Kitabı oku: «Marie bucht einen Mann», sayfa 4
»Doch«, sagte Jana und blickte sie liebevoll an. »Erstens, du hast genügend Geld auf der Kante, das du nachweisen kannst. Zweitens bin ich sicher, dass du den Job bekommst und das nachreichen kannst. Und drittens werde ich mitkommen und für dich bürgen. Und wenn sie einen Bürgen haben, machen sie jeden Vertrag fertig.«
Sprachlos starrte Marie sie an. »Das würdest du wirklich für mich tun?«
Jana lächelte. »Ich weiß, dass du dasselbe auch für mich tun würdest.«
Marie stand auf und nahm ihre Freundin in die Arme.
»Das werde ich dir nie vergessen«, flüsterte sie.
»Ich werde dich dran erinnern«, lachte Jana. »Sag mal, hast du eine Flasche Sekt da? Das müssen wir feiern!«
»Eine ist noch im Kühlschrank. Ich hol sie.«
Auf dem Weg in die Küche verstaute Marie das Exposé wieder sorgfältig in ihrer Handtasche. Tausend Gedanken gingen ihr auf einmal durch den Kopf. Wann sollte sie mit Jens sprechen? Wann sollte sie es den Kindern sagen? Und vor allem, wie? Das würden die schwersten Momente in ihrem bisherigen Leben sein.
»Brauchst du Hilfe?«, rief Jana aus dem Wohnzimmer.
»Nein, das schaff ich schon!«
Mit einer kalten Flasche Prosecco und zwei Gläsern kam sie zurück und stieß dabei einen tiefen Seufzer aus.
»Du denkst an Jens?«, erriet Jana ihre Gedanken.
»Ja. Ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll. Ich weiß nicht, wann ich es ihm sagen soll. Und ich weiß nicht, wie ich es den Kindern sagen soll.«
»Willst du meine Meinung hören?«
Marie lächelte. »Das weißt du doch.«
»Ich mach dir einen Vorschlag. Wenn du möchtest, bin ich dabei, wenn du mit Jens sprichst. Er wird sich nicht trauen, auszurasten, wenn noch jemand anderes dabei ist.«
»Danke«, sagte Marie leise.
»Und überleg dir, ob es nicht besser ist, zu warten, bis du alles geregelt hast. Bis du den Job hast, die Wohnung eingerichtet und bereit bist, sofort zu gehen. Ein wochen- oder gar monatelanges Nebeneinander in Distanz, Wut und vielleicht auch Hass ist furchtbar. Ich an deiner Stelle würde alles vorbereiten und gehen, wenn ich auch tatsächlich gehen kann.«
Marie dachte darüber nach. »Vielleicht mache ich das. Aber ich kann nicht … ich kann ihn nicht mehr anfassen.«
»Das musst du auch gar nicht. Was meinst du wohl, wie viele Ehen es gibt, in denen die Partner ewig nicht miteinander schlafen? Sag ihm, du brauchst eine Auszeit. Sag ihm, du würdest zu einem Psychologen gehen. So bereitest du ihn vor, und wenn es so weit ist, wird er damit besser klarkommen.«
Marie schwirrte der Kopf. »Ich kann nicht alles auf einmal regeln.«
»Womit wollen wir beginnen?«, fragte Jana lächelnd und prostete ihrer Freundin zu. »Mit der Wohnung?«
Einen flüchtigen Moment lang dachte Marie an die Konsequenzen. Das alte Leben würde auseinanderbrechen. Das Umfeld der Kinder würde sich verändern. Gerede würde entstehen. Aber dann sagte sie sich, dass das so vielen Menschen ähnlich ergangen war, und auch sie hatten es geschafft.
»Ja«, sagte sie mit fester Stimme. »Mit der Wohnung.«
»Komm, ruf an und sag zu. Und wenn du sie hast, komm ich mit zu denen ins Büro.«
In dem Augenblick, als sie aufstand und das Telefon suchte, wurde ihr klar, dass jetzt der Moment kam, in dem sie einen Schritt tat, der nicht mehr umkehrbar war. Ein Schritt, der ein sehr langes Kapitel beendete. Und ein neues aufschlug.
»Hallo? Ja, ich war gestern mit Ihnen zusammen die Wohnung in der Ahornallee anschauen. Ich nehme sie.«
»Und?«, flüsterte Jana.
»Danke, das ist sehr nett«, strahlte Marie. Morgen Vormittag um zehn? Das kann ich einrichten. Vielen Dank.«
Jana hob die Hand und Marie klatschte sie ab. »Super! Ich freu mich total für dich!«
Zitternd vor Aufregung griff Marie nach der Proseccoflasche und schenkte nach.
»Auf dich!«, sagte Jana und stieß mit ihr an. »Du bist wirklich mutig, das muss ich dir lassen. Ich weiß nicht, ob ich genauso gehandelt hätte, wenn ich in deiner Lage wäre.«
»Du hast keine Kinder«, sagte Marie. »Das wird das Schwerste für mich, es ihnen zu sagen.«
»Du weißt, wer dir hilft, hm?«
Marie drückte sie. »Das weiß ich. Ich danke dir für alles.«
»Ich komme morgen mit und bürge für dich. Und dann zeigst du mir die Wohnung, okay?«
»Okay.« Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie hatte es getan. Sie kam sich vor wie eine Fremde, die das alles distanziert betrachtete und sich dabei fragte, ob das denn gut gehen könne. Doch sie hielt zu dieser Entwicklung einen seltsamen inneren Abstand. Aber der Augenblick würde kommen, wo die Realität sie einholte. Das wusste sie.
Jana holte sie aus ihren Gedanken. »Marie, jetzt musst du ihn mir aber mal zeigen.«
»Wen?«, fragte Marie verständnislos.
»Na, den, der das alles hier ausgelöst hat! Der Typ mit den magischen Händen! Deinen Mann für gewisse Stunden!«
Marie fühlte Widerstand in sich aufsteigen. Sie wollte diesen Mann nicht preisgeben. Diesen Mann, der ihr etwas schenkte, das nicht von dieser Welt war. Doch dann schalt sie sich eine Närrin. Er besaß eine Website. Tausende konnten sie aufrufen und ihn sich anschauen. Wie sonst hätte sie ihn finden können? Mit wie vielen traf er sich wohl in ähnlichen Hotelzimmern? Doch das war ihr egal. Sie wusste, dass er keiner der anderen Frauen etwas Ähnliches schenken würde wie ihr. Dazu gehören zwei, dachte sie. Er und ich.
»Okay«, sagte sie augenzwinkernd. »Dann zeig ich ihn dir mal.«
Sie holte ihr Tablet und gab die Website ein. Als die Seite erschien, beugte sich Jana vor.
»Wow, nicht schlecht«, entfuhr es ihr. »So langsam versteh ich dich.« Dann nahm sie Marie das Tablet aus der Hand und las sich durch die einzelnen Seiten.
»Upps, nicht gerade billig«, machte sie, als sie auf der Buchungsseite landete.
»Er ist es wert«, sagte Marie.
Jana kehrte zur Startseite zurück und vertiefte sich in den Text.
»Hm«, machte sie. »Du suchst jemanden, der dich aus dem Alltag holt? Jemanden, der zärtlich ist und auf dich eingeht? Jemanden, der weiß, wie du fühlst und was du begehrst? Dann suchst du mich. Und hast ihn gefunden.« Sie lehnte sich zurück. »Ganz schön selbstbewusst, der Mann. Aber er weiß, wie man die Damenwelt heiß macht.«
Marie eroberte sich das Tablet zurück und klappte es zu.
»Ja, das weiß er«, sagte sie versonnen. »Ich muss gleich die Kinder abholen. Sei mir nicht böse, aber ich muss dich jetzt rausschmeißen.«
»Weiß er, was er bei dir ausgelöst hat?«
»Ich weiß es nicht. Er scheint in mich hineinsehen zu können. Aber ich habe ihm nichts gesagt. Ich werde ihm auch nichts davon sagen.« Jedenfalls noch nicht, fügte sie in Gedanken hinzu.
»Ich beneide dich« seufzte Jana. »Ich glaub, es wird Zeit, dass ich mein Leben auch umkrempele.«
Marie lachte. »Du bist frei und ungebunden! Du kannst machen, was du willst! Zieh los und such dir einen Kerl, der dir alle Wünsche erfüllt!«
»So einen gibt es nicht«, grinste Jana. »Wenn ich einen finden würde, der mir ein oder zwei Wünsche erfüllt, wäre ich schon zufrieden.«
Zum Abschied küssten sie sich auf die Wangen. »Morgen um zehn?« Janas Augen forschten in denen von Marie. »Und bist du dir ganz sicher?«
»Morgen um zehn«, bekräftigte Marie. »Ich will hier raus. Und ich geh hier raus.«
Als Jana davonfuhr und Marie ihr nachwinkte, erschrak sie über die Konsequenz ihrer Worte. Doch kein Weg führte jetzt mehr zurück.
*
Eine Woche verging. Marie lebte in zwei Welten. Das Gespräch mit Janas Chef war optimal verlaufen. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen, aber auch ihre berufliche Qualifikation hatte überzeugt. Drei Tage später hatte man ihr einen Arbeitsvertrag geschickt. Das Gehalt war nicht üppig, aber in Ordnung. Sie war froh, dass sie im Moment nicht arbeitete, denn so konnte sie die Post abfangen. Jens öffnete ihre Briefe zwar nie, aber er hätte unangenehme Fragen stellen können.
Der Arbeitsvertrag sah eine übliche Probezeit vor, aber es war kein Zeitvertrag. Marie hatte ihn ohne zu zögern unterschrieben und zurückgeschickt. Noch drei Wochen, und sie würde jeden Morgen zur Arbeit gehen. Und genau zur gleichen Zeit würde sie ihre neue Wohnung beziehen. Gemeinsam mit Jana, die sich extra noch zwei Tage freigenommen hatte, zog sie durch die Möbelhäuser und suchte sich die Dinge aus, die sie für ihr neues Zuhause brauchte. Der Vermieter war so großzügig gewesen, dass er ihr die Schlüssel bereits vor dem nächsten Ersten ausgehändigt hatte. So konnte sie nach und nach unauffällig ein paar Sachen packen und hinüberbringen.
Der Tag rückt näher, dachte sie. Ich werde gehen. Einfach gehen.
Die Spannungen zwischen ihr und Jens nahmen an Intensität zu. Manchmal tat er ihr sogar leid, wenn er hilflos vor ihr stand und sie ihn auf Distanz hielt. Sie hatte ihm klipp und klar gesagt, dass sie im Moment keine körperlichen Berührungen aushielt. Ja, sie hatte ihn angelogen und Janas Rat befolgt, ihm zu erzählen, dass sie es selbst nicht wusste, warum das so war und deswegen einen Psychologen aufsuchen würde. Was sie jedoch nicht tat.
Wenn sie die Tür ihrer neuen Wohnung aufschloss, überkam sie ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Das ist mein Hafen, dachte sie dann. Bald werde ich ihn endgültig ansteuern.
Da sie immer nur vormittags Zeit hatte, um all die Dinge zu erledigen, die anstanden, konnte sie ihn nicht treffen. Doch dann waren die meisten Vorbereitungen abgeschlossen. Vierzehn Tage waren vergangen, und als sie an dem vorletzten Freitag, bevor ihr Leben eine andere Richtung einschlagen würde, auf der Terrasse ihres alten Heims stand und sich innerlich von diesem verabschiedete, holte sie ihr Handy hervor und buchte ihn für den kommenden Dienstag.
Versonnen steckte sie es wieder ein. Sie hatte nun beinahe drei Wochen auf seine Berührungen verzichtet und fand, dass es Zeit wurde. Sie würde frei, selbstbewusst und mit erhobenem Kopf zu dem Hotel gehen, egal, wohin er sie diesmal auch bestellte. Und wen immer sie treffen mochte, es spielte keine Rolle mehr. Sie würde Hallo sagen und dann ins Hotel gehen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Denn jetzt konnte sie alles tun, was sie wollte.
Erfüllung
Sie stand in der Lobby des teuersten Luxushotels der Stadt und schaute sich um. Noch nie war sie in einem derart noblen Hotel gewesen. Es gab sogar einen Portier, der ihr die Tür aufgehalten hatte. Langsam schritt sie über den dicken Teppichboden, in den das Logo der Hotelkette eingearbeitet war. Alles war aufeinander abgestimmt. Schwere Ledersessel umrahmten dicke Marmorsäulen, wertvoll aussehende Kunstgegenstände und Skulpturen vertieften die gediegene Atmosphäre. Geschmackvoll und auch geschmacklos gekleidete Gäste bevölkerten die ausgedehnte Vorhalle mit ihren teils wichtig, teils gelangweilt dreinschauenden Gesichtern. Marie registrierte sündhaft teuren Schmuck an sogenannten Damen von Welt und ihre dazugehörigen in Boss gekleideten Männer, die sich für den Nabel dieser Welt hielten.
Ich gehöre hier nicht her, dachte sie. Oder vielleicht ja doch? Sie straffte sich und ging erhobenen Hauptes an der Rezeption vorbei ohne die dahinter arbeitenden Angestellten eines Blickes zu würdigen. Ich stehe über all dem hier, überlegte sie lächelnd. Noch vor einem Monat wäre sie befangen von der Pracht stehen geblieben und hätte nicht gewusst, wie sie sich verhalten sollte. Doch jetzt schritt sie mit neuem Selbstbewusstsein zu den Aufzügen, als würde sie hier jede Woche absteigen. Während sie auf den Fahrstuhl wartete, ging ihr durch den Kopf, warum er wohl derart unterschiedliche Hotels für ihre Treffen buchte.
Nahezu lautlos glitt der Aufzug nach oben. Als sie in der obersten Etage ausstieg und den nach frischem Holz duftenden Gang entlangschritt, begann ihr Herz zu klopfen. Auf diesen Moment hatte sie beinahe vier Wochen gewartet, und ihre Sehnsucht nach diesem Mann war ins Unermessliche gestiegen. Sie bemerkte den großen Abstand zwischen den Zimmertüren.
Er wird für das Zimmer mehr ausgegeben haben, als er durch mich verdient, dachte sie amüsiert. Dann war sie angelangt und klopfte sachte an die Tür.
Keine zwei Sekunden später lagen sie sich in den Armen. Das erste Mal, seit sie ihn kannte, presste er sie an sich wie es ein Geliebter tun würde. Es war, als ob sich zwei Verliebte wiedersahen, die sich eine Ewigkeit nicht gesehen hatten. Schließlich lösten sie sich voneinander. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Hotelzimmer.
»Oh«, entfuhr es Marie, als ihr aufging, dass sie eine Suite betrat, die beinahe so groß erschien wie ihre neue Wohnung, nur dass sie weit luxuriöser eingerichtet war. »Nicht so spartanisch wie das letzte Mal!«
Er lachte. »Nein, das ist es nicht. Komm, ich zeig dir die Aussicht.«
Sie behielt ihren Mantel an und folgte ihm durch das geräumige Wohnzimmer auf eine Dachterrasse, die einen atemberaubenden Blick auf die Silhouette der Stadt bot. Sie stellten sich an die Brüstung und ließen ihre Blicke schweifen.
»Faszinierend«, sagte Marie. »Es müsste Sommer sein, dann könnte man nur hier sitzen, ein Glas Wein trinken und die Welt umarmen.«
»Es spricht nichts dagegen, dass wir das im Sommer wiederholen«, erwiderte er und nahm ihre Hand. »Aber heute umarme ich dich.«
Überrascht drehte sie sich zu ihm und sah ihm in die Augen. »Das ist mehr, als du bisher getan hast«, sagte sie leise.
»Du weißt, was ich dir immer sage, wenn wir uns treffen?«
Sie nickte. »Ich kann immer gehen, wenn ich etwas nicht möchte. Aber du weißt auch, was ich immer getan habe, wenn du mich das gefragt hast?«
Er lachte. »Ja, du bist geblieben.«
»Und wiedergekommen«, ergänzte sie.
Er zog sie an sich und das Gefühl überwältigte sie. Ein paar Sekunden lang forschten sie in den Blicken des anderen. Schließlich geschah das, worauf sie seit Wochen gehofft hatte. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, strich ihr liebevoll die Haare zur Seite, und küsste sie sanft auf den Mund.
Die Welt stand still. Ein Kuss wie die Erfüllung aller Sehnsüchte. Er küsste sie zurückhaltend, sanft und behutsam. Aber sie wusste, dass an diesem Tag noch andere Küsse auf sie warteten.
Als ihre Lippen sich lösten, erfüllte Marie ein Hochgefühl. Ein Gefühl, das sie später nicht einmal Jana beschreiben konnte. Es war das Gefühl, endlich zu wissen, wozu man auf der Welt war. Wofür alle Mühsal, Sorgen und die Zwänge des Lebens lohnten.
»Na«, sagte er augenzwinkernd. »Möchtest du gehen?«
»Ja, nach drinnen.«
Diesmal nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zurück in die Suite. Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn achtlos über einen Sessel.
»Ich habe heute eine Stunde mehr Zeit«, sagte sie mit glänzenden Augen.
»Das ist gut. Dann komm.«
Wortlos führte er sie in das angrenzende Schlafzimmer, das in gediegener Eleganz eingerichtet war. Das Bett war so groß, dass vier Erwachsene bequem darin Platz gefunden hätten.
Sie hielt es nicht mehr aus. Alles in ihr schrie nach ihm. Und diesmal ergriff sie die Initiative. Sie zog ihn an sich und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die alles Bisherige in ihrem Leben überstieg. Ihre Zungen spielten miteinander, erforschten ihr Gegenüber, und ihr heißer Atem verschlang den des anderen. Sie begannen, sich gegenseitig auszuziehen. Kleidungsstück für Kleidungsstück fiel zu Boden. Es war kein romantisches Abtasten mehr, keine unmerklichen Berührungen, kein Verzehren, sondern wilde Lust übermannte sie. Sie ließ sich gehen, nahm ihn wie eine verdurstende Frau nach endloser Dürre. Als sie nackt waren, ließ sie sich rückwärts auf das Bett fallen und zog ihn mit sich. Sie reckte ihm ihr Becken entgegen und spürte wie hart er war. Doch er wartete, wollte ihr noch mehr Lust verschaffen. Er nahm ihre Arme und legte sie über ihren Kopf aufs Kissen. Mit einer Hand hielt er sie fest, mit der anderen berührte er scheinbar gleichzeitig jede Stelle ihres Körpers. Sein Mund fand den ihren, dann wanderten seine Lippen hinab zu ihren Brüsten, seine Zunge umspielten ihre hoch aufgerichteten Brustwarzen, während er die freie Hand zwischen ihre Schenkel führte. Ein Beben durchlief ihren Körper und sie stöhnte auf. Sie machte die Augen auf und sah ihn an, wie er sie erforschte, streichelte, küsste und liebkoste. Alles, was geschah, nahm sie auf ohne Nachzudenken. Sie ließ sich fallen, war frei und gab sich ihrer Lust hin wie nie zuvor.
Als er sie zwischen ihren Beinen küsste, entfuhr ihr ein Aufschrei. Welle um Welle schoss durch ihre Lenden, und während sie in scheinbar nicht enden wollenden Kontraktionen ihren Höhepunkt durchlebte, gab er ihre Hände frei, schob sich zu ihr hinauf und küsste ihren nach Luft ringenden Mund. Sie krallte sich in seinen Rücken, und als er in sie eindrang, explodierten ihre Sinne.
Er bewegte sich langsam in ihr, um ihr Zeit zu geben, sich von diesem ersten Ansturm zu erholen. Sie schauten sich an, und nach ihren Körpern fanden ihre Seelen zueinander. Er führte die Arme unter ihrem Rücken hindurch und hob sie ein Stück weit hoch, dass ihr Kopf auf das Kissen zurücksank und sich ihr Becken an ihn presste. Langsam steigerte er sein Tempo und sie passte sich ihm an. Er schien zu spüren, wann es so weit war, dass sie es nicht mehr aushielt, und zwei, drei Mal wurde er genau in diesem Moment langsamer und hielt inne, um sie zu küssen und ihre Blicke einzufangen.
Minutenlang bewegten sie sich im Gleichklang, fühlten, liebten und waren eins. Doch dann war der Punkt gekommen, an dem sie beide nichts mehr zurückhielt, und als sie gemeinsam zum Höhepunkt kamen, schrie sie ihre Ekstase in die Welt hinaus.
Minutenlang lagen sie eng umschlungen da. Nur ihr heftiger Atem erfüllte das Zimmer. Als Marie langsam wieder zu sich kam, bedeckte sie sein Gesicht mit Küssen. Eine Träne bildete sich in ihrem Augenwinkel und ihre Lippen zitterten, als sie ihm etwas sagen wollte. Doch er ließ es nicht zu und küsste sie lange und mit der Zärtlichkeit eines liebenden Mannes.
Nichts wird mehr so sein wie vorher, dachte Marie, als sie nach einer scheinbaren Unendlichkeit erschöpft nebeneinander lagen. Das Zimmer drehte sich um sie herum. Zärtlich blickte sie ihn an.
»Mach das ja nicht noch mal.«
»Okay«, lächelte er und gab ihr einen Kuss. »Es war schön, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«
Sie knuffte ihn in den Bauch. Dann drehte sie sich auf den Rücken und stieß einen tiefen Seufzer aus.
»Wenn ich eine Million hätte, würde ich sie dir geben und dich für eintausend Stunden buchen.«
»Ich würde sie nicht nehmen«, sagte er leise.
»Nein?«
»Nein«, bekräftigte er ironisch. »Eine Stunde mit dir, und ich bin vollkommen erschöpft. Wenn du das auf die nächsten tausend Wochen verteilen könntest, würde ich mir das allerdings noch mal überlegen.«
Sie drehte sich zurück auf die Seite, stützte sich auf den Ellbogen und schaute ihn an.
»Woher weißt du, wie eine Frau fühlt?«, fragte sie ihn direkt.
»Das weiß ich nicht. Ich spüre es. Vielleicht bin ich zu wenig Macho und zu viel Romantiker.«
»Machos hat diese Welt genug.« Sie zeichnete mit dem Finger die Konturen seines Gesichts nach. »Aber wie kannst du ein Romantiker sein, wenn du dich von Frauen buchen lässt?«
Als die Frage raus war, tat es ihr leid, dass sie sie gestellt hatte. Aber es war zu spät, und er schien sich daran nicht zu stören.
»Sagen wir, ich bin ein enttäuschter Romantiker. Das Leben bietet Überraschungen. Manchmal schöne, manchmal schlechte.«
»Dich zu treffen, war eine schöne Überraschung«, murmelte sie. »Du hast mich gelehrt, all das zu wecken, was in mir geschlummert hat. Ich werde noch lange nicht verstehen, wie es möglich ist, so zu empfinden. Aber weißt du, was? Es ist mir auch egal, ob ich es verstehe. Hauptsache, ich empfinde es.«
»Ich habe gewusst, dass du eine Sehnsucht in dir trägst. Wenn man Sehnsucht hat, muss nur jemand kommen, der sie erfüllt.«
Plötzlich ging ihr etwas auf. »Die ersten Male hast du gewollt, dass ich die Sinne schärfe. Deswegen sollte ich die Augen geschlossen halten. Und deswegen das grottenhafte Hotel.«
Er musste lachen. »Ja, entschuldige. Aber du hast recht. Genau das wollte ich. Ich wollte dir zeigen, dass die Umgebung keine Rolle spielt. Man kann sie komplett ausblenden. Und wenn man auf die ernüchternde Realität, die unsere Augen uns zeigen, verzichtet, kann man sein Empfinden verdoppeln.«
»Nicht nur das Empfinden«, stellte sie zärtlich fest. »Auch das Denken und das Handeln. Ich werde meinen Mann verlassen. Ich habe ein neues Zuhause und ein neues Leben.«
»Oh«, machte er. Sie las in seinen Augen, konnte aber nicht erkennen, was er darüber dachte.
»Du bist dir ganz sicher, diesen Schritt zu tun?«
»Ja.«
»Emotionen sind kein guter Ratgeber«, sagte er ernst.
»Im Moment sind sie der beste, den ich jemals hatte«, erwiderte sie. »Mein Verstand hat mich über Jahre gehemmt, zu leben. Gehemmt, einen Mann zu verlassen, der mir Lebenszeit stiehlt, und gehemmt, frei über mich zu bestimmen. Und ohne diese … Stunden mit dir würde ich bis an mein Lebensende neben einem Dackelpantoffel-Ehemann auf der Couch sitzen und altern, bis es zu spät ist.«
Nachdenklich streichelte er ihre Hüfte. »Nicht sehr reizvoll, das gebe ich zu. Doch meist gerät man von einer Abhängigkeit in die nächste. Behalte deine Augen offen.«
Er lächelte. »Zumindest außerhalb der Zeit mit mir.«
Sie beugte sich über ihn, und sie küssten sich lange und innig.
»Du bist ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt«, flüsterte sie.
»Vorsicht, du kennst mich erst sieben Stunden.« Er richtete sich auf und schaute auf die in den Nachttisch integrierte Uhr. »Ich fürchte, du musst dich anziehen.«
Sie zog einen Schmollmund und stand auf. »Es müsste eine Zeitfalte geben, in der man ab und zu hängen bleibt.«
»Und dann kommst du nicht mehr raus!«, lachte er.
»Wenn ich bei diesem Vormittag hängen bleibe, macht es mir nichts aus.«
Sie stand auf, sammelte ihre Sachen zusammen und ging ins Bad, um sich fertig zu machen. Als sie wieder herauskam, legte sie wortlos lächelnd den Umschlag auf den Schreibtisch.
Zehn Minuten später standen sie im Hotelflur und verabschiedeten sich. Sie hielt seine Hände und küsste ihn.
»Ich werde dich noch lange spüren«, flüsterte sie. »Bis zum nächsten Mal.«
»Das nächste Mal«, sagte er augenzwinkernd, »wird noch aufregender als heute.«
»Niemals!«
Schweren Herzens trennte sie sich von ihm. Ein leichter Schwindel erfasste sie, als sich der Aufzug in Bewegung setzte und sie zurück zur Lobby brachte. Ich hab mich in ihn verliebt, durchfuhr es sie. Aber das darfst du nicht. Er würde sich niemals binden.
Als sie auf die Straße trat und die wunderbar frische Oktoberluft einsog, fasste sie einen Entschluss.
Vielleicht ja doch. Das, was heute passiert ist, wird auch ihn berührt haben.
Auf dem Weg zur Schule reifte ein Plan in ihr. Sie würde behutsam vorgehen. Es musste einen Grund geben, warum er dieses Leben gewählt hatte. Vielleicht war er von einer Frau bitter enttäuscht worden. Vielleicht hatte er als Kind unter seiner Mutter gelitten. Und vielleicht war dieses Erlebnis heute mit ihr auch für ihn etwas wunderbar Neues. Sie hatte es gefühlt, und sie wusste, es war für ihn ebenso unfassbar schön gewesen wie für sie.
Sie wollte ihn für sich. Und eines Tages nicht mehr für ihn bezahlen.
Ich lasse mir Zeit, dachte sie. Und ich lasse ihm Zeit. Aber ich werde ihm die Frau bieten, nach der er sich gesehnt hat.
*
»Es ist schön hier«, sagte Jana und führte ihren heißen Kaffee vorsichtig zum Mund. Sie saßen auf dem Balkon in Maries neuer Wohnung und weihten den Bistrotisch und die Stühle ein, die heute geliefert worden waren. Die Temperatur war auf kühle 10 Grad gesunken, aber der Himmel war klar, und die Hauswand reflektierte die Sonnenstrahlen, sodass es die beiden in ihren Mänteln gut aushielten.
»Ja«, erwiderte Marie und hielt ihren Becher mit beiden Händen umklammert. »Das ist es. Noch sieben Tage.«
»Der Rest kommt morgen?«
»Hm. Um neun. Ich werde mich beeilen müssen.«
Die Schlafzimmermöbel, die Schrankwand und die Sitzgarnitur fürs Wohnzimmer, der Fernseher und die Waschmaschine sollten am nächsten Tag geliefert werden. Stück für Stück, Kiste für Kiste hatte Marie in den letzten Tagen aus ihrem alten Zuhause hierher gebracht. Jens war so in seiner Welt verkrustet, dass er nicht das Geringste davon mitbekommen hatte. Wie sollte er auch?, dachte Marie. Er wäscht weder die Wäsche noch weiß er, was in den Küchenschränken ist. Ihn interessieren nur sein Feierabendbier und die Füße auf dem Couchtisch.
Es war nicht sonderlich schwer gewesen, Kleidung und Geschirr zusammenzupacken und wegzuschaffen. Was sie in die Ahornallee gefahren hatte, würde fürs Erste reichen. Natürlich würde sie viele Dinge erst später holen können. Für einen Neuanfang braucht man erstaunlich wenige Sachen, wurde Marie sich bewusst.
»Ja, ab morgen ist die Wohnung so gut wie eingerichtet. Für die Kinder habe ich erst mal Luftmatratzen zum Schlafen, und wir werden eine Zeit lang aus Kisten leben, aber die beiden werden es spannend finden.«
»Du willst es ihnen erst am Dienstag sagen?«
Marie nickte. Dienstag war der einunddreißigste Oktober. Der letzte Tag ihres alten Lebens. Der letzte Vormittag in ihrem vermufften Reihenhaus. Die letzte Nacht neben Jens.
»Ich werde sie von der Schule abholen und mit ihnen hierher fahren. Ich werde mich mit ihnen in ihr neues Kinderzimmer setzen und ihnen erklären, warum ich mich von ihrem Papa trenne.«
»Darf ich dir einen Rat geben?«
»Natürlich darfst du das, das weißt du doch.«
»Ich habe keine Kinder. Ich kann nur ansatzweise nachempfinden, was in ihnen vorgehen mag. Aber es wird ein schmerzhafter Einschnitt in ihrem Leben sein. Sie werden ihren Vater vermissen. Egal, ob er ein guter oder schlechter Vater war. Du darfst Jens vor ihnen nicht schlecht machen.«
»Ja, das werde ich auch nicht. Ich habe in den letzten Wochen so oft darüber nachgedacht, wie ich vorgehen soll. Ich werde ihn nicht schlecht machen. Er ist ja auch nicht schlecht. Er ist nur …« Sie suchte nach Worten.
»Langweilig«, ergänzte Jana.
»Ja«, nickte Marie. »Auch langweilig. Aber noch schlimmer finde ich sein Desinteresse an allem, was mich betrifft oder was die Gemeinsamkeit betraf. Ich habe seit Jahren neben einem Neutrum gelebt.«
»Wann wirst du es ihm sagen?«
»Ich werde einen Brief schreiben.« Marie sah blicklos zum Horizont. »Ich werde diesen Brief am Dienstag auf den Boden im Flur legen und meinen Ehering obendrauf. Dann werde ich abschließen und nie mehr wiederkommen.«
»Meinst du nicht, es ist besser, du sagst es ihm von Angesicht zu Angesicht?«
»Nein. Ich habe lange darüber nachgedacht, aber wann sollte ich das tun? Es gibt keine Minute, in der wir allein sind. Die Kinder sind immer dabei.« Sie seufzte. »Ich muss zugeben, ich habe auch etwas Angst vor der Situation. Ich weiß nicht, wie er reagiert, wenn ich ihm sage, dass ich eine Wohnung habe und es kein Zurück mehr gibt.«
»Das ist auch ein starkes Stück«, meinte Jana und verzog die Mundwinkel.
»Es ist mein Leben«, sagte Marie schlicht. »Wenn ich es ihm sagen würde, wenn die Kinder schlafen, könnte er anfangen, rumzubrüllen und sie aufwecken. Und das Letzte, was ich will, ist, dass die Kinder das mitbekommen.«
»Er wird ausrasten, wenn er nach Hause kommt und deinen Brief findet.«
»Da bin ich mir gar nicht so sicher.« Marie nahm einen Schluck von ihrem inzwischen merklich kühler gewordenen Kaffee. »Jens war noch nie wirklich emotional. In keiner Hinsicht. Er wird sich betrinken und dauernd versuchen, mich anzurufen. Das ja, aber ausrasten? Nein.«
»Wenn ich am Dienstag mit der Arbeit fertig bin, komme ich her und steh dir bei.«
Marie schenkte ihrer Freundin einen warmen Blick. »Danke. Was du alles für mich tust, ist unglaublich. Schade, dass du kein Mann bist, sonst würde ich dich heiraten.«
Sie mussten beide lachen.
»Wenn ich ein Mann wäre, würde ich dich buchen«, grinste Jana. »Wie war es denn eigentlich beim letzten Mal?«
»Unfassbar. Galaktisch. Ich bin dreimal gekommen.«
»Was? Das glaub ich nicht. Was ist denn das für ein Mann?«
Marie lächelte versonnen. »Weißt du, wenn ich nicht für ihn bezahlen würde, würde ich glauben, dass es der Mann fürs Leben ist.«
Jana lehnte sich zurück. »Das denkst du doch auch so, habe ich recht?«
Jana sah, dass ihre Freundin um eine Antwort herumkommen wollte. Aber Marie überwand sich.
»Ja. Ich will ihn. Ich will ihn mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele. Aber ich darf ihn nicht wollen.«
»Weil er ein Professioneller ist?«
»Nein«, entgegnete Marie ein wenig zu scharf. »Weil er etwas in sich trägt, das ihn dazu bewogen haben muss, diesen Weg zu gehen. Ich habe noch nie einen sensibleren Mann getroffen. Ja, nicht einmal eine sensiblere Frau. Etwas muss mit ihm passiert sein, dass er sich auf diese Art verkauft. Nie und nimmer hätte er das nötig. Es muss mit seiner Vergangenheit zu tun haben.«
»Lass ihn, wie er ist«, meinte Jana und zog ihren Mantel enger zusammen. »Männer hassen es, wenn man sie manipulieren will.«
»Ich auch«, lächelte Marie. »Ich will ihn nicht manipulieren. Ich will ihm etwas geben, das er vielleicht noch nie hatte. Nichts Körperliches. Na ja, das auch. Aber ich meine … ich … ach, was soll’s.«
Jana warf ihre Haare zurück. »Verrenn dich bloß nicht in eine Illusion. Er hat dir wilden Sex geboten und er war einfühlsam. Gut. Nimm es. Genieß es. Aber verlieb dich nicht in ihn. Das kann nicht gut gehen.«
»Ja, Mama.« Marie zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich hast du recht. Aber wenn du ihn erlebt hättest, würdest du aus dem Zittern nicht mehr herauskommen. Verstehst du? Ich spüre ihn noch überall. Auf meiner Haut, in meinem Körper, in meinem Herzen. Du müsstest ihn kennenlernen, dann würdest du verstehen, was ich meine.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.