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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 36
Sechstes Capitel.
In welchem der Kaplan krank wird
Obgleich das Haus des Kommandanten von Norfolk-Insel behaglich und schön ausgestattet und Alles, was an die schauderhafte Disziplin erinnerte, verborgen war, so schauerte Sylvia doch, wenn sie daran dachte, daß sie nun an den gefürchtetsten und schrecklichsten Platz gekommen, den das Deportationssystem aufzuweisen hatte. Es war ihr Unglück gewesen, ihr Leben an solchen Orten zuzubringen. Der Anblick und das Geräusch von Qualen umgab sie. Sie konnte nicht aus dem Fenster sehen, ohne Entsetzen. Sie fürchtete jeden Abend, wenn ihr Gatte zurückkam, er möchte irgend eine neue Scheußlichkeit vorbringen. Sie fürchtete sich, ihn des Morgens zu fragen, wohin er ging, damit er sie nicht etwa mit der Erzählung einer neuen Bestrafung erschrecken möchte.
»Ich wünschte, Maurice, wir wären nie hierher gekommen,« sagte sie traurig, als er ihr die Scene von der Gefängnisbande erzählte. »Diese unglücklichen Menschen werden Dir eines Tages etwas Schreckliches anthun.«
»Unsinn!« sagte der Gatte. »Sie haben nicht den Muth. Ich möchte den besten Mann herausnehmen und er wird nicht wagen, mich anzurühren.«
»Ich kann es mir nicht vorstellen, wie Du so viel Elend und Schlechtigkeit ansehen kannst. Es ist für mich fürchterlich, nur daran zu denken.«
»Unser Geschmack ist verschieden, meine Liebe. – Jenkins! – Verdammt, – Jenkins – sage ich.« Der Sträflingsdiener trat ein. »Wo ist das Klagebuch? – Ich habe Dir gesagt, es soll immer für mich bereit sein. Warum thust Du nicht, was ich sage? Du fauler, schlechter Kerl! Ich glaube, Du hast dich in der Küche herumgetrieben, oder – —«
»Bitte, Herr – —«
»Keine Antwort! Her das Buch!«
Er lief mit dem Finger die Reihen herunter und las die Klagen, über die er den nächsten Morgen Strafe bestimmen sollte.
»Mer-a-Seek hat eine Pfeife.«
»Der verdammte Hindu.«
»Benjamin Pellett hat Fett in seinem Besitz.«
»Miles Byrne geht nicht schnell genug.«
»Wir müssen Miles Byrne Beine machen.«
»Thomas Twist hat eine Pfeife und steckt Licht an.«
»W. Barnes nicht an seinen Platz beim Mustern; sagt, er hat sich gewaschen!«
»Ich will ihn waschen.«
»John Richards, nicht beim Mustern und Unverschämtheit.«
»John Goteby, Unverschämtheit und Ungehorsam.«
»James Hopkins, Unverschämtheit und freche Reden.«
»Rufus Dawes, grobe Unverschämtheit, weigert sich zu arbeiten – —«
»Ah, da müssen wir doch sehen – Was, ein Pfaffenkerl, ich will Dich zwingen – oder – Sylvia!«
»Ja.«
»Dein Freund Dawes macht seiner Erziehung alle Ehre.«
»Was meinst Du?«
»Der höllische Schuft, der freche Bursche, der Dawes, – der wird bald reif sein für – —«
Sie unterbrach ihn. »Maurice, ich wünsche, daß Du nicht solche Sprache führst. Du weißt, ich mag es nicht.« Sie sprach kalt und traurig, wie Einer, der weiß, daß Ermahnung vergebens ist und der doch gezwungen ist, zu erinnern.
»O Himmel! Lady Proper; sie kann nicht hören, wie ihr Mann flucht. Wie vornehm wir werden!«
»O, ich wollte Dich nicht ärgern,« sagte sie müde. »Laß uns nicht streiten, um’s Himmels willen nicht.«
Er ging mit lauten Schritten davon und sie saß und blickte auf den Teppich und wartete auf seine Rückkehr. Ein Geräusch rüttelte sie auf. Sie blickte auf und sah North. Ihr Antlitz strahlte sogleich.
»Ach, Mr. North, ich erwartete Sie nicht. Was führt Sie her? Sie bleiben doch zu Mittag? – Sie klingelte, ohne auf eine Antwort zu warten. »Mr. North speist mit uns, setzen Sie einen Stuhl für ihn hin. – Haben Sie mir das Buch gebracht? Ich habe schon danach ausgesehen.«
»Hier ist es,« sagte North, einen Band von Monte Christo aus der Tasche ziehend. »Ich beneide Sie.«
Sie ergriff das Buch mit Eifer und nachdem sie ihre Augen über die Seiten schweifen ließ, schlug sie das Titelblatt auf.
»Es gehört meinem Vorgänger,« sagte North, wie auf ihre Gedanken antwortend. »Er muß viel französisch gelesen haben. Ich habe manche französischen Romane vorgefunden.«
»Ich dachte, Geistliche lesen nie französische Romane,« sagte Sylvia lächelnd.
»Es gibt französische Romane und französische Romane,« sagte North. »Dumme Leute verwechseln die guten mit den schlechten. Ich erinnere mich an einen würdigen Freund in Sydney, der mich tüchtig ausschalt, weil ich Rabelais las und als ich ihn fragte, ob er es gelesen habe, sagte er, er würde sich eher die Hand abschneiden, als solch Buch öffnen. Ein schöner Richter der Verdienste!«
»Aber ist es wirklich gut? Papa sagte, es sei nichts wert.«
»Es ist ein Roman, aber meiner Meinung nach ein sehr guter. Die Idee, daß ein Matrose im Kerker von einem Priester unterrichtet und dann in die Welt zurückgeschickt wird als vollendeter Gentleman, um seine Rache zu üben, ist prächtig.«
»Ach, nun erzählen Sie es mir,« lachte sie und dann mit weiblicher Hartnäckigkeit fuhr sie fort: »Weiter, weiter, was ist’s für eine Geschichte?«
»Nur, daß ein ungerecht eingesperrter Mann, der entflieht und fast durch ein Wunder reich wird, – wie Johnson sagt, »über die Träume des Geizes hinaus, sein Leben und sein Vermögen seiner Rache widmet.«
»Und er rächt sich?«
»Ja, an allen seinen Feinden, nur an Einem nicht.«
»Und dieser?«
»Diese – war die Frau seines größten Feindes und Dantes schont sie, weil er sie liebt.«
Sylvia wandte ihr Gesicht ab. Es scheint ganz gewöhnlich zu sein,« sagte sie kalt.
Es herrschte ein ängstliches Schweigen, daß Jeder sich zu brechen fürchtete. North biß sich auf die Lippen, als ob er bereute, das gesagt zu haben. Mrs. Frere klopfte mit dem Fuß auf den Boden und als sie endlich ihren Blick wieder erhob, traf er auf den des Geistlichen, der fest auf sie gerichtet war. Sie stand schnell auf und ging ihrem zurückkehrenden Gatten entgegen.
»Zum Essen gekommen,« sagte Frere, der zwar anfing, einen ihm selbst unerklärlichen Widerwillen gegen den Geistlichen zu empfinden, aber doch froh war, wenn ihm Jemand half, den Abend heiter zu verbringen.
»Ich kam, um Mrs. Frere ein Buch zu bringen.«
»Ach, sie liest zu viel. Sie liest immer Bücher. Es ist nicht gut, ewig über den Buchstaben zu hocken, nicht wahr, North? Sie haben Einfluß auf meine Frau. Sagen Sie es ihr. – Kommen Sie, ich bin hungrig.«
Er sprach mit der geheuchelten Lustigkeit, unter der Männer seines Schlages ihre üble Laune verbergen. Die schnelle Sylvia hatte sich sogleich gerüstet.
»Natürlich werden die zwei Männer gegen mich sein; Wann sind zwei Männer je uneinig gewesen, wenn es sich um ihre Ansicht über häusliche Pflichten handelte? Aber ich will Ihnen zum Trotz doch lesen. Wissen Sie, Mr. North, als ich heirathete, traf ich ein besonderes Abkommen mit Kapitain Frere, daß ich nicht Knöpfe für ihn anzunähen brauchte.«
»So,« sagte der blinde North, der diesen Wechsel in ihrer Laune nicht recht verstand.
»Und sie hat es auch nie gethan,« sagte Frere, seine Sprache bei dem Anblick der Nahrung wieder gewinnend. »Ich habe nie ein Hemde, das ich anziehen kann. Auf mein Wort, – da liegen jetzt ein Dutzend in meiner Schublade.«
North fühlte sich unbehaglich. Ein Wort des weisen Balzac fiel ihm ein. »Le grand écuail est le ridicule« und in seinem Sinn jagten sich allerlei philosophische Gedanken von nicht sehr geistlichem Charakter.
Nach dem Mittagessen verfiel Maurice wieder auf sein gewöhnliches Thema – Deportierten-Disciplin. Es war ihm angenehm, einen Zuhörer zu haben, denn seine Frau, kalt, starr und ohne Sympathie, weigerte sich schweigend, in seine Pläne, – wie die widersetzlichen Gefangenen zu zwingen seien, – einzugehen. »Du bestandest darauf, hierher zu kommen,« pflegte sie zu sagen. »Ich wollte nicht her. Ich mag nicht von diesen Dingen sprechen. Laß uns von etwas Anderem sprechen.« Wenn sie so sprach, hatte er keine Wahl, als nachzugehen, denn er fürchtete sie in gewisser Art. In dieser unpassenden Ehe war er nur dem Scheine nach der Herr. Er war ein Tyrann. Für ihn mußte ein Wesen schwach sein und er verachtete es. Seine grobe Natur schien über die feinere seiner Frau zu triumphieren. Es war wohl längst alle Liebe zwischen ihnen ausgelöscht. Das junge, ungestüme, zarte Mädchen, das sich ihm vor sieben Jahren hingegeben hatte, war in eine müde, leidende Frau verwandelt worden. Die Frau ist das, wozu sie ihr Mann macht und sein rohes Wesen hatte sie zu der nervösen Person gemacht, die sie jetzt war. Statt Liebe hatte er in ihr eine Abneigung geweckt, die sich fast bis zum Abscheu steigerte. Wir haben weder die Geschicklichkeit noch die Kühnheit jenes tiefen Philosophen, dessen Autopsie des menschlichen Herzens Mr. North’s Betrachtung erweckte und wir können in unserer rauhen Sprache nicht den seinen Wendungen folgen, welche die Geschichte dieser Ehe zeichnet. Genug, Sylvia liebte ihren Mann am wenigsten, wenn er sie am meisten liebte. In dieser Zurückweisung lag ihre Macht über ihn. Wenn die Tierischen und geistigen Eigenschaften einander entgegen stehen, siegen immer die edleren in der That, wenn auch nicht dem Scheine nach. Maurice Frere wußte, daß, wenn auch seine Frau ihm gehorchte, er unter ihr stand und er fürchtete die Statue, die er geschaffen. Sie war wie von Eis, – aber dies war das künstliche Eis, das die Chemiker mitten in einem glühenden Ofen machen. Ihre Kälte war zugleich ihre Stärke und ihre Schwäche. Wenn sie ihn ganz eisig anblickte, herrschte sie über ihn.
Ohne Ahnung der Gedanken, die seinen Gast bewegten, plauderte Frere ganz fröhlich weiter. North sagte wenig, aber trank viel. er Wein machte ihn aber schweigsam statt gesprächig. Er schien zu trinken, als ob er unangenehme – Erinnerungen bannen wollte und trank, ohne diesen Zweck zu erreichen. Als die Beiden in das Zimmer traten, wo Sylvia sie erwartete, war Frere lustig und laut, North aber schweigsam und menschenfeindlich.
»Singe etwas, Sylvia,« sagte Frere mit der Sicherheit, mit der Jemand zu einer Musikdose sagt: Spiele.
»O, Mr. North macht sich nichts aus Musik und ich mag heute nicht singen. Singen paßt gar nicht hierher.«
»Unsinn,« sagte Frere. Warum sollte es hier weniger herpassen, als anderswohin?«
»Mrs. Frere meint, daß Fröhlichkeit gewissermaßen unpassend ist in diesen melancholischen Umgebungen,« sagte North mit seinem feineren Verständnis.
»Melancholische Umgebungen!« rief Frere und starrte auf das Piano, die Sopha’s, die Spiegel. »Ja, das Haus ist nicht so gut wie das in Sydney, aber es ist behaglich genug.«
»Du verstehst mich nicht, Maurice,« sagte Sylvia. »Dieser Ort ist fürchterlich für mich. Der Gedanke an die unglücklichen, mit Ketten beladenen Gefangenen, die überall rings um uns sind, macht mich elend.«
»Was für Unsinn,« sage Frere jetzt ganz aufgeregt. »Die Schurken verdienen ihr Schicksal und noch Schlimmeres. Warum willst Du Dich um ihretwillen krank machen?«
»Arme Menschen! Wir wissen nichts von der Stärke ihrer Versuchungen und der Bitterkeit ihrer Reue.«
»Bösewichter ernten ihre Strafe,« sagte North mit harter Stimme und nahm plötzlich ein Buch in die Hand. »Sie müssen lernen, es zu ertragen. Keine Reue kann ihre Sünde ungeschehen machen.«
»Aber es gibt doch Gnade selbst für die schlimmsten Bösewichter,« wirft Sylvia ein.
North scheint keine Neigung zum Antworten zu haben und nickt nur.
»Gnade!« ruft Frere. »Ich bin aber nicht hier, um Gnade zu üben. Ich bin hier, um die Schurken in Ordnung zu halten und beim Herrn, das werde ich thun.«
»Maurice, sprich nicht so. Denke nur, wie leicht uns irgend ein geringer Zufall gleich Einem von ihnen hätte machen können. – Was fehlt Ihnen, Mr. North?«
Mr. North war ganz blaß geworden. »Nichts,« erwiderte der Geistliche nach Athem ringend, – »eine plötzliche Ohnmacht!« Die Fenster wurden schnell geöffnet und der Kaplan erholte sich allmählich, ganz in derselben Art, wie vor sieben Jahren in Port Arthur bei Burgeß im Hause. »Ich bin solchen Anfällen ausgesetzt. Eine Herzkrankheit glaube ich. Ich muß einen oder zwei Tage ausruhen.«
»Ja, erholen Sie sich,« sagte Frere, »Sie überarbeiten sich.«
North saß da, bleich und schwer athmend, mit geisterhaftem Lächeln. »Ja, ich will. Wenn ich eine Woche lang nicht komme, Mrs. Frere, so wissen Sie den Grund.«
»Eine Woche! So lange wird es doch nicht dauern,« rief Sylvia.
Das zweideutige »es« schien ihn zu ärgern, denn er erröthete schmerzlich und erwiderte:
»Zuweilen länger. Es ist ganz unsicher.« Seine Manier dabei war ganz verwirrt und beschämt und der Eintritt von Jenkins lenkte glücklicherweise die Aufmerksamkeit von ihm ab.
»Eine Botschaft von Mr. Troke, Sir.«
»Troke? Was gibt es denn?«
»Dawes, Sir, ist heftig gewesen und hat Troke angegriffen. Mr. Troke sagt, Sie hätten befohlen, man solle Ihnen sogleich melden, wenn etwas mit den Gefangenen vorfiele.«
»Ganz recht, Wo ist er?«
»In der Zelle Herr. Sie mußten tüchtig kämpfen, ehe sie ihn hineinbringen konnten, sagt man.«
»So. Dann sage meine Empfehlung an Mr. Troke, ich werde morgen früh, genau um neun Uhr, das Vergnügen haben, Mr. Dawes zu bändigen.«
»Maurice,« sagte Sylvia, welche der Unterhaltung in unverstellter Angst zugehört hatte. »Erweise mir eine Gunst. Quäle diesen Mann nicht.«
»Warum hast Du solche Vorliebe für ihn?« fragte ihr Gatte mit großer Heftigkeit.
»Weil er Einer von denen ist, dessen Name seit meiner Kindheit gleichbedeutend gewesen ist mit Leiden und Qualen, weil, – was er auch immer für Unrecht gethan haben mag, – seine lebenslange Strafe schon genug Buße dafür ist.«
Sie sprach mit so eifrigem Mitleiden in ihren Zügen, daß sie völlig verklärt aussah. North, sie mit seinen Blicken fast verschlingend, sah eine Thräne in ihren Augen.
»Sieht das aus, als ob er Buße thäte?« fragte Frere roh und schlug auf den Brief, den er in der Hand hielt.
»Ja, ich weiß wohl, er ist ein schlechter Mann, – aber —« sie strich mit der Hand über die Stirn und hatte dabei wieder den früheren wirren Ausdruck – »er kann nicht immer schlecht gewesen sein. Ich habe mal etwas Gutes von ihm gehört.«
»Unsinn,« schrie Frere wieder, entschlossen aufstehend. »Deine Phantasien führen Dich irre. Laß mich das nicht wieder hören. Der Mann ist rebellisch und muß wieder zu seiner Pflicht zurückgebracht werden. Kommen Sir, North, wir wollen einen Schluck zusammen trinken, ehe Sie fortgehen?«
»Mr. North, wollen Sie nicht für mich sprechen?« ruft die arme Sylvia, ihre Fassung gänzlich verlierend. »Sie haben doch ein Herz, um diese Unglücklichen zu bemitleiden.«
Aber North, der seine Seele von irgend einer Wanderung zurückgerufen hatte, tritt zurück und spricht mit trocknen Lippen: »Ich kann mich nicht in die Angelegenheiten Ihres Herrn Gemahls mischen.«
Damit verläßt er schnell das Zimmer.
»Du hast den alten North ganz krank gemacht,« sagte Frere, als er nach einiger Zeit zurückkam. Frere hoffte, durch ganz einfaches Unbeachtet lassen dessen, was vorgefallen, jedem etwaigen Vorwurfe vorzubeugen. »Er trank eine halbe Flasche Branntwein, um seine Nerven zu stärken, ehe er nach Hause ging und schwankte aus dem Hause wie ein Besessener.«
Aber Sylvia, welche mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt zu sein schien, antwortete nicht.
Siebentes Capitel.
Ein Mann gebändigt
Die Insubordination, deren sich Rufus Dawes dies Mal schuldig gemacht hatte, war im Ganzen sehr unbedeutend. Es war die Gewohnheit der von Frere neu geschaffenen Constabler, des Nachts in die Säle zu kommen, mit Säbeln bewaffnet, umherzustampfen und einen großen Lärm zu machen. An den Bericht von Pounce anknüpfend, mußten sie die Leute aus ihren Hängematten reißen, ihre Person nach verstecktem Tabak untersuchen, ja ihren Mund öffnen, ob Tabak darin sei. Die Männer, zu deren Abtheilung Dawes gehörte und gegen die Troke eine besondere Abneigung hatte, wurden öfter als die Andern untersucht, mehr als ein Mal in der Nacht, ehe sie an die Arbeit gingen, bei den Mahlzeiten, wenn sie zur Andacht gingen, wenn sie heraus kamen und stets auf die roheste Art. Ihr Schlaf wurde unterbrochen und was sie noch an Selbstachtung besaßen, wurde ihnen der Art ausgetrieben, daß sie jeden Augenblick bereit waren, ihre Quäler zu tödten.
Der große Zweck Troke’s war, Dawes zu fassen, aber der Anführer des Ringes war zu schlau. Vergebens war Troke, um seinen Ruf der Klugheit aufrecht zu erhalten, zu jedem Augenblick und jeder Tageszeit über ihn hergefallen. Er hatte nichts gefunden. Vergebens hatte er ihm Fallen gelegt. Vergebens hatte er Stückchen Tabak, an seine Fäden gebunden, ihm in den Weg gelegt und hinter einem Busch in der Nähe darauf gewartet, ob ein Riß in der Leine ihm anzeigen würde, daß der Fisch angebissen habe. Der erfahrene »Alte« war zu scharf für ihn. Troke aber von Ehrgeiz erfüllt, beschloß, einen besonders schlauen Streich zu spielen. Er war gewiß, das Dawes Tabak besaß. Die Sache war nur, denselben ausfindig zu machen.
Rufus Dawes hielt sich, wie seine Gewohnheit war, von der Majorität zurück und hatte nur einen Freund, – wenn man eine so elende, verkommene, alte Ruine, wie der blinde Mooney war, einen Freund nennen kann. Vielleicht hatte diese sonderbare Freundschaft zwei Gründe: ein Grund war, daß der Blinde mehr als irgend ein Mann auf der ganzen Insel von den Gräueln des Sträflingslebens wußte, ja mehr als der Führer des Ringes selbst, und der andre Grund, daß für einen Mann wie Dawes, der so launenhaft, düster, argwöhnisch gegen alle Menschen war, ein blinder Gefährte besser paßte, als ein scharfsichtiger.
Mooney war einer der ältesten Sträflinge. Er war vor siebenundfünfzig Jahren in Sydney angekommen, im Jahre 1789 und war, als er deportiert wurde, vierzehn Jahre alt. Er hatte den ganzen Kreis der Knechtschaft durchgemacht, hatte als Diener gearbeitet, hatte geheirathet, war auf dem Lande gewesen, war wieder verurtheilt und war eine Art von trauriger Patriarch auf der Norfolk Insel, wo er auch schon früher gewesen. Er hatte keine Freunde. Seine Frau war schon lange todt und er sagte, ohne daß dem widersprochen wurde, sein Herr habe ein Auge auf sie geworfen und ihn deshalb in’s Gefängnis bringen lassen. Solche Fälle waren nicht ungewöhnlich.
Rufus Dawes hatte unter Andern auch auf folgende Art die Freundschaft des Blinden sich erworben. Er hatte ihm solche Stückchen Tabak zugesteckt, die er selbst erhalten. Das wußte Troke und an dem bezeichneten Abend hatte er einen ausgezeichneten Plan ausfindig gemacht. Er stahl sich leise in den Schuppen, wo die Bande schlief und bis nahe an den schlafenden Dawes herankriechend, machte er die flüsternde Stimme Mooney’s nach und bat um etwas Tabak.
Rufus Dawes war noch halb im Schlaf und als Troke seine Bitte wiederholte, fühlte er, wie Dawes ihm etwas in die Hand steckte. Er ergriff den Arm von Dawes und machte Licht an. Jetzt hatte er einen Mann gefaßt. Dawes hatte seinem vermeintlichen Freunde ein Stück Tabak übergeben, so groß wie das obere Glied seines kleinen Fingers. Man kann die Gefühle eines Mannes begreifen, der auf solche niedrige Weise betrogen wird. Rufus Dawes sah nicht sobald das verhaßte Gesicht von Troke über den Rand seiner Hängematte blicken, als er heraussprang und, seine Muskeln auf’s Aeußerste anspannend, Mr. Troke sogleich zu Boden schlug, so daß er noch grade von den Armen der herbeieilenden Constabler aufgefangen werden konnte. Ein verzweifelter Kampf fand statt und das Ende davon war, daß der Deportierte von der Ueberzahl bewältigt, besinnungslos in eine Zelle geschleppt und an einen Ring auf den flachen Steinen liegend, festgemacht wurde. Während er da lag, wurde er von fünf oder sechs Constablern geschlagen.
Zu diesem verstümmelten, gefesselten Rebellen trat der Kommandant, von Troke am nächsten Morgen hereingeführt.
»Ha, ha, mein Freund,« sagte er, »hier bist Du wieder! Wie liebst Du das?«
Dawes gab keine Antwort, doch funkelten seine Augen«
»Du sollst fünfzig Hiebe haben, mein Mann,« sagte Frere. »Wir wollen sehen, wie Dir dann zu Muthe ist!«
Die fünfzig Hiebe wurden richtig angebracht und der Kommandant kam den nächsten Tag wieder. Der Rebell war ganz still.
»Gebt ihm noch fünfzig, Mr. Troke. Wir wollen doch sehen woraus er gemacht ist.«
Hundert und zwanzig Hiebe wurden ihm im Laufe des Morgens aufgezählt, aber der düstere Gefangene sagte nichts. Dann wurde er zu vierzehn Tagen Einzelhaft in einer der Zellen des neuen Gefängnisses verurtheilt. Als er herausgebracht wurde und seinen Quälern gegenüber stand, lachte er nur. Deßhalb steckten sie ihn wieder auf vierzehn Tage ein und als er noch hartnäckig schwieg, wurde er wieder gepeitscht und bekam vierzehn Tage mehr. Hätte der Kaplan ihn damals besucht, so würde er ihn für Trost empfänglich gefunden haben, aber der Kaplan – hieß es – sei krank. Als er nach der dritten Einsperrung herauskam, fand ihn der Doktor in einem Zustande solcher Erschöpfung, daß er ihn in’s Hospital schickte. Sobald er genügend hergestellt war, besuchte ihn Frere und da er ihn noch nicht genug, gedemüthigt fand, so wurde er angestellt, um Mais zu mahlen. Dawes weigerte sich zu arbeiten. Sie ketteten eine seiner Hände an den Mahlstein und stellten einen andern Gefangenen an seinen andern Arm. Sobald der zweite Gefangene drehte, mußte natürlich der Arm von Dawes sich auch wenden.
»Du bist doch nicht solch’ Kiesel, wie die Leute denken,« grinste Frere und zeigte auf das sich drehende Rad. Darauf spannte der unbezwingliche arme Teufel eine schwer geprüften Muskeln an und verhinderte das Rad sich überhaupt zu drehen. Frere gab ihn noch fünfzig Hiebe und schickte ihn den nächsten Tag hin, Cayenne-Pfeffer zu stoßen. Dies war eine Strafe, welche mehr von den Gefangenen gefürchtet war, als irgend eine andere. Der beißende Staub füllte ihre Augen und Lungen und verursachte ihnen die entsetzlichsten Qualen. Für einen Mann mit rohem Rücken war diese Arbeit eine unausgesetzte Qual.
Nach vier Tagen brach Rufus Dawes zusammen. Er war erschöpft, voll Blassen, halb blind.
»Um’s Himmelswillen, Kapitain Frere, tödten sie mich lieber gleich,« sagte er.
»Keine Sorge,« sagte der Andre und freute sich über diesen Beweis seiner Macht. »Du hast nachgegeben, weiter wollte ich nichts. Troke bringen sie ihn in’s Hospital.«
Als er im Hospital war, besuchte ihn North.
»Ich würde eher gekommen sein,« sagte der Geistliche, »aber ich war sehr krank.«
Er sah auch so aus, Er hatte Fieber gehabt und sie hatten seinen Bart und sein Haar geschoren. Dawes sah, daß der eingefallene, alt gewordene Mann vielleicht größere Qualen gelitten, als er. Den nächsten Tag besuchte Frere ihn, bewunderte seinen Muth und bot ihm an, Constabler zu werden. Dawes wandte seinen wunden Rücken dem Quäler zu und weigerte sich, zu antworten.
»Ich fürchte, Sie haben sich an dem Kommandanten einen Feind gemacht,« sagte North am nächsten Tage. »Warum nicht sein Anerbieten annehmen?« Dawes warf ihm einen verächtlichen Blick zu: »Und soll ich meine Kameraden betrügen und verrathen – Nein, das thue ich nicht.«
Der Geistliche sprach zu ihm von Hoffnung. Reue, Erlösung. Der Gefangene lachte.
»Wer soll mich erlösen?« sagte er und drückte seine Gedanken so aus, daß gewöhnliche Leute nur Gotteslästerung darin gesehen hätten. »Es müßte ein Christus nach ein Mal sterben, um so Einen, wie ich bin, zu erlösen.«
North sprach zu ihm von der Unsterblichkeit. »Es gibt ein anderes Leben,« sagte er. »Geben Sie Ihre Ansprüche darin nicht auf. Sie haben noch ein künftiges Leben durchzumachen.«
»Ich hoffe, nein! sagte das Opfer des Systems. »Ich möchte ruhen, ruhen und niemals wieder gestört werden.«
Sein Geist war endlich gebrochen. Und doch hatte er noch Kraft genug, Frere’s wiederholte Anerbietungen zurückzuweisen. Ich will niemals da hinein,« sagte er zu North, »du lasse ich mich lieber halb zerschneiden!«
North flehte den eigenwilligen Geist an, doch Mitleid mit dem gemarterten Körper zu haben, aber ohne allen Erfolg. Sein eigenes sonderbares Herz gab ihm den Schlüssel zu dieses armes Leben.
»Eine edle Natur ruiniert,« sagte er zu sich selbst. »Was mag das Geheimniß seiner Geschichte sein?«
Dawes, seinerseits, welcher sah, wie verschieden dieser Geistliche von den andern Schwarzröcken war, fing an, sich über dessen eingesunkene Wangen, heiße Augen und zerstreute Art zu wundern und dachte viel darüber nach, welcher Kummer diese qualvollen Gebete, diese beredten und kühnen Anrufungen eingehen möchte, die täglich an seinem rauhen Lager ausgesprochen wurden. So war ein sympathisches Band angeknüpft zwischen diese Beiden, dem Geistlichen und dem Sünder. Eines Tages wurde dieses Band so eng zwischen ihnen gezogen, daß es Beider Herzen tief traf. Der Kaplan hatte eine Blume in seinem Knopfloch. Dawes blickte mit gierigen Augen darauf und als der Geistliche das Zimmer verlassen wollte, sagte er: »Mr. North, wollen Sie mir die Rosenknospe geben?«
North stand unentschlossen still und endlich, wie nach einem langen Kampfe mit sich selbst, nahm er sie sorgfältig aus seinem Knopfloch und legte sie in des Gefangenen braune, narbige Hand. Im nächsten Augenblick, da Dawes sich allein glaubte, preßte er die Blume an seine Lippen. North hatte sich plötzlich umgedreht und die Blicke der Beiden trafen sich. Dawes erröthete heftig, aber North wurde leichenblaß. Keiner sprach, aber jeder schien sich zu dem Andern näher hingezogen, seit jeder von ihnen die Rosenknospe geküßt, die Sylvia gepflückt hatte.
