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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 28
Einundzwanzigstes Capitel.
Ein Inspektionsbesuch
Eines Nachmittags verbreiteten die immer thätigen Semaphoren eine Nachricht, welche die ganze Halbinsel in Aufregung versetzte. Kapitain Frere, der aus dem Hauptquartier gekommen war, um eine Untersuchung in Betreff von Kirklands Tode abzuhalten, würde vermuthlich alle Stationen besuchen und es war den Aufsehern in dem natürlichen StrafGefängnis aufgegeben, ihre Sträflinge in guter Ordnung vorzuzeigen. Burgeß war in sehr guter Laune, daß man einen ihm so sympathischen Mann schickte, um zu berichten.
»Es ist nur eine Form,« Alterchen,« sagte Frere seinem alten Kameraden, als sie sich trafen. »Der Pastor hat dummes Zeug gemacht und sie wollen ihm den Mund stopfen.«
»Ich freue mich sehr, daß ich Ihnen und Mrs. Frere den ganzen Platz zeigen kann,« erwiderte Burgeß. »Ich muß versuchen, Ihnen Ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, obgleich ich fürchte, Mrs. Frere wird nicht viel Unterhaltendes hier finden.«
»Offen gesprochen Kapitain Burgeß,« sagte Sylvia, »ich würde lieber sogleich nach Sydney gereist sein. Indeß mein Mann genöthigt hierher zu gehen und natürlich begleitete ich ihn.«
»Sie werden nicht viel Gesellschaft hier finden,« sagte Meekin, der auch zu denen gehörte, welche Frere und seine Frau bewillkommneten. Mrs. Datchett, die Frau eines unserer Beamten, ist die einzige Dame hier und ich hoffe, das Vergnügen zu haben, sie heute Abend beim Kommandanten mit ihr bekannt zu machen. Mr. Mac Nab, den Sie kennen, hat ein Kommando am Neck, das er nicht gut verlassen kann, sonst würden Sie ihn hier sehen.«
»Ich habe eine kleine Gesellschaft geplant,« sagte Burgeß, »aber ich fürchte, »sie wird nicht so ausfallen, wie ich es wünschte.«
»Sie alter Junggeselle,« sagte Frere. »Sie sollten sich auch verheiraten, so wie ich.«
»Ach,« sagte Burgeß mit einer Verbeugung, »das würde schwer sein.«
Sylvia mußte über diese Schmeichelei lächeln, die in Gegenwart von etwa zwanzig Gefangenen gemacht wurde, welche die verschiedenen Koffer und Kisten den Hügel hinauf trugen. Sie bemerkte, daß dieselben mit den Augen sich zublinzten über die ungeschickte Höflichkeit des Kommandanten.
»Ich mag Kapitain Burgeß nicht, Maurice,« sagte sie in der Pause vor dem Mittagessen. »Ich glaube sicher, daß er den armen Menschen hat zu Tode peitschen lassen. Er sieht so aus, als ob er das thun könnte.«
»Unsinn,« sagte Maurice ärgerlich. »Er ist sein ganz guter Kerl. Ueberdies habe ich des Doktors Zeugniß gesehen. Es ist Alles eine erfundene Geschichte. Ich kann Deine abgeschmackte Sympathie für die Gefangenen nicht begreifen.«
»Verdienen sie nicht zuweilen Sympathie?«
»Nein, gewiß nicht, ein Pack von Lügnern und Schurken. Du bejammerst sie fortwährend, Sylvia. Ich mag das nicht und ich habe es Dir schon öfter gesagt.«
Sylvia sagte nichts. Maurice sprach öfter auf diese unfreundliche Art und sie hatte schon gelernt, daß das Beste war, ihm Schweigen entgegen zu setzen. Unglücklicher Weise aber war Schweigen nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit, denn der Vorwurf war ungerecht und nichts kränkt das feine Gefühl einer Frau mehr als Ungerechtigkeit.
Burgeß hatte ein Fest bereitet und die Gesellschaft von Port Arthur war gegenwärtig. Vater Flaherty, der Ehrwürdige Meekin, Doktor Macklewain und Mr. und Mrs. Datchett waren eingeladen und das Eßzimmer strahlte von Crystall und Blumen.
»Ich habe einen Mann, der früher ein gelernter Gärtner war, sagte Burgeß zu Sylvia, »und ich benutze seine Talente.«
»Wir haben auch einen Künstler,« sagte Macklewain mit einer Art von Stolz. »Das Gemälde »der Gefangene von Chillon« dort, ist von ihm gemalt worden. Ein sehr verdienstliches Werk, nicht wahr?«
»Ich habe das ganze Haus voll Merkwürdigkeiten,«; sagte Burgeß. »Eine ganze Sammlung. Ich will sie Ihnen morgen zeigen. Die Serviettenringe wurden auch von einem Gefangenen gemacht.«
»Ach,« rief Frere und nahm den fein geschnitzten Ring von Knochen auf, »sehr hübsch!«
»Das ist eine Arbeit von Rex,« sagte Meekin. »Er ist sehr geschickt in solcher Arbeit. Er machte mir ein Papiermesser, das wirklich ein Kunstwerk ist.«
»Wir wollen morgen oder übermorgen nach dem Neck gehen, Mrs. Frere,« sagte Burgeß, »und Sie sollen des Teufels Blasebalg sehen. Es ist sein sehr merkwürdiger Platz.«
»Ist es weit?« fragte Sylvia.
»O nein, wir werden mit der Bahn gehen.«
»Der Bahn?«
»Ja, sehen Sie nicht so erstaunt aus. Sie werden es morgen sehen. Die Hobart Town Damen wissen gar nicht, was wir hier thun können.«
»Wie steht es mit dieser Kirkland Angelegenheit?« fragte Frere. »Ich denke, wir wollen heute Morgen eine halbe Stunde daran wenden und das Protokoll aufnehmen.«
»Wann Sie wünschen, mein lieber Herr,« sagte Burgeß »Es ist mir Alles recht.«
»Ich wünsche nicht mehr Umstände darüber zu machen, als nöthig sind,« sagte Frere entschuldigend – »das Mittagessen war sehr gut gewesen – »aber ich muß diesen Leuten einen »genauen, wahrhaftigen, ausführlichen« Bericht schicken, – wissen Sie!«
»Natürlich,« rief Burgeß mit einiger Nachlässigkeit. »Das ist ganz in Ordnung. – Ich wünsche sehr, daß Mrs. Frere Point Puer sieht.«
»Wo die Knaben sind?« fragte Sylvia.
»Ich möchte lieber nicht hingehen. Ich – ich habe nicht das Interesse daran, das ich haben sollte. Es ist Alles so schrecklich für mich.«
»Unsinn,« rief Frere ärgerlich. »Wir werden kommen, Burgeß, natürlich, wir kommen.«
So wurden die nächsten zwei Tage zum Besuche der Sehenswürdigkeiten verwandt. Sylvia mußte durch das Hospital und die Werkstätten gehen, sah die Semaphoren und wurde von Maurice lachend in eine dunkle Zelle gesperrt. Ihr Mann und Burgeß schienen das Gefängnis wie ein zahmes Thier zu betrachten, das sie nach Belieben vorzeigen konnten und dessen natürliche Wildheit durch ihre höhere Intelligenz im Zaum gehalten wurde. Eine junge, reizende Frau so unter Schloß und Riegel zu halten, hatte für sie durch den Gegensatz etwas Anziehendes, das ihnen gefiel. Maurice drang überall ein, befragte die Gefangenen, spaßte mit den Aufsehern und gab in der Großmuth seines Herzens selbst den Kranken etwas Tabak.
So in aller Unruhe kamen sie auch nach Point Puer, wo ein Frühstück bereitet war.
An demselben Morgen war in Point Puer ein Unglücksfall geschehen und der ganze Ort war in einiger Aufregung. Ein widersetzlicher kleiner Dieb, Namens Peter Brown, zwölf Jahre alt, war von einem hohen Felsen hinab gesprungen und hatte sich vor den Augen der Constabler ertränkt. Dieses Hinabspringen war in er letzten Zeit ziemlich häufig geschehen und Burgeß war wüthend, daß dies gerade an diesem Tage vorgefallen war. Wenn er auf irgend eine Weise den Körper des armen, kleinen Peter Brown wieder um Leben hätte bringen können, so würde er ihn tüchtig für solche Unverschämtheit haben peitschen lassen.
»Es ist sehr unangenehm,« sagte er zu Frere, als sie in der Zelle standen, wo der kleine Körper lag, »daß dies gerade heute vorgefallen ist.«
»O,« sagte Frere und sah das junge Gesicht, das zu lächeln: schien, finster an. »Das kann nun nicht mehr geändert werden. Ich kenne diese jungen Teufel. Sie thun es aus Bosheit. »Was war er für ein Bursche?«
»Sehr schlecht. Das Buch, Johnson.«
Johnson brachte das Buch und die Beiden sahen hinein. Peter Brown’s schlechte Thaten waren in schöner, runder Handschrift niedergeschrieben und die Liste seiner Bestrafungen ganz künstlerisch mit feinen Strichen in rother Tinte verziert.
»20. November für unordentliches Betragen – 12 Hiebe. —
24. November Unverschämtheit gegen den Krankenwärter – Diät abgegangen. – 4. Dezember Eine Kappe von einem Mitgefangenen gestohlen – 12 Hiebe. —
15. Dezember Abwesenheit beim Aufruf. – 2 Tage Zelle. —
23. Dezember Insubordination und Unverschämtheit – 2 Tage Zelle —
8. Januar Unverschämtheit und Insubordination. – 12 Hiebe. —
22. Februar Unverschämtheit und Insubordination. – 12 Hiebe und eine Woche Einzelhaft. —
6. März Unverschämtheit und Insubordination. – 20 Hiebe.« —
»Das war das Letzte?« fragte Frere.
»Ja, Sir,« sagte Johnson.
»Und dann – dann that er es?«
»Ja, Herr. – So ging es zu.«
– Ja! Das herrliche System quälte und hungerte ein Kind von zwölf Jahren aus, bis es sich tödtete! – So ging es zu!
Nach dem Frühstück ging die Gesellschaft weiter. Alles war in bewundernswerter Ordnung. Da war ein großes Schulzimmer, wo solche Leute wie Meekin lehrten, wie Christus die Kindlein liebte und hinter dem Schulzimmer lagen die Zellen und standen die Constabler und war der kleine Hof, wo die zwanzig Hiebe ausgetheilt wurden. Sylvia schauerte, als sie die Reihe der Gesichter sah. Von dem starken, neunzehn Jahre alten Burschen aus den Hopfenfeldern von Kent bis zu dem verkommenen, schlauen, zigeunerhaften Kinde von zehn Jahren, das in den Straßen Londons lebte, waren alle grade jugendlichen Verbrechens vertreten, in ungezähmter Wildheit und Bosheit grinsend, oder auch in heuchlerischer Demuth sich beugend.
»Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret Ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes,« sagte oder so gesagt haben, der Richter unserer Religion. Hier aber schien es, als ob viele »Edle Herren,« so wie »die getreuen Gemeinen« Ihrer Majestät im Parlament sich versammelt hatten, um ein Reich der Hölle zu schaffen!
Nachdem die ganze Komödie durchgespielt war, die Kinder aufgestanden waren und sich gesetzt hatten, eine Hymne gesungen und gesagt, wie viel zwei Mal fünf sei, auch ihren Glauben an, Gott den Allmächtigem Schöpfer Himmels und der Erde bekannt hatten – betrachtete die Gesellschaft die Werkstätten, besah die Kirche und ging überall hin, nur nicht in die Zelle, wo der Körper des zwölfjährigen Peter Brown lag, – steif auf einer hölzernen Bank und auf das Gefängnisdach starrend, das zwischen ihm und dem Himmel war.
Grade vor diesem Zimmer hatte Sylvia ein kleines Abenteuer. Meekin war zurück geblieben und Burgeß in Geschäften abgerufen, wozu ihn Frere begleitet hatte. Sylvia ruhte auf einer Bank, von welcher man, da sie hoch aus der Klippe stand, die See weithin übersah. Während sie dort saß, bemerkte sie, daß Jemand in ihrer Nähe war und als sie ihren Kopf wandte, sah sie einen kleinen Knaben, die Kappe in einer Hand, den Hammer in der andern. Die Erscheinung dieses kleinen Geschöpfes, in eine Uniform von grauem Tuch gekleidet, die ihm viel zu weit war und in der Hand einen Hammer haltend, der ihm viel zu schwer war, hatte etwas rührendes.
»Was willst Du, Mäuschen?« fragte Sylvia.
»Wir dachten, Sie hätten ihn vielleicht gesehen, Mam,« sagte die kleine Gestalt und öffnete die blauen Augen ganz weit vor Erstaunen über den freundlichen Ton.
»Ihn? Wen?«
»Peter Brown, Mam,« erwiderte das Kind.
»Ihn, der es heute morgen that. Er war ein Gefährte von uns und wir möchten gerne wissen, ob er glücklich aussieht?«
»Was meinst Du Kind?« fragte sie mit furchtbarem Entsetzen, das ihr Herz zusammen krampfte und dann voll Mitleid mit dem Anblick des kleinen Wesens, in schnellem, weiblichen Instinkt zog sie ihn an sich und küßte ihn.
»O!« sagte er.
Sylvia küsste ihn wieder.
»Küßt Dich niemals Jemand, kleiner Mann?« fragte sie.
»Mutter that es,« war die Antwort, »aber sie ist zu Hause. O Mam,« sagte er, plötzlich ganz roth werdend, »kann ich Billy holen.«
Und Muth schöpfend bei dem Anblick des schönen, jungen Gesichts, ging er ernsthaft um die nächste Felsenecke herum und brachte ein anderes kleines Geschöpf herbei, auch in grauer Uniform und mit einem Hammer.
»Das ist Billy, Mam,« sagte er. »Billy hat keine Mutter gehabt. Küssen Sie Billy auch.«
Das junge Weib fühlte, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten.
»Ihr armen, armen Kinder!« rief sie und dann vergaß sie, daß sie eine Dame in Seide und Spitzen war und fiel auf ihre Knie in den Staub und hielt das arme, verlassene Kinderpaar in den Armen und weinte über sie.
»Was fehlt Dir, Sylvia?« fragte Frere, als er zurückkam. »Du hast geweint?«
»Nichts, Maurice, – wenigstens – ich will es Dir später sagen.«
Als sie Abends allein waren, erzählte sie ihm von den beiden Knaben und er lachte.
»Schlaue, kleine Betrüger!« sagte er und belegte seine Ansicht mit so vielen Schilderungen ihrer frühzeitig entwickelten Bosheit, daß sie halb und halb gegen ihren Willen überzeugt wurde.
Unglücklicherweise führten Tom und Billy, als Sylvia fortgegangen war, einen Plan aus, den sie schon seit Wochen in ihren kleinen Köpfen mit sich herum getragen hatten.
»Jetzt kann ich es thun,« sagte Tommy, »jetzt bin ich stark.«
»Thut es sehr weh,« sagte Billy, der nicht viel Muth hatte.
»Nicht so sehr wie Peitschen.«
»Ich fürchte mich. O Tom, es ist so tief. Verlaß mich nicht Tom!«
Der größere Knabe nahm sein Tuch von seinem Halse und band die linke Hand seines Kameraden an seine rechte.
»Jetzt kann ich Dich nicht verlassen!«
»Was sagte die Dame, die uns küßte, Tommy?«
»Herr habe Erbarmen mit den beiden vaterlosen Kindern!« wiederholte Tommy.
»Wir wollen es sagen, Tom.«
So knieten die beiden Kinder auf dem Rande der Klippe hin und die zusammengebundenen Hände erhebend, blickten sie zum Himmel auf und sagten:
»Herr, habe Erbarmen mit uns armen, vaterlosen Kindern!«
Dann küßten sie einander und thaten es.
Die Nachricht davon wurde Burgeß durch den stets thätigen Semaphor grade während seines Mittagessens überbracht und in seiner Aufregung theilte er sie mit.
»Das sind die armen kleinen Dinger, die ich früh sah,« rief Sylvia. »O Maurice, diese armen Kinder sind zum Selbstmord getrieben!«
»Und ihre armen jungen Seelen zur ewigen Verdammniß gegangen,« sagte Meekin fromm.
»Mr. Meekin! Wie können Sie so sprechen! Die armen kleinen Geschöpfe! O es ist fürchterlich! Maurice, ich will fort!« – Und sie brach in leidenschaftliches Weinen aus.
»Ich kann’s nicht ändern, Madam,« sagte Burgeß rauh, aber beschämt. »Es ist nicht meine Schuld.«
»Sie müssen sie entschuldigen,« sagte Frere. »Sie ist nervös. Komm und lege Dich hin.«
»Ich will hier nicht länger bleiben,« sagte sie. »Wir wollen morgen fort.«
»Wir können nicht,« sagte Frere.
»O ja, wir können. Ich bestehe darauf. Maurice, wenn du mich liebst, laß mich fort.«
»Nun,« sagte Maurice, gerührt durch ihre tiefe Traurigkeit, »ich will sehen.«
Er sprach mit Burgeß.
»Burgeß, diese Sache hat meine Frau ganz außer Fassung gebracht; sie will durchaus fort. Ich muß aber den Neck besuchen. Wie kann ich es machen?«
»Nun,« sagte Burgeß, wenn der Wind sich hält, kann die Brigg nach der Piratenbay herumgehen und Sie aufnehmen. Dann brauchen Sie nur eine Nacht in der Kaserne zu bleiben.«
»Ja, das wäre wohl das Beste,« sagte Frere.»Wir wollen morgen aufbrechen. Wenn Sie mir Papier und Feder geben wollen, werde ich Ihnen sehr verbunden sein.«
»Ich hoffe, Sie sind zufrieden?« fragte Burgeß.
»Vollkommen,« sagte Frere. »Das muß ich mehr Aufsicht für Point Puer anempfehlen. Es ist nichts, wenn diese jungen Schufte uns so durch die Finger schlüpfen.«
So wurde ein sorgfältig geschriebener Bericht über das Ereignis dem Aktenstücke hinzugefügt, in welchem die Namen von William Tomkins und Tomas Grove genannt wurden. Macklewain hielt eine Untersuchung und jemand kümmerte sich weiter darum. Wer sollte auch Interesse daran haben? Die Gefängnisse London’s waren voll von solchen Tom’s und Bill’s.
Sylvia brachte den Rest des Tages in einem schrecklichen Zustande zu. Der Vorfall mit den Kindern hatte ihre Sterben erschüttert und sie sehnte sich, den Platz zu verlassen mit allen seinen Erinnerungen. Selbst Eaglehawk Neck mit seinen Hunden und seinem natürlichen Pflaster interessierte sie nicht. Des ehrlichen Mac Nab’s Schmeicheleien waren langweilig. Sie schauderte, als sie in den kochenden Abgrund des höllischen Blasebalges hinab sah und zitterte vor Furcht, als des Kommandanten Zug über den gefährlichen Schienenweg fortrasselte, der sich nun den Abgrund der langen Bay herunterzog Der »Zug« bestand in einer Anzahl von niedrigen Wagen, welche die steilen Abhänge von den Gefangenen hinaufgezogen wurden. Sie zogen sich selbst hinauf, wenn die Blockwagen hinunter gingen und als Zugmittel dienten. Sylvia fühlte sich erniedrigt, so von Menschen gezogen zu werden und zitterte, wenn die Peitsche sauste und die Gefangenen darauf anzogen, als wären sie – Vieh.
Ueberdies war unter den vorderen Lastthieren ein Gesicht, das ihr bekannt erschien, das ihre Mädchentage verfolgt hatte und das erst kürzlich aus ihren Träumen geschwunden war. Dies Gesicht blickte sie an, – wie sie meinte – mit bitterem Hohn und mit Verachtung und sie fühlte sich ordentlich erleichtert, als bei dem Mittagshalt dieser Mann mit vier Andern austreten mußte, wieder gefesselt wurde und zurückging. Frere, der auch von der Erscheinung der fünf Mann betroffen war, sagte: »Bei Jupiter, Poppet, das waren wieder unsere alten Freunde, Dawes, Rex und die Andern. Sie wollen sie nicht den ganzen Weg mitnehmen, weil sie solche wilden Burschen sind und etwas unternehmen könnten. Sylvia fing an, zu verstehen. Das Gesicht war das Gesicht von Dawes und als sie ihm nachblickte, sah sie ihn plötzlich die Arme hoch über seinen Kopf heben in einer Art, die sie zusammenfahren ließ. Sie erinnerte sich undeutlich, daß sie an irgend einem Orte, zu irgend einer Zeit dieselbe Bewegung oder eine ähnliche gesehen. Sie fühlte ein unendliches Mitleiden und den Männern nachblickend, versuchte sie, sich zu besinnen, wie denn Rufus Dawes, der Elende, von dem ihr Gatte sie befreit, je ihr Mitleiden verdient. Doch ihr umwölktes Gedächtniß konnte sich kein klares Bild davon machen und als nun die Wagen eine Biegung machten, verschwand die Gruppe und sie fuhr mit einem Seufzer aus ihren Träumen auf.
»Maurice,« flüsterte sie, »wir kommt es daß mich der Anblick dieses Mannes immer traurig macht?«
Ihr Gatte sah böse aus und dann liebkoste er sie und bat sie, den Mann und Alles – den Ort und ihre Betrübniß zu vergessen. »Es war Unrecht,« sagte er am nächsten Morgen, als sie auf dem Deck des nach Sydney segelnden Schiffes standen, und das natürliche StrafGefängnis in der Ferne mehr und mehr verschwand, – »es war Unrecht, daß ich auf Deinem Besuch hier bestand. Du bist nicht stark genug dazu.«
»Dawes,« sagte John Rex an demselben Abend und nahm den Faden ihrer Unterhaltung wieder auf, »Du liebst das Mädchen! Jetzt, nun Du sie als die Frau eines Andern gesehen hast und wie ein Thier vor den Wagen gespannt bist, um ihn zu ziehen, während er sie in seinen Armen hielt, – nun Du das gesehen hast und hast es dulden müssen, – nun bist Du wohl einer der Unsern?«
Rufus Dawes machte eine Bewegung verzweifelter Ungeduld.
»Du solltest es thun. Du wirst niemals sonst von hier fortkommen. Sei ein Mann, komme zu uns!«
»Nein.«
»Es ist die einzige Möglichkeit für Dich.« Warum willst Du sie zurückweisen? Willst Du denn Dein ganzes Leben hier bleiben?«
»Ich will kein Mitgefühl von Dir oder von irgend Jemand. Ich will nicht mit Euch zusammen stehen.«
Rex zuckte die Achseln und ging. »Wenn Du denkst, es kommt irgend etwas bei der Untersuchung heraus, so irrst Du Dich,« sagte er abgehend.
»Frere That dem Einhalt gethan.«
Er sprach wahr. Man hörte nichts mehr davon und sechs Monate nach er erhielt Mr. North einen officiellen Brief (Papier, Siegellack und Druck waren so groß wie möglich), in welchem er benachrichtigt wurde, »daß der General-Controlleur im Departement der Deportierten-Angelegenheiten ihm anzeige, daß weitere Nachforschungen in Betreff des Todes des im Anhange genannten Gefangenen unnöthig seien und daß irgend ein Herr mit vollkommen unleserlichem Namen die Ehre hatte, zu sein sein ganz gehorsamer Diener.«
Zweiundzwanzigstes Capitel.
Die Fäden werden gesponnen
Maurice fand seine günstigen Erwartungen von Sydney völlig verwirklicht. Sein bekanntes Entkommen von Macquarie Harbour, seine Verbindung mit der Tochter eines so angesehenen Mannes wie Major Vickers, sein Ruf als ein Gefangenen-Kommandant von tiefer Einsicht, machten ihn zu einem Manne von Bedeutung. Er erhielt eine vakante Magistratsstelle und wurde durch Herzenshärte und Schlauheit in Angelegenheiten der Gefangenen bekannter als früher. Die Deportierten-Bevölkerung sprach von ihm als von dem »Frere« und legte Rachegelübde ab, über welche er lachte und die er verachtete.
Eine Anekdote, welche zeigt, wie er seine Heerde behütet, wird genügen, um seinen wahren Charakter zu beurtheilen. Es war seine Gewohnheit, den Gefangenenhof der Hyde Park Kasernen zwei Mal wöchentlich zu besuchen. Besucher der Deportierten waren natürlich bewaffnet und die beiden Pistolenläufe, welche aus Frere’s Rock hervorsahen, zogen manchen sehnsüchtigen Blick auf sich. Wie leicht wäre es für einen Gefangenen gewesen, ihm Eine zu entreißen um das lächelnde Gesicht des gehaßten Quälers zu zerschmettern. Frere indessen tapfer bis zur Kühnheit, wollte niemals seine Waffen sicherer unterbringen, sondern ging durch die Höfe, die fände in den Taschen seines Jagdrockes und die tödtlichen Geschosse für Jedermanns Griff sichtbar.
Eines Tages näherte sich ihm schnell ein Mann, Namens Kavanagh, ein wiedergefaßter Ausreißer, welcher laut den Tod Frere’s geschworen hatte, als derselbe über den Hof ging und riß mit einem kühnen Griff eine Pistole aus seinem Gürtel.
Der ganze Hof hielt den Athem an und der Aufseher, der das knacken des Hahnes hörte, wandte unwillkürlich den Blick, um nicht von dem Schuß geblendet zu werden. Aber Kavanagh feuerte nicht. In dem Augenblick als sein Finger losdrücken wollte, hob er das Auge und traf Freres beherrschenden Blick. Eine kleine Anstrengung und der Zauber war gebrochen. Ein zucken des Fingers und sein Feind wäre todt zu Boden gefallen. Einen Augenblick nur war es möglich diesen Druck auszuführen. Kavanagh ließ diesen Augenblick vorübergehen. Das furchtbare Auge hielt ihn gefesselt. Er spielte nervös mit dem Pistolengriff, während Alles athemlos war. Frere stand da und nahm nicht ein Mal die Hände aus den Taschen.
»Das ist eine schöne Pistole,« sagte er endlich.
Kavanagh, von dessem bleichen Gesicht der Schweiß goß, brach in ein entsetzliches Gelächter aus, wie von Angst befreit und legte die noch gespannte Pistole in Freres Hand zurück.
Frere hatte langsam eine Hand aus der Tasche gezogen und die Pistole gefaßt. Dann hob er sie und zielte auf seinen Angreifer. »Das ist die beste Gelegenheit, die Du je gehabt hast, Jack,« sagte er.
Kavanagh fiel auf seine Knie. »Um Gottes Willen, Kapitain Frere!«
Frere sah aus den zitternden Feigling nieder, dann setzte er den Hahn in Ruhe und lachte wild und verächtlich. »Steh auf, Du Hund,« sagte er. »Da muß noch ein Anderer kommen als Du, um mich zu überlisten. Bringt ihn morgen herbei und wir wollen ihm fünfundzwanzig geben.«
Als er den Hof verließ, riefen ihm die armen Teufel ein Hurrah nach, – so groß ist der Einfluß der Macht.
* * *
Eins der ersten Dinge, das dieser vortreffliche Beamte in Sydney that, war, daß er sich nach Sara Purfoy erkundigte. Zu seinem Erstaunen hörte er, daß sie Besitzerin eines großen Export-Waarenlagers in Pittstreet war, daß sie ein hübsches Häuschen auf einer der Landspitzen besaß, die sich in die Bai hinauszogen und daß sie keinen unbedeutenden Kredit in einem Bankgeschäft hatte. Vergebens zerbrach er sich den Kopf, um dieses Räthsel zu lösen. Seine verstoßene Geliebte war nicht reich gewesen, als sie Van Diemens Land verließ, wenigstens hatte man ihm das gesagt und allem Anschein nach war es auch so. Wie war sie zu diesem plötzlichen Reichthum gekommen? Vor allen Dingen, warum hatte sie ihr Geld so angelegt? Er zog bei den Banken Erkundigungen ein, wurde aber abgewiesen. Die Sydney Banken jener Tage machten oft sonderbare Geschäfte.
»Mrs. Purfoy wäre mit gutem Kredit zu ihnen gekommen,« sagte der Direktor der Bank lächelnd.
»Aber woher hat sie das Geld bekommen?« fragte der Magistrat. Dies plötzliche Vermögen ist mir sehr verdächtig. Die Frau war sehr berüchtigt in Hobart Town und als sie fortging hatte sie keinen Pfennig.«
»Mein lieber Kapitain Frere,« sagte der schlaue Bankier – sein Vater war einer der Erbauer des Rum-Hospitals gewesen, – »es ist nicht die Gewohnheit unsrer Bank, sich um die frühere Geschichte unserer Kunden zu bekümmern. Die Wechsel waren gut, darauf können sie sich verlassen, wir würden sie sonst nicht angenommen haben. Guten Morgen!«
»Die Wechsel!« Frere fand nur eine Erklärung. Sara hatte den Gewinn von früheren Schurkereien von Rex ausgezahlt bekommen. Die Erinnerung an den Brief, den Rex an seinen Vater geschrieben, worin er einer Summe erwähnt, »im alten Hause im Blauen Anker Hofe« tauchte plötzlich in ihm auf. Vielleicht hatte Sara Purfoy eine Summe von dem Hehler bekommen und sie sich angeeignet. Aber warum steckte sie das Geld in einen Oel- und Talghandel? Er hatte die Frau immer in Verdacht gehabt, weil er sie nie verstanden und sein Argwohn verdoppelte sich jetzt.
Ueberzeugt, daß es sich hier um ein Complott handelte, beschloß er, alle Vortheile zu brauchen, welche ihm seine Stellung gewährte, um das Geheimniß zu entdecken und Licht in diese dunkle Sache zu bringen. Der Name des Mannes, an den Rex damals den Brief schicken wollte, war Blick. Er wollte fragen, ob irgend Einer der Deportierten etwas von einem Manne mit Namen Blick wußte. Da er seine Nachforschungen an der passenden Stelle machte, kam er bald auf die richtige Fährte. Blick war ein Londoner Hehler von gestohlenen Gütern, der wenigstens einem Dutzend der schwarzen Schafe in der Sydney Heerde bekannt war. Er galt für ungeheuer reich, war oft verurtheilt worden, aber niemals deportiert. Frere war nicht klüger als zuvor und ein Vorfall der sich einige Monate später zutrug vermehrte noch; sein Staunen. Er hatte seine Stelle in Sydney noch nicht lange angetreten, als Blunt kam, um seine Bezahlung für Sara Purfoy’s Reise zu fordern.
»Da ist jetzt ein Schooner frei, Sir,« sagte Blunt, als sich die Thür hinter ihm geschlossen.
»Welcher Schooner?«
»Der Franklin.«
Der Franklin war ein Schiff von etwa 320, Tonnen, welches zwischen Norfolk Island und Sydney ging, ebenso wie der Osprey in alten Tagen zwischen Macquarie Harbour und Hobart Town. »Ich fürchte, das ist nichts,« sagte Frere. »Das ist Eins der besten Schiffe, wissen Sie. Ich zweifle ob ich genug Einfluß habe, um es für Sie zu erlangen. Uebrigens,« fügte er hinzu, den Schiffer mit kritischem Blick anschauend, »werden Sie schon ein wenig alt für solche Sachen, nicht wahr.«
Phineas Blunt streckte seine Arme weit aus und öffnete seinen Mund voll gesunder weißer Zähne.
»Ich halte noch zwanzig Jahre aus,« sagte er. »Mein Vater fuhr noch mit fünfundsiebzig Jahren nach Indien. Ich bin noch ganz frisch, Gott sei Dank, denn außer daß ich hin und wieder einen Tropfen Rum nehme, habe ich kein Laster. Doch Kapitain, es eilt auch nicht; wenn es auch noch einen oder zwei Monate dauert. Ich wollte nur Ihr Gedächtniß ein wenig auffrischen.«
»O, Sie haben es nicht eilig? Wohin gehen Sie denn?«
»Ja,« sagte Blunt und rückte unter Frere’s scharfen prüfenden Blick auf seinem Sitz hin und her. »Ich habe grade Beschäftigung.«
»Das freut mich. Was denn für welche?«
»Wallfischfang,« sagte Blunt, noch unruhiger als vorher.
»So, so, das ist es also. Ihr altes Geschäft. Und wer ist Ihr Rheder?« Es war kein Argwohn in dem Ton und hätte Blunt die Frage vermeiden wollen, so hätte er es gekonnt, – ohne große Schwierigkeit. Aber er antwortete wie Jemand, der schon auf solche Frage gefaßt ist und schon weiß, was er darauf zu antworten hat. »Mrs. Purfoy.«
»Was?« schrie Frere, der kaum seinen Ohren traute.
»Sie hat jetzt einige Schiffe, Kapitain und hat mich auf eins als Schiffer gesetzt. Wir gehen auf Fang aus, Harpuniren u.s.w.«
Frere starrte Blunt an, der wiederum aus dem Fenster starrte. Es war gewiß, das sagte ihm eine innere Stimme, irgend ein besonderer Plan im Werk. Und doch sagte ihm sein gesunder Menschenverstand, der uns freilich oft genug mißleitet, es sei ganz natürlich, daß wenn Sara Purfoy ihren Reichthum vermehren wolle, sie Wallfischfahrer ausschicke. Wenn überhaupt nichts Unrechtes darin lag, daß sie ein Geschäft betrieb, so konnte auch nichts Sonderbares darin liegen, daß sie Schiffe ausschickte. Es gab Leute in Sydney, welche sich keines besseren Herkommens rühmen konnten und ein halbes Dutzend Schiffe besaßen.
»O«, sagte er, »wann segeln Sie ab?«
»Ich erwarte jeden Tag den Befehl,« erwiderte Blunt, augenscheinlich erleichtert. »Ich dachte, ich wollte nur vorher zu Ihnen kommen und mit Ihnen sprechen, im Falle etwas vorfällt.«
Frere spielte mit seinem Messer auf dem Tisch und schwieg eine Weile, ließ es durch seine Finger gleiten und mit scharfem Ton zuspringen, dann sagte er: »Wo bekommt sie das Geld her?«
»Gott so mich strafen, wenn ich es weiß,« sagte Blunt in ungeschminkter Natürlichkeit. »Das geht über meine Begriffe. Sie sagt, sie hat es gespart. Aber das ist mit Alles gleich, wissen Sie.«
»So wissen Sie also nichts Genaues darüber?« fragte Frere heftig.
»Nein, ich nicht.«
»Weil, wenn etwas dahinter steckt, sie sich in Acht nehmen soll,« rief er und verfiel in den drohenden Ton, den er seinen Gefangenen gegenüber annahm. »Sie kennt mich. Sagen Sie ihr, daß mein Auge auf ihr ruht. Sie soll an unsern Vertrag denken. Wenn sie mich anführt, mag sie sich in Acht nehmen. – In seinem argwöhnischen Zorn hatte er das offene Federmesser so scharf zugemacht, daß es seinen Finger traf und ihn tief bis auf den Knochen schnitt.
»Ich will es ihr sagen,« sagte Blunt, seine Stirn wischend »Ich glaube sicher, daß sie Sie nicht verrathen wird. Aber ich will Sie besuchen, wenn ich zurück komme.«
Als er draußen war, athmete er tief auf. »Beim Lord Henry, es ist ein heikliches Spiel,« sagte er zu sich selbst mit lebhafter Vorstellung von Frere’s heftigem Wesen. »Und es ist auch nur ein Weib in der Welt, für das ich Narr genug bin, solch’ Spiel zu spielen.«
Maurice Frere, von Argwohn gefoltert, ließ Nachmittags sein Pferd satteln und ritt hinab, um das Haus zu sehen, das der Eigenthümer von Purfoy’s Waarenlager gekauft hatte. Er fand ein niedriges, weißes Gebäude, auf dem äußersten Ende einer Landzunge, welche weit in das tiefe Wasser des Hafens hinaus lief.
Ein sorgfältig gehaltener Garten lag zwischen der Straße und dem Hause und in diesem Garten sah er einen Mann graben.
»Wohnt Mrs. Purfoy hier?« fragte er, eins der Eisengitter aufstoßend.
