, war er es wiederum, der frische Blätter für ihr Lager sammelte, der sie mit freundlichen Worten tröstete der freiwillig seine halbe Fleischration aufgab, damit sie mehr hätte und sich wieder kräftigen könne.
Die arme Frau und ihr Kind nannten ihn stets »Mr. Dawes.«
Frere sah dies Alles mit einer Unzufriedenheit an, die oft bis zum Hasse stieg. Aber er konnte nichts sagen, denn er mußte sich gestehen, daß er neben Dawes ganz unfähig war. Er geruhte selbst Befehle von dem Entflohenen Deportierten anzunehmen, denn es war zu augenscheinlich, daß dieser Alles besser wußte, als er.
Sylvia fing an, Dawes für einen zweiten Bates anzusehen. Er gehörte überdies ganz ihr. Sie hatte eine Art von besonderem Interesse an ihm, denn sie hatte ihn gepflegt und beschützt. Nur ihr verdankte dieser wunderbare Mann, daß er lebte. Er fühlte für sie eine so grenzenlose Zuneigung, daß sie fast an Leidenschaft grenzte. Sie war sein guter Engel, seine Beschützerin, sein Himmelsblick. Sie hatte ihm Nahrung gegeben, als er vor Hunger verschmachtete und sie hatte an ihn geglaubt, als die Welt – diese Welt von drei Menschen ihn kalt anblickte. Er würde auch für sie sterben und aus Liebe zu ihr sehnte er das Schiff herbei, das ihr die Freiheit und ihm seine Fesseln wieder geben würde. Aber die Tage vergingen und kein Schiff kam. Jeden Tag prüften sie genau den Horizont; jeden Tag zitterten sie in der Hoffnung, das Bugspriet der Ladybird hinter den Felsen der Bai hervorgleiten zu sehen, aber vergebens. Mrs. Vickers wurde kränker und die Vorräthe gingen zu Ende. Dawes sprach davon, sich und Frere auf halbe Ration zu setzen. Es war augenscheinlich, daß wenn nicht bald Hilfe kam, sie sterben mußten.
Frere machte alle möglichen Pläne um Nahrung zu verschaffen. Er wollte eine Reise nach der verlassenen Kolonie machen, über die Bai schwimmen und sehen, ob nicht einige Kisten mit Zwieback zurückgeblieben wären. Er wollte Fallen legen für die Möwen und die Tauben bei Liberty Point fangen. Aber alle diese Pläne wiesen sich als unpraktisch aus und sie sahen mit langen Gesichtern ihren Sack Mehl kleiner und kleiner werden. Dann wurde der Gedanke an ein Entkommen beleuchtet. Konnten sie ein Floß bauen? Unmöglich ohne Nägel und Stricke. Konnten sie ein Boot bauen? Ebenso unmöglich aus denselben Gründen. Konnten sie ein Feuer anbrennen, das hoch genug wäre, um einem Schiffe ein Zeichen zu geben? Leicht genug.
Aber würde je ein Schiff in die Nähe dieses doppelt verlassenen Ortes kommen? Nichts konnte gethan werden als auf ein Schiff zu warten, das doch sicher früher oder später nach ihnen aussehen würde. Tag für Tag schwächer werdend, warteten sie immer länger.
Eines Tages saß Sylvia in der Sonne und las in ihrer »Englischen Geschichte«, welche sie in ihrer Angst in jener Nacht mitgebracht hatte. »Mr. Frere,« sagte sie plötzlich, »was ist ein Alchemist?«
»Ein Mann, der Gold macht,« war Freres nicht allzu genaue Erklärung.
»Kennen Sie Einen?«
»Nein.«
»Sie, Mr. Dawes?«
»Ich kannte mal einen Mann, der sich dafür hielt.«
»Wie, einen Mann, der Gold machte?«
»In gewisser Art.«
»Aber machte er Gold?« fragte Sylvia nachdrücklich.
»Nein, er machte es nicht geradezu. Aber er war in seiner Anbetung des Goldes gewissermaßen ein Alchemist.«
»Was wurde aus ihm?«
»Ich weiß nicht,« sagte Dawes in so kurzer Weise, daß das Kind sich instinktmäßig zu andern Gegenständen wandte.
»Also Alchemie ist eine sehr alte Kunst?«
»O ja.«
»Kannten die alten Briten sie?«
»Nein, so alt ist sie nicht.«
Sylvia schrie plötzlich auf, als sie von den alten Briten las und Bates stand so lebhaft in ihrem Gedächtniß vor ihren Augen. Sie hatte die Stelle, um die es sich damals handelte, wohl hundert Mal gelesen, aber nie ihre volle Bedeutung so verstanden wie jetzt. Schnell die viel gelesenen Seiten umwenden, las sie laut diese Stelle, welche damals so viele Bemerkungen hervorgerufen.
»Die alten Briten waren wenig besser als Barbaren. Sie bemalten ihre Körper mit Waid und in ihren leichten Korakels stehend, die von Häuten gemacht waren, über schwache hölzerne Rahmen gezogen, müssen sie einen wilden Anblick gewährt haben.«
»Ein Korakel! Das ist ein Boot! Können wir kein Korakel machen, Mr. Dawes?«
Dreizehntes Capitel.
Was der Seetang erzählte
Diese Frage erregte in den Ausgesetzten neue Hoffnungen. Maurice Frere erklärte mit seinem gewöhnlichen Ungestüm, daß die Sache leicht ausführbar sei, und wunderte sich, – wie es solche Menschen zu thun pflegen, – daß es ihm nicht früher eingefallen sei. »Es ist das einfachste Ding von der Welt. Sylvia hat uns gerettet,« rief er. Aber als sie die Sache genauer überlegten, sahen sie doch ein, daß sie recht weit entfernt davon waren, sie wirklich in’s Werk zu setzen. Einen Korakel von Häuten zu machen, war vielleicht nicht so schwer, aber woher die Häute nehmen?
Die eine elende Laut von ihrer Ziege war gänzlich ungenügend zu diesem Zweck.
Sylvia, deren Gesicht von Hoffnung und Entzücken strahlte, daß sie diese Idee aufgebracht, beobachtete ängstlich das Gesicht von Rufus Dawes und fühlte ihr kleines Herz fast still stehen, als sie keine Freude in dem Blick seiner niedergeschlagenen Augen sah. »Kann es nicht geschehen, Mr. Dawes?« fragte sie, zitternd auf die Antwort wartend.
Der Deportierte zog seine Brauen düster zusammen.
»Nun, Dawes,« rief Frere seine Feindschaft einen Augenblick in der Freude der neuen Hoffnung vergessend, »können Sie nichts ausfindig machen?«
Rufus Dawes, so als das Haupt der kleinen Gesellschaft anerkannt, fühlte eine gewisse Befriedigung.«
»Ich weiß nicht,« sagte er. »Ist muß darüber nachdenken. Es sieht so leicht aus – aber – .«
Er hielt einen Augenblick inne, als etwas im Wasser seinen Blick fesselte.
Es war eine Masse losen Seetangs, den die Fluth langsam an’s Ufer schwemmte.
Dieser Umstand, der sonst unbeachtet vorüber gegangen wäre, brachte Rufus auf einen neuen Gedanken.
»Ja,« sagte er langsam und nachdenklich, mit verändertem Tone, »es kann geschehen. Ich glaube ich weiß jetzt wie.«
Die Andern beobachteten ein achtendes Schweigen, und warteten bis er wieder sprechen würde.
»Wie weit ist es wohl über die Bai?« fragte er Frere.
»Was? Bis Sara Island?«
»Nein, bis zur Lootsen Station.«
»Ungefähr vier Meilen.«
Der Deportierte seufzte. »Zu weit für mich zu schwimmen; früher hätte ich es gekonnt. Aber diese Art von Leben macht einen Menschen schwach. Doch es muß geschehen.«
»Was denken Sie zu thun?« fragte Frere.
»Die Ziege zu tödten.«
Sylvia schrie auf; sie liebte den armen stummen Gefährten. »Nanny tödten! O Mr. Dawes! Wozu?«
»Ich will ein Boot für Sie machen,« sagte er. »Ich brauche Häute und Faden und Talg.«
Vor wenigen Wochen hätte Maurice Frere über diese Worte gelacht, aber er hatte jetzt begriffen und verstanden, daß dieser entflohene Deportierte kein Mann zum Auslachen war und obgleich er ihn seiner Ueberlegenheit wegen haßte, so mußte er diese doch anerkennen.
»Aber Mann, Sie können doch nur eine Haut von der Ziege abziehen? sagte er in fragendem Tone, als ob es auch wohl möglich wäre, daß ein so wunderbares Wesen wie Dawes eine zweite Haut abziehen könnte in Folge irgend eines geheimnißvollen Prozesses, den er allein nur kannte.
»Ich will noch mehr Ziegen fangen.«
»Wo?«
»Auf der Lootsen Station.«
»Aber wie wollen Sie dahin gelangen?«
»Mich hinüber flößen. Aber es ist jetzt keine Zeit zum Fragen. Gehen Sie und schneiden junge Bäume ab, und dann wollen wir anfangen.«
Der Leutnant sah den Deportierten mit Erstaunen an, unterwarf sich aber dann dem besseren Wissen und that, wie ihm geheißen. Vor Sonnenuntergang hing der Körper der armen Nanny in verschiedene sehr wenig kunstgerechte Stücke geschnitten an dem nächsten Baum.
Als Frere mit so vielen jungen Stämmen, als er nur immer hinter sich her ziehen konnte, zurückkam, fand er Dawes bei einer sehr sonderbaren Beschäftigung.«
Er hatte die Ziege getödtet und nachdem er den Kopf dicht an der Kehle und die Füße am Kniegelenk abgeschnitten, hatte er den Körper durch einen Schnitt herausgezogen, den er am unteren Bauche angebracht. Diesen Schlitz hatte er mit Bindfaden wieder zusammen genäht. So hatte er sich einen rohen Sack geschaffen und er war gerade geschäftig, den Sack mit so viel Gras zu füllen, als er nur immer sammeln konnte. Frere bemerkte auch, daß das Fett des Thieres sorgfältig gesammelt, und daß die Eingeweide in eine Pfütze Wasser gelegt waren.
Der Deportierte verweigerte indeß jede Auskunft über seine Absichten. »Es ist so meine Idee,« sagte er, »lassen Sie mich nur zufrieden. Vielleicht – mißlingt es mir.« Frere, von Sylvia befragt, that so, als sei er ganz eingeweiht, habe sich aber selbst Schweigen auferlegt. Er war ärgerlich, daß ein Deportiertengehirn ein Geheimniß barg, das er nicht theilen durfte.
Am nächsten Tage mußte Frere, auf die Anordnung von Dawes Schilf schneiden, das eine Meile von ihrer Hütte wuchs und mußte es auf seinem Rücken herbeischleppen. Dazu brauchte er beinahe einen halben Tag. Die knappen Rationen hatten seine Kräfte schon bedeutend herunter gebracht. Der Deportierte dagegen, der durch harte Arbeit besser gestählt war, hatte fast seine früheren Kräfte wieder gewonnen.
»Wozu soll es dienen?« fragte Frere, als er sein Bündel zur Erde warf. Sein Herr geruhte dies Mal zu antworten.
»Um ein Floß zu machen.«
»Und dann?«
Der Andere zog seine breiten Schultern in die Höhe.
»Sie sind sehr unvernehmlich, Mr. Frere. Ich will nach der Lootsenstation schwimmen und einige Ziegen fangen. Ich kann mit Hilfe des ausgestopften Felles hinüber schwimmen, aber ich muß sie auf dem Schilffloß zurück bringen.«
»Wie zum Teufel denken Sie denn, sie zu fangen?« fragte Frere und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Deportierte winkte ihm, näher heran zu treten. Frere that es und sah, daß sein Gefährte die Eingeweide der Ziege reinigte. Die äußere Haut war abgekratzt und Rufus Dawes kehrte nun das Innere nach außen. Das that er, indem er ein kleines Stück umdrehte wie man einen Rockärmel umkehrt. Dann tauchte er das umgekehrte Ende in’s Wasser. Das Gewicht des Wassers, das zwischen das umgekehrte Ende und den Rest des Eingeweides drückte, arbeitete weiter und kehrte Alles um, so daß durch wiederholtes Eintauchen die ganze Länge bald umgekehrt war. Die innere Haut wurde ebenfalls abgekratzt und es blieb eine feine durchsichtige Röhre, welche fest gedreht und in der Sonne getrocknet wurde.
»Da ist der Darm für die Schlinge,« sagte Dawes. »Ich lernte den Spaß in der Kolonie. Jetzt kommen Sie her.«
Frere folgte ihm und sah ein Feuer, das zwischen zwei Steinen gemacht war! daneben stand der Kessel ein wenig in den Boden gesunken. Als Frere sich dem Kessel näherte, sah er, daß derselbe ganz voll glatter Kiesel war.
»Nehmen Sie die Steine heraus,« sagte Dawes.
Frere ganz bestürzt, gehorchte und sah, daß auf dem Boden des Kessels eine Menge weißen Pulvers lag, während die Seiten des Kessels mit derselben weißen Masse wie überzogen war.
»Was ist das?« fragte er.
»Salz.«
»Wie bekamen Sie es?«
»Ich füllte den Kessel mit Meerwasser und dann erhitzte ich die Kiesel im Feuer bis sie roth waren und warf sie hinein. Wir hätten den Dampf in einem Tuch auffangen können und süßes Wasser auswringen, hätten wir es gebraucht.« Aber Gott sei Dank, wir haben Wasser genug.«
Frere fuhr zurück. »Haben Sie das auch in der Kolonie gelernt? « fragte er.
Rufus Dawes lachte mit bitterem Ton. »Denken Sie, ich bin mein ganzes Leben lang in der Kolonie gewesen? Die Sache ist sehr einfach. Es ist nur Verdampfung.«
Frere brach in plötzliche, fast ärgerliche Bewunderung aus. »Was für ein Kerl Sie sind, Dawes; Was sind Sie, ich meine, was waren Sie früher?«
Ein triumphierendes Lächeln glitt über des Andren Gesicht und einen Augenblick schien es, als wolle er mit einem sehr merkwürdigen Bekenntnis antworten. Aber das Lächeln verging und eine schmerzliche Bewegung zog über sein Gesicht.
»Ich bin ein Deportierter. Es kommt nicht darauf an, was ich gewesen bin. Ein Schiffer, ein Schiffszimmermeister, ein Verschwender, ein Vagabund, was thut’s. Es wird mein Schicksal nicht ändern, oder sollte es?«
»Wenn wir sicher zurückkommen, will ich um freien »Urlaub für Sie bitten,« sagte Frere, »Sie verdienen es.«
»Ach,« lachte Dawes höhnisch, »zuerst lassen Sie uns nur sicher zurückkommen.«
»Sie glauben mir nicht?«
»Ich will keine Gunst von Ihnen,« sagte er mit der alten stolzen Wildheit. »Lassen Sie uns an die Arbeit gehen. Bringen Sie das Schilf her und binden Sie es mit den Angelleinen zusammen.«
In diesem Augenblick kam Sylvia herbei.
»Guten Tag, Mr. Dawes: Harte Arbeit? O, was ist da in dem Kessel?«
Die Stimme des Kindes wirkte wie ein Zauber auf Rufus Dawes. Er lächelte ganz glücklich. »Salz, Fräulein. Damit will ich Ziegen fangen.«
»Ziegen fangen! Wie Wollen Sie ihnen Salz auf den Schwanz streuen?« rief sie fröhlich.
»Ziegen lieben das Salz und wenn ich nach der Lootseninsel hinüber komme, will ich Schlingen aufstellen, mit Salz als Lockspeise. Wenn sie kommen, es zu lecken, werde ich Dornenschlingen bereit halten, um sie damit zu fangen. Verstehen Sie?«
»Aber wie wollen Sie hinüber kommen?«
»Das werden wir morgen sehen.«
