Kitabı oku: «Eberhard Arnold», sayfa 4
Wachsende Verantwortung in der DCSV
Mit Beginn des Semesters, am 26. April 1906, war Eberhard Arnold zum Vorsitzenden der Hallenser DCSV gewählt worden. „Die Ehre Jesu, unsres Königs, ist es, die wir vertreten wollen in der Studentenwelt“, sagte er in seiner Antrittsrede; „Er ist allein der feste rettende Grund für die ankerlosen Wracks, die von den Meinungen und Strömungen der Gegenwart hin und her geworfen werden (...). – Ihn wollen wir hineinstellen mitten in die Welt, die Ihn verlacht und für abgetan erklärt. (...) Wir wollen kein Konventikel sein noch werden, sondern eine missionierende Macht für alle Kreise unserer Universitäten. (...) Jesus allein! ist die Devise unserer Vereinigung. Wir wissen, dass wir uns nicht mehr selbst gehören, sondern dass Er uns Gott erkauft hat mit seinem Blut!“
Seit seinem Eintritt hat sich die örtliche DCSV-Gruppe stetig und kräftig entwickelt. „Als ich nach Halle kam, war in der D.C.S.V. ein Durcheinander ohnegleichen“, schrieb Eberhard Arnold später; „Gott gab Gnade, den Geist Jesu zur Herrschaft zu bringen und das Fremde und Unklare zurückzudrängen. Wunderbare, herrliche Dinge haben wir erlebt. Aber nicht ich war es, auch nicht sonst einer, sondern der Herr und Sein Geist“. Seine Reife und sein Einsatz in der örtlichen DCSV sprach sich herum. Binnen kurzer Zeit wurde er auch in den nationalen DCSV-Vorstand berufen als „studentisches Mitglied“. Er fand sich dort in einer Runde mit dem Grafen von Pückler, dem Methodistenprediger Theophil Mann, der zu der Zeit DCSV-Sekretär war, dem Wuppertaler Pastor Paul Humburg, dem baptistischen Reiseprediger Ludwig von Gerdtell und anderen.
Ludwig von Gerdtell kannte er schon aus der Zeit, als dieser gerade DCSV-Sekretär geworden war. Im Jahr 1902 hatte eine Vortragswoche Gerdtells in Breslau eine kleine Erweckung unter Gymnasiasten ausgelöst. Von Gerdtell, elf Jahre älter als Eberhard Arnold, war ein brillanter, kraftvoller Redner, von Haus aus Jurist, reiste aber mit populär aufgemachten geistlichen Vorträgen durchs Land. Er lehnte die Kindertaufe ab, geißelte die Staatskirche und scheute auch die offensive Auseinandersetzung mit der modernen Naturwissenschaft nicht. Er legte Wert auf gepflegte Umgangsformen, konnte aber unvermittelt sprachlich ausfällig und verletzend werden und machte gerne Pointen auf Kosten anderer. Das sicherte ihm über viele Jahre ein aufmerksames Publikum. Karl Heim bewunderte ihn: „Mit der Logik eines Advokaten wird die Wahrheit des Anspruchs Jesu bewiesen. Dazwischen Zeugnisse von fulminanter Kraft“, so schrieb Heim 1906. Der Mann war so rigoros in seinem Reden, freilich auch so konsequent in seiner Lebensgestaltung – das konnte auf einen jungen Mann mit ganz ähnlicher geistiger Schärfe nicht ohne Eindruck bleiben. Und so finden wir Eberhard Arnold in der folgenden Zeit immer wieder in der nächsten Umgebung Ludwig von Gerdtells. Im DCSV-Vorstand schloß er sich öfters dessen Haltung an. Vom Sprachstil von Gerdtells, von der Argumentationsweise hat er sich manches angeeignet. Zeitweise nannte er ihn gar seinen „besten Freund“. Wenn er Karl Heim bei aller Verbundenheit „zu weich und als Christ zu nachgiebig“ fand, dann mag das daran liegen, dass er an Ludwig von Gerdtell zur selben Zeit Entschlossenheit und kompromisslose Härte um der Wahrheit willen sah. Aber eben: Wahrhaftigkeit ohne Liebe, Entschiedenheit bis zur Rechthaberei – so empfanden es andere. Ausgerechnet der scharfsinnige Student mit seinem feinen Gespür für Echtes und Unechtes soll das nicht bemerkt haben? Manches an dieser Beziehung bleibt rätselhaft.
Von Gerdtell sah seine Berufung in der „Arbeit unter den Gebildeten“. Evangelium für die gebildete Oberschicht, für Reiche und Einflussreiche – Eberhard Arnold konnte sich persönlich vom Erfolg dieser Strategie überzeugen. Vor Weihnachten 1906 und dann noch einmal Anfang 1907 hielt Ludwig von Gerdtell in Halle zwei spektakuläre Vortragsreihen, von Karl Heim und Eberhard Arnold maßgeblich mit vorbereitet. Seine Themen waren zum Beispiel „Das Sühnopfer Christi“ oder auch „Kann der moderne Mensch noch an die Auferstehung Jesu glauben?“ Unter Leuten aus dem gebildeten Bürgertum löste er damit eine regelrechte Erweckung aus. Die Hallischen Tageszeitungen merkten zwar nur kurz auf und gingen rasch zur Tagesordnung über: Die „russischen Wirren“, der Burenkrieg, Kaisers Geburtstag, die bevorstehende Reichstagswahl, die deutsche Flotte, und was man von den Sozialdemokraten zu erwarten habe. In den Gemeinschaften allerdings lieferten die Vorträge noch auf Monate Gesprächsstoff; die gedruckten Manuskripte wurden von Hand zu Hand gereicht. Es bildeten sich Bibelgesprächskreise und Gebetskreise in den Privathäusern prominenter Hallenser.
Bernhard Kühn und das Allianzblatt
Die Gemeinschaft an der Alten Promenade wurde zu einem Brennpunkt dieser Bewegung. Versammlungssaal war das umgebaute Atelier des Kunstmalers Sallwürk. Möglicherweise hat Eberhard Arnold diese Gemeinschaft gegründet oder zumindest mitgegründet, jedenfalls hat er dort nachweislich über mehrere Jahre verantwortlich mitgearbeitet.
Häufiger Gast in dieser Gemeinschaft war Bernhard Kühn, Sekretär des Evangelischen Allianzhauses in Bad Blankenburg. Kühn war ein einfacher Mann, äußerlich klein und verwachsen, alles andere als ein Intellektueller, aber mit einer enormen Ausstrahlung. Er redigierte das „Evangelische Allianzblatt“, das Sprachrohr des Allianzhauses. Die Auflage des „Allianzblattes“ war nicht riesig – 1907 etwa 4.000 Exemplare. Außerdem war das Blatt in jüngster Zeit umstritten, denn Kühn stammte aus der freien Brüderbewegung, ließ jedes Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Landeskirche vermissen und teilte forsch Kritik nach allen Seiten aus. Trotz alledem, vielleicht auch gerade deswegen war das „Evangelische Allianzblatt“ eine erstrangige Kanzel und wurde überall im Land in Gemeinschaftskreisen und Pfarrhäusern aufmerksam gelesen.
Ob sich Eberhard Arnold selbst angeboten hat oder ob ihn jemand empfohlen hat, ist nicht von Belang. Bernhard Kühn öffnete ihm das „Allianzblatt“ und darf damit für sich in Anspruch nehmen, ein fruchtbares und vielseitiges publizistisches Talent geweckt zu haben.
Auf den ersten Blick
Am 4. März 1907 – einem Montag – hielt Eberhard Arnold eine Bibelarbeit im Haus der Frau Oberstabsarzt Else Baehr, einer energischen, umtriebigen Gemeinschaftschristin. Mit welchen Erwartungen ist er wohl dorthin gegangen? Vielleicht schon ein wenig in Abschiedsstimmung. Die Hallenser Zeit war fast abgelaufen; eine Woche später würde er sich exmatrikulieren; das nächste Semester wollte er wieder zuhause in Breslau studieren. Im April stand noch eine studentische Arbeitskonferenz der DCSV-Kreisleiter an, bei der er den Vorsitz führen sollte. Dann würde er die Zelte abbrechen. – An diesem Abend sprach er über einen Abschnitt aus dem zehnten Kapitel des Hebräerbriefs.

Emmy von Hollander, 1907
Es waren etwa 25 Besucher im Raum, darunter Karl Heim, das Ehepaar Sallwürk, eine Frau Generalmajor von Borke, ein Bergwerksdirektor Sievert und verschiedene andere Notabeln, die durch von Gerdtells Vorträge „erweckt“ worden waren. Die Bibelarbeit des angehenden jungen Theologen war sehr eindringlich und persönlich. „Er sprach mit einer solchen Feuerkraft und Glut und Überzeugung, dass er nach der Versammlung ganz belagert war, und jeder ihn fragte, ob er Missionar werden wollte (...). – Ich hatte so etwas noch nie in meinem Leben gehört und erlebt“, schrieb eine Augen- und Ohrenzeugin – eine Krankenpflegerin, die in einem Diakoniekrankenhaus in Salzwedel arbeitete und eigentlich nur auf Urlaub bei ihren Eltern in Halle war. Eberhard Arnold hatte sie schon bemerkt, als er den Salon betrat, und hatte sich bei dem Gedanken ertappt: „So muss meine Braut sein.“ Die junge Frau hieß Emmy von Hollander. Das erfuhr er aber erst einige Tage später.
Emmy Monika Else von Hollander war, als Eberhard Arnold sie erstmals traf, eine attraktive Erscheinung: mit selbstbewusster Haltung, mit blonden Naturlocken, die sich nur widerwillig – der Zeit und Konvention entsprechend – hochstecken ließen, und mit einem offenen, geraden Blick aus auffällig blauen Augen. Geboren am 25. Dezember 1884 in Riga, war sie in Jena und seit 1897 in Halle aufgewachsen. Geistliches Leben hatte sie fasziniert, seit sie durch eine Freundin in die Familie des Pastors Meinhof eingeführt worden war, der das Pfarramt an der Hallenser St. Laurentius-Kirche ausübte. Als Jugendliche beschäftigte sie sich mit Zinzendorf und der Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeine. Sie vertiefte sich in alte und neuere geistliche Lieder; auch sie las mit Begeisterung Thomas von Kempens „Nachfolge Christi“. Mit 17 war sie als Schwesternschülerin in die Diakonissenanstalt im Hallenser Stadtteil Giebichenstein eingetreten. Mit 19 arbeitete sie eine Zeitlang als Kinderpflegerin im Haushalt der Pastorenfamilie Freybe in Stappenbeck bei Salzwedel. 1905 war sie Probeschwester im Hallenser Diakonissenmutterhaus geworden, war aber schon zum Jahresende von Krankheit geschwächt und innerlich entmutigt wieder ausgetreten. Seit Februar 1906 hatte sie durch Vermittlung des Pastors Freybe im Johanniter-Krankenhaus in Salzwedel gearbeitet. Sie übte ihren Beruf gern und mit Hingabe aus. Allerdings war sie im Beruf und in der Familie früh und oft mit Leiden und Tod konfrontiert worden und sah sich dadurch gezwungen, über den manchmal rätselhaften Willen Gottes, über seine Barmherzigkeit und über die Begrenztheit des Lebens nachzudenken. „Was mich beunruhigte, war, dass ich etwas Trennendes zwischen Gott und mir empfand“, berichtet sie über diese Zeit; „ich konnte es nicht begreifen, wie der reine und heilige Gott solch unheilige Menschen sich erwählt hat, und fand keine wirkliche Lösung dieser Frage.“
So also war Emmy von Hollanders innere Verfassung, als sie den Salon der Frau Oberstabsarzt Baehr aufsuchte. Dazu kam eine Portion Neugier. Für vier Wochen auf Urlaub bei den Eltern in Halle, hatte sie ihre Geschwister begeistert von den Vorträgen Ludwig von Gerdtells vorgefunden. In Kaffeekränzchen und bei Gesellschaften hörte sie ganz offen darüber diskutieren, „ob das Sühnopfer Christi noch heute Kraft und Bedeutung habe“. Die ganze Stadt schien einen anderen Geist zu atmen: „Wie sehnte ich mich danach, auch von diesem Geist erfasst zu werden.“ – Eberhard Arnold sah sie nach diesem einen Abend zunächst nicht wieder (er war für ein paar Tage in den Harz gefahren, um sich über seine Gefühle und über Gottes Willen hinsichtlich dieses Mädchens klar zu werden). Von seiner Ansprache immer noch aufgewühlt, suchte sie nach einigen Tagen (am 15. März) die Frau Oberstabsarzt auf und ließ sich von ihr den Weg zur „Ruhe in Gott und in Christus“ erklären. Sie besuchte auch weitere Versammlungen.
Harmonie von Anfang an
Am Palmsonntag, es war der 24. März, begann eine Veranstaltungsreihe mit Bernhard Kühn. Emmy von Hollander versäumte keine der Nachmittags- und Abendveranstaltungen. Abends war Eberhard Arnold auch da. Man wechselte einige Worte. Ebenso am Montag. Am Dienstag begleitete er sie nach Hause. Von Liebe war noch nicht die Rede. Dafür tauschten sich die beiden über den Inhalt der Versammlungen aus, erzählten sich aus ihrem bisherigen Leben, was sie vom Leben mit Jesus erwarteten und was von der Zukunft. Sie verstanden sich sofort. Am Mittwochabend begleitete er sie zur Versammlung. Zu seiner Freude bezeugte sie dort öffentlich, sie habe sich in den vergangenen Tagen für ein Leben mit Jesus entschieden. Auf dem Heimweg erklärte er ihr, seiner Überzeugung nach habe Gott sie zusammengeführt. Er wolle am Karfreitag einen Besuch bei ihren Eltern machen.
Die Hollanders hatten damals eine Wohnung in einem neuerbauten Bürgerhaus in der Dessauer Straße 8a6 am östlichen Stadtrand von Halle, nur ein paar Schritte von dem heute noch eindrucksvollen Wasserturm entfernt. Schräg über die Straße lag und liegt der Nordfriedhof. Die Familie war nicht gerade wohlhabend, oder besser gesagt: nicht mehr. Emmys Vater Johann Heinrich von Hollander war der Sohn des letzten deutschen Bürgermeisters von Riga. Ihre Mutter Monika geb. Otto war die Tochter von Piers Otto, zuletzt Pastor der deutschen lutherischen Gertrudisgemeinde in Riga. Der Stammbaum der Hollanders und Ottos reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück und wimmelt geradezu von Ratsherren, Patriziern und Deutschordensrittern. Aber davon konnte man sich nach der ersten russischen Revolution 1904/05 nichts mehr kaufen. – Johann Heinrich von Hollander war Rechtsgelehrter. Angesichts der Russifizierung unter Zar Alexander III. und um seinen Kindern eine deutsche Erziehung angedeihen zu lassen, war er mit der Familie 1890 nach Deutschland übersiedelt. Zuallererst musste er seine juristischen Examina wiederholen; das fraß einen großen Teil des Familienvermögens auf. Er hatte gehofft, sich in Jena habilitieren zu können, war dort aber beruflich nicht recht vorwärts gekommen. Eine entsprechende Chance bot sich erst 1896 an der Universität Halle. Dort hatten die Hollanders zunächst in Giebichenstein, dann im Vorort Ammendorf gewohnt. Und nun eben in der Dessauer Straße. Die Familie zählte sieben Personen: von sechs Geschwistern Emmys waren die zwei jüngsten früh gestorben. Im Haushalt der Eltern lebten die ältere Schwester Olga (* 1882), Else, die nur elf Monate jünger war als Emmy (* 1885), der Bruder Heinrich („Heinz“, * 1887) und schließlich Monika (* 1888).
Werbung und Verlobung
Hier also machte Eberhard Arnold am 29. März 1907 – Karfreitagmorgen – seine Aufwartung. In schwarzem Anzug und Zylinder stellte er sich den Eltern seiner Auserwählten vor. Sie waren durchaus angetan. Von Verlobung sofort und auf der Stelle wollten sie zunächst nichts hören; sie gaben ihr Einverständnis zu der Verbindung nur unter dem Vorbehalt, dass auch Eberhards Eltern die Verlobung billigen würden. Immerhin akzeptierte Emmys Mutter einen Strauß weißer Rosen. Die Verlobung sollte so lange geheimgehalten werden, bis Eberhard den Nachweis erbracht habe, dass er eine Frau auch versorgen könne. Der Schwiegersohn in spe und die Tochter wurden für eine Weile taktvoll alleine gelassen. Er wiederholte ihr gegenüber seine Überzeugung, dass Gott sie zusammengeführt habe, und sagte dann: „Ich habe Sie vom ersten Augenblick, als ich Sie sah, lieb gewonnen!“ Sie, etwas blass vor Spannung, erwiderte: „Mir ist es ganz ebenso gegangen.“ Daraufhin tauschten sie einen ersten Kuss. Anschließend lasen sie gemeinsam den 34. Psalm („Ich will den Herrn allezeit loben ... Die auf Ihn sehen, werden strahlen vor Freude“) und gaben im Gebet ihr Leben in die Hände Gottes „zum Dienst und zum Zeugnis für Ihn“. Dann kam die Familie wieder herein. Emmys Geschwister akzeptierten den zukünftigen Schwager sofort. Die nächsten eineinhalb Tage verbrachten sie zum Teil alleine, zum Teil mit den Geschwistern zusammen. Noch am Samstag reiste Eberhard Arnold mit der Bahn nach Breslau ab. Am Ostermorgen hielt seine Braut bereits einen ersten Brief in Händen, überschrieben: „Immer Phil. 4,4! Eph. 1,14b! Meine Emmy ...“
4 Angeregt von der christlichen Studentenbewegung in den USA und auf die seit 1882 existierenden „Bibelkränzchen“ an Universitäten und Schulen gestützt, hatten u. a. Graf Eduard von Pückler und Freiherr Waldemar von Starck jährliche christliche Studentenkonferenzen initiiert, aus denen heraus 1895 die DCSV entstand. Im selben Jahr wurde der Christliche Studenten-Weltbund gegründet.
5 William Booth war ursprünglich Methodistenprediger. 1861 übernahm er die Leitung der Ostlondoner Zeltmission und gab dieser Arbeit mit den Jahren eine effiziente, „militärische“ Struktur, aus der 1878 die Heilsarmee hervorging. Booth war ein wortgewaltiger Prediger, erklärter Feind von Laster und Sünde und bis ins hohe Alter für Neuerungen offen.
6 Heute Paracelsusstraße.
III.
Briefe kreuzen sich
Kaum etwas ist so gut dokumentiert wie die Verlobungszeit Eberhard Arnolds und Emmy von Hollanders. Die beiden schrieben sich täglich, manchmal mehrmals (zum Ruhm der preußischen Post sei gesagt: die Briefe waren niemals länger als einen Tag unterwegs). In diesen Briefen geht es zwar immer auch um Freude und Leid zweier heftig verliebter junger Menschen. Aber zugleich und manchmal beherrschend geht es um Jesus und das Verhältnis zu ihm. Emmys Mutter meinte einmal, solche drolligen Brautbriefe hätte sie noch nie gelesen. Da stünde nur: „Jesus allein – Amen – Halleluja“ usw.
Wenn je zwei Menschen ein Herz und eine Seele waren, dann diese beiden. Er schreibt ihr Gedichte. Sie muss ihm, auf seine dringende Bitte hin, eine Locke schicken. Und Fotos, immer wieder. Er schickt ihr Bücher, paketweise: Finney, Torrey, Catherine Booth, Graf Korff und viele andere. Sie will von ihm Nachrichten aus seiner Arbeit, Artikel, alles. Er schlägt vor, sie könnten sich ja gemeinsam biblische Bücher vornehmen und sich alles sagen, was ihnen dabei auffällt. Sie ist begeistert und fängt mit dem Matthäusevangelium an (binnen eines halben Jahres haben sie das Neue Testament durchgearbeitet). Er schreibt ihr von Fahrradausflügen an der Oder und von seinem Studienpensum. Sie mahnt ihn, sich mehr zu schonen. Er mahnt sie, sich mehr Schlaf und Ruhe zu gönnen. Sie beichtet ihm, dass sie geplappert habe. Ihm wird erst nach ein paar Monaten mit Schrecken bewusst, dass sich vermutlich noch zwei andere Mädchen Hoffnungen auf ihn gemacht haben (er hatte das gar nicht richtig registriert). Daraufhin bittet sie ihn, doch kompromittierende Situationen zu meiden und die Seelsorge an jungen Damen anderen zu überlassen, und damit ist es gut. Er reflektiert Begebenheiten aus seinem bisherigen Leben. Sie erzählt Erlebnisse aus dem ihren. Er hält sie auf dem Laufenden über alles, was in Breslau passiert. Sie berichtet ihm haarklein, was sich in der Familie, in der Gemeinschaft und in der Hallenser Christenheit abspielt. Und da gibt es jeweils viel und Verwickeltes zu berichten.
Tauffrage
Die Tauffrage ist Eberhard Arnold und seiner Emmy von außen aufgenötigt worden. Emmys Schwester Else hatte unter dem Einfluss einzelner Gemeinschaftsleute im Mai 1907 erklärt, sie wolle sich taufen lassen. Die Eltern von Hollander waren strikt dagegen und baten den theologisch bewanderten Schwiegersohn brieflich via Emmy, auf Else entsprechend einzuwirken. So sah er sich überhaupt erst gezwungen, nach biblischen Argumenten für und wider die Kinder- bzw. Gläubigentaufe zu suchen – bis dahin war das für ihn kein Problem gewesen. Nachdem die Frage einmal aufgekommen war, dauerte es knapp fünf Monate, bis Eberhard Arnold seinen endgültigen Standpunkt gefunden hatte. Emmy von Hollander kam im ständigen Austausch mit ihm, aber auf eigenen Gedankenwegen zur selben Überzeugung. Anhand des Briefwechsels kann man diesen Erkenntnisprozess Schritt für Schritt verfolgen.
Am 11. Mai 1907 hält Eberhard Arnold unter Berufung auf Römer 3,1–3,9 „die Kindertaufe nicht für ungültig, sondern von Jesus und Gott gewollt; will der einzelne ihren Heilswert besitzen, so muss er Herzensbeschneidung (Bekehrung) und Geistestaufe erleben.“
Am 31. Mai schreibt er an die Eltern von Hollander, „dass wir der Kirche unendlich viel verdanken und den häufig behaupteten Widerspruch ihrer Taufpraxis zur Schrift für unerwiesen halten müssen.“
Am 16. Juni an Emmy: „Ich habe diese Tage ernste Zweifel an meiner Tauftheorie mit starker Hinneigung zur Gläubigentaufe! Der Grund ist die schwierige Frage: Wie ist die von Jesus und den Aposteln gewollte und durchgeführte, streng abgeschlossne Gläubigengemeinde denkbar, wenn die Taufpraxis in meinem Sinne ausgedehnt werden sollte? Damit ist meine Position erschüttert, fast gestürmt. – Das ist alles noch unklar und vielleicht verkehrt.“
Am 25. Juni berichtet Emmy ihm: „Über die Taufe habe ich noch keine ganz bestimmte Auffassung. Nur eins weiß ich: ich persönlich habe nichts von der Kindertaufe gehabt. Durch meine Bekehrung bin ich zu Gott gekommen, nicht durch die Taufe.“
Am 29. Juni warnt er sie: „Ohne eine unantastbar feste, tief gegründete Überzeugung wäre es eine Sünde, eine folgenschwere Sünde!“ – nämlich die Glaubenstaufe vollziehen zu lassen.
Am selben Tag berichtet Emmy in einem Brief vom ersten Taufgottesdienst der Gemeinschaft. Einige der Täuflinge seien ihrer Meinung nach „etwas stark erregt“ gewesen. „Wenn wir uns vielleicht taufen lassen, so wollen wir besonders bitten um einen heiligen Frieden vorher.“
30. Juni: Er stellt für sich eine Art Prinzipienkatalog auf:
„Ich tue unter allen Umständen den klar erkannten Gotteswillen. Ich tue nichts, was mir nicht allseitig begründete Überzeugung ist. Ich trete mit nichts hervor, was ich nicht klar als biblisch belegen kann. Aus meinen augenblicklichen Eindrücken ergibt sich für die nächste Zukunft: Ich durchforsche Neues Testament und Geschichte nach der Tauffrage, ganz objektiv. Bestätigt sich mein jetziger Eindruck, dass die Gläubigentaufe allein biblisch sein könnte, so lasse ich mich taufen, sobald ich es biblisch und geschichtlich ganz fest habe. Das praktische Fazit ist aber dies: Ich kann jetzt nicht getauft werden, ohne zu sündigen.“
Im selben Brief sorgt er sich darum, wie wohl seine Eltern einen entsprechenden Schritt auffassen würden.
2. Juli: „Die Taufe mit Wasser ist weder Geistestaufe noch Sterben und Auferstehen. Das gibt Enttäuschungen oder Täuschungen.“
Am 30. Juli berichtet Emmy von Hollander, der Hallenser Allianz drohe mittlerweile die Spaltung, „da die Tauffrage in den Mittelpunkt geschoben ist statt des Kreuzes und Gewissen damit beunruhigt worden sind“. Emmy kann das Vorgehen der Taufgesinnten auch nicht restlos gutheißen: „Es war nicht alles Wahrheit, so viel Heimlichkeit, ich kann darüber nicht hinweg.“
6. August: Eberhard Arnold quittiert die Entwicklung mit einem Zitat Ludwig von Gerdtells: Es sei furchtbar, dass die Taufpropaganda auch diesmal der Tod der Erweckung sei, wie so oft.
10. August: Emmy hat sich von einer Gemeinschaftsschwester anhören müssen, sie sei „noch eine Leiche, mit Jesus gestorben, aber da nicht getauft noch nicht begraben und auferstanden.“
Antwort am 11. August: „Hältst Du mich für eine Leiche? Ich nicht! Das ist bedauerlicher Unsinn!“
Indessen sucht er aber weiter nach endgültiger Klärung und berichtet am 3. September: „Über Galater 3,26.27 komme ich nicht hinweg. Ich sehe mich vor kolossalen Entscheidungen und werde einfach und bestimmt Gott gehorchen, sobald ich Gewissheit habe. Dem Lamme nach, wo es hingeht!“
4. September: „Diese Stunde des Gebets und der Hingabe hat mir eine ernste, folgenschwere Entscheidung gebracht, die unserm Leben eine scharf abgegrenzte, leidenschwere Richtung gibt. Du, meine mutige, treue Braut, bist natürlich der erste Mensch, dem ich mitteile, dass ich heute von Gott in Ruhe und nüchtern biblischer Gewissheit von der einzigen Berechtigung der Gläubigentaufe überzeugt bin.“
Wie kam es zu der Erkenntnis, wohin führt sie? „Von Gal. 3,26.27 ausgehend bin ich in fortwährendem Überlegen mit Jesus, in einfach wahrhaftigem Gebet klargeworden, dass die Schrift nur Eine Taufe kennt, die der Gläubiggewordenen. (...) Ich sehe mich somit als ungetauft an und erkläre damit den bestehenden Kirchensystemen den Krieg.“ Er möchte natürlich auf Emmys Stellungnahme warten und dann die Eltern und Schwiegereltern unterrichten, deutet an, dass er möglichst bald getauft werden und die Landeskirche verlassen will. Er werde sich noch vor dem Wintersemester erkundigen, ob er unter diesen Umständen das erste theologische Examen ablegen kann, und andernfalls sofort zur Philosophie umsatteln.
Zunächst nahm er Emmy das Versprechen ab, über seine Absichten vorerst zu schweigen. Nur ganz kurz dachte er an den Fall, dass sie wider Erwarten zu einem anderen Schluss kommen könnte: „... so brauche ich ja nicht erst zu sagen, dass unsere völlige Gemeinschaft davon in keiner Weise berührt wird ...“ Nicht auszudenken, was in dem Fall tatsächlich passiert wäre. – Emmy erklärte wenige Tage später ihrerseits, sie könne „die Kindertaufe nicht als die Taufe ansehen, wie die Bibel sie kennt“, und müsse sich daher taufen lassen.
Theologisch suchte sich Eberhard Arnold gründlich abzusichern. „Gerade ich muss nachweisen: Es ist ruhige, klar begründete Überzeugung vom Willen Jesu und der Apostel“, schrieb er schon am 13. Juli. „Sonst sagt man rasch: Ach, erst Heilsarmee! Jetzt Baptismus! Eben immer Extreme! Das liegt in seinem Temperament! Nein, was ich tue, will ich mit ganzem Nachdruck tun.“ Das Ergebnis der Recherchen fiel zu seiner Überraschung eindeutig aus: fünf seiner Theologieprofessoren waren selbst der Ansicht, dass die Kindertaufe biblisch nicht zu belegen sei. Unabhängig davon: „Nicht die Bücher und Artikel kirchlicher und außerkirchlicher Theologen sind mir entscheidend, sondern die Worte des Geistes in der Schrift.“
