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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 21

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Sechstes Capitel.
Mr. Meekin bringt Trost

Rex sagte zu Mr. Meekin, der ihm am nächsten Tage die Ehre anthat, ihn zu besuchen, daß nächst der Vorsehung er Mr. Frere sein Leben zu danken habe, der so gütig für ihn gesprochen.

»Ich hoffe, Eure Rettung wird eine Warnung für Euch sein, lieber Mann,« sagte Meekin, »und Ihr werdet nun während Eures übrigen Lebens die Sünden der Vergangenheit wieder gut machen.«

»Das will ich, Herr,« jagte Rex, der Mr. Meekin schnell erkannt hatte, »Es ist sehr gütig von Ihnen, sich zu mir Elendem so herabzulassen und so mit mir zu sprechen.«

»Durchaus nicht,« sagte Meekin mit Salbung. »Das ist meine Pflicht. Ich bin ein Diener des Herrn.«

»Ach Herr, ich wünschte, ich wäre dem Evangelium gefolgt als ich jünger war. Dies Alles hätte mir können erspart werden.«

»Gewiß konnte es das; aber die göttliche Gnade ist unendlich – ganz unendlich und wird uns Allen – Allen zu Theil, Euch sowohl wie mir.« (Dies wurde mit einer Miene gesagt, die deutlich ausdrückte: Was sagst Du dazu?) »Denkt an den reuigen Sünder, Rex, – an den reuigen Sünder!«

»Ja, Herr, das thue ich.«

»Und lest Eure Bibel, Rex, und betet um Kraft, die Strafe zu ertragen.«

»Das will ich, Mr. Meekin. Ich brauche sie sehr nöthig, physisch so gut wie geistig, – denn die Nahrung, welche die Regierung gibt, ist sehr ungenügend.«

»Ich will an geeigneter Stelle darüber sprechen, daß Ihr bessere Nahrung kommt,« erwiderte Meekin in beschützendem Tone. »Indeß sammelt in Eurem Geist alle Einzelheiten Eurer Abenteuer, von denen Ihr spracht und haltet Alles zum nächsten Mal, wenn ich komme, bereit. Solche merkwürdige Geschichte sollte nicht verloren gehen.«

»Danke bestens, Sir. Das will ich. Ach, wenig dachte ich daran, als ich noch als Gentleman galt, Mr. Meekin, (der Schuft war sehr beredt über seine frühere Laufbahn gewesen) daß es mit mir so weit kommen würde. Doch ist es nur gerecht, Herr.«

»Die wunderbaren Wege der Vorsehung sind immer gerecht, Rex,« erwiderte Meekin, der es vorzog, von dem Allmächtigen mit wohl anständiger Unbestimmtheit zu sprechen. »Es freut mich, Euch so durchdrungen von Euren Fehlern zu sehen. Guten Morgen!«

»Guten Morgen, und der Himmel segne Sie, Herr,« sagte Rex mit der Zunge in der Backe, als Zeichen für seine Gefährten.

Mr. Meekin ging zierlichen Schrittes davon und hatte das glückliche Bewußtsein, seht erfolgreich im Weinberge des Herrn gearbeitet zu haben. Auch hielt er Rex für eine sehr hervorragende Persönlichkeit.

»Ich will seine Geschichte an den Bischof schicken,« sagte er zu sich selbst. »Es wird ihn unterhalten. Es müssen hier merkwürdige Lebensgeschichten zu finden sein, wenn man nur wüßte wie.«

Als dieser Gedanke durch seinen Kopf flog, bemerkte er grade den »bekannten Dawes«, »den man, während er auf die Abfahrt des Schooners wartete, der ihn nach Port Arthur zurückbringen sollte, erlaubt hatte, Steine zu klopfen. Der Gefängnisschuppen, in dem Mr. Meekin sich befand, war lang und niedrig, mit Eisen gedeckt und an jedem Ende durch die Gefängnismauer geschlossen. An einer Seite stiegen die Zellen daran und an der andern Seite die äußere Gefängnismauer. Von der äußeren Mauer aus war ein Wetterdach angebracht und unter diesem saßen vierzig Deportierte, die schwere eiserne Ketten trugen. Zwei Constabler mit geladenen Karabinern gingen in dem leeren Raum in der Mitte auf und ab und ein dritter hielt in einer Art Schilderhaus Wache, das an die Hauptmauer lehnte. Jede halbe Stunde ging ein Constabler die Reihe entlang und prüfte die Ketten. Das bewunderungswürdige System der Isolierhaft, das innerhalb zwölf Monaten zum Wahnsinn führt, war damals in Hobart-Town noch unbekannt und die vierzig Kettengefangenen hatten die Genugthuung, jeden Tag sechs Stunden lang ihre Gesichter gegenseitig zu sehen. Die andern Einsassen des Gefängnisses arbeiteten auf den Straßen und Wegen und anderswo, doch diese vierzig hielt man für zu gefährlich, um sie hinaus zu lassen. Sie saßen, je drei Fuß von einander in zwei langen Reihen, jeder Mann einen Haufen Steine zwischen den ausgestreckten Beinen und zerschlugen diese nach Belieben. Diese doppelte Reihe von unglücklichen Spechten, welche an den hohlen Baum der Strafdisziplin klopften, boten einen halb traurigen, halb lächerlichen Anblick.

Es schien so trostlos abgeschmackt, daß vierzig muskulöse Männer angekettet und bewacht waren, nur um eine Wagenladung voll Steine zu zerklopfen. Wüthende Blicke wurden von Einem zum Andern geworfen und das Vorübergehen des Predigers wurde mit einem dumpfen Murren und Fluchen begrüßt. Es wurde für passend gehalten, zu predigen, wenn der Hammer auf den Stein schlug und unter dem Ton eines Ausrufs der Ermüdung wurde mancher Fluch losgelassen. Ein phantastischer Besucher der die bald hier bald dort unregelmäßig erhobenen Hammer sah, hätte das Innere des Schuppens mit einem großen Piano vergleichen können, aus dessen Tasten unbekannte Finger hin und her irrten.

Rufus Dawes war der Letzte in der Reihe, sein Rücken nach den Zellen, sein Gesicht nach der Mauer gewandt. Dies war der Platz zunächst dem wachthabenden Constabler und war ihm als dem am übelsten Angeschriebenen angewiesen. Einige seiner Gefährten beneideten ihm diese traurige Auszeichnung.

»Nun Dawes,« sagte Mr. Meekin, mit dem Auge die Entfernung zwischen sich und dem Gefangenen abmessend, wie Einer wohl die Kette eines bösen Hundes mißt. »Wie geht es Euch diesen Morgen, Dawes?«

Dawes, der zwischen zwei Schlägen auf die Steine etwas murmelte, mochte wohl gesagt gaben daß er ganz wohl sei.

»Ich fürchte, Dawes,« sagte Mr. Meekin vorwurfsvoll, »daß Ihr Euch Schaden gethan habt durch Euren Ausfall vor Gericht am Montag. Ich höre, daß die öffentliche Meinung sehr entbrannt gegen Euch ist.«

Dawes, der damit beschäftigt war, einen großen Stein zwischen kleinen Steinen zurecht zu legen, gab keine Antwort.

»Ich fürchte, es fehlt Euch an Geduld, Dawes. Ihr bereut nicht Eure Uebertretungen des Gesetzes.«

Die einzige Antwort des Gefesselten, wenn es eine Antwort sein sollte, war, daß er einen mächtigen Schlag auf den Stein führte und ihn in viele kleine Stücke zersplitterte, so daß der Prediger einen Schritt zurück sprang.

»Ihr seid ein verhärteter Bösewicht; – hört Ihr nicht, daß ich mit Euch spreche?«

»Ich höre Euch,« sagte Dawes und nahm einen andern Stein auf.

»Dann hört mit Achtung zu,« sagte Meekin, roth vor heiliger Entrüstung. »Ihr habt den ganzen Tag Steine zu klopfen.«

»Ja, den ganzen Tag,« antwortete Rufus Dawes mit hartem Blick, »und den nächsten Tag auch und so fort.«

Und wieder fiel der Hammer nieder.

»Ich kam, um Euch Zu trösten, Sir, zu trösten,« sagte Meekin, empört über die Verachtung mit dem sein wohl gemeintes Entgegenkommen aufgenommen wurde. »Ich wollte Euch gute Rathschläge geben!«

Die selbstgewisse Wichtigkeit des Tones schien in dem Deportierten das, was ihm an Verständnis für Humor nach allen Demüthigungen noch geblieben war, wach zu rufen. Ein Lächeln flog über seine Züge und er sagte: »Ich bitte um Verzeihung. Fahren Sie fort!l«

»Ich wollte sagen, lieber Mann, daß Ihr Euch selbst Schaden gethan habt durch Eure Klage gegen Mr. Frere und den Mißbrauch, den Ihr mit Miß Vickers’ Namen getrieben habt.«

Die Brauen des Gefangenen zogen sich wie in tiefem Schmerz zusammen und er bemühte sich sichtlich, sich Zwang aufzuerlegen, als er endlich sagte: »Soll keine Untersuchung gehalten werden, Mr. Meekin? – Was ich sagte, war Wahrheit, die ganze Wahrheit, – so wahr mir Gott helfe!«

»Keine Lästerung Herr,« sagte Meekin feierlich. »Keine Lästerung, Sie Elender. Fügt nicht der Sünde des Lügens die noch größere hinzu, Gottes Namen unnützlich dabei anzurufen. Er wird Eure Schuld erkennen, Dawes, das wird er. – Nein, es wird keine Untersuchung gehalten werden.«

»Wird man sie denn nicht nach ihrer Geschichte fragen?« fragte Dawes mit einer jammervollen Veränderung in seiner Stimme. »Man sagte mir, daß sie gefragt werden sollte! Gewiß, man wird sie doch fragen?«

»Ich bin nicht im Stande,« sagte Meekin, vollständig unberührt von der Todesangst, der Verzweiflung und der Wuth, welche die Stimme des starken Mannes zittern ließ, »die Absichten der Behörden hier darzulegen, doch kann ich Ihnen sagen, daß Miß Vickers nicht nach Ihnen gefragt werden wird. Sie werden am 24. nach Port Arthur zurück gehen und dort bleiben.«

Ein Stöhnen brach aus der Brust des Mannes; ein Stöhnen so qualvoll, daß selbst der ungerührte Meekin davon betroffen wurde.

»Es ist das Gesetz, wißt Ihr, mein guter Freund. Ich kann’s nicht ändern,« sagte er. »Ihr solltet das Gesetz nicht verletzen, wißt Ihr.«

»Verdammt sei das Gesetz,« rief Dawes. »Es ist ein niederträchtiges Gesetz, – es ist, – ha – ich bitte um Verzeihung!« Er hämmerte auf seine Steine los und lachte so bitter, so fürchterlich – in der Hoffnungslosigkeit, irgend ein Mitgefühl für sich zu gewinnen, daß dies Lachen schlimmer war, als irgend ein Ausbruch der Wuth.

»Nun,« sagte Meekin, dem es unwillkürlich schwer wurde, hier seine eingelernten, flachen Redensarten anzubringen, »nun, Ihr könnt Euch doch nicht beklagen. Ihr habt gegen das Gesetz gefehlt und Ihr müßt dafür leiden. Die zivilisierte Gesellschaft sagt, Ihr sollt gewisse Dinge nicht thun und so müßt Ihr auch die Strafe leiden, welche die Gesellschaft darauf setzt. Es fehlt Euch nicht an Verstand, Dawes, um so trauriger ist es, und Ihr könnt Euch nicht über Ungerechtigkeit beklagen.«

Rufus Dawes verachtete es, mit Worten zu antworten, aber er ließ seine Augen ausdrucksvoll umherschweifen, als ob er grimmig fragen wollte, ob die zivilisierte Gesellschaft wohl ganz in Uebereinstimmung mit der Gerechtigkeit handelte, wenn sie solche von Mauern eingeschlossene, von Karabinern bewachte Plätze schuf, die angefüllt mit solchen Geschöpfen waren, wie diese vierzig menschlichen Thiere, verdammt, die besten Jahre ihres Lebens mit Steineklopfen zuzubringen.

»Ihr leugnet das nicht, Dawes, wie?« fragte der feine Pastor.

»Es gebührt mir nicht, mit Ihnen zu streiten,« sagte Dawes in einem so gleichgültigen Tone, wie ihn nur das lange Leiden hervorbringen konnte und der so zwischen Verachtung und Achtung schwebte, daß der unerfahrene Meekin um die Welt nicht hätte sagen können, ob er den Mann bekehrt oder ob derselbe unverschämt gegen ihn war.

»Aber,« fügte Dawes hinzu, »ich bin ein Gefangener auf lebenslänglich und kann die Dinge nicht so ansehen wie Sie.«

Diese Seite der Sache schien Mr. Meekin bis jetzt noch nicht eingefallen zu sein und seine sanfte Wange wurde roth. Gewiß machte die Thatsache, daß der Gefangene auf seine ganze Lebensdauer verurtheilt war, einen Unterschied. Doch erinnerte ihn der Ton der Mittagsglocke daran, daß er seine Ueberzeugungsversuche aufgeben und seine Trostworte den sich jetzt zur Musterung stellenden Gefangenen entziehen müsse. Mit vielem Klirren und Klappern standen die vierzig Mann nun aufrecht da, Jeder neben seinem Steinhaufen. Der dritte Constabler ging umher und rasselte mit großer Rohheit an den Ketten, riß die unten mit Schlitzen versehenen Beinkleider der Gefangenen, die mit Knöpfen gemacht waren wie die mexikanischen Calzoneros, um den Knöcheleisen freien Spielraum zu lassen, ein wenig in die Höhe. Er mußte sehen, ob nicht irgend ein Versuch zur Befreiung gemacht sei, seit seiner letzten Untersuchung. Nachdem jeder Mann dieser Zeremonie sich unterworfen hatte, grüßte er und kehrte mit breitgespreizten Schritten auf seinen Platz zurück. Mr. Meekin, der freilich kein Pferdekenner oder Liebhaber war, mußte unwillkürlich an den Anblick denken, den es gewährt, wenn ein Hufschmied die Füße der Pferde aufhebt um die Hufeisen zu prüfen.

»Auf mein Wort,« sagte er zu sich selbst mit einem augenblicklichen Gefühl wahren Mitleidens, »es ist eine fürchterliche Art, menschliche Wesen zu behandeln. Ich wundere mich nicht, daß jener unglückliche Mensch so traurig seufzt. Aber, Gott stehe mir bei, – es ist beinahe ein Uhr und ich versprach um zwei bei Major Vickers zu frühstücken. Wie die Zeit doch fliegt!«

Siebentes Capitel.
Das Idyll von Rufus Dawes

An demselben Nachmittag, als Mr. Meekin sein Frühstück verdaute und später mit Sylvia schwatzte, brütete Rufus Dawes über einem verzweifelten Unternehmen. Die Nachricht, daß die von ihm erhoffte Untersuchung nicht stattfinden würde, hatte ihm die sich selbst auferlegten Fesseln der Zurückhaltung und Selbstüberwindung doppelt erschwert und verbittert. Fünf Jahre hatte er in Verzweiflung und Trostlosigkeit aus einen Glücksfall gehofft, der ihn nach Hobart-Town bringen sollte, wo er die Verrätherei von Maurice Frere aufdecken wollte. Er hatte durch einen fast wunderbaren Zufall die Gelegenheit gefunden, frei reden zu können und da er sie benutzte, durfte er nicht weiter sprechen. Alle Hoffnungen, die er gefaßt, waren mit einem Schlage vernichtet. Alle Ruhe, mit der er sich gewöhnt hatte, sein furchtbares Schicksal zu ertragen, wandelte sich jetzt in bittersten Haß und Wuth. Statt eines Feindes hatte er zwanzig. Alle – Richter, Geschworene, Kerkermeister und Geistliche, – Alle waren verbündet, ihm Uebles anzuthun und ihm sein Recht zu verweigern. Die ganze Welt war sein Feind, es war kein Recht und keine Gerechtigkeit mehr zu finden, – in Niemand mehr, – außer in Einer!

Während des trostlosen, elenden Lebens in Port Arthur strahlte ihm eine einzige Erinnerung als heller Stern. In der Tiefe seiner Erniedrigung, auf der Höhe seiner Verzweiflung pflegte er einen reinen, veredelten Gedanken, – den Gedanken an das Kind, welches er gerettet hatte und welches ihn liebte. Als an Bord des Wallfischfahrers, der sie aus dem brennenden Boot aufgenommen hatte, er wohl fühlte, daß die Schiffer, Frere’s groben Lügen glaubend, von dem düsteren Burschen sich zurück hielten, – da hatte er die Kraft gefunden, still zu sein, indem er an das leidende Kind dachte. Als die arme Mrs. Vickers starb, ohne irgend ein Zeichen von sich zu geben und er so den Hauptzeugen seines Heldenmuthes vor seinen Augen schwinden sah, da tröstete er sich damit, daß das Kind noch da sei und er hatte seinen selbstsüchtigen Kummer zurückgehalten. Als Frere ihn den Behörden als Ausreißer auslieferte und die Einzelheiten des Bootbaues so drehte und wandte, daß sie ihm allein zum Ruhme gereichten, schwieg er, weil er glaubte, daß Sylvia alle diese Ansprüche zurückweisen und die Wahrheit darüber bekannt machen würde. So unerschütterlich war sein Glaube an ihre Dankbarkeit, daß er es verachtete, um die Gnade zu bitten, die, wie er sich fast einbildete, sie für ihn fordern würde. So vollständig verachtete er den Feigling und Prahler, der, mit kurzer Autorität bekleidet, schändliches, falsches Zeugniß gegen ihn ablegte, daß, als er seine Verurtheilung zu lebenslänglicher Verbannung hörte, er es nicht über sich gewinnen konnte, den wahren Sachverhalt kund werden zu lassen, weil er auf die süßere Rache, die vollständigere Rechtfertigung wartete, die nach der Genesung des Kindes ihm werden würde. Aber als nun, nachdem er nach Port Arthur geschickt war, Tag auf Tag vorüber ging und ihm kein Wort des Mitleidens oder der Rechtfertigung wurde, da fing er mit einem krankhaften Gefühl der Verzweiflung an zu glauben, daß irgend etwas Schreckliches geschehen sein müsse. Neuangekommene erzählten ihm, daß das Kind des Kommandanten noch krank läge und dem Tode nahe sei. Dann hörte er, daß sie und ihr Vater die Kolonie verlassen hatten und daß jede Hoffnung durch sie gerechtfertigt zu werden, für ihn geschwunden sei. Diese Nachricht bereitete ihm einen furchtbaren Schmerz und zuerst war er fast geneigt in laute Empörung über ihre Selbstsucht auszubrechen. Doch in der Tiefe seiner Liebe zu ihr, die frei ich sehr verborgen unter seiner heftigen, düstern Art lag, durch seine fürchterlichen Leiden hervorgerufen, fand er immer noch Entschuldigungen für sie. Sie war krank. Sie war in den Händen von Freunden, welche sie liebten und ihn verachteten; vielleicht wurden ihre Bitten und Erklärungen als kindisches Geschwätz angesehen. Sie würde ihn sicher befreien, wenn sie die Macht hätte. Da schrieb er Berichte, flehte, daß ihm gestattet würde, den Kommandanten zu sehen, plagte die Kerkermeister und Aufseher mit der Geschichte der von ihm erduldeten Ungerechtigkeiten, überschwemmte die Regierung mit Briefen, welche, da sie, – wie stets – Anklagen gegen Maurice Frere enthielten, niemals ihre Bestimmung erreichten. Die Behörden, welche zuerst geneigt waren, gütig auf ihn zu hören, in Anbetracht seiner wunderbaren Schicksale, wurden der ewigen Wiederholung dessen müde, was sie für eine Reihe von boshaften Erfindungen hielten und schrieben ihm härtere Arbeit und schwerere Aufgaben zu. Sie hielten sein düsteres Wesen für Verrätherei, seine Ausbrüche der Ungeduld über sein furchtbares Schicksal für Wildheit und sein schweigendes Ertragen für gefährliche Schlauheit.

Was er schon in Macquarie Harbour gewesen, wurde er auch in Port Arthur, ein Gezeichneter! In Verzweiflung darüber, daß er die begehrte Freiheit nie auf geradem Wege erlangen würde und erdrückt durch die entsetzliche Aussicht,; sein ganzes Leben in Ketten zuzubringen, versuchte er zwei Mal zu entfliehen, aber die Flucht war von hier aus noch hoffnungsloser, als sie vom Höllenthor aus gewesen war. Die Halbinsel von Port Arthur wurde sehr sorgfältig bewacht. Signal-Stationen zogen sich rings um die Gefängnisse hin, eine bewaffnete Bootsmannschaft kreuzte auf jeder Bai und quer über die enge Landzunge, welche die Halbinsel mit dem Festlande verband, wurde eine Kette von Bluthunden gehalten, außer den Soldaten, die dort Wache standen. Er wurde natürlich wieder gefangen, gepeitscht und mit schwereren Ketten beladen. Das zweite Mal schickten sie ihn in die Kohlenminen, wo die Gefangenen unter der Erde wohnten, halb nackt arbeiteten und ihre Aufseher und Inspektoren in Wagen auf den Eisenschienen umherzogen, wenn solche hohe Personen sich herabließen, sie zu besuchen. An dem Tage, an welchem er nach diesem Orte abging, hörte er, daß Sylvia todt sei und mit dieser Nachricht wich seine letzte Hoffnung von ihm.

Nun begann für ihn eine neue Religion. Er betete die Todte an. Für die Lebenden hatte er nur Haß und böse Worte, – für die Todte nur Liebe und zärtliche Gedanken. Statt der Gestalten seiner frühen Jugend, die ihm sonst in seinen Träumereien erschienen, sah er jetzt nur eine Gestalt, – das Kind, das ihn geliebt hatte. Statt Bilder vor seinen Geist zu beschwören, die aus dem Heimathskreise stammten, in dein er sich einst bewegt, – Wesen, die ihn damals geliebt oder geachtet hatten, führte sein Geist ihm nur noch das eine Bild vor, für ihn die Verkörperung des Glückes, das eine Geschöpf, das ohne Sünde und Flecken war unter allen den Ungeheuern des Abgrundes, in dem er lebte. Um die Gestalt des unschuldigen Kindes, das an seiner Brust gelegen, das ihn mit ihrem rothen, jungen Munde angelacht, bewegte sich für ihn Alles, was das Leben an Glück und Liebe besaß. Er hatte jede Hoffnung aus Wiedereinsetzung in seine Stellung und seinen Namen aufgegeben, aber er dachte sich eine Heimath in irgend einem stillen Winkel der Erde, – etwa ein von weiten Gärten umgebenes Haus in einer deutschen Landstadt oder eine Hütte an der englischen Seeküste, wo er mit seinem Traumkinde zusammen leben könnte, glücklich in einer Liebe, die reiner war als die von Mann und Weib.

Er dachte daran, wie er sie unterrichten könne und ihr aus dem reichen Schatz mittheilen, den er in seinem Wanderleben gesammelt, wie er ihr seinen wahren Namen anvertrauen – wie er für sie Reichthum und Ehren erwerben wolle. Doch dachte er, sie würde sich nichts aus Reichthum und Ehren machen, sie würde ein ruhiges Leben vorziehen, ein Leben voll einfacher, nützlicher Arbeit, ein Leben, – guten Thaten gewidmet, dem Wohlthun und der Barmherzigkeit. Er sah sie in seinen Träumen – lesend am Kaminfeuer, wandernd im grünen Walde, weilend und ausruhend am stillen, warmen Seestrande. Er fühlte in seinen Träumen ihre weichen Arme um seinen Hals gelegt, ihre unschuldigen Küsse auf seinen Lippen; er konnte ihr liebliches Lachen hören und sah ihre goldenen Locken nach hinten fliegen, wenn sie ihm entgegen lief.

Er wußte, daß sie todt war und daß er sie nicht mehr beleidigte, wenn er ihr Schicksal in Gedanken mit dem Seinigen verband, – eines Elenden, der so viel Böses gesehen und erlebt. Er liebte es, an sie zu denken, als ob sie noch lebe und für sie und sich Pläne einer gemeinsamen, glückseligen Zukunft auszudeuten. In der lärmenden Finsterniß der Grube, im blendenden Lichte des Mittags, seinen schweren Karren Ziehend immer und immer war sie bei ihm, mit ihren klaren Augen liebevoll in seine Augen blickend, so wie sie es vor langer, langer Zeit in dem Boot gethan.

Es war ihm, als wäre sie nie älter geworden, als wenn sie nie den Wunsch gehabt, ihn zu verlassen. Nur, wenn ihm sein Elend zu schrecklich wurde, wenn er fluchte und sein Schicksal verwünschte, wenn er sich in die gemeine Lustigkeit der Gefährten mischte, dann verschwand die kleine Gestalt.

So hatte er sich in seinen Träumen einen wunderbaren Trost geschaffen und fand in dieser Traumwelt Ersatz für Alles, was ihm im Leben fehlte. Eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen alle Leiden erfaßte ihn, nur lag im Grunde dieser Gleisgültigkeit ein fürchterlicher Haß gegen den Mann verborgen, der diese Leiden über ihn gebracht hatte und außerdem der feste Entschluß, bei der ersten Gelegenheit die Ansprüche dieses Mannes an ein Heldenthum zu vernichten, das derselbe sich nur angemaßt. In dieser Stimmung hatte er sich vorbereitet, vor dem Gerichtshofe seine Anklagen loszulassen, – aber die Nachricht, daß Sylvia lebte, hatte ihn ganz überwältigt und seine wohlbedachte Rede hatte sich in einen Strom von Anklagen und Beleidigungen verwandelt, der Niemand überzeugte und Frere im Gegentheil Waffen gegen ihn in die Hand gab. Man kam überein, daß der Gefangene Dawes ein boshafter, schlauer Schurke sei, dessen einziger Zweck war, eine kurze Frist von der wohlverdienten Strafe loszukommen.

Gegen diese Ungerechtigkeit wollte er sich empören. Es war haarsträubend, daß sie sich weigerten, den Zeugen zu hören, der gewiß so bereit war, zu seinen Gunsten zu sprechen; – niederträchtig, daß sie ihn in seine Verbannung zurückschickten, ohne ihr zu gestatten, ein Wort zu seiner Vertheidigung zu sprechen. Aber er wollte diesen Plan zu Schanden machen. Er hatte den Gedanken einer neuen Flucht gefaßt, er wollte seine Fesseln brechen, sich ihr zu Füßen werfen und sie bitten, die Wahrheit über ihn zu sagen und ihn zu retten. Sein Glauben an sie war überstark; seine Liebe für sie durch die Liebe in ihrem Traumbilde mächtiger denn je und so fühlte er sich ganz sicher in dem Gedanken, daß sie die Macht habe, ihn zu erlösen, wie er sie früher gerettet hatte. »Wenn sie wüßte, daß ich am Leben, würde sie zu mir kommen,« sagte er. »Ich bin sicher, sie würde kommen. Vielleicht haben sie ihr auch gesagt, daß ich todt sei.«

In der Nacht dachte er über Alles in seiner Zelle nach. – Sein schlechter Charakter hatte ihm den Vorzug einer Zelle für sich allein verschafft. Da weinte er, wenn er an den grausamen Betrug dachte, den man ohne Zweifel auch sich gegen sie erlaubt hatte.

»Sie haben ihr gesagt, daß ich todt bin, damit sie lernen möchte, mich zu vergessen; aber das konnte sie nicht. Ich habe so viel an sie während dieser fünf langen Jahre gedacht, daß sie auch an mich manchmal gedacht haben muß. Fünf Jahre! Sie muß jetzt erwachsen sein! Mein kleines Kind ein junges Mädchen! Aber sie ist gewiß noch kindlich, süß und sanft. Wie wird sie sich grämen, wenn sie von meinen Leiden hört. O mein Liebling, mein Liebling, Du bist nicht todt.!«

Dann blickte er sich hastig in der Dunkelheit um, als ob er sich fürchte, gesehen zu werden und zog aus feiner Brust ein kleines Päckchen und strich zärtlich mit seiner groben, arbeitsschwieligen Hand darüber hin, drückte es an seine Lippen und saß träumend da, mit lächelndem Antlitz, als ob es ein heiliger Talisman sei, der ihm die Thüren zur Freiheit öffnen könne.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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