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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 18
Zweites Capitel.
Sara Purfoy‘s Bitte
Der Abend ging vorüber wie hundert andre Abende und nachdem Frere in der Kaserne noch eine Pfeife geraucht hatte, ging er nach Hause. Seine Heimath war ein Haus an dem neuen Stadtwege, das er bewohnte, seit er zum Polizei-Richter ernannt war, eine Stelle, die ihm als Belohnung für seine Auszeichnung bei Gelegenheit der Osprey-Meuterei gegeben war. Kapitain Maurice Frere war im Leben gestiegen. In Hobart Town hatte er eine gewisse Stellung in der Gesellschaft erreicht, nachdem er verschiedene Aemter verwaltet, die damals im Jahre 1834 häufig den Offizieren der Garnison übertragen wurden. Er war Ober-Inspector der Arbeiten von Bridgewater gewesen, dann, als er Kapitain wurde, Assistent des Polizei-Richters in Bothwell. Die Angelegenheit mit dem Osprey machte viel Aufsehen und man beschloß, daß die erste, gute Stelle, welche erledigt wäre, Kapitain Frere als Belohnung für seine Tapferkeit haben sollte, mit der er Major Vickers’ Kind gerettet hatte.
Major Vickers ging es auch gut.
Er war immer ein sorgfältiger Mann gewesen und da er einiges Geld gespart, hatte er Land unter sehr günstigen Bedingungen gekauft. Das Assignement-System setzte ihn in den Stand, Theile davon mit sehr geringen Kosten bearbeiten zu lassen und er hielt Vieh und Schafe auf seinen Stationen. Er hatte sein Patent verkauft und war jetzt ein verhältnißmäßig reicher Mann. Er besaß ein schönes Eigenthum; das Haus, worin er wohnte, war sein eigen. Er stand in gutem Ansehen bei der Regierung und seine Stellung als Ober-Aufseher (Superintendent) der Deportierten ließ ihn einen sehr thätigen Antheil an der Regierung nehmen und verursachte, das er fortwährend sich in der Oeffentlichkeit bewegte. Major Vickers, ein Kolonist gegen seinen Willen, war durch die Macht der Umstände ein Führer im Lande geworden. Seine Tochter war eine gute Partie für jeden jungen Mann und mancher Fähnrich und Lieutnant, der sein hartes Loos in den Landgarnisonen verfluchte, mancher Ansiedler, der auf der väterlichen Station in den Bergen wohnte, mancher elegante junge Beamte im Civil-Departement beneidete Maurice Frere um sein Glück. Einige gingen so weit, zu behaupten, daß die schöne Tochter von Major Vickers viel zu schade sei für den rohen, rothgesichtigen Frere, dessen vergangenes Leben nicht sehr moralisch gewesen und der bekannt war wegen seiner Liebe zu gemeiner Gesellschaft und seines fast brutalen Benehmens. Niemand bestritt, daß er ein tüchtiger Offizier sei. Man sagte, daß er, in Folge seiner Liebhabereien, viel mehr von den Streichen der Sträflinge verstand, als irgend ein andrer Mensch im Lande. Man sagte auch, daß er sich verkleidet unter die Beurlaubten und Dienstboten mische, um ihre Zeichen und Geheimnisse zu lernen. Als er in seinem Amt in Bridgewater stand, war es sein Vergnügen, die Kettensträflinge in ihrer eignen, scheußlichen Sprache anzureden und einen neuen Ankömmling durch Kenntnis seiner Vorgeschichte in Erstaunen zu setzen. Die Deportierten haßten ihn und hielten doch zu ihm, denn bei aller Brutalität und Gewaltthätigkeit besaß er einen rohen Humor und kam es ihm zuweilen nicht gerade daraus an, den Buchstaben des Gesetzes zu erfüllen. Doch wie die Deportierten sagten, »war man nie sicher mit dem Kapitain«, denn wenn er mit ihnen getrunken und gespaßt hatte, wie das Orakel der Kneipe, deren Wirthin er mit seiner Gegenwart beehrte, so verschwand er plötzlich durch eine Seitenthür, gerade in dem Augenblick als die Constabler durch die andre Thür hereinkamen. Am nächsten Morgen zeigte er sich dann bei der Verurtheilung der Aufgegriffenen so schonungslos, als ob er selbst nie in einem Trink immer gewesen wäre. Seine Vorgesetzten nannten das: Eifer, seine Untergebenen: Verrätherei. Er selbst lachte darüber. Er pflegte zu sagen: »Alles ist erlaubt mit diesen Schuften.«
Als die Zeit seiner Heirath sich nahte, hatte er gewissermaßen diese Dinge aufgegeben und versuchte durch ein Betragen gewisse unangenehme Skandalgeschichten seines Privatlebens unter seinen Bekannten vergessen zu machen. Früher war es ihm gleich gewesen, ob sie bekannt wurden oder nicht.
Als Kommandant von Maria Island und in den ersten zwei Jahren nach seiner Rückkehr von Macquarie Harbour hatte keine Furcht vor der Meinung der Gesellschaft seiner natürlichen Rohheit Zügel angelegt. Als aber seine Neigung zu dem reinen, jungen Mädchen, das aus ihn als ihren Befreier von einem schrecklichen Tode blickte, an Rechtschaffenheit und Innigkeit zunahm, beschloß er, diese dunklen Blätter seines Kolonielebens zu schließen und sie nicht wieder aufzuschlagen. Er bereute nicht; er hatte keine Gewissensbisses er war auch nicht übersättigt. Er kam nur u dem Schluß, daß, wenn ein Mann heirathet, er gewisse Extravaganzen, die dem Junggesellenleben ankleben, fallen lassen müsse. Er hatte sich seine Hörner abgelaufen, wie alle jungen Männer thun; vielleicht hatte er auch eben so thöricht gehandelt wie viele Andre, aber keine vorwurfsvolle Erinnerung übler Thaten verfolgte ihn. Seine Natur war viel zu prosaisch, um solchen Phantomen Spielraum zu lassen. Sylvias stand in ihrer Reinheit und Vortrefflichkeit so hoch über ihm, daß, als er seine Augen zu ihr erhob, alle die Geschöpfe, zu denen er sich sonst herab gelassen hatte, seinem Blicke völlig verschwanden. Er war zu der Idee gekommen, daß alle die Sünden, die er vor seiner Erlösung durch die Liebe zu diesem reinen, jungen Geschöpfe, begangen, einem ganz anders bedingten Dasein angehörten und aß er für deren Folgen gar nicht mehr verantwortlich gemacht werden könnte. Doch war eine dieser Folgen in diesem Augenblick sehr nahe bei der Hand.
Sein Sträflingsdiener übergab ihm, als er in’s Haus trat einen Brief, dessen Adresse von weiblicher Hand geschrieben war.
»Wer brachte dies?« fragte Frere, ihn schnell ausreißend.
»Ein Diener, Herr. Er sagte, der Herr sei im Georg der Vierte und wünsche, Sie zu sehen.«
Frere lächelte bewundern wegen der Schlauheit, die solche Botschaft gesandt hatte und dann runzelte er die Stirn wegen des Inhalts des Schreibens.
»Du brauchst nicht zu warten,« sagte er zu dem Manne. »Ich muß noch einmal zurück gehen.«
Er vertauschte seine Militairmütze gegen einen weichen gut und einen Stock aus einer ganzen Sammlung von Stöcken auswählend, ging er hinaus. »Was mag sie nur wollen?« fragte er sich ärgerlich, als er den mondbeleuchteten Weg hinab ging. Doch bei allem Aerger fühlte er, daß, was sie auch immer von ihm verlangen möge, sie volles Recht habe, die Gewährung zu erwarten.
Der Georg der Vierte war ein langes, niedriges Haus, das in der Elisabeth Straße lag.
Die Vorderwand war matt rot gemalt und die kleinen Glasscheiben in den Fenstern, die absichtlich gewählten rothen Vorhänge und die heimische Behaglichkeit gaben dem Hause einen Anstrich von alter, englischer Heiterkeit. Ein Haufe Männer in der Thür wurde unsichtbar, als Frere sich näherte, denn es war schon nach elf Uhr und alle Personen, die nach elf Uhr in den Straßen gefunden wurden, mußten ihren Paß vorzeigen oder sich über ihre Geschäfte anweisen. Die Constabler waren nicht zu gewissenhaft in Ausübung ihrer Pflichten und die starke Gestalt von Frere in dunkelblau gekleidet, das er als Sommerkostüm trug, sah der eines Constablers nicht unähnlich.
Frere stieß eine Seitenthür mit der Miene eines Mannes auf, der im Hause wohlbekannt ist und ging dann einen engen Gang bis zu einer Glasthür hinauf. Ein Klopfen an diese Thür brachte ein bleiches, pockennarbiges, irisches Mädchen heraus, welches ihn die Treppe hinauf führte. Das Zimmer, in das er trat, war recht groß. Es hatte drei Fenster nach der Straße hinaus und war sehr hübsch eingerichtet. Der Teppich war weich, die Lichter brannten hell und das Abendbrod stand einladend auf einem Tisch zwischen den Fenstern.
Als Frere eintrat lief ihm ein kleiner Rattenfänger bellend zwischen die Füße. Augenscheinlich war er kein häufiger Besucher. Das Rauschen eines seidenen Kleides verrieth die Gegenwart einer Dame und als Frere um die Ottomane herum ging, stand er Sara Purfoy gegenüber.
»Danke, daß Sie kommen,« sagte sie. »Bitte setzen Sie sich.«
Dies war der einzige Gruß, welcher zwischen ihnen gewechselt wurde und Frere setzte sich auf einen Wink der beringten, runden Hand.
Die elf Jahre, seit wir diese Frau gesehen, waren sanft an ihr vorübergegangen. Ihr Fuß war so klein, ihre Hand so weiß wie sonst. Ihr Haar, dicht am Kopf in die Höhe gebunden war voll und glänzend und ihre Augen hatten nichts von ihrem gefährlichen Glanz verloren. Ihre Gestalt war freilich bedeutend stärker und ihren weißen Arm, der durch den Mull des Aermels schimmerte, hätte ein anspruchsvolles Künstlerauge dünner gewünscht.
Die größte Veränderung war in ihrem Gesicht vorgegangen. Der Wange fehlte jene zarte Reinheit, die sie sonst besessen und es zeigten sich feine rothe Streifen, – als ob das Blut zu heftig in den Nerven klopfte, – das erste Zeichen des Verfalles der Schönheit. Mit dem mittleren Alter war jene Fülle der Gestalt gekommen, welcher Frauen ihres Temperaments meist unterworfen sind und damit auch eine Rohheit der Sprache, welche in dem gänzlich fehlenden moralischen Halt ihren Grund hat.
Maurice Frere sprach zuerst, als ob ihm daran gelegen wäre, die Unterhaltung bald zu Ende zu bringen.
»Was wollen Sie von mir?« fragte er.
Sara Purfoy lachte. Es war ein gezwungenes Lachen, das so unnatürlich klang, daß Frere sich zu ihr umwandte.
»Sie sollen mir eine Gunst erweisen, eine große Gunst; das heißt, wenn es Ihnen nicht gar zu unbequem ist.«
»Was meinen Sie?« fragte Frere rauh, seine Lippen aufwerfend. »Gunst! Wie nennst Du das?« Und damit schlug er auf das Sopha. »Ist das nicht eine Gunst? Und was ist Dein kostbares Haus und Alles darin? Ist das nicht auch eine Gunst? Was willst Du?«
Zu seinem höchsten Erstaunen, antwortete das Weib damit, daß es Thränen vergoß. Eine Weile sah er sie schweigend an, als ob er nicht Willens sei, durch solche alberne Verstellung sich besiegen zu lassen. Endlich fühlte er sich doch gezwungen, etwas zu sagen. »Hast Du wieder getrunken?« fragte er, »oder was fehlt Dir? Sage mir, was Du willst und dann laß es gut sein. Ich weiß nicht, was mich besessen hat, daß ich überhaupt hierher gekommen.«
Sara richtete sich auf und wischte mit leidenschaftlicher Geberde die Thränen fort. »Ich bin krank, kannst Du das nicht sehen, Du Narr,« sagte sie. »Die Nachricht hat mich ganz herunter gebracht. Und wenn ich getrunken habe, was dann? Das geht Dich doch nichts an, was?«
»O nein,« antwortete der Andre, »es geht mich nichts an. Dabei bist Du die Hauptperson. Wenn Du Dich mit Branntwein vollfüllen willst, so magst Du es thun.«
»Jedenfalls bezahlst Du nicht dafür,« sagte sie mit einer Schnelligkeit, die andeutete, daß dies wohl nicht ihr erster Streit war.
»Nun,« sagte Frere mit ungeduldiger Rohheit, – »weiter! Ich kann nicht die ganze Nacht hier bleiben.«
Sie stand plötzlich auf und ging zu ihm. »Maurice, Du hattest mich sehr gern!«
»Einst,« sagte Maurice.
»Es sind noch nicht viele Jahre her.«
»Verdammt,« sagte er und zog seinen Arm unter ihrer Hand fort. »Wir wollen die ganze Geschichte nicht noch ein Mal hören. Das war, ehe Du trankest und fluchtest und rasend wurdest vor Leidenschaft.«
»Nun, Liebster,« sagte sie und die funkelnden Augen straften ihre sanfte Stimme Lügen. »Habe ich nicht dafür leiden müssen? Hast Du mich nicht auf die Straße gejagt? Hast Du mich nicht gepeitscht wie einen Hund? Hast Du mich nicht in’s Gefängnis gesteckt? Es ist schwer gegen Dich anzukämpfen, Moritz.«
Die Schmeichelei über seine Kraft schien ihm zu gefallen, – vielleicht wollte das die schlaue Person. Er lächelte. »Gut, laß alte Zeiten alte Zeiten sein, Sara. Es ist Dir nicht schlecht gegangen,« und er sah das wohleingerichtete Zimmer an. »Was willst Du?«
»Gestern ist ein Gefangenenschiff angekommen.«
»Nun?«
»Du weißt, wer an Bord ist, Maurice.«
Maurice schlug mit rohem Lachen die eine Hand in die andere. »O, das ist es, das ist es! Wie einfältig! Daran nicht eher zu denken. Du willst ihn sehen, nicht wahr?«
Sie drängte sich dicht an ihn und nahm in ihrem Eifer eine seiner Hände: »Ich will sein Leben retten.«
»O, verdammt; sein Leben retten, das kann nicht geschehen.«
»Du kannst es thun, Maurice.«
»Ich! das Leben von John Rex retten!« rief Frere. »Du mußt toll sein.«
»Er i der einzige Mensch, der mich liebt, Maurice, der einzige Mensch, der um mich sorgt. Er hat kein Unrecht gethan. Er wollte nur frei sein, das ist natürlich. Du kannst ihn retten, wenn Du willst. Ich bitte nur um sein Leben. Was geht das Dich an? Ein elender Gefangener, – sein Tod nützt Niemand. Laß ihn leben Maurice!«
Maurice lachte. »Was habe ich damit zu thun?«
»Du bist der Hauptzeuge gegen ihn. wenn Du sagst, daß er sich gut betragen hat, – Du weißt, – Viele hätten – Euch verhungern lassen, – dann werden sie ihn nicht hängen.«
»So, werden sie nicht? Das wird keinen großen Unterschied machen.«
»O Maurice, sei barmherzig!«
Sie neigte sich zu ihm und versuchte, seine Hand zu nehmen, aber er entzog sie ihr. »Eine nette Art Frau, die mich bittet, ihrem Geliebten zu helfen, der mich auf der verfluchten Küste aussetzte, um dort zu verhungern,« sagte er, in bitterer Erinnerung der Demüthigung, die er vor fünf Jahren erlitten. »John retten, – Gott verdamme ihn!«
»Ach, Maurice, Du wirst es thun.« Sie sprach mit unterdrücktem Schluchzen. »Was ist es für Dich? Du kümmerst Dich nicht mehr um mich. Du hast mich geschlagen und aus der Thür geworfen, obgleich ich Dir nichts Böses that. Dieser Mann war mein Ehemann, lange ehe ich Dich traf. Er hat Dir nie etwas zu Leide gethan und wird es auch nie thun. Er wird Dich segnen, wenn Du ihn rettest, Maurice.«
Frere schüttelte ungeduldig den Kopf. »Mich segnen,« sagte er. »Ich brauche seinen Segen nicht. Laß ihn hängen. Wen geht‘s etwas an?«
Doch fuhr sie fort mit strömenden Augen, mit erhabenen, weißen Armen, auf ihren Knieen, seinen Rock fassend ihn in gebrochenen Tönen anzuflehen. In ihrer wilden Schönheit und in ihrer leidenschaftlichen Verzweiflung hätte man sie für eine verlassene Ariadne halten können, für eine flehende Medea, eher als für ein liederliches Weib, das halb von Sinnen war und um Verzeihung für ihren verurtheilten Gatten bat. Maurice Frere stieß sie jetzt mit einem Fluche zurück.
»Steh’ auf,« brüllte er ganz wüthend, »und höre mit dem Unsinn auf. Ich sage Dir, der Mann ist so gut wie todt, ich wenigstens rette ihn nicht.«
Da brach ihre lang verhaltene Leidenschaft aus. Sie sprang auf ihre Füße, strich die Haare aus ihrem Gesicht, die während ihres Flehens sich gelöst hatten und überschüttete ihn mit einer Fluth von Beleidigungen. »Du! Wer bist Du, daß Du so mit mir zu sprechen wagst? Sein kleiner Finger ist mehr werth als Dein ganzer Körper. Er ist ein Mann, ein tapferer Mann, nicht ein Feigling wie Du! Ein Feigling – ja ein Feigling! Du bist sehr tapfer schutzlosen rauen und Kindern gegenüber. Du hast mich geschlagen bis mein Rücken schwarz war, Du Hund, aber Männer hast Du nur angegriffen, wenn sie in Ketten oder gebunden waren. Weiß ich es nicht? Habe ich nicht gesehen, wie Du einen Mann auf den Triangeln geplagt hast, bis ich wünschte, der Unglückliche möchte aufspringen und Dich morden, wie Du es verdientest. Sie werden Dich noch eines Tages morden Maurice Frere, – darauf gebe ich Dir mein Wort. Menschen sind von Fleisch und Blut und Fleisch und Blut will solche Qualen, wie Du sie auferlegst nicht erdulden.«
»So, nun ist’s genug,« sagte Frere, blaß werdend. »Rege Dich nicht auf.« – Er hätte eben so gut zu dem Stuhl sprechen können, an den sie sich anhielt, um eine Antwort zu bekommen.
»Ich kenne Dich, Du roher Feigling. Ich bin nicht Deine Geliebte gewesen – Gott vergebe mir – ohne Dich aus und inwendig zu kennen. Ich habe Deine Unwissenheit und Deine Eingebildetheit kennen gelernt. Ich habe gesehen, wie die Männer, die Deinen Wein tranken, Dich auslachten. Ich habe gehört, was Deine Freunde sagten, – habe die Vergleiche gehört, die sie anstellten. Einer Deiner Hunde hat mehr Verstand als Du und zwei Mal so viel Herz. Und dies sind die Männer, die man herschickt, um uns zu regieren. O Himmel, solch ein Thier hält Leben und Tod in seinen Händen! Er mag hängen, mag er? Dann will ich mit ihm hängen und Gott möge mir den Mord vergeben; ich will Dich tödten!«
Frere war bei diesem Wuthausbruch in sich zusammengesunken, aber bei ihren letzten, fast mit einem Schrei ausgestoßenen Worten, sprang er vor, um sie zu fassen. In der Verzweiflung warf sie sich ihm entgegen.
»Schlage mich; Du wagst es nicht. Ich fordere Dich heraus. Rufe die Elenden herbei, welche in diesem verfluchten Hause den Weg zur Hölle kennen lernen wollen und laß sie sehen, wie Du es verstehst. Rufe sie. Sie sind alte Freunde von Dir! Sie kennen Alle Kapitain Maurice Frere.«
»Frere, Du erinnerst Dich an Lucy Barnes, – die arme, kleine Lucy Barnes, welche für ein paar Groschen Kattun gestohlen hatte. Sie ist unten. Du würdest sie nicht kennen, wenn Du sie sähest! Sie ist nicht mehr das rosige Kind, das sie war, als sie hierher geschickt wurde, um »gebessert« zu werden und als Lieutnant Frere ein neues Hausmädchen aus der Factorei brauchte. Rufe sie, rufe sie, – hörst Du! Frage doch eine von den Bestien, die Du peitschen läßt und in Ketten legen, nach Lucy Barnes. Sie können Dir Alles über sie sagen und noch über viele Andere, viele arme Seelen, die jedem Betrunkenen, der eine Fünf-Pfundnote gestohlen hat, aufwarten müssen.«
»O Gott im Himmel, willst Du diesen Mann nicht richten?«
Frere zitterte. Er hatte oft die Stürme der Leidenschaften bei diesem Geschöpf erlebt, aber nie hatte er sie so heftig gesehen. Ihre Raserei brachte ihn in Furcht.
»Um’s Himmelswillen, Sara, sei ruhig. Was willst Du denn? Was soll ich thun.«
»Ich werde zu dem Mädchen gehen, das Du heirathen willst und ihr Alles erzählen, was ich von Dir weiß. Ich habe sie auf der Straße gesehen, habe gesehen, wie sie nach der anderen Seite blickte, wenn ich vorüber kam, wie sie ihr Sommerkleid zusammenfaßte, wenn ich in Seide rauschte. Ich, die ich sie pflegte und sie ihre Gebete sagen ließ – (o Jesus, habe Erbarmen mit mir l) – Ja, ich weiß, was sie von Frauen wie ich bin, denkt. Sie ist gut und tugendhaft – und kalt. Sie würde schaudern, wenn sie wüßte, was ich weiß. – Schaudern! – Sie würde Dich hassen! Und ich werde ihr Alles erzählen, – ja das will ich. Du willst gern anständig und angesehen sein? Ein Muster-Gatte! – Warte, bis ich meine Geschichte erzählt habe, – bis ich einige von diesen armen Frauen hinschicke, damit sie ihre Geschichte erzählen. Du tödtest meine Liebe, – nun will ich Deine zerstören und verderben!«
Frere faßte sie an beiden Handgelenken und zwang sie mit aller Kraft auf die Knie.
»Nenne nicht ihren Namen,« sagte er mit heiserer Stimme, – »oder ich thue Dir ein Leid‘s. Ich weiß Alles, was Du thun willst, ich bin nicht solch Narr, das nicht zu verstehen. Sei ruhig! Männer haben Frauen, wie Du eine bist, gemordet und jetzt weiß ich, wie sie dazu kommen.«
Es entstand ein augenblickliches Schweigen und endlich ließ Frere ihre Hände los und trat zurück.
»Ich will thun, was Du verlangst, unter einer Bedingung.«
»Welche?«
»Daß Du diesen Orte verlässest.«
»Wohin zu gehen?«
»Irgend wohin, je weiter, desto besser! Ich will Deine Reise nach Sydney bezahlen und Du kannst da bleiben oder fortgehen, wie Du magst.«
Sie war ruhiger geworden, als sie ihn nachgeben sah.
»Aber dies Haus, Maurice?«
»Du hast keine Schulden?«
»Nein!«
»Nun, so verlaß es. Das ist Deine Sache, nicht meine. Wenn ich helfe mußt Du fort.«
»Kann ich ihn sehen Maurice!«
»Nein!«
»Ach Maurice!«
»Du kannst ihn ja in den Docks sehen, wenn Du magst,« sagte Frere mit einem Lachen, das ein Blitz ihrer Augen abschnitt.
»Nun, ich wollte Dich nicht beleidigen.«
»Mich beleidigen? – Fahre fort.«
»Höre,« sagte er mürrisch. Wenn Du fortgehen willst und mir versprechen, niemals Dich in irgend etwas zu mischen, was mich oder die Meinigen angeht, niemals mit Wort oder That, so will ich thun, was Du verlangst.«
»Was willst Du thun?« fragte sie, unfähig ein Lächeln über den Sieg zu unterdrücken, den sie gewonnen.
»Ich will nicht Alles sagen, was ich von dem Manne weiß. Ich will sagen, daß er mir Gutes erwies. Ich will Alles thun, um sein Leben zu retten.«
»Du kannst es retten, wenn Du willst.«
»Gut, ich will versuchen. Bei meiner Ehre, ich will es versuchen.«
»Ich muß Dir glauben, denke ich?« sagte sie zweifelnd und dann fügte sie plötzlich kläglich bittend in merkwürdigem Gegensatz zu ihrer früheren Heftigkeit hinzu: »Du betrügst mich nicht, Maurice?«
»Nein, – warum sollte ich? Du hältst dein Versprechen und ich halte das meine. Es ist ein Vertrag?«
»Ja.«
Er blickte sie einige Augenblicke fest an und drehte sich dann auf dem Absatz herum.
Als er die Thür erreichte, rief sie ihn zurück. Sie wußte, daß er, so weit sie ihn kannte, sein Wort halten wurde, und ihre weibliche Natur konnte einen Abschiedshieb nicht unterdrücken.
»Nichts in dem Vertrage hindert mich, ihm zur Flucht zu verhelfen?« sagte sie mit einem Lächeln.
»Flucht! Er wird nicht wieder fliehen, – dafür will ich bürgen. Einmal in Port Arthur in doppelten Eisen und er ist sicher.«
Das Lächeln auf ihrem Gesicht schien ansteckend, denn auch seine Züge erheiterten sich.
»Gute Nacht, Sara,« sagte er.
Sie hielt ihm ihre Hand hin, als ob nichts vorgefallen wäre.
»Gute Nacht, Kapitain Frere. Also wir halten den Vertrag?«
»Gewiß.«
»Sie haben einen langen Weg nach Hause. Wollen Sie etwas Branntwein mitnehmen?«
»Es ist mir gleich,« sagte er, ging an den Tisch und füllte sich ein Glas. »Glückliche Reise für Dich, Sara.«
Sara Purfoy die ihn beobachtete, brach in Gelächter aus.
»Die Menschen sind sonderbare Geschöpfe,« sagte sie. »Wer könnte denken, daß wir uns eben erst häßliche Namen beigelegt haben. Ja, ja, ich bin schlimm, wenn ich gereizt werde, nicht wahr, Maurice?«
»Denke daran, was Du versprochen hast,« sagte er mit einem etwas drohenden Ton in der Stimme, als er nach der Thür ging, Du mußt mit dem nächsten Schiff von hier fort sein.
»Fürchte nichts, ich gehe.«
Als er in die kühle Straße kam und die Sterne so still scheinen und das Wasser in tiefem Frieden ruhen sah, von welchem Frieden nichts in ihm zu finden war, suchte er die nervöse Angst, die ihn gepackt, von sich abzuschütteln. Die Unterredung hatte ihn geängstigt, denn sie gab ihm zu denken. Es war hart, daß gerade jetzt, als er ein neues Blatt in seinem Lebensbuche aufschlagen wollte, ihm dieser Fleck seine neue Seite beschmutzen sollte. Es war grausam, daß, da er Alles so bequem vergessen hatte, er auf‘s Neue so rauh daran erinnert werden mußte.
