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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 32
Siebenundzwanzigstes Capitel.
Das Thal der Todesschatten
Als die Flüchtlinge das Ufer der Bai hinauf gekrochen und ganz in Sicherheit waren, bemerkten sie erst, daß noch Einer ihrer Gefährten fehlte. Als sie auf dem Trocknen standen und das Wasser aus ihren Kleidern rangen, zählte Gabbett’s kleines Auge die Leute und vermißte den Verlorenen.
»Wo ist Cox?«
»Der Narr fiel über Bord,« sagte Jemmy Vetch kurz. »Er hatte niemals soviel Verstand in seinem Kopf, um ihn gesund auf seinen Schultern zu erhalten.«
Gabbett grunzte. »So sind schon drei fort,« sagte er mit einem Ton, als ob man ihn persönlich beleidigt hätte.
Sie sahen nach, was sie an Vertheidigungsmitteln aufzuweisen hatten. Sanders und Greenhill hatten Messer. Gabbett trug noch die Axt in seinem Gürtel. Vetch hatte seine Muskete an dem Neck verloren und Bodenham und Cornelius waren unbewaffnet.
»Laßt uns die Lebensmittel durchsehen,« sagte Vetch.
Es war nur ein Sack mit Lebensmitteln da. Er enthielt etwas Salzfleisch, zwei Brode und einige ungekochte Kartoffeln. Die Signalhügel-Station war nicht reich an Vorräthen.
»Das ist nicht viel,« sagte die Krähe mit bestürztem Gesicht. »Wie Gabbett?«
»Es muß reichen,« erwiderte der Riese gleichgültig.
Nachdem die Inspektion vorüber war, gingen die sechs Leute die Küste hinauf und lagerten im Schutze eines Felsens. Bodenham wollte ein Feuer anzünden, aber Vetch, der jetzt stillschweigend als der Führer des Zuges galt, meinte, das Licht könne sie verrathen.
»Sie werden denken, wir sind ertrunken und werden uns nicht verfolgen,« sagte er.
So lagerten denn die elenden Menschen dicht bei einander.
Der Morgen bricht hell und klar an und seit zehn Jahren zum ersten Male frei, begreifen sie, daß ihre fürchterliche Reise jetzt beginnt.
»Wohin gehen wir? – Wie wollen wir leben?« fragt Bodenham, die dürren Büsche betrachtend, welche sich bis an den öden Strand herabziehen. »Gabbett, Du bist schon früher geflohen. Wie macht man es?«
»Wir wollen uns an die Schäferhütten machen und von ihren Vorräthen leben bis wir andre Kleider finden,« sagte Gabbett, die Hauptfrage vermeidend. »Wir müssen immer der Küste folgen.«
»Nun fort Jungen,« sagte Vetch. »Wir müssen um die Sandhügel herum kriechen und dann in den Busch hinein. Wenn sie am Neck ein gutes Glas haben, können sie uns sehen.«
»Es scheint so nahe zu sein,« sagte Bodenham. »Ich könnte einen Stein auf das Waschhaus werfen. Leb wohl, Du blutiger Ort,« sagte er mit plötzlich ausbrechender Wuth seine Fäuste schüttelnd. »Ich will Dich nicht wiedersehen bis zum Tage des Gerichts.«
Vetch vertheilt die Vorräthe und sie wandern den ganzen Tag bis zur Nacht. Der Busch ist dicht und stachlig. Ihre Kleider waren zerrissen, ihre Hände und Gesichter bluteten. Schon sind sie fast erschöpft. Da Niemand sie zu verfolgen scheint, zünden sie ein Feuer an und schlafen daran. Am zweiten Tage kommen sie an einen sandigen Platz, der sich bis zur See hinzieht und sehen, daß sie zu weit nach Osten gegangen sind und jetzt der Küste nach Castbay Neck folgen müssen. So schleppen sie ihre müden Füße zurück durch den Busch. In dieser Nacht essen sie ihr letztes Stückchen Brod auf. Am dritten Tage um Mittag erreichen sie nach mühevollem Wandern einen großen Hügel, jetzt Collins Berg genannt und sehen das obere Glied des Ohrringes vor sich, den Isthmus von Eastbay Neck zu ihren Füßen. Wenige Felsen liegen zu ihrer Rechten und in der fernen Bläue liegt das verhaßte Maria Island.
»Wir müssen uns stets nach Osten halten,« sagte Greenhill, »oder wir treffen auf Ansiedler und werden gefaßt.« So überschreiten sie den Isthmus und gehen in den Busch längs der Küste hinein und ihre Gürtel fester über ihre leere Magen schnallend, schlafen sie unterhalb einiger niedriger Hügel.
Am vierten Tage wird Bodenham, der ein schlechter Fußgänger ist, krank und zurückbleibend, hält er die Gesellschaft durch häufiges Rufen auf. Gabbett droht ihm mit einem schlimmeren Schicksal, als wunden Füßen, wenn er zurück bleibt.
Glücklicherweise entdeckt Greenhill am Abend eine Hütte, aber da sie sich deren Bewohner nicht anvertrauen wollen, so warten sie, bis derselbe sie am Morgen verläßt und schicken dann Vetch aus, um nach Lebensmitteln zu sehen. Vetch, der sich im Stillen gratuliert, daß er durch seinen guten Rath Gewaltthätigkeiten verhindert habe, kommt mit einem halben Sack Mehl zurück.
»Du mußt das Mehl tragen,« sagt er zu Gabbett »und mir die Axt geben.« Gabbett sieht ihn eine Weile erstaunt an, als wenn er seine kleine Gestalt noch nie gesehen und gibt dann die Axt an seinen Gefährten Sanders. An dem Wage kriechen sie vorsichtig zwischen der See und den Hügeln entlang und bringen die Nacht neben einem Creek zu. Vetch findet nach vielem Suchen eine Hand voll Beeren und fügt sie dem Hauptvorrath hinzu. Die Hälfte davon essen sie sogleich und die andre Hälfte wird für den nächsten Tag aufbewahrt. Den folgenden Tag kommen sie an einen Seearm und nach Norden weiter wandernd, verschwindet Maria Island und sie sind außer Gefahr, von den Teleskopen gesehen zu werden. An demselben Abende erreichen sie das Lager zu Zweien und Dreien und Jeder wundert sich in seinem Hungerparoxysmus, ob sein Gesicht auch so eingefallen und seine Augen auch so blutunterlaufen sind, wie die des Andern.
Am siebenten Tage sagt Bodenham, daß seine Füße so wund sind, daß er nicht mehr gehen kann und Greenhill, mit gierigem Blick auf die Beeren, räth ihm zurück zu bleiben. Da er sehr schwach ist, folgt er dem Rath des Gefährten und bleibt am Mittag des nächsten Tages zurück. Gabbett, der dies entdeckt, geht indeß zurück und erscheint etwa nach einer Stunde wieder, den Unglücklichen mit Stößen und Schlägen vor sich hertreibend, als wenn man ein Schaf zur Schlachtbank treibt. Greenhill spricht sich dagegen aus, daß wieder ein Mund mehr gefüttert werden solle, aber Gabbett bringt ihn zum Schweigen, indem er ihm einen scheußlichen Blick zuwirft. Jemmy Vetch erinnert sich, daß Greenhill schon ein Mal Gabbett begleitet hat und fühlt sich bei diesem Gedanken sehr unbehaglich. Er deutet seinen Argwohn gegen Sanders an, aber Sanders lacht nur. Es ist entsetzlich klar, daß die Drei ein Einverständnis mit einander haben.
Die neunte Sonne, welche auf ihre Freiheit scheint, findet die Elenden zwischen trocknen Büschen, öden Felsen, sandigen Strecken, fast dem Hunger erliegend und Gott fluchend, aber doch in der Furcht vor dem Tode.
Alles ist ringsum oede, todt, verlassen, – nichts als schattenloser Busch. Darüber der erbarmungslose Himmel. In der Entfernung die lieblose See. Etwas Fürchterliches muß geschehen. Die graue Wildniß, darüber der graue Himmel, der sich auf das düstere Meer senkt – Alles das verschweigt die scheußlichsten Geheimnisse. Vetch meint, die Austerbai könne nicht weit ab nach Osten liegen, – der Ocean erscheint so täuschend nahe und obgleich dieser Kurs sie ganz aus ihrer Richtung fortführen wird, so beschließen sie doch, dahin zu gehen. Nachdem sie fünf Meilen weiter gestolpert sind, scheinen sie der Küste nicht näher als zuvor, zu sein. Halb todt vor Ermüdung und Hunger sinken sie verzweifelnd auf den Boden. Vetch meint in Gabbett’s Augen einen wölfischen Ausdruck zu sehen und zieht sich instinktiv von ihm zurück. Im Laufe der trostlosen Unterhaltung sagt Greenhill: »Ich bin so schwach, daß ich ein Stück von einem Menschen essen könnte.«
Am zehnten Tage weigert sich Bodenham weiter zu gehen und die Andern, welche kaum im Stande sind, ihre Glieder weiter zu ziehen, setzen sich bei ihm nieder. Greenhill, den erschöpften Mann betrachtend, sagt langsam: »Ich habe dasselbe schon früher thun sehen und es schmeckte wie Schweinefleisch.«
Vetch, der hörte, wie sein Kamerad einen Gedanken aussprach, den Alle schon im Geheimen gehabt hatten, ruft: »Es wäre Mord und vielleicht kann es hernach Niemand essen.«
»O,« sagte Gabbett, »dafür will ich stehen, aber Alle; müssen dabei sein.«
Gabbett, Sanders und Greenhill gehen bei Seite. Dann kommt Sanders zu der Krähe zurück und sagt: »Er hat sich zum Peitschen hergegeben, also verdient er es.«
»Das hat Gabbett auch gethan,« sagt Vetch schaudernd.
»Ja, aber Bodenham’s Fuße sind wund und es ist schade, ihn zurück zu lassen.«
Da sie kein Feuer haben, machen sie einen kleinen Windschirm und Vetch, der etwa um drei ein wenig dahinter schlummert, hört Jemand schreien »Christus!« und erwacht, in kalten Schweiß gebadet.
Niemand als Gabbett und Greenhill können an dem Tage essen. Das wilde Paar macht ein Feuer und wirft scheußliche Stücke auf den Brand und ißt davon, ehe es noch gebraten. Am Morgen ist der entsetzliche Leichnam zertheilt.
Der Tagesmarsch geht schweigend vor sich und um Mittag bietet sich Cornelius an, den Vorrath zu tragen, weil er sich von der Nahrung sehr gestärkt fühle. Vetch gibt es ihm und nach einer halben Stunde wird Cornelius vermißt. Gabbett und Greenhill verfolgen ihn vergebens und kommen fluchend zurück. »Er wird wie ein Hund sterben,« sagt Greenhill, »ganz allein im Busch.«
Jemmy Vetch, dessen Verstand noch eben so klar wie sonst war, meint in seinem Sinn, daß Cornelius solchen Tod dem vorzöge, der ihm bei den Kameraden bevorstände, schweigt aber still.
Der zwölfte Morgen ist feucht und neblig, aber Vetch, der die Vorräthe wieder abnehmen sieht, versucht heiter zu sein und erzählt Geschichten von Leuten, welche noch größern Gefahren entronnen sind.
Vetch fühlt mit Unbehagen, daß er der schwächste der Gesellschaft ist, findet aber eine gewisse Genugthuung in dem Gedanken, daß er auch der magerste ist. Sie kommen Nachmittags an einen Creek und suchen bis zum Abend nach einem Uebergange. Am nächsten Tage schwimmen Gabbett und Vetch hinüber und Vetch weist Gabbett an, einen jungen Baum abzuhauen, der über das Wasser gelegt, von Greenhill und dem Schnüffler gefaßt werden. So zieht man sie Beide hinüber.
»Was wolltet ihr ohne mich machen?«« sagt die Krähe mit geisterhaftem Lachen.
Sie können kein Feuer machen, denn Greenhill, der den Zunder trägt, hat ihn naß werden lassen. Der Riese schwingt seine Axt in wilder Wuth, um sich warm zu machen und Vetch nimmt die Gelegenheit wahr, ihm leise zu sagen, was doch Greenhill für ein starker Mann sei.
Am vierzehnten Tage können sie kaum kriechen und ihre Glieder schmerzen. Greenhill, welcher der Schwächste ist, sieht Gabbett und den Schnüffler zur Seite gehen, um sich zu berathen und sich zur Krähe hinschleppend, wimmert er: »Um Gotteswillen, Jemmy, gib nicht zu, daß sie mich morden.«
»Ich kann Dir nicht helfen,« sagt Vetch, in Entsetzen um sich blickend. »Denke an den armen Tom Bodenham.«
»Aber er war kein Mörder. Wenn sie mich tödten, muß ich in die Hölle fahren mit Tom’s Blut aus meiner Seele.«
Er windet sich auf dem Boden in tödtlicher Angst und Gabbett, der herbei kommt, bittet Vetch, Holz zum Feuer zu holen. Vetch geht und sieht, wie Greenhill des Wolfes Gabbett Kniee umfaßt und Sanders ruft ihm nach: »Du wirst es gleich hören.«
Da galt sich der nervöse Vetch die Hände dicht vor die Ohren und dennoch vernimmt er einen dumpfen Krach und ein Stöhnen.
Als er zurückkommt, zieht sich Gabbett des todten Mannes Schuhe an, weil sie besser sind als seine eignen.
»Wir wollen hier einen oder zwei Tage ruhen,« sagt er, »jetzt, nun wir Vorrath haben.«
Zwei Tage vergehen und die Drei, einander argwöhnisch anblickend, setzen ihren Marsch fort. Am dritten Tage, dem sechzehnten ihres Marsches, sind die Reste des Leichnams, welche sie noch mit sich führen, nicht mehr zu essen. Sie sehen einander in die von Hunger spitz gewordenen Gesichter und denken: »Wer wird der nächste fein?«
»Wir müssen Alle zusammen sterben,« sagte Sanders schnell, »ehe noch etwas vorfällt.«
Vetch bemerkt das Entsetzen, das in seinen Worten liegt und als der gefürchtete Riese außer Gehörweite ist, sagt er: »Um Gottes willen, Vetch, laß uns allein weiter gehen. Du siehst, was für ein Scheusal Gabbett ist. Er würde seinen eignen Vater tödten, ehe er einen Tag fastete.«
Sie eilen ein Busche zu, als der Riese sich umwendet und ihnen nachstürzt. Vetch springt eilig auf die Seite, aber Gabbett versetzt dem Schnüffler einen Schlag auf die Stirn.
»Hilfe, Jem, Hilfe!« schreit das Opfer, das zwar getroffen ist, aber nicht tödtlich und in der Angst seiner Verzweiflung entreißt er die Axt dem Ungeheuer, welches sie trägt und wirft sie Vetch zu.
»Behalte sie, Vetch,« schrie er. »Laß keinen Mord mehr geschehen.«
Sie wandern wieder durch den schrecklichen Busch, als Vetch mit veränderter Stimme plötzlich dem Riesen zuruft:
»Er muß sterben.«
Entweder er oder ich,« lacht Gabbett. »Gib mir die Axt.«
»Nein, nein,« sagt die Krähe, sein schmales, boshaftes Gesicht von entsetzlichem Entschluß verzerrt. »Ich will die Axt behalten. Zurück! Du sollst ihn halten und ich werde es besorgen!«
Sanders sah sie kommen und wußte, daß es mit ihm aus war. Er ergiebt sich und ruft: »Gebt mir nur eine halbe Stunde, um zu beten.« Sie willigen ein und der verstörte Elende kniet nieder und faltet seine Hände wie ein Kind. Sein dickes, dummes Gesicht arbeitet in tiefer, Bewegung, Seine großen, geborstenen Lippen bewegen sich in verzweifelter Todesangst. Er schüttelt seinen Kopf von einer Seite zur andern in fürchterlicher Verwirrung seiner entmenschten Sinne. »Ich kann die Worte nicht finden, Jem!«
»Ach,« schnarrt der Kleine, seine Axt hebend, »wir können hier nicht die ganze Nacht hungern.«
Vier Tage sind vergangen und die beiden Ueberlebenden sitzen und bewachen einander. Der lange Riese mit Augen voll Hunger und Haß bewacht den Zwerg. Der Zwerg, sich über seine überlegene Klugheit freuend, hält die unheilvolle Axt fest. Zwei Tage lang haben sie nicht mit einander gesprochen. Zwei Tage lang hat Jeder sich gesagt, daß der Gefährte nun einschlafen und dann sterben müsse. Vetch versteht jetzt den teuflischen Plan des Ungeheuers, das fünf seiner Kameraden betrogen hat, um sich durch ihren Tod am Leben zu erhalten und hält sich vorsichtig zurück. Gabbett paßt auf, um dem Gefährten die Waffe zu entreißen und die Sache für immer zu Ende zu bringen. Am Tage reisen sie weiter, Jeder einen Vorwand suchend, um hinter dem Andern zu gehen. Nachts heucheln sie Schlaf und Jeder hebt verstohlen den Kopf und trifft auf den lauernden Blick des Gefährten. Vetch fühlt, daß seine Kraft ihn verläßt und sein Hirn überwältigt ist von Müdigkeit. Der Riese, murmelnd, viele Geberden machend, am Munde schäumend, ist sicher auf dem Wege, wahnsinnig zu werden. Wird das Ungeheuer sich auf ihn stürzen, der blutigen Axt trotzend und ihn durch seine überlegene Stärke tödten? Oder wird er einschlafen und dann sein Opfer werden? Unglücklicher Vetch! Es ist das gräßliche Vorrecht des Wahnsinns, schlaflos zu sein.
Am fünften Tage kriecht Vetch hinter einen Baum, nimmt seinen Gürtel ab und macht eine Schlinge. Er will sich aufhängen. Er schlingt ein Ende über einen Ast, dann läßt ihn seine Feigheit inne halten. Gabbett nähert sich. Er versucht ihm zu entgehen und sich in den Busch zu stehlen. Vergebens! Der unersättliche Riese, rasend vor Hunger und aufrecht erhalten durch diese Raserei, ist nicht abzuschütteln. Vetch versucht zu laufen, aber seine Beine knicken unter ihm zusammen. Die Axt, welche schon so viel Blut getrunken, hängt schwer wie Blei in seinem Gürtel. Er will sie fortwerfen, doch wagt er es nicht. Die Nacht kommt. Er muß ruhen oder wahnsinnig werden. Seine Glieder sind machtlos. Seine Augenlider kleben zusammen. Er schläft im Stehen. Dies Entsetzliche muß ein Traum sein. Er ist in Port Arthur oder wacht auf seinem elenden Lager auf, wo er als Knabe schlief. Soll er jetzt wieder zu der Qual des Lebens geweckt werden? Es ist nicht Zeit, gewiß noch nicht Zeit. Er schläft und der Riese, in wilder Freude grinsend, nähert sich schwerfällig und ergreift die begehrte Axt.
An der Nordküste von Van Diemens Land ist ein Punkt, St. Helen’s Punkt genannt und ein gewisser Schiffer, dem es an frischem Wasser fehlte, landete dort. Seine Boots-Mannschaft findet einen hagern, blutbefleckten Mann in zerrissenen gelben Kleidern, der eine Axt und ein Bündel auf der Schulter trägt. Als die Schiffer ihm in Sicht kommen, macht er viele Zeichen und mit großen Umständen öffnet er sein Bündel und bietet ihnen den Inhalt an. Von Entsetzen ergriffen über den scheußlichen Inhalt, packen sie den Wahnsinnigen und binden ihn.
In Hobart Town wird er als der einzige Ueberlebende der neun Flüchtlinge erkannt, welche von Hort Arthur dem »Natürlichen StrafGefängnis« entflohen sind.
Buch 4
Erstes Capitel.
Auszug aus dem Tagebuch des Ehrwürdigen James North
Bathurst den 11ten Februar 1846.
»Indem ich die Seiten meines Tagebuches aufschlage, um das Glück zu verzeichnen, das mir gerade jetzt geworden ist, fällt mir die unendliche Leere meines Lebens seit den sieben letzten Jahren auf. Kann es möglich sein, daß James North, der Held der Universität, der Dichter, der Gewinner der Preise, der – nun der Himmel weiß, was sonst noch – daß ich zufrieden gewesen bin, an diesem trostlosen Orte zu leben; – ein Tier – nur Essen und Trinken, denn morgen sterbe ich vielleicht? Und doch ist es so. Meine Welt, die Welt, von der ich einst so viel träumte, ist hier gewesen. Mein Ruhm – einst die Enden der Welt zu erreichen, hat sich wenigstens bis zu den letzten Stationen erstreckt. Man hält mich für einen guten Prediger; – meine Schafe züchtenden Freunde halten mich dafür. Es ist freundlich von ihnen. Nun am Vorabende meines Abschiedes von diesem Leben, muß ich sagen, – es ist nicht ohne Reiz gewesen. Ich habe meine Bücher gehabt und meine Gedanken, obgleich die Letzteren mitunter grimme Gefährten waren. Ich habe mit meinem Laster gekämpft und bin nicht immer geschlagen worden. Trauriger Gedanke! Nicht immer. »Aber doch« gleicht dem Gefangenenwärter, der irgend einen fürchterlichen Bösewicht um Vorschein bringt. Ich habe mir aber geschworen, mich in meinem Tagebuche nicht zu betrügen und ich will es nicht. Keine Ausflüchte! Kein Beschönigen der eigenen Sünde. Dies Tagebuch ist mein Beichtiger und ich öffne ihm mein Herz. Es ist merkwürdig, welches Vergnügen ich dabei fühle, hier schwarz auf weiß niederzuschreiben, welche Qualen und geheimen Schmerzen ich erduldet, die ich nie auszusprechen wagte.
Aus diesem Grunde Taube ich, machen auch Mörder ihre Bekenntnisse Katzen und Hunden, sprechen Leute, welche etwas auf dem Herzen haben, laut und deshalb flüstert die Königin des Midas das Geheimniß ihres Mannes dem Schilfe zu. Aeußerlich bin ich ein Mann Gottes, fromm, ernst und ruhig. – Inwendig? – was? Der niedrige, feige, schwache Sünder, als welchen dies Buch mich kennt. – — Bösewicht, – ich möchte dich in Stücke reißen! – — Eines Tages will ich es thun. Inzwischen will ich dich unter Schloß und Riegel halten und du sollst meine Geheimnisse fest bewahren. Nein, alter Freund, mit dem ich so lange Umgang gepflogen, vergieb mir, vergieb mir. Du bist für mich Weib und Priester. Ich erzähle deinen kalten, blauen Seiten, – wie viel bezahlte ich doch für dich in Paramatta du Schurke? – — alle diese Geschichten, dieses Sehnen, diese Gewissensbisse, die ich keinem menschlichen Ohr anvertrauen möchte, denn Keiner ist so verschwiegen wie du. Es ist gesagt worden, daß ein Mensch nicht alle seine Gedanken und Thaten niederschreiben kann, daß die Worte das Papier verbrennen würden. Und doch sind deine Blätter glatt genug, du Schuft! Unsere Nachbarn von Rom kennen die menschliche Natur. Ein Mensch muß bekennen. Man liest von Leuten, welche Jahre lang ihre Geheimnisse in ihrer Brust verschlossen und sie dann doch endlich verrathen haben. Ich bin hier ausgestoßen, lebe ohne Gefährten, ohne Sympathie, ohne Briefe, kann nicht meine Seele verschließen und von meinen eigenen Gedanken zehren. Sie wollen heraus und ich flüstere ihnen zu:
»Was bist du, du verhängnißvolle Macht, die in uns wohnt und wir wissen es nicht. Ein anderes Selbst in unserer Seelennacht. Ein Herrscher Selbst, das einzig strebt nach Licht.«
Was? Gewissen? Mit dem Wort schreckt man die Kinder. Das Gewissen jedes Mannes ist aus seiner eigenen Fabrik. Mein Freund mit den Hai-Zähnen, den Staples auf seinem Wallfischfahrer nach Sydney brachte, würde sich Gewissensvorwürfe machen, wenn er nicht an dem Mahle Theil nähme, das durch die Sitten seiner Voreltern schon geheiligt war. – Ein Funken der Göttlichkeit? Die Göttlichkeit, welche nach hergebrachter Lehre besonders sitzt auf einem Throne, mitten unter süßer Musik und die arme Menschheit zusehen läßt, wie sie ihre eigene Verdauung sich erwerben mag. Davon will ich nichts wissen, obgleich ich sie predige. Man muß die untergeordneten Sinne der Menge beruhigen. Die Priester haben ihren frommen Betrug. Der Herr sprach in Parabeln. – Witz? Der Witz sieht wie schlecht unsre Handlungen mit unserm Streben überein stimmen. Der teuflische Witz, aus unserm eigenen Hirn gezeugt, spottet über unsre Fehltritte? Vielleicht Wahnsinn? Viel wahrscheinlicher, denn es gibt wenig Menschen, welche nicht eine von den zwölf Stunden, während welcher sie wachen, in Wahnsinn zubringen. Wenn Wahnsinn ist ganz anders zu denken, wie die Majorität der Menschen über bekannte Dinge, – dann glaube ich, – bin ich wahnsinnig – oder zu weise. Die Spekulation gibt sich damit ab, ein Haar zu theilen. – James North, denke an deinen früheren Leichtsinn, deinen Ruin und deine Erlösung, bring deine Gedanken wieder zur Erde zurück. Die Umstände haben dich zu dem gemacht, was du bist und werden ein Geschick gestalten, ohne dein Eingreifen.
Das ist ganz in Ordnung.
Nun vorausgesetzt, – um einen andern Ritt aus meinem nächsten Tiere zu machen, – vorausgesetzt, daß der Mensch der Sklave der Umstände ist (eine Doktrin, welche ich nicht ungern glaube, obgleich ich sie ungern bekenne) – was für ein Umstand kann es herbeigeführt haben, daß die jetzigen Machthaber plötzlich finden, James North sei passend, irgend eine Stelle auszufüllen?
Hobart Town, 12. Januar.
»Lieber North, Es ist mir sehr angenehm, Ihnen sagen zu können, daß Sie zum Kaplan aus Norfolk Insel ernannt werden können, wenn Sie es wünschen. Es scheint, daß der letzte Mann nicht gut paßte und als man mich um Rath fragte, empfahl ich Sie für die Stelle. Das Gehalt ist klein, aber Sie haben ein Haus dabei und so weiter. Es ist jedenfalls besser als Bathurst und wird als ein besonderer Preis in der Lotterie der geistlichen Stellen betrachtet. Es soll eine Untersuchung dort geführt werden. Der alte Pratt, der aus die dringende Bitte der Regierung hinging, scheint ganz unverständig nachsichtig mit den Gefangenen gewesen zu sein und die Insel soll sich in schrecklichem Zustande befinden. Sir Cardley sieht sich nach irgend einem Beamten um, der die Sache in die Hand nimmt. Indessen ist die Kaplanstelle frei und ich dachte an Sie.« —
Ich muß dies als ein besonderes Glück betrachten.
19. Februar. – Ich nehme an. Es ist genug Arbeit zu thun unter diesen unglücklichen Menschen, die für mich ein wahres Fegefeuer sein wird.
Doch die Behörden müssen mich noch hören – obgleich die Untersuchung in Port Arthur unterdrückt wurde.
Uebrigens hat doch ein Pharao, wie man weiß, den Joseph erhört. Es ist augenscheinlich, daß der störende Prediger, welcher klagte, daß man Gefangene zu Tode peitschte, vergessen ist.
So sind die Menschen! Wie viele Geister müssen um gehen auf jener fürchterlich einsamen Gefängnisküste! Der arme Burgeß ist den Weg alles Fleisches gegangen. Obwohl sein Geist noch die Scenen seiner Gewaltthätigkeiten wieder aufsucht? Ich habe geschrieben »der arme« Burgeß. Es ist sonderbar, daß wir einen Mann bemitleiden, der das Leben verlassen hat. Die Feindschaft erlischt, wenn man sich nur noch der Feindseligkeiten erinnert. Wenn mich ein Mann beleidigt hätte, würde die Thatsache allein, daß er lebte, schon genügender rund sein für mich, ihn zu hassen, und hätte ich ihn beleidigt, so würde ich ihn noch mehr hassen. Ist der Grund, daß ich mich selbst hasse, – meinen größten Feind, den ich beleidigt habe, ohne Hoffnung auf Vergebung? Es gibt Verbrechen gegen unsre eigne Natur, die man sich nicht vergeben kann. Ist es nicht Tacitus, welcher sagt: »Der Haß Derjenigen, welche einander nahe verwandt sind, ist der am meisten eingefleischte?« – Aber, – ich fliege schon wieder zu weit.
27. Februar. 11: 30 M. Vormittags.
Nine Creek‘s Station.
Ich liebe es genau zu sein in Namen und Daten. Genauigkeit ist eine Tugend. Also will ich sie ausüben. Die Station ist neunzig Meilen von Bathurst. Es sind etwa 4000 Kopf Vieh hier. Luxus ohne Feinheit. Viel zu essen, zu trinken und, – Ja – auch zu lesen. Der Name der Wirthin ist Carr. Sie ist sehr wohl erhalten, etwa vierunddreißig Jahre alt und ist eine kluge Person, nicht in Byron’s weitem Sinne, sondern in der vollen, weltlichen Bedeutung des Wortes.
Zu gleicher Zeit thut mir ihr Mann leid. Frauen sollten nicht solchen Verstand haben wie sie, das heißt, wenn sie Frauen sein wollen und keine Ungeheuer ihres Geschlechts.
Mrs. Carr ist keine Dame, obgleich sie eine sein könnte. Ich glaube auch nicht, daß sie eine gute Frau war. Es ist sogar möglich, daß sie früher das Spinnhaus gekannt hat. Es ist ein Geheimniß dabei, denn man sagte mir, sie sei eine Mrs. Purfoy, die Wittwe des Kapitains eines Wallfischfahrers und hätte einen ihrer ihr zugetheilten Diener geheirathet, der sie aber, sobald er frei geworden, vor fünf Jahren verlassen habe. Ein Wort oder das andere bei Tische brachte mich auf allerlei Gedanken. Sie hatte einige englische Zeitungen erhalten und um ihr zerstreutes Wesen zu entschuldigen, sagte sie finster: »Ich habe Nachrichten von meinem Manne.« Ich möchte nicht in Carr’s Haut stecken, wenn sie Nachrichten von ihm hat! Ich glaube nicht, daß sie eine Beleidigung ruhig hinnimmt. – Aber, was geht es mich an? Ich wurde verführt, mehr Wein bei Tisch zu trinken, als ich überhaupt nöthig hatte. —
Beichtiger! – Hörst du? Aber ich will mich nicht wieder fortreißen lassen. Du böser, fetter Vertrauter! Ich habe gut reden, aber morgen bin ich fast verzehrt von Gewissensbissen!
3. März. Ein Ort, Jerrilang genannt. Hier habe ich Kopf- und Herzweh.
»Du hast Deinen Stab und Deine Stütze verloren und bist ein Raub aller Versuchungen.«
20. März. Sydney. Bei Kapitain Frere.
Siebzehn Tage seit ich dich nicht geöffnet habe, du geliebter und verabscheuter Gefährte. Ich habe fast Lust, dich niemals wieder zu öffnen! Dich lesen, heißt, mir Alles wieder zurückrufen, was ich gern vergessen möchte und dich nicht lesen, heißt Alles vergessen, was ich meiner Sünden wegen im Gedächtniß behalten müßte.
Die letzte Woche hat einen neuen Mann aus mir gemacht. Ich bin nicht länger mürrisch, verzweifelt und bitter, sondern heiter und ans gutem Fuß mit dem Glück. Es ist wunderbar, daß ein bloßer Zufall mich veranlaßt hat, eine ganze Woche unter demselben Dache mit dieser Vision des Lichtes zu leben, welche mich so lange verfolgt hat. Ein Begegnen auf der Straße, eine Vorstellung, eine Einladung – die Sache ist gemacht.
Die Umstände, die unser Schicksal herbeiführen, sind merkwürdige Dinge. Ich glaubte, daß ich niemals wieder s das liebliche, junge Gesicht sehen würde, das mich so wunderbar angezogen hat – und siehe! jetzt lächelt es mich täglich an. Kapitain Frere sollte ein glücklicher Mann sein. Doch scheint in dem Hause ein Skelett zu sein. Dies junge Weib, von Natur so heiter, so liebenswerth, dürfte nicht diesen traurigen Ausdruck in ihrem Gesicht haben, der heute zwei Mal darüber hingezogen ist. Er scheint eine leidenschaftliche, rohe Natur zu sein, dieser außerordentliche Sträflingskenner.
Seine Deportierten, arme Teufel – sind unzweifelhaft in guter Zucht. Reizende, kleine Sylvia, mit Deinem feinen Witz und Deiner zauberischen Schönheit, – er ist nicht gut genug für Dich und doch – sagt man – war es eine Neigungsheirath.
21. März. Ich habe jeden Abend die Familienandacht gehalten, seit ich hier bin – mein schwarzer Rock und meine weiße Kravatte gaben mir die nöthige Würde; – ich fühle mich schuldig, Jedes Mal, wenn ich lese. Ich mochte wissen, was die junge Dame mit den frommen Augen sagen würde, wenn sie wüßte, daß ich ein Heuchler bin, daß ich predige, was ich nicht ausübe, daß ich Andere ermahne, an die Wunder zu glauben, die mein eigenes Herz verwirft? Bin ich nicht ein Feigling, daß ich die Maske; nicht abwerfe und bekenne, ein Freidenker zu sein. Und doch, bin ich ein Feigling? Ich rede mir vor, daß ich zum Ruhme Gottes handle, wenn ich schweige.
Der Scandal, wenn ein Priester sich als Ungläubiger bekennt, ist größer, als das Reich der Vernunft Gutes thun könnte. Ich denke an diese vertrauende Seele; sie würde schwer bei dem Gedanken an solche Sünde leiden, wenn auch der Sünder ein Anderer ist.
»Wenn Jemand Einem dieser Kleinen Böses thut, so wäre es besser, man hinge ihm einen Mühlenstein um den Hals und würfe ihn in’s Wasser.« Doch Wahrheit ist Wahrheit und sollte gesprochen werden, – nicht wahr, du boshafter Mahner, der du mich so oft erinnerst, wie ich darin fehle?
Gewiß ist es gut, wenn unser würdiger Bischof unter seiner Armee von Schwarzröcken einige Männer hat wie mich, die ihre Vernunft nicht dazu bringen können, Dinge zu glauben, welche der Erfahrung und den Gesetzen der Natur zuwider laufen.
22. März. Dieser unromantische Kapitain Frere hat einige romantische Dinge in seinem Leben erlebt und er mag gern darüber sprechen.
Es scheint, daß er in seiner Jugend die Hoffnung gehabt hat, ein großes Vermögen von einem Onkel zu erben, welcher mit seinem Erben zerfallen war. Aber der Onkel stirbt an dem Tage, an dem er sein Testament ändern will, der Sohn verschwindet und man glaubt, er sei ertrunken. Die Wittwe indeß weigert sich, an den Tod des Sohnes zu glauben, und da sie den Genuß des Vermögens hat, werden Alle Ansprüche abgewiesen. Mein armer Wirth lebt in Folge dessen hier von seinem Solde und vor drei Jahren, als er hoffte, daß der Tod seiner Tante ihm einigen Anspruch auf einen Theil des Vermögens geben wird, kehrt der verlorene Sohn zurück, wird von seiner Mutter und den Testaments-Vollstreckern anerkannt, und in seine Rechte eingesetzt. Die andre romantische Geschichte hängt mit seiner Heirath zusammen. Er erzählte mir heute nach Tische, daß seine Frau als Kind Schiffbruch erlitt, daß ihr Leben gerettet und sie aus den rohen Händen eines entflohenen Deportierten befreit habe, – einem von diesen Ungeheuern, welche unser ungeheuerliches System aufzieht.
