Kitabı oku: «Medienkulturelle Manifestationen gegenwärtiger Familienpolitik», sayfa 3
Kapitel 1 gibt einen umfassenden Forschungsüberblick, um darauf aufbauend die eigene Fragestellung verorten zu können. Es ist wichtig, darauf zu verweisen, dass »[k]ein Buch über Elternschaft […] unpersönlich geschrieben werden [kann]«89. Teilhabe kann im Diskurs über Elternschaft nicht nicht heraustreten. Involviertheit erscheint somit virulent auf der Ebene der Autorin, anderer Diskursteilnehmer_innen, die als wissenschaftliche Stimmen rezipiert werden, und der Rezipient_innen der vorliegenden Arbeit.
Kapitel 2 präzisiert die der Arbeit zugrunde liegende Methodologie. Dabei wird eine mediensyntagmatische Herangehensweise gewählt, die durch diskursanalytische Werkzeuge ergänzt wird.
Kapitel 3 entfaltet über mehrere Schritte, aufbauend auf der Studie von Bruner und den Disability Studies sowie auf Butlers Konzept der Geschlechtermelancholie, die These, dass wir uns gegenwärtig in einer familientechnologischen Gesundheitsmelancholie befinden. Im deutlichen Rekurs auf die Dokumentation Der Traum vom perfekten Kind von Patrick Hünerfeld, jedoch auch abstrahierend davon, durch zusätzliche beispielorientierte Heranziehung weiterer »Medienangebote«90 (Siegfried J. Schmidt), werden problematisierte diskursive Elemente im Umfeld von Pränataldiagnostik und Familienpolitik herausgearbeitet und über Deskription hinausgehend in einen größeren medienkulturellen Kontext gestellt. Bei aller Pluralität der Vorstellungen und Entwürfe rund um Schwangerschaft ist der Wunsch nach Gesundheit, also derjenigen Gesundheit, die über basales Wohlergehen hinausgeht und nicht selten mit Perfektion (so suggeriert es der Titel Der Traum vom perfekten Kind) verwechselt wird, als einendes, die gesamte Elternschaft betreffendes Moment artikuliert (Unterkapitel 3.1). In Differenz zu bekannten Narrationen, in denen die Exklusivität des Eigenen stolz und abgrenzend betont wird, erscheint die Artikulation des natürlichen Wunsches nach Gesundheit des Kindes als elterngemeinschaftliche Universalie konstruiert. Universalität wird aber dennoch nicht eingelöst. Es werden parallel diskursive Elemente dargeboten, die Eindeutigkeit, Klarheit im Umfeld von Pränataldiagnostik drastisch unterlaufen. Aus diesem Grund werden ferner Argumentationsfiguren und Begründungszusammenhänge im Umfeld pränataler Diagnostik untersucht (Unterkapitel 3.2). Was bedeutet es nun aber, wenn vielerorts – sowohl wissenschaftlich in der Forschungsliteratur und praktisch in zahlreichen konkreten Beispielen – Unsicherheit integriert und kommuniziert ist? Zur Beantwortung dieser Frage werden zunächst unterschiedliche Konfigurationen familienpolitischer Unsicherheit in unserer Medienkultur herauspräpariert (Unterkapitel 3.3). Anschließend werden die vielfältig zusammenspielenden Kategorien Unsicherheit, Schuld, Ich-Verarmung, Narzissmus und Schamlosigkeit in unserer Medienkultur gemeinsam in Anschlag gebracht (Unterkapitel 3.4). In Anlehnung an den diskursanalytischen Untersuchungsstil Foucaults91 kann gefolgert werden: Mütter und Väter verweilen in der Rolle von Gesundheitsminister_innen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie selbstidentisch die Reziprozität zwischen Gesundheit und Krankheit verdrängen. Dieser Verdrängungsprozess ist unbetrauerbar und politisch. Wie begründet sich aber die Verwendung des Begriffs Gesundheitsminister_innen? Minister_innen sind erstens Leiter_innen eines eigenständigen Geschäftsbereichs sowie einem übergeordneten Verbund (beispielsweise dem Bundestag) zugehörig und gegenüber diesem auch verantwortlich. Im Französischen und Englischen ist zweitens eine Verbindung zum religiösen Bereich vorhanden. Der ministre du culte und der minister sind Priester, Seelsorger, kurz Geistliche. Das Verb to minister bedeutet gerade dienen, betreuen oder einen Gottesdienst abhalten. Gesundheitsminister_innen üben demnach wie die Regierungsmitglieder eine (gesundheitliche) Führungsaufgabe aus und sind gleichzeitig einem übergeordneten Ganzen, nämlich den Gesundheitsidealen der Zeit, verpflichtet und verantwortlich. Wie die Priester betreiben sie Fürsorge und Betreuungsarbeit. Dabei dienen sie gleichzeitig einer autoritären Instanz respektive einem nicht zu hinterfragenden Ideal. Zudem sind sie Repräsentant_innen dieses Ideals und halten Gesundheitsdienste. Die Verleugnung jener konstitutiven Verbindung zwischen Krankheit und Gesundheit in unserer Gesundheitsmelancholie funktioniert aber nur vermeintlich. Gesundheitsminister_innen werden nämlich von einem unbotmäßigen, gärenden Rest eingeholt. Dieser Rest zeigt sich in Form vehementer Unsicherheit, von Ich-Verarmung und in der Erfahrung von Schuldgefühlen. Zudem erscheint die Selbst-Thematisierung der Gesundheitsminister_innen narzisstisch und schamlos. Neben der Kommunikation von Trauer als subversivem Mittel zur Unterbrechung der Gesundheitsmelancholie wird anhand einiger Sequenzen aus Scrubs die ambivalente Potenzialität von Lachen konturiert (Unterkapitel 3.5).
Kapitel 4 zielt darauf ab zu illustrieren, wie Medien familienpolitische Diversität/Komplexität/Mehrdeutigkeit und auch deren unterschiedliche Eingrenzung herausgehoben arrangieren. Das folgende Kapitel stellt demnach eine metapraktische Erweiterung derjenigen einschlägigen Studien dar, die Diversität und reduktive Einschränkung im Kontext von Familialität lediglich deskriptiv behandeln. Familiale Mehrdeutigkeit in unserer gegenwärtigen Medienkultur ist bestenfalls tolerante Vielfalt und schlechtestenfalls Oxymorie. Bevor die gegenwärtige medienkulturelle Konfiguration familienpolitischer Vielfalt (und Eingrenzung) anhand verschiedener Medien dokumentiert wird (Unterkapitel 4.2 und 4.3), werden zunächst diejenigen Elemente herausgearbeitet, die autokonstitutiv mit dem Diskursphänomen Familienpolitische Mehrdeutigkeit bis hin zu Oxymorie verbunden sind (Unterkapitel 4.1). Es sind die Elemente Unsicherheit, Sorge und Angst, die für Unbehagen im Kontext von Familialität verantwortlich zeichnen. Inwiefern aber, warum und auf welche Weise erscheint Familialität der Gegenwart unbehaglich? Um familiale Malaise charakterisieren zu können, werden Begründungshorizonte im Umfeld von Pränataldiagnostik untersucht und analysiert. Als Grundlage hierfür dienen Erzählungen von Eltern und Experten im Dokumentarfilm Am Anfang – Vor der Geburt. Um allerdings einen diskursiven Einblick in familiales Unbehagen der Gegenwart gewährleisten zu können, wird die Objektebene erweitert. Die Gemeinsamkeit der betrachteten Aushandlungen (Artikelüberschriften, Sachtexte und der Roman Angst) besteht darin, dass sie einen konstitutiven Bezug zu familialer Unbehaglichkeit aufweisen. In Links’ Dokumentarfilm (Unterkapitel 4.2) wird Hybridität bei Fragen rund um Schwangerschaft ostentativ visualisiert. Welche filmischen Strategien und welche kommunikativen Elemente ermöglichen die Heraushebung von Hybridität? Um die familienpolitische Hybridität der Gegenwart in unserer Medienkultur besser fassen zu können, wird Bruno Latours Theorie in seinem Essay Wir sind nie modern gewesen herangezogen. Die von Frischs Protagonisten Walter Faber kommunizierte Klarheit, seine eindeutige Positionierung im Hinblick auf den Schwangerschaftsabbruch (»Schwangerschaftsunterbrechung: eine Konsequenz der Kultur, nur der Dschungel gebärt und verwest, wie die Natur will«92) ist in unserer gegenwärtigen Medienkultur unter familientechnologischen Bedingungen unterlaufen. Aber was ist geschehen? – kann mit Latour gefragt werden? Eingetreten ist jene wissenschaftlich vielerorts konturierte Vermischung von Gegensätzen, die sich metapraktisch auch zeigt. So fokussiere ich im Rückgriff auf neueste Medientheorien auf den existenten, manifesten, ja auf den ostentativen Charakter der familienpolitisch ambivalenten Zwischenräume in unserer Medienkultur. Ein interessantes zwischenräumliches Spektakel ist etwa das Schaufenster93 im Seed Brand Store München. Weiterhin bildet die Babywelt-Messe (MOC Veranstaltungscenter) eine Topografie mehrdeutiger Vielfalt. Die Babywelt-Messe ist somit ein Konzentrat der bunten konzeptionellen Diversität von Familialität. Diese komplexe Vielfalt zeigt sich gleichfalls, ist demnach augenfällig, ostentativ und herausgehoben. Butler zufolge macht gelebte Familialität in komplexer Daseinsform die Idealität der Norm zunichte94. Familiale Komplexität mündet in Entgrenzung und impliziert (produktive) Mehrdeutigkeit. Abschließend (Unterkapitel 4.3) wird problemorientiert ein Kalender mit Texten von der Ärztin Maya Fehling und Illustrationen von der Schauspielerin Ina Gercke zur Veranschaulichung der Manifestationen familienpolitischer Diversität und zur Vergegenwärtigung machtförmiger familienpolitischer Reduktionismen herangezogen und analysiert. Dieser Kalender für das Jahr 2016 stellt »12 Wege zum kindlichen Glück« aus.
Kapitel 5 zeigt in Familialität eingeschobenes Konfliktpotenzial, welches strenggenommen dramatisch ist. In den Unterkapiteln wundere ich mich diskuranalytisch darüber, dass und wie95 persistent das Funktionieren von Familialität in unserer Medienkultur unterlaufen wird. Was sich anhand der jeweiligen Medienangebote illustrieren lässt, sind Konfliktfelder in ihren je spezifischen Kontexten. Kälter als der Tod, eine Episode der TV-Krimiserie Tatort entfaltet in mehrfacher Hinsicht Familiendramen (Unterkapitel 5.1). Er fungiert in einer Gesamtsicht als ein Medium, das familiale Problemhorizonte als Problemhorizonte antinormativ verhandelt. Hinsichtlich der Analyse der Tatort-Episode lässt sich gerade kein Fazit formulieren: Weder lassen sich Aussagen über soziale Elternschaft noch über biologisch-leibliche Verwandtschaft machen. Jener schlussfolgernde Gestus bezüglich Familialität ist filminhärent ausgehebelt. Schmerzlich und narratologisch brillant dargeboten ist jedoch Familialität als katastrophales Monster. Familiale Monstrosität beinhaltet Ausgrenzung und Entgrenzung, Gewalt, Idealität, Naturalisierung, Macht, Verschleierung und Maskerade, Verleumdung, Perfektion und Bürgerlichkeit. Es wird filmanalytisch illustriert, dass die Tatort-Episode vordergründig diese Monstrosität als eine chiastisch-antithetische Familienkonstellation inszeniert, die in ihrer Tragik und Drastik verdeutlicht, dass familiale Positionen synchron eben nicht eindeutig bestimmbar sind. Weiterhin zeigt sich, dass fehlende familiale Positionalität als katastrophal aushandelbar ist. Im Rekurs auf die Butlersche Lévinas-Lektüre wird die These formuliert, dass die visuelle Darstellung der Familienmitglieder (speziell von Lydia Sanders) deren erfahrenes (Familien)Leid verdeutlicht. Das Gewahrwerden des Gesichts des Anderen ermöglicht die Berücksichtigung der Verletzlichkeit des Lebens. Das Lévinassche Gesicht (konnotiert mit Verletzlichkeit und Gefährdung) lässt keine direkte Darstellung zu. Wenn einige Familienmitglieder auf den Bildern gerade uneindeutig dargestellt werden – weitere Unschärferelationen sind im Übrigen ebenso inszeniert –, dann wird im Scheitern eindeutiger visueller Identifikation das Leid, die Qual und Gefährdung durch den Großvater, der dagegen deutlich konturiert ist, erhellt. Weiterhin ist Kälter als der Tod ein Film über Adoption, soziale Elternschaft, generell über Familialität – wie sie eben nicht funktioniert. Es ist ein Strukturmerkmal dieser Tatort-Episode, uneindeutige Perspektiven auf Familialität anzubieten. Es wird kein Familienkonzept (leiblich; sozial; Mischformen) als viabel inszeniert. Die Uneindeutigkeit des Kamerastandpunktes erhöht die Komplexität und vermeidet das Fällen eines endgültigen Urteils. Jeder Schlusskommentar liefe dem filmischen Spiel facettenreichster Uneinholbarkeit (der Subjektivierung, Familialisierung, Beurteilung) und Mehrdeutigkeit zuwider.
Als vollends inkommensurabel erscheinen familiale Konflikte in unserer Medienkultur, in denen Frauen ihre eigenen Kinder töten. Ausgelöst respektive motiviert wird die Katastrophe der Kindstötung im Roman Lasse von Verena F. Hasel (Unterkapitel 5.2) – so meine These – durch die Kombination einer fehlenden Anrede und einer gewaltvollen Anrede, die die Protagonistin Nina erfahren muss. Ich werde ausführen, dass Kindstötung in diesem Werk ein Reflexionsfeld eröffnet, welches weibliche Intelligibilität der Gegenwart problematisiert. Der Kindsmord im Roman ist eine Chiffre des Scheiterns einer weiblichen Intelligibilität, die ausschließlich verengt-abhängig ist. Ninas Identität ist insofern verengt-abhängig, als erst qua Schwangerschaft eine intelligible (nicht minder prekäre) Position eingenommen werden kann. Daneben – so die These – wird im Roman ein Modell der weiblichen Selbstkommunikation und Selbstwahrnehmung problematisierend angeboten, das die verengt-abhängige Intelligibilität als Bedingung auch der Selbstanerkennung vollends internalisiert hat. Der Roman Lasse erweist sich nicht zuletzt wegen der dargebotenen Destruktion biologisch-leiblicher Vaterschaft als äußerst spannend. Jene Destruktion ist aber nicht als Emanzipation von biologistischen Familienkonzepten, sondern als Flucht vor Verantwortung zu verstehen.
Das Schlusskapitel 6 resümiert die zentralen Ergebnisse der vorliegenden Arbeit. Daneben wird noch einmal abschließend und zusammenfassend die Relevanz der antipräskriptiven Beobachtung und Analyse von anekdotischen, eher ›läppischen‹ Medienereignissen im Umfeld von Familialität illustriert. Anhand einer Begebenheit auf einem Spielplatz kann gezeigt werden, dass beim Durchspielen von Familie zwangsläufig auf akzeptierte Rollenmuster zitathaft zurückgegriffen wird und folglich von familialer Beliebigkeit nicht die Rede sein kann. Eine an Voraussetzungen gebundene familiale Variabilität in unserer Medienkultur ist aber beobachtbar und lebbar. Darüber hinaus erfolgt in Auseinandersetzung mit einer jüngeren Faust-Inszenierung eine kompakte und beispielorientierte Umsetzung der hier entwickelten neuen Methodologie. Es ist nicht zuletzt das Anliegen der vorliegenden Studie, einmal zu exemplifizieren, was mit einer solchen Herangehensweise möglich ist.
1. Forschungsüberblick und Positionierung
Im nun folgenden Forschungsüberblick1 werden diejenigen Arbeiten vorgestellt, die für das vorliegende Projekt heuristisch wichtig sind, an die ich also anknüpfen kann oder von denen ich mich verschiedentlich abgrenze. Hier wird ein separater Forschungsüberblick gegeben, damit basale Zusammenfassungen im Hauptteil sich vermeiden lassen.
Hilge Landweer zeigt diskursanalytisch in ihrer Monografie Das Märtyrerinnenmodell2, wie sich seit dem 18. Jahrhundert allmählich ein Rollenmuster herausgebildet hat, nach dem Mütter durch einen Gestus des Sichaufopferns in vielfältigen Formen zu charakterisieren sind.
»Anders als die männlichen – historischen oder politischen – Märtyrer, die sich dadurch auszeichnen, sich für die ganze Gesellschaft oder für Ideale aufzuopfern, opfern sich Märtyrerinnen in erster Linie für ihre ›Familien‹ – Söhne, Töchter, und nicht zu vergessen: Männer. […] Märtyrerinnen sind nichts als Mütter – faktisch oder symbolisch« (S. 72–73).
Ferner arbeitet sie heraus, wie Mütterlichkeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker der Weiblichkeit zugeschrieben wird (S. 96), wobei weibliche Individualität aufgrund der Relationalität eher als »Dividualität« zu bezeichnen ist (S. 133). Historisch ist eine sukzessive Verschärfung der Anforderungen an die Mutter festzustellen, eine Steigerung ihrer Verantwortung, eine Ausweitung der Arbeit in direktem Bezug zum Kind (S. 98) und zum Fötus (S. 124). Die Arbeit von Landweer ist im Hinblick auf die vorliegende Studie von Interesse, weil die von dort profilierte Figur der Märtyrerin als Analysekategorie gegenwärtiger Problemhorizonte von Mütterlichkeit verwendet werden kann. Die identitätsstiftende Verschränkung von Mütterlichkeit und Weiblichkeit wird als tödliches Krisenphänomen etwa im Roman Lasse (siehe Unterkapitel 5.2) inszeniert.
Silja Samerski fokussiert in Die verrechnete Hoffnung3 auf die neuen Entscheidungssituationen, die sich durch die genetische Beratung ergeben. Sie zeigt, wie die bis ins 20. Jahrhundert existente Bedeutung von entscheiden im Sinne von »klären«, »bestimmen«, »verfügen« und »urteilen« sich seit den sechziger Jahren verschoben hat. So kann die allgemeine Bedeutung von Entscheidung nunmehr als »Wahl zwischen Möglichkeiten« verstanden werden (S. 87). Samerski zeichnet eine genetikbezogene Logik nach, die Hoffnung durch eine abstrakte Form des Wissens obsolet erscheinen lässt (S. 17–18). Die Thesen Samerskis sind für die hierher gehörende Fragestellung insofern bedeutend, als aktuell jene von ihr problematisierte Kategorie der Entscheidung im Kontext von Familienpolitik virulent und durchaus auch leidvoll verhandelt wird.
Hanna Meißner konturiert besonders mit Blick auf Butler und Foucault »Generativität als historisches Dispositiv«4, wobei der Begriff Generativität ihr zufolge allgemein als Sorge um nachwachsende Generationen (S. 156, Fußnote 3) zu verstehen ist. Generativität ist durch den funktionalen Imperativ der Optimierung des Menschen vorgeprägt (S. 163) und konstituiert sich gerade durch eine »Naturalisierung vermeintlicher Notwendigkeiten des Lebens« (S. 156–157). Zusammenfassend konzeptualisiert sie Generativität als ein multidimensionales dispositives Gebilde, in dem jedweder sorgende Beziehungszusammenhang zum Nachwuchs normativ reguliert ist (S. 163–164). Die dispositive Erfassung von Optimierungsimperativen und Phänomenen der Sorge, allesamt häufig zu beobachten, unterstützt die auch hier zugrunde liegende Annahme der Potenzialität zur (Norm)Veränderung. Meißner fokussiert demnach theoretisch auf ein dispositives Ordnungsschema der Sorge im Kontext von Reproduktion, welches hervorgebracht und wandelbar ist.
Überwachung und Risiko von Schwangerschaft werden von Elsbeth Kneuper korrelativ in Anschlag gebracht: »Die Vorstellungen der Schwangeren von der Geburt sind gerade durch die engmaschige Überwachung des schwangeren und des kindlichen Körpers heute mehr denn je von Risiken geprägt.«5 Dabei verweist die Autorin ferner auf die Reglementierung des Alltags durch Fokussierung auf Gesundheit (S. 195). Die Feststellung der alltagsbestimmenden Norm der Gesundheit im Umfeld von Familienpolitik erweist sich als äußerst wichtig für die vorliegende Arbeit. Im Unterschied zu bisherigen Annahmen verfolge ich allerdings, ausgehend von einem disparaten Mediensyntagma, eine qualitative Einordnung und über Deskription hinausgehende Profilierung der prekären Einkapselung von Gesundheit in Familialität.
Eingangs habe ich Sheldons Persiflage (The Big Bang Theory) eines einseitigen Gendeterminismus aufgezeigt (»Wir begehen einen genetischen Betrug. Es gibt keine Garantie, dass unsere Spermien hochintelligente Nachkommen hervorbringen. Denk doch mal nach. Ich hab eine Schwester mit ziemlich derselben DNA-Mischung und sie serviert Fastfood«). Nichtsdestotrotz – eine Persiflage benötigt eine Folie. Dies ist hier nun gerade die Folie der Genetisierung der Zeugung6, die von Wülfingen herausarbeitet. Das Ziel ihrer Untersuchung ist es, zu zeigen, ob und wie seit Ende der 1990er Jahre diskursive Veränderungen eintreten, die Sterilität normalisieren (S. 12). In ihrer an Foucault angelehnten archäologischen Beobachtung der Veränderungen der Darstellungsweise Neuer Reproduktionstechnologien im Hinblick auf Infertilität und Fertilität (S. 15) geht es ihr weniger um harte Fakten als um faktenschaffende Möglichkeiten aufgrund von Visionen und Fiktionen (S. 9–10). Die Objektebene speist sich aus »Texte[n] in deutschen Publikumsmedien von 1995 bis 2003 […], die den Angaben nach von Experten und Expertinnen aus dem Gebiet der Gen- und Reproduktionstechnologie stammen«7 (S. 15). Sie zeigt u.a., wie es ab ca. 1998 in dem von ihr betrachteten Material verstärkt um Befreiung von Zwängen im Kontext von neuen Reproduktions- und Gentechnologien – im Unterschied zur Heilung – geht (S. 107). Als besonders bedeutsam erweist sich auch ihre Feststellung, dass Reproduktionsprozesse zunehmend ärztlich begleitet werden (S. 248). Von Wülfingens Metaphernanalyse hat ergeben, dass die Diskursstränge ›Unfreiheit durch naturgegebene Bedingungen‹ und ›Befreiung durch Neue Reproduktions- und Gentechnologien‹ zentrale Verhandlungsmomente sind (S. 108). Nur durch gesetzte respektive angenommene Biologisierung erhalten Neue Gen- und Reproduktionstechnologien den Status von ›Befreiungstechnologien‹ (S. 107).8 Der sich manifestierende Argumentationsgang wird als dialektisch konturiert (S. 306). Ihre Studie ist von Interesse, weil sie den Stellenwert von Visionen und Fiktionen zum Ausdruck bringt sowie Strategien der Naturalisierung berücksichtigt. Mit der Autorin ist davon auszugehen, dass das, »was diskursiv präsent«, auch »ernst zu nehmen«9 ist. Während von Wülfingen auf eine »Untersuchung neuer Denkbarkeiten«10 (S. 23) abzielt, geht es mir um die Untersuchung von Elementen, die medial zeigbar sind. In deutlicher Differenzsetzung zu von Wülfingens Arbeit fokussiere ich aber gerade auf eine weitere, funktional bestimmte Objektebene. Die hier erarbeitete mediensyntagmatische Haltung konzentriert sich nicht vorweg auf Aushandlungen in Publikumsmedien und von Expertenstimmen.
Die kulturwissenschaftliche Medienanalyse Reproduziertes Leben. Biomacht in Zeiten der Präimplantationsdiagnostik (2011) von Julia Diekämper fokussiert innerhalb einer klar abgegrenzten Objektebene diskursanalytisch auf ein zeitlich und räumlich definiertes medial Sagbares: »Ich untersuche, was zu einer bestimmten Zeit (1995 bis 2010) an einem bestimmten Ort (Printmedien) anlässlich von bestimmten Ereignissen (im weiteren Sinne: Reproduktionstechnologien) sagbar war.«11 In Auseinandersetzung mit Diekämpers Arbeit lassen sich nun explizit methodologische Säulen herauspräparieren, die meine Studie mit bereits existierenden kultur- und medienwissenschaftlichen Arbeiten teilt bzw. mit denen die vorliegende medienkulturwissenschaftliche Untersuchung andere und neue Wege geht. Wie Diekämper gehe ich davon aus, dass »Medien als Reflektions- und Initiationsorgan eine markante Schlüsselposition zu[kommt]« (S. 21). Ebenso ist ihrer Auffassung, dass mediale Aushandlungen Normen hervorbringen (S. 20), vollends zuzustimmen12. Daneben verweist die Autorin auf machtförmige Kräfteverhältnisse im Reproduktionsdiskurs (S. 21). Wenn sie ankündigt, »ganz vom Material auszugehen« (S. 20), dann ist darin wohl eine Ähnlichkeit mit meiner Analyse von »Impressionen in situ« auszumachen. Diekämpers »Grundannahme«, »dass es keine klare Trennlinie […] zwischen einer ›reinen‹ Wissenschaft und der in den Printmedien auftauchenden vermeintlichen Populärwissenschaft [gibt]« (S. 15), liegt auch der vorliegenden Untersuchung zugrunde. Und dennoch: Meine medienkulturwissenschaftliche Haltung kann (in deutlicher Differenz zu Diekämpers Studie) auf keine homogene Objektebene fokussieren, schon gar nicht sich auf Printmedien beschränken. Der größte Unterschied besteht darin, dass in meiner Kopplung von Medienkulturwissenschaft und diskursanalytischen Werkzeugen nicht aussagenorientiert vorgegangen wird. Denn zu der zitierten Untersuchung »liefern Aussagen das Rohmaterial, weil sie die Möglichkeit einer systematischen Darstellung diskursiver Strategien bieten.«13 Hier dagegen soll es nicht darum gehen, dass »sich in den manifesten Sagbarkeiten (und Unsagbarkeiten) Normen ablesen lassen« (S. 104), sondern darum, dass disparate mediale Manifestationen herausgehoben, arrangiert-verdichtet, letztlich ostentativ Familienpolitik zeigen. Anders formuliert: Nicht »[m]ediale Sagbarkeit« (S. 26), sondern mediale Zeigbarkeit interessiert hier. Zwar gibt es sicherlich Interpenetrationszonen zwischen medialer Zeigbarkeit und Sagbarkeit – so formuliert Diekämer: »Exemplarisch zeigt sich anhand der Medien dann etwa, was zu einer bestimmten Zeit sagbar ist.«14 Wenn Diekämper jedoch einigermaßen verwundert festhält, dass die »diskursiven Nebenwirkungen der Pille […] sogar bis in die Unterhaltungsindustrie hinein[wirkten]« (S. 56) und ein Lied als Beispiel dafür zitiert wird, dann frage ich mich schon, was daran – zumindest vor dem Hintergrund eines funktionalen Medienbegriffs – denn nicht zu erwarten war, so suggeriert es zumindest das Adverb sogar. Zeigbarkeit ist in der vorliegenden Arbeit funktional und unstornierbar an (disparate) Medien in dem für unsere Medienkultur als charakteristisch anzunehmenden Mediensyntagma gebunden. Auch in Diekämpers Arbeit ist zu lesen, dass printmediale Medienbeiträge etwas »veranschaulichen« (S. 166) und »Debatten« unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar machen (S. 165). In meiner Studie sind aber die Zeigbarkeiten strikt methodologisch grundiert, an neue Medientheorien, an ein Mediensyntagma und an Medienkultur gebunden.
Die Überlegungen von Rapp fungieren als symptomatische Belege für (all) die wissenschaftliche Konturierung von Kontextualität (und all ihren Varianten wie Situativität, Interpretativität etc.) im Umfeld von Reproduktion. Es war Rayna Rapp, die mit Testing Women, Testing the Fetus15 eine Untersuchung vorgelegt hat, in der intervieworientiert facettenreichste, kontextbasierte, glaubensspezifische, multiperspektivische, lokale und globale, kategorienabhängige (unter anderem class, age, gender) Diversität, Komplexität, Verflechtung, Differentialität bei Fragen rund um die Anwendung von Fruchtwasserpunktion beleuchtet wird. So konstatiert sie:
»To understand each negotiation, we would need a different, fuller context within which to situate the meaning of this particular pregnancy in light of community values, reproductive histories, and the trajectory of each particular woman and her partner. Such a grounding would provide more ample space for examining the contradictory social relations and limits each pregnant woman faces, and the constrained agency she exercises in her reproductive choices« (S. 100).
Dabei fokussiert sie auf Entscheidungsprozesse sowie verschiedene Grenzziehungen und fragt nach den basalen Konstitutionsbedingungen für die Notwendigkeit entschiedenen Grenzziehens. Die Bedeutung etwa von Kontextualität, Situativität oder Interpretativität bei Fragen rund um Familie kann nicht überschätzt werden. Dennoch gehe ich über die (bloße) Feststellung und Einforderung von Kontextualität, Situativität oder Interpretativität deutlich hinaus, indem ich mithilfe eines erkenntnisleitenden Medienbegriffs zeige, dass Kontextualität in unserer Medienkultur ostentativ vorliegt.
Insgesamt betrachtet erweisen sich die jüngeren Sammelbände Soziologie der Geburt. Diskurse, Praktiken und Perspektiven16; Mütter – Väter: Diskurse, Medien, Praxen17; Das Imaginäre der Geburt. Praktiken, Narrationen und Bilder18 und Geburt in Familie, Klinik und Medien. Eine qualitative Untersuchung19 sowie Tanja Nussers Monografie »wie sonst das Zeugen Mode war«. Reproduktionstechnologien in Literatur und Film20 als echte Meilensteine, insofern als dort diskursive, kulturell-symbolische, narrative, historisch-gesellschaftliche, rituelle, praxisbezogene und mediale Aspekte sowie ihre Verschränkungen beleuchtet und interpretiert werden. Barbara Thiessen und Paula-Irene Villa heben beispielsweise hervor, dass TV-Formate wie nachmittägliche Talkshows »alles andere als unseriöse populärkulturelle Details«21 sind. Explizit führt auch der Sammelband Techniken der Reproduktion. Medien – Leben – Diskurse22 »aktuelle biotechnologische und biopolitische Entwicklungen mit kultur- und medienwissenschaftlichen Diskursen zusammen, die sich mit der Reproduktion von Texten und Identitäten befassen.«23
Die jüngst erschienene Monografie Kinder machen24 von Andreas Bernard fokussiert auf die Geschichtlichkeit assistierter Empfängnis und bezieht Literatur (Huxley: Schöne neue Welt, Zola: Fruchtbarkeit, Goethe: Die Wahlverwandtschaften etc.) und Filme (etwa Cholodenko: The Kids Are All Right) in den Deutungshorizont mit ein. Dabei geht der Autor von familialer Kontinuität aus: »Die mit Unterstützung der Reproduktionstechnologien entstandenen Familien sind schlichtweg die zeitgenössische Ausprägung eines traditionellen Lebensmodells« (S. 482). Besonders beeindruckend erscheint mir die Berücksichtigung des topografischen Arrangements in Samenbanken: »In allen Samenbanken und Reproduktionszentren […] ist dieses Masturbations-Ensemble nahezu identisch zusammengestellt. Es ruft in Erinnerung, dass auch der leidenschaftslosesten, maschinellsten Gewinnung des männlichen Ejakulats so etwas wie Erregung des Mannes vorangehen muss« (S. 99). Bernards Arbeit ist von Bedeutung, weil durchwegs auf das historische Gewordensein von Familialität fokussiert wird. Ferner berücksichtigt sie mediale und räumliche Aushandlungen, ohne kulturpessimistisch zu verfahren. Meine Studie stellt dennoch eine Erweiterung dar, indem topographische Arrangements wie etwa ein Messe-Aufbau stärker in das Mediensyntagma der Familialität integriert werden.
Die vorliegende Arbeit kann an die im vorigen Abschnitt erwähnten Sammelbände und Monografien in ihren sicherlich unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen deutlich anknüpfen, besonders aufgrund von deren Betonung diskursiver, medialer, kulturell-symbolischer, kurz performativer und konstruktiver Momente im Kontext von Familialität. Diese Arbeiten sind demnach grundlegend für mein Forschungsvorhaben. In diesem Zusammenhang soll auch auf die sehr wesentliche theater- und kulturwissenschaftliche Studie Mutterschaft und Familie. Inszenierungen in Theater und Performance25 von Miriam Dreysse, die ebenfalls Judith Butler heranzieht, verwiesen werden. Die Autorin verfolgt das Ziel, »Inszenierungen von Mutterschaft, Familie und Verwandtschaft in der visuellen Kultur und den darstellenden Künsten der Gegenwart zu untersuchen« (S. 24). Ihre Studie zeichnet sich durch ein in mehrfacher Hinsicht facettenreiches Korpus aus:
