Kitabı oku: «Nirvana», sayfa 6

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Kapitel vier

Diese Burschen waren ja aus Aberdeen.

Im Winter 1987 fanden Chris und Kurt mit dem schnauzbärtigen Aaron Burckhard einen neuen Schlagzeuger. Burckhard wohnte in Kurts Nähe, war ein Kiffer und Cling-On und bekam manchmal die Gelegenheit, auf Dale Crovers Schlagzeug spielen zu dürfen. „Er ist sehr aufgeweckt und fröhlich“, sagte Kurt. „Laut, aber nicht so laut, dass man ihn dafür hassen müsste. Und er ist ein Anziehungspunkt für Schwierigkeiten aller Art.“ Burckhard hatte die Rolle eines Stadtbösewichts, er war zum Beispiel in dem Auto, das in die Auslage der Shop-Rite-Filiale von Aberdeen gekracht war und dadurch fünfzehntausend Dollar Schaden verursacht hatte. Wenig später fand sich sein Gesicht auf der Titelseite der Daily World von Aberdeen – das Auto, in dem er diesmal gewesen war, hatte sich auf dem Mittelstreifen überschlagen und war in Flammen aufgegangen, der Fahrer wurde getötet.

Burckhard hatte seine Nachteile, aber er war der einzige Schlagzeuger, den Kurt und Chris in Aberdeen kannten, also war er dabei. Er hatte einen fixen Job bei Burger King, aber irgendwie bekam er trotzdem nicht genug Geld für ein anständiges Schlagzeug zusammen, also bastelten sie sich eines aus ein paar Trommeln von Burckhard und einem Teil von Dale Crovers ausgeleiertem Sears-Schlagzeug – als Halterung für eines der Becken wurde ein Notenständer verwendet.

Nach ihrer Scheidung war Maria Novoselic in die Wohnung oberhalb ihres Schönheitssalons gezogen, die dort probende Band musste von da an in Kurts kleines Haus übersiedeln. Kurt besaß inzwischen einen Fender-Verstärker, und Chris hatte einen Markenverstärker von PMS und einen klobigen alten Hohner-Bass, den er sich von Greg Hokanson geliehen hatte. Sie begannen ernsthaft zu proben und nahmen sich die hart arbeitenden Melvins zum Vorbild.

Anfangs sang Kurt mit englischem Akzent. „Als ich zum ersten Mal amerikanischen Punkrock hörte“, sagte er, „klang es für mich nicht genug nach Punk, weil der Akzent fehlte.“ Zuerst übten sie hauptsächlich das Fecal Matter-Material ein, aber schon sehr bald begannen sie, neue Sachen zu schreiben. Innerhalb von drei Monaten entstand ungefähr ein Dutzend neuer Songs.

Zu der Zeit stand Chris auf Perlen, Räucherstäbchen und Psychedelic Rock aus den sechziger Jahren – „ein echter Hippie“, sagte Kurt. Chris schwärmte von einer Platte von Shocking Blue (der holländischen Band, die durch ihren klassischen Pop-Hit „Venus“ aus dem Jahr 1970 bekannt wurde). Kurt mochte sie nicht, aber um Chris bei Laune zu halten, erklärte er sich zu einer Coverversion eines der Songs bereit. Er hieß „Love Buzz“ und war ein pseudo-psychedelischer Bubblegum-Song. Kurt machte ihn um einiges rockiger und ließ den ganzen Text mit Ausnahme der ersten Zeile weg – hauptsächlich, weil er sich den Rest nicht merken wollte.

Ziemlich schnell traten die Unterschiede zwischen Burckhard und dem Rest der Band zutage. Burckhard fuhr mehr auf Metall ab als auf das, was er „Punk Shit“ nannte. Er begriff Kurts Musik nicht ganz, die sich auf Bands wie die frühen Gang of Four, Scratch Acid und die Butthole Surfers bezog – alles Bands mit vielen Dissonanzen und dem Anspruch, Kunst zu machen. „Ich hörte mehr Mainstream und Kurt fuhr auf die Underground-Szene ab“, sagte Burckhard. „Aber ich arbeitete mich hinein.“ Rückblickend war das ein früher Beweis für Kurts breitgefächerten Stil – er hat starke Punk- und Underground-Einflüsse und läßt sich dennoch irgendwie in den Mainstream übersetzen.

Burckhard zu den Proben zu bringen, war ein ständiger Kampf. Er wohnte bei einer sechs Jahre älteren, geschiedenen Frau und ihren zwei Kindern. Sie lebte von der Sozialhilfe, und immer, wenn der Scheck kam, verschleuderte sie ihn zusammen mit Burckhard und allen anderen Arbeitslosen von Aberdeen. „Am Monatsersten geht es wild zu in dieser Stadt“, sagte Burckhard.

„Wenn der Scheck von der Sozialhilfe kam“, sagte Kurt, „konnte man ihn unmöglich zu einer Probe bewegen.“

Anfänglich fiel es sogar Chris schwer, bei Kurts Feuereifer mitzuhalten – manchmal ließ er eine Probe sausen oder erklärte, dass er etwas anderes zu tun hatte, vielleicht auch, weil seine Mutter, eine stolze und geschäftstüchtige Frau, Kurt nicht mochte. „Verdammt, sie hasste mich von Grund auf“, sagte Kurt. „Sie bezeichnete mich als Abfall. Sie hasste mich. Ich hörte sie immer zu Chris sagen, er sollte sich andere Freunde suchen, er wäre ein Verlierer, alle seine Freunde wären Verlierer.“

Kurt brachte Chris ein paar Mal mit nach Hause. Wendy erinnerte sich, dass sich Chris ständig den Kopf an den Querbalken des Hauses anschlug. „Oh, das macht nichts“, stellte er trocken fest, „das passiert mir andauernd.“ Chris war sehr scheu und versuchte mit allen Mitteln, dem Klatschmaul Wendy aus dem Weg zu gehen.

Burckhard erinnerte sich, dass sich Kurt durch seine zerrissenen Jeans und seine künstlerhafte Art von den üblichen Kiffern in Aberdeen unterschied. „Es war einfach die Art, wie er sich gab – als wäre ihm alles egal“, sagte er. „Es war ihm einerlei, was andere über ihn dachten.“

Kurt war nicht zu stoppen. „Ich wollte eine Platte herausbringen oder ein paar Auftritte machen und verhindern, dass das Projekt genauso den Bach hinunterging wie alle anderen in den vergangenen sechs Jahren“, sagte Kurt. „Wir spielten unser Programm einmal durch, und wenn wir fertig waren, fing ich gleich wieder von vorne an – ohne zu schauen, ob die anderen überhaupt noch wollten. Ich prügelte sie einfach in Form.“

Mit der Zeit sprang Kurts Eifer auf Chris über, und die beiden wurden so fanatisch, dass sie schon eine einzige schlechte Probe zutiefst verärgerte. „Wir wurden richtig böse“, sagte Kurt. „Wir nahmen es sehr ernst.“ Sehr bald sahen sie sich nach einer Auftrittsmöglichkeit um. „Wir mussten einfach eine Show spielen“, sagte Kurt. „Endlich eine Show zu spielen, das war das Größte.“

Und dann bekamen sie ihren Gig – bei einer Party in Olympia. Sie stopften Chris’ VW-Käfer mit ihrer Anlage voll und fuhren aufgeregt und in Hochstimmung zu ihrem ersten Auftritt. Doch als sie angekommen waren, stellte sich heraus, dass die Polizei die Party schon beendet hatte. Sie mussten umkehren und wieder eine Stunde zurück nach Aberdeen fahren.

Ihr erster tatsächlicher Auftritt fand bei einer privaten Party im nahegelegenen Raymond statt, einer Stadt, die noch isolierter war als Aberdeen. Sie bestritten dort das Vorprogramm für eine Metal-Band, deren Attraktion der damalige Gitarrenheld Aberdeens war („Dieser Kerl konnte alle Solos von Eddie Van Halen“, sagte Chris, noch immer ein bisschen beeindruckt). Burckhard erinnert sich an die Gastgeber: Sie waren „Oberschicht-Yuppies und hatten einen Karton voll Michelob – gutes Bier –, schließlich sprang Chris aus dem Fenster, lief zum Eingang, kam wieder herein, sprang wieder hinaus und so fort. Er hatte sich mit falschem Blut als Vampir geschminkt und machte praktisch einen Narren aus sich, aber es war witzig.“

„Wir verschreckten alle derart, dass sie sich in der Küche vor uns versteckten“, sagte Kurt, „und wir hatten das ganze Wohnzimmer und den Rest des Hauses für uns.“ Um ihre konservativen Gastgeber zu schockieren, machten Shelli und Tracy das Maß voll: Kurt sprang während eines Solos auf den Tisch, und sie begannen seine Beine zu streicheln. „Natürlich hatten die Mädchen am Ende des Abends ihre Freunde so weit, dass sie uns verdreschen wollten“, sagte Kurt. „Sie verprügelten uns zwar nicht, aber sie machten uns deutlich, dass wir nicht willkommen waren. ,Es ist Zeit zu packen und zu verschwinden, Jungs.‘“

Die Band löste unter den Zuhörern auch deshalb Verwirrung aus, weil sie kaum Coverversionen spielten. „Sie wussten nicht, was sie von uns denken sollten“, sagte Chris und erinnerte sich an einige wenige, die nach dem Auftritt begeistert zu ihnen gekommen waren. „Wer weiß, was mit den Leuten passiert ist, die uns für gut hielten“,, fügte er mit bedauerndem Kopfschütteln hinzu.

Zu diesem Zeitpunkt bestand ihr Repertoire aus Original-Versionen wie „Hairspray Queen“, „Spank Thru“, „Anorexorcist“, „Raunchola“, „Aero Zeppelin“, „Beeswax“ und „Floyd the Barber“, aber auch Covers wie „Love Buzz“, „White Lace and Strange“ von der obskuren Sixties-Band Thunder and Roses, das epische „Sex Bomb“ von Flipper und „Gypsies, Tramps and Thieves“ von Cher, einer Nummer, bei der Chris sang.

Bald spielten sie ihr erstes richtiges Konzert – bei der Abschlussfeier in der GESCCO Hall in Olympia. Sie bauten wieder den Rücksitz aus Chris’ VW-Käferaus und vernichteten auf dem Weg von Aberdeen dorthin eine Vier-Liter-Flasche Rotwein. Es gab vielleicht zehn Zuschauer, aber die rissen die Plastikdekoration von den Wänden und rollten sie herum, während die Band spielte. Es war ein guter Anfang.

Dann bekam die Band eine Show im Community World Theater, einem umfunktionierten Pornokino in Tacoma. Tracy war mit dem Besitzer, Jim May, befreundet und arrangierte den Gig. May verlangte als Eintritt nur ein paar Dollar, außerdem war es ihm egal, dass Minderjährige Bier tranken.

Im Community spielten Bands mit Namen wie Dicks und Jack Shit, aber auch die Melvins und Punkbands auf Tour wie die Circle Jerks.

Die Band hatte noch keinen Namen, aber May brauchte unbedingt etwas, das er auf die Ankündigungstafel schreiben konnte. Kurt schlug Skid Row vor. Niemand erwartete viel von ihnen, aber es kam doch ein ganzer Haufen Freunde. Und zur Überraschung aller war die Band gut, sie hatten richtige Songs, und Kurt konnte tatsächlich singen. Und sie waren auch für ein bisschen Show zu haben – Kurt zog für „Love Buzz“ unbeschreibliche silberne Plateauschuhe an, sprang eineinhalb Meter hoch und landete im Spagat. Skid Row sammelten bald ihre eigenen Cling-Ons um sich.

Im April 1987 spielten sie eine Radio-Show bei KAOS, der Station des Evergreen State College in Olympia. Kurt hatte sich bei den Melvins-Konzerten mit ein paar Leuten in Olympia angefreundet, und einer von ihnen war Discjockey bei KAOS. Die Aufnahme von diesem Live-Auftritt – in der Midnight-Show – wurde ihr erstes Demo. Sie spielten bemerkenswert ausgereifte Versionen von „Love Buzz“, „Floyd the Barber“, „Downer“, „Mexican Seafood“, „Spank Thru“, „Hairspray Queen“ und drei weitere Songs, an deren Titel sich nicht einmal Kurt erinnerte. Burckhard envies sich als solider, harter Schlagzeuger im Stil von John Bonham – er verkörperte in gewisser Weise das Hardrock-Erbe der Band (interessanterweise sollte später ein Bonham-Fanatiker ihr bester Schlagzeuger werden). Kurt sang zwar in verschiedenen Stimmlagen – man hört zum Beispiel ein verzweifeltes Death-Metal-Geknurre oder das Gejaule einer läufigen Katze, aber ohne Anklänge an seinen späteren Stil.

In der Folge legten sie sich die verschiedensten Namen zu: Ted Ed Fred, Bliss („Da war ich auf Acid“, erklärte Kurt), Throat Oyster, Pen Cap Chew und Windowpane. Zuletzt einigten sie sich auf Nirvana, einen Begriff aus dem Hinduismus und Buddhismus, den Webster’s Dictionary so definiert: „Die Aufgabe von Verlangen, Leidenschaft, Vorstellungskraft und irdischem Selbst und das Erlangen von Friede, Wahrheit und ewigem Sein.“ Diese Vorstellung vom Himmel – einem Ort, wo mit den Worten von David Byrne „nothing ever happens“, also nie etwas passiert – klingt sehr nach dem Zustand, den Kurt fühlte, wenn er Heroin nahm, doch er sagte, dass es dabei nicht darum gegangen war. „Ich wollte einen Namen, der irgendwie schön, nett und hübsch war, nicht so einen ekelhaften Punkrock-Namen wie Angry Samoans“, sagte er. „Ich wollte einmal etwas anderes.“ Später gefiel ihm der Name nicht mehr so sehr. „Er ist zu esoterisch und ernst“, meinte er. Obendrein sollte er einer anderen Band für den gar nicht so sehr geliebten Namen auch noch 50.000 Dollar zahlen müssen.

Kurt hatte schon monatelang keine Miete für seine winzige Hütte bezahlt und flog hinaus. Tracy bot ihm an, zu ihr nach Olympia zu ziehen, und Kurt war einverstanden. Das war recht günstig, weil Chris und Shelli sich für Tacoma entschieden hatten, und es war einfacher, die Band zusammenzuhalten, wenn Kurt auch umzog. Tacoma kam für Kurt nicht in Frage, es war für ihn „ein gewalttätigeres Aberdeen“. Außerdem war Olympia eine coole College-Stadt.

Im Herbst 1987 übersiedelte Kurt in Tracys winziges Appartement in der 114 North Pear Street von Olympia („ein Schuhkarton“), die Miete betrug 137 Dollar pro Monat einschließlich Strom, Warmwasser und Müllabfuhr. Dort blieben sie etwas länger als ein Jahr und wechselten dann im selben Haus in eine kleine Wohnung mit einem Schlafzimmer.

Kurt war aus Aberdeen entkommen. Tracy erzählte, dass er sich kurz nach seinem Einzug, während sie bei der Arbeit war, ein Festmahl aus Krabben und Cream Cheese zu bereitet und sich in Olympia, auf einem echten Holzboden sitzend, mit so einem ausgefallenen Essen, sehr kultiviert gefühlt hätte.

In diesem Sommer wohnten auch Chris und Shelli unter der Woche dort, um sich die zweistündige Pendelfahrt zu ihren Jobs zu ersparen, das bedeutete, dass vier Menschen in der kleinen Wohnung aufeinanderklebten. Shelli und Tracy arbeiteten beide die zweite Nachtschicht in der Cafeteria von Boeing, und Chris verdiente in Tacoma als Anstreicher sechs Dollar die Stunde. Kurt schlief in der Nacht und blieb tagsüber zu Hause. Chris und Shelli verbrachten die Wochenenden in ihrer Wohnung in Hoquiam.

Die vier verbrachten jede Menge Zeit miteinander, sie feierten oder lungerten einfach vor dem Fernseher herum oder nahmen Trips. „Das Acid war von anderer Sorte als das, das die Beatles nahmen“, erinnerte sich Chris. „Es war schmutziger, speediger ... wir drehten einfach durch und tobten die ganze Nacht.“

Kurt beschrieb die Wohnung als „Kuriositätenkabinett“. Tracy unternahm mit Kurt an jedem Wochenende Streifzüge durch Secondhand-Läden, und jedes Mal kamen sie mit Wagenladungen voller Kitsch zurück. „Man konnte sich nicht einmal mehr bewegen“, sagte er. Die Wohnung war vollgestopft mit allen möglichen Dingen, es gab etwa ein riesiges Aerosmith-Poster an der Wohnzimmerwand und ein paar Anatomiemodelle aus durchsichtigem Plastik. Die Wände waren voll mit Kurts Gemälden, ausgeschnittenen Artikeln aus Weekly World News und dem National Enquirer und eigenwillig verfälschten religiösen Bildern. Und irgendwo lauerte immer eines der wertvollsten Dinge, die Kurt besaß – Chim Chim, sein Plastikäffchen. Überall waren Tiere – drei Katzen, zwei Kaninchen, ein paar Hausratten und Schildkröten. Es war genauso „wohlriechend“ wie der Schuppen in Aberdeen.

„Eine Rattenpissehölle“, lautete Kurts treffende Beschreibung. Eines Tages kam Bruce Pavitt, Mitglied der lokalen Punkszene, vorbei, und eine der Hausratten biss ihn in den Finger („Er kreischte wie eine Frau“, kichert Tracy). Pavitt gründete später Sub Pop Records, das erste Label von Nirvana.

Wie gewöhnlich blieb Kurt die meiste Zeit drinnen, manchmal verließ er die Wohnung wochenlang überhaupt nicht und schwelgte in den Fantasien seiner „kleinen Kunst-Welt“. Er machte sich nicht viel aus der kulturellen Szene von Olympia, aber es war immerhin gut zu wissen, dass es sie gab. Und er musste sich nicht mehr mit drögen Kiffern und spießigen Rednecks abgeben. Er ließ sich die Haare wachsen und konzentrierte sich auf seine Kunst.

Kurt begann, Puppen zu sammeln und selbst welche zu gestalten. Es war der Anfang einer langen Leidenschaft und Ausdruck seines kreativen Potentials. Er entdeckte eine Lehmsorte , die sich eigenartig verfärbte, wenn man sie brannte, und formte daraus Puppen – wie die auf dem Cover von Incesticide, aber auch noch viel verworrener und bizarrer. Er nahm Kinderpuppen, überzog sie mit Lehm und brannte sie im Ofen, bis sie wie uralte Kunstgegenstände aussahen. Er sammelte auch antike Babypuppen, vor allem solche, die beängstigend lebensnah wirkten.

Als Kurt im Hotel an der Küste arbeitete, hatte er aus dem Zimmer eines Gynäkologen ein Buch mit Bildern von erkrankten und missgebildeten Vaginas gestohlen. Er schnitt sie aus und fertigte aus ihnen zusammen mit Bildern von Fleischstücken und einem Foto der Gruppe Kiss eine Collage und klebte sie an die Kühlschranktür.

Kurt ging durch eine kurze Death Rock-Phase (Black Sabbath – nicht Bauhaus) und bastelte Modellwelten voller verrotteter Körper, Skelette und Dämonen.

Er nahm psychedelische Tonbänder auf, mit Kirchenliedern, Politikeransprachen, Werbung und Musik, die entweder zu schnell oder zu langsam abgespielt wurde. Er machte zwar auch Collagen, aber hauptsächlich malte er. Auf seinen Bildern waren massenhaft unheimliche und verzerrte Figuren oder Föten in domenreichen Landschaften. Es fällt einem schwer, diese Bilder nicht autobiografisch zu deuten – hilflose Kinder, die in einer feindseligen Welt ausgesetzt sind.

Kurt machte auch kleine Skulpturen. „Er machte unglaublich schöne und verschlungene Skulpturen aus lauter seltsamem Zeug aus Second Hand-Läden“, sagte Slim Moon. „Es war eine schräge Mischung aus Popkultur-Sammelstücken und wirklichen Tonstatuen. Er machte ein riesiges Schaubild, einen Meter breit und ebenso hoch, oder er entfremdete ein Aquarium. Er beschäftigte sich wochenlang mit einem Ding, und alle Besucher waren begeistert von den Objekten. Wir wollten ihn dazu überreden, sie im Smithfield Cafe auszustellen, aber er lehnte ab und zerstörte sie wieder. Oft schon am nächsten Tag war alles kaputt, und er begann von vorne.“

Not macht erfinderisch, so entstand eine von Kurts Lieblingsdekorationen. „Ich habe eine magische Anziehungskraft auf Fliegen“, sagte Kurt. „Vielleicht ist es auch umgekehrt. Die Fliegen belästigen mich jeden Tag – ich wache auf, und ihr Summen hält mich stundenlang wach, und sie springen auf meinem Gesicht herum. Sie greifen mich an – so geht das die ganze Zeit.“ Kurt hing die ganze Wohnung mit Dutzenden Fliegenbändern voll, und bald sammelten sich darauf tote Insekten aller Art.“

Wenn man Kurt glaubte, reichte sein Einkommen aus der Band für die Miete, aber Tracy sah das anders. Sie forderte ihn von Zeit zu Zeit auf, sich einen Job zu besorgen, was Kurt lediglich zu der Ankündigung veranlasste, auszuziehen und im Auto zu wohnen. Das wiederum genügte, sie für einige Zeit ruhig zu halten. Sie war anscheinend sowohl seine Geliebte als auch sein Unterhalt.

Kurt leistete seiner Auffassung nach genug, überhaupt nachdem in Seattle etwas Ungewöhnliches passierte. In den Jahren vor der Gründung von Nirvana hatten sich die nicht kommerziell eingestellten Punkbands aus Seattle von den örtlichen Veranstaltern schröpfen lassen. Aber jetzt hatten sie sich zusammengetan und machten klar, dass sie nicht mehr für ein lächerliches Auftrittsgeld spielen würden. Einen guten Teil zu dieser Entwicklung trug das junge Sub-Pop-Label aus Seattle bei, sie sorgten dafür, dass ihre Künstler für ihre Auftritte gutes Geld bekamen. Für einen ihrer ersten Auftritte im Vogue vor 300 Zuschauern kassierten Nirvana die auch heute noch ansehnliche Summe von 600 Dollar.

Trotzdem musste er Geld verdienen, damit sie sich die Aufnahme eines ordentlichen Demo-Bands leisten konnten, und er nahm im Herbst einen Job bei einer Bewachungsfirma an – für vier Dollar in der Stunde. Er fuhr in einem abgewrackten Kombi zusammen mit zwei „Kumpels aus der Hölle, die noch schlimmer waren als die typischen Gehirntoten aus Aberdeen“ quer durch die Stadt. Meistens soffen seine Kollegen zwei Sechserpackungen Bier pro Nacht, nannten Kurt einen Schwulen und stießen ihn im Kombi hemm. Einige der Auftraggeber waren Ärzte und Zahnärzte, dort zeigten sie ihm, wie leicht man Tabletten stehlen und eine Portion Lachgas kriegen konnte, ohne dass es auffiel.

Dann zogen Dylan Carlson und Slim Moon ins Nachbarhaus, und nachdem Kurt nachts arbeitete und Carlson arbeitslos war, verbrachten sie viel Zeit zusammen und machten sich über die Calvinisten lustig („Kurt und ich waren wohl die einzigen, die in diesem Sommer nicht Yo-Yo spielten“, amüsierte sich Carlson). Sie hängten Lampions aus den 50er Jahren auf (wie immer aus dem Secondhand-Laden) und grillten im Hinterhof. Wenn Chris vorbeischaute, wurde sofort eine Flasche Rotwein geöffnet, und es ging ab. Einmal musste sogar die Polizei einschreiten, weil sie mit Gartensesseln einen schrottreifen Cadillac traktierten.

Kurt blieb trotzdem eher ein Einzelgänger, und das sollte sich die gesamten vier Jahre in Olympia nicht ändern. „Er lebte wie ein Eremit in der Höhle“, sagte Slim Moon. „So wirkte er auf uns – wie er verrückte Einsiedler, der zwölf Stunden am Tag Gitarre spielte und nie das Haus verließ, außer um auf Tour zu gehen.“

Obwohl Kurt kaum ausging, war er ziemlich bekannt in der Stadt. Auf Partys setzte er sich einfach irgendwohin und lächelte still in sich hinein. Für die meisten in der Szene von Olympia war er ein unbeschriebenes Blatt, und jeder ordnete ihn seinem Geschmack zu. Sie mochten ihn, obwohl sie nicht wussten warum – und dieses Geheimnis schien sich auf seine Musik zu übertragen.

Nach einiger Zeit bekam Kurt in der Firma eine eigene Route, aber von einem vorbildlichen Arbeiter war er weit entfernt. Er fuhr mit dem Kombi zum ersten Haus, tat ein bisschen herum und fuhr dann nach Hause schlafen. Wenn das Ende der Schicht nahte, besuchte er noch ein paar Adressen, und das wars. Nachdem das acht Monate so gegangen war, wurde er gefeuert.

Kurt gab zu, dass er immer schon faul gewesen war. Aber seine andauernden Probleme bei den Jobs wären nicht nur das Resultat seiner Faulheit gewesen. „Ich hatte immer Schwierigkeiten mit meinen Arbeitskollegen. Ich kann Durchschnittsmenschen einfach nicht ertragen. Sie gehen mir zu sehr auf die Nerven, als dass ich sie einfach ignorieren könnte. Ich beschimpfe sie und werde ausfällig.“

Eine Sache hatte Kurt immerhin von ihnen gelernt: wie man Drogen stahl. Am liebsten nahm er – wenn er es kriegen konnte – Code in und Vicodin (ein Schmerzmittel auf Opiumbasis). Er rauchte Pot und nahm ein paar Mal Heroin. Er versuchte Kokain und Speed, aber das war nichts für ihn. „Ich wurde zu selbstsicher“, sagte er. „Einfach zu gesellig.“

Um diese Zeit spürte er erstmals einen schrecklichen stechenden Schmerz in der Magengegend. „Es brennt so, dass du fast ohnmächtig wirst, wie die schlimmste Magengrippe“, sagte Kurt. „Es pocht, als hätte man sein Herz verschluckt, einfach entsetzlich. Ich kann spüren, wie alles rot und wund ist. Am schlimmsten ist es beim Essen. Nach ungefähr der halben Portion kommt das Essen irgendwie in die Gegend, wo die Entzündung ist, und dort brennt es dann ganz entsetzlich. Es ist der schlimmste Schmerz, den ich kenne.“ Dieser Zustand hatte von da an Kurts Leben beherrscht, und kein noch so großer Spezialist wusste Rat.

Aaron Burckhard besorgte sich in der Zwischenzeit weder ein neues Schlagzeug noch kam er regelmäßig zu den Proben, er ging stattdessen lieber mit seinen Freunden auf Partys. „Sie wollten jeden Tag proben“, sagte er. Jeden Tag. Ein bisschen viel. Ich blieb ein paar Mal weg, und sie waren ernstlich böse.“ Für Burckhard war die Band nur ein Spaß. „Nichts, womit wir Geld verdienen würden oder so.“

Außerdem gab es einen grundsätzlichen Unterschied. Burckhard erklärt zwar heute, ein Punk-Fan zu sein, aber er ging nicht so weit wie Kurt und Chris, „die Haare in allen möglichen Farben zu haben und was nicht noch alles“.

Chris und Shelli waren in Tacoma, Kurt in Olympia, und Burckhard noch immer in Aberdeen – er hatte dort eine Freundin und machte sich außerdem Hoffnung auf einen Posten in der Geschäftsleitung bei Burger King. Ironischerweise heiratete sein Cousin die Tochter des Lizenznehmers, aber Burckhard brachte es nie weiter als bis zum Abteilungsleiter. Mit der Zeit verlor sich der Kontakt zu ihm.

Kurt und Chris entschieden sich dafür, mit Dale Crover zu proben und ein Demoband aufzunehmen. So hielten sie die Band am Leben, probten mit Crover drei Wochenenden und fuhren zu Reciprocal Recording nach Seattle, um dort am 23. Januar 1988 das Demo aufzunehmen. „Nachdem wir fertig waren, fiel uns erst richtig auf, wie gut die Musik war – und dass sie etwas Bestimmtes hatte. Von da an nahmen wir die Sache viel ernster.“

Kurt begründete die Auswahl dieses Studios in Seattle damit, dass er die Anzeigen im Seattle Rocket, dem kostenlosen Haus-und-Hof-Blatt der Musikszene, durchgeblättert hatte. Es war eines der billigsten, deshalb gingen auch die meisten hin. Manche behaupten, dass er Reciprocal genommen hätte, weil dort die EP Screaming Life von Soundgarden (seine aktuelle Lieblingsplatte) für Sub Pop eingespielt worden war. „In Wahrheit wollte Kurt dort aufnehmen, weil ihm der Soundgarden-Klang so gut gefiel“, meinte Crover, der die Studiozeit reserviert hatte. „Er stand damals ziemlich auf Soundgarden.“ Kurt stellte das vehement in Abrede. Wie auch immer: eigentlich hätten sie einen anderen Toningenieur haben sollen, aber in letzter Minute trat Jack Endino auf den Plan, vielleicht weil er mit dem als ausgezeichneten Schlagzeuger bekannten Crover arbeiten wollte.

Der ehemalige Navy-Techniker Endino war so etwas wie der Pate der Szene von Seattle. Er nahm unzählige Bands für sehr wenig Geld auf (er sagte nie „produzieren“ – das passte nicht zu Punk), förderte damit die wachsende Szene und machte Sub Pop auf diese Weise lebensfähig. Seine lässige Art und der aufregende Sound machten ihn zum Liebling der jungen und unerfahrenen Bands der Gegend. Er war gemeinsam mit Chris Hanszek (dem Produzenten des Deep Six-Samplers) der Gründer des im Stadtteil Ballard gelegenen Reciprocal Recording-Studios.

Bei Reciprocal sah es genauso aus wie in einem Probenraum – die Farbe blätterte von den Wänden, auf jeder geraden Fläche waren Spuren ausgedämpfter Zigaretten, und es war egal, ob man das Bier auf dem Teppich verschüttete. In Seattle gibt es nur wenige Bands, die Recprocal (oder dessen letzte Inkarnation Word of Mouth) noch nie von innen gesehen haben.

Dwight Covey, ein Freund von Chris, brachte die Band mitsamt der Ausrüstung in seinem klapprigen Chevy-Campingbus nach Seattle.

Als Chris seinen Part aufgenommen hatte, vergnügte er sich mit Dwight und dessen Sohn Guy. „Wir rauchten im Klo einen Riesenjoint, und ich wurde so stoned, dass ich rausgehen musste“, sagte Chris. Sie saßen zusammen im Campingbus, während Kurt den Gesang aufnahm. In nur sechs Stunden nahmen sie zehn Songs auf und mischten sie fertig. Im Prinzip war alles live in ein oder zwei Takes aufgenommen worden, Kurt brauchte für den ganzen Gesang immer nur einen Take. Um drei Uhr nachmittags waren sie fertig. „Floyd the Barber“, „Paper Cuts“ und „Downer“ fanden sich später auf Bleach. Zwei Songs wurden nie veröffentlicht: „If You Must“ und „Pen Cap Chew“ (die Nummer wurde ausgeblendet, weil das Band zu Ende war). Eine Version von „Spank Thru“ wurde später mit Chad Channing am Schlagzeug noch einmal aufgenommen und auf Sub Pop 200 veröffentlicht. Die restlichen vier – „Beeswax“, „Mexican Seafood“, „Hairspray Queen“ und „Aero Zeppelin“ – finden sich auf Incesticide. Da Chris arbeitslos war, zahlte Kurt die 152,44 Dollar Aufnahmekosten von seinem Einkommen bei der Bewachungsfirma.

Crover hatte für den selben Abend einen Auftritt im Community World Theatre in Tacoma organisiert. Sie hatten wieder einmal keinen Bandnamen, und Crover schlug Ted Ed Fred vor – seinen Spitznamen für den damaligen Freund von Greg Hokansons Mutter. Chris erholte sich gerade noch rechtzeitig vor der Show von den Folgen des Riesenjoints.

Kurt war sehr zufrieden mit dem Demo. Tracy erinnerte sich, dass er mit einem breiten Grinsen im Auto saß und das Band fest an sich drückte. Endino gefiel es auch, und er machte am selben Abend noch eine Kopie für sich selbst und eine für Jonathan Poneman. Poneman hatte gerade die Soundgarden-EP auf Sub Pop herausgebracht. Das Label existierte erst ein paar Monate und war von seinem Partner Bruce Pavitt gegründet worden. Es gab nicht viele Bands aus Seattle, die der frühere Club-Programmacher Poneman nicht kannte, aber, um mit Endino zu sprechen: „Diese Burschen waren ja aus Aberdeen.“

Poneman war gerade auf der Suche nach neuen Bands, um Sub Pops Katalog zu vergrößern, und so fragte er Endino, ob er etwas Bemerkenswertes gehört hätte. Endino antwortete: „Na ja, da gibt es einen Burschen um ehrlich zu sein, ich weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll. Er hat eine unglaubliche Stimme, er kam mit Dale Crover. Ich weiß nicht, aber in seiner Stimme steckt viel Kraft. Er sieht aus wie ein Automechaniker.“

Poneman war von der Aufnahme begeistert. „Ich war einfach fasziniert von der Stimme“, sagte er. „Es gab keinen bestimmten Song, der mich fasziniert hätte – die Songs waren zweitrangig hinter dem Gefühl, das darinsteckte. Die Band hatte offensichtlich eine Menge unverbrauchte Kraft. Ich weiß noch genau, wie ich das Band hörte und dachte: ,Oh, mein Gott!‘“

Poneman nahm das Demo mit zu Muzak, einer Produktionsfirma für Hintergrundmusik, bei der so ziemlich jeder, der irgendwie zur Szene gehörte, irgendwann einen Job gehabt hatte — zum Beispiel Regale putzen oder Bänder kopieren: Mark Arm (damals Green River, jetzt Mudhoney), Ron Rudzitis (damals Room Nine, jetzt Love Battery), Tad Doyle (er stammte aus Idaho und war kurz vor der Gründung der Band TAD), Chris Pugh von Swallow, Grant Eck man von den Walkabouts und Bruce Pavitt – sie alle arbeiteten dort und machten den Ort zu einem Forum, wo neue Strömungen des Rock and Roll entstanden und diskutiert wurden. Poneman verkündete: „Sollte irgendjemand reich werden wollen – diese Band ist auf der Suche nach einem Schlagzeuger.“

Aber die Muzak-Jury war nicht begeistert. Die Musik war zu komplex und zerstückelt, sie standen mehr auf schnörkellosen Rock wie von den frühen Wipers, Cosmic Psychos und den Stooges. Der Sänger war toll, doch wahrscheinlich hätten sie die Band in keinem Fall gemocht. Jeder wollte, dass seine engsten Freunde die größten Stars würden“, sagte Pavitt, „und Nirvana waren nicht aus der Stadt, also hielten sich alle zurück.“ Mark Arm beurteilte die Band laut Poneham als im Klang ähnlich wie Skin Yarcl, aber nicht so gut“. „Die Leute waren eben sehr auf ihre Clique und ihre Musik fixiert.“

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