Kitabı oku: «Saat der Rache», sayfa 3
Nach und nach wurde absehbar, dass Hel ihn nicht empfangen würde. Als ein Mond durchs Land gegangen war, konnte Hagen das Bett das erste Mal verlassen. Schwach und abgemagert wurde er von zwei Zofen mehr getragen, als selbst einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Die Wunden und der gebrochene Kiefer verheilten, aber eine schreckliche Narbe verunstaltete seine rechte Gesichtshälfte. Viel mehr machte dem jungen Recken aber der Verlust seines rechten Auges zu schaffen, denn es war ein arger Nachteil beim Kämpfen nicht erkennen zu können, was von dieser Seite auf ihn zukam. Oft packte ihn sein Zorn über diese Unzulänglichkeit und er musste sich eine neue Kampftechnik antrainieren, um den Mangel auszugleichen. Einer, der ihm mit viel Geduld dabei half, war der Schwager des Königs, Markgraf Rodinger.
Das war aber nicht alles. Frau Ercha war die Erste, der die Veränderung in Hagens Wesen auffiel. Er war stets ungeduldig und aufbrausend gewesen. Aber seit er die verletzungsbedingte Umnachtung hinter sich gelassen hatte, kam es immer wieder zu völlig überraschenden und unangebrachten Zornesausbrüchen, die seine Umgebung das Fürchten lehrte. In Susat munkelte man, das Fieber hätte ihm diese unbändige Wut ins Gemüt gesenkt. Ercha, die um den Frieden ihres Haushaltes bangte, bat Attalo, er möge ihn aus dem Dienst entlassen. So kehrte Hagen, als er seine Kräfte vollkommen wiedererlangt hatte, mit Attalos Segen als junger Krieger nach Vernica zurück.
Dort wurde ihm, nachdem sich der Schreck über sein entstelltes Gesicht gelegt hatte, ein freundlicher Empfang zuteil. Aldrian wollte dem Ziehsohn eine besondere Überraschung anlässlich seiner Rückkehr bereiten. Während Hagens Aufenthaltes in Susat hatte er in einem verfallenen römischen Landgut, Trovia mit Namen, Bauern angesiedelt, die das Gut in Stand setzten und die Felder wieder urbar machten.
Am Tag nach seiner Heimkehr ließ der Häuptling sein und Hagens Pferd satteln, rief nach ihm und lud ihn ein:
„Komm, Hagen, lass uns ausreiten.“
Erstaunt aber freudig überrascht sprang der junge Mann in den Sattel und ritt an der Seite seines Stiefvaters aus der Burg. Es war Sommer und der Tag war jung. Die beiden ritten im Galopp über die Felder an Gunters Meierei vorbei und etwa noch einmal so weit in dieselbe Richtung. Am Rand eines Ackers auf einem Hügelkamm zog der Häuptling die Zügel an und wartete, bis Hagen an seine Seite gekommen war. Vor ihnen lagen eine grüne fruchtbare Senke und in deren Zentrum ein römisches Landhaus, nicht ganz so groß wie Irianiacum, aber weil neu hergerichtet in reinstem Weiß erstrahlend.
„Hagen“, Aldrian ließ die rechte Hand auf die Schulter des Jungen fallen, um die Bedeutung seiner Worte zu unterstreichen, „du kennst dieses Gut aus Kindertagen nur als Ruine. Jetzt ist das Landhaus wiederaufgebaut und ein ertragreicher Hof. Dies ist Trovia und es soll dir gehören! Was sagst du dazu, Hagen von Trovia?“
Der junge Mann riss die Augen auf. Vor lauter Aufregung wusste er gar nicht, was er sagen sollte. Dann wandte er sich direkt dem Häuptling zu.
„Habt heißen Dank für dieses große Geschenk, Herr. Aber lieber als ‚Herr von Trovia‘ wäre mir, ich könnte mich ‚Hagen, Aldrians Sohn‘ nennen.“
Des Häuptlings Miene verfinsterte sich. Er verstand diese Worte Hagens fälschlicherweise als Zurückweisung.
„Du weißt, dass das nicht sein kann“, entgegnete er und wendete seinen Hengst mit einem Schenkeldruck. „Ach übrigens, du musst mit dem Ertrag deines Hofes zum Erhalt von Vernica natürlich beitragen, Herr von Trovia.“ Verärgert gab er dem Pferd die Sporen und galoppierte zurück zur Burg.
Hagen folgte ihm verdrossen und enttäuscht. Es war ihm in seiner Überraschung gar nicht bewusst geworden, was diese Ernennung zum ‚Herrn von Trovia‘ bedeutete. Sein Stiefvater hatte ihn damit in den Kreis der Edlen des Volkes erhoben und den Makel des Bastards von ihm genommen. Und jetzt war Aldrian gekränkt, dass Hagen dies offenbar nicht zu würdigen wusste. Dabei wollte er nur zum Ausdruck bringen, dass ihm die Anerkennung seines Stiefvaters wichtiger war als jeder Titel. So ritten sie beide schweigend nebeneinander nachhause und es war ein Sinnbild der zwischen ihnen herrschenden Gefühle, dass ein Sommergewitter sie völlig durchnässte, bevor sie im Burghof absaßen.
Erst dort fiel Hagen, weil sie exakt an derselben Stelle zu stehen kamen wie damals, wieder der Vorfall ein, als er als Sechsjähriger den Häuptling gefragt hatte, wo ‚Hagens Meierei‘ stünde. Jetzt hatte Aldrian ihm mit Trovia seinen Hof geschenkt und er hatte es nicht zu würdigen gewusst!
Die Jahre darauf wurde Aldrian siech und als Gunter fünfzehn Lenze zählte und der Sommer sich dem Ende zuneigte, verstarb der Häuptling. Als Hel, die Todesgöttin, ihn empfangen und er auf seinem Lager den letzten Atemzug gemacht hatte, begab sich Gunter umgehend in die Halle. Vor der Stufe zum Hochsitz blieb er stehen und schaute hinauf zum Thron, über den noch Aldrians Mantel wie ein Symbol der verwaisten Herrschaft gebreitet war.
„Wenn du dich nicht getraust, den Sitz einzunehmen – soll ich es machen“, stichelte Hagen, der hinter Gunter, ohne dass dieser es bemerkt hatte, in die Halle getreten war.
„Was glaubst du, Hagen, werde ich mich als Häuptling meines Vaters würdig erweisen?“ Gunter war seine Unsicherheit anzumerken.
„Wenn ich dir helfe, kann noch etwas aus dir werden“, ätzte Hagen, um Gunter gleich von vorneherein klar zu machen, wie unverzichtbar er für seine Regentschaft sein würde.
„Aber du entschuldigst mich jetzt, mein zukünftiger Häuptling, wenn ich dich mit deinen Träumen allein lasse. Ich habe ein Thing zu der Schilderhebung vorzubereiten.“ Damit verbeugte er sich in gespielter Unterwürfigkeit und verließ die Halle, mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen. Aber unmittelbar hinter dem geschlossenen Tor blieb er stehen. Hagen ahnte etwas und er sah darin eine Gelegenheit, seinen Bruder zu demütigen.
Als Gunter in der Halle allein war, ging er die Stufe hoch und stand einige Augenblicke vor dem Thron. Schließlich warf er sich den Mantel des Häuptlings um, holte tief Luft und setzte sich aufrecht in den Hochsitz.
„Mein geliebtes Volk… nein… ich, euer Häuptling…!“ Mit großartigen Gesten wollte Gunter sein Auftreten als neuer Herrscher üben. In dem Augenblick, in dem er eine theatralische Bewegung mit dem Arm vollführte, stieß Hagen das Tor der Halle wieder auf und stand nun breit grinsend darin. Gunter fror vor Scham in seiner Haltung ein – es war ihm unsagbar peinlich, dass sein Bruder ihn dabei ertappt hatte, wie er übte ‚Häuptling Gunter‘ zu sein. Genau diese Demütigung hatte Hagen bezweckt. Sein Halbbruder sollte sich einer Sache sicher sein: Dass es noch jemanden gibt, der über ihm steht.
„Übernimm dich nicht, kleiner Bruder. Du hast noch ein paar Tage Zeit zu üben, bis das Thing stattfindet.“ Lauthals lachend verließ Hagen endgültig die Halle. Der Gedemütigte sackte im Hochstuhl zusammen. Von ‚Häuptling Gunter‘ war nichts übriggeblieben als ein geschmähtes Häufchen Elend.
Hagen übernahm nun die Aufgabe, das Erhebungsthing zu organisieren. Auf seinem Weg über den Burghof traf er auf den Herrn von Gunters Meierei, den alten Freund und Mitstreiter Aldrians.
„Truchsess!“ Hagen trat dem, mit gebeugtem Haupt einhergehenden Recken in den Weg. „Wollt ihr dem alten Häuptling einen Dienst erweisen und das Amt des Thing-Grafen zu der Schilderhebung seines Nachfolgers übernehmen?“
„Ah, Hagen“, dem Mann war die Trauer um den verstorbenen Weggefährten anzusehen und er wirkte wie aus seinen Erinnerungen in die Gegenwart zurückgeholt. „Es ehrt Euch, dass ihr mich noch ‚Truchsess‘ nennt, aber das bin ich nicht mehr. Die rechte Hand des neuen Häuptlings seid jetzt ihr. Aber eurer Bitte entspreche ich gerne und werde das Amt des Thing-Grafen übernehmen. Wir sehen uns dann auf der Versammlung zum nächsten Vollmond.“ Damit stieg er auf sein Pferd und trottete, mit gebrochener Stimme ein altes Heldenlied zu Ehren seines verstorbenen Freundes Aldrian singend, aus Vernica hinaus.
Seinen ganzen Ehrgeiz legte Hagen in den kommenden Tagen darein, ein Fest auszurichten, von dem man noch lange reden würde. Er sandte Boten über das Land, welche zur Schilderhebung rufen sollten, und ließ den Thingplatz vorbereiten. Dieser lag auf Scaevolas Heide nach Sonnenaufgang von Tolbiacum. Der flache Hügel bot eine gute Fernsicht die Römerstraße entlang und gegen Mittag in das bewaldete Hügelland. Dies wussten auch die Römer zu schätzen und hatten auf seiner höchsten Stelle einen hölzernen Wachtturm gebaut. Derselbe war aber schon völlig zerfallen und den Einheimischen ohnehin ein Dorn im Auge. Hagen gab den Befehl, die Reste des Turmes gänzlich abzutragen und als Brennmaterial für die Lagerfeuer des Things zu verwenden.
Dadurch kam die alte, große Linde auf dem Hügel im Zentrum des Heidefeldes wieder zur Geltung. Der Thingstein unter ihr wurde von den Goden sorgfältig vom Vogelmist gereinigt mit Wein und Milch besprengt und gesegnet und das ganze Areal mit heiligen Haselruten eingezäunt. An die umliegenden Gutshöfe erging der Befehl, die Verpflegung für die Thingmänner bereitzustellen. Dazu wurden die Geldtruhen Vernicas geöffnet und die Höfe für ihre Dienste entschädigt.
Beim nächsten Vollmond versammelten sich alle Edlen und freien Männer des Reiches zu dem gebotenen Thing auf Scaevolas Heide.
Nachdem die Goden die notwendigen Segenssprüche und Dankopfer dargebracht hatten, kletterte der Thing-Graf auf den Stein unter der Linde. Er winkte Gunter heran und deutete ihm, sich neben ihn zu stellen. Nächst dem alten Kämpen wirkte jener so zart wie ein kleines Birkenbäumchen im Schatten einer uralten Eiche.
„Niflungen! Ethelinge und Leudes!“ Der Ruf aus seiner breiten Brust hatte keine Mühe, sich bei allen Gehör zu verschaffen. „Wir sind hier zusammengekommen, um als freie Männer unseren Anführer zu wählen. Gunter, Aldrians Sohn, der Erbe dessen, der zu den Ahnen gegangen ist, hat als erster Anspruch darauf, wie es bei uns gute Sitte ist. Aber es ist ebenso Brauch, dass das Thing berechtigt ist, ihm die Gefolgschaft zu versagen, wenn es gewichtige Gründe dafür gibt. Bedenkt wohl, denn es ist die letzte Gelegenheit dazu.
Wenn ihr ihn auf den Schild gehoben habt, dann seid ihr ihm bis zum Ende zur Treue verpflichtet. Ihr habt einen Tag Zeit das Für und Wider abzuwägen. Heute könnt ihr mit freier Zunge sprechen, während Wein, Met und Bier euch dieselben lockern und ihr euch die Bäuche füllt. Keinem soll aus seiner Rede ein Nachteil erwachsen. Jeder kann noch seine Meinung kundtun oder auch ändern. Morgen aber, wenn die Sonne im Zenit steht und ihr wieder nüchtern seid, wird die Wahl stattfinden. Und wie immer sie ausgeht – wir alle sind daran gebunden!“
Lauter Jubel und das Dröhnen von auf die Schilde geschlagenen Schwertern bedankten den Alten für seine Worte. Dann begann das eintägige Gelage, mit dem das Erhebungsthing eingeleitet wurde. Die Männer lagerten auf der Heide, dort wo es ihnen gut schien. An mehreren Stellen waren große Zeltplanen gespannt, für den Fall, dass es die Götter des Regens und des Windes nicht gut mit der Versammlung meinen würden. Zum Glück wurden diese aber nicht benötigt.
Über der Glut der Kochfeuer drehten sich die riesigen Spieße mit den Ochsenhälften schon seit den frühen Morgenstunden. Auch manches Schwein oder Huhn und manche Gans hatten ihr Leben lassen müssen. Daneben wurden Körbe mit Äpfeln, Hasel- und Walnüssen gereicht. Hagen hatte sogar aus der Gegend von Treviri rhinaufwärts an der Mosella Trauben und von weiter gegen Mittag aus Germania prima nahe dem Land der Alamannen Maronen bringen lassen. Allerlei Gemüse wie Zwiebeln, Rüben und Kohl wurden gedünstet und mit einer Vielzahl von Kräutern zu schmackhaften Beilagen verarbeitet. Käselaibe sowie Schalen mit geronnener Milch standen auf jedem Tisch, daneben Körbe mit Fladen von duftendem Brot. Zwischen den Feuern waren die Fässer mit den Getränken aufgestellt, denn ein durstiger Mann redet nicht gerne. Alle ergingen sich in Debatten zur Wahl, erst ernsthaft und sachlich, dann mit zunehmend durch Bier, Wein und Met gelösten Zungen lautstark und hemmungslos. Das Gelage dauerte bis spät in die Nacht. Als die Kochstellen nicht mehr gebraucht wurden, entzündete man an den Holzkohlen wieder große Lagerfeuer, welche die Männer wärmten, bis auch diese Feuer niedergebrannt waren. Nach und nach wurden dann aber allen die Lider schwer und einer nach dem anderen legte sich schlafen.
Am nächsten Morgen, als sich die Nebel über der Heide langsam hoben, schälten sich die Schläfer aus ihren Decken. Mancher versuchte, die steifen Glieder wieder an die alte Beweglichkeit zu erinnern. Wer Hunger hatte, konnte sich an den Resten des Mahles vom Tag zuvor laben, dazu gab es aber diesmal nur Wasser aus den Krügen. Die darüber streng wachenden Ältesten der Edlen gingen durch die Menge und fingen die Stimmung ein. Sodann trafen sie sich mit dem Truchsess unter der Linde.
„Wir haben keinen gewichtigen Grund gehört, warum Aldrians Blutlinie auf dem Thron nicht fortgeführt werden soll.“ „Gunter ist wohl noch jung, aber es wurden auch schon jüngere Knaben auf den Schild gehoben.“ „Er wird in seine Würde allemal hineinwachsen“, waren die Meldungen, die dem Thing-Grafen zu Ohren gebracht wurden.
„So sei es denn.“ Der Truchsess erklomm, wie am Vortag, den Thingstein.
„Niflungen“, tönte er. „Ihr habt als Freie unter Freien den Ältesten keinen triftigen Grund genannt, der gegen Gunter als unseren neuen Häuptling spräche. Aber noch einmal frage ich euch alle, damit keine Stimme womöglich überhört worden sei: Gibt es einen unter euch, der Gewichtiges gegen Gunters Erhebung vorzubringen hätte! Nein? Dann geschehe es, wie angekündigt!“
Der Truchsess ließ sich die Insignien reichen und setzte zuerst Gunter den Stirnreif aufs Haupt.
„Möge das Gold dieses Reifens dich an die Spitze deines Volkes erheben und das Gewicht desselben an die Verantwortung gemahnen, die du nun trägst! Reiche mir die Hand deines Herzens.“
Gunter streckte ihm seine linke Hand entgegen und der alte Truchsess steckte ihm den Siegelring an den Zeigefinger.
„Der Ring soll zeigen, wer du bist und wer die Macht hat Recht zu sprechen in diesem Land!“
Zuletzt drückte er ihm den Wurfspeer in die rechte Hand.
„Und mit der Waffe in der Hand verteidige dein Land und Volk! Ich als der Thing-Graf erhebe dich, Gunter, Aldrians Sohn, zum Oberhaupt unseres Volkes. Heil Gunter! Hebt ihn, den neuen Häuptling, auf den Schild und leistet ihm den Eid der Treue!“
Erneut begleitete tosendes Dröhnen aufeinandergeschlagener Waffen die Worte des Zeremonienmeisters. Vier Männer, einer davon Hagen, hoben einen großen Schild empor, dass Gunter direkt von dem Thingstein auf diesen steigen konnte. Auf der Runde um die Linde, mit der der frisch gekürte Häuptling dem Thingvolk gezeigt wurde, rutschte Hagen, war es Zufall oder Absicht, die Hand vom Schildrand ab, worauf derselbe etwas kippte. Beinahe wäre Gunter vom Schild gefallen. Das hätten alle mit Sicherheit als böses Omen gedeutet. Blitzartig griff Hagen nach seines Bruders Hand und gab ihm damit den nötigen Halt wieder. Ein kurzer Blick von ihm hinauf zu Gunter, bedeutete diesem: Gib gut acht, ich kann dich stürzen oder stützen, ganz wie es mir beliebt.
Mit dieser Zeremonie folgte Gunter, Aldrians Sohn, seinem Vater auf dem Thron des Stammesführers nach und regierte von da an über Niflunga.
Das Gastmahl zu Bern
Es war früh im Jahreskreis und die Sonne hatte eben erst die letzten Flecken Schnee aus den schattigen Niederungen schmelzen lassen, als ein Bote in die Burg Vernica kam. Rasch begaben sich der Häuptling und sein Truchsess in die Halle, um zu hören, welche Nachricht jener bringen sollte.
Gunter hatte im Hochstuhl Platz genommen und Hagen stand, wie er es sich angewöhnt hatte, zur rechten Hand hinter ihm. Der Bote, von den Wachen eingelassen, trat an den Thron und grüßte ehrerbietig:
„Heil, König Gunter und auch Euch, Hagen von Trovia, entbiete ich den Gruß meines Herrn. Euer Nachbar, König Didrik von Aumlunga, der in Verona residiert, welches wir Bern nennen und den man deshalb auch ‚den Berner‘ nennt, sendet Euch diese Nachricht: Er lädt König Gunter und Hagen von Trovia zu sich, um mit Euch und anderen Gefährten zum Einzug des Frühlings ein großes Fest zu feiern. Dazu bittet er Euch, die Reise zu ihm nicht zu scheuen und zum nächsten Vollmond nach Bern zu kommen.“
Gunter warf einen erfreuten Seitenblick auf Hagen und antwortete:
„Berichtet eurem Herrn, König Didrik, dass wir ihm aufrichtig für die Einladung danken und den Tag unserer Zusammenkunft mit Ungeduld herbeisehnen. Euch selbst sei gedankt für die Übermittlung dieser guten Botschaft. Ihr werdet heute Gast in unserer Burg sein. Esst und trinkt, so viel ihr wollt. Ihr sollt ein bequemes Lager für die Nacht erhalten und morgen meine Antwort nach Bern überbringen.“ Damit entließ er den Boten.
„Das nenne ich eine freudige Nachricht“. Gunter sprang auf, als das Tor der Halle sich hinter dem Kurier geschlossen hatte. „Es ist schon so lange her, dass wir Didrik gesehen haben. Als wir ihn zuletzt trafen, war er noch nicht einmal mannbar, geschweige denn … König. Nennt er sich jetzt tatsächlich König? Oder habe ich mich da verhört?“
„Nein, du hast dich nicht verhört und er hat auch dich König genannt! Soll zuletzt weit verbreitet sein, dass sich die Häuptlinge neuerdings mit ‚König‘ anreden lassen. Aber an die Art, wie man sich standesgemäß unterhalten und Nachrichten zukommen lassen muss, werde ich mich nicht gewöhnen. Früher haben wir uns zugerufen »Komm, reiten wir aus« und jetzt sitzt er auf einem erhöhten Stuhl und es heißt »Er bittet euch, die Reise zu ihm nicht zu scheuen«. Warum können Männer, wenn sie eine gehobene Position eingenommen haben, nicht mehr normal reden“, knurrte Hagen.
„Vielleicht sollte ich mich ab nun auch König rufen lassen, wenn mich Didrik schon so bezeichnet.“ Gunter schien durchaus Gefallen an der bedeutsameren Titulierung zu finden.
„Didrik war immer schon ein wenig überheblich. Sein krankhafter Ehrgeiz niemanden über sich zu dulden, dürfte ihn zu dieser Beförderung seiner selbst verleitet haben“. Hagen konnte sich den sarkastischen Unterton nicht verkneifen.
„Da hast du Recht, aber ich mag ihn dennoch. Wenn er König sein will, wollen wir uns auf die Reise machen und unseren Nachbarn ‚den König‘ besuchen.“
„Ich habe auch nichts gegen diese Fahrt einzuwenden“, gestand Hagen. „Der Winter war lang und finster. Es wird uns guttun, unsere Knochen bei einem schönen Ritt und einem Fest mit Freunden auszulüften.“
Als sie sich auf den Weg machten, schien die Sonne bereits mit der Kraft des Frühlings von einem strahlend blauen Himmel. Da es zwar ein offizieller Besuch, aber einer unter Freunden war, ritten Gunter und Hagen nur mit je einem Diener und einem Waffenknecht, denn die Zeiten waren ausnahmsweise einmal eher ruhig. Sie alle genossen die Schönheit und Kraft der sich vor ihnen entfaltenden Natur und waren guter Laune; sogar Hagen, der für derlei Eindrücke sonst weniger empfänglich war. Gunter nutzte dies aus.
„Hagen, kannst du mir etwas über die Herkunft Didriks erzählen. Wir haben uns zwar schon über die Jahre öfter gesehen und miteinander gespielt und gerungen. Aber wir waren Kinder, da interessiert man sich nicht dafür woher der Spielgefährte kommt. Als Häuptling sollte ich aber, wie ich finde, um die Verhältnisse im Nachbarreich Bescheid wissen. Was weißt du über Didriks Sippe und sein Land?“
„Ein löblicher Vorsatz – aber vergiss nicht, dass du durch Didriks Gnaden jetzt zum König aufgerückt bist.“ Für Hagens Sarkasmus war des Berners Neigung zur Großspurigkeit ein ständiger Quell für ätzende Bemerkungen. Aber es freute ihn, dass sein jüngerer Halbbruder es anerkannte, dass er, der Bastard, den größeren Weitblick hatte. Nicht zuletzt, weil Hagen durch die Unterweisung am Hofe Attalos seinen Horizont stärker erweitern hatte können, als der Häuptlingssohn, der kaum aus Vernica herausgekommen war.
„Die Sippe Didriks sind die Aumlungen. Du solltest sie nicht mit der Ostgotensippe der Amaler, die auch Amelungen genannt werden, verwechseln. Deren augenblicklicher König heißt interessanterweise auch Theoderich, was nur eine andere Form der Aussprache von Didrik ist. Aber die Gelegenheit für peinliche Verwechslungen wirst du nicht haben, denn Didrik kennst du und Theoderich wirst du vermutlich nie kennen lernen – es sei denn, du reist nach Italia. Dort verwaltet er in Ravenna für den Kaiser in Konstantinopel das, was vom weströmischen Reich noch übriggeblieben ist.
Didriks Vater war Thetmar und sein Großvater Samson – beides gewaltige Recken ihrer Zeit. Samson stammte aus Hespanga und war, fast gleichzeitig wie unser Vater Aldrian nach Sonnenaufgang gezogen, um neues Land zu erobern.“ Hagen war es mittlerweile, trotz der seinerzeitigen ausdrücklichen Ablehnung durch den Stiefvater, zur Gewohnheit geworden, sich als ‚Aldrians Sohn‘ zu bezeichnen, selbst gegenüber seiner Verwandtschaft, die ja wohl wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach.
„Thetmar, Didriks Vater, hatte Bern und Aumlunga geerbt und sein Vaterbruder Ermenrik schließlich Treviri, die Kaiserstadt an der Mosella, die sie auch das zweite Rom nennen. Auch deren Umland eroberte er.
Didrik selbst brauche ich dir nicht vorzustellen. Auch seinen Ehrgeiz, niemanden über sich zu dulden, kennst du. Aber einen hast du bisher kaum wahrgenommen, denn er hält sich immer bescheiden im Hintergrund: Seinen Waffenmeister Hillebrand, den er wie einen Vater liebt.“
„Doch“, entgegnete ihm Gunter, „den kenne ich. Er hat blondgelocktes Haar und ebensolchen Bart und ist von kräftiger Statur. Aber wie du sagst, er steht zurückhaltend hinter Didrik und tut sich nie hervor.“
„Ja, das ist Hillebrand. Und Bescheidenheit ist eine seiner größten Tugenden. Geboren als Sohn des Grafen Ragbald von Venedi ging er im Alter von dreißig Jahren nach Bern, um Didriks Vater Thetmar zu dienen. Didrik, damals sechs Lenze alt, schloss ihn sofort ins Herz und so wurde Hillebrand sein Lehr- und als er mit zwölf Jahren mannbar wurde, sein Waffenmeister. Im Grunde ist er ein sanftmütiger Mann, aber wenn es zum Kampf kommt, nahezu unbezwingbar. Zusätzlich zeichnet ihn ein hoher Sinn für Gerechtigkeit und ein großes Verhandlungsgeschick aus. Und er ist ehrlich und aufrichtig bis zur Unbequemlichkeit. Wenn man einen Mann einen ‚Freund‘ nennen kann, dann ist Hillebrand ein solcher für den Berner. Und jeder sollte Didrik darum beneiden!“
Mit derlei Gesprächen vertrieben sie sich die Zeit bis sie nach Bern kamen. Unter großen Freudenrufen wurden sie dort von Didrik empfangen und der Gastgeber machte seine Gäste untereinander bekannt.
Außer den Niflungen-Brüdern, Gunter und Hagen, hatte Didrik noch zahlreiche andere Gefährten eingeladen, welche er seit seiner Mannbarwerdung, vier Jahre zuvor, als Freunde oder Vasallen gewonnen hatte. Einer dieser Gefährten war Heim, der Suebe. Ein kleiner, vierschrötiger und streitsüchtiger Bursche mit einem jähzornigen Charakter, dessen größte Lust es war, sich im Zweikampf zu messen. Er hatte mehrere Zöpfe in seinen Bart geflochten und ebenso wie seine Haare, welche er nach alter, fast aus der Mode gekommener Suebenart am rechten Scheitel geknotet trug, war dieser von rotblonder Farbe. Seine lebhaften Augen suchten immer die Umgebung ab, ob es etwas zu erleben gäbe. Heims Vater bewirtschaftete ein Waldgestüt in Svava und zog dort die edelsten Pferde, die weit und breit zu haben waren. Eines dieser Rosse gehörte Heim selbst und wurde ‚Rispa‘ gerufen. Und er besaß ein berühmtes Schwert, welches ‚Blutgang‘ hieß. Mit diesem grimmigen Namen machte es dem Beinamen seines Trägers alle Ehre, denn der vierschrötige Suebe wurde auch ‚der Grimme‘ genannt.
Als Heim siebzehn Lenze zählte, hörte er von Didrik, der soeben mannbar geworden war und dessen Ruf damals schon begann über die Lande zu dringen. Er teilte seinem Vater mit, dass er sich mit Didrik messen wolle, und ritt nach Bern. Der Zweikampf ging zu Didriks Gunsten aus und Heim musste ihm den Treueeid schwören. Er war der erste Vasall des Berners. Nachdem er ihm den Schwur geleistet hatte, schenkte Heim König Didrik das Ross ‚Falke‘. Es war der Bruder Rispas und wurde Didriks Ross für viele Jahre.
Noch zahlreiche andere Helden aus dieser Zeit, die sich einen Namen gemacht hatten, waren eingetroffen: Graf Hornboge und sein Sohn Amlung, Sintram und Fasold, Detzlef der Däne und Wildefer.
Ein Recke namens Wideke befand sich ebenfalls unter den Gesellen. Er war der Sohn des weithin berühmten Schmieds Weland. Von seinem Vater hatte er das Schwert ‚Mimung‘ erhalten. Dieser hatte von dessen Lehrmeister Mime eine geheime Technik gelernt, wie man besonders scharfe Klingen schmieden konnte. Und Weland hatte diese Kunst nochmals verbessert. So gab es keine zweite Waffe, wie dieses, denn sie durchdrang jede Brünne, spaltete jeden Helm und machte jeden Schild zu Kleinholz.
Didrik war mächtig stolz auf diese hochkarätige Kampfgemeinschaft. Der Tag der Ankunft der Männer verging wie im Flug mit Geschichten und Gelächter und manche Freundschaft wurde besiegelt. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, klatschte Didrik in die Hände:
„Freunde! Auf in die Halle! Was die Keller und Vorratskammern von Bern hergeben, wird heute aufgetragen. Esst und trinkt, so viel ihr wollt und könnt. Aber wenn euer Bauch zu platzen droht und ihr Raum für mehr schaffen wollt, dann tut das bitte nicht in der Halle, sondern übergebt euch hinter dem Haus. Jetzt kommt und lasst uns feiern!“
Tatsächlich hatte der junge König nicht übertrieben und die Tische bogen sich unter dem Gewicht der vollen Schüsseln, Platten und Krüge, die auf ihnen standen. Es war offensichtlich ein Ausdruck seiner Großspurigkeit, dass man mit der Menge drei- oder sogar fünfmal so viele Menschen mehr als satt bekommen hätte. Niemals könnten die Anwesenden das alles allein bewältigen. Die Sklaven und Diener würden am späteren Abend ebenfalls zu einem üppigen Festschmaus kommen, wenn sie die Reste abservierten.
Als sie schon eine Weile zusammengesessen und sich an Speis und Trank reichlich gelabt hatten, ließ sich Didrik eine große Trinkschale gefüllt mit dem besten Wein, den seine Burg hergab, bringen. Die Schale in der Hand stand er auf und rief:
„Freunde! Ich trinke auf euch und diese meine Kämpferschar. Auf dass der Friede in unserer Gemeinschaft immer währt.“
Daraufhin erhoben sie sich alle. Didrik nahm einen Schluck und reichte das Gefäß weiter an Hillebrand. Auch der nahm einen kräftigen Zug, nachdem er mit dem Ruf
„Auf Heil und Frieden!“, die Schale zum Gruß hebend, der Runde seine Ehrenbezeichnung erwiesen hatte. Das Schwurtrinken setzte sich fort, bis der letzte der Gemeinschaft eingeschworen und der Kelch wieder beim Berner gelandet war. Alle Anwesenden waren sich der Größe des Augenblickes bewusst – als eine im wahrsten Sinn des Wortes verschworene Schar, war ab nun jeder dem anderen auf Leben und Tod verpflichtet.
Didrik, dem der Wein schon etwas zu Kopf gestiegen war, setzte das Loblied auf sich selbst, nachdem die Trinkschale die Runde gegangen war, fort:
„Wir sind wohl die weithin einzige unbesiegbare Kampfgemeinschaft, von der ich weiß. Ich denke, keiner, der nur ein bisschen Verstand hat, würde es wagen, uns zum Kampf zu fordern.“ Beifälliges Murmeln von den jungen Männern vergewisserte ihn des Umstandes, dass sie das ebenso einschätzten.
Jetzt sah sich Hillebrand aber doch in der Pflicht, das hochfliegende Eigenlob seines Königs etwas zu bremsen:
„Ich weiß von einem Häuptling, Isung mit Namen, der wohnt viele Tagesreisen nach Mitternacht in einem Land, welches Bertanga genannt wird. Dieser hat elf Söhne und sie sind noch nie besiegt worden. Seit einigen Monden wird Isungs Kampfgemeinschaft noch verstärkt durch einen nahezu unbesiegbaren Helden, der Sigfrid heißt. Es geht das Gerücht, er habe einen Drachen getötet und sei unverwundbar. Der ist jetzt deren Bannerträger. Du siehst, mein König, es gibt deiner durchaus ebenbürtige Heldenrunden und es mindert nicht deine Ehre dies anzuerkennen.“
Didrik gefiel diese Art der Zurechtweisung gar nicht. Während er jedoch noch überlegte, wie er Hillebrand auf die Ungebührlichkeit seiner Wortwahl hinweisen sollte, ohne es dem Älteren gegenüber an Respekt fehlen zu lassen, hob Heim der Suebe den Kopf aus seinem Bierhumpen und murrte, mit auch schon recht schwerer Zunge:
„Isung und seine Söhne kenne ich nicht, aber Sigfrid ist mir vor Jahren über den Weg gelaufen. Eine gereizte Viper war ein Kinderspielzeug gegen diesen Knaben. Dabei war er damals gerade in dem Alter, in dem unsereins mannbar wird.“
„Du willst doch nicht sagen, dass du dich vor einem Knaben gefürchtet hast“, neckte ihn Wideke.
Ohne die Frage zu beantworten redete der Grimme in seinen Bierkrug starrend weiter, wie um etwas loszuwerden:
„Ich lebte damals, das ist schon einige Winter her, auf dem Gestüt Seegard meiner Base Brunhild. Sie ist die Tochter des ehemaligen Häuptlings von Svava, und mein Vater war nach dem Tod ihrer Eltern als ihr Mutterbruder ihr Vormund. Ihre Leidenschaft ist die Pferdezucht und die Tiere aus Seegard sind weit über die Grenzen ihres Landes berühmt. Ich reite selbst ein Pferd aus diesem Gestüt und König Didrik auch.“
Heim nahm einen Schluck aus seinem Krug und fuhr fort:
„Eines Tages kam wie aus dem Nichts ein Knabe vor die Tore des Hofes. Er machte einen fast lächerlichen Eindruck, denn er trug ein Kettenhemd, das ihm noch deutlich zu groß war. Es war ihm auch sichtlich warm von der Schlepperei und mit knallrotem Kopf und verschwitztem Haar begehrte er eher unwirsch Einlass und wollte die Herrin sprechen. Die Torwachen, zugegeben nur dazu eingesetzte Stallknechte und keine Kämpen, erheiterten sich über den komischen Knaben und gaben ihm den Rat, er solle sich davonmachen. Während noch der eine mit dem anderen über den Burschen lachte, verfinsterte sich dessen Miene und er wurde noch röter, als er schon war. Und plötzlich legte er los in einer derartigen Raserei, dass die beiden Wachen zwar noch einen Warnruf ausstoßen konnten, aber zu einer effektiven Gegenwehr gar nicht mehr kamen. Zuerst stieß er dem einen mit der Schildkante gegen die Gurgel. Um den zweiten lief er herum und hieb ihm mit der Spatha von hinten auf die Unterschenkel, sodass dieser, seiner Sehnen beraubt, vor ihm auf die Knie fiel. Abermals vor dem ersten angelangt rammte er ihm, welcher sich röchelnd den Hals hielt, die Schwertspitze in den Mund, dass sie zum Nacken wieder hinausfuhr. Noch während der Körper leblos zusammensackte, setzte er den Fuß auf dessen Brust und zog das Schwert heraus. Die Zähne des Unglückseligen erzeugten auf der Klinge ein weithin hörbares hässliches Kreischen. Zuletzt flog die Schneide dem auf den Knien liegenden Wächter an den Hals, dass sein Geschrei augenblicklich verstummte, als der Kopf fast abgetrennt zur Seite kippte.
