Kitabı oku: «Eberhard Arnold», sayfa 6

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IV.
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Eberhard Arnold hat den offiziellen Ablehnungsbescheid des Breslauer Konsistoriums nicht abgewartet. Er verließ Breslau am 2. Oktober, nahm zwei Wochen Aufenthalt in Lichtenrade bei seinem Onkel Ernst-Ferdinand Klein. Sein eigentliches Ziel war aber Halle. Die Hallenser DCSV war nur für einen Moment durch seine Taufpläne irritiert, hielt ihr Angebot aber aufrecht. Die Teilanstellung in der DCSV gab ihm wenigstens für den Augenblick eine Perspektive und erlaubte ihm, auch ohne Unterstützung der Eltern weiterzustudieren. Am 23. September hatte er seiner Verlobten mitteilen müssen: „Meine Eltern weigern sich, mir zu einem neuen Studium die Mittel zu gewähren.“ Einen Moment lang hat er wohl auch daran gedacht, ein völlig anderes Fachgebiet zu wählen: „Ob ich Medizin studie re?“, sinnierteer im selben Brief. Davon war dann aber nicht mehr die Rede. Er kam auf das Nächstliegende zurück, auf die Philosophie, bisher sein Nebenfach.

Am 16. Oktober traf er in Halle ein und inserierte im „Generalanzeiger“ wegen eines Zimmers. Übergangsweise kam er im Haus des Bergwerksdirektors Sievert unter. Mit Emmy, inzwischen aus der Kur zurückgekehrt, hatte er sich am Nachmittag verabredet. Es galt das Wiedersehen zu feiern, daneben gab es viel auszutauschen und zu besprechen. Vor allem wollten sie sich im Gebet auf die dringend nötige Aussprache mit den Eltern von Hollander vorbereiten.

Die Begegnung fand vermutlich noch am Abend desselben Tages statt. Dass es ein harmonisches Gespräch werden würde, hat wohl keiner der Beteiligten erwartet. Zu viele Vorwürfe standen im Raum. So hatte sich Emmys Schwester Else von Hollander am 2. August in Halle taufen lassen. Darüber war besonders die Mutter erbost. Sie hatte sich eine eigene Theorie zurechtgelegt, wonach Else von Emmy und Eberhard zur Taufe überredet worden sei. – Eberhard Arnold hatte seinem Schwiegervater am 23. September offen über die Schwierigkeiten mit dem theologischen Examen geschrieben („Es kann mich nur die Überzeugung trösten, dass […] mir die Dr. Promotion von niemandem verwehrt werden kann“). Die Antwort war postwendend gekommen, „in der Form lieb, aber in den Forderungen hart“. Im Grunde verlangte Johann Heinrich von Hollander nun die Aufhebung der Verlobung und eine erneute Trennung, bis der Schwiegersohn sein Wissen und Können in einem ordentlichen Examen nachgewiesen habe. Seit Emmys Rückkehr hatten die Eltern die Themen Verlobung und Examen peinlich vermieden.

Nun also die Aussprache. Sie endete denkbar schlecht. Ein sachliches Gespräch war nicht möglich. Johann Heinrich von Hollander redete sich in Rage, warf seinem Schwiegersohn unter anderem „Vertrauensbruch, Münster-Münzersche Zuchtlosigkeit, Unritterlichkeit“ vor, nannte ihn „unzuverlässig und sittlich zweifelhaft“ und hängte noch eine Reihe ehrverletzender Beleidigungen an. Eberhard Arnold bestand darauf, dass diese Worte und Vorwürfe zurückgenommen und seine Ehre vor seiner Braut wiederhergestellt werden müssten, sonst sei kein direktes und persönliches Gespräch mehr möglich, und verließ das Haus. Emmy erklärte, sie würde sich dem Kontaktverbot nicht unterwerfen, da sie ja schon eineinhalb Jahre mit Eberhard verlobt sei. Ihre Eltern meinten daraufhin, sie könne nicht unter einem Dach mit ihnen wohnen bleiben. Der Familienkrach schlug sofort auf Emmys Gesundheit durch, nur drei Wochen nach dem Ende ihrer Kur diagnostizierten die Ärzte eine beginnende Lungenentzündung und empfahlen einen Erholungsaufenthalt im Harz. Die Eltern winkten ab – ob aus Prinzip oder aus Geldmangel, sei dahingestellt. Am Ende landete sie durch Vermittlung Eberhards und durch „wunderbare Führung“ in Berlin im Haushalt des Pastors Köhler. Zusammen mit Johannes Warns leitete Christoph Köhler damals die von der adligen Dame Toni von Blüchern gegründete Gemeinschaft in der Hohenstaufenstraße und die dortige „Allianzbibelschule“ des Blankenburger Zweigs der Allianzbewegung8.

Zwischen Eberhard Arnold und den Eltern von Hollander entstand ein seltsam unwirkliches Verhältnis: Er lebte in Halle, nur einige Straßenzüge entfernt; Postkarten zeugen von vielen fröhlichen Begegnungen und Gesprächen mit Emmys Geschwistern, aber das Haus in der Dessauer Straße mied er konsequent. Nichts zeigt den ernsten Bruch im persönlichen Verhältnis zu den Schwiegereltern deutlicher als die Briefe, mit denen er den Kontakt zu ihnen aufrecht hielt: Liebevoll und verbindlich, aber knapp formuliert und immer wieder mit dem Angebot, die alte Herzlichkeit und Nähe wiederherzustellen, wenn nur die maßlosen Vorwürfe zurückgezogen würden.

Taufe

Nachdem keine Aussicht mehr bestand, das theologische Examen zu erlangen, sah Eberhard Arnold keinen Grund mehr, die Glaubenstaufe weiter aufzuschieben. Er bat den Leipziger Mediziner Dr. Gotthelf Müller, die Taufe zu vollziehen. Über einen geeigneten Platz hatte er sich ebenfalls seit Monaten Gedanken gemacht: einige Hinweise sprechen dafür, dass er diesen Platz im Hallenser Vorort Ammendorf gefunden hat an der Weißen Elster, einem Zufluss der Saale. Dort wurde die Taufe vermutlich am 25. Oktober 1908 vollzogen.

Bezeichnenderweise hat Eberhard Arnold seine Taufe im Nachhinein ganz selbstverständlich genommen und sprach von sich aus nur selten darüber. Die Glaubenstaufe war auch später nie ein Thema in seinen öffentlichen Vorträgen oder Artikeln. Ein Problem war die Taufe für ihn überhaupt nur in den wenigen Monaten im Sommer 1907. Andere hatten viel mehr Probleme damit und haben ihm deshalb ihrerseits entweder Schwierigkeiten bereitet oder vorhergesagt.

Bitter nahmen seine Eltern die Nachricht auf; bitter war für ihn, dass auch sie ihm daraufhin das Haus verboten haben. Elisabeth Arnold schrieb ihrem Sohn am 2. Dezember einen scharfen Brief, sprach von „Verkehrtheit“, von einem „verhängnisvollen Schritt“, warf ihm „törichte kurzsichtige Erkenntnis“ und „lieblose Rücksichtslosigkeit“ vor, sah ihn gar als Gefangenen der „Sektiererei mit all ihrem Blendwerk“, und schließlich prophezeite sie ihm bedauernd „ein sehr schweres, an Enttäuschungen volles Leben“. Carl Franklin Arnold erklärte nicht zum ersten Mal, er könne nicht Studenten lehren, wo sein Sohn das Gegenteil von dem täte, was er selbst lehren würde, und müsse deshalb seine Professur sofort niederlegen (was er dann aber doch nicht tat).

Auf eigenen Beinen

Im Ergebnis hatten Ende Oktober sowohl Emmy von Hollander als auch Eberhard Arnold den Rückhalt und das Verständnis ihrer Eltern verloren: sie durch ihre Treue zu ihm, er durch die Taufe. Trotzdem ist der Ton in den Brautbriefen des folgenden Jahres so unbeschwert und gelöst wie vorher nur in den allerersten Wochen der Verlobungszeit. Der Streit mit den Eltern hat die Verhältnisse in mehrfacher Hinsicht geklärt:

– Emmy von Hollander und Eberhard Arnold konnten nun endlich ohne Wortbruch und ohne Skrupel als Verlobte in der Öffentlichkeit auftreten.

– Eberhard Arnold konnte, frei von den Erwartungen der Eltern und Schwiegereltern, nur seinem inneren Ruf folgend, sein weiteres Studium gestalten und geistliche Verantwortung übernehmen.

– Beide haben sich von den Eltern wirtschaftlich abgenabelt.

Eberhard Arnold hat dieser letzte Schritt in der Folgezeit sicher mehr geschmerzt als Emmy, die nie durch großzügige Zuwendungen ihrer Eltern verwöhnt gewesen war. Er hatte ein kleines Vermögen aus dem Erbe einer Bremer Großtante im Rücken – keinesfalls genug, um eine Hochzeit auszurichten und einen Hausstand zu gründen; gerade genug, um ein Jahr bescheiden weiterzuleben; nicht genug, um auch noch die Kosten einer Doktorarbeit zu begleichen. Emmy von Hollander konnte aus verschiedenen Familienstiftungen und Legaten eine kleine Summe für die Einrichtung eines eigenen Hausstandes erwarten; für ihren Lebensunterhalt musste sie größtenteils selbst sorgen. Also war der Schritt für beide riskant, wäre da nicht das Vertrauen auf Gott gewesen und die Gewissheit, dass er beizeiten für alles Nötige sorgen würde.

Das erste Nötige war noch vor dem Bruch mit den Eltern als „greifbares Resultat des Glaubens“ eingetroffen: Albert Still, mit Eberhard Arnolds Hallenser Plänen vertraut, hatte schon Ende September eine Summe von 100 Mark geschickt. Die Anstellung bei der Hallenser DCSV brachte regelmäßig einen bescheidenen Betrag ein. Aus dem Umfeld Ludwig von Gerdtells fragte der Erfurter Baptistenprediger Otto Mau an, ob Eberhard Arnold nicht dort die Nacharbeit für eine Veranstaltungsreihe von Gerdtells leisten könne.

So hielt er ab Anfang Dezember in der Erfurter „Passage“ jeden Montagabend einen „Vortrag zum tieferen Verständnis der christlichen Welt- und Lebensanschauung. Damen und Herren haben freien Zutritt; reserviert 50 Pfg.“. Diese Katechesestunden wurden regelmäßig von etwa 80 bis 100 Menschen wahrgenommen – vorwiegend Kirchenfremde, zum Teil ehemalige Atheisten, Humanisten und Theosophen. In Halle hielt Eberhard Arnold anfangs fast täglich Bibelarbeiten oder Versammlungen: in der „südlichen“ Gemeinschaft, in der Heilsarmee, in der Gemeinschaft an der Alten Promenade und bei den Baptisten, daneben natürlich in der DCSV und gelegentlich im CVJM in der Geiststraße. Diesen engen „Stundenplan“ hat er allerdings schon nach einigen Wochen dem Studium zuliebe reduziert. – Die Schwiegereltern, durch Emmys Geschwister bestens auf dem Laufenden, sahen sich durch dieses Programm an Verpflichtungen nur in ihrer Empörung bestätigt und meinten wiederholt, so mache man keine Examina.

Emmy von Hollander erlebte derweilen bewegte Zeiten in Berlin. Vormittags hatte sie frei und konnte sich schonen, was auch nötig war; nachmittags half sie bei den Kindern der Familie Köhler, hielt in der Blücherschen Gemeinschaft Mädchenkreis und Frauenbibelstunden. Im November erlebte sie einen Evangelisationsfeldzug der Heilsarmee mit. Begeistert berichtete sie von den Predigten des Heilsarmeegenerals William Booth vor bis zu 4.000 Besuchern im Zirkus Busch; von den manchmal bis zu 100 Menschen, die sich an einzelnen Abenden zur „Bußbank“ drängten, öffentlich ihr Leben ordneten und es Gott zur Verfügung stellten. – Zu Emmys Taufe kam Eberhard Arnold nach Berlin; sie fand am 22. Dezember abends in der Gemeinschaft Hohenstaufenstraße statt und wurde von Pastor Köhler durchgeführt. Die Weihnachtstage und den Jahreswechsel 1908/9 verbrachten die Verlobten im Kreis von Freunden in Berlin.

Erlangen

Die letzte Etappe des Studiums führte Eberhard Arnold an die Universität Erlangen. Dabei hat wohl noch einmal Ludwig von Gerdtell einen gewissen Einfluss ausgeübt. Von Gerdtell war im Frühjahr 1908 selbst in Erlangen zum Doktor promoviert worden mit einer Arbeit über „Rudolf Euckens Stellung zum Urchristentum“ und lebte seitdem in Marburg. Eberhard Arnold hat ihn während seiner Zeit in Bebra wiederholt besucht und wird dort viel über die Universität, die philosophische Fakultät und die Professoren in Erlangen erfahren haben. Sehr wahrscheinlich hat Ludwig von Gerdtell ihn auch bei der Wahl des Dissertationsthemas und des „Doktorvaters“ beraten.

Am 31. März 1909 finden wir „Candidat Arnold“ in Erlangen, Villa Pfaff, Burgberg 9. Frei von der geistlichen Verantwortung und den vielen Pflichten, die er in Halle gehabt hatte, bewältigte er in kurzer Zeit ein kaum glaubliches Pensum: „Jeden Tag 45 bis 50 Seiten Kant, 17–20 Seiten Geschichte der griechischen Philosophie; ca. 15 Seiten Transzendental-Philosophie, die gegen Kant ein Kinderspiel ist; noch gelegentlich Nietzsche-Literatur.“ Dazu kamen ab Ende April zwei bis drei Stunden Vorlesungen täglich. Kants „Prolegomena“ und die „Kritik der reinen Vernunft“ arbeitete er für die mündliche Prüfung zwei- bis dreimal durch. Im Juni war der „große Atheist Feuerbach“ dran. Und Dutzende Bände Sekundärliteratur. Seine Selbstdisziplin in dieser Zeit ging soweit, dass er sogar die Briefe an Emmy (sie weilte seit April abwechselnd in Halle, Bad Koesen, Bebra und wieder Halle) mit großem Bedauern einschränkte. Am Wochenende entspannte er sich bei ausgedehnten Touren mit dem Fahrrad in die Fränkische Schweiz, stets ein Fachbuch im Tornister.

Als Thema seiner Doktorarbeit wählte er „Nietzsches religiöse Entwicklung und das Christentum“; der Entwurf wurde von Professor Falckenberg Mitte Mai angenommen. Neun Jahre nach Nietzsches Tod war ein großer Teil von Nietzsches philosophischem Nachlass noch gar nicht erschlossen oder im Druck erschienen. Wiederholt musste Eberhard Arnold für Tage oder halbe Wochen ins Nietzsche-Archiv nach Weimar fahren, wo ihm Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester und postume Herausgeberin des Philosophen, originale Schriften zugänglich machte. Nach einer letzten großen Seminararbeit über Immanuel Kant (22. Juli 1909) konzentrierte er sich vollends auf die Dissertationsschrift und die Prüfung.

Summa cum laude

Je näher das Examen rückte, desto zuversichtlicher wurden Eberhard Arnolds Briefe an Emmy von Hollander. Im März sagte er der Allianzbibelschule in Berlin ab, die ihn gerne nach dem Examen als Lehrer angestellt hätte. Am 13. Juni schrieb er an Emmy: „Ich glaube, dass der Herr es so führen wird, dass ein Komitee von Still, G. Müller, von Patow, von Tippelskirch und hoffentlich einigen älteren Brüdern mich im Winter anstellen wird, mit dem Wohnsitz in Jena, und der Mitversorgung der nahen Städte, Leipzig, Halle und Erfurt.“ Das sollte der Wirklichkeit schon sehr nahe kommen. – „Ich glaube ganz sicher, dass wir Weihnachten heiraten können“, schrieb er tags darauf. Am 27. Juni meldete er fröhlich: „Von August an stehe ich vis a vis du rien“ – auf deutsch: er war so gut wie pleite –, „aber der Herr wird es schon herrlich machen.“ Und die Hoffnung trog nicht.

Am 3. November reichte Eberhard Arnold sein Promotionsgesuch ein bei Professor Fuchs, dem Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Erlangen. Er bescheinigte darin, dass er die fälligen 240 Mark Prüfungsgebühren bezahlt und 250 Exemplare der Dissertationsschrift an das Syndikat der Universität abgeschickt habe. Für die mündliche Prüfung wünschte er folgende Gebiete: Hauptfach Geschichte der Philosophie, Nebenfächer systematische Philosophie und Pädagogik. Die Dissertationsschrift Eberhard Arnolds ist 79 Seiten stark. Ein drittes Kapitel über Nietzsches Schrift „Der Antichrist“ musste er aus Platzgründen ausgliedern; erst im Buch „Urchristliches und Antichristliches im Werdegang Friedrich Nietzsches“ von 1910 finden sich alle drei Kapitel vereint. Professor Falckenberg war von der Arbeit überaus angetan. Ein paar Stichworte aus seinem Gutachten: „Eindringend genaue Kenntnis des Gegenstands“, „absolut selbstständige, kritische Verwertung des bisher über die Frage vorgebrachten“, „mancherlei Neues und Eigenes“, „gründliche Ausnutzung der Quellen“, „stets reiflich erwogenes Urteil“, „weiter Blick“, „reife Geistigkeit“. Und schließlich: „Leistung eines jungen Meisters, für die ich die Note 1 beantragen muss.“ – Die mündliche Prüfung wurde für Dienstag, den 30. November abends 6 Uhr angesetzt.

Zum Entsetzen der Eltern von Hollander machte Eberhard Arnold noch am Vorabend der Prüfung auf halbem Weg von Weimar nach Erlangen Zwischenstation, um einen Vortrag zu halten. Anschließend wurde er mit dem Schlitten zum Zug gebracht und fuhr die Nacht hindurch. Am folgenden Abend nahmen die Professoren Falckenberg, Römer und Hensel die mündliche Prüfung ab. Kurz danach hielt Emmy von Hollander auch schon eine Depesche in Händen: „Summa cum laude, Ankunft morgen früh Halle.“

Beim Wort genommen

Am Vormittag des 1. Dezember 1909 betrat Eberhard Arnold nach mehr als einem Jahr zum ersten Mal wieder die Hollandersche Wohnung, Dessauerstraße 8a. Die Schwiegereltern nahmen ihn sehr freundlich auf, gerade so, als hätte nie etwas zwischen ihnen gestanden. Ohne lange Umschweife drängte er Johann Heinrich von Hollander, Emmys Papiere herauszugeben – hatte dieser doch versprochen, nach bestandenem Examen der Hochzeit nichts mehr in den Weg zu legen. Nach anfänglichem Zögern schloss der Rechtsgelehrte seine Truhe auf und überreichte dem Schwiegersohn Emmys Geburtsschein, ihren Adelsschein und den Nachweis der Staatsangehörigkeit (seit der Übersiedelung aus Riga nach Jena waren die Hollanders Sachsen-Weimaraner). Die Verlobten verloren keine Zeit und gingen noch am selben Vormittag aufs Standesamt Halle-Nord. Der erstmögliche Hochzeitstermin war der 20. Dezember.

Schon einige Tage vor der Prüfung hatten Eberhard und Emmy eine kleine 4-Zimmer-Wohnung in Leipzig angemietet („Leichtsinn“, hatten die Eltern von Hollander damals gemeint). Um die Einrichtung kümmerten sich nun Else und eine ehemalige Haushälterin der Hollanders. Emmys Mutter hielt sich auffallend zurück.

Zur Hochzeit kamen die Eltern Arnold aus Breslau, offenbar versöhnt und stolz auf ihren Sohn und seine Braut, und von den Geschwistern Clara, Hannah und Betty. Außerdem ein paar Cousinen, Onkel und Tanten von Braut und Bräutigam – insgesamt eine Gesellschaft von ca. 20 Personen. Die beiden Väter wollten Trauzeugen sein und begleiteten das Paar in einer blau ausgeschlagenen Kutsche zum Standesamt. Entsprechend den Überzeugungen des Brautpaares gab es zwar keine kirchliche Trauung, aber wenigstens eine Traupredigt. Otto Mau aus Erfurt sprach über den Vers „Jesus sandte seine Jünger zu zweien“ (Markus 6,7). Dann nahm Carl Franklin Arnold das Wort, sagte: „Da ihr den Segen der Kirche verschmäht habt, kann ich euch nur noch den Segen beider Eltern geben“, und segnete Sohn und Schwiegertochter im Namen des dreieinigen Gottes. Pfarrer Ernst-Ferdinand Klein berichtete über Eberhards „Erweckung“ im Sommer 1899 und wies auf den Ernst der Tatsache hin, dass das Paar seine Ehe auf Glauben ohne garantiertes Einkommen aufbaue. Noch ein paar Lieder, dann gings zum Hochzeitsmahl in den „Kronprinzen“. Emmy und Eberhard Arnold setzten sich bald von der Gesellschaft ab und fuhren mit der Bahn nach Leipzig Lindenau, Kanzlerstraße 17: das erste eigene Heim, eine Wohnung mit vier winzigen Zimmern, kleinem Garten und Laube. Die Flitterwochen fielen kurz aus: Ab Silvester war Eberhard Arnold wieder im Dienst.

Nietzsche

Nietzsches Philosophie, Nietzsches Sprache, Nietzsches Denken haben Eberhard Arnold nicht allein im Promotionsjahr beschäftigt. Der exzentrische Ausnahmedenker hat großen Eindruck auf ihn gemacht und Spuren hinterlassen im Denken, Reden und Wirken der folgenden Jahre.

Die Doktorarbeit offenbart nicht nur viel über Friedrich Nietzsches Religiosität, sondern auch über Eberhard Arnolds inneren Standpunkt im Jahr 1909. Professor Falckenberg hat in der Dissertation eine „scharfe, aber nicht maßlose Würdigung der Einwände und Anklagen Nietzsches gegen das Christentum“ erkannt. Was hat Eberhard Arnold an Friedrich Nietzsches Einwänden gewürdigt:

– Er stimmte Nietzsche zu, „dass die Kirche aus dem Gegensatz zum Evangelium aufgebaut sei“, „ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judentum, von Asketismus, Rangordnung usw.“

– Er teilte Nietzsches Auffassung, dass das ursprüngliche Christentum „keine Verbindung mit der Politik und Staatstaktik duldet; dass es überhaupt keine Volksreligion sein kann“.

– Streckenweise ging er in seiner messerscharfen Analyse des Volkskirchentums noch über Nietzsches Kritik hinaus. Im kirchlichen Alltag seiner Zeit fand er kaum Argumente, die Nietzsches sachliche Kritik am Christentum entkräftet hätten. Da musste er schon auf das Urchristentum zurückgreifen, wie es in der Apostelgeschichte und den Briefen des Neuen Testaments geschildert wird.

– Das bedeutet: er konnte und wollte gar nicht das Christentum verteidigen, das Nietzsche bei seinen teils präzisen Beobachtungen, teils maßlos überzogenen Ausfällen vor Augen gehabt hat. Er zeichnete ein Bild vom neutestamentlichen Christentum, das die schwersten Vorwürfe Nietzsches („decadence“, „lebensverneinend“, „schwächlich“, „Mitleidsreligion“ usw.) als grobe und willkürliche Fehldeutung entlarvt. Seine Kritik an dem bibelkundigen Philosophen war im Grunde diese: Nietzsche hat es sich zu einfach gemacht, er hat die falschen Christen gekannt und die Suche nach den richtigen zu früh aufgegeben; er hat oft gegen besseres Wissen Unsinn behauptet, und am Ende hat er sich völlig verstiegen.

Die Pointe von Eberhard Arnolds Dissertation liegt auf der Hand: er hat sich in einer Art Piratenakt der Sprache und der Gedanken Nietzsches bemächtigt und hat geistliche Sachverhalte damit ausgedrückt. Und dann hat er Nietzsche in dessen eigener Sprache mit dessen eigenen Argumenten widerlegt:

– Für ihn ist Jesus der „Übermensch“, den Nietzsche gefordert hat, „der erlösende Mensch der großen Liebe und Überwindung, der schöpferische Geist, dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt“ 9.

– Für ihn ist ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi Lebensbejahung im umfassenden Sinn; umfassender, als Nietzsche sie zu denken gewagt hat. An Jesus glauben, das heißt für Eberhard Arnold: Ja zum Leben (und eben nicht Todessehnsucht, wie Nietzsche behauptet), Ja zur Körperlichkeit (und nicht Selbstkasteiung und Verachtung der Sexualität), Ja zur Natur und ihren Gaben (und keine falsche Askese).

– Für ihn ist die Gemeinde der Nachfolger Jesu die „neue ungeheure Aristokratie“, die „höhere Art Mensch“ 10, die Nietzsche beschworen hat. Er identifiziert die Christen mit den „zukünftigen Herren der Erde“ Nietzsches, weil sie nach dem Zeugnis des Neuen Testaments am Ende der Zeiten mit Jesus leben und herrschen werden (Offb 20,4–6; 22,5).

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