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Kitabı oku: «Deportiert auf Lebenszeit», sayfa 39

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Zwölftes Capitel.
Das sonderbare Benehmen von Nr. North

Um oder um den 8ten Dezember etwa bemerkte Mrs. Frere eine merkwürdige Veränderung im Benehmen des Kaplans. Er kam eines Nachmittags zu ihr und nachdem er einige Zeit mit ihr gesprochen hatte, – in ganz unbestimmter, unzusammenhängender Art, – über das Elend in den Gefängnissen und die fürchterliche Lage der Gefangenen, fragte er sie plötzlich nach Rufus Dawes.

»Ich mag nicht an ihn denken,« sagte sie schaudernd. »Ich habe die merkwürdigsten schrecklichsten Träume über ihn. Er ist ein schlechter Mann. Er versuchte mich zu ermorden, als ich ein Kind war und wäre mein Mann nicht gewesen, so hätte er es auch gethan. Ich habe ihn nur ein Mal seit der Zeit gesehen, in Hobart Town, als er gefangen wurde.«

»Er spricht zuweilen von Ihnen,« sagte North, sie anblickend. »Er bat mich ein Mal um eine Rose, die in Ihrem Garten gepflückt war.«

Sylvia wurde blaß. »Und Sie gaben sie ihm?«

»Ja, ich gab sie ihm. Warum nicht?«

»Sie war werthlos, aber dennoch, – einem Gefangenen!«

»Sie sind nicht böse?«

»O nein! Warum sollte ich böse sein?« Sie lachte gezwungen. »Es war eine merkwürdige Idee von dem Mann, sie haben zu wollen, das ist Alles!«

»Würden Sie mir wohl wieder eine Rose geben, wenn ich Sie darum bäte?«

»Warum nicht?« sagte sie, sich unruhig abwendend. »Sie? Sie sind ein Gentleman!«

»Ich nicht, Sie kennen mich nicht.«

»Was meinen Sie?«

»Ich meine, es wäre besser für Sie, wenn Sie mich nie gesehen hätten.«

»Mr. North!« Entsetzt über den wilden Ausdruck in seinen Augen, sprang sie auf. »Sie sprechen sonderbar.«

»O, beunruhigen Sie sich nicht, Madam, ich bin nicht betrunken!« – Er sprach dies mit einer wilden Energie. »Es ist besser, ich gehe. Ich glaube, je weniger wir von einander sehen, desto besser ist es.«

Tief verwundet und erstaunt über diesen merkwürdigen Ausbruch, ließ Sylvia ihn gehen, ohne daß sie ihn mit einem Wort aufhielt. Sie sah ihn durch den Garten gehen und das kleine Thor hinter sich zuwerfen, aber sie sah nicht die Todesangst auf seinem Gesichte oder die leidenschaftliche Geberde, mit welcher er, – als er außer Sicht war, – diese freiwillige Erniedrigung seiner selbst beklagte. Sie dachte mit wachsender Furcht an sein Betragen. Es war doch nicht möglich, daß er betrunken war; solch ein Laster war das Letzte, dessen sie ihn schuldig geglaubt hätte. Es war viel wahrscheinlicher, daß dies noch Nachwehen des Fiebers waren, an dem er kürzlich krank gelegen. So dachte sie und indem sie das dachte, fiel es ihr ein, von wie großer Wichtigkeit das Wohlsein dieses Mannes ihr war.

Am nächsten Tage begegnete er ihr, und sich verbeugend, ging er schnell vorüber. Das schmerzte sie. Sollte sie ihn durch irgend ein unglückliches Wort verletzt haben? Sie bat Maurice, ihn zum Mittagessen einzuladen, aber zu ihrem Erstaunen schützte er Unwohlsein vor, als eine Entschuldigung seines Nichtkommens. Ihr Stolz war gekränkt und sie schickte ihm seine Bücher und Noten zurück. Eine Neugierde, die ihrer unwürdig war, ließ sie den Diener, der das Packet hin getragen hatte, fragen, was der Geistliche gesagt hätte.

»Nichts – er lachte nur.«

Lachte! Um ihre Thorheit zu verspotten! Sein Betragen war unfein und unpassend. Sie wollte vergessen, so schnell wie möglich, daß es je solch ein Wesen gegeben habe. Als sie diesen Entschluß gefaßt, war sie ungewöhnlich geduldig mit ihrem Gatten.

So verging eine Woche und Mr. North kehrte nicht zurück. Unglücklicher Weise für den armen Kerl brachte das Selbstopfer, welches er gemacht hatte, grade die Lage der Dinge hervor die er gern vermeiden wollte. Es ist möglich daß, wenn die Bekanntschaft auf demselben Fuße fortgesetzt worden wäre, sie das Schicksal der meisten Bekanntschaften ähnlicher Art gehabt hätte: —andere Ereignisse, Umstände und Scenen hätten die Erinnerung an Alles, außer der gewöhnlichsten Höflichkeit zwischen ihnen, verwischt und Sylvia hätte vielleicht nie entdeckt, daß sie für den Geistlichen andere Gefühle hegte, als die der Achtung.

Aber die Thatsache selbst, daß ihr Seelengefährte so plötzlich ihr entrissen, zeigte ihr, wie öde ihr einsames Leben, zu dem sie verdammt worden war. Ihr Gatte, – das hatte sie sich lange gesagt und zwar mit bitteren Selbstanklagen, war völlig unpassend für sie. Sie konnte in seiner Gesellschaft keine Freude finden und sie war genöthigt, sich um geistiger Sympathie willen anders wohin zu wenden. Sie begriff, daß seine Liebe zu ihr erloschen war, – sie bekannte sich mit dem schärfsten Bewußtsein der Selbsterniedrigung, daß seine anscheinende Neigung zu ihr aus Sinnlichkeit entsprungen und in dem Feuer umgekommen war, in welchem es sich entzündet hatte. Viele Frauen haben unglücklicherweise diese Entdeckung gemacht, aber für die meisten Frauen gibt es dann etwas, das sie abzieht.

Wäre es Sylvia’s Schicksal gewesen, mitten in der Gesellschaft und in der Modewelt zu leben, würde sie Erheiterung und Anregung in der Unterhaltung der Geistreichen oder in der Huldigung hervorragender Männer gefunden haben. Hätte das Schicksal sie in eine große Stadt geführt, so würde Mrs. Frere um ihren Abendtisch Alles versammelt haben was es unter dem männlichen Geschlecht an Geist und Verstand gab und sie hätte, wie viele reizende Frauen, ihren Mann sehr nützlich mit Oeffnen seiner Champagnerflaschen beschäftigt.

Die berühmten Frauen, welche ans ihrem häuslichen Kreise herausgetreten sind, um zu bezaubern, die Welt in Erstaunen zu setzen, haben fast immer eine unglückliche Häuslichkeit gehabt. Aber die arme Sylvia war nicht für dies Geschick bestimmt. Aug sich selbst angewiesen, fand sie kein Ende ihrer Leiden in ihrer Einbildungskraft und als sie nun einen Mann traf, der hinreichend älter war, als sie, um sie um Sprechen zu ermuthigen und hinreichend klug, um ihr seine Gesellschaft und seinen Rath anziehend zu machen, lernte sie zum ersten Mal ihren eignen Kummer vergessen und zum ersten Mal blühte ihre Natur unter diesem belebenden Einflusse auf. Als nun diese Sonne ihr plötzlich verhüllt wurde, erzitterte ihre Seele, an Licht und Wärme gewöhnt, in der kalten Finsterniß und sie ah sie sich hilflos um in der Oede und Verlassenheit, die ihr Leben nun aufwies.

Mit einem Wort, sie fand, daß die Gesellschaft von North so weit notwendig für sie geworden, daß es ein Kummer für sie war, dieselbe plötzlich zu verlieren, obgleich ihr doch der Gatte blieb, um sie zu trösten.

Nach einer Woche des Nachdenkens wurde die Oede ihres Lebens ihr völlig unerträglich und sie ging eines Tages zu Maurice und bat ihn, nach Hobart Town zurück zu schicken.

»Ich kann nickt auf dieser schrecklichen Insel leben,« sagte sie; »ich werde krank. Laß mich auf einige Monate zu meinem Vater gehen, Maurice.«

Zuerst hatte Maurice allerlei Einwendungen zu machen, aber endlich willigte er ein. Seine Frau sah krank aus und Major Vickers war ein reicher, alter Mann, der seine Tochter sehr liebte. Es war sogar wünschenswerth, daß Mrs. Frere ihren Vater besuchte und so wenig Sympathie bestand zwischen dem Ehepaar, daß, als das erste Erstaunen über ihren Entschluß vorüber war, Maurice sich ganz zufrieden fühlte, sie mal auf einige Zeit los zu werden.

»Du kannst in der Lady Franklin zurückgehen, wenn Du magst, Liebe,« sagte er. »Ich erwarte sie jeden Tag.«

Bei dieser Entscheidung küßte sie ihn zu seinem Erstaunen mit mehr Herzlichkeit, als sie seit dem Tode ihres Kindes gezeigt hatte.

Die Nachricht ihrer bevorstehenden Abreise verbreitete sich, aber North kam nicht. Wäre es nicht ein Schritt gewesen unter der Würde einer Frau, so würde Mrs. Frere selbst gegangen sein und hätte ihn gefragt, was seine unbegreifliche Unfreundlichkeit bedeute. Doch hielt eine gewisse Bitterkeit in ihrer Sympathie für ihn sie von einer Handlung zurück, die ein junges Mädchen, nicht weniger unschuldig als sie, ohne Zögern gewagt hätte. Eines Tages besuchte sie die Frau des Arztes und traf dort den Kaplan von Angesicht zu Angesicht und mit der vollendeten Schauspielerkunst, die den meisten Frauen angeboren ist, setzte sie ihn wegen seines Ausbleibens aus ihrem Hause zur Rede. Das Betragen des armen Teufels, der so in’s Herz getroffen wurde, war sehr merkwürdig. Er vergaß höfliches Betragen und die Achtung, die er einer Frau schuldig ist, warf ihr einen verzweiflungsvollen Blick zu und zog sich schnell zurück.

Sylvia wurde dunkelroth und versuchte North mit seiner letzten Krankheit zu entschuldigen. Die Frau des Arztes sah sie fragend an und wandte die Unterhaltung. Das nächste Mal, als Sylvia dieser Dame begegnete und sie grüßte, erhielt sie einen eisigen Gruß wieder, der ihr Blut in Wallung brachte.

»Wie im ich nur Mrs. Field beleidigt haben?« fragte sie Maurice. »Sie grüßte mich heute ganz unfreundlich.« »O, die alte Katze,« sagte Maurice, – »was thut das?«

Indessen schien es doch, als ob es ihm am Herzen läge und Frere sprach ernsthaft mit Field darüber. Der Ausfall der Unterhaltung wurde Mrs. Frere mitgetheilt und sie weinte heiße Thränen des verwundeten Stolzes und der Scham. Es schien, daß North, nachdem Mrs. Frere hinausgegangen, in’s Haus zurückgekehrt war und in stotternder, ängstlicher Weise zu Mrs. Field gesagt hätte, er könne Mrs. Frere nicht leiden, er wolle sie nicht besuchen und ihr Betragen als verheirathete Frau sei leichtsinnig und tadelnswert.

Diese Handlung der Niedrigkeit oder des höchsten Edelmuthes schien seinem Zwecke vollkommen zu entsprechen. Sylvia vermied den unglücklichen Geistlichen als ob er die Pest habe.

Jetzt entstand zwischen dem Kommandanten und dem Geistlichen eine große Kühle.

Frere verfolgte North mit einer Reihe von kleinen Tyranneien und veranlaßte denselben, um seine Entlassung einzukommen. Die Aufseher in den Gefängnissen bemerkten sehr bald die Veränderung in den Beziehungen zwischen Frere und dem Geistlichen und ihr Betragen änderte sich gänzlich. Statt mit Achtung, begegnete man ihm mit Unverschämtheit, statt entgegenkommend – unfreundlich, statt schnellen Gehorsams sah er freche Aufdringlichkeit. Die Gefangenen, welche er besonders begünstigte, wurden besonders hart behandelt und sprach er mit Einem, so verfolgte man diesen gewiß auf’s Empörendste. Das Resultat war, daß die Seelen, an denen North gearbeitet hatte, wieder hinabsanken in den Abgrund, aus dem er sie kaum errettet. Die Männer, die anfingen, ihn zu lieben, wandten sich jetzt von ihm ab. Nahm er Interesse an einem Gefangenen, so schädigte er ihn dadurch mehr, als er ihm nützte. Der unglückliche Mann wurde dünner und bleicher bei dieser schrecklichen Qual. Er hatte sich der Liebe beraubt, die wenn auch schuldig, die einzige wahre Liebe war, welche er je gekannt und nun er diesen Sieg gewonnen, hatte er dafür den Haß aller lebenden Geschöpfe eingetaucht, welche mit ihm in Berührung kamen. Die Autorität es Kommandanten war so groß, daß die Leute vom Hauch seines Mundes abhingen.

Ihn beleidigen war der Tod und der Mann, den der Kommandant haste, mußte gehaßt werden, auch von Allen denen, die in Frieden leben wollten. Nur ein Wesen ließ sich nicht von ihm abwenden, – der Deportierte Rufus Dawes, – der Mörder, der den Tod erwartete. Viele Tage war er stumm und störrisch geblieben, wie erdrückt von dem Gewicht seiner Sorge und Pein, aber North, der jeder andern Liebe und Sympathie beraubt war, kämpfte mit dieser leidenden Seele, ob er sie nicht dem Frieden zurückgewinnen könne. Es dünkte dem Prediger, dessen Geist aus seinen Fugen zu sein schien, sei es durch seine Unmäßigkeit veranlaßt, sei es durch die Qualen, die er erlitten, daß dieser Sträfling, über den er weinte, ihm als Geißel gegeben sei für seine eigene Rettung.

»Ich muß ihn retten, oder umkommen,« sagte er. »Ich muß ihn retten und wenn ich mein eigenes Blut für ihn s geben sollte.«

Frere, unfähig den Grund zu verstehen, warum der verurtheilte Schurke seinen Hohn und seine Quälereien mit solcher Ruhe hinnahm, dachte, er heuchle Frömmigkeit, um dadurch vielleicht besseres Essen und Trinken zu erlangen und verdoppelte seine Strenge gegen ihn. Er befahl, daß man Dawes zu der Stunde zur Arbeit schicke, zu der der Kaplan ihn zu besuchen pflegte. Er gab vor, der Mann sei gefährlich und ordnete an, daß ein Gefangenenwärter bei allen Unterredungen gegenwärtig sei, damit der Kaplan nicht gemordet werde. Er ließ einen Befehl ergehen, daß alle Civilbeamten den Aufforderungen eines Sträflings nachkommen mußten, der als Wärter angestellt war und North, welcher kam, um mit den Reuigen zu beten, wurde zehn Mal von grinsenden Aufsehern angehalten, welche ihn anriefen: »Wer da?« und dann auf seine Antwort in lautes Lachen ausbrachen. Unter dem Vorwande, sorgfältiger über das Eigenthum des Geistlichen zu wachen, verordnete er, daß jeder Sträfling, der als Constabler diente, zu jeder Zeit »Jeden und Alles« untersuchen könne, nach Eigenthum, das sich etwa im Besitz von Gefangenen befände. Des Kaplans Diener war natürlich ein Sträfling und die Schränke und Schubfächer von North wurden zwei Mal in einer Woche von Troke untersucht. North ertrug alle diese Unverschämtheiten mit großer Ruhe und der bestürzte Frere wußte nicht, wie er sich diese Hartnäckigkeit auslegen sollte, bis die Ankunft der Lady Franklin des Kaplans anscheinende Kälte erklärte. Er hatte vor zwei Monaten seine Entlassung eingereicht und der heilige Meekin war an seiner Stelle ernannt. Frere, unfähig den Geistlichen anzugreifen und empört über die Art, in der er geschlagen war, rächte sich nun an Rufus Dawes.

Dreizehntes Capitel.
Mr. North spricht

Die Methode und Art seiner Rache wurde ein Gegenstand der heimlichen Mittheilung auf der Insel. Man erzählte sich, daß North der Besuch des Sträflings verboten sei, daß aber North dies Verbot nicht angenommen habe, indem er zugleich schwere Drohungen gegen den Kommandanten ausgestoßen, den er in Hobart Town verklagen wolle. So hatte er Kommandant den Befehl zurückgenommen. Indessen entdeckte der Kommandant bald in Rufus Dawes Zeichen von Insubordination und machte sich daran, den Geist des Mannes, den er schon auf so raffinierte Weise gequält, gänzlich zu vernichten. Dem unglücklichen Gefangenen wurde die Nahrung entzogen, er mußte des Nachts wachen, mußte die härteste Arbeit thun und die schwersten Ketten tragen. Troke, mit teuflischer Bosheit, gab dem Gefangenen zu verstehen, daß, wenn er sich weigern wolle, den Geistlichen zu sehen, eine Erleichterung in seiner Lage eintreten werde, doch waren seine Einflüsterungen vergeblich. Im vollen Glauben, daß sein Tod gewiß sei, hing Dawes an North wie an dem Erlöser seiner gequälten Seele und wies jeden niederträchtigen Antrag zurück. Wüthend gemacht durch diese Hartnäckigkeit, verurtheilte Frere sein Opfer zu dem »Adler« und zum »Ausdehner.«

Nun erreichte auch das Gerücht von dem unzähmbaren Sträfling, der ihr durch den Geistlichen bei ihrer sonderbaren Unterredung in’s Gedächtniß gerufen war, Sylvia’s Ohren. Sie hatte finstere Andeutungen gehört von den Strafen, die dem Unglücklichen auf Befehl ihres Mannes zu Theil geworden und da sie fortwährend an die letzte Unterhaltung mit dein Kaplan dachte und sich über den sonderbaren Wunsch des Gefangenen nach einer Blume wunderte, fing ihr Kopf an, von jenen unbestimmten, schrecklichen Erinnerungen zu schwirren, welche ihre ganze Kindheit ausgefüllt hatten. Was für ein Band bestand zwischen ihr und dem mörderischen Schurken? Wie kam es, daß sie zuweilen eine so merkwürdige Sympathie für sein Schicksal fühlte und daß er, welcher ihr Leben angegriffen, eine so zärtliche Erinnerung an sie bewahrte, daß er um eine Blume bat, die ihre Hand berührt.

Sie befragte ihren Gatten um die schlechten Thaten von Rufus Dawes, aber mit der Rohheit, mit welcher er stets den Gegenstand behandelte, sobald Dawes Name dabei in’s Spiel kam, weigerte er sich, ihr irgend welche Auskunft zu geben. Dies spannte ihre Neugier noch höher. Sie dachte darüber nach, wie bitter stets ihr Mann sich gegen diesen Mann gezeigt, – sie dachte daran, wie im Garten zu Port Arthur dieser verfolgte Unglückliche ihr Kleid gefaßt und Worte des sichern Vertrauens zu ihr gesprochen, – sie erinnerte sich des Stückchens Zeug, das er so leidenschaftlich von sich geworfen und das ihr Verlobter damals mit Verachtung in den Bach gestoßen.

Der Name »Dawes«, so verabscheuungswürdig er ihr auch erschien, trug doch irgend eine Beziehung von Trost oder Hoffnung in sich.

Was für ein Geheimniß schlummerte denn hinter der Dämmerung, welche ihre Kindheit einhüllte? Des Rathes von North beraubt, dem sie noch vor wenigen Wochen alle ihre Zweifel mitgetheilt haben würde, entschloß sie sich zu einem Schritt, der ihr eigentlich entsetzlich zuwider war. Sie wollte selbst das Gefängnis besuchen und urtheilen, in wie weit das Gerücht über ihres Mannes Grausamkeiten wahr sagte.

An einem heißen Nachmittage, als der Kommandant auf einer Inspektionsreise abwesend war, sah Troke, der an der Thür des neuen Gefängnisses lehnte, zu seinem Erstaunen die Gestalt der Frau des Kommandanten sich nähern.

»Was gibts, Madam?« fragte er und wollte seinen Augen nicht trauen.

»Ich will den Gefangenen Dawes sehen.« Troke machte ein langes Gesicht.

»Dawes sehen?« fragte er.

»Ja. Wo ist er?«

Troke wollte eine Lüge sagen. Aber die befehlende Stimme, der klare, feste Blick verwirrten ihn.

»Er ist hier.«

»So lassen Sie mich ihn sehen.«

»Er, – er wird grade bestraft.«

»Was meinen Sie? Peitscht man ihn schon wieder?«

»Nein, aber er ist ein gefährlicher Mensch. Der Kommandant —«

»Wollen Sie die Thür öffnen oder nicht, Mr. Troke?«

Troke wurde immer verwirrten Es war augenscheinlich, daß er durchaus nicht willig war, die Thür zu öffnen.

»Der Kommandant gar strengen Befehl gegeben —«

»Wünschen Sie, da ich mich bei dem Kommandanten beklage?« ruft Sylvia mit einer Spur ihres alten Muthes und in der Idee, daß die Aufseher den Gefangenen vielleicht zu ihrer eignen Unterhaltung quälen. »Oeffnen Sie sogleich die Thür! Sogleich!«

Auf diesen Befehl hin öffnete Troke unter vielen Worten: – daß es nicht seine Sache sei und daß sie dem Kommandanten sagen möge, wie es gekommen – die Thür einer Zelle zur rechten Hand des Thorweges. Zuerst war es so finster, daß Sylvia nichts unterscheiden konnte, als die Umrisse eines Gitterwerkes, auf dem etwas lag, das wie ein menschlicher Körper aussah. Ihr erster Gedanke war, daß der Mann todt sei, – aber nein – er stöhnte. Ihre Augen, sich an die Finsterniß gewöhnend, unterschieden jetzt, worin diese Strafe bestand. Auf dem Boden stand ein eiserner Rahmen, ungefähr sechs Fuß lang und einen halben Fuß breit, mit runden, eisernen Stäben, die kreuzweise in einer Entfernung von zwölf Zoll darüber gelegt waren. Der Mann, den sie suchte, war in horizontaler Lage darauf fest gebunden um sein Hals hing darüber fort.

Wenn er seinen Kopf herunterhängen ließ, so stürzte das Blut ihm in’s Gehirn und erstickte ihn, während die Anstrengung ihn in die Höhe zu halten, jede Muskel bis zur Todesqual anspannte.

Sein Gesicht war purpurroth und vor seinem Munde stand Schaum.

Sylvia stieß einen Schrei aus.

»Dies ist keine Strafe, dies ist Mord! Wer hat das befohlen?«

»Der Kommandant,« sagte Troke mürrisch.

»Ich glaube es nicht, bindet ihn los!«

»Ich wage es nicht, Madam,« sagte Troke.

»Bindet ihn los, sage ich, Hailey, – Sie, Herr und Sie!« – Der Lärm führte mehrere Aufseher herbei.

»Hören Sie mich Wissen Sie, wer ich bin? – Binden Sie ihn los, sage ich. In ihrem Eifer und Mitleiden kniete sie neben dem Gefangenen nieder und riß mit ihren zarten Fingern an den Stricken.

»Ihr Schändlichen, Ihr habt in sein Fleisch eingeschnitten! Er stirbt! Hilfe! Ihr habt ihn getödtet!«

Der Gefangene, als er seinen Engel der Gnade sich über ihn beugen sah und die Töne der Stimme hörte, die er seit sieben Jahren nur in seinen Träumen gehört, war ohnmächtig geworden. Troke und Hailey, durch ihre Heftigkeit erschreckt, zogen die Maschine hinaus an’s Licht und lösten die Riemen. Dawes rollte wie ein Stück Holz herunter und sein Kopf fiel gegen Mrs. Frere. Troke riß ihn roh zur Seite und rief nach Wasser. Sylvia, zittern von Sympathie und bleich von Leidenschaft, wandte sich zu den Umstehenden: Wie lange hat das gedauert?«

»Eine Stunde,« sagte Troke.

»Eine Lüge,« rief eine ernste Stimme an der Thür. »Er ist seit neun Stunden darauf festgebunden gewesen!«

»Ihr Bösen, ihr Elenden!« rief Sylvia. »Dafür sollt Ihr büßen. O, O, – ich sterbe!« – Sie griff nach der Wand. – »Ich – ich – —« North blickte sie verzweiflungsvoll an, bewegte sich aber nicht.

»Ich kann nicht mehr, – ich – «

Sie stieß einen herzzerreißenden Schrei aus, der nicht ohne einen Anflug von Zorn war.

»Mr. North, sehen Sie nicht? – O, führen Sie mich nach Hause, – fort!«

Sie würde über den gequälten Gefangenen gefallen sein, wenn North sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte.

Rufus Dawes, aus seiner Ohnmacht erwachend, sah, mitten in einem Sonnenstrahl, der durch ein Fenster im Korridor drang, die Frau, die gekommen war, seinen Körper zu retten, unterstützt von dem Prediger, der seine Seele rettete. Er hob sich mühsam auf seine Knie und streckte mit heiserem Schrei seine Hände aus. Vielleicht lag etwas in dieser Geberde, das in der Frau des Kommandanten eine leise Erinnerung wach rief an eine ähnliche Gestalt, welche ihre Hände gegen ein erschrecktes Kind ausstreckte, – früher, – vor langer, langer Zeit. Sie fuhr zusammen und ihr Haar zurückstreichend, richtete sie einen fragenden, entsetzten Blick auf das Gesicht des knienden Mannes, als ob sie dort eine Erklärung dieses schwachen Schattenbildes ihrer Erinnerung suchte. Vielleicht hätte sie gesprochen, aber North, der fürchtete, daß die Aufregung eine jener hysterischen Krisen herbeiführen würde, denen sie unterworfen war, zog sie sanft fort. Sie blickte immer noch zurück, bis sie aus dem Thor schritt.

Des Sträflings Arme fielen herab und ein unbegreifliches, Vorgefühl von Bösem bemächtigte sich seiner, als er sah, wie der Geistliche, bleich vor tiefer Bewegung, das schöne, junge Geschöpf fortzog aus dem Sonnenschein in den tiefen Schatten des Thorweges. – Für einen Augenblick verschlang sie der düstere Schatten und es schien Dawes, als ob der Mann Gottes in dem Augenblicke ein Mann des Bösen geworden, der die Schönheit und Unschuld des Wesens verdarb, das an seinem Arme hin. – Einen Augenblick, dann traten sie aus dem düsteren Thorweg hinaus unter den freien Himmel und die Sonne glühte golden in ihren Gesichtern.

»Sie sind krank,« sagte North. »Sie werden ohnmächtig werden. Warum sehen Sie so wild um sich?«

»Was ist es,« flüsterte sie, mehr als Antwort auf ihre eignen Gedanken als auf seine Frage, – »was ist es, das mich mit diesem Manne verbindet? Welche That, – welcher Schrecken – welche Erinnerung? Ich zittre und bebe bei allen diesen Gedanken, die da hinsterben, ehe ich sie fasse! – O, das Gefängnis!«

»Sehen Sie um sich; wir sind im Sonnenschein!«

Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, seufzte schwer, wie Einer, der aus wirren Schlummer erwacht, schauderte und zog ihren Arm aus dem Seinen. North legte diese Handlung ganz richtig aus und erröthete. »Verzeihen Sie, Sie können nicht allein gehen, Sie werden fallen. Ich werde Sie am Thor verlassen.«

Wirklich wäre sie gefallen, wenn er ihr nicht beigestanden hätte. Sie blickte ihn an, mit so vorwurfsvollem Kummer, daß er fast Alles bekennen wollte, aber er senkte den Kopf und schwieg. Sie erreichten das Haus und er führte sie voll Sorgfalt nach einem Stuhl.

»Jetzt sind Sie in Sicherheit, Madam. Nun will ich Sie verlassen.«

Sie brach in Thränen aus.

»Warum behandeln Sie mich so, Mr. North? Was habe ich gethan, daß Sie mich hassen?«

»Sie hassen!« rief North mit zitternden Lippen. »O nein, o nein, ich hasse Sie nicht. Ich bin rauh, in meiner Rede, abgerissen in meiner Art.– Sie müssen das vergessen und mich auch.«

Pferdetrappeln ließ sich draußen hören und einen Augenblick nachher stürmte Frere in das Zimmer. Von den Kaskaden zurückkehrend, war er Troke begegnet und hatte von ihm von der Loslösung des Gefangenen gehört.

Wüthend über diese Anmaßung seiner Frau, in seinem Selbstgefühl dadurch verwundet, das sie seine niedrige Rache an dem Manne gesehen, dem er so entsetzliches Unrecht gethan hatte und überdies durch Branntwein in seiner natürlichen Rohheit noch bestärkt, war er in vollem Galopp nach Hause gesprengt, um sogleich seine Autorität wiederherzustellen.

Blind vor Wuth sah er Niemand als seine Frau.

»Was zum Teufel höre ich? Du hast Dich in meine Geschäfte gemischt? Du läßt Gefangene losmachen! – Du – —«

»Kapitain Frere!« rief North und trat vor, um ihm die Gegenwart eines Fremden bemerklich zu machen. Frere fuhr zusammen, erstaunt über die Dreistigkeit des Kaplans. Hier war eine neue Beleidigung seiner Würde, ein neuer Schimpf gegen seine höchste Autorität. In seiner Leidenschaft machte er die gröbsten Schlüsse.

»Sie hier? Was wollen Sie hier bei meiner Frau? Ist das Ihr Zweck, wie?«

Seine Augen blickten zornig von dem Einem zum Andern und er ging auf North zu.

»Sie höllischen heuchlerischer, lügenhafter Schuft, wenn es nicht um Ihren geistlichen Rock wäre, so – — «

»Maurice,« rief Sylvia in Todesangst- Scham und Schrecken und versuchte, ihre Hand auf seinen Arm zu legen, um ihn zurückzuhalten.

Aber er wandte sich mit so scheußlichem Fluch zu ihr, daß North, bleich vor gerechter Wuth, im Begriff stand, den brutalen Kerl herunter zu schlagen. Einen Augenblick sahen die Beiden einander an und dann stieß Frere die Bittende unter Fluchen und Verwünschungen gegen Alle – Sträflinge, Aufseher, Frau und Priester heftig von sich und stürzte aus dem Zimmer.

Sie fiel gegen die Mauer und als der Kaplan sie aufhob, hörte er den Hufschlag des sich entfernenden Pferdes.

»O,« rief Sylvia und bedeckte ihr Gesicht mit zitternden Händen, – »ich will fort von hier!«

North nahm sie in seine Arme und suchte sie mit unzusammenhängenden Worten zu trösten. Ganz betäubt von dem Schlag, den sie erhalten, hing sie schluchzend an ihm. Zwei Mal versuchte er, sich loszureißen, aber hätte er sie gelassen, so wäre sie gefallen. Er konnte sie – verwundet, leidend, in Thränen, – nicht an seinem Herzen halten, ohne zu reden.

In einem Strom von Beredtsamkeit brach die Geschichte seiner Liebe von seinen Lippen.

»Warum bist Du so gequält,« rief er. »Der Himmel wollte nicht, daß Du diesem Tier zugehören solltest, – Du, deren Leben nur Sonnenschein sein sollte. – Verlaß ihn, verlaß ihn! Er hat Dich fortgewiesen! Wir haben beide gelitten. Wir wollen diesen fürchterlichen Plan verlassen, – Dieses Land zwischen Himmel und Hölle! Ich will Dich glücklich machen!«

»Ich reise,« sagte sie leise. »Es war schon so bestimmt.«

North zitterte. »Das war nicht mein Werk. Das Schicksal will es so. Wir reisen zusammen!«

Sie sahen einander an; sie fühlte das Fieber in seinem Blut. Sie las die Leidenschaft in seinen Augen; sie verstand den Haß, den er gegen sie geheuchelt hatte und todtenblaß zog sie ihre kalte Hand zurück.

»Gehen Sie,« murmelte sie. »Wenn Sie mich lieben, verlassen Sie mich – verlassen Sie mich! Sehen Sie mich nicht wieder, sprechen Sie nicht mit mir, – bis – — « ihr Schweigen ließ die Worte ahnen, die sie nicht aussprechen konnte, – bis dahin.

Türler ve etiketler

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10 aralık 2019
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