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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 15

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Vierzehntes Capitel.
Ein wunderbares Tagewerk

Am nächsten Morgen rührte sich Dawes schon bei Sonnenaufgang. Er wickelte zuerst seine Darmsaiten auf einen Stock, dann brachte er seine schwachen Flöße nach dem kleinen Felsen hin, der eine Art von Landungsbrücke bildete. Nun nahm er einen größeren Stock und eine Angelleine und zeichnete in den Sand eine Art von Diagramm. Dies Diagramm stellte, als es fertig war, den rohen Umriß einer Art von Fahrzeug dar, acht Fuß lang und drei Fuß breit. In gewissen Entfernungen waren auf dem Diagramm acht Punkte gemacht, vier an jeder Seite, an welchen Stellen kleine Weidenruthen in den Sand getrieben waren. Dann weckte er Frere und zeigte ihm das.

»Holen Sie acht Stämme von der Selleri-fichte. Sie können sie abbrennen, wenn Sie sie nicht schneiden können und stecken Sie sie an die Stelle dieser Weidenruthen in den Sand. Wenn Sie das gethan haben, sammeln Sie so viele Weiden wie möglich. Ich werde nicht vor Abends spät zurück sein. – Nun helfen Sie mir, die Flöße ins Wasser bringen.«

Frere sah am Ufer, daß Dawes sich auskleidete, seine Kleider auf den ausgestopften Ziegenbalg legte, sich selbst auf die Rohrbündel ausstreckte und nun mit den Händen Schwimmbewegungen machend, von der Küste abstieß. Die Kleider schwammen hoch und trocken, aber das Schilf, von dem Gewicht des Körpers niedergedrückt, sank so, daß nur der Kopf des Deportierten über Wasser blieb. In dieser Art erreichte er die Mitte des Stromes und abnehmende Fluth nahm ihn hinab nach der Mündung der Bai.

Frere bewunderte das Alles höchst widerwillig und ging zurück, um das Frühstück zu bereiten. Sie waren jetzt, auf halbe Rationen gesetzt. Dawes hatte ausdrücklich untersagt, daß die geschlachtete Ziege gegessen werden sollte, wenn etwa sein Unternehmen ohne Erfolg sein sollte.

Frere dachte über die merkwürdige Fügung nach, die ihnen diesen Deportierten zugeführt hatte.

»Die Pfaffen würden es ein Werk der Vorsehung nennen,« sagte er zu sich selbst. »Denn, wenn er nicht gewesen wäre, so hätten wir nie so weit kommen können. Wenn sein Boot gelingt, dann kommt Alles zurecht. Er ist ein kluger Kerl! Ich möchte nur wissen, wer er ist.«

Dann ließ ihn sein Geschäft als Deportierten-Kommandeur darüber nachdenken, wie gefährlich es sein möge diesen Menschen auf seiner Station zu haben. Es mußte schwer sein, einen Menschen zu beaufsichtigen, der so viele Hilfsquellen besaß.

»Sie werden ihm tüchtig aufpassen müssen, wenn sie ihn wieder fassen,« dachte er. »Ich werde schöne Geschichten von seiner Geschicklichkeit zu erzählen haben.«

Dann kam ihm die Unterhaltung vom vorigen Abend wieder in den Sinn. »Ich versprach, um freien Urlaub für ihn zu bitten, aber er wollte nichts davon hören. Zu stolz, um ihn aus meinen Händen anzunehmen. Wie niederträchtig unverschämt diese Kerls gleich durch einige Freiheit werden. Warten Sie, bis wir zurück sind! Ich werde ihn seine Stellung kennen lehren, – denn er arbeitet doch eben so gut für seine Freiheit wie für die meine – für die unsre, meine ich.« – Dann fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, der seiner würdig war.

»Wenn wir nun das Boot nähmen, und ihn zurückließen!« Dieser Gedanke schien so fürchterlich schlecht, daß er unwillkürlich lachte.

»Was gibt’s, Mr. Frere?«

»O, bist Du es, Sylvia? Ha, ha, ich dachte an etwas sehr Lustiges.«

»So,« sagte Sylvia, »das freut mich. Wo ist Mr. Dawes?«

Frere war ärgerlich über den Eifer, mit dein sie diese Frage stellte.

»Du denkst immer an diesen Menschen. Man hört nichts als Dawes, Dawes, Dawes, den ganzen Tag lang. Er ist fort.«

»Ach,« sagte sie traurig. »Mama wollte ihn sprechen.«

»Weshalb?« fragte Frere rauh.

»Mama ist krank, Mr. Frere.«

»Dawes ist kein Doktor. Was fehlt ihr?«

»Sie befindet sich schlechter als gestern. Ich weiß nicht, was ihr fehlt.«

Frere, etwas beunruhigt, ging nach der kleinen Hütte.

Die Frau des Kommandanten war in sonderbarer Lage. Die Hütte oder Höhle war hoch, aber schmal. Die Form war dreieckig und zwei Seiten waren offen. Die Erfindungsgabe von Rufus Dawes aber hatte diese Seiten mit Korbgeflecht geschützt, das fest mit Thon verklebt war. Eine Art von Thür aus geflochtenen Zweigen hing an der einen Seite. Diese Thür aufstoßend, trat Frere ein. Die arme Frau lag auf einem Lager von Schilf, das über Blätter und junge Zweige gestreut war und stöhnte leise. Von Anfang an hatte sie die Entbehrungen, denen sie unterworfen war, sehr schwer getragen und die geistige Aufregung, in der sie lebte, vermehrte natürlich ihre physischen Leiden. Die Erschöpfung, die sich bald nach der Ankunft von Dawes zeitweise bei ihr einstellte, hatte sie jetzt so vollständig ergriffen, daß sie gänzlich unfähig war, aufzustehen.

»Ermannen Sie sich, Mrs. Vickers,« sagte Frere mit angenommener Heiterkeit, – »in ein oder zwei Tagen ist Alles überwunden.«

»O, Sie sind es! Ich schickte nach Mr. Dawes.«

»Er ist fort. Ich mache jetzt ein Boot. Hat Sylvia es Ihnen nicht erzählt?«

»Sie sagte mir, daß er es mache.«

»Ja, ich – das heißt – wir machen es. Er wird heute Abend noch zurückkehren. Kann ich etwas für Sie thun?«

»Nein, ich danke sehr. Ich wollte nur hören, wie er damit weiter käme. Ich muß bald fort, wenn ich überhaupt noch fortkommen soll. – Danke, Mr. Frere, Sie sind sehr gütig. Dies ist ein schrecklicher Platz, um Besuche zu empfangen, nicht wahr?«

»Das ist ganz gleich,« sagte Mr. Frere, »Sie werden in wenigen Tagen in Hobart Town zurück sein. Wir werden sicher von einem Schiff aufgefunden werden. Aber Sie müssen heiter werden. Wollen Sie etwas Thee trinken, oder irgend etwas genießen?«

»Nein ich danke. Ich bin nicht wohl genug, um essen zu können. Ich bin so müde.«

Sylvia fing an zu weinen.

»Weine nicht, Liebe, ich werde bald besser sein. O, ich wünschte, Mr. Dawes wäre zurück!«

Maurice Frere ging empört hinaus. Dieser Mr. Dawes war Alles und er war Nichts. Sie können immer ein wenig warten. Den ganzen Tag lang, dachte er bei der harten Arbeit, die er nach des Deportierten Anordnung that, nach, wie er den Spieß umkehren könne. Er wollte Dawes der Gewaltthat anklagen. Er wollte fordern, daß man ihn als einen Ausreißer behandle. Er wollte darauf bestehen, daß er nach dem Buchstaben des Gesetzes gerichtet werde und daß er den Tod erleiden müsse, der Allen, welche sich von einer Strafkolonie entfernten, bevorstand. Doch; wenn sie wirklich richtig zurückkämen, so würde doch er bewundernswerthe Muth und die Klugheit und Erfindungsgabe des Gefangenen sehr stark zu dessen Gunsten sprechen. Die Frau und das Kind würden Zeugniß geben von seinem Zartgefühl und seinem Geschick und sich für ihn verwenden. Wie er selbst gesagt hatte, verdiente der Deportierte die Begnadigung. So brütete der niedrige, schlechte Mensch in verwundeter Eitelkeit und unbestimmter Eifersucht über den Mitteln, um dem Gefangenen das Verdienst des Entkommens zu entreißen und sich zuzuwenden, denn dieser Mann hatte gewagt, sein Nebenbuhler zu sein und so wollte er ihm jede Hoffnung auf Befreiung nehmen.

Rufus Dawes, der sich mit dem Strom hatte treiben lassen, landete auf der Ostküste der Bat, da wo die Lootsenstation auf der jenseitigen Küste in Sicht kam. Er landete in einer kleinen, sandigen Bucht, zog sein Floß an Land und packte aus seinen Kleidern ein Stück Brod aus. Nachdem er sehr bescheiden davon gegessen hatte, trocknete er sich in der Sonne, steckte die Ueberreste seines Frühstücks fort und brachte sein Floß wieder in’s Wasser. Die Lootsenstation lag in einiger Entfernung unterhalb an der jenseitigen Küste. Er hatte absichtlich diesen Punkt gewählt, der ihm eine so vortheilhafte Lage gewährte, denn wäre er im rechten Winkel herübergeschwommen, so hätte er dem Strom nicht widerstehen können, der ihn wohl in die See geschwemmt hätte. Schwach wie er war, verlor er auch jetzt fast seinen Halt auf dem Schilfbündel. Das dicke Bündel zeigte dem Strom eine zu große Breitseite, wirbelte vielmals herum und ein oder zwei Mal ging es beinahe unter. Endlich erreichte er athemlos und erschöpft das jenseitige Ufer, jedoch wohl eine halbe Meile unterhalb des Punktes, den er versucht hatte zu erreichen. Er brachte schnell seine Flöße außerhalb des Bereiches der Fluth und machte sich nun auf, um über den Hügel zu wandern und die Lootsenstation zu erreichen. Um Mittag kam er dort an und machte sich an’s Werk, seine Schlingen zu legen. Die Ziegen, mit deren Häuten er den Korakel zu bekleiden dachte, waren zahlreich und ziemlich zahm, so daß er zu allen Anstrengungen von Neuem sich ermuthigt fühlte. Er prüfte sorgfältig die Spuren der Thiere und fand, daß sie alle an derselben Stelle zusammen kamen, in der Nähe des Wassers. Mit vieler Mühe schnitt er Büsche ab, so daß er den Weg nach dem Wasserloch von allen Seiten versperrte und nur an der Seite offen ließ, wo die Spuren zusammentrafen. Dicht am Wasser und längs der Spuren streute er in ungleichen Zwischenräumen das Salz aus, das er aus seiner einfachen Seewasser Destillation gewonnen hatte. Zwischen diesem ausgestreuten Salz und den Punkten, auf denen er erwartete, daß die Thiere herankommen würden, legte er seine Schlingen, die auf folgende Weise gemacht Waren.

Er nahm mehrere biegsame Aeste von jungen Bäumen, pflückte die Blätter und kleinen Aeste ab, grub mit seinem Messer und dem rohen Ruder, das er sich für die Reise über den Seearm gemacht hatte, eine Reihe von Löchern, ungefähr einen Fuß tief. Am dickeren Ende der Ruthen befestigte er mit einem Ende Angelleine ein kleines Kreuz, das lose daran hing, etwa wie der Griff, den ein Schuljunge an keinem Kreiselbindfaden befestigt. Die Enden der Ruthe zog er nun in die Löcher und stampfte die Erde ringsum fest. Die Ruthen, die so an den kleinen Kreuzen eingeankert waren, standen ganz fest und konnte er sie nicht herausziehen. An die dünnen Enden der Ruthen band er sehr fest die Dornenschlingen, welche er mitgebracht hatte. Nun wurden die Ruthen doppelt gebogen und die Oberenden ebenso in der Erde befestigt, wie die dicken Enden. Dies war der schwierigste Theil der Arbeit, denn es war nöthig, ganz genau das Gewicht des Druckes ausfindig zu machen, das die gebogene Ruthe trotz ihrer Elasticität in der Stellung erhielt und doch bei starker Berührung der Drahtschlinge sie abspringen ließ. Nach vielen Versuchen wurde endlich dieses glückliche Mittel entdeckt und Rufus Dawes, nachdem er seine Schlingen durch Zweige verdeckt hatte, ebnete den vertretenen Sand mit einem Zweige und zog sich zurück, um die Wirkung seiner Anstrengungen zu beobachten.

Etwa zwei Stunden nachher kamen die Ziegen, um zu trinken. Es waren fünf Alte und zwei Junge und sie trabten ruhig dem Wasser zu. Rufus, der in seinem Versteck aufpaßte, sah bald, daß ein Theil seiner Mühe verloren war. Die Leitziege ging ganz ernsthaft in die Schlinge hinein, die sich ihr um den Hals legte und die gebogene Ruthe in die Höhe zog, welche zwischen ihren Beinen in die Luft sprang. Die Ziege stieß ein komisches Blöken aus und obgleich Leben und Tod an dem Erfolge hing, mußte Rufus doch lachen über die drolligen Bewegungen des verängstigen Thieres. Die andern Ziegen sprangen bei dieser plötzlichen Aufhebung ihres Führers eilig davon und in einer kleinen Entfernung fingen sich noch drei Ziegen. Rufus Dawes glaubte, da es nun Zeit sei, sich seines Preises zu versichern, obgleich noch drei seiner Schlingen unbesetzt waren. Er lief schnell zu der alten Ziege, das Messer in der Hand, aber ehe er sie erreichen konnte, riß die Schlinge, der alte Bursche schüttelte den bärtigen Kopf und machte sich in vollster Eile davon. Die Anderen indeß waren sicher gefangen und wurden getödtet. Der Verlust der Schlinge war zu verschmerzen, denn drei blieben unberührt und vor Sonnenuntergang hatte Rufus noch vier Ziegen gefangen. Die Schlingen sorgfältig ablösend und bewahrend, denn sie hatten guten Dienst gethan, zog er die Körper jetzt nach der Küste und begann, sie aus seine Flöße zu packen. Doch entdeckte er, daß das Gewicht zu groß war und daß das Wasser durch die Entfernungen zwischen den Reihen eindringend, das Schilfgras völlig durchnäßt hatte, so daß das Floß nicht mehr über Wasser blieb. Er war genöthigt, zwei Stunden damit zuzubringen, um die Haut mit solchem Material zu füllen wie er es finden konnte. Leichtes, krauses Seegras, welches das Wasser wie Heubündel an’s Ufer geschwemmt hatte, diente als vortrefflicher Ersatz für Gras. Er band nun seine Schilfbündel längs des Ziegenfellsackes fest und so gelang es ihm, eine Art von rauhem Kanoe zu machen, auf welchem die Körper sicher schwammen.

Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen und die Anstrengung der Arbeit hatte ihn ganz erschöpft. Doch wies er jeden Gedanken an Ruhe zurück, aufrecht gehalten durch die Aufregung seiner Aufgabe. Er schleppte seine müden Glieder längs er Bai hin und suchte die Müdigkeit durch neue Anstrengung zu verscheuchen. Die Fluth strömte jetzt herein und er wußte, daß es nothwendig war, die ferne Küste zu erreichen, während der Strom ihn begünstigte. Nach der Lootsen Station bei der Ebbe zu gelangen war ganz unmöglich. Wenn er jetzt bis zur Ebbe wartete, so mußte er noch einen ganzen Tag weiter auf dieser Küste zubringen und er konnte keinen Tag verlieren. Er schnitt einen langen, jungen Stamm ab und befestigte an das eine Ende das schwimmende Bündel. So zog er es bis zu einer Stelle, an der das Wasser der Bai gleich in große Tiefe abfiel. Es war eine klare Nacht und der aufsteigende Mond warf einen silbernen glitzernden Streifen über die See. Auf der andern Seite des Wassers lag Alles in tiefen violetten Hauch getaucht, welcher den kleinen Arm, von dem er diesen Morgen ausgegangen, ganz verbarg. Das Feuer der Ausgesetzten, welches hinter einem Felsen verborgen war, warf einen rothen Schein in die Luft. Die großen Wellen des Oceans, welche an die Klippen auf der Rhede sich brachen, füllten die Luft mit heiserem, dumpfen Murmeln und die steigende Fluth rieselte und klatschte mit melodischem Klange auf dem Sand. Er berührte das kalte Wasser und zog sich zurück. In dem Augenblick beschloß er zu warten, bis die ersten Morgenstrahlen jene schöne aber verrätherische See beleuchten würden. Aber da fiel ihm das hilflose Kind ein, das ohne Zweifel auf ihn wartete und nach ihm an der Küste ausschaute. Dieser Gedanke gab seinem erschöpften Körper neue Kraft. Er richtete seine Augen auf den Widerschein des Feuers, der über den dunkeln Baumgipfeln zu sehen war und ihre Gegenwart bezeichnete und stieß schnell das Floß vor sich in die See.

Die Schilfbündel unterstützten ihn vortrefflich, aber die Stärke des Stromes zog ihn fast unter das Wasser und einige Sekunden lang mußte er fürchten, genöthigt zu sein, seine Schatze aufzugeben. Aber seine Muskeln, gestählt in der harten Arbeit der Deportierten hielten diesen letzten Anprall aus und halb erstickt, mit keuchender Brust und erstarrten Fingern, behauptete er seine Lage.

Endlich trieb die Masse, aus den kleinen Strömungen an der Küste befreit, ruhig in dem Strome, der im silbernen Mondlicht hinüber führte. Noch einige Augenblicke, eine letzte Anstrengung und er näherte seine Ladung der Küste.

Rudernd und stoßend gelang es ihm die kleine Halbinsel zu umschiffen, die ihn noch von dem Feuer trennte und endlich, als seine steifen Glieder ihm schon fast den Dienst versagten und er mit der Fluth weiter getrieben wurde, fühlte er plötzlich festen Grund unter seinen Füßen. Die Augen öffnend, die er in der letzten verzweifelten Anstrengung geschlossen hatte, sah er, daß er grade unter dem Felsen gelandet war, hinter welchem das Feuer brannte. Es schien, als ob die Wellen, müde, ihn zu verfolgen, ihn grade da ans Ufer geworfen hatten, wo das Ziel seiner Wünsche lag. Zurückblickend, bemerkte er zum ersten Mal, wie groß wirklich die Gefahr gewesen, in der er sich befunden und er zitterte. Dann aber durchzuckte ihn ein Empfinden des Triumphes. »Warum war er so lange hier geblieben, da das Entkommen doch so leicht?« – Er zog die Körper der Ziegen über die höchste Wasserlinie auf den Strand und schritt nun dem Feuer zu. Die Erinnerung an die Nacht, da er sich zuerst dem Feuer genähert, beschäftigte ihn lebhaft und erhöhte seine freudige Stimmung. Was für ein andrer Mann war er jetzt. Als er das Ufer hinauf ging, sah er die Stäbe im Mondschein glänzen, die Frere auf sein Geheiß hatte schneiden müssen. Sein Offizier arbeitete für ihn! In einem Kopf allein lag das Geheimniß ihres Entkommens. Er, Rufus Dawes, der Gezeichnete, Entehrte, er allein konnte diese drei Menschen der Civilisation zurückgeben. Wenn er seine Hilfe verweigerte, mußten sie für immer in dem Gefängnis zurück bleiben, wo er so lange gelitten hatte. Jetzt war der Spieß umgekehrt. – Er war der Gefangenenwärter geworden. Er hatte das Feuer erreicht, ehe noch der einsam Wachende dort seine Fußtritte vernommen hatte. Rufus hielt seine Hände, sich wärmend vor das Feuer. Er verachtete fast den Mann, der ruhig zurück geblieben war. So hätte Frere gefühlt, wäre ihre Lage die umgekehrte gewesen.

Frere sprang erschreckt auf und rief: »Seid Ihr es! Ist Alles gelungen?«

Rufus Dawes nickte.

»Wie? Habt Ihr welche gefangen?«

»Dort unten am Felsen liegen sechs Ziegen. Morgen können Sie Fleisch essen zum Frühstück.« Das Kind kam bei dem Ton seiner Stimme aus der Hütte gelaufen. »O, Mr. Dawes! Ich bin ganz glücklich. Wir waren schon so verzweifelt, Mama und ich. Dawes hob sie auf und in ein fröhliches Lachen ausbrechend, ließ er sie hoch in die Luft springen. »Sage mir,« rief er, das Kind mit seinen noch nassen Armen hoch haltend, »was willst Du mir geben, wenn ich Dich und Mama sicher zurück bringe?«

»O freien Urlaub und Papa soll sie zu seinem Diener machen,« sagte Sylvia. Frere brach bei dieser Antwort in Lachen aus und Dawes setzte mit einem Gefühl des Erstickens das Kind auf die Erde und ging weiter. Das war in der That Alles, worauf er hoffen konnte. All sein Planen, all sein Muth und Trotzen der Gefahr würde ihm nichts weiter einbringen als den Schutz des hohen Herren, des Major Vickers. Sein Herz, das so voll von Liebe, von Selbstverläugnung, von Hoffnung auf eine schöne Zukunft war, mußte diese Gnade dafür hinnehmen. Er hatte ein Wunder von Geschicklichkeit und Kühnheit vollbracht und zu seiner Belohnung sollte er zum Diener gemacht werden, zum Diener derjenigen, die er gerettet. Aber was konnte ein Deportierter denn mehr erwarten? Sylvia sah, wie tief ihre unschuldige Hand das Eisen in die Wunde getrieben, die sie geschlagen.

»O Mr. Dawes, denken Sie daran, daß ich Sie immer lieben werde!« Doch der Deportierte, dessen augenblickliche Aufregung wohl vorüber, winkte ihr, zu gehen und sie sah wie er sich müde im Schatten eines Felsens in den Sand streckte.

Fünfzehntes Capitel.
Das Korakel

Am Morgen war Rufus Dawes zuerst bei der Arbeit und machte keine Anspielung auf die Scene des vorigen Abends. Er hatte schon eine der Ziegen abgehäutet und zeigte Frere, wie er bei der Andern zu Werke gehen müsse, »Schulden Sie den Leib auf bis zum Schlunde und am Bein herab bis zum Knie,« sagte er. »Ich brauche die Häute so viereckig wie möglich.« Nach anstrengender Arbeit hatten sie bis zur Frühstückszeit vier Ziegen gehäutet, die Eingeweide gereinigt und etwas von dem Fleisch gekocht. So hielten sie fast ein fröhliches Mahl. Da Mrs. Vickers noch leidend war, ging Dawes in die Hütte, um sie zu besuchen und schien wieder mit Sylvia Freundschaft geschlossen zu haben, denn als er heraus kam, hielt er des Kindes Hand in der seinen. Frere, der grade das Fleisch in lange Streifen schnitt, um es in der Sonne zu trocknen, sah dies und es ab seinem Haß und Aerger frische Nahrung. Doch ließ er sich nichts merken, denn er kannte das Geheimniß des Bootbaues noch nicht. Doch vor Mittag war er in das Geheimniß eingeweiht, das übrigens ein sehr einfaches war.

Rufus Dawes nahm zwei von den gradesten und längsten Selleri-Pinien, die Frere am vorigen Tage hatte schneiden müssen und splißte sie fest zusammen, die starken Enden nach außen. So stellte er einen gesplißten Stamm von etwa zwölf Fuß Länge her. Ungefähr zwei Fuß von jedem Ende schnitt er die jungen Bäume ein wenig ein, bis er die Enden aufwärts biegen konnte und da er sie so umgebogen hatte, befestigte er diese Enden durch Schlingen von Ziegenhaut. Die zusammengesplißten Bäume stellten jetzt einen heil eines Bootes da, Vordertheil, Kiel und Hintertheil eines Bootes in einem Stück. Dies wurde nun längs zwischen die Stäbe gelegt und dann vier junge Stämme, an zwei Stellen eingekerbt, von Stab zu Stab geführt, kreuzweise nach dem Kiel zugehend. Sie bildeten die Knie. Vier Stämme wurden jetzt von dem einen umgebogenen Ende des Kieles, das den Vordersteven vorstellte bis zu dem Hintersteven gelegt und befestigt. Zwei von ihnen lagen oben als Bord und zwei unten als Seitenquerhölzer. Jede Abtheilung wurde sehr fest mit Angelleinen zusammengebunden. Als das ganze Gerippe fertig war, wurden die ersten Stücke herausgezogen und da lag das Skelett eines Bootes auf dem Boden, acht Fuß lang und drei Fuß breit.

Frere, dessen Hände voll Blasen und wund waren hätte gern geruht, aber Dawes wollte nichts davon hören. »Wir müssen fertig werden,« sagte er, ohne an seine eigne Ermüdung zu denken, »die Häute werden trocken sein, wenn wir aufhören.«

»Ich kann nicht mehr arbeiten,« sagte Frere mürrisch. »Ich kann es nicht aushalten. Sie haben Muskeln von Eisen, – ich nicht.«

»Ich mußte arbeiten, wenn ich nicht mehr stehen konnte, Maurice Frere. Es ist wunderbar, was die Katze Einem für Kraft gibt. »Nichts als Arbeit ist gut, wenn die Muskeln schmerzen,« das sagten sie uns immer.«

»Gut, was soll jetzt geschehen?«

»Das Boot bekleiden. Da, setzen Sie das Fett auf zum Schmelzen und nähen Sie die Häute zusammen. Zwei und zwei, sehen Sie und dann jedes Paar am Halse. Da ist jetzt genug Darmseite.«

»Sprechen Sie nicht mit mir, als wäre ich ein Hund!« sagte Frere plötzlich. »Können Sie nicht höflich sein?«

Aber der Andre, der geschäftig an dem Boot arbeitete und die vorstehenden Enden abschnitt, antwortete nicht. Es ist möglich, daß er den ermüdeten Leutnant seiner Beachtung unwerth hielt. Eine Stunde vor Sonnenuntergang waren die Häute bereit und Rufus Dawes, der die Zwischenräume der Bootsrippen mit Akazienzweigen ausgeflochten hatte, zog die Felle jetzt darüber, die haarige Seite nach innen. Längs der Ränder bohrte er Löcher in die Felle und gedrehte Enden Haut hindurch ziehend, holte er die Häute bis aus den Bord. Jetzt blieb noch eine letzte Arbeit übrig. Den Becher in das geschmolzene Talg tauchend, verpichte er damit reichlich die Nähte der Häute. Das Boot, das umgekehrt da lag, sah aus wie eine ungeheure Walnussschale, mit rother, rauchender Thierhaut bedeckt oder wie der skalpierte Schädel eines Titanen.

»Da,« rief Dawes triumphierend, »nun zwölf Standen in der Sonne, um die Häute zu trocknen und das Boot schwimmt wie eine Ente.«

Der nächste Tag verging in kleineren Vorbereitungen. Das getrocknete Ziegenfleisch wurde so klein wie möglich zusammen gepackt. Das Rumfäßchen wurde mit Wasser gefüllt und Wassereimer wurden aus Theilen der Eingeweide gemacht. Rufus Dawes steckte, nachdem er sie mit Wasser gefüllt hatte, einen Spliß oben durch und drehte denselben um, wie ein Tourniquet. Auch schnitt er cylinderförmige Stücke Rinde ab, gab ihnen einen Boden von ähnlichen Material und verpichte die Nähte mit Gummi und Harz. So erlangte er vier ziemlich gute Eimer. Ein Ziegenfell war noch übrig und es wurde beschlossen, daraus ein Segel zu machen.

»Die Strömungen sind stark und wir können nicht viel mit den Rudern machen, die wir haben. Wenn wir Wind bekommen, kann das Segel unser Leben retten.« Es war unmöglich in das schwache Boot einen Mast einzusetzen, aber diese Schwierigkeit wurde durch eine sehr einfache Einrichtung überwunden. Quer durch das Schiff wurden zwei Hölzer gelegt und der Mast dazwischen mit Schlingen von roher Haut befestigt und noch mit vielen Knoten von Angelleinen versichert. Große Stücke Rinde wurden auf den Boden des Bootes gelegt und so ein fester Fußboden gebildet. Es war spät am Nachmittage des vierten Tages, als alle diese Vorbereitungen zu Ende waren und es wurde bestimmt, daß man den nächsten Morgen die Abfahrt wagen wolle. »Wir wollen bis zum Riff an der Küste entlang rudern und dann auf das Nachlassen der Fluth warten,« sagte Rufus Dawes. »Ich kann jetzt nichts mehr thun.«

Sylvia, welche auf einem kleinen Felsen in einiger Entfernung saß, rief sie jetzt an. Ihre Kräfte waren durch die frische Fleischnahrung wieder etwas gehoben und ihre kindliche Fröhlichkeit durch die Hoffnung auf Rettung neu belebt.

Das kleine, lebhafte Mädchen hatte sich Seetang um den Kopf geflochten und eine lange Ruthe als Zauberstab in der Hand haltend, an deren Ende sie einen Tuff Blätter gebunden hatte, stellte sie eine der Heldinnen ihrer Bücher dar.

»Ich bin die Königin der Insel,« sagte sie fröhlich, »und Sie sind meine gehorsamen Diener. Bitte, Sir Eglamour, ist das Boot fertig?«

»Ja, Eure Majestät,« antwortete Dawes.

»Dann wollen wir es ansehen. So, gehen Sie voran. Ich will von Ihnen nicht fordern, daß Sie Ihre Nase auf dem Boden reiben wie der Mann Freitag, denn das würde sehr unbequem sein. Mr. Frere, wollen Sie nicht mit- spielen?«

»O ja,« sagte Frere, der dem reizenden Blick nicht widerstehen konnte, der diese Worte begleitete. »Ich will spielen, was soll ich thun?«

»Sie müssen an dieser Seite gehen und sehr ergeben sein. Natürlich thun wir nur so, wissen Sie,« sagte sie mit schnellem Verständnis von Frere’s Hochmuth. »So, jetzt geht die Königin, umgeben von ihren Seenymphen an die Küste. Sie brauchen nicht zu lachen, Mr. Frere; natürlich sind Nymphen sehr verschieden von Ihnen, aber wir können das nicht ändern.«

So in dieser pathetisch lächerlichen Weise an den Strand marschierend, hielten sie bei dem Boot an.

»Also, das ist das Boot,« sagte die Königin, die so überrascht war, daß sie ganz ihre Würde vergaß.

»Sie sind ein wunderbarer Mann, Mr. Dawes!«

Rufus Dawes lächelte traurig.

»Es ist sehr einfach.«

»Nennen Sie das einfach?« sagte Frere, der in der allgemeinen Freude etwas von seinem mürrischen Wesen abgelegt hatte. »Bei Georg, ich nicht. Das heißt Schiffbauen!«

»Da ist kein großer Plan; Alles die reine, harte Arbeit!«

»Ja,« sagte Sylvia, »die reine, harte Arbeit, Alles von dem guten Mr. Dawes gethan!«

Und sie fing an, eine Art kindischen Triumphgesang zu singen und zeichnete dabei Linien und Buchstaben in den Sand, immer mit ihrem Scepter:

 
»Guter Mr. Dawes
Guter Mr. Dawes
Dies Alles hat gethan
Der gute Mr. Dawes!«
 

Maurice konnte seinen Spott nicht zurückhalten.

 
»He ho, Margret Doh
Verkauft ihr Bett und liegt auf Stroh!«
 

sang er.

»Guter Mr. Dawes!« wiederholte Sylvia. »Guter Mr. Dawes! Warum soll ich nicht so sagen? Sie sind recht häßlich, Sir. Ich will nicht mehr mit Ihnen spielen.«

Und sie ging längs des Strandes fort.

»Armes Kind!« sagte Rufus Dawes.

»Sie sprechen zu hart mit ihr.«

Frere hatte, seit das Boot fertig war, viel von seinem Selbstvertrauen wieder gewonnen. Die Civilisation war jetzt wieder in erreichbarer Nähe und er mußte nun die Autorität wieder gewinnen, zu der ihn seine gesellschaftliche Stellung berechtigte.

»Wenn man Sie sprechen hört,« sagte er, »sollte man denken, es sei nie zuvor ein Boot gebaut worden. Wenn dieser Waschkorb einer von meines Onkels alten Dreideckern wäre, könnte man nicht mehr davon machen. Beim Himmel,« fügte er mit rohem Lachen hinzu, ich müßte eigentlich ein natürliches Talent für’s Schiffbauen haben, denn wenn der alte Schuft nicht gestorben wäre, als er starb, dann wäre ich jetzt selbst ein Schiffbauer.«

Rufus Dawes wandte ihm den Rücken zu, als er sagte »starb« und schien sich mit dem Festmachen von irgend Etwas zu beschäftigen. Hätte der Andere sein Gesicht gesehen, so würde ihm dessen plötzliche Blässe ausgefallen sein.

»Ach,« fuhr Frere fort, halb zu sich selbst, halb zu seinem Gefährten, »das heißt Geld verlieren, nicht wahr?«

»Was meinen Sie?« sagte der Deportierte, ohne sich umzuwenden.

»Was ich meine? Nun, mein guter Kerl, ich hätte eine Viertel Million bekommen, aber der alte Rumpf, der sie mir hinterlassen wollte, starb, ehe er sein Testament ändern konnte und jeder Schilling kam an seinen ungerathenen Sohn, der seit Jahren nicht zu Hause gewesen war. So gehts zu in der Welt!«

Rufus Dawes, immer noch sein Gesicht verbergend, stöhnte auf wie in großem Erstaunen und sich dann fassend, sagte er mit harter Stimme: »Ein glücklicher Kerl – der Sohn!«

»Glücklich,« rief Frere mit einem Fluche. »Ja, er war glücklich. Aber er ist verbrannt im Hydaspes oder umgekommen und hat nie etwas von seinem Glück gehört. Nun hat seine Mutter das ganze Geld bekommen. Ich habe keinen Schilling davon gesehen.« Dann, wahrscheinlich ärgerlich, daß er so seiner Würde vergessen, ging er an’s Feuer und dachte vielleicht über den Unterschied nach, der zwischen Maurice Frere, dem Besitzer einer Viertel Million läge, der sich in der bestmöglichen Gesellschaft bewegte, Wagen und Pferde besäße, Preis-Fechten und Hahnenkampf mitmachen könnte – und dem Leutnant Frere, ohne einen Pfennig, ausgesetzt auf der öden Küste von Macquarie Harbour und als Schiffbauer einem fortgelaufenen Deportierten dienend.

Rufus Dawes war auch in Träume verloren. Er lehnte auf dem Bord des Bootes und blickte auf die See, die im Abendsonnengold funkelte. Aber er war sich dessen nicht bewußt, was er vor sich sah. Ganz ergriffen von dem, was er so eben über sein Vermögen gehört, flogen seine Gedanken ungefesselt zu den Scenen hin, die er vergebens zu vergessen zugesucht hatte. Er blickte weit, weit hinaus über das blitzende Meer, hinaus bis an das alte Haus in Hampstead, mit seinem wohlbekannten, düsteren Garten. Er malte sich aus, wie es sein würde wenn er die Freiheit wieder gewonnen hätte und diesem fürchterlichen Drucke entronnen, der nun schon so lange auf ihm lag. Er sah sich zurückkehren unter irgend einem wahrscheinlichen Grunde für eine langen Reisen, – er sah sich im Besitz der Reichthümer, welche sein waren, frei, reich, geachtet in der Welt, aus der er so lange verstoßen gewesen. Er sah seiner Mutter süßes, bleiches Gesicht, die Sonne des Hauses. Er sah sich selbst, empfangen mit Thränen der Freude und der lebe, in die Heimath einziehend, erstanden vom Tode. Ein neues Leben öffnete sich ihm strahlend und er war völlig verloren in der Betrachtung seines eigenen Glückes. So tief war er in Nachdenken versunken, daß er den leichten Tritt des Kindes auf dem Sande nicht hörte. Mrs. Vickers, die von dem Resultat gehört, das des Deportierten Arbeit endlich gekrönt hatte, überwand ihre große Schwäche und schleppte sich nach dem Strande herunter, um das Boot zu sehen. Sylvia ging voran und Mrs. Vickers lehnte sich auf Maurice Freres Arm.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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