Kitabı oku: «Die Knochennäherin», sayfa 4
Ein paar Schaulustige hatten sich in gebührendem Abstand zum Marell-Hof versammelt und steckten tuschelnd die Köpfe zusammen, als sie die beiden Kriminalbeamten aus dem Eingangstor kommen sahen. Der Eingang, so fiel Pfeffer auf, wurde von zwei unauffällig angebrachten Videokameras überwacht.
»Guck mal, Fans«, sagte Bella Scholz. »Levent hat mir übrigens gesagt, dass sie unglaublich fett sein soll. Ich meine, in ihren Filmen ist sie ja eh üppig beieinander, aber die soll nun richtig eff e te te sein.«
»Hab ich auch gelesen.«
»Du kennst dich aber aus.«
»Stand neulich irgendwo.«
»Beim Friseur?«
»Bestimmt.«
»Aber sie muss immer noch unglaublich gut spielen.«
»Das hat bekanntlich nichts mit dem Gewicht zu tun.«
Sie standen vor dem Nachbargehöft, einem lindgrün gestrichenen Spätbarockgebäude. Die Einfahrt mit Rundbogen aus Kalkstein, in den an der höchsten Stelle ›1784‹ gemeißelt war, wurde von einem schweren Holztor verschlossen. Pfeffer drückte den Klingelknopf, an dem kein Name stand. Es tat sich nichts. Er klingelte mehrfach. Keine Reaktion im Haus. Er war sich aber sicher, dass er eine Bewegung hinter einem Fenster im ersten Stock ausgemacht hatte.
»Dann müssen wir wohl morgen wiederkommen. Hast du Lust auf einen Eiskaffee?« Er deutete hinüber zu den Cafés am Dorfplatz. Trotz der einsetzenden Dämmerung herrschte reger Betrieb auf den Terrassen. »Ich lad dich ein.«
05
Sie hatten also ein Skelett gefunden. Das machte nichts. Sie atmete tief ein und aus. Kein Grund zur Panik.
Ein Skelett. In ihrem Garten. Nun denn.
Sie starrte hinüber zu der abgesperrten Fläche. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, den kleinen roten Elefanten schemenhaft auftauchen zu sehen, den sie am Strand nach dem Tsunami gefunden hatte. Nives Marell fuhr sich über die Augen, und plötzlich fiel ihr jener Abend drüben im Schwarzen Adler ein, als der Bürgermeister sich ungefragt an ihren Tisch gesetzt und zu ihr »Du, Schneck, geh, hör mal her, wir müssen reden« gesagt hatte. Nives Marell hatte kurz aufgeschaut und in aller Ruhe ihren Krustenschweinsbraten mit Knödeln und Blaukraut weitergegessen. Im Schwarzen Adler schmeckte er am allerbesten.
Der Bürgermeister nahm ihr schweigendes Essen als Einverständnis. Im Dorf sagte man, wenn einem was nicht passte – wenn man schwieg, passte es einem. Er war ein alter Spezi, den sie aus Kindertagen kannte, ein Hansdampf in allen Gassen, ein ausgefuchster Schlawiner, der mit jedem und allen konnte, jeden und alle kannte und seine Prinzipien nach dem aktuellen Wind richtete – kurz ein idealer Lokalpolitiker. Noch dazu nicht von der Staatspartei, sondern von den Freien Wählern. Außerdem hatten sie mal, als sie vierzehn und er siebzehn war, bei einem Dorffest ein klein wenig geknutscht. Seitdem nannte er sie ›Schneck‹. Später ging er dann dazu über, alle Frauen im Ort, die nicht älter als er selbst waren, ›Schneck‹ zu nennen. So konnte er nicht durcheinander kommen, bei den vielen, mit denen zumindest rumgeknutscht hatte. Fast alle nannten ihn Bäri, nicht nur wegen seiner Erscheinung, sondern weil er mit Nachnamen Baeringer hieß.
Was der Bürgermeister ihr damals bereits anvertraute, war, dass der Gemeinderat beschlossen hatte, Zacherlkirchen ins 21. Jahrhundert zu katapultieren, mit Breitbandinternet und Glasfaser und allem, was dazugehörte. Jedenfalls waren diese Schlagworte nur so aus ihm herausgepurzelt.
Da sie keine Ahnung von solchen technischen Finessen hatte, musste sie ihm glauben. Aus irgendeinem Grund war es also nötig, einen Graben von der Ortseinfahrt bis zur Kirche zu ziehen. Hintenrum, quer durch die Gärten, nicht vorne an der Straße. Denn wie sähe das denn aus, wenn die Pilger kommen, ohnehin schon schlimm genug, dass die Kirche gerade eingerüstet war – und dann die Unfallgefahr! Außerdem gäbe es da schon eine Trasse mit Kanalisation und anderen Versorgungsleitungen. Zudem sei eine Kanalsanierung dringend erforderlich. Also zwei gute Gründe zum Graben.
»Weißt, Schneck«, erklärte der Bürgermeister, »die anderen Anrainer haben schon zugestimmt, dass wir hintenrum graben. Da müssen wir nur durch sieben Gärten. Vorne an der Straße wäre das viel zu teuer. Ich wollt es dir nur jetzt schon sagen, bevor du den offiziellen Brief bekommst.«
»Die andern Anrainer, wie du es nennst, sind bis auf mich alles deine Verwandtschaft, Bäri«, entgegnete sie ohne aufzusehen.
»Das kann man so oder so sehen.«
»Das kann man nur so sehen. Ich habe also eh keine Wahl, oder?«
»Komm, Schneck, tu nicht so, als würd ich von dir was Unmögliches verlangen. Es wird anschließend alles wieder in den Originalzustand versetzt.«
»Wie schön.« Nives Marell schob sich eine Gabel voll Blaukraut in den Mund und kaute langsam. »Hat es einen Sinn, wenn ich dich daran erinnere, dass ich einer der größten Steuerzahler dieser Gemeinde bin? Ach, was heißt einer der größten. Die Größte.«
»Eben drum, Schneck. Eben darum informiere ich dich ganz persönlich vorweg auf dem kleinen Dienstweg. Du bist für unsere Gemeinde unentbehrlich. Es soll natürlich dein Schaden nicht sein. Weißt ja, wenn du mich mal brauchst …« Er ließ den Satz im Raum stehen.
»Ich bin nicht ganz blöd«, sagte Nives Marell. »Wenn ihr hinten in den Gärten aufgrabt, heißt das, dass die Felder jenseits des Bachs nun doch Bauerwartungsland geworden sind, oder?«
»Schneck«, flüsterte der Bürgermeister mit aufgerissenen Augen. »Das hat an der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Noch ist nichts beschlossen! Der Gemeinderat hat vorerst nur der Erneuerung der Kanalisation für die Kirchengebäude und der Verlegung der Glasfaserkabel zugestimmt. Alles andere ist Zukunftsmusik …«
»Die Bebauung hinter der Kirche und jenseits des Bachs ist verboten.«
»Das ist eine Bestimmung von 1864, Schneck. Und ich sage dir doch, dass noch nichts beschlossen ist.«
»Ich werde also bald keinen freien Blick mehr über die Felder haben, die im Wesentlichen dir gehören, Bäri, oder?«
»Ach, Schneck! Alles ist offen.«
»Das ist schön. Gut, grabt, aber das letzte Wort dazu haben wir noch nicht gesprochen.«
»Prost, Schneck, trink ma noch a Hoibe auf meine Rechnung.«
Sie trank noch eine Halbe, ihre letzte seither, denn am andern Morgen kam die Anfrage des Residenztheaters, ob sie in der Jubiläumsinszenierung der »Kanakenbraut« die Rolle der Mutter spielen wollte. Natürlich wollte sie und begann sofort mit ihrer Abnehmkur. Nach ihrer Rückkehr aus Thailand hatte sie zwar ein wenig Gewicht verloren. Aber sie hatte sich nicht wirklich bemüht, es schien ihr völlig sinnlos. Im Gegenteil, der JoJo-Effekt setzte ein, und sie nahm wieder zu. Doch nun war alles anders. Wochen später, als dann der offizielle Brief der Gemeinde kam, dass man für das neue Glasfaserkabel die hinteren Gärten und Wiesen von der Ortseinfahrt bis zum Pfarrhaus aufgraben müsse, war sie schon sechzehn Kilo leichter, als die Grabungsarbeiten endlich begannen, sogar neunundvierzig. Von hundertsechsundvierzig auf siebenundneunzig. Noch mindestens fünfzehn sollten folgen, dann wäre sie wieder annähernd bei ihrem Wohlfühlgewicht. Nives, der Barockengel.
Die Diva setzte sich auf die Teakbank neben dem dunkelroten Oleander und schlürfte Hibiskustee. Es wurde kühl. Der nahe Bach brachte etwas Feuchtigkeit.
Was für ein herrlicher Herbsttag, dachte sie, zog den Kragen ihrer Strickjacke hoch und ließ den Blick über den Bach schweifen. Die begrenzende Hecke hatte bei den letzten Hochwassern arg gelitten. Auch der Bagger und die ausgehobenen Erdhäufchen bremsten den Blick. Sie lächelte gedankenverloren.
Die Polizisten hatten das Skelett und die Funde, die auf der gelben Folie lagen, eingepackt und mitgenommen. Ein rot-weißes Absperrband, an vier Pflöcken weiträumig um die Fundstelle befestigt, schwankte ein wenig im Abendwind. Weil es schon dunkel wurde, hatte die Spurensicherung die Arbeit eingestellt. Man hatte sie wissen lassen, dass man morgen weitermachen würde. Morgen, so hatte man ihr ausgerichtet, wolle man sie zudem zu dieser Sekundärbestattung vernehmen. Das Wort Sekundärbestattung hatte es Nives angetan. Man bat sie, ins Präsidium zu kommen. Der Herr Kriminalrat Maximilian Pfeffer würde sich darum kümmern.
Soll er mal, der Herr Kriminalrat Maximilian Pfeffer, dachte sie. Netter Nachname. Ob er auch selbigen im Hintern hat?
Als sich hinter ihr Schritte näherten, drehte sie sich nicht um. Sie wartete, bis er sanft seinen Arm um ihre Schulter legte und sich herabbeugte, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken.
»Hallo, mein Schatz«, sagte Nives und wandte sich ihm zu, damit sie dem jungen Mann ins Gesicht sehen konnte. Sie streichelte zärtlich seinen Arm. »Anstrengenden Tag gehabt?«
»Geht so«, antwortete er mit seinem schwer verständlichen Tonfall, dem die Sprachmelodie fehlte. Oft betonte er Silben falsch oder vernuschelte etwas, doch Nives bewunderte ihren Sohn, der beinahe taub, nur mit minimalem Restgehör geboren wurde und sich das Sprechen mühsam angeeignet hatte. »Heute haben sich Sepp und Sebastian gewaltig in die Wolle gekriegt.« Er setzte sich neben sie auf die Bank und sah sie dabei unverwandt an. »Sepp war wie üblich blau und wollte wie üblich blaumachen und hat irgendeine Krankheit vorgeschoben. Asozialer Schmarotzer, der.«
Mutter und Sohn lachten. Wenn er auch sonst nicht viel von ihr geerbt hatte, denn Rocco war ein langer Schlaks, so ließen doch die türkisen Katzenaugen keinen Zweifel über ihre Verwandtschaft.
»Wenn du was essen willst«, sagte Nives, immer darauf bedacht, dass ihr Sohn problemlos ihre Lippen erkennen konnte, »im Kühlschrank ist noch ein wenig Auflauf von gestern. Ich habe in der Kantine eine Kleinigkeit gegessen und bin restlos satt.«
»Bald sieht man dich gar nicht mehr, so hast du schon abgenommen, Mama. Wie waren die Proben?«
»Anstrengend. Hannes hat keine wirklich zündenden Regieideen, Werner ist absolut nicht textsicher und Viola hält sich für göttinnengleich. Lass uns lieber ein andermal darüber reden, sonst bekomme ich Kopfweh.«
»Okay.« Rocco deutete in die Dunkelheit, in der das Absperrband zu erahnen war. »Was ist denn da los?«
Nives berichtete ihrem Sohn von dem Skelettfund und der Polizeiaktion.
»Und jetzt?«, fragte er und sah sie ernst an.
»Wie und jetzt?« Nives zuckte bemüht gleichgültig mit den Schultern. »Nichts. Überlass der Polizei nur ihre Arbeit.«
»Hast du keine Angst?«
»Ich? Warum sollte ich Angst haben?« Sie sah ihren Sohn überrascht an.
»Warum nicht?« Rocco runzelte die Stirn. »Jemand hat eine Leiche in unserem Garten vergraben. Das reicht, finde ich, um Angst zu haben, oder?«
»Nicht für mich, mein Junge.«
»Hast du eine Idee, wer es sein könnte?«
»Der Tote? Nein. Ich habe absolut keine Ahnung, Rocco. Mach dir darum keine Gedanken. Ich habe dir doch gesagt, dass es eine Sekundärbestattung war, also falls es ein Mord war, wurde er woanders begangen. Und außerdem soll das Skelett aus der Zeit sein, bevor wir hierhergezogen sind. Man vermutet sogar einen historischen Fund. Ein Germane.«
»Wenn schon, dann ein Kelte, Mama. Wir Bayern sind keine Germanen.«
»Wie auch immer. Gar kein Grund zur Sorge.«
»Trotzdem …«
»Rocco, bitte.«
»Okay, Mama. Ich esse jetzt was und dann geh ich noch rüber zu Schorsch.«
»Mach das.« Nives gab ihrem Sohn zum Abschied einen Klaps auf den Hintern. »Viel Spaß. Ich werde noch ein wenig arbeiten.«
»Lass aber die schweren Maschinen in Ruhe.« Rocco deutete auf den Rüttler und den Stampfer. »Nicht, dass sich irgendwelche Nachbarn bei den Bullen über Ruhestörung beklagen.«
»Es ist noch keine neunzehn Uhr«, entgegnete Nives. »Ich werde noch ein wenig den Untergrund für unsere neue Terrasse vorbereiten.«
»Lass mich das doch machen, Mama!«
»Nein, mir macht das Spaß. Ich werde eine halbe Stunde stampfen und dann ist gut. Mein Fitnessprogramm.«
Nachdem er im Haus verschwunden war, stand sie auf und ging über die aufgerissene Vorfläche zur ehemaligen Scheune. Bevor sie die Tür öffnen konnte, musste sie die beiden Sicherheitsschlösser aufschließen, dann noch das Schloss an der Glasschiebetür dahinter. Nives machte Licht und schritt schnell zur gegenüberliegenden Wand. Wenn sie nicht innerhalb von dreißig Sekunden die Alarmanlage deaktivierte, würde der Alarm ausgelöst werden. Nachdem sie das erledigt hatte, schloss sie die Holztüren der Scheune von innen. Zwar war ihr Grundstück uneinsehbar und schwer über einen anderen Weg als die vordere Toreinfahrt zu betreten, doch man wusste bekanntlich nie. Wenn man es darauf anlegte, konnte man auch mit einer Leiter über die Friedhofsmauer steigen, oder hinten über die Felder wandern und den Bach durchwaten. Alles schon mal da gewesen, als Nives noch ein Star war und zudringliche Verehrer alle erdenklichen Strapazen auf sich nahmen, um in ihrer Nähe zu sein. Da stand einer frühmorgens plötzlich nackt vor der erwachenden Nives im Schlafzimmer, überreichte ihr eine rote Rose und rannte dann davon. Am Tag darauf hatte sie die offene Grundstücksseite zum Bach hin mit einem hohen Zaun und einer dichten Ligusterhecke begrenzen lassen. Den Zaun ließ sie später, als sie in absoluter Vergessenheit vor aufdringlichen Verehrern sicher sein konnte, wegreißen. Die Ligusterhecke blieb, doch Nives besserte die sich jährlich verschlimmernden Hochwasserschäden nicht mehr aus. So hatte sie durch die Buschlücken wieder den herrlichen Ausblick auf die Landschaft.
Nives Marell betrachtete zufrieden ihre Arbeit der letzten Wochen. Dann ging sie zu der Ecke, in der mehrere zusammengeknotete Stoffbündel lagen. Sie nahm ein Bündel am Knoten hoch, trug es zu einem massiven, aber sehr niedrigen Holzklotz und platzierte es sauber mittig darauf. Dann nahm sie den schweren Vorschlaghammer, der neben dem Klotz lehnte. Sie stellte sich breitbeinig an den Klotz, so nah sie konnte, hob den Hammer mit beiden Armen über das Bündel, sodass der eiserne Hammerkopf einige Zentimeter darüber schwebte und ließ dann das Werkzeug heruntersausen. Dabei hielt sie den Stiel mit einer Hand gerade so weit fest, dass der Hammer nicht umkippte und ihr auf die Füße krachte. Ein stumpfes Knirschen kam aus dem Bündel. Sie hob den Vorschlaghammer wieder an und ließ ihn erneut herabsausen. Konzentriert wiederholte sie die Bewegung immer und immer wieder. Am Anfang hatte sie den Hammer über den Kopf gehoben, so wie sie es mit einer Axt beim Holzhacken machen würde. Doch schnell war klar geworden, dass sie dies bei dem Gewicht des Werkzeugs nicht lange durchhalten würde. Die Methode des Fallenlassens war zwar weniger effektiv, aber dafür konnte sie länger arbeiten. Als positiven Nebeneffekt stellte sie fest, dass sie durch die körperliche Arbeit schneller abnahm.
Konzentriert arbeitete sie zehn Minuten, bis sie schweißgebadet war. Erschöpft ließ sie den Vorschlaghammer fallen und setzte sich auf einen Schemel. Das letzte Bündel! Endlich. Nives Marell konnte es kaum noch erwarten. Gut, dass sie sich vom Bürgermeister, der im zivilen Leben eine Baufirma betrieb, den Rüttler und den Stampfer geliehen hatte. Jetzt müsste es ratzfatz gehen. Sie brauchte ganz kleine Brocken für den Schotter.
Der Bürgermeister selbst hatte ihr die Maschinen vorbeigebracht und die Funktion des Stampfers erklärt: »Der PowerPac PPS 60. Kannste gar nichts falsch machen, Schneck! Ist total zuverlässig. Das können die Japsen. Hat eine Schlagkraft von hundertfünf Kilonewton und eine Tiefenwirkung von siebzig Zentimetern.« Er machte eine Pause, um die beeindruckenden Zahlen wirken zu lassen.
Nives hätte am liebsten demonstrativ gegähnt, so egal waren ihr die Zahlen. Doch sie legte genau jenes bewundernde Glimmen in ihre Augen, das Männer von Frauen erwarten, wenn sie mit Pferdestärken, Gigabyte, Zentimetern oder eben Kilonewton protzten. Keine große Schauspielerei, die das Können einer Nives Marell forderte. Das bewundernde Glimmen bei gleichzeitigem, geistigem Einschlafen gehörte schließlich zum Standardrepertoire jeder Frau.
Der Bürgermeister reagierte wie erwartet. Er grinste zufrieden und fuhr fort: »Brauchste aber eigentlich gar nicht für den Terrassenboden, Schneck. Da reicht doch der Rüttler. Na, musst du wissen. Du, den Aushub für das Fundament machen dir meine Jungs morgen schnell. Brauchst nichts für zahlen, Schneck. Passt scho.«
Sie verstand. Doch ihr wie dem Bürgermeister war klar, dass dies nur ein kleiner Teil seiner Dankbarkeit für ihre Zustimmung zum Grabenziehen sein konnte.
Und so hatten seine Jungs die Erdbewegungen für die neue Terrasse gemacht. Nun wollte Nives Marell noch an diesem Abend mit dem Auffüllen und Feststampfen beginnen. Sie nahm das Stoffbündel, das sie mit dem Vorschlaghammer bearbeitet hatte, sowie weitere fünf ähnliche Bündel, die in einer Ecke lagen, und trug sie hinaus. Sie platzierte sie nebeneinander auf dem vorbereiteten Terrassenboden. Dann setzte sie die Lärmschutzkopfhörer auf und warf den Stampfer an. Der Viertaktmotor surrte wie eine Eins. Sie löste den kleinen Hebel am Griff und der Stampfer setzte sich hüpfend in Bewegung. Gut, dass der Bürgermeister mit ihr trainiert hatte, sonst hätte sie die Gewalt der Maschine nicht bändigen können. Sie führte den Stampfer langsam über die Bündel und wieder zurück, dann noch einmal hin und her, kreuz und quer. Nach fünf Minuten schaltete sie die Maschine ab, bückte sich und öffnete das eine Bündel probeweise. Höchst zufrieden mit dem Ergebnis öffnete sie alle anderen Bündel und schüttete den Inhalt aus, dabei achtete sie darauf, dass sie die kleinen Bröckchen großzügig verteilte. Nun nahm sie die Schaufel und schippte Kies darauf. Erneut warf sie den Stampfer an und ließ ihn über die Fläche hopsen. Es machte ihr Spaß, die Vibration durch ihren ganzen Körper hindurch zu spüren. Morgen Vormittag würde sie dann mit dem Rüttler das Fundament fertigstellen.
06
Als Maximilian Pfeffer das Haus betrat, war alles dunkel. Nur ein schwacher Lichtschimmer drang aus dem Wohnzimmer. Verwundert blieb er stehen und lauschte. Er machte im Flur Licht und zog sein Sakko aus, dann ging er im Dunkeln weiter ins Wohnzimmer. Eine Kerze brannte auf dem Couchtisch. Nun nahm Pfeffer die Umrisse eines Mannes wahr, der auf dem Sofa saß. Plötzlich setzte entspannte Musik ein, Pfeffer erkannte die melancholische Jazztrompete von Till Brönner und musste schmunzeln. Ein Vibrieren lag in der Luft, noch immer sagte niemand ein Wort. Schließlich stand der Mann vom Sofa auf und kam näher. Er trug einen Bademantel, den er nun öffnete und zu Boden fallen ließ. Darunter war er nackt.
»Florian ist bei Kevin und kommt nicht vor zehn Uhr zurück. Cosmo ist im Massive-Attack-Konzert und schläft dann bei Lilly«, sagte er.
Pfeffer musste grinsen. »Dann haben wir sturmfreie Bude?«
»Erraten, Superbulle. Du hast die Wahl zwischen den drei Hs: heiß, hart oder hemmungslos.«
»Wenn das so ist, dann nehme ich alle drei!«
»Wusste ich es doch!« Tim de Fries trat nahe an seinen Lebensgefährten Max Pfeffer heran. Mit seinen einsneunzig überragte er den eher durchschnittsgroßen Kriminaler um einiges. Im warmen Kerzenlicht funkelten seine Mandelaugen verheißungsvoll. Tim, der auf der niederländischen Karibikinsel Curaçao geboren wurde und laut Eigenbezeichnung eine »leckere holländische Kolonialware« war, weil er Vorfahren aus beinahe allen ehemaligen niederländischen Kolonien – von Java über Surinam bis Ghana – vorweisen konnte, knöpfte langsam Pfeffers Hemd auf. Sein Kupferteint schimmerte im Halbdunkel. Auf der Nase tanzten dunkle Sommersprossen. Er ließ die Hände tiefer gleiten. »Und um die gute alte Mae West zu zitieren: Is that a gun in your pocket or are you just glad to see me?«
»Beides«, sagte Pfeffer heiser und hielt Tims Hände fest. Dabei streichelte er zärtlich über den kleinen Stumpf an der Stelle der rechten Hand, wo einst Tims Ringfinger war. Der fehlende Finger blieb für alle Zeiten eine Erinnerung an die grausame Entführung, die Tim im vergangenen Jahr nur knapp überlebt hatte. Jene Horrortage, die Tim in einem dunklen Verließ verbringen musste, dem er nur entkommen konnte, indem er einen Menschen tötete. Einen geisteskranken Psychopathen zwar, doch Tim kam noch immer nicht darüber hinweg, dass er einen Menschen auf dem Gewissen hatte. Einen positiven Nebeneffekt jedoch hatte die Tragödie: Es hatte Tim finanziell nicht geschadet. Der freiberufliche Coach, der für große Unternehmen hauptsächlich Konfliktlösungsseminare hielt oder als Monitoring-Experte arbeitete, schrieb seitdem für verschiedene Verlage populärwissenschaftliche Bücher zum Thema Coaching, Selbstmotivation und Konfliktlösung. »Tschakka-Schwarten« nannte Tim sie. Dadurch konnte er mehr Zeit zu Hause verbringen – zumindest solange ihn die Verlage nicht auf Lesereisen oder Vortragstouren schickten. Und auch für das Privatleben hatten sich Vorteile aus dem Horror ergeben: Seitdem war nicht nur die einst kriselnde Beziehung gekittet, seitdem hatten sie auch wieder ein funktionierendes Sexleben.
»Nicht so schnell«, flüsterte Pfeffer. »Lass mich erst duschen. Ich bin unrasiert und ziemlich verschwitzt.«
»Du weißt immer noch, wie du mich auf Touren bringen kannst. Du wirst gleich erleben, was verschwitzt heißt!« Tim riss ihm regelrecht die Kleider vom Leib. »Duschen können wir nachher zusammen.«
Später, als sie schwer atmend auf dem Wohnzimmerteppich lagen und in wohligem Dämmern eng umschlungen vor sich hinträumten, hob Tim träge seinen Kopf von Pfeffers Brust und fragte: »Willst du rauchen?«
»Graag.« Pfeffer brauchte nicht lange zu überlegen, was »gerne« auf Niederländisch heißt, es war eines der ersten Worte, das er gelernt hatte.
»Goed, wacht even, ik haal iets.« Tim stand auf und ging ins Nebenzimmer.
Aus den versteckt angebrachten Lautsprecherboxen jazzte Keiko Lee rauchig ›You’d be so nice to come home to‹. Pfeffer sah hinüber zu dem antiken laotischen Buddha auf dem Sideboard, der im flackernden Kerzenlicht besonders milde lächelte, und dachte daran, wie schön es war, jemanden zu haben, zu dem man nach Hause kommen konnte und sang leise mit. »You’d be so nice, you’d be paradise to come home to …«
Tim kam mit einem Joint wieder und zündete ihn an der Kerze an.
»Ich dachte eigentlich an eine normale Zigarette«, sagte Pfeffer. »Außerdem musst du nicht unbedingt einen Seemann umbringen.«
Tim warf ihm ein Päckchen Gauloises Blondes zu und hielt ihm dann die Kerze hin. »Weißt du, woher dieser Nonsens kommt, dass man einen Matrosen umbringt, wenn man eine Zigarette mit der Kerze anzündet? Früher haben Seeleute, die keine Heuer hatten und die Zeit in den Häfen totschlagen mussten, Zündhölzer in den Kneipen verkauft. Damit haben sie überlebt, bis die einen neuen Job gefunden haben. Und wenn nun jemand seine Zigarette mit einer Kerze anzündete, brauchte er keine Streichhölzer. Also verdiente ein arbeitsloser Seemann nichts und musste verhungern.«
»Das wusste ich wirklich nicht.« Pfeffer nahm einen Zug an seiner Zigarette.
»Frag einfach einen aus einer Hafenstadt.«
»Gelobt sei die Arbeitslosenversicherung.«
»Amen.«
»Hör mal, wir sollten uns wirklich keine Drogen reinpfeifen, wenn die Kinder …«
»Sollten wir wirklich nicht, Maxl. Hier.« Tim reichte Pfeffer den Joint. »Tun wir aber.«
»Genau.« Pfeffer inhalierte tief.
»Das letzte Mal ist außerdem schon über ein Jahr her.«
»Als du den ersten Tag aus dem Krankenhaus draußen warst? Stimmts? Da saßen wir im Garten unter dem großen Walnussbaum, Flo war bei deiner Mutter in Amsterdam und Cosmas mit seiner damaligen Flamme Natalie in der Türkei.«
»Hey, Max Pfeffer, du erinnerst dich so genau daran? Du bist also doch ein Romantiker.«
»Das täuscht. Ich kann nur perfekt so tun, als ob.«
»Alle mal herhören: Max Pfeffer, knallharter Superbulle, ist ein Romantiker!«
»Schnauze, oder ich verhafte dich wegen Drogenbesitz.«
»Wäre ja nicht das erste Mal.«
Die beiden lachten. So hatten sie sich vor über acht Jahren kennengelernt. Bulle verhaftete Kiffer – und verliebte sich dann in ihn.
Pfeffer wurde kurz ernst: »Ich bin Kriminalbeamter, nicht vergessen. Und ich möchte nicht, dass die Kinder abrutschen. Vor allem Cosmas.«
»Relax, Max Pfeffer. Schau mich an. Du weißt, dass ich mit vierzehn eine klassische Drogenkarriere gestartet und bis auf Heroin fast alles genommen habe. Und schau mich heute an!«
»Du liegst mit einem Kerl nackt auf dem Wohnzimmerboden und kiffst.«
»Stimmt. Aber ich habe einen guten Mann, der mich fast nie schlägt, zwei entzückende Kinder, ein Haus …«
»… und die Megaperls.«
Die beiden kugelten sich vor Lachen.
»Im Ernst, Maxl, meine Eltern haben damals auch gedacht, ich lande irgendwann auf dem Bahnhofsstrich. Damals habe ich es nicht verstanden. Ich wollte ja einfach nur leben. Aber ich habe trotz allem studiert und verdiene heute mehr als der beste Bahnhofsstricher.«
»Tausendmal mehr.«
»Millionenmal mehr.«
Pfeffer kicherte und Tim schwieg. Plötzlich riss sie ein unangenehmes Piepsen aus dem Gemeinsam-Atmen.
»Was ist denn das?«, fragte Tim.
»Was wohl? Mein Handy.«
»Hast du etwa Bereitschaft? Wir haben aber noch gar nicht gegessen, ich habe was vorbereitet.«
»Das könnten wir auch später noch essen. Wird außerdem sicher nicht die Arbeit sein. Positiv denken! Wir haben heute schon ein Skelett gefunden, draußen auf dem Anwesen der Nives Marell. Das wars heute mit den Leichen. Ist bestimmt einer von den Jungs.« Pfeffer stand auf und holte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Auf dem Display stand ›Arbeit‹. Er seufzte und nahm ab.