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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 17

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Buch 3

Erstes Capitel.
Ein Arbeiter im Weinberge

»Die Gesellschaft in Hobart Town ist in diesem Jahr der Gnade 1838, mein verehrter Lord, aus sehr merkwürdigen Elementen zusammengesetzt.« So lautete ein Satz in dem sehr geistreichen Briefe, den der Ehrwürdige Mr. Meekin, neu ernannter Kaplan und seit sieben Tagen Bewohner von Van Diemens Land, auf die Post trug, um ihn an seinen hohen Patron in England zu senden. Wie der Ehrwürdige Herr so zierlich die Sommerstraße entlang trippelte, die sich zwischen dem blauen Flusse und den tief violetten Bergen hinzog, warf er seine Blicke rechts und links aus die Vorübergehenden und der Satz, den er so eben verfaßt, erschien ihm wohl begründet.

Gut gekleidete Offiziere der Garnison drängten an ihm vorüber, elegante Damen wurden gegrüßt, schlecht gekleidete, übelriechende Beurlaubte vermieden; – ja er eilte sogar auf die andere Seite der Straße, um nicht von den kleinen Handwagen angestoßen zu werden, die, von Graujacken gezogen, plötzlich um die Ecke rasselten. Gewiß war diese Gesellschaft aus sehr sonderbaren Elementen zusammengesetzt. Jetzt gerade ging mit hochmüthig gehobener Nase ein frisch angekommener Regierungsbeamter vorüber, einen Augenblick sein steifes Betragen vergessend, um dem neuen Kaplan, den Sir John Franklin beschützte, herablassend zuzulächeln. Jetzt schwankte ohne Ansprüche auf Feinheit oder Protektion ein früherer Gefangener vorüber, der durch Rumverkauf sich reich gemacht hatte.

Gewiß gewährte die Bevölkerung, welche an diesem sonnigen Dezembernachmittag auf den Füßen war, dem kürzlich von London angekommenen zierlichen Prediger einen sehr bunten und gemischten Eindruck. Zum ersten Mal in seinem schlaffen, leichten Leben vermißte er jene sozialen Schutzwände, die in der Londoner Civilisation die Schwächen und Laster der menschlichen Natur so passend verdecken.

In glänzendes Schwarz gekleidet, von modernstem, geistlichem Schnitt, mit Glanzstiefeln, lavendelfarbenen Handschuhen und einem hellseidenen Ueberzieher, der leise andeutete, daß der Träger desselben nicht ganz frei von menschlicher Schwäche in Betreff der Hitze und der Sonne sei, ging der Pfarrer in die Post hinein, um seinen Brief abzugeben. Zwei Damen begegneten ihm, als er sich umwandte.

»Mr. Meekin!«

Mr. Meekins eleganter Hut hob sich von seinem geistvollen Kopfe und schwebte wie ein großer, schwarzer Vogel einen Augenblick in der Luft. »Mrs. Jellicoe! Mrs. Protherick! Meine verehrten Damen, welch’ unerwartetes Vergnügen! Und bitte, wohin gehen Sie an diesem lieblichen Nachmittag? Im Hause zu bleiben, ist wirklich Sünde. Ach, was für ein Klima, – aber der Schweif der Schlange – meine liebe Mrs. Protherick, – ja der Schweif der Schlange —« und er seufzte.

»Es muß eine große Prüfung für Sie sein, in die Kolonie zu kommen,« sagte Mrs. Jellicoe mit einem sympathischen Seufzer.

Meekin lächelte, wie eben ein eleganter Märtyrer lächelt. »Des Herren Werk, meine Damen, es Herren Werk. Ich bin nur ein armer Arbeiter im Weinberge, der des Tages Last und Hitze durchmacht.«

Sein Aussehen mit seiner tadellosen Kravatte, seinem leichten Rock, seinen blanken Stiefeln und seiner selbstbewußten christlichen Miene war einem Arbeiter, der des Tages Last und Hitze trägt, so unähnlich, daß die gute Mrs. Jellicoe, die Frau eines orthodoxen Oberaufsehers der Gefangenen-Magazine, eine plötzliche Anwandlung von Ketzerei fühlte.

»Ich würde lieber in England geblieben sein,« fuhr Mr. Meekin fort, indem er den einen lavendelfarbigen Finger mit dem andern glättete und seine feinen Augenbrauen in die Höhe zog, um jedes Lob über seine Selbstaufopferung zurückzuweisen, »aber ich fühlte, es war meine Pflicht, das verbieten, das mir die Güte Seiner Lordschaft machte, nicht zurückzuweisen. Hier ist ein Feld, meine Damen, – ein Feld für den christlichen Pastor. Sie schreien nach mir, meine Damen, diese Schafe unserer Heerde, diese verlorenen und verstoßenen Schafe unserer Kirche!«

Mrs. Jellicoe schüttelte ihre bunten Hutbänder mit freundlichem Lächeln. »Sie kennen unsere Deportierten nicht,« sagte sie. (Nach dem Ton ihrer fröhlichen Stimme zu urtheilen, hätte sie auch sagen können, »unsere Ochsen«). »Sie sind schreckliche Geschöpfe. Und gar die Dienstboten – meine Güte! Jede Woche habe ich neue! Wenn Sie erst etwas länger hier sind, werden Sie besser Bescheid wissen, Mr. Meekin.«

»Sie sind zuweilen ganz unerträglich,« sagte Mrs. Protherick, die Wittwe eines Inspektors der Gefangenenkasernen, und ihre Wange röthete sich von edler Entrüstung. »Ich bin für gewöhnlich das geduldigste Geschöpf der Welt, aber ich muß gestehen, daß die dummen, lasterhaften Geschöpfe, welche man hier bekommt, einen Heiligen außer Fassung bringen könnten.«

»Wir müssen Alle unser Kreuz tragen, verehrte Damen, Alle!« sagte Mr. Meekin in frommem Ton. »Der Himmel; sende uns Kraft dazu! Guten Morgen!«

»Sie haben ja denselben Weg,« sagte Mrs. Jellicoe. »Wir können zusammen gehen.«

»Herrlich! Ich wollte Major Vickers meinen Besuch machen.«

»Ich wohne dicht dabei,« erwiderte Mrs. Protherick. »Was für ein reizendes Wesen sie ist, nicht wahr?«

»Wer?« fragte Meekin sanft.

»Sylvia. Sie kennen sie nicht. O, ein liebes, herziges Geschöpf.«

»Ich habe Major Vickers nur beim Gouverneur getroffen,« sagte Meekin. »Ich hatte noch nicht das Vergnügen, die Tochter zu sehen.«

»Eine traurige Geschichte,« sagte Mrs. Jellicoe, »ein wahrer Roman, wenn er nicht so traurig wäre. Seine Frau, die arme Mrs. Vickers!«

»So, was ist mit ihr? Krank?« fragte Mr. Meekin und machte einem Vorübergehenden eine sehr herablassende Verbeugung.

»Sie ist todt, die arme Seele,« sagte die fröhliche Mrs. Jellicoe mit einem tiefen Seufzer. »Sie haben doch die Geschichte schon gehört, Mr. Meekin?«

»Meine Damen, Sie vergessen, daß ich erst seit einer Woche in Hobart Town bin und die Geschichte nie gehört habe.«

»Von der Meuterei, wissen Sie die Meuterei in Macquarie Harbour. Die Meuterer nahmen das Schiff und setzten Mrs. Vickers und Sylvia irgendwo an der Küste aus. Doch war Kapitain Frere bei ihnen.

Die Aermsten durchlebten eine schreckliche Zeit und starben beinahe. Kapitain Frere machte endlich ein Boot und sie wurden von einem Schiff aufgenommen. Die arme Mrs. Vickers lebte nur noch einige stunden und die kleine Sylvia, sie war damals zwölf Jahre alt, war etwas gestört, die arme Seele. Man dachte, sie würde nicht wieder besser werden.«

»Wie schrecklich! Und ist sie hergestellt?«

»O ja, sie ist wieder ganz gesund, aber sie hat ihr Gedächtniß verloren.«

»Ihr Gedächtniß?«

»Ja,« fiel Mrs. Protherick ein, um auch einen Antheil an der Geschichte zu haben. »Sie erinnert sich der Dinge gar nicht, die während der drei oder vier Wochen geschahen, welche sie dort an der Küste zugebracht hat, – wenigstens nicht deutlich.«

»Das ist eine große Gnade-l« unterbrach sie Mrs.

Jellicoe, die entschlossen war, den Hauptantheil beim Erzählen zu behalten. »Warum sollte sie auch alles Schreckliche behalten? Was Kapitain Frere erzählt, ist wirklich entsetzlich.«

»Wirklich,« sagte Mr. Meekin und tupfte sein Gesicht mit seinem seinen Taschentuch.

»Ein Ausreißer von den Deportierten, Mr. Meekin, war auch zurückgelassen, und er fand sie und bestand daraus, ihre Vorräthe zu theilen, – der Elende! Kapitain Frere war genöthigt, ihn fortwährend zu überwachen, aus Angst, daß er sie morden könnte. Selbst als sie im Boot waren, versuchte er noch, sie in die See hinauszutreiben und so zu entkommen. Er war einer der Schlimmsten von Macquarie Harbour, sagen sie. Aber Sie sollten sich das von Kapitain Frere erzählen lassen.«

»Und wo ist er jetzt?« fragte Meekin mit Interesse.

»Kapitain Frere?«

»Nein der Gefangene.«

»O du liebe Güte, in Port Arthur oder sonst wo. Er wurde verurtheilt wegen Entspringens und würde gehangen sein, wenn sich Kapitain Frere nicht für ihn verwandt hätte.«

»Was für eine merkwürdige Geschichte,« sagte Meekin. »Und die junge Dame weiß also gar nichts davon?«

»Nur, was man ihr gesagt hat, glaube ich. Sie ist verlobt mit Kapitain Frere.«

»Wirklich? Mit dem Mann, der sie rettete. Wie reizend, – ganz romantisch!«.

»Nicht wahr? Jeder sagt das. Und Kapitain Frere ist so viel älter als sie.«

»Aber ihre mädchenhafte Liebe wendet sich dem heldenmüthigen Retter zu,« sagte Meekin mit poetischem Ansatz. »Merkwürdig und schön. Gerade wie – ja – wie der Epheu und die Eiche, verehrte Damen. Ach, in unserer verirrten Welt, welch’ ein reiner Fleck! – Ich glaube, hier ist das Haus.«

Ein feiner Sträfling, zu seiner Zeit ein bekannter Taschendieb, führte den Geistlichen in ein hübsches Besuchszimmer, durch dessen halb geschlossene Jalousien ein lichter, bunter Garten zu sehen war, und ging, um Miß Vickers zu rufen. Der Major war nicht zu Hause. Seine Pflichten als Ober-Inspektor der Deportierten machten solche Abwesenheiten häufig nothwendig, aber Miß Vickers war im Garten und konnte gleich gerufen werden. Der Ehrwürdige Meekin wischte seine heiße Stirn, zog seine schneeweißen Manschetten zurecht und legte sich zurück in das weiche Sopha, sehr wohlthuend berührt von der Eleganz und der kühlen Luft im Zimmer. Da ihm kein besserer Vergleich einfiel, so stellte er dies schöne Zimmer mit seinen sanften Kissen, herrlichen Blumen, offenem Piano in Gedanken neben das Haus eines westindischen Pflanzers, bei dem draußen Alles nur Hitze, Gluth und Barbarei war und drinnen Alles sanft, kühl und behaglich. Er war so entzückt von diesem Vergleich, daß er sich einen neuen Brief für den Bischof vornahm und ihm darin eine beredte Beschreibung von der Oase in der Wildniß seines Weinberges liefern wollte. Während seine Gedanken sich noch damit beschäftigten, wurde er durch den Ton von Stimmen im Garten unterbrochen, und es schien ihm, als ob Jemand ganz in der Nähe weinte und schluchste. Leise auf die breite Veranda hinaustretend, sah er auf dem Grasplatz zwei Personen, einen alten Mann und ein junges Mädchen. Das Schluchzen ging von dem alten Manne aus.

»Ja, Fräulein, das ist wohl wahr, bei meiner Seele. Ich bin erst heute Morgen zurückgekommen. O, es ist ein grausamer Streich gegen so einen alten Mann.« Er war ein weißhaariger Mann in der grauen Jacke der Deportierten und stand da und lehnte sich mit einer abgezehrten Hand auf eine Vase mit Rosen.

»Aber es ist Dein eigener Fehler, Danny, – wir haben Dich Alle vor der Frau gewarnt,« sagte das junge Mädchen sanft.

»Gewiß thaten Sie das! Aber, wie konnte ich so etwas denken, Fräulein? Es ist das zweite Mal, daß sie mich so behandelt.«

»Wie lange war es dies Mal, Danny?«

»Sechs Monate, Fräulein. Sie sagte, daß ich ein Trunkenbold wäre und sie geschlagen hätte. – Sie schlagen, Gott siehe mir bei!« Dabei streckte er zwei zitternde Hände aus. »Und sie haben ihr geglaubt. Als ich jetzt zurückkam, war mein kleines Feld ganz herunter getreten und sie hat sich davongemacht mit einem Schiffskapitain, – verzeihen Sie, Miß, und trinkt mit ihm im Georg der Vierte. Ach, ach, es ist hart für einen alten Mann.« Und er fing wieder bitterlich an zu schluchsen.

Das Mädchen seufzte. »Ich kann nichts für Dich thun, Danny. Doch kannst Du im Garten arbeiten, wie früher. Ich will mit Major Vickers sprechen, wenn er nach Hause kommt.«

Danny, welcher seine blöden Augen zu ihr erhob, um ihr zu danken, erblickte Mr. Meekin und grüßte kurz. Das Mädchen wandte sich um, und Mr. Meekin, sich mit vielen Entschuldigungen einführend, bemerkte, daß sie etwa siebzehn Jahre alt war, daß ihre Augen groß und sanft, ihr Haar voll und glänzend und ihre Hand, in der sie ein Buch hielt, worin sie soeben gelesen, klein und weiß war.

»Ich glaube, ich habe die Ehre, Miß Vickers zu sehen. Mein Name ist Meekin, der Ehrwürdige Arthur Meekin.«

»Wie geht es Ihnen, Mr. Meekin,« sagte Sylvia und hielt ihm eine ihrer kleinen Hände hin. »Papa wird gleich zurück sein.«

»Seine Tochter ersetzt eine Abwesenheit völlig, verehrte Miß Vickers.«

»O, ich mag keine Schmeicheleien, Mr. Meekin, wenigstens —« fügte sie mit entzückender Offenheit hinzu, die ihre Schönheit noch erhöhte, – »nicht solche Art von Schmeichelei. Natürlich lieben junge Mädchen Schmeichelei. Glauben Sie nicht auch?«

Dieser schnelle Angriff brachte Mr. Meekin ganz aus der Fassung und er verbeugte sich nur und lächelte die junge Dame an.

»Geh’ in die Küche, Danny,« und sage, sie sollen Dir etwas Tabak geben. Sage, ich schickte Dich. Mr. Meekin, bitte, treten Sie ein.«

»Ein sonderbarer alter Herr, Miß Vickers. Ein treuer, alter Diener, nicht wahr?«

»Ein alter Sträfling und früherer Diener von uns,« sagte Sylvia. »Er war vor vielen Jahren bei Papa. Er ist in große Noth gekommen in der letzten Zeit, der arme, alte Mann.«

»In Noth?« fragte Mr. Meekin, als Sylvia ihren Hut abnahm.

»Auf der Straße. Das heißt, so nennen sie es. Er heirathete eine Freie, die viel jünger war, als er, und sie gibt ihm zu trinken und dann zeigt sie ihn an wegen Insubordination.«

»Wegen Insubordination? Verzeihung, mein Fräulein, aber verstand ich recht?«

»Ja, Insubordination. Er ist ihr zugetheilter Diener, wissen Sie,« sagte Sylvia, als ob solche Einrichtung das Gewöhnlichste in der Welt wäre, »und wenn er sich schlecht beträgt, so schickt sie ihn wieder zur Straßenarbeit zurück.«

Der Ehrwürdige Mr. Meekin öffnete seine sanften Augen ganz weit. »Was für eine außerordentliche Anomalie! Ich fange an, meine liebe Miß Vickers, mich wirklich bei den Antipoden zu fühlen.«

»Die Gesellschaft hier ist sehr verschieden von der in England,« sagte Sylvia ruhig. »Wenigstens sagen das alle Neuangekommenen.«

»Aber eine Frau, die ihren Mann einsperren läßt, meine liebe, junge Dame!«

»Sie kann ihn peitschen lassen, wenn sie will. Danny ist gepeitscht worden. Aber seine Frau ist eine schlechte Frau. Er war sehr thöricht, sie zu heirathen; aber man kann einem alten Manne, der verliebt ist, keine Vernunft predigen.«

Mr. Meekins christliche Stirn wurde von tiefer Röthe bedeckt und sein wohlerzogenes Blut prickelte ihm in den Fingern. Eine junge Dame so offen in dieser Art sprechen zu hören, war schrecklich. Er pflegte immer vor dem Altar ein unpassendes Gebot ganz leise zu sprechen, damit die weiblichen, zarten Seelen unter seinen Zuhörern nicht beleidigt würden. Er wandte schnell das Gespräch von dem gefährlichen Thema ab, ohne noch einen Augenblick seine erstaunten Gedanken bei der Macht verweilen zu lassen, welche den »freien« Frauen in Hobart Town bewilligt war.

»Sie gaben gelesen?«

»Ja, Paul und Virginie. Ich habe es früher schon englisch gelesen.«

»Ah, Sie lesen französisch, verehrtes Fräulein?«

»Ja, aber nicht sehr gut. Ich hatte einige Monate einen französischen Lehrer, aber Papa mußte ihn wieder in’s Gefängnis zurückschicken. Er stahl einen silbernen Becher aus dem Eßzimmer.«

»Ein französischer Lehrer – stahl —«

»O, er war ein Deportierter, wissen Sie. Ein gescheiter Mann. Er schrieb für das »London Magazin.« Ich habe seine Bücher gelesen. Einige davon stehen wirklich sehr hoch.«

»Aber weshalb wurde er transportiert?« fragte Mr. Meekin, der schon fühlte, daß sein Weinberg größer wurde, als er geglaubt hatte.

»O, ich glaube, er vergiftete seine Nichte, aber ich vergaß die Einzelheiten. Er war aus guter Familie, aber er war solch’ Trunkenbold.«

Mr. Meekin gerieth immer mehr in Erstaunen über ein Land, in welchem schöne, junge Damen von Vergiften und Peitschen sprachen, als ob das gar nichts Besonderes sei, wo Frauen ihre Männer in’s Gefängnis sperren ließen und Mörder Französisch lehrten! In wachsender Angst wehte er sich mit seinem duftenden Londoner Taschentuche Luft zu.

»Sie sind noch nicht lange hier, Mr. Meekin?« fragte Sylvia nach einer Pause.

»Nein, erst seit einer Woche,« sagte Meekin, »und ich gestehe, ich bin sehr erstaunt. Ein herrliches Klima, aber, wie ich soeben zu Mrs. Jellicoe sagte, der Schweif der Schlange, – der Schweif der Schlange – meine liebe, junge Dame.«

»Wenn Sie alle Schurken von England hierher schicken, müssen Sie auch auf den Schweif der Schlange gefaßt sein,« sagte Sylvia. »Es ist nicht der Fehler der Kolonie.«

»O nein, gewiß nicht,« erwiderte Meekin, schnell vorbeugend. »Aber es ist sehr auffallend.«

»Nun, so sollten Sie Herren es bessern. Ich weiß nicht, wie es in den Strafkolonien zugeht, aber die Gefangenen in der Stadt haben nicht viel Veranlassung, besser zu werden.«

»Sie haben die schöne Liturgie unserer heiligen Kirche, die ihnen zwei Mal in der Woche vorgelesen wird, mein verehrtes Fräulein,« sagte Mr. Meekin, als ob er feierlich damit sagen wollte: wenn sie das nicht bessert, was soll sie denn bessern?«

»O ja,« sagte Sylvia. »Das haben sie freilich, aber das ist doch nur Sonntags. Aber wir wollen nicht davon sprechen, Mr. Meekin,« fügte sie hinzu und strich eine rebellische goldene Locke von der Stirn. »Papa sagt, ich solle nicht von diesen Dingen sprechen, denn sie seien alle nach den Regeln des Dienstes eingerichtet, wie er es nennt.«

»Ein bewundernswerthes Wort von Papa,« sagt Meekin, wie von einer Last befreit, als sich die Thür öffnet und Vickers und Frere eintraten.

Vickers Haar war weiß geworden, aber Frere sah bei seinen dreißig Jahren so aus, als sei er zweiundzwanzig.

»Liebe Sylvia, etwas sehr Merkwürdiges!« Er hielt an, als er die Gegenwart des Fremden bemerkte.

»Du kennst Mr. Meekin, Papa?« sagte Sylvia.

»Mr. Meekin, Kapitain Frere.«

»Ich habe das Vergnügen-« sagte Vickers. »Sehr erfreut, Sie zu sehen. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Worauf Mr. Meekin bemerkt, daß Sylvia beide Herren ohne Ziererei küßt, doch scheint es ihm, als ob der Kuß, den sie dem Vater gibt, weit wärmer sei, als der, mit dem sie den Verlobten begrüßt.

»Warmes Wetter, Mr. Meekin,« sagt Frere. »Sylvia, meine Liebe, ich hoffe, Du bist nicht in der Hitze ausgegangen? – Doch! – Aber ich bat Dich – «

»O, es ist gar nicht heiß,« sagte Sylvia empfindlich, »ich bin ja nicht von Butter und schmelze nicht gleich. Ich danke Dir, aber Du brauchst nicht die Laden zu schließen.« Und dann, als ob Sie ärgerlich war über ihren Aerger fügte sie hinzu: »Du denkst immer an mich, Maurice,« und damit gab sie ihm ihre kleine Hand.

»E s ist sehr drückend, Kapitain Frere,« sagte Meekin »und für einen Fremden ganz entnervend.«

»Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Frere als ob das Haus ihm gehörte. Man muß bei solchem Wetter sich kräftigen.«

»Ja, ja gewiß,« sagte Vickers.

»Ein Glas Wein. Bitte, Sylvia, etwas Sherry. Ich hoffe sie hat Ihnen ihre sonderbaren Theorien nicht mitgetheilt, Mr. Meekin?«

»O nein, durchaus nicht,« sagte Meekin, der jetzt schon begriff, daß dies reizende junge Mädchen als ein Geschöpf anzusehen war, das nicht nach den gewöhnlichen Regeln beurtheilt werden konnte. »Wir sind sehr gut mit einander fertig geworden, sehr gut.«

»Das ist Recht,« sagte Vickers. »Sie ist sehr geradezu, mein kleines Mädchen und Fremde verstehen sie manchmal nicht, – nicht wahr Poppet?«

Sylvia schüttelte schelmisch ihren Kopf. »Ich weiß nicht,« sagte sie.

»Warum sollten sie nicht?«

»Aber Du wolltest etwas sagen, als Du herein kamst. Was war es, Lieber?«

»Ach,« sagte Vickers mit ernstem Gesicht. »Ja, eine sehr merkwürdige Sache. Man hat die Schurken gefangen.«

»Was, – Du meinst doch nicht?« sagte Sylvia und wandte sich aufgeregt um.

In diesem kleinen Familienkreise war in der Unterhaltung nur von bestimmten Schurken die Rede, von den Meuterern des Osprey.

»Sie Haben vier von ihnen in diesem Augenblick in der Bai: Rex, Barker, Shires und Lesley. Sie sind an Bord der Lady Jane. Die merkwürdigste Geschichte, die ich in meinem Leben gehört habe. Die Kerls kamen bis China und gaben sich für schiffbrüchige Seeleute aus. Die Kaufleute in Canton brachten Geld zusammen und schickten sie nach London. Dort wurden sie vom alten Pine erkannt, der an Bord des Schiffes, in dem sie herkamen, Arzt war.«

Sylvia setzte sich mit rothen Wangen auf den nächsten Stuhl.

»Und wo sind die Andern?«

»Zwei sind in England hingerichtet. Die andern sechs sind nicht gefangen. Diese Kerls sind der Untersuchung wegen hergeschickt.«

»Was meinen Sie, mein Herr?« fragte Meekin, den Sherry mit den Augen eines fastenden Heiligen anblickend.

»Die Piraten von einer Deportierten Brigg – vor fünf Jahren,« sagte Vickers. »Die Schurken setzten meine arme Frau und Sylvia auf einer Küste aus und ließen sie dort, um da umzukommen. Wenn Frere nicht gewesen wäre, Gott segne ihn! – so wären sie gestorben. Sie schossen den Lootsen und einen Soldaten todt; doch es ist eine lange Geschichte.«

»Ich habe schon davon gehört,« sagte Meekin und schlürfte den Sherry, welchen ein andrer Sträfling ihm gebracht hatte, – und von Ihrem edlen Betragen, Kapitain Frere.«

»O, das ist nichts. Wir waren Alle in demselben Boot.«

»Poppet nimm ein Glas Wein.«

»Nein, ich mag nicht,« sagte Sylvia.

Sie starrte aus den hellen Lichtstrahl, der zwischen der Veranda und den Fenster-Jalousien sich hinzog, als ob das Licht ihr helfen könne; sich an etwas zu erinnern. »Was gibts?« fragte Frere, sich über sie beugend.

»Ich möchte mich gern an etwas erinnern, Maurice, aber ich kann nicht. Es ist Alles so verwirrt. Ich erinnere mich nur einer großen Küste und einer großen See und an zwei Männer. – Einer davon warst Du, – Lieber – Du trugst mich in Deinen Armen!«

»O Gott, o Gott,« seufzte Meekin.

»Sie war noch ein Kind,« sagte Vickers hastig, als ob er nicht zugeben wolle, daß nur ihre Krankheit Ursache ihrer Vergeßlichkeit war.

»O nein, ich war zwölf Jahre alt,« sagte Sylvia, – »das nennt man doch kein Kind. Aber das Fieber machte mich so dumm.«

Frere, sie unruhig anblickend, rutschte auf feinem Stuhl hin und her. »Ach denke nicht weiter daran,« sagte er.

»Maurice;« fragte sie plötzlich, »Was ist aus dem andern Mann geworden?«

»Welchem andern Mann?«

»Dem Mann, der mit uns zusammen war; dem Andern, Du weißt.«

»Dem armen Bates?«

»Nein, nicht Bates. Dem Gefangenen. Wie hieß er?«

»O, der Gefangene,« sagte Frere, als ob er selbst den Namen auch vergessen hätte. »Nun, Du weißt ja, Liebste, er ist nach Port Arthur geschickt worden.«

»Ach,« sagte Sylvia schaudernd, »ist er noch dort?«

»Ich glaube,« meinte Frere mit gerunzelter Stirn, als ob ihm der Gegenstand unangenehm wäre.

»Uebrigens,« sagte Vickers, »ich glaube, wir werden den Burschen zum Verhör herkommen lassen müssen. Wir müssen die Burschen Identifizieren lassen.«

»Können Sie und ich das nicht thun?« fragte Frere sichtlich unruhig.

»Ich glaube nicht. Ich möchte nach fünf Jahren nicht auf einen Mann schwören.«

»Bei George,« rief Frere, »ich würde auf ihn schwören! Wenn ich ein Mal eines Mannes Gesicht gesehen, – das ist genug für mich.«

»Es wäre besser, einige Gefangene herbeizuschaffen, die zu der Zeit in Macquarie Harbour waren,« sagte Vickers, der die Sache zu Ende bringen wollte. »Ich möchte um keinen Preis die Schurken mir durch die Finger schlüpfen lassen.«

»Sind die Leute in Port Arthur alte Männer?« fragte Meekin.

»Alte Deportierte,« erwiderte Vickers. »Es ist unser Platz für die in der Kolonie Bestraften. Die Schlimmsten sind dort. Es hat die Stelle von Macquarie Harbour eingenommen. Was für eine Aufregung wird dort herrschen, wenn der Schooner am Montag hingeht.«

»Aufregung! So – wie interessant! Und warum?« fragte Meekin.

»Um die Zeugen herzubringen, mein lieber Herr. Die meisten der Gefangenen dort, sind auf lebenslänglich verurtheilt und eine Fahrt nach Hobart Town ist für sie ein wahrer Festtag.«

»Und verlassen sie nie ihren Platz, wenn sie für’s ganze Leben verurtheilt sind?« fragte Meekin, einen Biskuit essend. »Wie schrecklich!«

»Niemals außer wenn sie sterben,« sagte Frere lachend. »Und dann werden sie auf einer Insel begraben. O, das ist ein schöner Platz! Sie sollten mit herunter kommen und sich Alles ansehen, Mr. Meekin. Sehr malerisch, kann ich Sie versichern.«

»Lieber Maurice,« sagte Sylvia an das Piano gehend, als ob sie gegen die Art der Unterhaltung sich auflehnen wollte, »wie kannst Du so sprechen?«

»Ich möchte es sehr gern sehen,« sagte Meekin, weiter essend, »denn Sir John sagte etwas von einer Kaplanstelle dort und ich glaube, das Klima ist dort erträglich.«

Der Sträflingsdiener trat wieder ein und indem er dein Major einige offizielle Papiere einhändigte starrte er auf den zierlichen Geistlichen. Der rohe Maurice Frere lachte wieder.

»O, das ist ein erdrückendes Klima und nichts dort zu thun. Gerade eine gute Stelle für Sie. Da ist eine ordentliche kleine Kolonie unten. Aller Skandal von Van Diemens Land wird dort in Port Arthur zerhackt.«

Dies angenehme Geschwätz über Skandal und Klima bildete einen fürchterlichen Vordergrund zu dem Bilde des einsamen Eilandes, wo sie begraben wurden die unglücklichen Gefangenen auf Lebenszeit. Vielleicht dachte das auch Sylvia, denn sie schlug einige Töne an, welche die Gesellschaft zwangen, wenigstens aus Höflichkeit einige Augenblicke zu schweigen und Mr. Meekin erinnerten, das es Zeit seit sei, sich zu empfehlen.

»Guten Tag, Miß Vickers,« sagte er mit seinem süßesten Lächeln.

»Ich danke Ihnen für Ihre entzückende Musik. Des Stück ist ein alter, alter Bekannter von mir. Es war Lady Janes Lieblingsstück beim Bischof. Bitte verzeihen Sie mir, mein theurer Kapitain Frere, aber dies merkwürdige Ereignis – die Gefangennahme der Meuterer – ist meine Entschuldigung wenn ich einen zarten Gegenstand berühre. Wie reizend, Sie zu betrachten! Sie und die junge Dame! Der Retter und die Gerettete! Theurer Major! »Mir der Tapfere, Sie wissen nur der Tapfere, – nur der Tapfere verdient die Schöne! Sie kennen den alten John! Ja, – guten Abend! «

»Es ist freilich noch lange hin,« sagte Vickers, immer freundlich gegen Jeden gesinnt, der seine Tochter lobte, »aber wenn Sie nichts Besseres zu thun haben, kommen Sie und essen Sie am Weihnachtstage mit uns, Mr. Meekin. Wir haben gewöhnlich eine kleine Gesellschaft hier.«

»Entzückt,« sagte Mr. Meekin, – entzückt. Es ist so erquickend Personen in dieser Kolonie zu treffen, die mit dem eigenen Geschmack so übereinstimmen. »Weiche Seelen finden sich,« Sie wissen Miß Vickers, – ja, ja. Noch ein Mal guten Abend.«

Die lebhafte Sylvia brach in ein Gelächter aus, als die Thür sich hinter ihm schloß.

»Was für ein lächerliches Geschöpf!« sagte sie. »O dieser Mann mit feinen Handschuhen, seinem Sonnenschirm, seinen Locken, seinem Riechwasser! Denkt nur, daß dieser zierige Affe mir den Weg zum Himmel zeigen soll! Lieber habe ich doch den alten Bowes, Papa, obgleich er so blind ist wie ein Maulwurf und sich immer seine Trumpfe aufhebt.«

»Meine liebe Sylvia, sagte Vickers ernst, »Du weißt, Mr. Meekin ist ein Geistlicher!«

»O ich weiß!« sagte Sylvia, »aber ein Geistlicher muß doch sprechen, wie ein Mann, kann er das nicht? Warum schicken sie solche Leute her? Die sollten lieber zu Hause bleiben! O übrigens, Papa, der arme, alte Danny ist wieder zurück gekommen. Ich habe ihm gesagt er könnte in die Küche gehen. Kann er, Papa?«

»Du wirst bald das ganze Haus voll von diesen Vagabunden haben, Du kleine Katze,« sagte Vickers und küßte sie. »Ich denke ich muß ihn hier lassen. Was hat er jetzt gethan?«

»Seine Frau,« sagte Silvia, hat ihn einsperren lassen, weil er betrunken war. Frau! Ich möchte wissen, wozu die Männer die Frauen nöthig haben?«

»Frage Maurice,« sagte Vickers lächelnd.

Sylvia sprang fort und schüttelte den Kopf.

»Was weiß er davon? Maurice Du bist ein großer Bär, und wenn Du mir nicht das Leben gerettet hättest, würde ich Dich nicht ein bisschen lieb haben. Da, jetzt kannst Du mich küssen (ihre Stimme wurde etwas sanfter). Diese Gefangenen Angelegenheit hat mich wieder daran erinnert und ich würde ja sehr undankbar sein, wenn ich Dich nicht liebte, Lieber!«

Maurice Frere wurde plötzlich sehr roth, nahm die erlaubte Liebkosung an und wandte sich dann zum Fenster. Ein Mann in graute Jacke arbeitete im Garten und pfiff dabei.

»Sie sind gar nicht so schlecht dran,« sagte Frere leise.

»Was ist’s « fragte Sylvia.

»Daß ich nicht halb gut genug für Dich hin,« sagte Freie heftig.

»Ich – ich – «

»An mein Glück sollen Sie denken, Kapitain Braun, « sagte das Mädchen. »Sie haben mein Leben gerettet, nicht wahr, und ich sollte so gottlos sein und sie nicht lieben? – Nein, nein, keine Küsse mehr.«

Sie streckte ihre Hand gegen ihn aus. »Komm Papa, Liebster. Jetzt ist es kühl. Wir wollen in den Garten gehen und Maurice kann über seine eigne Unwürdigkeit nachdenken.«

Maurice beobachtete das abgehende Paar. »Sie verläßt mich immer und geht mit ihrem Vater,« sagte er zu sich selbst. »Ich möchte wissen, ob sie mich wirklich liebt, oder ob es nur Dankbarkeit ist?«

Er hatte sich oft diese Frage vorgelegt, seit den fünf Jahren, daß er um sie warb, aber er hatte sich nie eine genügende Antwort darauf geben können.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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700 s. 1 illüstrasyon
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