Kitabı oku: «Kriegerherz und Königsehre», sayfa 2
Sir Robert lag im Sterben. Eric sah seinen Vater auf dem Bette liegen, der Atem ging flach.
„Vater, nein, du darfst mich nicht allein lassen. Nicht mit diesem …“
„Mein Sohn, glaube mir, es ist das Beste so. Mach mir keine Schande. Hast du verstanden? Schwöre es mir!“ Lord Eddings Stimme war nur noch ein Flüstern. Eric kniete neben dem Bett und hielt die Hand seines Vaters.
„Ja“, kam es kaum hörbar über seine Lippen.
Mit der anderen Hand strich sein Vater ihm noch einmal liebevoll über das Haar und verschied.
„Vater… !“
Eric warf sich auf den ausgemergelten Körper seines Vaters und weinte bitterlich. Fast die halbe Nacht saß er am Totenbett, bis ihn die Erschöpfung übermannte und er auf dem Fußboden einschlief.
Geoffrey stand seit Stunden vor dem Schlafgemach und hörte das Klagen des Sohnes um den geliebten Vater. Als dies verstummte, spähte der Diener in den Raum und sah Eric auf dem Boden liegen. Leise schloss er die Tür und ging in die große Halle, um Oliver zu suchen. Der junge Wallace stand vor dem Kamin und unterhielt sich mit seinem Onkel Guy.
„Sir Oliver, verzeiht die Störung“, begann Geoffrey.
Der Angesprochene nickte dem Diener auffordernd zu.
„Sir Robert ist soeben verstorben. Eric ist vor Erschöpfung eingeschlafen und liegt nun vor dem Bett seines Vaters. Dürfte ich Euch um Hilfe bitten, den Jungen in sein Gemach zu bringen?“
Oliver warf Guy einen kurzen Blick zu und beide folgten dem Kammerdiener. Als sie das Gemach des Burgherrns betraten, schlief Eric noch immer. Es war ein erschreckend trauriges Bild, das sich den Männern bot: Roberts Arm hing vom Bett herunter und seine Hand ruhte auf dem Schopf seines Sohnes. Als würde er ihm noch über seinen Tod hinaus Trost spenden wollen. Oliver rüttelte sanft an Erics Schulter.
„Dein Vater ist jetzt erlöst, Junge“, sagte Oliver mitfühlend. Kraftlos erhob sich Eric. Seine Augen waren vom vielen Weinen verquollen. Verlegen senkte er den Kopf vor seinem Vormund.
„Es ist keine Schande, wenn ein Mann weint. Wir haben genauso viele Gefühle wie Frauen und sollten es dann und wann auch zeigen. Sir Guy wird dich auf dein Zimmer begleiten. Ich werde alles Nötige für das Begräbnis veranlassen. Sobald dein Vater beigesetzt ist, brechen wir auf.“
„Ihr könnt es wohl gar nicht abwarten, alles an Euch zu reißen“, sagte Eric, dem alles viel zu schnell ging. Und wieder schoss die rechte Augenbraue Olivers steil in die Höhe. Eric blickte seinen Vormund trotzig an, dann folgte er Sir Guy. Als sie beide alleine waren, wandte sich Guy an ihn:
„Eric, ich verstehe deinen Kummer. Aber du wirst lernen müssen deine Zunge im Zaum zu halten, denn dein Benehmen ist respektlos. Sir Oliver hat dich nur geschont, da du in Trauer bist.“ Mit diesen Worten ließ ihn Guy allein.
Wenige Tage später fand das Begräbnis statt, an dem neben Oliver und Guy auch Sir Frederic und weitere Gefolgsmänner der Familie Eddings teilnahmen. Stumm sah Eric zu, wie der Totengräber und sein Gehilfe den einfachen Holzsarg mit den sterblichen Überresten Sir Roberts in die Erde hinabließen. Da das Amt des Priesters im Dorf noch immer nicht besetzt war, sprach Oliver Wallace das Gebet. Erstaunt über seine tröstenden Worte blickte Eric ihn an und bemerkte Trauer in Olivers Augen.
„Nimm den Leib unseres geliebten Vaters, Freundes und Gönners in deinen Schoß auf. Sir Robert war ein harter, aber gerechter Mann. Er liebte seine Frau und seine Kinder, er war stolz auf sie. Und sie haben ihn geliebt. Friede seiner Seele.“
Anschließend wanderte die kleine Prozession zurück in die Burg.
„Sir Edgar wird die Besitztümer bis auf weiteres verwalten, Eric. Er ist ein kluger und erfahrener Kastellan.“
„Wenn Ihr es sagt“, antwortete Eric teilnahmslos. Er fühlte sich leer, ohne Hoffnung, verlassen von dem letzten Menschen, der ihm Liebe und Geborgenheit gespendet hatte.
„Hol dein Pferd und ….“, riss Oliver ihn aus seiner Lethargie.
„Pferd...?“, unterbrach Eric ihn aufgeregt.
„Eric, unterbrich mich nicht mehr, wenn ich rede! Du sollst dein Pferd holen. Wir brauchen zwei Tagesreisen zu meinen Ländereien.“
Seit dieser verdammte Oliver aufgetaucht ist, bin ich vom Pech verfolgt, fluchte Eric innerlich. Er hatte seit seiner Kindheit auf keinem Pferd mehr gesessen, weil er einst heruntergefallen war und sich danach nicht wieder getraut hatte, es zu versuchen. Aber jetzt durfte er sich keine Blöße geben. Mit hängenden Schultern ging er in den Stall. Dort nahm er sich Aragon, den alten Wallach seines Vaters. Es war ein geduldiges Tier. Mit Hilfe eines Steigbaums bestieg Eric das Pferd und ritt heraus. Der Rücken des Tieres war so breit, dass Eric kaum sitzen konnte. Oliver warf ihm einen prüfenden Blick zu und ritt dann voran durch das Burgtor. Der Trupp setzte sich in Bewegung.
Eric ritt neben Sir Guy. Er rutschte auf dem Sattel hin und her und die Bewegungen des Pferdes schüttelten ihn durch und durch. Er konnte sich dem Rhythmus des Tieres einfach nicht anpassen. So dauerte es nicht lange, bis ihm der Rücken schmerzte und seine Oberschenkel wund gescheuert waren. Guy warf dem Jungen zwischendurch einen Blick zu und musste sich ein Lachen verkneifen. Reiten konnte dieser wahrlich nicht.
Oliver ließ sich ans Ende des Zuges zurückfallen und bedeutete Sir Guy ihm zu folgen. Als sie auf gleicher Höhe waren, wartete Sir Guy darauf, was sein Neffe ihm zu sagen hatte. Seit Kindheitstagen war er Olivers engster Vertrauter. Selbst in der Zeit, als Sir Otto noch lebte, hatte sich Oliver lieber seinem Onkel anvertraut und ihn statt seinen Vater um Rat gefragt.
„Guy, was hältst du von Eric?“, wollte Oliver wissen.
„Nun, er ist ein wenig seltsam. Seine Statur ist ungewöhnlich; lange dünne Beine, aber einen kleinen Bauchansatz, noch keine männlichen Züge, kein Bartwuchs, ein dünnes Stimmchen und reiten kann er auch nicht. Und zu allem Überfluss ist er auf dich überhaupt nicht gut zu sprechen“, resümierte Guy.
„In der Tat. Nachdem ihn sein Vater unterrichtete, dass ich ab jetzt sein Vormund bin, erst recht nicht. Er hat mir sogar vorgeworfen, dass ich seine Schwester vergessen hätte. Dabei haben wir uns nur einmal vor vier Jahren gesehen und da war sie eine Bohnenstange gewesen. Für mich ist Eric fast zu hübsch für einen Jungen“, berichtete ihm Oliver.
„Das ist mir auch schon aufgefallen“, pflichtete ihm Guy bei.
„Weißt du, wenn er schon so ein reizendes Bürschchen ist, wie schön wäre dann seine Schwester geworden?“, sinnierte Oliver laut. Ein leichtes Bedauern schwang in seiner Stimme mit.
„Ich denke, sie wäre eine Augenweide geworden“, antwortete sein Onkel überzeugt.
„Ja, das glaube ich auch.“ Und wieder dachte Oliver an die zarten Züge in Erics Gesicht, sein trotziges Verhalten ihm gegenüber. Auf einmal begann sich ein Verdacht in ihm zu regen. Doch der Gedanke war so absurd, dass er sich selbst verrückt schimpfte. Dennoch beschloss er, Eric sehr genau im Auge behalten, um zu sehen, ob sich seine Ahnung bestätigte. Denn auf seine Intuition konnte er sich jederzeit verlassen.
Eric indes litt Höllenqualen. Er hatte den Kopf gesenkt, damit niemand die heimlichen Tränen bemerkte, die stumm an seiner Wange hinabperlten. Die Innenseiten seiner Schenkel brannten höllisch und er konnte sich kaum noch auf dem Pferd halten. Damit er nicht runterrutschte, drückte er seine Fersen in die Flanken des Pferdes. Aragon nahm dies als Anreiz und begann zu galoppieren. Völlig überrascht fiel Eric aus dem Sattel und landete unsanft auf seinem Hosenboden.
Die Ritter hielten ihre Pferde an und bildeten einen Kreis um ihn. Gelächter schlug ihm entgegen. Der Kreis öffnete sich und Oliver ritt mit Guy heran.
„Es scheint, als hättest du noch nie im Sattel gesessen, Bürschchen. Oder hast du das Reiten verlernt?“, lachte Oliver.
Eric stand auf, seine Wangen glühten und er biss sich auf die Lippen. Er fühlte sich so gedemütigt. Wie konnte Oliver ihn vor der versammelten Ritterschaft nur so bloßstellen? Zornig funkelte er ihn an. Oh, wie er Oliver verabscheute!
Wortlos nahm Eric die Zügel in die Hand, die ihm Oliver hinhielt. Dann führte er Aragon zu einem umgestürzten Baum und stieg auf. Schweigend setzte sich der Zug erneut in Bewegung.
Die Sonne stand hoch im Zenit und brannte auf sie herunter. Eric spürte die warmen Strahlen in seinem Gesicht, sie berührten sanft seine Wangen als wolle das Licht ihm Trost spenden. Ohne Pause ritten sie, bis die Sonne sich anschickte am Horizont hinter den Bergen zu verschwinden.
Sie erreichten eine Baumgruppe, die von einigen Hecken umgeben war, als Oliver plötzlich rief:
„Wir rasten hier. Macht Feuer! Roger und Martin werden auf die Jagd gehen.“
Eric glitt mühsam vom Pferd. Mit schwankenden Beinen suchte er sich hinter den Hecken einen Platz, wo er seinen Bedürfnissen nachkommen konnte. Als er sich erleichterte, sah er die wunden Innenseiten seiner Oberschenkel.
„Bei Gott, das ist ja fast wie rohes Fleisch“, stellte er fest.
Er holte eine Salbe und Leinenverbände aus seiner Tasche, die er vorsorglich mitgenommen hatte, und machte sich zwei Umschläge, die er fest um die Schenkel wickelte. Es brannte wie Feuer auf den offenen Stellen. Doch nur für einen kurzen Moment, denn sofort setzte die kühlende Wirkung ein. Allerdings konnte er die Linderung noch nicht genießen.
„Eric, wo steckst du, zum Teufel noch einmal?“, hörte er Oliver ungeduldig rufen.
„Ich komme gleich.“ Schnell zerrte Eric seine Hosen hoch. Er wollte auf keinen Fall von Oliver in so einer entwürdigenden Situation entdeckt werden. Gerade hatte er seine Beinkleider fest um seine Hüften gebunden, als Oliver auch schon die Hecke vor ihm teilte. Und wieder zog er seine rechte Augenbraue steil in die Höhe.
„Bevor du das nächste Mal verschwindest, melde dich vorher bei mir ab“, herrschte er ihn an.
„Ich lauf schon nicht weg. Ich habe meinem Vater mein Wort gegeben und außerdem bin ich nicht Euer Leibeigener“, fauchte Eric beleidigt zurück.
Oliver biss die Zähne fest zusammen. Wie gerne würde er diesem vorlauten Grünschnabel eine Tracht Prügel verabreichen, aber Sir Robert hatte ihn ausgewählt, weil er ihn für würdig und fähig gehalten hatte mit Eric klar zu kommen. Alles zu seiner Zeit, beruhigte er sich selbst.
„Du bist mehr als das, du bist mein Mündel.“
Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen drehte sich Oliver um und überließ Eric sich selbst. Nach einer Weile folgte ihm der Junge und fand das Lager bereits fertig aufgebaut vor. Ein Feuer brannte und auf zwei Holzspießen wurden Kaninchen gebraten. Ein verführerischer Duft stieg Eric in die Nase. Unsicher blieb er stehen und schaute auf die Männer. Sie saßen um das Feuer und unterhielten sich. Oliver war nirgends zu sehen. Aber dieser stand im Schatten eines Baumes und betrachtete Eric genauer. Die gleichen grünen Augen, wie Deria sie gehabt hatte, dachte er. Olivers Gedanken wanderten zu dem kleinen Wildfang, dem er vor vier Jahren den Hintern versohlt hatte, als sie vor ihm davonlaufen wollte. Damals war er wütend auf Robert und seinen Vater gewesen, die ihm vorschreiben wollten, wen er zur Frau nehmen sollte. Aber inzwischen sah er es anders. Bald würde er heiraten, dieses Mal eine wohlerzogene junge Dame. Sie war das genaue Gegenteil von Deria. Aber auch sie wählte er nicht aus Liebe, sondern weil die Ehe ihm den Frieden sicherte, seine Ländereien und Besitztümer erweiterte und weil er einen Erben brauchte.
Eric setzte sich neben Guy, der ihn zu sich gewunken hatte.
„Alles in Ordnung?“, fragte dieser den Jüngling.
„Ja, ich habe nur das Gefühl, dass Oliver wütend auf mich ist, egal was ich mache.“
„Eric, dein Benehmen ist unreif. Er ist jetzt dein Vormund, er hat die Verantwortung für dich übernommen. Wenn du dich ihm gegenüber nicht anders verhältst, dann wird euer beider Zusammenleben sich sehr schwierig gestalten.“
Da trat Oliver aus dem Schatten ans Feuer heran und nahm einen Spieß vom Feuer. Prüfend betrachtete er das Fleisch, zog sein Messer, schnitt ein Stück ab und hielt es Eric hin. Dieser war überrascht, als Erster das Mahl kosten zu dürfen. Guy nickte ihm aufmunternd zu und so griff Eric zögernd nach dem Stück Fleisch, das auf der Schneide lag. Bevor er es greifen konnte, zog Oliver das Messer zurück:
„Pass auf, es ist noch heiß“, erklärte Oliver.
Vorsichtig nahm Eric das Fleisch entgegen. Dabei berührten sich ihre Finger. Eric erschauerte. Er hob den Kopf und sah direkt in Olivers eisblaue Augen. Für einen kurzen Moment erwiderte dieser den Blick, wandte ihn jedoch irritiert wieder ab und ging zu seinen Männern auf der anderen Seite des Feuers. Gedankenverloren schaute Eric ihm nach und biss in das gebratene Stück Fleisch, das er immer noch in der Hand hielt.
Anschließend leckte sich Eric jeden Finger einzeln ab. Oliver beobachtete ihn dabei und war erstaunt, wie erregend es auf ihn wirkte. Aber das da war ein Mann, nein, ein Jüngling, schoss Oliver durch den Kopf, wie konnte er ihn anziehend finden? Und wieder kam ihm sein Verdacht in den Sinn. Er musste so schnell wie möglich herausfinden, ob sein Instinkt ihm nicht einen Streich spielte.
Oliver teilte die Wachen ein und streckte sich auf dem Boden aus. Über Eric nachdenkend schlief er ein.
Neue Freunde
Eric dachte, auf dem harten Boden könnte er niemals einschlafen, doch bevor der Gedanke sich aus seinem Kopf verflüchtigte, schlief er schon tief und fest. Der anstrengende Ritt und die Schmerzen forderten ihren Tribut.
Bei Sonnenaufgang brachen sie auf und rasteten nur zweimal, um die Pferde ausruhen zu lassen. Als die Sonne blutrot am Horizont in die dunkle Ebene hinabtauchte, erreichten sie die Bärenburg. Sie lag auf einer breiten Anhöhe und zeichnete sich gegen den dunkelroten Himmel ab. Vier große Türme und eine hohe Burgmauer bildeten den äußeren Ring, die Mauern schimmerten rotgolden. Als sie das erste Tor passierten, kamen sie in den unteren Burghof. Hier waren die Ställe und die Häuser der Bediensteten. Über eine Brücke gelangten sie in den zweiten Vorhof. Hier befanden sich eine Bäckerei, das Waschhaus und eine Fleischerei. Weiter hinten gab es weitere Ställe und eine Schmiede.
Oliver stieg vom Pferd und alle anderen folgten ihm. Also glitt auch Eric von Aragon.
„Du kümmerst dich um die Pferde, Eric. Bring sie in den Stall dort und versorge sie. Danach kannst du in die Küche gehen und selbst etwas essen. Guy wird dir dann zeigen, wo dein Schlafplatz ist.“
Während er dies sagte, drückte er Eric die Zügel seines Pferdes in die Hand und verschwand durch das Tor. Eric blies sich die Haare aus der Stirn. Er war hundemüde und sein Vormund ging einfach so davon und überließ ihm auch noch sein Pferd.
„Dieser aufgeblasene Gockel“, grummelte Eric und wollte Aragon und Olivers Pferd in die Ställe führen. Aber das Tier kannte Eric nicht, warf trotzig seinen Kopf in die Höhe und wand sich in die Richtung um, in der sein Herr verschwunden war. Durch diesen unerwarteten Ruck glitten Eric die Zügel aus der Hand und er wusste nicht, wie er das riesige Tier am Weglaufen hindern sollte.
„Ghost, schau mal, was ich für dich habe“, hörte er eine Knabenstimme.
Ein etwa 10jähriger Junge gesellte sich zu ihm und hielt seine Hand ausgestreckt dem Pferd entgegen. Das Tier wendete sich wieder und kam auf den Jungen zu. Ghost - na, dieser Name passte zu dem Schimmel, dachte Eric amüsiert. Zaghaft nahm es die angebotene Karotte von der Hand und fraß sie auf. In der Zwischenzeit hatte der Junge die Zügel ergriffen und stellte sich Eric vor:
„Ich bin Stephen, der Stallmeister von Sir Oliver. Ich helfe dir, wenn du willst.“
„Du bist der Stallmeister? Wie alt bist du denn?“, fragte Eric ungläubig.
„Diesen Sommer werde ich elf Jahre alt! Vor mir war mein Großvater Stallmeister und davor sein Vater auch schon“, antwortete Stephen beleidigt.
„Entschuldige bitte, ich wollte… ach, egal. Ich heiße Eric und bin das Mündel von diesem aufgeblasenen Gockel.“
Stephen fing laut an zu lachen. Das war einfach zu komisch! Bisher hatte sich noch keiner getraut so etwas über den Burgherrn zu sagen. Gemeinsam führten sie die Pferde in den Stall und Stephen half Eric bei der Versorgung der Pferde. Sie nahmen Stroh und rieben die Rücken und Flanken trocken. Dann gaben sie ihnen Wasser und Hafer. Über eine Stunde waren sie so am Arbeiten. Eric war hundemüde und fühlte sich schmutzig.
„Willst du mit zu mir nach Hause kommen?“, fragte Stephen seinen neuen Freund.
„Was werden denn deine Eltern sagen, wenn du einfach einen Fremden mitbringst?“, fragte Eric zögerlich.
„Freunde sind uns immer willkommen. Außerdem habe ich keinen Vater mehr und Mutter hat bestimmt nichts dagegen.“ „ Eigentlich muss ich mich bei Sir Guy melden, wenn ich fertig bin.“, protestierte Eric schwach.
Wortlos nahm Stephen seine Hand. Mehr gezogen, als selbst gelaufen, folgte Eric. Sie gingen jetzt durch das dritte Tor und standen in einem weiteren Burghof. Hier gab es einen Brunnen und kleine Häuser reihten sich auf der rechten Seite aneinander. Vor ihm ragte die Hauptburg mit zwei Türmen auf. Eine breite Treppe führte nach oben in die große Halle. Stephen ging an der Treppe vorbei zu einem der kleinen Häuser. Ohne zu klopfen öffnete er die Tür und trat ein. Das Haus war sauber, es lagen frische Binsen auf dem Boden. Der Holztisch war geschliffen und glänzte matt im Kerzenlicht. Eric hatte selten ein so reinliches Haus wie dieses gesehen. Eine Frau stand an einem anderen Tisch und bereitete das Abendbrot zu.
Ohne aufzuschauen sagte sie:
„Stephen, wo hast du so lange gesteckt? Geh dich waschen und komm dann zum Essen.“
Ihre Stimme hatte einen wunderbaren Klang. Eric fühlte sich an die Stimme seiner Mutter erinnert, die ähnlich geklungen hatte. Trauer erfasste ihn.
„Mutter, ich habe einen Freund mitgebracht. Darf…“, begann Stephen zu sprechen. Bei dem Gehörten hob seine Mutter sofort den Kopf und Eric wurde von rehbraunen Augen eingehend gemustert. Für einen Moment runzelte sie die Stirn, doch dann wurde ihr bewusst, wie unhöflich sie sich verhielt: „Oh, entschuldige bitte. Ich heiße dich willkommen. Ich bin Ester.“
„Ich heiße Eric, Eric Eddings von Winterley.“
„Darf er bleiben, Mama? Er ist Olivers Mündel.“, hakte Stephen nach.
„Aber nur, wenn du dich jetzt sofort waschen gehst“, sagte seine Mutter mit gespielter Strenge. Stephen verschwand hinter einem Vorhang, der den Zugang zu einem anderen Raum verdeckte. Eric blickte ihm sehnsüchtig nach. Was gäbe er nicht alles dafür, sich waschen zu können. Ester verstand seinen Blick und bot ihm spontan an: „Wenn es dir nichts ausmacht, dich mit dem gleichen Wasser zu waschen, kannst du dich gerne etwas frisch machen.“
Früher hätte Eric die Nase gerümpft und eine hochnäsige Antwort gegeben. Aber jetzt war alles anders. Dankbar nahm er das Angebot an. Als Stephen herauskam, blieb ihm vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen. Der Junge war Oliver wie aus dem Gesicht geschnitten. Die gleichen schwarzen Haare und himmelblauen Augen, sogar das Grübchen im Kinn war da.
„Das gibt es doch nicht! Ist das…“, stammelte Eric. Ester half ihm aus der Verlegenheit:
„Es ist Olivers Halbbruder. Sir Otto ist sein Vater.“
Als wäre es das normalste der Welt hatte sie ihm gerade gesagt, dass Stephen ein Bastard war.
„Stellt das ein Problem für dich dar?“, fragte jetzt Stephen, der in Erics Gesicht genau gelesen hatte, was dieser gerade dachte. Eric räusperte sich und erwiderte dann aufrichtig:
„Früher hätte ich mit solchen Sachen ein Problem gehabt. Aber es hat sich vieles geändert und auch ich habe meine Meinung zu solchen Dingen überdacht. Es geht mich nichts an.“
Stephen atmete erleichtert auf, denn er wollte seinen neuen Freund nicht schon wieder verlieren.
„Dann geh dich waschen. Anschließend gibt es erstmal etwas Ordentliches zu essen.“
Das ließ sich Eric nicht zweimal sagen und verschwand hinter dem Vorhang. Er zog sein Hemd aus und tauchte seine Hände in die Schale. Das Wasser war noch warm. Er griff nach dem kleinen Stück Seife, das auf dem kleinen Tisch lag, und begann sich den Dreck von der Haut und aus den Haaren zu schrubben. Als er fertig war, nahm er das Handtuch und trocknete sich ab. Erneut rieb er sich die Oberschenkel mit der Salbe ein. Dabei fiel sein Blick auf den Boden. Ester hatte unter dem Vorhang frische Kleidung durchgeschoben. Er probierte sie an und stellte erstaunt fest, dass sie bis auf die Länge der Beinkleider passte. Das war ihm jedoch egal. Er fühlte sich frisch und sauber. Jetzt fehlen mir nur noch etwas Ordentliches zu essen und etwas Schlaf, dachte er bei sich. Verlegen trat er zu Ester und Stephen und bedankte sich für die Kleidung.
„Sie gehörten meinem älteren Sohn Roy, er ist vor zwei Jahren gestorben.“ Trauer schwang in Esters Stimme. Schon lag Eric die Frage auf der Zunge, ob Roy auch der Halbbruder von Oliver gewesen war, doch er verkniff sie sich.
Sie saßen am Tisch und aßen Brot, Käse und Wurst. Dazu tranken sie Wasser. Es war ein heiteres Beisammensein.
„Ich habe schon lange nicht mehr soviel gelacht, wie heute Abend. Dank deiner Witze, Stephen.“
Eric hielt sich noch immer den Bauch vor Lachen. Stephen grinste, doch er rieb sich mittlerweile ständig die Augen vor Müdigkeit.
„So, mein Sohn, Abmarsch ins Bett“, befahl seine Mutter, seinen Protest ignorierend.
Ester schob ihn in Richtung der Schlafkammer, gab ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss und wartete einen Moment. Dann vergewisserte sie sich, ob er wirklich im Bett lag und kam dann zu Eric zurück.
Als sie sich wieder an den Tisch setzte, sah sie Eric geradewegs in die Augen. Sie hatte die tragische Geschichte der Familie Eddings gehört: Lady Diana und ihre Tochter Deria waren während der großen Fieberepidemie gestorben. So war es jedenfalls bekannt, doch als Ester den Eric Eddings vor sich genauer betrachtete, hatte dieser wenig Ähnlichkeit mit dem Jungen, der vor einigen Jahren zusammen mit Sir Robert auf der Bärenburg Rast gemacht hatte. Dieser Eric müsste jetzt schon kräftiger gebaut sein. Und markantere Gesichtszüge haben. Ohne Umschweife fragte Ester daher:
„Wie lange willst du diese Maskerade aufrechterhalten?“
Eric saß wie vom Donner gerührt da und wusste im ersten Moment nicht, wie Ester ihn so schnell durchschaut hatte. Ihm war sofort klar, was sie meinte, denn ihr Blick sprach Bände.
„Bis Oliver verheiratet ist. Dann bin ich frei!“, antwortete Deria genauso offen zurück.
„Das glaubst du doch nicht allen Ernstes?“, fragte Ester erstaunt.
„Wieso denn nicht?“, wollte jetzt das Mädchen wissen.
„Wenn du es ihm nicht sofort sagst, wird er es wahrscheinlich früher oder später herausfinden. Dann wird er furchtbar wütend auf dich sein und dich bestrafen.“
„Dann hau ich eben vorher ab. Er kann mir dann nichts mehr anhaben“, verteidigte sich Deria weiter, aber ihre Stimme klang schon nicht mehr ganz so zuversichtlich.
„Deria, er wird dir dann einen anderen Ehemann suchen. Du bist sein Mündel! Hast du diese Möglichkeit denn gar nicht in Betracht gezogen?“, fragte Ester weiter.
Die Erkenntnis, dass Ester sie sofort durchschaut hatte und die Aussicht, dass Oliver ihr womöglich einen Ehemann suchen würde, versetzte Deria in panische Angst. Sie schluckte schwer. Alles war umsonst gewesen. Zwei Jahre hatte sie geglaubt, die perfekte Lösung gefunden zu haben und dann hatte ihr Vater alles zunichte gemacht. Jetzt liefen die Tränen in ihrem Gesicht hinunter.
„Ich weigere mich jemanden zu heiraten, der mich nicht liebt und den ich nicht liebe!“, schrie Deria und sah Ester trotzig an.
„Ach Deria, ich versteh dich ja. Aber wir Frauen müssen gehorchen. Du musst es Oliver sagen, bevor es zu spät ist.“
Tröstend legte Ester ihre Hand auf Derias.
„Das kann ich nicht, Ester. Er wird mich umbringen.“
„Das Beste ist, du schläfst erst einmal darüber. Morgen wirst du klarer sehen. Ich werde keinem Menschen etwas sagen. Aber sei auf der Hut. So wie ich wird der ein oder andere in dir ebenfalls mehr sehen, und das schneller als dir lieb ist. Komm, du kannst in Roys Bett schlafen.“
Ester brachte Deria zu dem Schlafplatz und räumte dann den Tisch ab. Es war eine verfahrene Situation, in die sich Deria gebracht hatte. Egal wie, sie würde ihr beistehen. Sie hatte das Mädchen sofort in ihr Herz geschlossen und konnte verstehen, dass Deria geliebt werden wollte.
Gerade als sie die Kerze löschen wollte, um in ihre Schlafkammer zu gehen, klopfte es an der Tür. Ester öffnete die Tür. Es war Oliver.
„Ester, ich grüße dich.“
„Oliver, was führt dich zu mir?“
Spannung lag in der Luft. Oliver hatte immer von der Affäre seines Vaters mit Ester gewusst, aber sie nie akzeptieren können.
„Ich suche mein Mündel Eric. Man sagte mir, dass er mit Stephen davongegangen ist.“
Der junge Burgherr trat nicht ein, schaute sich aber prüfend im Raum um.
„Ja, er ist hier und schläft nebenan. Ich hoffe, es macht dir nichts aus? Sonst wecke ich ihn auf“, meinte Ester.
„Nein, ich wollte mich nur vergewissern, dass er nicht verloren gegangen ist. Gute Nacht, Ester.“
Erst als die Tür vor seiner Nase geschlossen wurde, wandte er sich um und ging.
In dieser Nacht schlief Oliver unruhig. Er wälzte sich in seinem Bett hin und her. Er träumte von Eric und plötzlich wurde dieser zu Deria. Sie hatte auf einmal lange Haare, die in sanften Wellen an ihrem Rücken entlang flossen. Sie schaute ihn trotzig an, trat ihn gegen das Schienbein und brüllte:
„Ich bin nicht euer Leibeigener!“
Schlagartig war Oliver wach, ihm schmerzte das rechte Schienbein. Nicht Deria hatte das gesagt, sondern Eric, aber Eric sah aus wie Deria. Oliver musste unbedingt herausfinden, was es mit seinem Traum und seinem Verdacht auf sich hatte.
Bei Sonnenaufgang wurde Deria von Stephen geweckt:
„Eric, aufwachen, wir müssen die Pferde auf die Weide bringen.“
„Oh, lass mich noch ein bisschen schlafen“, murmelte Deria schlaftrunken.
„Nein, steh jetzt auf!“ Stephen zerrte an ihrem Hemd.
„Schon gut, schon gut, ich komm ja gleich.“
Deria setzte sich auf. Die wunden Stellen an den Innenschenkeln waren mit Schorf bedeckt und schmerzten nur noch ein wenig beim Gehen. Nach einem kleinen Frühstück brachen die beiden zu den Ställen auf, um die Pferde zu einer großen Weide zu führen.
Deria und Stephen zäumten die Pferde ab und setzten sich ins Gras.
„Und was machst du jetzt?“, fragte Deria neugierig.
„Ich bleibe eine Weile hier und passe auf. Dann mache ich die Ställe sauber, prüfe das Zaumzeug und repariere es.“
„Aha! Dann werde ich dir helfen.“
„Musst du nicht was anderes machen?“, fragte Stephen skeptisch.
„Nun, Oliver hat mir im Moment keine andere Arbeit gegeben.“ Und außerdem will ich ihn gar nicht sehen, vollendete Deria den Satz in ihren Gedanken.
Während sie auf der Wiese saßen, kamen auf einmal zwei Hasen herangehoppelt.
„Schau mal, die spielen Fangen“, rief Stephen und zeigte in Richtung der Tiere. Der erste Hase sprang dem zweiten davon, aber zwischendurch wartete er, bis der zweite ihn fast eingeholt hatte, bevor er erneut Haken schlagend flüchtete. Nach einer Weile verschwanden sie aus ihrem Blickwinkel.
Deria blieb den ganzen Tag bei Stephen. Wann immer sie bemerkte, dass Oliver in Sichtweite kam, versteckte sie sich. So ging Deria Oliver fast eine Woche aus dem Weg. Ihr war bewusst, dass sie nicht auf Dauer vor ihm davon laufen konnte. An den Abenden war sie hundemüde. Die Arme schmerzten von der ungewohnten Arbeit. Wie jeden Abend sah sie nach Aragon und wollte anschließend wieder zu Stephen und Ester gehen, beschloss aber dieses Mal noch eine Weile im Stall zu bleiben. Sie setzte sich auf einen Heuhaufen und schaute Aragon beim Fressen zu. Nach einer Weile wurden ihre Lider immer schwerer und schließlich schlief sie ein.
Deria wurde von einer Stimme geweckt, die ihren Namen rief:
„Deria, Schwester, wach auf!“
Mit einem Schlag war sie wach. Eric stand vor ihr. Er war zu einem jungen Mann herangewachsen, sein Kinn zierte ein rötlicher Bart und sein Körper war muskulös.
„Eric, wo kommst du auf einmal her?“, fragte Deria verwirrt und wollte aufspringen, doch Eric deutete ihr sitzenzubleiben.
„Deria, du musst Oliver die Wahrheit sagen“, riet Eric ihr eindringlich.
„Das kann ich nicht. Er wird mich umbringen, wenn er die Wahrheit erfährt“, flüsterte Deria mit Tränen erstickter Stimme.
„Deria, du musst es tun. Er ist deine Bestimmung.“
Mit diesen Worten verblasste die Gestalt. Deria blieb wieder allein zurück.
