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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 16

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»Mama will das Boot sehen, Mr. Dawes,« rief Sylvia.

Aber Dawes hörte nicht.

Das Kind wiederholte die Worte, aber der stille Mann rührte sich nicht.

»Mr. Dawes!« rief sie wieder und zog ihn am Aermel. Die Berührung erweckte ihn aus seinen Träumen. Er sah das süße, kleine Gesicht vor sich und immer noch dem Gedankengange folgend, der ihn frei, reich und geachtet darstellte, nahm er das Kind in seine Arme und küßte es, wie er wohl seine eigene Tochter geküßt hätte. Sylvia sagte nichts, aber Frere zog in seinem Sinn ganz andre Schlüsse über den Stand der Angelegenheiten und war empört über die Anmaßung des Mannes. Der Leutnant sah sich jetzt fast wieder eingesetzt in seine alte Stellung und mit Mrs. Vickers am Arm, fuhr er Dawes an über dessen anscheinende Unverschämtheit, wie er gethan haben würde, wären sie Beide in ihrer alten Stellung noch auf Maria Island gewesen. »Ihr unverschämter Bettler!« rief er. »Wie könnt Ihr Euch das unterstehen! Bleibt an Eurem Platze!«

Dies rief Rufus Dawes in die Wirklichkeit zurück. Seine Stellung war die eines Deportierten. Wie konnte er zärtlich sein gegen die Tochter seines Herren. Und doch war dies Wort nach Allem, was er gethan und was er noch zu thun Willens war. Er sah, wie die Beiden das Boot betrachteten, das er gebaut. Er bemerkte die Erregung der Hoffnung auf der bleichen Wange der armen Dame und sah wie die wieder beanspruchte Autorität Maurice Freres Blick härter gemacht. Da begriff er mit einem Male, wie Alles für ihn enden würde. Er hatte sich, durch seine eigene That wieder in Fesseln geschlagen. So lange das Entkommen unmöglich, war er nützlich, ja mächtig gewesen.– Nun er die Mittel zur Rettung geliefert, wurde er wieder zum Lastthier, wie zuvor. In der Wüste war er »Mr. Dawes, der Retter; im zivilisierten Leben wurde er wieder Rufus Dawes, der Schuft, der Gefangene, der Ausreißer. Er stand stumm da, als Frere das Boot nebst Inhalt erklärte und den wenigen Dankesworten der Dame fühlte er an, daß sie durch die Unzufriedenheit mit der Freiheit, die er sich gegen Sylvia genommen, beeinflußt waren. Er wandte sich kurz ab und ging hinauf in den Busch.

»Ein sonderbarer Kerl,« sagte Frere, als Mrs. Vickers dem Abgehenden mit den Augen folgte. »Immer übler Laune.«

»Der arme Mensch! Er hat sich gut gegen uns betragen,« sagte Mrs. Vickers. Aber auch sie fühlte die Veränderung in den Umständen und fühlte, daß ihr blindes Vertrauen in den Deportierten, der ihrer Aller Leben gerettet, in patronisirende Freundlichkeit sich gewandelt hatte, die nicht mit Achtung oder Zuneigung zu verwechseln war.

»Kommen Sie jetzt zum Abendbrot,« sagte Frere. »Das Letzte hoffe ich, das wir hier essen werden. Er wird wohl zurückkommen, wenn sein Anfall vorüber ist.«

Aber er kam nicht zurück und nach einigen Bemerkungen über seine Abwesenheit, vergaßen Mrs. Vickers und Sylvia fast in der Freude über die nahen Aussichten zur Rettung, daß er sie verlassen. Mit wunderbarer Leichtgäubigkeit heilten sie das Ziel fast schon für erreicht. Der Besitz des Bootes selbst war solch’ ein Wunder, daß die Gefahren der Reise fast ihrem Blicke verschwanden. Maurice Frere war fast glücklich, daß der Deportierte verschwunden. Er wünschte, derselbe möchte nie wiederkommen.

Sechzehntes Capitel.
Die Schrift im Sande

Als Rufus Dawes außer Sicht der undankbaren Geschöpfe war, die er beschützt und bewahrt hatte, warf er sich in Wuth und Kummer auf den Boden. Zum ersten Mal seit sechs Jahren hatte er das Glück genossen, Gutes zu thun und Selbstverleugnung zu üben. Zum ersten Mal seit sechs Jahren hatte er den Menschenhaß abgelegt, den er sich selbst gelehrt. Zum ersten Mal seit der Zeit hatte er seine eignen Wünsche denen Anderer untergeordnet. Und dies war seine Belohnung. Er hatte seine Leidenschaften im Zügel gehalten, um Andere nicht zu beleidigen. Er hatte die bittere Erinnerung an seine Erniedrigung verbannt, damit kein Schatten davon auf das schöne Kind fallen sollte, dessen Schicksal so merkwürdig mit dem Seinen verbunden war. Er hatte seine Qualen unterdrückt, damit die Andern, welche Mitgefühl für ihn zu haben schienen, nicht schmerzlich davon berührt würden. r hatte sich jeder Wiedervergeltung enthalten, als Wiedervergeltung süß für ihn gewesen wäre. Seit Jahren und Jahren hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, seine Verfolger zu strafen und als ein ganz unerwarteter Zufall ihm die Waffe der Vernichtung in die Hand gegeben, da hielt er die Hand davon zurück. Er hatte sein Leben gewagt, seine Feindschaft begraben, seine Natur fast geändert und nun wurde ihm der Dank in Form von kalten Blicken und harten Worten in dem Augenblick, als sein Geschick und sein Muth ihnen den Weg zur Freiheit gebahnt hatten. Und diese Einsicht war ihm in dem Augenblick geworden, als er die Nachricht von seinem Vermögen erhielt, als diese staunenswerthe Neuigkeit noch in ihm nachklang. Er knirschte mit den Zähnen vor Wuth über sein furchtbares Schicksal. Durch das Band der reinsten und heiligsten Neigung, – der Liebe des Sohnes zur Mutter – gebunden, hatte er sich selbst zu einem socialen Tode verdammt, anstatt seine Freiheit und sein Leben durch ein Bekenntnis zu erkaufen, das Schande und Unheil über das sanfte Wesen bringen würde, das er liebte. Durch eine merkwürdige Reihe von Zufällen hatte das Geschick ihm geholfen, die Täuschung aufrecht zu erhalten, die er ausübte. Sein Vetter hatte ihn nicht erkannt. Das Schiff, in dem man ihn abgereist glaubte, war mit jeder Seele an Bord verloren gegangen. Seine Identität war völlig zerstört, – kein Glied blieb, das Rufus Dawes, den Deportierten mit Richard Devine, dem verschwundenen Erben der Reichthümer des verstorbenen Schiffbauers verbunden hätte.

O, wenn er nur Alles gewußt hätte. Wenn er nur in dem düsteren Gefängnis, in angstvoller Furcht verzweifelnd, durch die Gewalt der ihn bezichtigenden Umstände erdrückt, geahnt hätte, daß der Tod zwischen Sir Richard und seine Rache getreten! Dann hätte er sich nicht zu opfern brauchen. Er war vor Gericht gestellt und verurtheilt als ein namenloser Schiffer, der keine Zeugen zu seiner Vertheidigung aufrufen, keine Einzelheiten über seine frühere Lebensgeschichte vorbringen konnte. Es war ihm jetzt klar, daß er hätte dabeibleiben sollen, nichts von dem Morde zu wissen, daß er den Namen des Mörders verschweigen konnte und so frei bleiben. Richter sind gerecht, aber die Volksmeinung ist mächtig und es wäre wohl möglich, daß Richard Devine, der Millionär dem Schicksal entgangen wäre, das Rufus Dawes, den Schiffer getroffen hatte. In seine wilden Berechnungen im Gefängnis, als er dort halb wahnsinnig vor Liebe, Schmerz und Verzweiflung gelegen, hatte der Gedanke nie eine Stelle gefunden, daß er gerade damals alle Reichthümer des Vaters geerbt, der ihn verstoßen hatte. Die Kenntnis dieser einen Thatsache würde seinen ganzen Lebenslauf geändert haben und nun sie zu seinen Ohren kam, war es – zu spät.

Jetzt lag er bewegungslos auf dem Sande, – dann wanderte er ziel- und zwecklos auf und ab unter den niedrigen Bäumen, die hell in dem von Nebelwolken umgebenen Monde glänzten. Er saß, wie er so oft im Gefängnis gesessen hatte, den Kopf in die Hände gelehnt und seinen Körper hin und herwiegend. So dachte er über das fürchterliche Loos seines Lebens nach. Die Erbschaft, die ihm zugefallen, war ihm von wenig Nutzen. Ein Flüchtling, dessen Sünde durch hatte Arbeit schwielig geworden, dessen Rücken die Narben der Peitschenhiebe trugen, konnte nicht mehr unter den fein Erzogenen leben. Wie, wenn er nun seine Rechte und seinen Namen beanspruchte? Er war ein Deportierter Verbrecher, dem das Gesetz Name und Rechte genommen. Wenn nun Maurice Frere erzählte, daß er sein verlorener Vetter sei. Er würde verlacht werden! Wenn er laut seine Geburt und Unschuld verkündete, würden die Deportierten nur grinsen und die Aufseher ihn nur zu härterer Arbeit anhalten. Und selbst wenn man schließlich seine unwahrscheinliche Geschichte glaubte, «– was würde geschehen? Wenn man nun in England nach Jahren hörte, daß ein Deportierter in Ketten aus Macquarie Harbour, ein Mann, der für einen Mörder galt und dessen ganzes Leben in der Strafkolonie eine lange Reihe von Meuterei und Bestrafung aufwies, jetzt Anspruch machte, der Erbe eines englischen Vermögens zu sein und nun dies Recht geltend zu machen, würdige und angesehene Engländer aus Rang und Vermögen zu entfernen, wie endlich würde man solche Ankündigung aufnehmen? Gewiß nicht mit dem Wunsch, diesen Schuft aus einen Banden zu erlösen und ihn auf den Ehrenplatz seines verstorbenen Vaters zu setzen. Solche Nachricht würde als ein Unheil, als ein Flecken auf gutem Ruf, eine Unehre für einen reinen und geehrten Namen angesehen werden. Wenn es ihm nun Alles gelänge, wenn er zurückkehrte zu der Mutter, die sich jetzt vielleicht schon an den Verlust gewöhnt hatte, so würde er doch für sie nur eine lebende Schmach gewesen sein, kaum weniger schwer zu tragen, als die, welche sie zu fürchten gehabt.

Ein Erfolg war fast unmöglich. Er wagte nicht den Weg zurückzugehen, den er, ein scheußliches Labyrinth, bis hierher gegangen war. Sollte er seine narbigen Schultern eigen als Beweis, daß er unschuldig und ein Gentleman sei? Sollte er die Scheußlichkeiten von Macquarie Harbour aufdecken als Grund dafür, daß er einen Anspruch hätte, als geachteter Gast an den Tischen vornehmer Leute zu sitzen. Sollte er die fürchterliche Sprache und die schmutzigen Späße anführen, die in den Schuppen und an der Kette gebraucht wurden, um sich als passender Gefährte für reine Frauen und unschuldige Kinder zu zeigen?

Und selbst vorausgesetzt, daß es ihm gelingen sollte, sich für schuldlos an dem Verbrechen auszuweisen und doch den Namen des wirklichen Verbrechers zu verbergen, so würde doch aller Reichthum der Welt ihm die gesegnete Unkenntnis des Bösen nicht zurückkaufen, die er einst besessen. Aller Reichthum der Welt würde nicht die Selbstachtung ihm wieder verschaffen, welche die Peitsche ihm genommen oder aus seinem Gedächtnis die Erinnerung an seine Erniedrigung verwischen. Stundenlang verfolgten ihn diese Gedanken. Er schrie auf, wie im Schmerz oder lag da, wie betäubt von heftigen Leiden. Es war hoffnungslos an Freiheit und Ehre zu denken. Er mußte schweigen und das Leben weiter erdulden, wie es das Schicksal ihm vorgezeichnet hatte. Er wollte in die Knechtschaft zurückkehren. Das Gesetz würde ihn als Ausreißer behandeln und ihm dafür die passende Strafe zuschreiben. Vielleicht würde man ihm die schwerste Strafe erlassen, dafür, daß er sich bemüht hatte, das Kind zu retten. Er konnte sich glücklich preisen, daß ihm Solches gestattet,war. Glücklich! —

Wenn er« nun gar nicht zurückginge, sondern in die Wildniß wanderte und stürbe? Besser noch immerhin der Tod als solch’ ein Schicksal. Doch mußte er sterben? Er hatte Ziegen gefangen, er konnte Fische fangen, er konnte eine Hütte bauen. Vielleicht war auf der verlassenen Niederlassung noch etwas Saatkorn zu finden, das er säen konnte und das ihm später Brot geben würde. Er hat ein Boot gebaut, einen Ofen und eine Hütte! Gewiß konnte er allein leben, ein wildes, aber freies Leben. Allein! Er hatte alle diese Wunder allein vollbracht. Lag nicht das Boot, das er gebaut, unten an der Küste? Konnte er nicht darin entkommen und die elenden Geschöpfe, die ihn so undankbar behandelten, ihrem Schicksal überlassen?

Dieser Gedanke durchflog plötzlich seinen Kopf, als wenn Jemand ihm diese Worte in’s Ohr geflüstert hätte. Zwanzig Schritte und er konnte sich im Besitz des Bootes setzen und eine halbe Stunde Treiben mit dem Strome so wäre er sicher vor jeder Verfolgung. Einmal außerhalb des Riffs wollte er nach Westen halten, um einem Wallfischfahrer zu begegnen. Unzweifelhaft würde er einen antreffen ; auch war er ja wohl versehen mit Lebensmitteln und Wasser. Eine Erzählung vom Schiffbruch würde die Schiffer ja befriedigen, – doch – er hielt an – die Lumpen, welche er trug, würden ihn verraten. Mit einem Ausruf der Verzweiflung sprang er auf. Er streckte seine Hände aus und seine Finger berührten etwas Weiches. Er hatte neben einigen losen Steinen gelegen die neben einem Busch aufeinander gehäuft waren. Der Gegenstand, welchen er berührte, ragte etwas unter den Steinen hervor. Er faßte es und zog es heraus. Es war das Hemde von dem armen Bates. Mit zitternden Händen packte er die Steine ab und fand die andern Kleider von Bates. Es schien, als ob sie besonders für ihn dort hingelegt seien. So hatte ihm der Himmel auch gerade die Verkleidung gesandt, deren er bedurfte.

Die Nacht war während seiner Träumereien vergangen und die ersten Streifen des Tageslichts zeigten sich am Himmel. Eingefallen und blaß erhob er sich und kaum wagend, an sein Vorhaben zu denken, lief er nach dem Boot.

Als er so lief, sprach die Stimme, die er schon früher zu hören meinte, ermutigend zu ihm: »Dein Leben ist wichtiger als das Ihre. Sie werden sterben, aber sie sind undankbar und haben es verdient. Du wirst diese Hölle verlassen und an das liebevolle Herz zurückkehren, das Dich betrauert. Du kannst der Menschheit mehr Gutes thun, als daß Du das Leben der Leute rettest, die Dich verachten. Uederdies sterben sie vielleicht nicht. Gewiß werden sie abgeholt. Denke daran, was Dich erwartet, wenn Du zurückkehrst, als ein entflohener Sträfling!« Er war nur noch drei Fuß von dem Boot entfernt, als er plötzlich inne hielt und bewegungslos da stand, auf den Sand starrend, als ob er die Schrift sähe, die das Schicksal Belsazars vorher verkündigte! Sein Auge traf die Worte, die Sylvia am vorhergehenden Abend in den Sand geschrieben. Die so eben aufgehende Sonne warf helle Strahlen auf den Sand und es war ihm, als hätte sie die Worte, die er las, plötzlich gebildet.

»Guter Mr. Dawes.«

Guter Mr. Dawes! Was für ein fürchterlicher Vorwurf für ihn in diesen drei Worten! Was für Grausamkeit, Feigheit und Niedrigkeit zeigten ihm plötzlich diese zwölf Buchstaben! Er schien die Stimme es Kindes zu hören, das ihn gepflegt hatte und ihn jetzt anrief, sie zu retten. Es war ihm, als ob Sylvia zwischen ihm und dem Boot stände, – gerade wie in jener Nacht, da sie ihm das Brot am Feuer reichte.

Er schwankte nach dem Felsen hin, wo Frere schlief, schüttelte ihn an der Schulter und schrie: »Auf, auf; – wir wollen fort!«

Frere aufspringend sah das weiße Gesicht und die blutunterlaufenen Augen des Unglücklichen vor sich mit stummen Erstaunen an.

»Was fehlt Euch, Mann?« sagte er. »Ihr seht ja aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen!«

Bei dem Ton seiner Stimme, seufzte Rufus Dawes tief auf und wischte sich die Hand über die Augen.

»Komm Sylvia,« rief Frere, »es ist Zeit aufzustehen. Wir sind bereit!«

Das Opfer war vollständig.

Der Deportierte wandte sich ab und zwei große Thränen flossen über seine Wangen und fielen in den Sand.

Siebzehntes Capitel.
Auf See

Eine Stunde nach Sonnenaufgang trieb das schwache Boot, die einzige Hoffnung der vier menschlichen Wesen mit dem Strome hinaus nach der Mündung der Bai. Als das Boot in’s Wasser gelassen wurde, ging es beinahe unter, weil es zu stark geladen hatte und man mußte einen großen Theil des getrockneten Fleisches zurück lassen. Mit welchem Schmerz dies geschah, kann man sich denken, denn jedes Atom Nahrung stellte eine Stunde längeren Lebens für sie dar. Doch half es nichts. Wie Frere sagte, ging es um Kopf und Kragen. Sie mußten auf alle Fälle fort.

Am Abend hielten sie an der Mündung der Bai, denn Dawes fürchtete, über das Riff zu gehen, ehe die Fluth anfing zu sinken und etwa um zehn Uhr Abends gingen sie über das Riff.

Die Nacht war lieblich und die See ruhig. Es schien, als ob die Vorsehung selbst Mitleid mit ihnen habe, denn trotz der Unsicherheit des Bootes und der Heftigkeit der Wellen, kamen sie sicher hinaus. Ein Mal, als sie grade in der Brandung waren, wogte eine mächtige Welle hoch fast über ihnen auf und drohte sie in die Tiefe zu versenken. Aber Rufus Dawes hielt das Boot geschickt gegen die See und während Frere mit seinem Hute das Wasser ausschöpfte, kamen sie glücklich in ruhiges Wasser. Doch geschah ein großes Unglück. Zwei von den Rindeneimern, die aus unverzeihlichem Versehen nicht befestigt waren, wurden über Bord gewaschen und mit ihnen beinahe ein Fünftel von ihrem schmalen Wasservorrath. Angesichts der größeren Gefahr schien dieser Unfall nur gering zu ein und als sie, durchnäßt und frierend die offene See erreichten, konnten sie sich nur gestehen, daß sie fast wunderbar behütet worden waren. Mit ihren Rudern hatten sie nur mühsam eine geringe Entfernung zurückgelegt, da sprang eine leichte Brise auf und sie konnten das Ziegenfellsegel ausziehen und nun die Küste entlang fahren. Es war beschlossen worden, daß die Männer abwechselnd wachen sollten und Frere ließ seine Autorität zum zweiten Mal merken, als er Rufus Dawes befahl, jetzt Wache zu halten, denn er sei müde und wolle schlafen. Rufus hatte seit zwei Nächten nicht geschlafen und hatte all die schwere Arbeit gethan, aber er sagte nichts. Er hatte seit den letzten zwei Tagen so viel gelitten, daß er fast unempfindlich geworden war.

Frere schlief bis spät in den Nachmittag und als er erwachte, fand er das Boot noch auf offener See treibend, und Sylvia und ihre Mutter seekrank. Er war darüber ganz verwundert, denn Seekrankheit war etwas, das der Civilisation angehörte. Die großen grünen Wogen betrachtend, welche zwischen ihnen an dem Horizont ausstiegen, dachte er daran, wie wunderbar alle Ereignisse gekommen waren. Ein Blatt war aus seiner Lebensgeschichte ausgerissen. Es schien ihm ein ganzes Menschenalter zu sein, seit er nichts gethan hatte, als die Küste und die Wellen beobachten. Aber am Morgen, ehe sie die Niederlassung verlassen, hatte er die Kerben an seinem Kalenderstock gezählt und zu seinem Erstaunen ausfindig gemacht, daß nur zweiundzwanzig Tage vergangen waren. Er zog sein Messer und machte zwei Kerben in den Bord des Bootes, – das machte vier und zwanzig Tage. Die Meuterei hatte stattgefunden am 13. Januar. Jetzt war also der 6. Februar. »Gewiß,« dachte er bei sich, »könnte jetzt schon die Ladybird zurück sein.« Unglücklicher Weise konnte ihm Niemand sagen, daß die Ladybird durch schlechtes Wetter nach Port Davey verschlagen und dort siebzehn Tage zurückgehalten war.

In der Nacht ließ der Wind nach und sie mußten zu den Rudern greifen. Nachdem sie die ganze Nacht gerudert hatten, fanden sie, daß ihr Fortschritt nur sehr gering gewesen und Rufus Dawes schlug vor, sie wollten landen und an der Küste eine Brise abwarten. Als sie aber unter Lee vor einer langen Reihe Basaltfelsen kamen, die steil aus der See ausstiegen, fanden sie, daß die Wellen sich so wüthend über einem Riff von fünf bis sechs Meilen Länge brachen, daß ihnen nichts übrig blieb, als in See zu bleiben und längs der Küste hinzufahren.

Sie fuhren so zwei Tage lang, ohne ein Segel zu sehen. Am dritten Tage hob sich ein starker Wind aus Südosten und sie wurden dreißig Meilen zurückgetrieben. Das Boot begann zu lecken und mußte fortwährend ausgeschöpft werden. Das Schlimmste war, daß das Rumfäßchen auch leck geworden und sie so den größten Theil ihres Wasservorrathes verloren hatten. Es war halb leer. Sie besserten es aus, indem sie das Leck ausschnitten und mit Linnen verstopften.

»Es ist ein Glück, daß wir nicht in den Tropen sind,« sagte Frere mit einer Art von verzweifeltem Trost.

Die arme Mrs. Vickers, die im Boot lag, in ihr nasses Shawl eingehüllt und in dem kalten Winde zitternd, hatte nicht den Muth, zu antworten. Gewiß konnte die erstickende Windstille der Tropen nicht schlimmer sein als diese düstere, öde See.

Die Lage der armen Menschen fing an, verzweifelt zu werden. Mrs. Vickers schien ganz erschöpft zu sein und es war augenscheinlich, daß wenn nicht bald Hilfe käme, sie nicht mehr lange den Widrigkeiten des Wetters Stand halten würde. Das Kind war etwas besser darein. Rufus Dawes hatte ihr noch sein wollenes Hemde angezogen und ohne daß es Frere bemerkt ihr die Hälfte seiner Fleischration gegeben. Sie lag Nachts in seinen Armen und nistete sich am Tage dicht bei ihm ein, um Schutz zu haben. So lang sie bei ihm war, kam sie sich ganz sicher vor. Sie sprachen wenig mit einander, aber wenn Rufus den Druck ihrer kleinen Hand fühlte oder das Gewicht ihres Kopfes auf seiner Schulter, so vergaß er die Kälte, die ihn durchschauerte und den Hunger, der an ihm nagte.

So vergingen zwei Tage und noch immer kein Segel. Am zehnten Tage nach ihrer Abreise von Macquarie Harbour; waren ihre Vorräthe zu Ende. Das Salzwasser hatte das Ziegenfleisch ganz verdorben und das Brot in einen ekelhaften Teig verwandelt. Der Wind war ziemlich stark, hatte sich nach Norden gedreht und blies mit erneuter Heftigkeit. Die lange, niedrige Küstenlinie, welche sich zu ihrer Linken ausdehnte, war zuweilen ganz von blauem Nebel verdeckt. Das Wasser hatte eine Schmutzfarbe und der Himmel drohte Regen. Das elende Boot, dem sie sich anvertraut, leckte an vier Stellen. Wenn einer der Stürme sie überfallen, wie er so oft an dieser eisenumgürteten Küste herrschte, so hätten sie keine Stunde mehr leben können. Die beiden Männer, müde, hungrig und erfroren, hofften fest auf das Ende. Um ihren Kummer zu erhöhen, wurde Sylvia von Fieber ergriffen. Sie war bald heiß, bald kalt und in der Zwischenzeit stöhnte sie und redete irre. Rufus Dawes, der sie in seinen Armen hielt, bewachte ihr Leiden, das er nicht lindern konnte, mit Verzweiflung in seinem Herzen. Sollte sie dennoch sterben?

So vergingen wieder ein Tag und eine Nacht und der elfte Morgen fand das Boot immer noch auf der See. Die vier Unglücklichen lagen völlig erschöpft darin. Plötzlich stieß Dawes einen Schrei aus und das Segel ergreifend, gab er dem Boot die Richtung nach See zu. »Ein Segel, ein Segel!« schrie er. Sehen Sie es nicht!« Frere’s gieriger Blick prüfte den Horizont.

»Es ist kein Segel zu sehen, Ihr Narr,« sagte Frere. »Ihr spottet!«

Das Boot lief jetzt gerade nach Süden hinaus in das große Südmeer. Frere versuchte, das Steuer aus der Hand des Sträflings zu winden und das Boot auf seinen alten Curs zu bringen. »Seid Ihr toll, uns in die See hinaus zu nehmen?«

»Seht Euch nieder,« sagte der Andere mit wildem Blick und drohender Geberde und ließ die Augen dann wieder über den Ocean schweifen. »Ich sage Euch, ich sehe ein Segel!«

Frere, eingeschüchtert durch das wilde Licht im Auge seines Gefährten, ging mürrisch auf seinen Platz zurück.

»Thut, wie Ihr wollt, Ihr Tollkopf. Mir ist recht geschehen, daß ich mich in solchem Teufelsboot auf See wagte.

Uebrigens war es ja ganz gleichgültig. Ebenso gut konnte man mitten in der See als an der Küste ertrinken.

Der lange Tag ging zu Ende und kein Segel war zu sehen. Der Wind wurde frischer gegen Abend und das schwerfällige Boot schwankte wie trunken von dem vielen Wasser, das es schluckte, hin und her. Die Küste war verschwunden und der endlose Ocean, stürmisch und drohend, wogte und brauste um sie herum. Es schien unmöglich für sie, noch bis zum nächsten Morgen zu leben. Aber Rufus Dawes, seine Augen starr in die Ferne gerichtet, als ob er etwas sähe, das allein für ihn sichtbar war, schaukelte das Kind in seinen Armen und steuerte das Boot immer tiefer hinein in Nacht und Graus. Für Frere war der Anblick dieses grimmigen, unbeweglichen Mannes, mit den schwarzen, fliegenden Haaren und den starren Augen etwas übernatürlich Schreckliches. Er glaubte, daß Entbehrung und Angst ihn wahnsinnig gemacht hatten.

Ueber sein Schicksal nachdenkend und schaudernd, fiel er, wie es ihm schien, in einen kurzen Schlaf aus dem er durch einen Ruf wieder geweckt wurde. Er fuhr in die Höhe mit zitternden Knien und gesträubten Haaren. Der Tag war angebrochen und der Morgenhimmel, ein langer, gelber Streifen lag zu ihrer Linken. Doch zwischen diesem gelben Streifen und dem Boot schimmerte ein weißer Fleck.

»Ein Segel, ein Segel!« schrie Rufus Dawes mit wildem Entzücken in den Augen und Zittern in der Stimme. »Sagte ich es nicht, daß ich ein Segel sah?«

Frere völlig bestürzt, blickte von Neuem hin und sah wieder den weißen Fleck.

Einen Augenblick fühlte er sich fast gerettet und dann erfaßte ihn grenzenlose Verzweiflung. Von der Entfernung, in der sich das Schiff befand, konnte es unmöglich das Boot bemerken.

»Sie werden uns niemals sehen,« rief er. »Dawes, Dawes! Hört Ihr? Sie werden uns nicht sehen!«

Rufus Dawes fuhr wie aus einem Traum auf. Das Segel an dem Stock befestigend, der als Mast diente, legte er das schlafende Kind neben seine Mutter und riß das Stück Rinde von dem Sitz ab, worauf er gesessen. Dann ging er hinten in’s Boot.

»Das müssen sie sehen! Reißt Alles ab. Nun legt es über die Stangen. Hackt die Enden ab! Nun das trockene Stück Weide! Denkt nicht an das Boot, Mann, – wir müssen es jetzt aufgeben. So reißt das Stück Haut ab. Das Holz darunter ist trocken. Schnell, Ihr seid so langsam.«

»Was thut Ihr,« schrie Frere entsetzt, als der Deportierte alles trockne Holz, das er finden konnte, abriß und auf dem Stück Rinde aufhäufte, das er auf die Spieren gelegt hatte.

»Ein Feuer machen! Seht!« Frere begann zu verstehen.

»Ich habe noch drei Schwefelhölzer,« sagte er, in seiner Tasche suchend. »Ich wickelte sie in ein Blatt von dem Buche, um sie trocken zu halten.«

Das Wort »Buch« war wie eine Eingebung. Rufus Dawes ergriff die »Englische Geschichte,« die schon so viel gedient hatte, riß die trockenen Blätter in der Mitte des Bandes heraus und fügte sie sorgfältig dem Scheiterhaufen zu.

»Nun weiter.«

Die Schwefelhölzer wurden angezündet und brannten. Das Papier fing Feuer und Frere, der tüchtig hineinblies, fachte es so an, daß auch die Rinde brannte. Er häufte auf das Feuer Alles was brennbar war, die Häute schrumpften zusammen und eine dicke Säule schwarzen Rauches stieg über dem Meer auf.

»Sylvia, Sylvia,« rief Rufus Dawes, »mein Liebling, Du bist gerettet.«

Sie öffnete ihre blauen Augen sah ihn an, gab aber kein Zeichen von Bewußtsein. Delirium war dem Fieber gefolgt und in der Stunde der Rettung hatte sie ihren Retter vergessen. Rufus Dawes, ganz überwältigt von diesem neuen Unglück, setzte sich hinten in das Boot, nahm das Kind in seine Arme und blieb sprachlos. Frere, der das Feuer unterhielt, dachte, daß der Augenblick, auf den er so lange gehofft, endlich gekommen war. Die Mutter am Rande des Grabes, das Kind im Delirium, wer sollte für die Geschicklichkeit des Deportierten zeugen? Niemand als Maurice Frere und Maurice Frere als Kommandant einer Deportierten Station mußte dem Gesetz einen entsprungenen Sträfling überliefern.

Das Schiff änderte den Kurs und näherte sich dem merkwürdigen Feuer, mitten auf dem Ocean. Das Boot, dessen Vordertheil fast in Flammen stand, konnte keine Stunde mehr zusammen halten. Die kleine Gruppe des Deportierten mit dem Kinde blieb völlig bewegungslos. Mrs. Vickers lag bewußtlos da und wußte nichts von der nahen Rettung.

Das Schiff, eine Brig mit fliegender amerikanischer Flagge, kam auf Rufwette dran. Frere konnte fast schon die Gesichter auf Deck unterscheiden. Er ging nach hinten, wo Dawes fast bewußtlos mit dem Kinde in dem Arm saß, stieß ihn rauh mit dem Fuß an und rief im Tone des Befehls: »Vorwärts! Gebt mir das Kind!«

Rufus Dawes hob seinen Kopf und das sich nahende Schiff sehend, wurde er sich seiner Pflicht bewußt. Mit leisem lachen voll unendlicher Bitterkeit, legte er die Last, die er so zärtlich getragen in die Arme des Lieutnants und ging nach vorn zu dem Feuer.

* * *

Die Brigg war dicht bei ihnen. Ihre Segel breiteten sich weit aus und beschatteten das Meer. Ihr nasses Deck glänzte in der Morgensonne. Von Bord herab blickten bärtige, eifrige Gesichter mit Erstaunen auf das brennende Boot und seine elende Bemannung, das so allein auf dem großen Ocean schwamm. Frere mit Sylvia in den Armen wartete.

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10 aralık 2019
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