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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 20

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Viertes Capitel.
Der »bekannte« Dawes

Die Meuterer vom Osprey waren seit langer Zeit für todt gehalten, und die Geschichte ihrer verzweifelten Flucht schon in der Oeffentlichkeit fast vergessen. Nun sie wieder gefangen waren, schrieb ihnen die Volksmeinung die wunderbarsten Thaten zu. Sie waren nach den Berichten – Könige über fremde Inseln gewesen, Anführer von wilden Piraten, achtbare verheirathete Männer in Java, Kaufleute in Singapore und Schwindler in Hongkong. Ihre Abenteuer waren auf einem Londoner Theater als Drama aufgeführt und der populäre Novellist des Tages schrieb eine Erzählung ihrer wunderbaren Schicksale.

John Rex, der Hauptanführer sollte einer edlen Familie angehören und seinetwegen war, wie man hörte, eine besondere Botschaft an Sir John Franklin ergangen. Er hatte alle Aussicht, richtig gehängt zu werden, denn selbst die größten Bewunderer seiner Geschicklichkeit und seines Muthes konnten nicht umhin, zuzugeben, daß er ein Vergehen begangen, welches dem Gesetze nach den Tod verdiene. Die Regierung wollte nichts ungeschehen lassen, um ihn zu überführen und das Gefängnis war überfüllt von lebenslänglich verurtheilten Gefangenen, die man aus Port Arthur hatte kommen lassen, um die Gefangenen zu erkennen und ihre Persönlichkeit festzustellen. Unter diesem sollte auch der bekannte Schurke, der Dawes sein.

Diese Nachricht gab frische Nahrung allen Vermuthungen, Erzählungen und Erfindungen. Man erinnerte sich, daß der »bekannte« Dawes der Ausreißer war, welchen Kapitain Frere mit zurückgebracht hatte und der sein kettenbeladenes Leben dem Umstande dankte, daß er Kapitain Frere bei Erbauung des Bootes behilflich gewesen, in welchem die Ausgesetzten sich auf so wunderbare Weise gerettet hatten. Man erinnerte sich auch, wie mürrisch und düster er bei seinem Verhör vor fünf Jahren gewesen und wie er gelacht hatte, als man sein Todesurtheil geändert hatte. Die Hobart Town Zeitung brachte eine kleine Biographie von diesem fürchterlichen Schufte, – eine Biographie welche erzählte, wie er bei einer Meuterei auf dem Transportschiffe betheiligt gewesen, wie er zwei Mal von Macquarie Harbour entflohen, wie oft er wegen Widersetzlichkeit gepeitscht worden und wie er jetzt in doppelten Ketten in Port Arthur gefangen sei, nachdem er vergebliche Versuche zur Flucht gemacht hatte, daß er zuerst wegen Straßenraubes verurtheilt worden, sprach gegen jede Aeußerung der Humanität, gegenüber solchen menschlichen Bestien und verlangte, daß man sie lieber gleich hängen solle, statt sie als Last für Andre leben zu lassen um nur noch ausgebildeter in Schurkerei und Schlechtigkeit zu werden.

»Welchen Nutzen,« fragte die Zeitung pathetisch, »hat dieser Schurke in den letzten elf Jahren der menschlichen Gesellschaft geleistet?« Und Jedermann war der Meinung, daß er von gar keinem Nutzen gewesen sei.

Miß Sylvia Vickers erhielt auch ihren Antheil an der öffentlichen Aufmerksamkeit Ihre romantische Rettung durch den heldenmüthigen Frere, dem nun in Kurzem die Belohnung für seine That auf die gute, alte Art werden sollte, machte sie fast ebenso berühmt, wie den Schurken Dawes oder dessen Verbündeten, das Ungeheuer Rex. Man erzählte, daß sie bei der Verhandlung, mit ihrem Verlobten zusammen, Zeugniß ablegen würde, da sie Beide die einzigen Ueberlebenden waren, die von der Meuterei Genaues wußten. Man sagte auch, daß ihr Geliebter natürlich sehr in Sorge um sie sei und ihr Erscheinen vor Gericht nicht wünsche, da sie – ein neuer Punkt von romantischem Interesse, – durch die Krankheit, welche die Folge jener Zeit war, schwer gelitten und in gewisser geistiger Verwirrung in Bezug auf die ganze Angelegenheit sei. Wegen aller dieser Gerüchte war er Gerichtshof am Tage der Sitzung von Zuhörern gedrängt voll und als nun die verschiedenen Einzelheiten der wunderbaren Geschichte dieses doppelten Entkommens zur Sprache kamen, wurde die Aufmerksamkeit immer gespannter. Der Anblick der vier, mit schweren Ketten beladenen Gefangenen verursachte selbst in dieser, an Fesseln gewöhnten Stadt eine Aufregung, welche ganz neu war und man ging Wetten ein, welchen Gang die Vertheidigung nehmen würde. Zuerst glaubte man, die Gefangenen würden die Gnade des Gerichtshofes anflehen und durch die ungewöhnliche Art ihres Vergehens selbst sich Sympathien zu verschaffen suchen. Doch verscheuchte eine kurzes Studium des Benehmens von John Rex jeden Gedanken an einen derartigen Ausgang der Sache. Ruhig, gefaßt und abweisend, schien er bereit, sein Schicksal zu nehmen, wie es fiel oder seinen Anklägern mit irgend einem Vorwande entgegen zu treten, der ihn vielleicht von der Haupt-Anklage befreite. Als er den Spruch hörte: »er habe schurkischer Weise die Brigg Osprey genommen,« – da lächelte er.

Mr. Meekin, der mit im Gerichtshofe war, fühlte seine religiösen Gefühle durch dies Lächeln tief beleidigt. »Ein wirkliches wildes Thier, meine liebe Miß Vickers,« sagte er, als er, während die Deportierten examiniert wurden, welche herbeigeholt waren, um die Gefangenen zu Identifizieren, in das kleine Zimmer trat, in welchem Major Vickers und Sylvia warteten. »Er hat den Blick eines Tigers an sich.«

»Der arme Mann,« sagte Sylvia schaudernd.

»Arm! Meine liebe, junge Dame, Sie bemitleiden ihn doch nicht?«

»Ja, das thue ich,« sagte Sylvia und ran ihre Hände ein wenig, wie in Schmerzen, »ich bemitleide sie Alle!«

»Köstliche Empfindsamkeit!« sagte Meekin mit einem Blick auf Vickers. »Ein wahres Frauenherz, mein lieber Major.«

Der Major klopfte ungeduldig mit seinen Fingern auf den Tisch, wegen dieses unzeitigen Geschwätzes. Sylvia war in diesem Augenblick, viel zu angegriffen, um solche Gefühlsausbrüche über sich ergehen zu lassen. »Komm,« sagte der Major, »sieh durch diese Thür, Du kannst sie gerade Alle sehen und wenn Du Keinen von ihnen erkennst, sehe ich gar nicht ein, warum Du als Zeugin auftreten sollst, obgleich, wenn es nothwendig ist, Du natürlich gehen mußt.«

Grade gegenüber der Thür des Zimmers, in dem sie saßen war die Bank der Angeklagten und die vier gefesselten Männer, Jeder einen bewaffneten Wärter hinter sich, waren gerade über den Köpfen der Menge zu sehen. Das Mädchen hatte niemals einer Sitzung beigewohnt, in der über Leben und Tod eines Menschen verhandelt wurde und die Ceremonien der Verhandlung machten tiefen Eindruck auf sie, wie wohl auf Alle, welche es zum ersten Mal sehen. Die Luft war schwer und drückend. Die Ketten der Gefangenen rasselten unheimlich. Die überwältigende Macht der Richter, Gefängniswärter, Aufseher und Constabler, – vereint, um die vier Männer zu bestrafen, erschien ihr grausam. Selbst die ihr vertrauten Gesichter, welche sie in der Menge erkannte, schienen ihr schrecklich verändert zu sein. Das Gesicht ihres Verlobten, der ich eifrig nach der Zeugenbank hinüber lehnte, hatte einen tyrannischen, blutdürstigen Ausdruck. Ihre Augen folgten dem Finger ihres Vaters und blickten auf die Angeklagten. Zwei von ihnen saßen mürrisch und unaufmerksam da; der Eine kaute an einem Strohhalm oder an einer Ruthe und schlug mit ruheloser Hand auf die Schranke; der Vierte blickte zornig nach der Zeugenbank, welche sie nicht sehen konnte. Die vier Gesichter waren ihr ganz fremd.

»Nein Papa,« sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung »ich erkenne sie Alle nicht.«

Als sie sich wieder zurückwandte von der Thür, erklang eine Stimme von der Zeugenbank hinter der Thür. Sie erbleichte und hielt an. Der Gerichtshof selbst schien einen Augenblick ergriffen zu sein, denn ein Murmeln ließ sich hören und eine Stimme befahl »Schweigen!«

Der bekannte Verbrecher Rufus Dawes, der Desperado von Port Arthur, das wilde Thier von dem die Zeitung gesagt daß es unnöthig sei, daß er lebe, war gerade als Zeuge aufgetreten. Er war ein Mann von dreißig Jahren, in der vollen Kraft des Lebens mit einem Körper, dessen Muskelstärke selbst von der schlecht sitzenden gelben Jacke nicht verborgen werden konnte, mit starken, gebräunten, nervigen Händen, von gerader Haltung und mit einem Paar schwarzer Augen, welche den Gerichtssaal forschend überblickten. Selbst das Gewicht der doppelten, eisernen Ketten, welche von dem ledernen Gürtel herabhingen, konnten die Anmuth einer Haltung nicht beeinträchtigen, die nur so vollendet bei einer vollkommenen Muskelentwicklung sich darstellt. Alle die ihn unfreundlich anblickenden Gesichter konnten ihm keinen achtungsvollen Ton abnöthigen, als er auf die Frage nach seinem Namen antwortet: »Rufus Dawes, Staatsgefangener.«

»Komm mit fort, mein Liebling,« sagte Vickers, erschreckt über seiner Tochter bleiches Gesicht und glänzende Augen.

»Warte,« sagte sie ungeduldig und horchte auf die Stimme dessen, den sie nicht sehen konnte.

»Rufus Dawes? Ich habe den Namen schon früher gehört.«

»Ihr seid ein Gefangener von der Strafkolonie Port Arthur.«

»Ja.«

»Lebenslänglich verurtheilt?«

»Ja, – lebenslänglich.«

Sylvia wandte sich zu ihrem Vater, ihn fragend anblickend.

»O Papa, wer ist’s, der spricht? Ich kenne den Namen! Ich kenne die Stimme!«

»Das ist der Mann, der mit Euch im Boot war, Liebe,« sagte der Vater ernsthaft . »Der Gefangene.«

Das helle Licht wich aus ihren Augen und ein Ausdruck von Schmerz und Enttäuschung zog über ihr Gesicht. »Ich dachte, er wäre ein guter Mann,« sagte sie und hielt sich an der Thür fest. »Die Stimme klang wie eine gute Stimme.«

Dann drückte sie die Hände vor die Augen und zitterte. »Nun,« sagte Vickers, »sei nur ruhig, er kann Dir nichts mehr thun.«

»Nein,« lachte Meekin mit viel Aufweisen von Muth. »Der Schurke ist jetzt sicher genug.« Die Verhandlung im Gerichtshofe wurde fortgesetzt.

»Kennt Ihr die Gefangenen auf der Anklagebank?«

»Ja.«

»Wer sind sie?«

»John Rex, Henry Shires, James Lesley und den Vierten kenne ich nicht genau.«

»Des Letzten seid ihr nicht sicher? – Könnt Ihr beschwören, daß die drei Andern die Genannten sind?«

»Ja.«

»Ihr erinnert Euch Ihrer wohl?«

»Ich war drei Jahre mit ihnen in Macquarie Harbour in der Kette zusammen.«

Sylvia, welche diesen schrecklichen Grund für seine Bekanntschaft hörte, stieß einen leisen Schrei aus und fiel in ihres Vaters Arme.

»O Papa, laß mich fort. Es ist mir, als müsse ich mich an etwas Schreckliches erinnern.« In dem tiefen Schweigen, das im Gerichtssaal herrschte, hatte man den Schrei es armen Mädchens deutlich gehört und alle Köpfe wandten sich nach der Thür. In dem allgemeinen Erstaunen bemerkte Niemand die Veränderung, die plötzlich mit Rufus Dawes vorging. Sein Gesicht wurde feuerroth, große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn und seine Augen blickten nach der Richtung, von welcher der Schrei gekommen, als wenn er die neidische Thür durchbohren wollte, die ihn von der Frau trennte, welche den Schrei ausgestoßen hatte. Maurice Frere sprang auf und machte sich Platz durch die Menge nach der Thür zu.

»Was bedeutet das?« sagte er ziemlich roh zu Vickers. »Warum ist sie hierher geführt? Sie wird nicht verlangt. Das sagte ich schon.«

»Ich hielt es für meine Pflicht, Herr,« sagte Vickers mit Würde.

»Was hat sie erschreckt? Was hat sie gehört? Was hat sie gesehen?« fragte Frere mit merkwürdig bleichem Gesicht.

»Sylvia! Sylvia!«

Sie öffnete ihre Augen entsetzt bei dem Ton seiner Stimme.

»Wir wollen nach Hause, Papa, »ich bin krank. O solche Gedanken!«

»Was meint sie?« rief Frere, in Unruhe von Einem zum Andern blickend.

»Jener Schurke, der Dawes erschreckte sie,« sagte Meekin. »Eine Fluth von Erinnerungen, das arme Kind. Nun beruhigen Sie sich, Miß Vickers. Er ist in Sicherheit!«

»Erschreckte sie, wie so?«

»Ja,« sagte Sylvia matt, »er erschreckte mich, Maurice. Ich brauche doch nicht länger zu bleiben, Liebster?«

»Nein,« sagte Frere und die Wolke schwand von seiner Stirn. »Major, ich bitte um Verzeihung, ich war zu hastig. Führen Sie sie gleich nach Hause. Das hier ist zu viel für sie. Er ging zurück auf seinen Plan, wischte sich die Stirn und athmete schwer, wie Einer, der einer großen Gefahr entronnen ist.

Rufus Dawes war in derselben Stellung geblieben, bis Frere’s Anblick, der aus der Thür hinausging, ihn aufrüttelte.

»Wer schrie da?« fragte er den Constabler hinter sich.

»Miß Vickers,«« sagte er Mann in einer Art, als ob man einem Bunde einen Knochen hinwirft.

»Miß Vickers!« wiederholte der Deportierte in Todesangst. »Man sagte mir, sie sei todt?«

Der Constabler grunzte verächtlich über diesen voreiligen Schluß, als ob er sagen wollte: Wenn Du Alles weist, Du Bestie, warum frägst Du denn?« Aber er fühlte, daß der starre Blick des Fragenden eine Antwort erwartete und sagte: »Natürlich hieltet Ihr sie für todt; Ihr habt ja Euer Bestes dazu gethan, sagt man.«

Der Deportierte streckte in zorniger Verzweiflung seine beiden Hände aus, als ob er den Constabler trotz der geladenen Musketen packen wollte, aber sich selbst zurückhaltend, wandte er sich schnell nach dem Gerichtshofe um und rief:

»Meine Herren, Euer Gnaden, ich muß zu dem Gerichtshofe sprechen!«

Die Veränderung im Ton, sowie der laute Ruf ließ alle Köpfe, die Frere nachgeblickt hatten, sich wieder zurückwenden. Vielen schien es, als ob der »bekannte« Dawes gar nicht mehr auf der Zeugenbank saß, denn statt des dreisten, graden Schurken, der noch vor einem Augenblick dort saß, stand jetzt ein bleiches, zitterndes Geschöpf da, das sich mit einer Hand auf die Schranke stützte, um nicht fallen und die andre Hand flehend nach den Richtern hin ausstreckte. »Euer Gnaden, es ist ein schrecklicher Irrthum geschehen! Ich will eine Erklärung abgeben. Ich habe schon früher Alles erklärt, als ich zuerst nach Port Arthur geschickt wurde, aber die Briefe sind nie von dem Kommandanten abgeliefert worden, – natürlich, das ist ja die Regel und ich kann mich nicht beklagen. Ich bin ungerechter Weise dahin geschickt worden, Euer Gnaden. – Ich machte das Boot. Ich rettete des Majors Frau und Tochter. Ich war der Mann; ich that es Alles selbst und meine Freiheit wurde mir von einem Schuft genommen, der mich haßte. Ich dachte bis jetzt, daß Niemand die Wahrheit kenne, weil man mir sagte, sie sei todt.«

Die schnelle Rede setzte den Gerichtshof so in Erstaunen, daß Niemand ihn unterbrach.

»Ich wurde zum Tode verurtheilt wegen Fortlaufens, Sir, und sie verdammten mich, weil ich denen im Boot half. Ihnen half! – Ich machte es! Sie wird es Ihnen sagen! Ich pflegte sie! Ich trug sie in meinen Armen! Ich hungerte für sie! Sie liebte mich, Sir, ja gewiß. Sie nannte mich Mr. Dawes!«

Ein rohes Lachen ließ sich hören, das aber sogleich abbrach. Der Richter beugte sich über, um nachzufragen.

»Meint er Miß Vickers?«

In diesem Augenblick blickte Rufus Dawes in den Saal und bemerkte Maurice Frere, der ihn mit wildern Haß in den Augen anblickte.

»Ich sehe Euch, Kapitain Frere, Ihr Lügner und Feigling! Setzt ihn auf die Anklagebank, Ihr Herren und laßt ihn seine Geschichte erzählen. Sie wird ihn Lügen strafen, das wird sie! O und ich dachte, sie wäre todt seit langer Zeit.«

Der Richter hatte die verlangte Antwort bekommen.

»Miß Vickers war ernsthaft krank gewesen und grade jetzt im Gerichtssaal ohnmächtig geworden. Ihre einzige Erinnerung an den Deportierten, der mit ihr im Boot gewesen, war die des Schreckens und Entsetzens. Sein Anblick hatte sie sehr erschüttert. Der Deportierte selbst war ein Erzlügner und Schwindler und seine Geschichte war schon von Kapitain Frere als Lügengewebe entlarvt.«

Der Richter, ein Mann, der menschlichen Gefühlen zugänglich war, den aber Erfahrung zwang, alle Aussagen von Gefangenen mit Vorsicht aufzunehmen, sagte Alles, was er in diesem Falle sagen konnte und die Tragödie dieser fünf Jahre wurde auf folgende Weise zu den Akten gelegt.

Richter: Dies ist nicht der Platz zu einer Anklage gegen Kapitain Frere, auch nicht die Stelle, um sich über vermeintlich erlittenes Unrecht zu beschweren. Wenn Ihr Ungerechtigkeit erduldet habt, so werden die Autoritäten Eure Klage hören und Euch gerecht werden.

Rufus Dawes: Ich habe mich beklagt, Euer Gnaden. Ich schrieb Brief auf Brief an die Regierung, aber sie sind nie abgeschickt worden. Dann hörte ich, sie sei todt und man schickte mich in die Kohlenminen und dort hört man nie etwas.

Richter: Ich kann Euch nicht länger anhören. Mr. Mangles haben Sie dem Zeugen noch Fragen vorzulegen?«

Mr. Mangles hatte keine Fragen mehr zu stellen. Jemand rief: »Matthew Gabbett!« und Rufus Dawes, der noch zu sprechen versuchte, wurde mit vielem Kettengerassel unter Bemerkungen und Geräusch abgeführt.

* * *

Die Untersuchung ging ohne weiteren Zwischenfall ihren Gang fort. Sylvia wurde nicht aufgerufen und zum Erstaunen vieler seiner Feinde setzte sich Kapitain Frere auf die Zeugenbank und sprach großmüthig für Rex. »Er hätte uns können verhungern lassen. Er hätte uns ermorden können; – wir waren gänzlich in seiner Gewalt. Die Vorräthe an Lebensmitteln am Bord der Brigg waren nicht groß und indem er sie theilte, zeigte er für einen Mann in seiner Lage sehr viel Großmuth.« Dies Zeugniß sprach sehr bedeutend zu Gunsten des Gefangenen, denn es war bekannt, daß Kapitain Frere ein sehr erbitterter Feind aller rebellischen Deportierten war, daß nichts als das stärkste Gefühl von Gerechtigkeit und Wahrheit ihn dahin bringen konnte, in solchen Ausdrücken zu sprechen. Die Vertheidigung des Rex war sehr schlau. Er war schuldig, doch bat er, seine Mäßigung zu seinen Gunsten sprechen zu lassen. Sein einziger Wunsch war, seine Freiheit zu erlangen und da er die erreicht, hatte er drei Jahre ehrlich gelebt, wie er beweisen könne. Er war angeklagt, sich die Brigg Osprey gekapert zu haben, aber die Brigg Osprey war von Deportierten gebaut, hatte niemals in den Schiffslisten gestanden und konnte also auch im eigentlichen Sinne des Wortes nicht seeräuberisch genommen sein.

Der Gerichtshof gab dies zu und unzweifelhaft durch Kapitain Frere’s Aussage beeinflußt und durch die Thatsache, daß fünf Jahre seit der Meuterei vergangen waren, so wie dadurch, daß die Haupt-Rädelsführer schon in England hingerichtet waren, – verurtheilte er Rex und seine Gefährten zu lebenslänglicher Arbeit in den Strafabtheilungen der Kolonie.

Fünftes Capitel.
Maurice Frere guter Engel

Nach diesem glücklichen Schluß, ging Frere hin, das Mädchen zu trösten, um derentwillen er Rex vom Galgen gerettet hatte. Auf dem Wege dahin begegnete ihm ein Mann, der an feinen Hut faßte und fragte, ob er ihn einen Augenblick sprechen könne. Dieser Mann war schon über die mittleren Jahre hinaus, hatte ein rothes Branntweingesicht und sein Gang und Benehmen verriethen den Seemann.

»Nun, Blunt,« sagte Frere, mit der ungeduldigen Miene eines Mannes stehen bleibend, der darauf gefaßt ist, üble Nachrichten zu hören. »Was gibt’s?«

»Ich wollte nur sagen, daß Alles in Ordnung ist, Sir,« sagte Blunt. Sie ist diesen Morgen wieder an Bord gekommen.«

»Wieder an Bord gekommen!« rief Frere. »Was, ich wußte nicht, daß sie an Land war. Wohin ist sie gegangen?«

Er sprach mit einer gewissen Ueberlegenheit und Blunt, nicht mehr der Tyrann von früher, drückte sich ein wenig vor ihm. Die Untersuchung gegen die Meuterer des »Malabar« hatte Phineas Blunt fast ruiniert. Was er auch für Entschuldigungen vorbrachte, so konnte nicht weggeleugnet werden, daß Pine ihn in seiner Kajüte betrunken gefunden hatte, während er seiner Pflicht auf Deck hätte nachkommen müssen und die vorgesetzte Behörde konnte und wollte nicht über solche Vergehen gegen die Disziplin fortsehen. Kapitain Blunt, der seine Geschichte natürlich anders darstellte, hatte also nicht länger die Ehre, Gefangene der Regierung nach den Kolonien von Neu-Süd-Wales und Van Diemens Land zu bringen, sondern unternahm eine Fahrt auf Wallfischfang in die Südsee. Doch schien es als ob der Einfluß, den Sara Purfoy auf ihn gewonnen, ihm dauernd schädlich geworden war. Es war als ob des Mannes moralische Natur vergiftet war. Vielleicht hat ein kluges, schlechtes Weib solchen Einfluß auf einen sinnlichen, schwachköpfigen Mann. Blunt sank allmählich tiefer. Er kam bald in den Ruf eines Trunkenboldes und war bekannt als ein Mann, der etwas gegen die Regierung hat. Kapitain Frere, der ihm in irgend einer Weise nützlich gewesen war, wurde gewisser Maßen sein Beschützer und hatte ihm das Kommando eines Kauffahrteischiffes, eines Schooners in Sydney verschafft. Als er dies Kommando erhielt, nicht ohne einige saure Gesichter von Seiten des Eigenthümers, welcher in Hobart-Town wohnte, hatte Blunt das Mäßigkeitsgelübde auf zwölf Monate abgelegt und fühlte sich in Folge dessen so elend wie ein Hund. Doch war er ein treuer Knappe, denn er hoffte durch Frere’s Vermittlung irgend einen Regierungs-Auftrag zu bekommen, – das ersehnte Ziel für alle Schiffs-Kapitaine der Kolonien jener Zeit.

»Nun Herr, sie ging an Land um einen Freund zu sehen,« sagte Blunt und blickte nach dem Himmel und dann zur Erde.

»Welchen Freund?«

»Den Gefangenen, Sir.«

»Und sie sah ihn, nicht wahr?«

»Ja, aber ich glaubte, es wäre besser, es ihnen zu sagen,« sagte Blunt.

»Natürlich, ganz recht,« erwiderte der Andre. »Aber Sie sollten geht sofort in See gehen. Unnütz zu warten.«

»Wie sie wünschen, Sir. Ich kann morgen früh segeln oder noch heute Abend, wenn es Ihnen recht ist.«

»Heute Abend,« sagte Frere, »und zwar so bald als möglich.«

»Da ist eine Stelle in Sydney,« sagte Blunt, »nach der ich mich umgesehen habe, wenn Sie mir vielleicht dazu verhelfen könnten.«

»Was ist’s?«

»Das Kommando eines Regierungsschiffes, Sir.«

»Gut, bleiben Sie nüchtern,« sagte Frere, »und ich will sehen, was ich thun kann. Und halten sie die Zunge der Person im Zaum, wenn Sie können.«

Die Beiden blickten sich an, und Blunt grinste sklavisch.

»Ich will mein Bestes thun.«

»Hüten Sie sich vor Anderem,« erwiderte sein Patron und ließ ihn ohne Weiteres stehen. Frere fand Vickers im Garten und bat ihn sogleich, nicht mit seiner Tochter von der Gerichtssitzung zu sprechen.

»Sie sahen, wie elend sie heute war. Um’s Himmels willen, Major, machen Sie sie nicht wieder krank!«

»Mein lieber Herr,« sagte der arme Vickers. »Ich will gar nicht auf die Sache zurückkommen. Sie ist noch immer sehr unwohl. Nervös und schwach. Gehen Sie zu ihr hinein.«

Frere ging hinein und beruhigte das aufgeregte Mädchen, mit wirklicher Sorge über ihre Leiden. »Es ist Alles jetzt in Ordnung, Liebste; denke nicht weiter daran. Verjage es ganz aus Deinem Kopf.«

»Es war thöricht von mir, Maurice. Ich weiß, ich konnte nichts dafür. Die Stimme jenes Mannes erinnerte mich an irgend einen großen Jammer um Jemand oder um Etwas. Ich kann nicht erklären, was ich meine, das weiß ich, aber es war mir, als müsse ich mich an irgend ein großes Unrecht erinnern, als müsse ich etwas erfahren, das mich alle die hassen ließ, die ich lieben sollte. Verstehst Du?«

»Ich glaube ich verstehe Dich,« sagte Frere mit finster abgewandtem Gesicht. »Doch das ist Alles Unsinn.«

»Natürlich,« erwiderte sie mit einem Anflug ihrer früher kindischen Art, Sachen kurz abzubrechen. »Jeder weiß, daß es Alles Unsinn ist. Aber man denkt solche Dinge. Es scheint mir, als habe ich ein doppeltes Leben, als hätte ich schon früher gelebt, ein andres Leben – ein Traumleben.«

»Was für ein romantisches Mädchen bist Du,« sagte Frere, sie kaum verstehend. »Wie könntest Du ein Traumleben haben?«

»Natürlich nicht wirklich, Du großer Dummkopf. Aber in Gedanken, weißt Du, Ich träume hin und wie er solche sonderbaren Sachen. Ich falle immer in Abgründe oder Wasserfälle und werde in große Höhlen unter ungeheuren Felsen hineingestoßen. – Schreckliche Träume!«

»Schlechte Verdauung,« murmelte Frere, »Du machst Dir nicht genug Bewegung Du solltest nicht so viel lesen. Mache alle Tage einen Spaziergang von zwei Stunden.«

»Und in diesen Träumen,« Fuhr Sylvia fort, ohne sich an seine Unterbrechung zu kehren, »ist eins sehr merkwürdig. Du bist immer dabei Maurice.«

»Nun, das ist recht,« sagte Frere.

»Ja, aber nicht als der gute, freundliche Mann, der Du bist, sondern scheltend, drohend und ärgerlich, so daß ich mich vor Dir fürchte.«

»Aber das ist doch nur im Traum, mein Liebling.«

»Ja, aber —« mit seinem Rockknopf spielend.

»Gerade so sahst Du heute aus vor Gericht, Maurice und das machte mich so unglücklich.«

»Mein Liebling! Still! Weine nicht.«

Aber sie war schon in leidenschaftliche Thränen und Schluchzen ausgebrochen und ihre leichte Gestalt zitterte in seinen Armen.

»O Maurice, ich bin ein sehr schlechtes Mädchen! Ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich glaube oft, ich liebe Dich nicht so wie ich sollte, Dich, der mich gerettet und gepflegt hat.«

»Laß gut sein, denke nicht daran,« murmelte Frere mit ziemlich erstickter Stimme.

Sie wurde sogleich ruhiger und sagte nach einer Weile, ihr Gesicht zu ihm erhebend: »Sage mir, Maurice, hast Du jemals in den Tagen, von denen Du mir erzählt hast, als Du mich, ein Kind in Deinen Armen trugst und mich füttertest und für mich hungertest, hast Du je daran gedacht, daß wir uns heirathen könnten?«

»Ich weiß nicht,« sagte Maurice, »wie so?«

»Ich glaube Du mußt daran gedacht haben, sonst würdest Du nicht so gut und so sanft und ergeben gewesen sein.«

»Unsinn, Kind,« sagte er, seine Augen abwendend.

»Aber das bist Du gewesen und ich bin sehr launenhaft manchmal. Papa hat mich verzogen. Du bist immer liebevoll und Deine Art, über die ich mich ärgre, kommt nur davon, daß Du mich so lieb hast, nicht wahr?«

»Ich denke,« sagte Maurice mit ungewohnt feuchten Augen.

»Nun, siehst Du, das ist der Grund, warum ich auf mich selbst böse bin, daß ich Dich nicht so liebe, wie ich sollte. Ich möchte gern, daß Du die Dinge liebtest, die ich liebe, die Bücher, die Musik, die Bilder, – die Welt, die ich liebe. Aber ich vergesse, daß Du ein Mann bist und ich ein Mädchen; ich vergesse, wie edel Du Dich benommen hast, Maurice und wie selbstlos Du Dein Leben für das meine wagtest. – Wie, was ist Dir?«

Er hatte sie fortgestoßen und war an das Fenster getreten, über die Bäume des sanft abfallenden Gartens auf die Bai hinabblickend, die im ruhigen Abendlichte da lag. Der Schooner, welcher die Zeugen von Port Arthur gebracht hatte, lag vor Anker und die gelbe Flagge wehte am Mast in dem frischen Abendwinde. Der Anblick dieser Flagge schien ihn böse zu machen, denn als sein Auge darauf fiel, stieß er einen ungeduldigen Ausruf aus und wandte sich dann wieder um.

»Maurice,« rief sie, »ich habe Dir weh gethan!«

»Nein, nein. Es ist nichts,« sagte er mit der Miene seines Mannes, den man auf einer Schwäche ertappt. Nur mag ich Dich nicht so sprechen hören, – daß Du mich nicht liebst.«

»Ach vergib mir, Liebster; ich wollte Dir nicht weh thun. Es ist solche thörichte Art von mir, mehr zu sagen, als ich meine. Wie kann ich anders, als Dich lieben, – nach Allem, was Du für mich gethan?«

Eine plötzliche Laune ließ ihn ausrufen: »Aber vorausgesetzt, ich habe nicht Alles gethan, was Du denkst, – würdest Du mich doch noch lieben?«

Ihre Augen, die ihn bisher mit ängstlicher Zärtlichkeit angeblickt hatten, weil sie glaubte, ihm Schmerz verursacht zu haben, senkten sich bei seinen Worten. »Was für eine Frage? Ich weiß es nicht. Ich glaube, – ja – aber, wozu alle solche Voraussetzungen, Maurice! Ich weiß, Du hast es gethan und das ist genug. Wie kann ich sagen, was ich gethan hätte, wenn etwas Andres geschehen wäre? Du hättest mich dann vielleicht nicht geliebt!«

Wenn in diesem selbstsüchtigen Herzen vielleicht einen Augenblick ein Gefühl wie Gewissensbisse auftauchte, so zerstörte ihre zögernde Antwort dies sogleich.

»Gewiß, das ist wahr! »Er legte seinen Arm um sie. Sie hob lachend ihre Augen.

»Wir sind ein paar rechte Gänse, – wenn – wenn! Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir haben die Zukunft vor uns, die Zukunft, in der ich Deine liebe, kleine Frau sein werde. Dann wollen wir uns das ganze Leben lang lieb behalten, wie die Leute in den Büchern.«

Versuchung zum Bösen war oft an Frere herangetreten und seine selbstsüchtige Natur war unterlegen, wenn sie lange nicht solche reizende Form angenommen hatte, wie dies Mal, da das schöne unschuldige Kind ihn mit fragenden Augen anblickte. Was für Hoffnungen hatte er auf ihre Liebe gebaut; was für gute Entschlüsse hatte er gefaßt oder – schien sie gefaßt zu haben – weil sie so viel Reinheit und Güte in sich trug. Wie sie wahr sagte, war die Vergangenheit nicht zurückzurufen; nur die Zukunft, in der sie ihn für’s Leben lieben sollte, – lag vor ihnen. Mit jener vollendeten Heuchelei der höchsten Selbstsucht, welche sich selbst betrügt, legte er das kleine Haupt an seine Brust und glühte dabei von erhabener Tugend. »Gott segne Dich, mein Liebling! Du bist mein guter Engel.«

Das Mädchen seufzte. »Ich will Dein guter Engel sein, Liebster, wenn Du es mir nur erlauben willst.«

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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700 s. 1 illüstrasyon
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