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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 27

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Achtzehntes Capitel.
Zu dem Hospital

Das Hospital von Port Arthur war kein heiterer Ort, aber dem gequälten entnervten Rufus Dawes schien es ein Paradies zu sein. Dort fand er wenigstens, – trotz der Rohheit und der Verachtung, mit der die Kerkermeister ihn behandelten, – einige Beachtung. Dort war er wenigstens frei von der aufgedrungenen Gesellschaft der Männer, welche er verabscheute und zu deren Rang er, wie er mit quälender Angst fühlte, täglich mehr herabsank. Während der langen Zeit seiner Erniedrigung hatte er wenigstens, mit Hilfe seiner Erinnerungen und seiner Liebe sich immer noch etwas von Selbstachtung bewahrt, aber er fühlte, daß er sich diese nicht lange mehr erhalten könne. Nach und nach war er dazu gekommen, sich für einen Menschen anzusehen, der außerhalb des Kreises der Liebe und Gnade lebte, der vom Schicksal verfolgt, in eine Tiefe gesunken war, in die das Licht des Himmels nicht mehr zu dringen vermochte. Seit seiner Gefangennahme im Garten u Hobart Town hatte er seiner Wuth und seiner Verzweiflung freien Lauf gelassen.

»Ich bin vergessen und verachtet, habe keinen Namen in der Welt! Was thut es wenn ich werde wie diese Männer?«

Unter dem Einfluß dieses Gefühls hatte er auf Befehl von Kapitain Burgeß die Katze aufgenommen und als der unglückliche Kirkland zu ihm sagte: »So gut Du, wie ein Andrer,« da dachte er bei sich, warum er grade Gefühle der Ehre oder Menschlichkeit hegen solle? —

Aber er hatte seine eigene Fähigkeit Uebles zu thun, überschätzt. Als er anfing zu peitschen, erröthete er und als er die Katze hinwarf, und seinen Rücken entblößte, fühlte er eine wilde Freude in dem Gedanken, daß seine Erbärmlichkeit nun in seinem Blut gesühnt würde. Selbst als er erschöpft und elend von der fürchterlichen Strafe sich in seiner Zelle auf seine Knie warf, bereute er die ohnmächtige Raserei, welche die Qualen ihm ausgepreßt hatten. Er hätte sich die Zunge abbeißen mögen wegen seiner lästerlichen Reden, nicht, weil sie lästerlich waren, sondern weil ihr Aussprechen seine Todesangst offenbarte und seinen Peinigern einen Triumph bereitete. Als North ihn fand, lag er da in feiner tiefsten Erniedrigung und er stieß den Tröster zurück, nicht weil er bei seiner Strafe anwesend gewesen, sondern weil er ihn hatte schreien hören.

Die unbarmherzige Willenskraft, welche ihn bis dahin in dieser selbst auferlegten Qual aufrecht erhalten hatte, verließ ihn, wie er fühlte, grade in dem Augenblick, da er sie am Meisten brauchte und er, der mit unerschütterlicher Stirn dem Galgen, der Wüste und dem Meer in’s Auge geschaut, bekannte seine menschliche Erniedrigung unter der physischen Qual der Peitschenhiebe. Er war früher schon gepeitscht worden und hatte heimlich über diese Demüthigung geweint, aber jetzt begriff er zum ersten Mal, wie schrecklich diese Erniedrigung werden könne, denn er sah nun, da die Todesangst des schwachen Körpers die Seele zwingen kann, ihre letzte armselige Zuflucht angenommener Gleichgültigkeit zu verlassen und sich als besiegt zu erklären.

Vor einigen Monaten hatte einer der Kettensträflinge, der unter den Quälereien von Burgeß fürchterlich litt, seinen Gefährten, der mit ihm arbeitete, getödtet, hatte den Körper dann auf seinem Rücken nach der nächsten Station getragen und sich selbst angegeben. Als er den Tod erleiden mußte, dankte er Gott laut, daß er endlich ein Mittel gefunden, von seinem Elend erlöst zu werden, um das ihn Niemand als seine Kameraden beneiden würden.

Dawes war entsetzt in seinem Innern über diese blutige That und er hatte mit Anderen über die Feigheit des Mannes gesprochen, der so die Verantwortlichkeit es Zustandes, in den ihn die Menschen und der Teufel gebracht, von sich abwälzte. Jetzt verstand er, wie und warum das Verbrechen begangen war und fühlte Mitleid. Als er so mit seinem schmerzenden Rücken, auf den man kühlende Umschläge gelegt, in der Nacht wach lag, in dem dämmrigen Lichte und dem tiefen Schweigen, nur von schwerem Athmen unterbrochen, schwor er sich selbst einen fürchterlichen Eid, daß er lieber sterben wolle, als je wieder sich vor seinen Feinden lächerlich machen. In diesem Gemüthszustande, da jede Spur von Ehre und Würde in ihm verweht schien, die sonst noch an ihm zu bemerken gewesen, fiel ihm wieder der sonderbare Mann ein, der seine Hand gefaßt und ihn »Bruder« genannt hatte. Er hatte keine unmännlichen Thränen geweint über diesen Ausbruch der Liebe bei Einem, den er für ebenso hartherzig gehalten, als die Andern. Er war von tiefer Sympathie für das Bekenntnis einer Schwäche durchdrungen, das ihm in dem Augenblick gemacht worden war, als seine eigene Schwäche ihn zu seiner Beschämung völlig übermannt hatte. Durch die augenblickliche Ruhe, welche ihm der vierzehntägige Aufenthalt im Hospital gewährt hatte, waren seine Gedanken in betrachtender Weise immer wieder auf religiöse Dinge zurückgekommen. Er hatte von Märtyrern gelesen, welche unaussprechliche Qualen erduldet und nur durch ihr Vertrauen in den Himmel und in Gott aufrecht erhalten wurden. In seiner eigenen wilden Jugend hatte er Gebet und Kirche verspottet; in dem Haß gegen die Menschheit, welcher in späteren Jahren immer stärker geworden, hatte er einen Glauben verachtet, welcher den Menschen gebot, einander zu lieben. »Gott ist die Liebe, meine Brüder,« sagte der Kaplan am Sonntag und die ganze Woche hindurch wurden die Riemen angezogen und die Katze geschwungen. Von welchem praktischen Werth war denn eine Frömmigkeit, welche predigte aber nichts ausübte? Natürlich sagte der Religionslehrer dem Gefangenen, daß er seinen bösen Leidenschaften nicht Folge geben müsse, sondern seine Strafe mit Sanftmuth tragen. Es war ja ganz richtig, daß er ihm rieth, sein Vertrauen auf Gott zu setzen. – Aber wie ein verhärteter Gefangener sagte, der sich in einem Hause, das keine Concession hatte, betrank: Gott ist verzweifelt weit ab von Port Arthur.«

Rufus Dawes lächelte darüber, daß der Prediger Leute, die wußten, was er wußte und die gesehen, was er gesehen, wegen der kleinen Sünden des Stehlens und Lügens vermahnte.

Er hatte alle Prediger für Betrüger oder für Narren gehalten, alle Religion für Spott und Lüge. Aber nun, da seine Kraft ihn gänzlich verlassen hatte, als er durch den fürchterlichsten körperlichen Schmerz auf zu harte Probe gesetzt wurde, da fing er an daran zu denken, daß diese Religion, von der so viel gesprochen nicht nur ein Bündel Legenden und Formen sein möchte, sondern daß doch Lebenskraft und Halt darin sein müsse.

Mit gebrochenem Geiste und geschwächtem Körper, sein Vertrauen auf die Kraft des eigenen Willens vollständig erschüttert, sehnte er Eich nach Etwas, auf das er sich stützen könne und wandte sich, wie alle Menschen in solchen Fällen thun, an das Unbekannte. Wenn jetzt ein christlicher Prediger in der Nähe gewesen wäre, oder wenigstens ein Mann von christlicher Gesinnung, von welchem Bekenntnisse er auch sein mochte, der in die Ohren dieses Unglücklichen Worte des Trostes und der Gnade geflüstert hätte, so hätte er ihm vielleicht diese Hülle der Hartnäckigkeit und der Verzweiflung, die er fest hielt, genommen; er hätte vielleicht von ihm ein Bekenntnis seiner Unwürdigkeit, seines Eigensinns, seines zu raschen Urtheils erlangt und hätte seine versinkende Seele mit der Verheißung der Unsterblichkeit und Gerechtigkeit gehoben, – er hätte ihn vielleicht von seinem furchtbaren, späteren Schicksal errettet! Aber Niemand war da..

Rufus Dawes verlangte nach dem Kaplan.

North war beschäftigt, bei der Regierung Rache für Kirkland zu finden. Er wurde als Opfer der Schreiber (mit der alten Federspitze) hierhin und dorthin gestoßen, von Einem zum Andern geschickt, angefahren, hinaus komplimentiert. Rufus Dawes, halb beschämt über sein Verlangen, wartete einen ganzen Morgen lang und dann trat, – mit vieler Ehrfurcht in seine Zelle geführt als Arzt seiner Seele – Meekin ein.

Neunzehntes Capitel.
Die Tröstungen der Religion

»Nun, mein lieber Freund, Sie wünschten, mich zu sehen,« sagte Meekin salbungsvoll.

»Ich bat um den Besuch des Kaplans,« sagte Rufus Dawes, dessen Zorn über sich selbst sich etwas beruhigte. »Ich bin der Kaplan,« erwiderte Meekin mit Würde, als ob er sagen wollte – jedoch keiner dieser branntweintrinkenden, kurzröckigen Männer wie North, sondern ein achtbarer Kaplan, welcher der Freund des Bischofs ist.

»Ich glaubte, Mr. North wäre« —

»Mr. North ist abgereist,« sagte Meekin trocken,«»aber ich will hören, was Sie zu sagen haben. Sie brauchen nicht fortzugehen, Constabler, warten Sie draußen au der Thür.« Rufus Dawes rückte auf der Bank hin und her und lehnte seinen kaum geheilten Rücken gegen die Mauer, indem er bitter lächelte.

»Fürchten Sie sich nicht, Sir, ich thue Ihnen nichts,« sagte er. »Ich wollte nur ein wenig sprechen.«

»Lesen Sie Ihre Bibel, Dawes?« fragte Meekin als Antwort. »Es wäre besser, die Bibel zu lesen, statt zu sprechen, glaube ich. Sie müssen sich im Gebet demüthigen, Dawes.«

»Ich habe sie gelesen,« sagte Dawes, sich noch immer zurücklehnend und ihn beobachtend.

»Aber ist Ihr Sinn durch die heiligen Lehren besänftigt? Begreifen Sie die unendliche Gnade Gottes, der Mitleid hat mit den größten Sündern.« Der Deportierte machte eine Bewegung er Ungeduld. Das alte, ekelhafte, kahle, fromme Geschwätz wurde hier wieder losgelassen. Er bat um Brod und man gab ihm wie immer einen Stein.

»Glauben Sie, aß es einen Gott gibt, Mr. Meekin?«

»Verlorener Sünder! Ihr beleidigt einen Geistlichen durch solche Frage?«

»Weil ich denke, daß wenn es Einen gibt, er oft unzufrieden mit der Art sein muß, wie hier die Dinge geschehen,« sagte Dawes, halb vor sich hin sprechend.

»Ich kann nicht auf solche aufrührerische Worte hören, Gefangener,« sagte Meekin. »Fügt nicht noch Gotteslästerung zu Euren andern Sünden hinzu. Ich fürchte, daß jede Unterhaltung mit Euch in Eurer gegenwärtigen Gemüthsverfassung schlimmer als unnütz ist. Ich werde Euch einige Stellen in der Bibel bezeichnen, welche mir auf Eure Lage zu passen scheinen und bitte Euch, sie auswendig zu lernen. Hailes, bitte die Thür.«

So ging der Tröster mit einer Verbeugung hinaus.

Rufus Dawes fühlte, wie sich sein Herz schmerzlich zusammenzog. North war also fort. Der einzige Mann, der ein Herz zu haben schien, war fortgegangen.

Der einzige Mensch, welcher gewagt hatte, seine harte, blutige Hand zu fassen und ihn Bruder zu nennen, war nicht mehr da. Er wandte sein Haupt und blickte durch’s Fenster. Weit, offen und ungefesselt lag die Natur da, – denn sie brauchte auch in Port Arthur nicht der Fesseln – die liebliche Bai, glatt wie ein Spiegel, blitzend in der hellen Nachmittagssonne, der lange Quai, bedeckt mit Gruppen der Kettensträflinge.

Man hörte das sanfte Murmeln der Wellen, das liebliche Säuseln in den Bäumen und dazwischen das nie endende Klirren der Ketten und das ewige Pochen des Hammers.

Sollte er für immer in diesem getünchten Grabe liegen, ausgeschlossen von Himmel und Menschen?

Hailes trat ein und unterbrach sein Träumern »Hier ist ein Buch für Sie,« sagte er. »Der Prediger hat’s geschickt.«

Rufus Dawes nahm die Bibel auf seine Knie und schlug die durch Stückchen Papier bezeichneten Stellen auf. Es waren wohl an zwanzig Stellen verzeichnet.

»Der Prediger sagt, er wird morgen kommen und Sie überhören und Sie sollen das Buch rein halten.«

»Das Buch rein halten« und ihn »überhören!« Glaubte Meekin, daß er einen Jungen aus der Armenschule vor sich hatte? Die völlige Unfähigkeit des Kaplans, seine Bedürfnisse zu verstehen war so in’s Auge fallend, daß es fast an’s lächerliche streifte und ihn zum Lachen brachte.

Er ließ seine Augen über die Bibelstellen schweifen.

Der gute Meekin hatte in der Fülle seiner Dummheit die mildesten Stellen aus dem Sänger und Prediger gewählt. Die bekanntesten Flüche des Psalmisten gegen seine Feinde, die wütendsten Klagen Jeremias über die Vernachlässigung des nationalen Gottesdienstes, die schrecklichsten Donnerkeile der Apostel und Evangelisten gegen Götzendienst und Unglauben waren zusammengestellt und Dawes vorgeführt, um ihn zu besänftigen. Der ganze materielle Gräuel von Meekins Glauben, durch Herausreißen aus dem Zusammenhange alles poetischen Gefühls und jeder Lokalfarbe entkleidet, wurde durch Meekins unwissende Hand dem leidenden Sünder hingeschleudert. Der elende Mensch, welcher um Trost und Frieden flehte, drehte die Blätter der Bibel um und fand sich nur darin bedroht von den »Höllenstrafen«, »dem nie sterbenden Wurm«, »dem unauslöschlichen Feuer«, »dem siedenden Schwefel«, »dem grundlosen Schlunde«, aus welchem der »Rauch der Qual« für immer aufsteigen sollte. Vor seine Augen wurde nicht das Bild des liebenden Erlösers gehalten, dessen Hände bereit zu trösten und aus dessen Augen unendliches Mitleiden quoll, der am Kreuze starb, damit er und andere Uebelthäter Hoffnung haben möchten in dem Gedanken an solche wundervolle Menschlichkeit. Der würdige Pharisäer, welcher zu ihm kam, um ihm zu lehren, wie die Menschheit durch Liebe erlöst wird, predigte nur das harte Gesetz, dessen barbarische Macht mit dem sanften Nazarener auf dem Calvarienberge starb. Vernichtet durch dieses unverhoffte Ende aller seiner Hoffnungen, ließ er das Buch auf die Erde fallen. »Gibt es denn für mich nichts als Qualen in dieser Welt und in der zukünftigen?« stöhnte er schaudernd. Da suchten seine Augen unwillkürlich seine rechte Hand und ruhten daraus, als gehöre sie ihm nicht oder als habe sie irgend eine geheime Eigenschaft, welche sie von der Andern unterscheide.

»Er würde das nicht gethan haben! Er würde mir nicht diese wilden Worte hingeworfen haben, – nicht diese fürchterlichen Drohungen von Hölle und Teufel. Er nannte mich »Bruder!«

Und mit heißem Schmerz über sich selbst und von sehnsüchtiger Liebe für den Mann erfüllt, der ihn so liebevoll behandelt, liebkoste er die Hand, auf die Norths Thräne gefallen und er wiegte sich stöhnend und klagend hin und her.

Der gute Meekin fand seinen Schüler, als er am nächsten Morgen kam, mürrischer denn je.

»Habt Ihr die Bibelstellen gelernt, mein Freund?« sagte er heiter, weil er sich nicht durch den unwirschem wenig versprechenden und von ihm zu Bekehrenden ärgern lassen wollte.

Rufus Dawes zeigte mit dem Fuß nach der Bibel, die noch an der Stelle auf dem Boden lag, wohin er sie Abends zuvor hingeworfen hatte.

»Nein.«

»Nein? Warum nicht?«

»Ich will solche Worte nicht lernen. Ich möchte sie lieber vergessen.« »Sie vergessen, mein lieber Mann, ich —«

Rufus Dawes sprang in plötzlichem Zorn auf und zeigte nach der Thür seiner Zelle mit einer Geberde, die – so niedrig der Kettensträfling auch war – etwas Hohes und Würdiges in sich hatte. Er rief: »Was wissen Sie von den Gefühl den eines Menschen wie ich bin? Gehen Sie fort mit sammt Ihrem Buche! Als ich um einen Priester bat, dachte ich nicht an Sie. Gehen Sie!«

Meekin, trotz des Heiligenscheins der ihn, seiner Meinung nach, umgeben mußte, fühlte seine ganze Vornehmheit plötzlich zusammenschmelzen. Zufällige Auszeichnungen waren in diesem Augenblick gänzlich verschwunden. Die Beiden waren Mann dem Manne gegenüber und der schleichende Priester schrumpfte vor der beleidigten Männlichkeit des büßenden Sträflings in Nichts zusammen. Er hob seine Bibel aus und drückte sich hinaus.

»Dieser Dawes ist sehr unverschämt,« sagte der beleidigte Kaplan zu Burgeß. »Er betrug sich heute sehr roh gegen mich, – ganz roh!«

»So « sagte Burgeß. »Hat eine zu lange Erholung gehabt, glaube ich. Ich werde ihn morgen wieder an die Arbeit schicken.«

»Es wird gut sein,« sagte der sanfte Meekin, wenn er wieder Beschäftigung hat.«

Zwanzigstes Capitel.
»Ein natürliches StaatsGefängnis.«

Die Arbeit in Port Arthur bestand hauptsächlich in Land-Arbeit, Schiffsbauten und Gerberei. Dawes, der in der Kette ging, mußte auch die Arbeit der Kettensträflinge thun, das heißt Stämme von dem Walde herunterbringen oder Balken nach der Werft. Diese Arbeit war nicht leicht. Ein kluger Rechner hatte ausfindig gemacht, daß der Druck des Balkens auf die Schulter ungefähr 125 Pfund betrug. Die Kettensträflinge waren in Gelb gekleidet und hatten, um die Andern zu ermuthigen das Wort »Verbrecher« auf die hervorstechenden Theile ihrer Kleidung aufgestempelt.

Dies war das Leben, welches Rufus Dawes führte. Im Sommer stand er um halb sechs des Morgens aus und arbeitete bis sechs des Abends; hatte drei Viertel Stunden zum Frühstück und eine Stunde zum Mittagessen frei. Ein Mal in der Woche bekam er ein reines Hemde und ein Mal in zwei Wochen reine Strümpfe. Wenn er sich krank fühlte, mußte er sich bei dem Arzte melden. Wenn er einen Brief schreiben wollte, so mußte er die Erlaubniß des Kommandanten erbitten und den Brief – offen – durch diesen allmächtigen Beamten abschicken, er ihn, wenn er es für nöthig hielt, zurückbehalten konnte. Wenn er glaubte, daß ihm durch irgend einen Befehl Unrecht geschah, so mußte er dennoch sogleich gehorchen, konnte sich aber später beim Kommandanten beklagen, wenn er es für angemessen hielt.

Wenn der Gefangene irgend eine Klage gegen einen Beamten oder Constabler hatte, so war es auf‘s Strengste geboten, sich »sehr achtungsvoll in Sprache und Betragen« zu zeigen, wenn er mit oder von einem Beamten oder Constabler sprach.

Er war nur verantwortlich für die Sicherheit seiner Ketten und war in allem Uebrigen der Gnade der Aufseher und Kerkermeister anheimgegeben. Diese Kerkermeister hatten das Recht der Nachsuchung, durften zu jeder Stunde in die Zellen eintreten, hatten noch andre »droits de seigneurie« und waren einzig dem Kommandanten verantwortlich, welcher wiederum nur dem Gouverneur verantwortlich war, das heißt, eigentlich Niemand als Gott und seinem eignen Gewissen. Die Jurisdiktion des Gouverneurs umfaßte die ganze Halbinsel von Tasmania mit den Inseln und dem Meer in der Entfernung von drei Meilen und außer einigen Rücksichten, die er noch nach oben hin zu nehmen hatte, war seine Macht fast unbegrenzt.

Hier ein Wort über die Lage und das Aeußere dieser Strafkolonie. Die Halbinsel von Tasmania hatte, wie schon gesagt wurde, die Form eines Ohrringes mit zwei Gehängen daran.

Das untere Gehänge ist größer und geschmückt mit Buchten. Auf der Südspitze ist ein tiefer Einschnitt, Maingon Bai genannt, nach Osten und Westen von den Orgelpfeifen Felsen von Kap Raout und dem Riesenfelsen von Kap Pillar begrenzt. Von der Maingon Bai aus spaltet ein Arm des Oceans die Felsenwände in nördlicher Richtung. Auf der Westküste dieses Seearmes lag die Kolonie. Ihr gegenüber eine kleine Insel, auf welcher die Todten begraben wurden, die Todteninsel genannt. Ehe der ankommende Deportierte an der tiefblauen Schönheit dieses Golgathas der Gefangenen vorübersegelte, wurden seine Blicke von einem Punkt auf den grauen Felsen angezogen, der mit weißen Gebäuden bedeckt war und von Gestalten wimmelte. Dies war Point Puer, das Gefängnis für Knaben von acht bis zwanzig Jahren. Es war erstaunlich – viele rechtliche Leute meinten das – wie undankbar diese jugendlichen Verbrecher gegen die Güte waren, mit der die Regierung für sie gesorgt hatte.

Von der äußersten Spitze der Long Bai, so hieß die Ausdehnung des Seearmes, lief ein von Gefangenen erbauter Schienenweg grade nach Norden durch das undurchdringliche Dickicht bis zur Norfolk Bai. In der Mündung der Norfolk Bai lag Woody Island. Dies wurde als Signal-Station gebraucht und die bewaffnete Mannschaft eines Bootes war hier stationiert.

Nördlich von Woody Island lag One-Tree Point, der südlichste Vorsprung des Gehänges von dem Ohrringe. Die See, welche dazwischen durchging, verengte sich nach Osten bis sie auf den sandigen Strand von Eaglehawk-Neck traf. Eaglehawk-Neck war das Glied, das die beiden Gehänge des Ohrringes miteinander verband. Es war ein Streifen Sand, vier hundert und fünfzig Ellen breit. Auf der Ostseite davon brachen die blauen Wogen der Piraten Bai, das heißt also diejenigen der Südsee, sich mit ungebrochener Kraft. Der Istmus selbst streckte sich aus einer wilden, schrecklichen Küstenlinie heraus, in deren Eingeweide die habgierige See merkwürdige Höhlen gebohrt hatte, die ewig von dem brüllen der anschlagenden Wellen widerhallten. Auf einer Stelle dieser Wildniß hatte der Ocean die Felsenmauer zwei hundert Fuß weit durchbohrt und in stürmischem Wetter stieg der salzige Gischt durch einen perpendikulären Schacht mehr als fünfhundert Fuß. Dieser Ort wurde des Teufels Blasebalg genannt. Das obere Gehänge des Ohrringes hieß Forrestier’s Halbinsel und war mit dem Festlande durch einen andern Isthmus verbunden, welcher East-Bay-Neck hieß. Forrestier‘s Halbinsel war ein fast undurchdringliches Dickicht, welches bis zu dem Rande einer fast senkrechten Basalt Klippe sich ausdehnte.

Eaglehawk-Neck war das Thor des Gefängnisses und wurde fest geschlossen gehalten. Auf dem schmalen Streifen Landes war ein Wachthaus gebaut, in welchem Soldaten aus den Kasernen des Festlandes sich jeden Weiten Tag ablösten und von Strecke zu Strecke waren am Wasser wachsame Hunde angekettet. Der Stations-Vorsteher war angewiesen »besondere Aufmerksamkeit auf das Füttern und die Behandlung« dieser nützlichen Thiere zu verwenden und so gleich dem Kommandanten zu berichten, wenn Einer von den Hunden unbrauchbar werden sollte. Hinzugefügt mag noch werden, daß die Bai nicht ohne Haifische war.

Westlich von Eaglehawk-Neck und Woody Island lagen die gefürchteten Kohlenminen. Sechzig der schlimmsten Leute arbeiteten hier unter starker Bewachung. Bei den Kohlenminen stand die nördlichste der Reihen von Semaphoren, welche eine Flucht fast unmöglich machten. Der wilde Bergcharakter der Halbinsel bot für die Signale ganz besondere Vortheile. Auf der Spitze des Hügels, welcher den Wachtthurm der Kolonie noch überragte stand ein riesenhafter Gummibaumstamm, aus den man einen Semaphor aufgestellt hatte. Dieser Semaphor war verbunden mit den beiden Flügeln des Gefängnisses – Eaglehawk-Neck und den Kohlenminen – indem von dort aus eine Reihe von Signalen quer durch die Halbinsel liefen.

So stand die Kolonie in Verbindung mit Mount Arthur, Mount Arthur mit One-Tree Hill, One-Tree Hill mit Mount Communication und Mount Communication mit den Kohlenminen.

Auf der andern Seite liefen die Signale so: von der Kolonie nach dem Signal Hügel, von dort nach Woody Island, von Woody Island nach Eaglehawk. Wenn ein Gefangener aus den Kohlenminen entfloh, so wurde die Wache in Eaglehawk benachrichtigt und die ganze Insel war von der Flucht benachrichtigt, ehe zwanzig Minuten vergangen waren. Mit diesen Vortheilen, welche Natur und Kunst gewährte, hielt man das Gefängnis für eins der sichersten in der Welt. Oberst Arthur berichtete an die englische Regierung, daß der Platz, welcher seinen Namen trug, ein »natürliches StrafGefängnis« sei. Der würdige Mann der Disziplin, hielt es wahrscheinlich für eine persönliche Schmeichelei der höflichen Vorsorge des Allmächtigen, daß er so für die Ausführung der berühmten »Verordnungen in Bezug auf die Disziplin der Deportierten« gesorgt hatte.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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