Kitabı oku: «Agrarische Religiosität»

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung: Quellen und Methode, räumliche und zeitliche Eingrenzung
1
Allgemeine Strukturelemente in Appenzell und Obwalden
1.1 Geografische Situation
1.2 Siedlung, Bevölkerung, Verkehr
1.3 Wirtschaft
1.4 Politik
1.5 Soziale Schichtung
1.6 Kirchliche Organisation und schulische Verhältnisse
1.7 Allgemeine Bemerkungen zu den übrigen miteinbezogenen Gebieten
Anmerkungen
2
Sozialstruktur und Arbeitsorganisation der landwirtschaftlichen Bevölkerung
2.1 Zur Typologie der voralpinen Landwirtschaft
2.2 Die Familie als Grundlage des landwirtschaftlichen Betriebs
2.3 Soziale Verhältnisse und Ungleichheit innerhalb der Bauernschaft
2.4 Soziale Beziehungen, Konkurrenz und Solidarität
2.5 Die Einteilung des bäuerlichen Arbeitstages
2.6 Saisonalität, Arbeitsspitzen und -flauten
2.7 Nebenerwerb der Männer und Heimarbeit der Frauen
Anmerkungen
3
Traditionelle bäuerliche Mentalität und Vorboten des Wandels
3.1 Hochwertung des Bauernstands und Ablehnung des Industrialismus
3.2 Arbeitsethik zwischen Freiheit und sozialer Kontrolle
3.3 Vom ästhetischen zum Renditedenken
3.4 Zeitbewusstsein und Zeitdisziplin
3.5 Das Verhältnis zum Geld und zum Risiko
3.6 Die Vehikel der Modernisierung: Landwirtschaftliche Schulen und Maschinen
Anmerkungen
4
Repräsentantin der Religion: Die Geistlichkeit
4.1 Herkunft, rechtliche Stellung und sozialer Status des Klerus
4.2 Die Begegnung von Geistlichen und Volk
4.3 Kritik und Konflikte
4.4 Das demokratische Staatskirchentum und die Problemfälle im Klerus
4.5 Das geistliche Hilfspersonal: Pfarrhaushälterin und Mesner
4.6 Der Beitrag der Orden
4.7 Die spezielle Seelsorge der Kapuziner und die «Kapuzinermittel»
Anmerkungen
5
Individuelle Religiosität
5.1 Die täglichen Gebete und religiösen Handlungen
5.2 Frömmigkeit unterwegs
5.3 Zeichen und Namen
5.4 Die Wallfahrt: Motive, Ziele und Ausführende
5.5 Die Durchführung der Wallfahrt
5.6 Geschlechterspezifische Unterschiede der Frömmigkeit
5.7 Die andere Seite: Aberglaube und Magie
Anmerkungen
6
Soziale Religiosität
6.1 Die Organisationen: Von den Bruderschaften zu den Vereinen
6.2 Prozessionen
6.3 Andachten
6.4 Der gemeinsame Rosenkranz
6.5 Heiligenverehrung und Bauernheilige
6.6 Religiöse Handlungen rund um die bäuerliche Tätigkeit
6.7 Die Kirche und die weltlichen Feste
Anmerkungen
7
Der Sonntag
7.1 Die Gottesdienste: Angebot und Nachfrage
7.2 Innere Teilnahme und unandächtiges Verhalten
7.3 Nach der Messe
7.4 Das Problem der Christenlehre
7.5 Sonntagsheiligung und Sonntagsarbeit
7.6 Der profane Sonntag
Anmerkungen
8
Sakralprunk und -verschwendung
8.1 Sakrallandschaft und Kirchenausstattung
8.2 Die Wertung des künstlerischen und liturgischen Sakralprunks
8.3 Die kirchlichen Feste und ihre Feiern
8.4 Die Gestaltung der Übergangsriten und die Bedeutung der Tracht
8.5 Der Totenkult
8.6 Der Ablass
8.7 Die Seelenmessen
Anmerkungen
9
Die Moral: Theorie und Praxis
9.1 Alltägliche und besondere Gelegenheiten zur Vermittlung der Morallehre
9.2 Die Rolle der Schule und der Lehrer
9.3 Die Praxis der Beichte
9.4 Widerständigkeit und Verletzung der Normen
9.5 Das Tanzen als Beispiel der Normendevianz
9.6 Tabuisiert und dennoch diskutiert: Die Sexualität
Anmerkungen
10
Schluss
10.1 Katholiken und Protestanten: Gemeinsamkeiten und Differenzen
10.2 Gleich und verschieden: Appenzell und Obwalden
10.3 Klerikale Zumutungen und laikaler Eigenwille
10.4 Barocke Ströme unter dem Schutt des 19. Jahrhunderts
10.5 Anpassung und Widerstand: Elemente des konziliaren Wandels
10.6 Zwei traditionale Welten im Untergang
Anmerkungen
Anhang
Verzeichnis der Archive und der handschriftlichen Quellen
Gedruckte Quellen und Literatur
Verzeichnis der Abkürzungen
Vorwort
In meinem Buch «Musse und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter» (Herder, Freiburg 2006) habe ich, entgegen den gängigen Modernisierungstheorien, versucht, eine dem frühneuzeitlichen Katholizismus eigene und andersgeartete Mentalität («Positive Rückständigkeit») herauszuarbeiten, welche diese Gesellschaft bis in die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts entscheidend prägte und in einem diametralen Gegensatz zur «Protestantischen Ethik» (Max Weber) stand. Trotz der fundamentalen Kritik der Aufklärung daran und den in mehreren Staaten versuchten Massnahmen, auch den Katholiken auf allen Ebenen zu einem «modernen» Menschen umzuschaffen, lebten diese Einstellungen gleichwohl in etwas veränderter Form im 19. Jahrhundert wieder auf und hielten sich trotz allen gegenteiligen Bestrebungen, etwa durch den Liberalismus, in grossen Teilen bis zur erneuten umfassenden Modernisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg, beziehungsweise kirchlicherseits bis zum Zweiten Vatikanum – jenseits bloss politischer Ereignisse ist die Zeit zwischen etwa 1955 und 1960 deshalb eine Epochenschwelle.
Im vorliegenden Werk versuche ich, im Sinn einer derzeit gerade noch möglichen Spurensicherung, in einem beschränkten räumlichen Rahmen und mit der Methode der «oral history», die letzten Reste dieser nun fast vollumfänglich verschwundenen Einstellungen und ihre Auswirkungen im Alltagsleben ausfindig und dingfest zu machen. Der auch im 20. Jahrhundert erhebliche Mangel an schriftlichen Quellen zu diesen Fragen lässt es als dringend erscheinen, diese «spätestbarocke» Mentalität zu dokumentieren, bevor ihre letzten Träger verschwunden sind: Meine Interviewpartner und -partnerinnen waren Personen, welche die unmittelbare Nachkriegszeit als junge Erwachsene noch bewusst miterlebt haben, heute aber in einem Alter von über 75 Jahren stehen (mehrere sind inzwischen verstorben). Es ging also um eine Bestandesaufnahme in letzter Stunde, denn in ein bis höchstens zwei Jahrzehnten wird diese «world we have lost» (Peter Laslett) nicht mehr oder nur noch fragmentarisch zu rekonstruieren sein. Schon jetzt stiess ich bei einigen Fragen auf Erinnerungslücken.
Bei der Arbeit an dem eingangs erwähnten Buch beschäftigten mich mehrere mentalitätsgeschichtliche Fragen, die sich aufgrund der problematischen Quellenlage nicht mit Sicherheit beantworten liessen. Es waren jedoch Sachverhalte, bei denen man eine gewisse Kontinuität bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein erwarten konnte. Deswegen habe ich schon dort gelegentlich volkskundliche Studien zum 20. Jahrhundert benutzt, als Anregung, auf mögliche Kontinuitäten zu achten, sowie neue Fragen an die Quellen zu stellen und sie im Lichte späterer Entwicklungen stimmiger zu interpretieren. In der vorliegenden Untersuchung richtete ich an meine Interviewpartner neben eher allgemeinen auch bestimmte gezielte Fragen. Damit wollte ich versuchen, Lücken in den schriftlichen Quellen aus dem Barockzeitalter zu schliessen und unter Beachtung späterer Veränderungen einige hypothetische Aussagen des obengenannten Werks zu überprüfen, zu präzisieren, wenn nötig zu korrigieren oder auch fallen zu lassen. Gleichzeitig wollte ich damit die dort nur grob skizzierte These vom (endgültigen) «Untergang des Barock» nach 1945 etwas ausführlicher begründen.
Neben diesen konkreten Anliegen leitete mich eine dritte allgemeinwissenschaftliche Zielsetzung. Gegenüber einer immer noch stark auf Dogmen, Institutionen, Parteien, Personen und das Verhältnis zum Staat bezogenen Kirchengeschichte möchte ich einer mehr die sozialen, ökonomischen und kulturellen Folgeerscheinungen der Religiosität, in diesem Falle einer bestimmten Konfession, betonenden Geschichte, unter Berücksichtigung anderer und neuer methodischer Ansätze, das Wort reden. Ich gehe damit einig mit meinem Freiburger Kollegen Urs Altermatt. In seinem grundlegenden Werk «Katholizismus und Moderne» hat er neben entsprechenden theoretischen Ausführungen bereits Mitte der 1980er-Jahre auch einige Bereiche des katholischen Alltags mit «oral history» und schriftlichen Quellen untersucht (S. 261ff.), diesen Ansatz dann aber sowohl selber wie in den Arbeiten seiner zahlreichen Schüler leider nicht mehr systematisch weiterverfolgt, und er ist auch sonst ohne Nachfolge geblieben.
War somit, von der erwähnten Ausnahme abgesehen, das Interesse der Historiker an diesen Phänomenen gleich null, so hat besonders das Fach Volkskunde dem auf diesem Feld arbeitenden Wissenschaftler nicht Weniges zu bieten und war methodisches Vorbild. Prinzipiell geht es im vorliegenden Projekt allerdings nicht um eine traditionelle Darstellung der sogenannten Volksfrömmigkeit vor den radikalen Veränderungen im Umfeld des Zweiten Vatikanums. Dieses Forschungsgebiet ist für die Schweiz bereits recht gut dokumentiert, namentlich durch die Arbeiten von Walter Heim. Jedoch war und bleibt es mein Wunsch, dem seinerzeit gepflegten, heute aber zur Unbedeutsamkeit herabgesunkenen Fach der «Religiösen Volkskunde» unter veränderten Bedingungen vielleicht eine wissenschaftliche Zukunft zu bahnen. Französische Historiker, besonders solche aus dem Umkreis der sogenannten Ecole des Annales, haben den Untergang der traditionellen Landwirtschaft und der traditionellen Religiosität als die beiden grössten Verlusterfahrungen des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Diesem Urteil kann man wohl für ganz Europa beipflichten. Dass zwischen beidem ein Zusammenhang bestehen könnte, wurde allerdings in der Geschichtswissenschaft wenig beachtet. An die Forschungen zur religiösen Volkskunde anzuknüpfen und davon ausgehend neue Wege der Analyse dieser spezifisch agrarischen Religiosität zu beschreiten, war ein weiteres Motiv dieses Buchs.
Der schon vor dem Konzil sich abzeichnende tiefgreifende Wandel der katholischen Religiosität ist nicht Thema dieses Buchs (auch meine Interviewpartner habe ich, wenn sie unbeabsichtigt darauf zu sprechen kamen, obschon ungern, wieder zur Ordnung rufen müssen). Dennoch stellt er zweifellos ein Forschungsdesiderat ersten Ranges dar, das ebenfalls in Angriff genommen werden müsste, nachdem auch die geistlichen und weltlichen Protagonisten des Konzils im Greisenalter stehen oder bereits verstorben sind. Dass die Frage nach der barock-katholischen Mentalität alles andere als veraltet ist, habe ich in meinem Buch «Gelassenheit und Lebensfreude. Was wir vom Barock lernen können» (Herder, Freiburg 2011) zu zeigen versucht. Auch die vorliegende Untersuchung kann daran anknüpfen – noch leben unter uns Personen, welche eine ganz andere Lebenseinstellung als die heute vorherrschende haben. Um der Gefahr zu entgehen, bloss luftige Thesen in den Raum zu stellen, scheint es mir wichtig, dies zu dokumentieren. Die Resultate dieser Studie können vielleicht dazu beitragen, den um 1950 in der Schweiz und etwas phasenverschoben in ganz Europa einsetzenden gewaltigen Umbruch in allen Lebensbereichen unter veränderten Aspekten zu beleuchten und so besser zu verstehen.
Im Gegensatz zu meinen erwähnten anderen Werken sind diesmal, besonders bedingt durch die gewählte Methode, viele Verdankungen anzubringen. Wie noch im Einzelnen auszuführen sein wird, konzentriert sich die Untersuchung auf die beiden Kantone Appenzell Innerrhoden (unter Ausschluss der Exklave Oberegg) und Obwalden (mit Engelberg). In ersterem, meiner Heimat, hätte ich wohl mit von altersher bestehenden Beziehungsnetzen passende Interviewpartner finden können, allerdings gleichwohl mit einigem Zeitaufwand. Deswegen war es eine grosse Hilfe, dass mir Frau Franziska Raschle eine Liste mit regelmässigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dem von ihr initiierten und geleiteten «Erzählcafé» zur Verfügung stellte. Bei Kaffee und Kuchen tauschen hier die Senioren regelmässig zu einem vorgegebenen Thema ihre Erinnerungen aus. Es handelt sich bei ihnen infolgedessen allesamt um an der Vergangenheit interessierte Menschen, was sich auf meine Recherchen sehr positiv auswirkte: Fast alle waren zu einem Interview bereit. Ein stets aufmerksamer und interessierter wissenschaftlicher Gesprächspartner und Helfer in Vielem war der Volkskundler Roland Inauen, Konservator am Museum Appenzell. Ausserdem halfen mir Achilles Weishaupt, Josef Inauen und Johann Manser mit ihrem grossen lokalen Wissen bei einigen Spezialfragen. Pfarrer Stephan Guggenbühl öffnete mir das Pfarrarchiv und unterhielt sich mit mir über das Thema der Stiftmessen. In der Landesbibliothek konnte ich stets auf die Hilfe von Doris Überschlag zählen, im Landesarchiv auf diejenige von Stephan Heuscher. Innerrhoden kann nicht vollständig ohne die Folie der anderen Konfession im benachbarten protestantischen Ausserrhoden betrachtet werden; dazu verdanke ich Hans Hürlemann, Urnäsch, und Albert Tanner, Bern, sachkundige Auskünfte.
Die Forschungen in Obwalden wären nicht möglich gewesen ohne die tatkräftige Unterstützung von a. Pfarrer Karl Imfeld, Kerns, einem der letzten profilierten Vertreter der religiösen Volkskunde in der Schweiz. Selber forschend tätig und unermüdlich publizierend, stellte er mir sein umfassendes Wissen zu seiner Heimat vorbehaltlos zur Verfügung. Vor allem aber konnte er mir eine grössere Anzahl Personen nennen, die zu einem Interview bereit waren. Die Nennung seines Namens öffnete dann dem Fremden alle Türen. Staatsarchivar Angelo Garovi half mir mit «Literaturgeschenken» und weiteren Hinweisen. Informationen zu einigen landwirtschaftlichen Fragen verdanke ich Petra Omlin und Paul Küchler. In Engelberg, jenem einstigen, jetzt zu Obwalden gehörigen geistlichen Kleinstaat, öffnete mir mein ehemaliger Berner Kollege, Stiftsarchivar Rolf De Kegel, die Pforten. Stiftspfarrer Bernhard Mathis OSB stellte mir daraufhin eine Liste mit möglichen Interviewpartnern zusammen, die sich ebenfalls ausgezeichnet bewährte. Rolf De Kegel und Katharina Odermatt verdanke ich einige zusätzliche Informationen.
Am Rande habe ich noch, um etwas Kontrastfarbe ins Bild zu bringen, auch die protestantische ländliche Religiosität am Beispiel von Bern, insbesondere des Oberlandes, etwas genauer betrachtet; ein systematischer Vergleich der protestantischen mit der katholischen Mentalität musste allerdings unterbleiben. Einblicke in diese mir etwas fremde Welt erhielt ich durch die Pfarrer Simon Kuert, Langenthal, und Ernst von Känel, Spiez.
Wie jeder Kenner weiss, spielen die Kapuziner in der ländlichen katholischen Religiosität eine grosse Rolle. Ich hatte das Glück, noch einige ältere Patres interviewen zu können. Die Namen sollen aber hier aus Vorsichtsgründen nicht erwähnt werden, da es in den Gesprächen auch um die etwas umstrittenen «Kapuzinermittel» zur Heilung von kranken Menschen und besonders um krankes Vieh ging.
Abschliessend sei noch den Leitern der besuchten Archive Dank abgestattet: Stefan Kemmer vom Bistumsarchiv St. Gallen, Albert Fischer von demjenigen in Chur und Christian Schweizer vom Provinzarchiv der Schweizer Kapuziner in Luzern.
Bei der Beschaffung des Bildmaterials waren mir Roland Inauen, Appenzell, und Klara Spichtig, Sarnen, eine grosse Hilfe.
Allen Mitarbeitern des Verlags hier + jetzt danke ich für die stets angenehme und reibungslose Zusammenarbeit bei der Publikation.
Den grössten Dank schulde ich allerdings allen meinen hier anonym bleibenden Interviewpartnern und -partnerinnen. Nach Jahren blossen Bücherstudiums waren die Besuche auf den Bauernhöfen und den übrigen Alterssitzen nicht nur wissenschaftlich ergiebig, sondern auch menschlich eine angenehme Abwechslung. Überall wurde ich wohlwollend empfangen, und die Gespräche verliefen in freundschaftlicher Atmosphäre, ohne den heute allgegenwärtigen Zeitdruck.
Ursellen, Frühjahr 2013
Peter Hersche
Einleitung: Quellen und Methode, räumliche und zeitliche Eingrenzung
Wie bereits erwähnt, beruht die Untersuchung zunächst auf Interviews, die ich zum grössten Teil in den Jahren 2006 und 2007 gehalten habe. Die Gespräche fanden fast alle in den Wohnungen der Interviewpartner statt und dauerten in der Regel etwa zwei Stunden. Sie wurden auf MD (Mikrodisc) aufgezeichnet. In beiden Regionen, Appenzell und Obwalden, waren es jeweils rund 20 Interviews. In Appenzell kamen einige eher zufällig sich ergebende kurze Gespräche mit Bekannten hinzu, die nicht auf Tonträger aufgezeichnet wurden und bei denen ich bloss im Verlauf oder nachträglich einige stenografische Notizen machte. Die genannte Zahl ist nicht sehr gross, doch ergaben sich nach etwa 12–15 Befragungen immer häufiger Wiederholungen von bereits Gesagtem, und es war ein Sättigungspunkt erreicht, der ohne grosse Bedenken eine Beendigung der Interviewtätigkeit in der betreffenden Region erlaubte. Andererseits ist das Verfahren der «oral history» natürlich immer offen. Etwas frustrierend, aber wohl unvermeidlich ist nämlich der Sachverhalt, dass nach einem Dutzend oder mehr Gesprächen ein Befragter eine interessante Feststellung zu einem Gegenstand machen kann, an den man selber zunächst nicht gedacht und den man deshalb auch nicht in den Fragenkatalog aufgenommen hat. Man hätte also nochmals von vorne anfangen können und die früheren Interviewpartner nochmals aufsuchen müssen. In diesen Fällen habe ich höchstens die im Vorwort erwähnten Kontaktleute nochmals befragt.
Fast alle Befragten waren zum Zeitpunkt der Interviews über 75 Jahre alt. Ich habe auf eine ausgeglichene Geschlechterverteilung geachtet, die Männer überwiegen jedoch leicht. Die allermeisten Interviewpartner waren Bauern oder wenigstens dem bäuerlichen Milieu noch verbunden, nicht wenige habe ich auf ihren Höfen aufgesucht. Dies war Absicht, denn mich interessierten ja besonders die engen Zusammenhänge der Religiosität mit der bäuerlichen Arbeit. Die dörflichen Eliten habe ich prinzipiell nicht berücksichtigt, auch Handwerker kommen nur am Rande vor. An Mesner und Polizisten habe ich mich mit spezifischeren Fragen gewandt. Erstere können etwas aussagen über allerlei konkrete kirchliche Probleme, Letztere etwas zur Frage der Normdurchsetzung in einer Gesellschaft. Angefragt habe ich zunächst stets nur Einzelpersonen. Wenn dann aber in einigen Fällen im Verlauf des Gesprächs der Ehepartner hinzutrat und sich schliesslich auch daran beteiligte, habe ich auch ihn oder sie ins Gespräch miteinbezogen. Zwar komplizierte dies die Interviewsituation ein wenig, doch konnte ich gelegentlich aus dem Paarverhalten auch einige interessante zusätzliche Schlüsse ziehen. Anders als bei ähnlich gelagerten früheren Untersuchungen aus dem Appenzellischen1 habe ich meinen Interviewpartnern Anonymität zugesichert. Wichtige Aussagen von ihnen und die eher seltenen wörtlichen, meist ins Schriftdeutsche übertragenen Zitate im Text sind daher bloss mit Kantonskürzel (AI, OW) und den Initialen der Interviewten nachgewiesen. Ausnahmsweise, bei besonders heiklen Fragen oder wenn man aus dem Kontext auf den Urheber schliessen könnte, habe ich sie auch ganz weggelassen.
Bei meiner wissenschaftlichen Tätigkeit war es mir stets wichtig, gegenüber den von der Historiografie immer bevorzugten Eliten die Perspektive «von unten», vom «gewöhnlichen Volk» aus, miteinzubeziehen, ja, dieses im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit sogar eher in den Vordergrund zu rücken.2 Dennoch wollte ich bei der vorliegenden Untersuchung unbedingt auch die Sicht «von oben» einbringen, also die Meinung der die Normen festlegenden, verkündenden und im Rahmen des Möglichen auch durchsetzenden Instanzen kennenlernen. Konkret waren dies bei der gewählten Fragestellung in allererster Linie die Geistlichen, die geweihten und beamteten Diener der Religion. Deren Stellung im Volk war ein wichtiger Fragepunkt. Dieses Vorhaben auszuführen, war jedoch nicht ganz leicht – zwar fand ich in Obwaldner Altersheimen und -siedlungen drei ehemalige Pfarrer, welche den von mir ins Auge gefassten Zeitraum wenigstens als junge Kapläne noch miterlebt hatten und mir dazu Rede und Antwort standen. In Appenzell aber war kein einziger der damals wirkenden Geistlichen mehr am Leben, beziehungsweise noch für ein Interview ansprechbar. Ich konnte immerhin drei ältere aus Appenzell gebürtige, aber später auswärts wirkende Priester interviewen. Diese Gespräche waren insgesamt durchaus lebendig, für meine ganz spezifischen Fragen allerdings eher wenig ergiebig. Zwar waren alle Befragten mit der Heimat noch irgendwie verbunden, doch wurden die Erinnerungen an die traditionelle Religiosität in der Zeit nach dem Krieg von den späteren Erfahrungen auswärts (teils in städtischer Umgebung) weitgehend überlagert, sodass Laien nicht selten zu bestimmten Problemkomplexen besser informiert waren. Hinzu kommt natürlich, dass genau diese Priestergeneration den Auftrag hatte, die Reformen des Zweiten Vatikanums in ihrem Wirkungskreis durchzusetzen. Diese wohl nicht immer einfache und leichte Arbeit «im Weinberg des Herrn» hat vielleicht Erinnerungen an die «Zeit davor» verblassen und verdunkeln lassen, zumal, wenn diese Priester, wie der das Konzil einberufende Papst Johannes XXIII., der Auffassung waren, so wie bisher könne es mit der katholischen Kirche nicht weitergehen, ein «aggiornamento» sei überfällig.3 Dann ist Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Ablehnung gegenüber der traditionellen Religiosität verständlich und vielleicht auch verzeihlich. Nur ein historisches Interesse vermag dann diesen Graben noch zu überspringen. Ein Problem ist ferner, dass Geistliche vermutlich von ihrer Ausbildung und Stellung her etwas dazu neigen, in erster Linie auf kirchliche Normen zu rekurrieren und über davon abweichende Praxen zu schweigen, nicht nur aus einer gewissen Scheu bei bestimmten Fragen (Sexualität!), sondern auch, weil man sie sonst beschuldigen könnte, zu wenig eifrige Hirten ihrer Herde gewesen zu sein. An und für sich wären Priester natürlich die besten Quellen, um die für den Historiker hochbrisante Frage der Diskrepanz von moralischen Normen und der Praxis zu prüfen: nämlich durch die in unserem Zeitraum noch üblichen und einzig statthaften Einzelbeichten, die damals noch ziemlich regelmässig abgelegt wurden. Ich könnte in einer anonymisierten und vorwiegend quantitativen Auswertung dieser Bekenntnisse keine Verletzung des Beichtgeheimnisses sehen, da dieses ja einzig dem Schutz der Person dient. Aber die angefragten bischöflichen Ordinariate sehen das anders (obschon es erstaunlicherweise offenbar keine definitive römische Regelung dieser Frage gibt), und so blieb mir dieser Erkenntnisweg versperrt. Hier läge, allerdings nur noch für kurze Zeit, ein Quellenschatz vergraben, über den wir heute, da die Einzelbeichte zur Ausnahme geworden ist, in Zukunft nicht mehr verfügen werden.4
Die mündlichen Quellen wurden mittels themen-, beziehungsweise problemzentrierten semi-strukturierten Interviews erschlossen.5 Für mein Forschungsvorhaben wählte ich also eine eher «weiche» Methode und errichtete nicht ein starres Theoriegerüst als Grundlage für einen detaillierten Fragebogen, den ich dann Punkt für Punkt abhakte, um die Resultate womöglich quantitativ auszuwerten. Stattdessen begnügte ich mich mit einem Leitfaden, bestehend aus etwa 20 offenen Fragenkomplexen, die ich einigermassen der Reihe nach, im Einzelnen aber flexibel (bisweilen auch in einer anderen Reihenfolge) durchging. Erwies sich eine Fragestellung als unergiebig, so schritt ich gleich zur nächsten; intensives «Nachbohren» erwies sich, wie ich bald erkannte, als sinnlos. Die im konkreten Gespräch gesetzten Schwerpunkte und die Spannbreite der Aussagen waren also sehr verschieden und hingen stark von der befragten Person ab. Nach den ersten paar Interviews habe ich den Leitfaden leicht modifiziert. Gleich zu Beginn machte ich die Geprächspartner darauf aufmerksam, dass es mir nicht in erster Linie um persönliche Erfahrungen ginge, sondern um allgemeine Feststellungen: Nicht was das Individuum, sondern was «man» dachte, sagte und machte, wollte ich wissen. Am Schluss meiner Arbeit sollten ja einigermassen generalisierbare Feststellungen und zwar zu von mir gesetzten Problemkreisen stehen. Rein narrative Interviews hätten mir für mein Projekt wenig gebracht; wenn das Gespräch in diese Richtung abzugleiten drohte, erlaubte ich mir, den Redefluss zu unterbrechen. Dies geschah auch, wenn die Interviewpartner, sicher ohne Absicht, mehrfach die gesetzte chronologische Grenze überschritten. Brachten die Sprecher ein Thema aufs Tapet, das ich interessant fand, wiewohl es nicht in meinem Leitfaden figurierte, so liess ich sie zunächst einmal reden, um dann bei passender Gelegenheit wieder zu meinen Vorgaben zurückzukehren. Dasselbe machte ich bei Themenkomplexen, die mich zwar interessiert hätten, die ich aber den älteren Leuten nicht direkt zumuten wollte, also insbesondere Probleme der Sexualität oder, in der damaligen kirchlichen Umschreibung, die Vorschriften des sechsten Gebots. Mit dem gewählten Verfahren vermied ich die meisten der mit narrativen Interviews verbundenen Schwierigkeiten, vor allem den in der Forschung wohlbekannten Sachverhalt, dass Erinnerungen immer konstruiert sind und die Vergangenheit stets eine subjektiv interpretierte ist. Die Festlegung auf bestimmte Fragenkomplexe lässt dazu weniger Raum. In der Auswertung der Interviews kamen auch wieder «weiche» quantitative Elemente zum Zug: Eine Feststellung, welche die allermeisten Befragten spontan machen, zeichnet die Realität wohl ziemlich genau nach. Davon abweichende und widersprüchliche Aussagen müssen soweit wie möglich geklärt werden und in der Darstellung aufscheinen und diskutiert werden. Ort, Zeit und Umstände der Interviews hielt ich schriftlich in einem Begleitprotokoll fest. Fast immer fielen einige Themenkomplexe des Leitfadens aus Zeitgründen unter den Tisch: Nach zwei Stunden Reden zeigten sich sowohl bei den Befragten wie bei mir selber manchmal leichte Ermüdungserscheinungen. Ein zweites Interview schien mir gleichwohl nicht notwendig. In ganz wenigen Fällen habe ich bei bestimmten Fragen später nochmals Kontakt aufgenommen. Eine Anzahl offener Fragen konnte ich am Schluss in Gesprächen mit Roland Inauen und Karl Imfeld klären. Eine Transkription der Interviews habe ich nicht vorgenommen, diese wäre zu aufwendig gewesen und hätte auch zu viel «Abfall» (ich verwende diesen Begriff zwar ungern, aber bezogen auf meine ziemlich spezifische Fragestellung ist er doch nicht ganz unangemessen) mit sich gebracht. Die Aussagen wurden in relativ traditioneller Manier auf Karteikarten thematisch verzettelt, allerdings mit einem ziemlich feinen Raster von etwa 135 einzelnen Punkten. Dieses strukturiert auch den inhaltlichen Aufbau der Arbeit.
Schriftliche Quellen habe ich nur ergänzend benutzt. In erster Linie waren dies einige gedruckte autobiografische Berichte und Erinnerungen, sowie zumeist auf Interviews beruhende entsprechende Darstellungen von Dritten.6 Hinzu kamen periodische offizielle und quasi-offizielle Publikationsorgane.7 Unter den archivalischen Quellen waren die Pfarrberichte aus dem Dekanat Appenzell besonders wichtig, denn sie verringerten die erwähnte Lücke bei den geistlichen Interviewpartnern. Diese schriftlichen Berichte über den Stand der Pfarreien waren gemäss den Synodalstatuten von 1932 alle vier Jahre von sämtlichen Ortsgeistlichen aufgrund eines vorgegebenen Schemas von 36 Punkten abzufassen und dem bischöflichen Ordinariat einzusenden.8 Sie umfassten jeweils etwa 5–10 Seiten und dienten als Grundlage der eigentlichen kanonischen Visitation, die aber nicht vom Bischof selber, sondern von einem seiner Beamten vorgenommen wurde (Generalvikar, Offizial, Seminarregens usw.).9 Im Gespräch mit den Ortsgeistlichen ging es dann eigentlich nur noch um einige offene Fragen der bereits eingesandten Berichte. Darüber wurde ein Visitationsprotokoll erstellt, wobei der Visitator auch andere ihm zugekommene Informationen verwertete. In Obwalden wurde die Visitation noch nach dem klassischen tridentinischen Muster, zusammen mit der Firmung, vom Bischof selbst durchgeführt. Hier habe ich ein Protokoll und dazugehörige Akten aus dem Jahre 1956 benutzen können. Die Quellen aus dem Provinzarchiv der Kapuziner dienten vor allem der Klärung spezifischer mit dem Orden zusammenhängender Fragestellungen (Beichten, Segnungen, Volksmission usw.).
Eine auch zu einigen meiner Fragestellungen aufschlussreiche, in der Forschung bisher allerdings kaum benutzte Quelle sind die Antworten auf die von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde 1931 gestellten 1585 Fragen zu allen wichtigen Bereichen der Volkskultur, die gesamtschweizerisch erhoben werden sollten, die sogenannte Enquete I.10 Die Antworten sind für Appenzell in einer Kopie mit ergänzenden Anmerkungen und Quellenhinweisen des redigierenden Verfassers Albert Koller erhalten. Sie betreffen zwar einen etwas früheren Zeitraum als den von mir gewählten. Gleichwohl half dieses Material, einige Fragen befriedigender zu klären und die Kontinuität rückwärts zu verlängern.
Literaturhinweise habe ich sparsam angebracht, sie beschränken sich zumeist auf spezielle Werke zum Untersuchungsraum. Die bis etwa 2004 erschienene, eher allgemeine Literatur zu vielen hier behandelten Themen wird ausführlich in den kommentierten Bibliografien meiner früheren Untersuchung «Musse und Verschwendung» erwähnt. Deshalb sind nur noch nach diesem Zeitpunkt erschienene wichtige Werke aufgeführt.
Der geografische Raum der Untersuchung wurde bereits mehrmals kurz umschrieben. Leitende Überlegung bei der Wahl der beiden Regionen Appenzell Innerrhoden und Obwalden war neben den praktischen Erwägungen zunächst die, dass in der Schweiz die Moderne in allen ihren Ausprägungen das Voralpengebiet (neben Teilen der Alpen) zweifellos am spätesten erreichte, dass dort politische, wirtschaftliche und kulturell-religiöse Traditionen noch am ehesten bewahrt blieben und die Resistenz gegenüber neuen Entwicklungen am ausgeprägtesten war. Der Entscheid für Appenzell war, wie bereits erwähnt, persönlich begründet; sachlich kam hinzu, dass – wie bereits die Reiseschriftsteller des 18. Jahrhunderts erkannten11 – hier geradezu das Muster einer konfessionell bestimmten verschiedenartigen Entwicklung in Wirtschaft und Kultur vorlag, eine Fragestellung, die mich schon länger interessierte.12 Deswegen habe ich hie und da einen Seitenblick auch auf Ausserrhoden geworfen.13 Dass daneben die Innerschweiz zu berücksichtigen war, schien mir selbstverständlich. Der Entscheid für Obwalden hat drei Gründe. Aus jeweils verschiedenen Ursachen gab es in den anderen Innerschweizer Kantonen zum Teil schon früh gewisse dynamische «fortschrittliche» Elemente (in Uri etwa die Gotthardbahn,14 in anderen die Nähe zum Grossraum Zürich), Obwalden erschien mir demgegenüber eher als ein in sich ruhender Pol. Entscheidend war allerdings, dass ich mich hier, wie bereits erwähnt, auf kundige Vertrauensleute stützen konnte.15 Schliesslich lag mir aber dieser Kanton auch persönlich nicht ganz fern, konnte ich doch in meiner Kindheit zweimal im Bruderklausendorf Flüeli-Ranft Ferien verbringen. Wenn im Text die Ausführungen zu Innerrhoden vergleichsweise etwas mehr Platz einnehmen, so liegt das nicht in erster Linie an der Herkunft des Autors, sondern einerseits an der besseren schriftlichen Quellenlage, andererseits daran, dass Obwalden durch die profunden Werke von Karl Imfeld für verschiedene Fragestellungen bereits gut erschlossen ist.
Die Absicht, auch das katholische Schweizer Mittelland zu berücksichtigen, gab ich bald auf. Nicht nur die politische (katholischer Liberalismus), sondern auch die wirtschaftliche Situation (vorwiegend Ackerbau, neben der ausgedehnten Industrie) war ganz anders als in den Voralpen, der Druck zur Modernisierung stärker und die mächtigen protestantischen Städte näher gelegen. Auch war es schwierig, Vermittler zu möglichen Interviewpartnern zu finden. Ergänzend habe ich jedoch anhand der reichhaltigen Materialsammlungen von Josef Zihlmann das luzernische Hinterland, geografisch zwischen dem Mittelland und den Voralpen liegend, mitberücksichtigt.16 Das Alpengebiet könnte man bei oberflächlicher Betrachtung zwar als ausgesprochenes Refugium der Tradition sehen. Das ist es sicherlich auch auf einigen Gebieten, aber gleichzeitig ist es durch Passverkehr und Tourismus äusseren Einflüssen stärker ausgesetzt als das mehr im Windschatten des Verkehrs liegende Voralpengebiet.17 Das schweizerische Alpengebiet ist etwa zur Hälfte protestantisch und fällt damit zu einem grossen Teil zum vorneherein aus. In Graubünden sind nur wenige Talschaften katholisch.18 Als grösstes zusammenhängendes katholisches Gebiet zeichnet sich das Wallis aus. Es ist eine Lieblingslandschaft der Volkskundler, und das Lötschental etwa geniesst eine gewisse Berühmtheit als Forschungsfeld für traditionelle Kulturen. Gerade auch deswegen habe ich das Wallis als mögliches Untersuchungsgebiet weggelassen, allerdings die verhältnismässig reiche volkskundlich-historische Literatur, soweit sie etwas zu meinen Fragestellungen beitragen konnte, berücksichtigt.19 Im Übrigen sei daran erinnert, dass gerade im Oberwallis der Passverkehr (Grimsel, Simplon, Gries) eine grosse Rolle spielt und schon früh auch eine spezifisch auf die Elektrizität aus Wasserkraft basierende Industrie entstand (Lonza, Aluminiumwerke Chippis). Die Landwirtschaft hat ebenfalls einen ganz anderen Charakter als am Nordabhang der Alpen. Schliesslich kommt man im Wallis auch an die Sprachgrenze, die eine direkte Vergleichbarkeit weiter reduziert. Dies war übrigens der Hauptgrund, den ganz klar dem italienischen (genauer lombardischen) Kulturkreis zugehörigen Tessin wegzulassen. Der am Rande erfolgte Einbezug des protestantischen Berner Oberlandes hat mehr persönliche als sachliche Gründe. Es diente mir, wie Ausserrhoden, als Folie, um zusätzlich einen Blick von «auswärts» zu bekommen.20
Der zeitliche Rahmen der Untersuchung ergab sich eigentlich von selbst. Das Problem war eher, die Interviewpartner darauf festzulegen und ausserdem da und dort eine offensichtlich falsche Chronologie zu korrigieren. Etwas ungenaue Datierungen blieben fast unvermeidlich, wie man auch aus eigener Erfahrung weiss. Das Jahr 1945 als Ausgangspunkt zu nehmen war selbstverständlich, weil der vorangehende Zweite Weltkrieg auch für die Schweiz eine Ausnahmesituation darstellte, die mich bei meinem Interesse für den «gewöhnlichen» Alltag nur gestört hätte. Auch war so die Gefahr gebannt, dass die älteren Männer ihnen liebgewordene Erinnerungen aus ihrem Aktivdienst auftischten. Nur ganz selten liess ich zeitlich vorangehende Entwicklungen, welche langzeitige Folgen hatten, in die Gespräche miteinfliessen. Den Zeitraum von 1955–1960 als Schlusspunkt zu wählen, fiel ebenfalls leicht. Nicht nur meine eigenen Erinnerungen (Jahrgang 1941), deren erste noch in die Kriegszeit hineinreichen, lassen mir die Dekade nach dem Waffenstillstand als eine verhältnismässig ruhige Zeit erscheinen, in der man zunächst noch mit den Folgen der vorangegangenen Auseinandersetzung fertig werden musste, ohne an viel Neues zu denken, das Leben somit ohne grössere Veränderungen wie bis anhin weiterging. Dieselbe Schlussfolgerung kann man chronikalischen Darstellungen, wie sie es für beide Untersuchungsgebiete gibt, entnehmen.21 Erst seit der Mitte der 1950er- Jahre zeigen sich dann die typischen Erscheinungen der Moderne gehäufter auch in den bis dahin relativ zurückgebliebenen Voralpenkantonen. Hier habe ich selber noch lebhafte Erinnerungen etwa an den ersten Einsatz eines Baggers für Aushubarbeiten (bezeichnenderweise für eine Fabrik), an die ersten Waschmaschinen (Marke Hoover) vor einem Elektroladen, an neue Produkte der aufkommenden Lebensmittelindustrie, an den zunehmenden Autoverkehr mit allen seinen Folgen, schliesslich an die ersten, in zwei Wirtshäusern als Sensation und Publikumsmagnet aufgestellten Fernsehgeräte. Speziell für die Religiosität bedeuten der Beginn des Pontifikats von Johannes XXIII. (1958) und das bald von ihm einberufene Zweite Vatikanische Konzil einen Einschnitt, auch wenn sich die Folgen erst in den 1960er-Jahren massiv bemerkbar machten. Allerdings gab es, wenn man genauer hinschaut, bereits zur Zeit Pius XII. unterschwellig einige kirchliche Neuerungen.22 Diese vorläufigen Feststellungen zum zeitlichen Rahmen werden im Folgenden noch an einigen Beispielen zu präzisieren sein.
Anmerkungen
1 Z. B. Fuchs; Vogler.
2 Dies ist die spezifisch volkskundliche Perspektive. Für meine Fragestellung sei in dieser Hinsicht exemplarisch auf das Werk von Hartinger verwiesen, das die Verschränkung von Religion und Brauch thematisiert.
3 Zu diesem Problem noch Bärsch; Forstner.
4 Teilweise sind die entsprechenden Erfahrungen der Geistlichen wohl in ihre Predigten, Schriften und Rechenschaftsberichte eingeflossen.
5 Zur Theorie und Methode der qualitativen Sozialforschung und der «oral history»: Forstner (für Geistliche); Girtler, Methoden; Göttsch; Lamnek; traverse; Vorländer; Wierling.
6 Für Appenzell: Bräuninger; Dörig; Inauen R., Charesalb; Lüthold; Neff A.; Weigum; Wyss, Potztusig; Zilligen. Für Obwalden nur Furrer und Ming H.; allerdings basieren die Werke von Imfeld auch auf einem reichen persönlichen Erinnerungsschatz. Für andere Gebiete (in Auswahl): Britsch (Wallis); Galli (Tessin); Jaggi (Berner Oberland); Witzig (Deutschfreiburg, Wallis, Tessin).
7 Appenzeller Volksfreund (zugleich amtliches Publikationsorgan). Systematisch durchgesehen wurden die beiden Eckjahrgänge 1946 und 1960. Die pfarrlichen Ankündigungen umfassen für das erste Jahr nur das Dorf Appenzell und Haslen, sowie teilweise Gonten. Die übrigen Pfarreien informierten damals noch durch Anschlag oder mündliche Mitteilung. Die Obwaldner Presse wurde ausgiebig von Imfeld benutzt, sodass ich hier auf weitere Recherchen verzichten konnte. Die in Frage kommenden diözesanen Amtsblätter sind: Diözesanblatt für das Bistum St. Gallen; Folia officiosa ab ordinariatu episcopali diocesis curiensis edita.
8 Vgl. Diözesanblatt 2. Folge, 151–153 (7. 4. 1941), dort auch die Liste der Fragepunkte. Ferner Bischof, 123.
9 In den appenzellischen Landpfarreien war dies häufig ein Einheimischer, nämlich Dr. Edmund Locher, bis 1943 Pfarrer in Appenzell, dann Domkustos und Professor in St. Gallen. Vgl. zur Person Stark, 113f.; IGfr 30 (1986/87), 177.
10 Die Frageliste publiziert in: SAVk 31 (1931) 101–142. Vgl. dazu auch Inauen R., Hitz, 48. Der Rücklauf der Fragebogen war offenbar enttäuschend gering und generell blieb wenig davon erhalten (so fehlt etwa OW). Zur Erarbeitung des Grundlagenmaterials für den in Aussicht genommenen Atlas der schweizerischen Volkskunde wurde deshalb ein stark reduzierter zweiter Fragebogen (Enquete II) erstellt. Einschränkend ist zu bemerken, dass der Fragenkatalog selbstverständlich die damaligen Forschungsinteressen der Volkskunde widerspiegelt und damit der christlichen Religiosität wenig Platz einräumt. Die spezifisch «Religiöse Volkskunde» steckte damals noch in ihren Anfängen.
11 Vgl. etwa Ebel; Deutsch (Zinzendorf); Hartmann.
12 Hersche, bes. 446ff., 474ff., 722f., 893f.
13 Allg. zu Ausserrhoden Schläpfer, für die Gemeinde Urnäsch Hürlemann.
14 Vgl. für das «traditionelle» Uri aber noch das 1946 erschienene Werk von L. von Matt.
15 Eine Hilfe war auch das von Imfeld verfasste Mundartwörterbuch. Für Appenzell gibt es das entsprechende Werk von Joe Manser. Dialektbegriffe habe ich in diesem Buch jedoch nur ausnahmsweise verwendet, nämlich dort, wo sie besonders aussagekräftig oder kaum mit einem einzigen anderen Wort übersetzbar waren.
16 Vgl. die in der Bibliografie aufgeführten Werke. Für das Entlebuch bietet das Werk von Kaufmann über die Mischehen auch viele allgemeine Informationen zu dieser Landschaft.
17 Dazu grundlegend Mathieu.
18 Vgl. etwa Schmid zum Lugnez. Naheliegend wäre es (gerade von Graubünden und dem am Ostrand der Schweiz gelegenen Untersuchungsgebiet Appenzell aus) einen Blick über die Grenze, ins Vorarlberg und Tirol, zu werfen. Das musste hier unterbleiben, abgesehen von der summarischen Benutzung eines «Klassikers», an dem niemand vorbeikommt, der sich mit den hier behandelten Fragestellungen abgibt: Das dreibändige «Bergbauernbuch» von H. Wopfner zum Tirol. Ergänzend zu dieser Region noch Hubatschek; Jäger. Vergleichend kann ferner die einzige grössere Untersuchung aus Deutschland zur Lebenswelt ländlicher Katholiken um 1950 herangezogen werden, nämlich diejenige von Fellner zu Bayern. Vgl. darin besonders die Abschnitte zu Ebersberg, 101ff., und Berchtesgaden, 176ff. Ebersberg ist von der Zahl der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung mit AI und OW vergleichbar, ebenso Berchtesgaden, wo allerdings der Tourismus eine ganz grosse Rolle spielt. Der Autor konstatiert einleitend zu recht ein enormes Forschungsdefizit zum gewählten Thema. Ein nahe der Schweiz gelegenes Gebiet (Oberschwaben) behandelt Kuhn.
19 Antonietti; Antonietti/Kalbermatten; Bellwald; Bellwald/Guzzi; Imhasly; Kuonen; Niederer; Pfaffen; Siegen Joh.; Siegen Jos.
20 Zum schweizerischen und bernischen Protestantismus allg. Guggisberg; Vischer; Weiss. Der «Atlas der schweizerischen Volkskunde» (ASV) behandelt die hier im Vordergrund stehenden, mit der Konfession zusammenhängenden Probleme eher am Rande. Auch das von P. Hugger hg. dreibändige «Handbuch der schweizerischen Volkskultur», gewissermassen das Nachfolgewerk der Synthese von Weiss, gibt zwar insgesamt einen umfassenden Überblick zum Thema, ist aber stärker gegenwartsbezogen und widmet der religiösen Kultur bloss verhältnismässig wenig Platz (explizit nur in den beiden Beiträgen von Heim, 1487–1500, und Campiche, 1443–1470). Eine nützliche neuere Datensammlung zum Vergleich katholischer und protestantischer Mentalität, aber auch zu anderen hier behandelten Fragekreisen, ist hingegen der von B. Fritzsche hg. «Historische Strukturatlas der Schweiz».
21 Für AI Steuble (die in der folgenden Darstellung gegebenen Daten sind in der Regel hier entnommen); für OW gibt Dillier nach Themenkreisen geordnet viele chronikalische Hinweise. Vgl. im Übrigen 10.5 und 10.6.
22 Zu diesen Entwicklungen und der schweizerischen Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert vgl. in erster Linie die im Literaturverzeichnis angeführten Arbeiten vom Altermatt. Ferner Conzemius; Vischer.
1
Allgemeine Strukturelemente in Appenzell und Obwalden
1.1
Geografische Situation
Grundsätzlich sind die naturräumlichen, wirtschaftlichen, politischen und anderen Rahmenbedingungen beider Untersuchungsgebiete einander weitgehend ähnlich, bloss im Detail zeigen sich einige Unterschiede.1 Geografisch sind sie beide im schweizerischen Voralpengebiet gelegen, im Übergang vom hügeligen zum eigentlichen Berggebiet. Das wirkt sich besonders in Appenzell, an der Nordabdachung der Alpen gelegen, in häufigen Niederschlägen aus, wohingegen das fast rundum von Gebirgen umgebene Obwalden trockener ist. Das Appenzellerland liegt etwas erhöht südlich des Bodensees, am Fuss des Alpsteins, einer weit nach Norden vorgeschobenen Gruppe des Alpengebirges. Es ist rundum vom Kanton St. Gallen umgeben und von einem einzigen grösseren Fluss, der Sitter, durchflossen. Obwalden ist als einer der drei Urkantone Teil der Zentralschweiz. Es hat Anteil am Vierwaldstättersee, in den die Sarner Aa mündet, die das auf rund 435 bis 470 Meter über Meer gelegene Haupttal mit dem gleichnamigen See und dem Hauptort Sarnen durchfliesst. Wesentlich höher gelegen sind nur die Gemeinde Lungern sowie das abgeschiedene, seitlich gelegene Melchtal. Noch höher, auf rund 1000 Meter über Meer liegt die Exklave Engelberg. Dieser ehemalige Klosterstaat gehört geografisch eigentlich zu Nidwalden,2 schloss sich aber nach dem Ende der weltlichen Herrschaft der Äbte 1815 aus politischen Gründen Obwalden an. Appenzell Innerrhoden ist durchschnittlich höher gelegen, von 740 Meter über Meer an aufwärts. Eine Ausnahme bildet einzig der «Äussere Landesteil», die Exklave Oberegg, der im Ausserrhoder Vorderland gelegene, katholisch gebliebene Teil des alten ungeteilten Landes. Dieser ist stärker nach St. Gallen und dem Rheintal hin orientiert und auch wirtschaftlich etwas anders strukturiert; er wird daher in dieser Untersuchung im Allgemeinen nicht berücksichtigt. Der Hauptort Appenzell liegt auf 785 Meter über Meer, die kleinen übrigen Ortschaften meist auf etwa 900 Meter über Meer.
1.2
Siedlung, Bevölkerung, Verkehr
Nur die beiden traditionellerweise «Flecken»3 genannten Hauptorte Sarnen und Appenzell weisen eine einigermassen entwickelte Infrastruktur mit vielen Läden und Handwerkern auf und erfüllen in beiden Kantonen die zentralörtlichen Funktionen. Im Umland, in Appenzell noch stärker als in Obwalden und geradezu exemplarisch, herrscht bäuerliche Streusiedlung mit arrondiertem Landbesitz («Heimat») vor.4 In beiden Kantonen wurden die Höfe im geschlossenen Erbrecht an einen Sohn weitergegeben.5 In Appenzell bilden Wohnund Ökonomiegebäude eine Einheit (Kreuzfirstbau). In Obwalden sind sie, mit im Einzelnen deutlich anderer Bauweise, getrennt. Während beide Hauptorte eine minimale Grösse von einigen tausend Einwohnern haben, sind die übrigen paar Dörfer in Obwalden kleiner, weisen dennoch alle wichtigen Geschäfte auf (Läden, Handwerker, sogar mehrfach). Die Appenzeller Ortschaften ausserhalb des Hauptorts hingegen würde man besser Weiler nennen: Sie bestanden noch um 1960, bis der Bauboom auch dort einsetzte, nur aus Kirche, Pfarrhaus, Schule, eventuell einer Post, einer oder zwei Wirtschaften, sowie einer Bäckerei und allenfalls einem Gemischtwarenladen. Die Bevölkerung Obwaldens betrug 1950 22 125, diejenige Innerrhodens (ohne Oberegg) 11 230 Einwohner. Diese Zahlenverhältnisse gelten mit geringen Schwankungen auch für die Jahrzehnte unmittelbar vorund nachher. Auswanderung fand immer statt, denn in beiden Kantonen existierten in unserem Untersuchungszeitraum bei beschränkten Ressourcen noch sehr kinderreiche Familien.6 Einwanderer aus anderen Kantonen gab es vor 1960 verhältnismässig wenige, am ehesten bei ganz spezialisierten Berufen ohne lokale Tradition. Die Anbindung an den Verkehr war sowohl in Obwalden wie in Innerrhoden relativ schlecht, was sich unter anderem darin zeigt, dass sie nur mit Schmalspurbahnen erschlossen wurden, wobei allerdings der Brünigbahn in Obwalden überregionale Bedeutung zukam. Der Strassenverkehr war nach dem Krieg noch ziemlich unbedeutend, und bei den Einheimischen konnten sich damals nur die dörfliche Oberschicht oder bestimmte darauf angewiesene Berufstätige ein Auto leisten.7 Allerdings reisten die Touristen vermehrt damit an, was die beiden Kantone veranlasste, in den späten 1950er–Jahren eine vorher nicht existierende Verkehrspolizei ins Leben zu rufen.8 Gleichzeitig wurden umfangreiche Strassenausbauprogramme (Asphaltierungen, Verbreiterungen usw.) in Angriff genommen und wenig später wurde auch begonnen, die landwirtschaftlichen Siedlungen mit Flurstrassen für den motorisierten Verkehr zu erschliessen.
1.3
Wirtschaft
Die naturräumlichen Gegebenheiten bestimmten massgeblich die wirtschaftliche Tätigkeit, insbesondere im ersten Sektor, der zwischen 1945 und 1955 noch eindeutig dominierte.9 In Innerrhoden waren gemäss der Volkszählung von 1950 noch 51 Prozent der männlichen Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig,10 in Obwalden waren es 42 Prozent,11 also mehr als das Doppelte, beziehungsweise Dreifache des gesamtschweizerischen Durchschnitts.12 Diese Zahlen sind jedoch aus methodischen Gründen als blosse Richtwerte zu betrachten.13 Für den Getreidebau sind beide Gegenden nicht geeignet, nur in Obwalden gab es in der Ebene der Sarner Aa ein wenig Ackerbau. Auf staatlichen Befehl wurde zwar beiderorts im Rahmen des «Plans Wahlen» in der Notzeit des Zweiten Weltkriegs auf mehreren hundert Hektaren Getreidebau betrieben, aber gleich danach wieder aufgegeben. Einzig der im Krieg ebenfalls forcierte Anbau von Kartoffeln wurde vor allem in Obwalden für den Eigenbedarf noch eine Zeit lang weiter gepflegt. Grasbau und Milchwirtschaft herrschen bis heute vor und bilden neben der Kälbermast und der Aufzucht von Jungvieh das Haupteinkommen der Bauern in beiden Gegenden. Die Alpwirtschaft war beiderorts eine notwendige und wichtige, mit Liebe besorgte Ergänzung der Talbetriebe. Die Milch wurde zum kleineren Teil als Konsummilch weiterverkauft, vor allem aber wurden Käse und Butter daraus hergestellt. Das zweitwichtigste Nutztier, welches fast alle Bauern hielten, war das Schwein. Demgegenüber war die früher wichtige Ziegenhaltung schon damals stark zurückgegangen und reduzierte sich weiterhin. Auch die Schafhaltung war in unseren zwei Untersuchungsgebieten nie stark verbreitet. Pferde wurden beidenorts in der bäuerlichen Wirtschaft kaum eingesetzt, allenfalls dienten Kühe als Zugtiere. Hühner hingegen gehörten fast überall zu einem Hof. In Obwalden spielte in der Sarner Ebene der vor allem im Zusammenhang mit der früheren Umstellung auf die Graswirtschaft entstandene Feldobstbau noch eine grosse Rolle. «Wie ein Wald» sollen damals die Obstbäume gestanden haben.14 Die Ernte war nicht so sehr Tafelobst für den Markt, sondern wurde selber frisch verzehrt oder eingekellert, ausserdem zu einem grossen Teil zu Most verarbeitet, gedörrt, zu Birnenhonig eingekocht und die Abfälle schliesslich zu Schnaps veredelt. Ferner gehörte in Obwalden, ausgenommen in den höheren Lagen, ein Gemüsegarten fast obligatorisch zu einem Bauernhof und spielte wie das Obst eine grosse Rolle für die Selbstversorgung. Auch hier hatte der Zweite Weltkrieg impulsgebend gewirkt; auch Nichtbauern pflanzten damals Gemüse, um den mageren Speisezettel zu bereichern. In Appenzell hingegen gab es, abgesehen von dem tief gelegenen Gebiet um Haslen und vereinzelten sonstigen Apfelbäumen, keinen Obstbau, obschon er von Behörden und bäuerlichen Organisationen immer wieder propagiert wurde. Auch grössere Gemüsegärten fand man dort nach den Nöten der Kriegsjahre kaum mehr.15 Die Appenzeller bezogen Obst, Gemüse und Kartoffeln schon immer vorzugsweise aus dem St. Galler Rheintal;16 deren Konsum beschränkte sich bei den Bauernfamilien aber ohnehin auf ein Minimum. In Obwalden ging der Obstbau in den 1960er-Jahren massiv zurück. Gründe dafür waren die Mechanisierung (Mähmaschinen), der Arbeitskräftemangel, die Verwertungsprobleme und schliesslich die staatlich geförderten Rodungsaktionen.
Auf den zweiten Sektor wird später im Zusammenhang mit der Arbeitsethik und dem Nebenerwerb vor allem der Frauen noch einzugehen sein.17 Hier sei vorerst erwähnt, dass er, verglichen mit der übrigen Schweiz, in unseren beiden Untersuchungsgebieten eine geringe Rolle spielte. Selbstverständlich war das für den Bedarf der Bauern und der übrigen Bevölkerung notwendige Handwerk vorhanden, es konzentrierte sich aber vor allem in Appenzell auf den Hauptort. Insgesamt waren in der Nachkriegszeit die beiden Kantone vielmehr noch Musterbeispiele von weitgehend agrarisch strukturierten Regionen, besonders Innerrhoden. In Obwalden gab es immerhin schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert einige bedeutendere Betriebe des metallund holzverarbeitenden Gewerbes (Parkettfabriken und Möbelschreinereien), dazu eine grosse Hutfabrik, die zusammen einige hundert Arbeiter und Arbeiterinnen (die Heimarbeit nicht mitgerechnet) beschäftigten. Ab 1957 kam noch die Kunststoffindustrie dazu, schon durch die von ihr hergestellten Produkte ein Symbol des Umbruchs. Bereits 1952 wollte ausserdem die Regierung Obwaldens den nichtlandwirtschaftlichen Sektor durch einen besonderen Delegierten für Wirtschaftsförderung stärker entwickeln. In Appenzell wurde 1955 eine entsprechende Kommission ins Leben gerufen. Dort gab es bis dahin nur einige wenige kleine Textilverarbeitungsbetriebe, vor allem zur Herstellung von Taschentüchern, die Männer und Frauen beschäftigten. Die Heimarbeit der Handstickerei, die zwar schon in der Zwischenkriegszeit stark zurückgegangen war, dominierte vorderhand noch. Ferner existierte im Dorf Appenzell ein stark bäuerlich inspiriertes Kunsthandwerk (Weissküferei, Haarflechterei, Drechslerei, Bauernmalerei, Herstellung von Antikmöbeln und Schellenriemen).18
Im Dienstleistungssektor spielte der Tourismus in beiden Regionen schon länger eine gewisse Rolle. Dies obschon er von der herrschenden bäuerlichen Schicht nicht immer gern gesehen wurde, etwa wenn Touristen gedankenlos durch hohes Gras wanderten oder ihre Hunde frei laufen liessen.19 Auch die Geistlichkeit äusserte vielfach Vorbehalte, weil sie in der lockeren Kleidung der Fremden und ihren Wünschen nach Schwimmbädern und Tanzunterhaltungen ernste Gefahren für die Sittlichkeit sahen.20 Die Obwaldner Franz Josef Bucher und sein Schwager Josef Durrer waren industrielle Unternehmer, Bahnbauer, Hoteliers und Tourismuspioniere, wie sie sonst nur in den Städten und bei den Protestanten auftraten. Doch handelte es sich bei ihnen um Ausnahmeerscheinungen, wenn auch der Obwaldner im Allgemeinen immer als etwas regsamer als der benachbarte Nidwaldner geschildert wurde. Regsam war indes auch der Appenzeller, aber er betätigte sich doch in einem viel engeren Kreis, etwa durch den Verkauf von Stickerei in den berühmten Badeorten des In- und Auslandes. In Obwalden gab es in den höher gelegenen Ortschaften einige alte Kur- und Erholungshäuser. Erwähnt werden muss hier auch der religiöse Tourismus, der nach der Heiligsprechung von Bruder Klaus (1947) mit seiner Geburtsstätte und seiner Klause in Flüeli- Ranft und seinem Grab in Sachseln grössere Ausmasse annahm. Am wichtigsten war aber doch Engelberg, wo schon 1883 ein Kur- und Verkehrsverein gegründet wurde, und nach dem Bahnbau von 1898 das Dorf bereits um die Jahrhundertwende ein beliebter und mondäner Kurort und insbesondere einer der frühesten Plätze des sich danach stark entwickelnden Wintersports war.21 Diese massive Veränderung stand in einem gewissen Gegensatz zur Tradition des Klosterstaats und führte auch zu Konflikten, insbesondere weil die Touristen den strengen kirchlichen Moralvorstellungen nicht entsprachen. Andererseits profitierte das immer noch einflussreiche Kloster materiell vom Tourismus.22 In Appenzell hingegen waren die früher beliebten Molkenkuren schon vor dem Ende des 19. Jahrhunderts aus der Mode gekommen. Dasselbe Schicksal ereilte etwas später einige kleinere Bäder (Weissbad, Gontenbad, Jakobsbad). Nach 1945 herrschte vor allem Tagestourismus vor, war die Bergwelt des Alpsteins doch von den grösseren städtischen Siedlungen der Ostschweiz bis zum Bodensee aus relativ rasch erreichbar. Der im Laufe der 1950er-Jahre beginnende Bau von touristischen Infrastrukturanlagen (Skilift Sollegg, Ebenalpbahn, Campingplätze, Ferienhaussiedlungen usw.) markierte einen deutlichen Umbruch.
Die übrigen Dienstleistungsberufe fielen in beiden Kantonen zahlenmässig kaum ins Gewicht: Akademiker, Lehrer, Beamte, kaufmännische Angestellte, Post- und Bahnpersonal und so weiter beschränkten sich auf das notwendige Minimum. Die Lehrerschaft bestand zu einem grossen Teil aus geistlichen Personen beiderlei Geschlechter, worauf noch zurückzukommen sein wird.23 Besonders in Innerrhoden wurde ausserdem der Beamtenapparat der Verwaltung noch ausgesprochen schmal gehalten.24
1.4
Politik
Damit sind die politischen Verhältnisse angesprochen, wobei der geschichtliche Hintergrund bis zum 20. Jahrhundert hier weitgehend vernachlässigt werden muss.25 Dass es sich bei beiden Untersuchungsgebieten rechtlich um Halbkantone handelt, ist zufällig und hat für das Folgende kaum Bedeutung. Unterwalden war schon im Mittelalter in Ob- und Nidwalden getrennt, wobei wichtig ist, dass diese Teilung hinsichtlich der Ämterbesetzung und der Finanzen effektiv eine Drittelung war, indem dem volkreicheren Obwalden zwei Drittel zukamen. Das heisst es trug zu den Staatsausgaben doppelt so viel bei, partizipierte aber auch entsprechend an den Erträgen. Diese waren früher hoch, weil sie vor allem aus den Gemeinen Herrschaften der Alten Eidgenossenschaft kamen, in die die Obwaldner doppelt so viele Landvögte wie die Nidwaldner bestellen konnten. In Appenzell ging die Teilung auf die konfessionellen Kämpfe zurück. 1597 einigten sich die Konfliktparteien auf eine friedliche Lösung: Die im Kern des Landes vorherrschenden Katholiken bildeten zusammen mit der Exklave Oberegg den Halbkanton Innerrhoden, der grössere, protestantische Teil im Westen, Norden und Nordosten nannte sich fortan Ausserrhoden. Wie wir noch sehen werden, hatte dies auch auf dem nichtreligiösen Feld einschneidende Folgen, insbesondere die, dass sich Ausserrhoden schon früh industrialisierte, während Innerrhoden fast rein agrarisch blieb.26 Auf der politischen Ebene änderte sich aber wenig. Appenzell und Obwalden waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch sogenannte Landsgemeindekantone. Das bedeutete, dass die höchste Gewalt im Staat bei der jeweils im Frühjahr im Freien stattfindenden altertümlichen Versammlung der stimmfähigen Männer lag. Dort wurden mit offenem Handmehr die Behörden gewählt und über Sachfragen, ebenso wie über die Aufnahme ins Landrecht (Einbürgerungen) entschieden. Die laufenden und weniger wichtigen Geschäfte wurden im nur verhältnismässig selten zusammentretenden Grossen Rat, dem Parlament, debattiert und, soweit sie nicht in die Kompetenz der Landsgemeinde fielen, dort entschieden. Die Regierungen waren reine Vollzugsorgane.
Obwalden war allerdings verfassungsrechtlich etwas «moderner», auch verliefen hier die politischen Kämpfe lebhafter als in Appenzell. Die Landsgemeinde hatte schon seit 1922 nur noch eingeschränkte Kompetenzen, insbesondere bei Gesetzesvorlagen nur noch beratende Funktion, die Abstimmung erfolgte geheim an der Urne. Immer wieder wurde die Abschaffung der Landsgemeinde vorgeschlagen, sie erfolgte dann endgültig 1998. Eine vorerst 1947 noch gescheiterte Totalrevision der Verfassung kam 1968 zustande; sie zeigte das Bemühen, mit der allgemeinen politischen Entwicklung Schritt zu halten. Neben der in allen mehrheitlich katholischen Kantonen führenden konservativen Partei gab es in Obwalden auch eine oppositionelle liberale, die Partei der «Fortschrittler», die im Schnitt immer etwa ein Viertel der Sitze im Grossen Rat innehatte und auch über ein eigenes Presseorgan verfügte.27 Die Gemeindeautonomie war sehr ausgeprägt. Viele wichtige, andernorts meist dem Staat und der Einwohnergemeinde übertragene Aufgaben wurden indes von den Bürgergemeinden28 und verschiedenen Korporationen übernommen. Diese waren ähnlich demokratisch strukturiert wie der Kanton und die Einwohnergemeinden und auf vielen Gebieten tätig, umso mehr als sie – anders als die Einwohnergemeinden – meist auch finanziell gut situiert waren. Mehr als nur ein geografischer Sonderfall war die Gemeinde Engelberg in Obwalden. Zwar war die weltliche Macht des als geistliche Institution weiter bestehenden Benediktinerstifts schon lange dahin, aber auf anderen Gebieten bestimmte das Kloster die Geschicke der Talschaft nach wie vor stark mit. So etwa in wirtschaftlicher Hinsicht durch den enormen, ihm verbliebenen Grundbesitz, der zum grössten Teil verpachtet wurde, ebenso wie die vielen zum Kloster gehörigen Wälder und die Alprechte, von denen es ebenfalls die weitaus grösste Besitzerin war. Das Stift hatte auch eine lokale Bank initiiert (der Schalter war zuerst im Kloster selbst) und betrieb zuerst ein eigenes Elektrizitätswerk. Es übte nach wie vor die Pfarrrechte aus und stellte die einzige höhere Bildungsanstalt im Ort. Eine gewisse Untertanenmentalität hielt sich infolgedessen bis in die Nachkriegszeit; für ältere Leute war der Abt auch damals noch der «Gnädige Herr».29
Innerrhoden hingegen wies verfassungsrechtlich in der Nachkriegszeit zum Teil noch im Mittelalter verwurzelte archaische Züge auf. Die immer noch geltende, sehr kurz gehaltene Verfassung von 1872 hatte nur die allernotwendigsten Anpassungen ans Bundesrecht vollzogen. Die Existenz und die Stellung der Landsgemeinde als souveräne «höchste Gewalt» war zu keiner Zeit bestritten (während sie in Ausserrhoden schliesslich 1997 abgeschafft wurde). Eine europaweit beachtete Diskussion gab es bloss mit der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz. Die Innerrhoder lehnten es mehrmals ab, bis das Schweizer Bundesgericht 1990 die zwangsweise Einführung befahl. In der Folge gab es für die nun an der Landsgemeinde zugelassenen Frauen papierene Stimmrechtsausweise. Vorher war für die Männer der einzige Ausweis der Teilnahmeberechtigung das «Seitengewehr» gewesen: der umgehängte Degen, Säbel oder das Bajonett als Zeichen des volljährigen wehrfähigen Bürgers. Bemerkenswert war ferner, dass Montesquieu damals Innerrhoden noch nicht erreicht hatte: Die Gewaltenteilung existierte nur hinsichtlich der Justiz, war aber sonst unvollständig, weil die Regierung mit vollem Stimmrecht auch im gesetzgebenden Grossen Rat sass. Dieser bestand im Übrigen nicht wie überall sonst aus gewählten Einzelpersonen, sondern aus der Gesamtheit der Räte der unteren Verwaltungseinheiten, der Bezirke als Nachfolger der alten Rhoden. Diese wurden allerdings ganz demokratisch an den Bezirksgemeinden, den kleineren Schwestern der Landsgemeinde, bestimmt. Der Landammann präsidierte sowohl die Landsgemeinde, wie den Grossen Rat und die Regierung, hatte also beinahe die Machtfülle eines früheren absoluten Fürsten. Allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, dass ihn die Landsgemeinde jederzeit absetzen konnte, was auch gelegentlich vorkam. Die neunköpfige Regierung wurde nebenamtlich geführt, ihre offizielle Bezeichnung als «Standeskommission» zeigt schon ihren geringen Stellenwert an. Die Mitglieder selber trugen allerdings noch die schönen altertümlichen Titel: Der Leiter des Polizeidepartements war der «Landesfähnrich», derjenige des Fürsorgedepartements hiess noch lange nach dem hier betrachteten Zeitraum «Armleutsäckelmeister». Wegen der kleinen Beamtenschaft waren die Staatsausgaben und entsprechend auch die Steuern gering. Neue staatliche Aufgaben kamen meist von «Bern», vom Bund, und wurden nicht immer wohlwollend aufgenommen.30 Einige unvermeidliche Anpassungen an die Moderne wurden mit Teilrevisionen der Verfassung vorgenommen. Gemeinden gab es dem Wortsinn nach keine.31 Das «Innere Land» fasste sich als Einheit auf; die staatliche Struktur war infolgedessen etwas zentralistischer als in Obwalden.32 Hingegen wurden auch in Appenzell wie in Obwalden einige Staatsaufgaben von Korporationen übernommen. Die wichtigste war die «Feuerschau» des Hauptortes, die alle möglichen Aufgaben der modernen Versorgung übernahm und immer noch ausführt.33 Auch in Appenzell hatte es neben den führenden Konservativen einmal eine aktive liberale Partei mit einer eigenen Zeitung gegeben. Doch befand sie sich schon in der Zwischenkriegszeit im Krebsgang und stellte 1946 ihr Wirken ganz ein.34 Wichtiger waren die Berufsgruppen, zuvorderst die Bauern. Zu meiner Jugendzeit hiess es jedenfalls, dass gegen diese an der Landsgemeinde kein neues Gesetz durchzubringen sei.
1.5
Soziale Schichtung
Soziale Ungleichheit war und ist in der Schweiz weniger als in anderen Ländern ausgeprägt und in den hier betrachteten beiden Kantonen im Schnitt wohl noch etwas weniger. Abgesehen davon, dass es immer irgendwie in Armut geratene Leute gab und diese zu einer Zeit, in der der Sozialstaat noch wenig ausgebaut war, häufiger als heute vorkamen, betonten alle Interviewpartner die grundsätzliche Gleichheit. Eine schmale Oberschicht von einigen Prozent der Bevölkerung existierte sicherlich in den Hauptorten: Regierende, Akademiker, Lehrer, einige Geschäftsleute und bessere Handwerker, sowie reich gewordene Rentiers. Darunter aber lebte eine breite Mittelschicht, und insbesondere unter den Bauern waren, wie noch zu zeigen sein wird,35 die Unterschiede nicht sehr ausgeprägt, wurden jedenfalls nicht ausgesprochen als solche empfunden.36 In Appenzell war das soziale Schichtenmodell ganz einfach: Es gab die «Hofer», die Mehrheit der Bewohner des Hauptortes, die breite Masse der Bauern auf dem Lande und schliesslich am unteren Ende der Leiter die «Rietler»,37 die ärmeren Leute, die konzentriert am Rande des Dorfes, südlich der Bahnlinie, in kleinen Häuschen lebten, die sie auf dem eher schattig gelegenen Land einer schon im 15. Jahrhundert errichteten sozialen Stiftung erbaut hatten. In Sarnen und in den übrigen Dörfern Obwaldens waren, neben den immer noch zahlreichen Bauern, das kleinbürgerliche Element und die Arbeiterschaft etwas stärker vertreten. Umgekehrt war dort die Oberschicht der politisch seit Jahrhunderten führenden alten Geschlechter wohl noch etwas abgehobener als in Appenzell, obschon es auch hier etwa ein halbes Dutzend Familien gab, die häufiger als andere in der Regierung sassen.38 Die genannten alten, in der Politik gut vertretenen Obwaldner, aber auch sonstige angesehene bürgerliche und bäuerliche Familien verfügten nämlich bis in die 1960er-Jahre auch in den Kirchen über reservierte Sitzplätze («Chremmli») oder als Amtsinhaber über besondere Ratsherrenstühle.39 Sie wurden als Landammänner oder Gemeindepräsidenten an hohen Festtagen von Weibeln zum Kirchgang abgeholt und durften sich in Sarnen in hervorgehobenen Grablegen nahe der Kirche ihrer letzten Ruhe erfreuen. In Obwalden konnte sich eben im Laufe von Jahrhunderten eine Schicht herausbilden, die als Landvögte der Gemeinen Herrschaften und als Soldunternehmer einigen Reichtum ansammelte, zu Hause die politischen Ämter monopolisierte, sich repräsentative Wohnsitze erbaute und von ihren Renten lebte, ganz analog zu den städtischen Patriziern der eidgenössischen Stände. Die Appenzeller Oberschicht musste diese Möglichkeiten zur Distinktion weitgehend entbehren, die Innerrhoder waren insgesamt immer ärmer, weil ihnen die finanziellen Ressourcen ungleich den übrigen Alten Eidgenossen weitgehend verschlossen waren.40 Auch der Solddienst im Ausland war hier viel weniger verbreitet.
1.6
Kirchliche Organisation und schulische Verhältnisse
In beiden Kantonen waren 1950 noch 96 Prozent der Bevölkerung katholisch. Mit der noch kleinen reformierten Minderheit, die in den Hauptorten jeweils eine eigene Kirche besass, lebte man indessen im Allgemeinen friedlich zusammen.41 Obwalden gehörte zum Bistum Chur, Appenzell Innerrhoden zu St. Gallen.42 Beide waren allerdings aufgrund historischer Verwicklungen im 19. Jahrhundert formell nicht ihrer Diözese angeschlossen, sondern nur indirekt oder provisorisch unterstellt, ein Status, von dem vor allem die Appenzeller finanziell profitierten.43 Obwalden zählte 1946 insgesamt 13 Pfarreien, beziehungsweise Kuratien.44 In den 1950er-Jahren kamen Wilen zu Sarnen, Kleinteil zu Giswil, sodass noch 11 übrig blieben. In Engelberg stellte das Kloster auch den Pfarrer. Innerrhoden zählte (mit Oberegg) sechs Pfarreien und zwei Kuratien. Die beiden Kantone bildeten je ein Dekanat, demjenigen in Appenzell waren auch die im 19. Jahrhundert neu entstandenen katholischen Pfarreien in Ausserrhoden angeschlossen. Dekane waren meistens die Pfarrer der Hauptorte, die auch sonst eine besonders angesehene Stellung genossen. In beiden Kantonen herrschte ein stark historisch bestimmtes und bei Gelegenheit auch sehr direkt ausgeübtes Staatskirchentum.45 Pfarrwahlen durch die Kirchgemeinden oder die politischen Behörden waren eine Selbstverständlichkeit. In Obwalden waren die Kirch- und die politische Gemeinde identisch. An einigen primär religiösen Feierlichkeiten nahmen die Regierungen offiziell teil (in Appenzell in Amtstracht, ein schwarzer Mantel mit Umschlag).46 Umgekehrt ging der Landsgemeinde in Appenzell ein spezieller Gottesdienst mit Ehrenpredigt voraus;47 in Sarnen wurde anschliessend an die Landsgemeinde eine Vesper abgehalten. Neben den Behörden marschierte dort auch die Geistlichkeit im Landsgemeindezug mit, sass oben auf der Tribüne und nahm am Landsgemeindeessen teil. In Innerrhoden amtierten die Landammänner auch als Klostervögte der Frauenkonvente.48 Der Staat übte dort auch die Oberaufsicht über sämtliche Kapellen aus, obschon sich diese fast ausschliesslich im Besitze von Privaten oder Korporationen befanden. Das Ineinander von Kirche und Staat zeigte sich in der Appenzeller Pfarrkirche sinnfällig: An der Chorwand waren die in den Befreiungskriegen eroberten Fahnen dargestellt (früher hingen dort noch die Originale), und bei feierlichen Gottesdiensten wurden die grossen von den Rhoden gestifteten Kerzen am Eingang zum Chor entzündet.49 Gegenüber den Bischöfen zeigte man sich äusserlich zwar devot, vertrat aber bei Streitigkeiten vielfach dezidiert den eigenen Standpunkt. Bei der Durchsetzung der moralischen Normen der Kirche wirkte die Staatsgewalt mit, wenn sie auch den Interessen der Regierenden entsprachen. Umgekehrt wurden einige kirchliche Verfügungen, besonders solche reformerischer Natur, von den Repräsentanten des Staats nicht immer mit dem erwarteten Eifer unterstützt, sondern nur eingeschränkt umgesetzt, ja bisweilen ignoriert. Die alten Gewohnheiten, auf die sich Regierungen und gewöhnliches Kirchenvolk beriefen, blieben noch lange bestimmend. In Obwalden waren auf der Ebene der Gemeinden noch nach 1945 das staatliche und kirchliche Rechnungswesen vielfach miteinander verquickt; die Kirchgemeinden waren dort ja die Vorläufer der späteren politischen Gemeinden gewesen. Die Kirche war in beiden Kantonen finanziell gut ausgestattet, insbesondere durch die reichlich fliessenden Stiftmessengelder, das heisst die Summen, die für die sehr verbreiteten Seelenmessen einbezahlt wurden. In Appenzell sprach man in pekuniären Angelegenheiten der Pfarrkirche gerne nur vom «reichen Moritz».50
An Klöstern gab es in Obwalden das alte Benediktinerstift Engelberg mit einer Stiftsschule; auch die staatliche Mittelschule in Sarnen wurde bis 1984 von Benediktinern des ehemaligen Klosters Muri-Gries geleitet.51 Dort bestand auch, ebenso wie in Appenzell, ein Kapuzinerkloster. Letzteres führte hier die einzige höhere Bildungsanstalt, eine Real- und Mittelschule mit Internat. Hinsichtlich der Bildungsausgaben standen beide Kantone im gesamtschweizerischen Vergleich in den untersten Rängen.52 In Obwalden gab es ein altes Frauenkloster in Sarnen, eines in Melchtal, mit einem angeschlossenen Töchterinstitut, sowie eine moderne Gründung von Dominikanerinnen (Bethanien in St. Niklausen).53 Innerrhoden zählte insgesamt sogar vier Frauenklöster, wobei allerdings zwei (Wonnenstein und Grimmenstein) als Exklaven in Ausserrhoden lagen. Die Primarschule war staatlich organisiert, doch wirkte die Kirche, wie noch zu zeigen sein wird, auf verschiedenen Ebenen sehr bestimmend auch auf das niedere Bildungswesen ein.54
1.7
Allgemeine Bemerkungen zu den übrigen miteinbezogenen Gebieten
Zu den übrigen, in der Einleitung aufgeführten, aber nur am Rande einbezogenen Gebieten können und sollen hier nur die wichtigsten strukturellen Elemente genannt werden. Auf die abgesehen vom Konfessionellen weitgehende Ähnlichkeit von Ausser- und Innerrhoden in dieser Hinsicht wurde bereits hingewiesen. Dies gilt besonders für das vom Bauerntum und seiner Folklore geprägte Ausserrhoder Hinterland, während die übrigen Teile stärker industriell ausgerichtet sind.55 Das von Zihlmann beschriebene Luzerner Hinterland und das Entlebuch ähneln geografisch und wirtschaftlich ebenfalls weitgehend Appenzell und Obwalden.56 Dasselbe gilt für das Berner Oberland, wobei hier noch ausgedehnte Alpen hinzukommen, reicht doch das Gebiet bis zur Viertausendergrenze. Im Gegensatz zu fast allen übrigen hier betrachteten Gegenden spielte dort aber auch der Tourismus eine gewaltige und wirtschaftlich wichtige Rolle und dies schon seit langem – das Berner Oberland war neben Chamonix die am frühesten, nämlich schon im späten 18. Jahrhundert von Fremden aufgesuchte Region des Alpenraums. Der Freiburger Sensebezirk betreibt Gras- mit etwas Ackerbau.57 Hingegen unterscheiden sich die inner- beziehungsweise südalpinen Regionen (Wallis, Graubünden, Tessin) nicht nur naturräumlich, sondern auch wirtschaftlich ziemlich stark vom nördlichen Voralpengebiet. In diesen verhältnismässig trockenen und daher zum Teil (besonders im Wallis) einer künstlichen Bewässerung bedürftigen Tälern wurde neben der Viehhaltung, bei der neben dem Rindvieh auch Ziegen und Schafe eine grössere Rolle spielten, in der Nachkriegszeit noch ziemlich viel Ackerbau betrieben, vor allem Roggen und Kartoffeln für den Eigenbedarf.58 Im Wallis kam ausserdem der Weinbau in der Rhoneebene hinzu, wo auch viele Bergdörfer Reben besassen. Es herrschte eine ausgesprochene Stufenlandwirtschaft mit bis zu vier Stafeln vor. Diese bäuerlichen Wirtschaften waren fast autark, auch weil dieses Gebiet in der Regel verkehrsmässig noch schlechter als das Voralpengebiet erschlossen war, im Extremfall nur durch Saumtiere erreichbar.59 Das bäuerliche Element dominierte, noch stärker als in Innerrhoden oder Obwalden, auch in den Dörfern.60 Der zweite Sektor existierte dort nur marginal; im Wallis allerdings arbeiteten in einigen nahegelegenen Orten nicht wenige Männer als Pendler in den grossen elektrochemischen und metallurgischen Betrieben in der Talebene.61 Sie überliessen dann die bäuerliche Arbeit weitgehend ihren Frauen. Die Besitzungen im alpinen Raum waren infolge der dort üblichen Realteilung fast immer extrem parzelliert, zwanzig Parzellen pro Betrieb waren keine Ausnahme. Die Bevölkerung war jedoch wie in den anderen hier untersuchten Regionen ziemlich homogen, abgesehen von städtischen Siedlungen wie Leuk, wo die Standesunterschiede ähnlich wie in Appenzell oder Sarnen speziell im kirchlichen Bereich deutlich zu Tage traten.62 Der Tourismus spielte in der Regel erst ab den 1960er-Jahren eine spürbare Rolle.63 Die dauerhafte Auswanderung war stärker ausgeprägt als in den Gebieten der Nordalpen. Politisch waren in allen diesen Regionen ebenfalls die demokratischen und korporativen Elemente, in Graubünden und im Wallis auch die Gemeindeautonomie, stark entwickelt. Allerdings war die ganze Politik mehr als in den Landsgemeindekantonen der Reglementierung durch die Kantonsregierungen ausgesetzt. Parteipolitisch war wie in den anderen katholischen Stammlanden die Katholisch-Konservative Partei führend, auch wenn in den meisten Gebieten noch andere, von jener meist erbittert bekämpfte liberale Gruppierungen existierten.
Konfessionell waren das Luzerner Hinterland, das Oberwallis und Lugnez und die nicht vom Tourismus berührten Teile des Tessins noch etwas geschlossener katholisch als Appenzell oder Obwalden.64 In den Bergdörfern waren Zugezogene, erst recht Protestanten, damals ein Exotikum. Das Netz an Pfarreien war dicht, weil vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert ständig Abspaltungen von Pfarreien und Kuratien von den Mutterkirchen stattgefunden hatten. Trotz der relativen materiellen Armut existierte eine reiche Sakrallandschaft und alte kirchliche Bräuche wurden hochgehalten, wie besonders am Beispiel des Lötschentals gezeigt wurde.65 Schon Richard Weiss hat darauf hingewiesen, dass der katholische Glaube der alpinen Lebensform besonders angemessen sei.66 In der Tat dominiert im Alpenraum der Katholizismus bei weitem. Protestantisch sind nur der grössere Teil Graubündens, was unter anderem mit dem Widerstand gegen den Bischof von Chur als ehemaligen Landesherrn zusammenhängt, sowie das Berner Oberland samt dem ehemals bernischen Pays d’Enhaut im Waadtland. Hier muss man sich allerdings vor Augen halten, dass die Reformation dem Oberland von der Stadt Bern regelrecht aufgezwungen wurde und gegen den entstehenden Volkswiderstand teils mit Gewalt durchgesetzt werden musste.67 Noch über Jahrzehnte hielten sich katholische Bräuche, etwa die Wallfahrt zu St. Beatus am Thunersee, und Wallfahrer aus dem Wallis und aus Freiburg nach Einsiedeln konnten ungehindert durch das Oberland zum Brünigpass gelangen. Sogar noch am Ende des 17. Jahrhunderts sollen Berner Oberländer Schenkungen für den Neubau der Kirche Giswil gemacht haben.68 Könnten Folgen dieser «Zwangsbekehrung» noch bis ins 20. Jahrhundert gereicht haben und wenn ja, können sie noch aufgespürt werden? Der im Saanenland im Zeitalter der Aufklärung wirkende Landvogt Karl Viktor von Bonstetten jedenfalls war davon überzeugt; für ihn hatte die Reformation auch negative Folgen gezeitigt.69
Anmerkungen
1 Dieses Kapitel richtet sich besonders auch an nichtschweizerische Leser, die mit den Verhältnissen nicht oder kaum vertraut sind. Einführende Literatur zu AI Grosser; Klauser (für die Situation um 1945); Inauen J., Heimweiden (enthält mehr als der Titel vermuten lässt). Zu einigen Aspekten der Bevölkerungs- und Sozialgeschichte Schürmann. Die Geschichte eines ländlichen appenzellischen Bezirks (Gonten) behandelte Weishaupt ausführlich. Für OW Garovi; Dillier; Imf Kerns; Imf VV; Obwaldner Heimatbuch. Für Engelberg Heer (jedoch stark auf die Kloster- und Äbtegeschichte bezogen); Zumbühl. Zum «Volkscharakter» der Kantone Allemann. Allg., wenn auch spezifisch auf Deutschland bezogen, zu Struktur und Problemen des ländlichen Raums das Standardwerk von Henkel.
2 Die Trennung macht der zwischen den beiden Teilen gelegene Kernwald aus, deshalb auch die Bezeichnung Unterwalden «ob» und «nid dem Kernwald».
3 «Flecken» sind in der Schweiz grössere Orte mit ähnlichen historischen Rechten wie Städte (am wichtigsten das Marktrecht), aber im Gegensatz zu diesen eher locker bebaut und ohne Ummauerung.
4 Allg. zu den bäuerlichen Siedlungsformen Weiss, 76ff.
5 In der Regel, aber nicht zwingend, an den ältesten.
6 Vgl. 2.2 und 2.7.
7 In OW kam noch 1950, also nach dem Wegfall der kriegsbedingten Einschränkungen, ein Privatauto auf 65 Einwohner. Garovi, 246. In AI war die Zahl noch viel geringer, nämlich ein Auto auf 123 Einwohner. Geschäftsbericht, 93. Etwas verbreiteter waren damals Motorräder.
8 Dillier, 624; AI H. S. In AI wurde der Polizei 1957 ein erstes eigenes Auto zur Verfügung gestellt.
9 Für die schweizerische Landwirtschaft vor dem grossen Wandel nach dem Krieg allg. das immer noch wertvolle und mit vielen Zahlen unterlegte Werk von Laur. Die neuere Synthese von Moser ist stark auf das ackerbauliche Mittelland konzentriert und behandelt in erster Linie Fragen der bäuerlichen Identität, die Beziehungen zu Staat, Politik und Parteien, sowie die bäuerlichen Verbände, allgemeine Fragen der Agrarstruktur und der Preispolitik. Zu den verschiedenen Agrarzonen und Bodennutzungssystemen neben Laur noch Mathieu; zur grundsätzlichen Differenzierung von Hirten und Ackerbauern Weiss, 104ff.
10 Der Frauenanteil war mit 3 % unbedeutend. Zu dieser Eigentümlichkeit vgl. 2.2 und 2.7.
11 Mit den Frauen 48 %.
12 Nämlich 15 %. 1941 waren es noch 19 % gewesen.
13 Es ist nämlich die Nebenerwerbstätigkeit nach beiden Seiten hin nicht erfasst. Vermutlich ist das Gewicht des agrarischen Sektors deshalb noch etwas grösser. Verglichen mit industrialisierten Regionen (etwa Ausserrhoden) war die Nebenerwerbslandwirtschaft allerdings unbedeutend. Die Prozentwerte werden umgekehrt natürlich geringer, wenn man die Berufsgliederung auf die Gesamtzahl der Bevölkerung bezieht (für AI ergibt sich dann 41 %, für OW 34 % landwirtschaftliche Bevölkerung). Zahlen (auch im folgenden) aus der in Anm. 1 genannten allgemeinen Literatur und den Ergebnissen der Volkszählung 1950, für AI ausführlichere Angaben bei Fuchs und Schmidli. Zu OW noch Furrer, 84ff.
14 OW P. R.; O. B.
15 Enq 30/31; 284, Schmidli, 89f.
16 Eigene Erinnerung (als Enkel eines Gemüsehändlers). Ein Hinweis auch bei Inauen R., Charesalb, 49.
17 Vgl. 2.7.
18 Zu dem Innerrhoden verschiedentlich attestierten «Hang zum Schönen» Dörig, 38.
19 Zumbühl, 51.
20 Vgl. dazu noch 9.5 und 9.6.
21 Ebd.
22 OW R. D.
23 Vgl. 9.2.
24 In OW hingegen gab es 1945 schon 40 Beamte. Dillier, 602f.
25 Vgl. dazu ausführlich Grosser; Garovi.
26 Schläpfer, 205ff.; Tanner.
27 Unter den Mitgliedern befanden sich, wie auch in AI, im Luzernischen oder im Oberwallis, besonders die wenigen Unternehmer, Hoteliers, Akademiker, Zugewanderte und Männer, die dem Katholizismus und dem Klerus gegenüber eine gewisse Distanz einnahmen. Die Liberalen fühlten sich aber ebenso als Katholiken wie ihre politischen Gegner, beschränkten allerdings bisweilen ihre Teilnahme an den religiösen Veranstaltungen auf das kirchlich vorgeschriebene Minimum und besuchten den Gottesdienst nicht zuletzt ihres sozialen Rufs wegen. Auf beiden Seiten soll es keine «Ultras» gegeben haben. Familientraditionen konnten bei der Parteiorientierung eine Rolle spielen, doch gab es auch viele Gegenbeispiele, und Heiraten zwischen konservativen und liberalen Partnern waren keineswegs ungewöhnlich.
28 In der Schweiz die jeweilige Gesamtheit der alteingesessenen Geschlechter einer Gemeinde, ohne die nach 1848 Zugezogenen. Vgl. zur Gemeindeautonomie und den verschiedenen Körperschaften in OW noch den Beitrag von Imfeld in Hugger, Handbuch, 531–541.
29 OW R. D.
30 Die von Weiss, 332, diagnostizierte Ablehnung des Staates in der ländlichen Bevölkerung, vor allem in der Innerschweiz, müsste man wohl etwas genauer auf den Bund beziehen, weniger auf den Kanton.
31 Ihre Funktionen wurden teilweise von den Bezirken übernommen, andere verblieben beim Kanton.
32 Deswegen gibt es auch nur das Bürgerrecht von Appenzell und Oberegg.
33 Zur Feuerschau vgl. Grosser, 402ff., 513f. Zu den Holzkorporationen Inauen J., Holzkorporationen; zu den Allmendkorporationen Fässler. Vgl. auch den Beitrag von Hürlemann in Hugger, Handbuch, 565–572.
34 Damals trat der jahrzehntelang die Partei führende und bestimmende Industrielle Beat Kölbener (1889–1948) zurück. Ihr Presseorgan, der «Anzeiger vom Alpstein», erschien dank dem Engagement ihres Druckers Jakober, eines Zugewanderten, in immer grösseren Abständen noch bis 1972.
35 Vgl. 2.3.
36 Schürmann nimmt in seiner bis ins 19. Jahrhundert reichenden Arbeit über AI eine im 18. Jahrhundert einsetzende starke Polarisierung der Bevölkerung an und bringt viele Indizien dazu bei. Ob diese Ungleichheit in späteren Zeiten wieder gemildert wurde, lässt sich mangels Datengrundlagen nicht entscheiden, ist aber wahrscheinlich. Vgl. zum ganzen Fragenkomplex noch Fässler.
37 Mit einem noch stärker diskriminierenden Begriff «Riedzattler» genannt (nach Manser Joe, 22: Zattli = unordentlicher Mensch). Vgl. zum Ried und den übrigen Korporationen für die Armen noch Fässler.
38 Die Geiger, Sutter, Fässler, Bischofberger, Rusch und Dähler.
39 Imf VV, 297; Imf Kerns, 39f. und 156. Das System existierte nicht nur in der Hauptkirche in Sarnen, sondern auch anderswo (Alpnach, Kerns). Für die «Chremmli» und sogar für die Ratsherrenstühle (die auch der Ehefrau einen besonderen Platz einräumten) musste eine Taxe bezahlt werden. In AI kannte man diese Einrichtung schon lange nicht mehr, bloss am Landgemeindegottesdienst waren für die Behörden mit rotem Tuch überzogene vordere Bankplätze reserviert. Einen speziellen Sitz besass dort nur der Kirchenpfleger. AI H. S.
40 OW hatte teil an sämtlichen Gemeinen Herrschaften, AI nur an einer, dem Rheintal, wo es wegen der Teilung des Landes nur alle 26 Jahre einen Landvogt stellen konnte.
41 Vgl. 10.1. In OW gab es mehrere protestantische Kirchen..
42 Zu den historisch gewachsenen kirchlichen Verhältnissen im Bistum St. Gallen und Kanton AI: Bischof; Huber; Stark; ders., Heimat; Wild. Für OW sei neben Garovi, 207ff., und Dillier, 634ff., vor allem auf die beiden grossen Werke von Imfeld verwiesen.
43 Vgl. dazu Grosser, Geschichte, 109ff. und 413ff.; Stark, 78ff.; Garovi, 208f. Dieser Zustand dauert bis heute an, obschon in der Vergangenheit vor allem in OW verschiedentlich Versuche zu einer Neuregelung unternommen wurden (vgl. etwa Dillier, 639f.; Imf Kerns, 227ff.). Vgl. zu den Rechtsverhältnissen in AI, anlässlich der Bischofswahl, noch HK 26. 1. und 23. 2. 1957. Der Kanton zahlte erst seit 1962 einen freiwilligen Beitrag von jährlich 6000 Franken an die bischöfliche Mensa.
44 Zahlen nach Status cleri. Die Obwaldner Geistlichen hat Omlin mit kurzen biografischen Angaben zusammengestellt; zu Kerns vgl. zusätzlich Imf Kerns.
45 Dies war übrigens auch im protestantischen Ausserrhoden der Fall. Schläpfer, 464ff.
46 In AI die Stosswallfahrt und die Fronleichnamsprozession, in OW das Bruder-Klaus-Fest, in beiden die Landeswallfahrt nach Einsiedeln.
47 In feierlicher Form jedoch erst seit 1954 auf Initiative des Pfarrers Wild.
48 Für das Sarner Frauenkloster, das von Engelberg hieher transferiert worden war, amtete der Abt von Engelberg als Schirmherr.
49 Stark, 169f; Enq Nachtrag 238a.
50 Nach dem Kirchenpatron, dem Heiligen Mauritius. Zu den Stiftmessen vgl. ausführlich 8.7.
51 Flüe. Zur Mädchenbildung in OW Furrer, 62ff.
52 Fritzsche, 167ff.
53 Zu den beiden letzteren noch Imf Kerns, 86ff.
54 Vgl. 9.2.
55 Mit der auf das 18. Jahrhundert zurückgehenden Heimindustrie identifizierten sich die meisten Ausserrhoder eher als mit den bäuerlichen Bräuchen, die zum Teil erst in neuerer Zeit und durch Anstösse von aussen bewusst gepflegt und als Attraktion herausgestellt wurden, mithin eher Folklorismus sind. Tanner; AR A. T.
56 Für das Entlebuch z. B. gibt Kaufmann, 46, noch für 1970 40 % landwirtschaftlich Tätige an.
57 Witzig, 92ff.
58 Zur inneralpinen Wirtschaft ausführlich Mathieu, vgl. ferner noch Witzig, 77ff.
59 Im Wallis gab es noch nach 1945 einige Dörfer ohne Zufahrtsstrassen für Motorfahrzeuge.
60 Zahlen bei Siegen Jos., 54.
61 Bellwald/Guzzi.
62 Kuonen.
63 In Graubünden war er nur im protestantischen Teil alt, im Deutschwallis etwa in Zermatt und im Saaser Tal.
64 Zur kirchlichen Lage im Tessin Macconi.
65 Antonietti; Siegen Joh.
66 Weiss, 107.
67 Kurz/Lerch; Bierbrauer.
68 Ming H., 246.
69 Bonstetten, bes. 61ff.
2
Sozialstruktur und Arbeitsorganisation der landwirtschaftlichen Bevölkerung
2.1
Zur Typologie der voralpinen Landwirtschaft
Zu den früher getroffenen allgemeinen Feststellungen zur spezifisch voralpinen Landwirtschaft1 sollen hier einige Ergänzungen gemacht werden, die dem Verständnis des Folgenden dienlich sind. Die Betriebsgrösse war in Innerrhoden wie in Obwalden ungefähr gleich klein, nämlich meistens um die 5 bis 10 Hektar (ohne Alpweiden).2 Eine bestimmte Obergrenze war gegeben, weil um 1945 praktisch sämtliche Arbeit noch ausschliesslich durch Familienmitglieder und von Hand erfolgte. Die Betriebe waren im Gegensatz zu denjenigen im inneralpinen Raum arrondiert und von zwei- oder dreilattigen Holzzäunen umgeben.3 Diese waren relativ arbeitsaufwendig und mussten immer wieder erneuert werden. Den einfacher zu verlegenden und haltbareren Stacheldraht verwendete man aber nicht so gern, weil sich die Tiere daran verletzen konnten und dann die Häute zur Lederherstellung nicht mehr viel galten. Der bereits seit 1943 von einer Ausserrhoder Firma (Lanker in Speicher) fabrizierte elektrische Viehhüter setzte sich dann später mit der allgemeinen Mechanisierung durch. Zum Land unmittelbar um Wohn- und Ökonomiegebäude gehörten nicht selten Heimweiden, etwas weiter entfernte Landstücke auf mittlerer Höhe.4 Die Alpen waren in Appenzell zur Hälfte privat, ein Viertel gehörte Korporationen, der Rest grösstenteils dem Staat.5 In Obwalden gehörten die Alpen zu 75 Prozent Korporationen, Genossenschaften und Teilsamen, nur ein kleiner Teil war privat.6 In Engelberg besass das Kloster etwa die Hälfte der Kuhrechte.7 Ansehnlicher Alpbesitz war ein grosser Vorteil, denn er ermöglichte es durch die breitere Futterbasis, im Tal mehr Kühe zu halten.
Der Betriebsgrösse entsprach der Bestand an Kühen, zwischen sechs bis zehn im Schnitt. Bauern mit 20 oder mehr Kühen galten als reiche Grossbauern. Wie wichtig die Rinderhaltung insgesamt war, belegen zwei Verhältniszahlen: In Obwalden kamen 1951 auf 1000 Einwohner 800 Stück Rindvieh, in Innerrhoden 836. Die Bedeutung der Rindviehhaltung zeigte sich ferner in folkloristischer Form an den festlich gestalteten Alpaufzügen und -abfahrten, im Kunsthandwerk (Bauernmalerei, Weissküferei, Accessoires der Sennentracht, Schellenriemen), sowie in den herbstlichen Viehschauen, die zu den Höhepunkten der bäuerlichen Festkultur gehörten.8 Die Verarbeitung der Milch unterlag schon vor dem Krieg grösseren Veränderungen.9 Die Eigenherstellung von Käse und Butter gab es in ausschliesslicher Form nur noch auf den Alpen. Der aus der Milch der Talbetriebe gewonnene Rahm wurde in Appenzell grösstenteils an die Butterzentrale Gossau geliefert, die übrig bleibende Magermilch verfüttert. Ebenso wurde der berühmte Appenzeller Käse zum grössten Teil nicht mehr in Innerrhoden selbst, sondern in den Nachbarkantonen hergestellt; die den Verkauf organisierende, 1942 gegründete Geschäftsstelle befand sich in St. Gallen. Aus Obwalden ging ein grosser Teil der Milch nach Luzern. Kälbermast und Aufzucht von Jungtieren, die dann exportiert wurden, waren angesichts der schon in der Zwischenkriegszeit ständig sinkenden Milchpreise für viele Bauern in beiden Kantonen eine ertragreiche Alternative. In Obwalden hatte der Viehhandel besonders in dem hoch gelegenen und daher von der Natur benachteiligten, aber verkehrsgünstigen Lungern grosse Bedeutung und war in diesem Ort eine wichtige Einnahmequelle. Einige dieser Händler aus Lungern wurden angesehene und reiche Mitglieder der bäuerlichen Gesellschaft.
Zu den Kühen kam vor allem in Appenzell eine zahlenmässig recht bedeutende Schweinehaltung, nicht nur für den Eigenverbrauch, sondern auch für den Markt.10 Das Schwein war der ideale Abfallverwerter, man konnte es mit der bei der Butterherstellung anfallenden Magermilch oder der beim Käsen übrig bleibenden Schotte (Molke), aber auch mit pflanzlichen Resten füttern. Geräuchertes Schweinefleisch bereicherte vielfach als einziges Fleisch die Sonntagsmahlzeiten der Bauern, und Schlachtschweine brachten wegen der hohen Preise gerade für diese Sorte Fleisch vielen Bauern willkommene Bargeldeinnahmen. Darauf und auf die weibliche Handstickerei bezog sich das etwas derbe, aber geflügelte Wort in Innerrhoden «D’ Fraue ond d’Saue ehaltids (erhalten) d’s Land».11 Demgegenüber wurde in Obwalden, wie bereits erwähnt, der Obstbau stärker gepflegt.
2.2
Die Familie als Grundlage des landwirtschaftlichen Betriebs
Die im Katholizismus gerade angesichts vieler Auflösungserscheinungen im 20. Jahrhundert bis heute hochgehaltenen Werte der Familie fanden im bäuerlichen Familienbetrieb des Voralpengebiets eine sozusagen ideale praktische Ausformung, und wäre der Pflegevater Jesu nicht ein Zimmermann, sondern ein Bauer gewesen, so hätte man jenen – abgesehen von der grösseren Kinderzahl – geradezu als Nachfolger der Heiligen Familie sehen können. Die bäuerliche Familie und ihre Arbeit wurde denn auch von den kirchlichen Repräsentanten immer wieder als vorbildhaft gepredigt.
Sowohl die durchschnittliche Grösse und der Viehbestand der bäuerlichen Betriebe wie der daraus resultierende Arbeitsanfall waren auf eine Familie mit mehreren Kindern zugeschnitten. Wie überall in der bäuerlichen Welt gab es eine geschlechtliche Arbeitsteilung. Dabei lastete besonders in Appenzell, etwas weniger ausgeprägt in Obwalden, infolge der verbreiteten weiblichen Heimarbeit die Landwirtschaft zum grösseren Teil auf den Männern. Die Stallarbeit mit den Kühen, die allein die meiste Zeit des Tagespensums beanspruchte, war klar Sache des Mannes.12 Die Ehefrau wurde nur ausnahmsweise zu Hilfsarbeiten im Stall beigezogen, etwa beim Kälbertränken oder überhaupt beim Viehtränken (besonders im Winter), zum Reinigen der Milchgeschirre, beim Kalben oder Putzen. Sie hatte für die gesamte Stallarbeit einzuspringen, wenn der Mann krank, verunglückt oder unvermeidlich abwesend war. Aber viele Frauen beherrschten die entsprechenden Arbeitsgänge gar nicht oder nicht ausreichend und mussten sie daher etwa durch einen älteren Sohn, Nachbarn, Verwandten oder Bekannten erledigen lassen. In Appenzell hielten sich die Frauen generell gerne von gröberen Arbeiten fern, denn sie fürchteten, ihre Hände würden dadurch die feine Stickarbeit nicht mehr bewältigen können.13 Zwei eher kritisch eingestellte Interviewpartnerinnen dort meinten sogar, die Frauen sollten diese Arbeiten, insbesondere das Melken, gar nicht erlernen, denn sonst würden nur ihre Ehemänner häufiger wegbleiben und dabei denken, die Frau könne ja diese Arbeit auch noch besorgen.14 Erledigte die Frau allzu viele männlich konnotierte Arbeiten, so konnte dies in der Tat eher sozial stigmatisierend wirken: Der Mann galt dann als Faulenzer. Häufig aber versorgten die Frauen die Schweine und ausschliesslich die Hühner. In Obwalden kam die Gartenarbeit samt der Konservierung der anfallenden Produkte hinzu. Dass den Frauen praktisch alle Hausarbeit übertragen wurde, war auch in nichtbäuerlichen Kreisen eine Selbstverständlichkeit. Ausserhalb des Hauses hingegen war die Arbeit auf den Wiesen und Weiden wiederum primär Sache des Mannes. Düngen, Bodenpflege, Mähen und Einnehmen des Grases, Zäunen und Weidgang waren die wichtigsten Obliegenheiten. Nur bei den zum schnellen Trocknen des Heus notwendigen Arbeiten wurden weitere Familienangehörige und eventuell fremde Helfer beschäftigt. Gemischtgeschlechtlich organisiert war, bei Einrechnung der vielen nachgelagerten Verarbeitungsschritte, auch die Obsternte. Auf den Alpen arbeiteten, anders als im inneralpinen Raum oder auch in Tirol und Bayern, nur Männer. Ihnen oblagen ferner die «Aussenbeziehungen», insbesondere der Gang auf den Markt.
Bereits Richard Weiss hat am Beispiel zweier Berggebiete auf einen ganz markanten Unterschied zwischen den beiden Hauptkonfessionen hingewiesen, nämlich auf die Kinderzahl. Während im protestantischen Safiental schon um 1910 die Zweikinderfamilie die Regel bildete, waren im benachbarten katholischen Lugnez Familien mit zwölf und mehr Kindern keine Seltenheit.15 Noch 1960 waren dort über 40 Prozent der Talbewohner weniger als 19 Jahre alt, gegenüber gut 30 Prozent in ganz Graubünden, beziehungsweise in der Schweiz.16 Der Strukturatlas der Schweiz zeigt allgemein auf, dass bis gegen 1960 die höchsten Geburtenzahlen in den katholischen Landgebieten lagen.17 Sehr viele Interviewpartner sowohl in Appenzell wie in Obwalden, insbesondere in Engelberg, wussten, wenn sie nicht selber aus kinderreichen Familien stammten, wenigstens in der Elterngeneration von solchen mit acht und mehr Kindern zu erzählen.18 Die Höchstzahl lag bei 17–18 Kindern. Dieses demografische Modell war schon im 17. und 18. Jahrhundert wirksam. Die Protestanten begannen damals mit der Geburtenkontrolle, während für die Katholiken ein hoher Bevölkerungsumsatz typisch war.19
Der Grund für diese Ziffern liegt natürlich in der fehlenden, den Eheleuten unbekannten und kirchlich verbotenen Geburtenkontrolle, worauf an anderer Stelle noch einzugehen sein wird.20 Gemäss der damals geltenden katholischen Lehre sollte Sexualität nicht nur ausschliesslich eine Sache zwischen Eheleuten sein, sondern in erster Linie der Zeugung von Nachkommen dienen. Eine hohe Zahl von Kindern sollten die Gläubigen nicht als Last, sondern als Gottesgeschenk betrachten. Die Kirche wertete dieses Verhalten – aus durchsichtigen Gründen, weil sich so die Zahl ihrer Mitglieder von selbst vermehrte – positiv; in Appenzell drückte einmal Bischof Meile bei der Firmung dem Vater einer 13-köpfigen Kinderschar persönlich die Hand, nachdem ihn der Pfarrer darauf aufmerksam gemacht hatte.21 Zur Arbeit in der Landwirtschaft war eine hohe Kinderzahl allerdings bis zu gewissen Grenzen hilfreich, denn Kinderarbeit im bäuerlichen Betrieb wurde als selbstverständlich betrachtet und bloss zwei Kinder wären dazu etwas wenig gewesen. Für die Knaben diente die Arbeit im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb der Einübung aller notwendigen Fertigkeiten, diesen oder einen anderen Hof später übernehmen und selbständig führen zu können, denn landwirtschaftliche Schulen wurden noch kaum besucht.22 Für die Töchter galt dasselbe in Bezug auf die Hausarbeiten; dazu konnten sie gewisse Vorarbeiten für das Sticken durchführen. Beim Heuen mussten die Kinder beider Geschlechter mithelfen. Auch das Hüten und Treiben des Viehs konnte ihnen anvertraut werden, wenn auch diese Tätigkeit in unserem Untersuchungsgebiet weniger wichtig war als im inner- und südalpinen Raum.23 Waren die Knaben etwas älter, so konnten sie den Vater teilweise oder ganz bei der Stallarbeit vertreten. Auch in Alpbetrieben wurden Knaben in den langen Schulferien als sogenannte Handbuben für Hilfsarbeiten eingesetzt; für viele war das trotz den Anstrengungen die schönste Zeit des Jahres. Litt ein Verwandter oder ein Nachbar Mangel an Arbeitskräften, so wurden bei zahlreich vorhandenen eigenen Kindern einige davon gerne tageweise oder auch länger als Arbeitskräfte «ausgeliehen». Auch hier wurde von diesen die Abwechslung meist geschätzt, und die Eltern hatten einen Esser weniger am Tisch. Die Aussagen mehrerer älterer Leute zeigen, dass man die landwirtschaftliche Kinderarbeit generell nicht negativ bewerten sollte: Die Freude an den Tieren und das Leben im Freien, der Stolz auf ein gelungenes Werk und das Bewusstsein, Verantwortung übernehmen zu können, kompensierten die dazu notwendigen Anstrengungen. Für viele Kinder war es sicherlich attraktiver, in der freien Natur zu arbeiten als in der Schulbank still sitzen und ein von der Lebensrealität manchmal etwas entferntes Lernprogramm absolvieren zu müssen. Sehr viel hing allerdings davon ab, ob die Eltern bei der bäuerlichen Arbeit geschickt und liebevoll mit den Kindern umzugehen verstanden.
Das Urteil, der Appenzeller Bauer liebe seine Kühe mehr als seine Kinder, findet sich zum erstenmal gegen Ende des 18. Jahrhunderts beim Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel und wurde dann zu einem bis ins 20. Jahrhundert weitergeschleppten Topos.24 An seinem Ausspruch ist wahr, dass dem Viehbauern, wie überall auf der Welt, seine Herde zweifelsohne viel galt. Sie war ihm nicht nur Lebensund Nahrungsgrundlage, sondern stellte seinen eigentlichen Reichtum dar, sie war Anlass zu Besitzerstolz und verschaffte ihm bei sorgfältiger Pflege soziale Reputation. Auch überliessen wie allüberall die Männer die allgemeine Erziehung ihrer Kinder zur Hauptsache ihren Ehefrauen. Den aufgeklärten Ebel aber dürfte wie die zum selben Urteil gekommenen Pfarrherren des 20. Jahrhunderts der Umstand etwas irritiert haben, dass die Eltern die Erziehung ihrer Kinder eher lässig nahmen, die Schulpflicht nicht selten als bloss notwendiges Übel betrachteten und demgegenüber den Wert der bäuerlichen Arbeit betonten, aber auch den Heranwachsenden, zum Ausgleich von der teilweise strengen Arbeit, die nötigen Freiräume zur Erholung einräumten. Darauf wird im Zusammenhang mit der Geltung der moralischen Normen noch einzugehen sein.25
Aus dem Gesagten wird klar, dass Dienstboten in der voralpinen Landwirtschaft im Gegensatz zu den typischen Ackerbaugebieten des schweizerischen Mittellandes eine Randerscheinung blieben. Der Prozentsatz der in den Betrieben arbeitenden Familienangehörigen betrug 1929 in Obwalden 85 bis 90 Prozent, in Appenzell 90 bis 95 Prozent.26 Weibliche ländliche Dienstboten waren eine Seltenheit, Knechte gab es in begrenztem Ausmass (meist 1–2) in den grösseren Betrieben. Solche Hilfskräfte mussten vorübergehend auch eingestellt werden, wenn etwa der Familienvater plötzlich verstarb oder arbeitsunfähig wurde und noch kein Nachfolger bereit war. Auch während der Alpzeit mussten einige Bauern mit Privatalpen, aber ohne geeignete Familienangehörige, Angestellte beschäftigen, da sie ja nicht an zwei Orten gleichzeitig sein konnten. In Engelberg allerdings nahmen einige Älpler tägliche Wanderungen bergauf und bergab auf sich; auch Kinder wurden für den Milchtransport ins Tal eingesetzt. Erst mit der besseren Erschliessung und dem Auto war es unter günstigen Umständen möglich, dass eine Person die zwei räumlich getrennten Güter betreute.
2.3
Soziale Verhältnisse und Ungleichheit innerhalb der Bauernschaft
Schon aus den bisherigen Ausführungen dürfte hervorgegangen sein, dass die Bauernschaft in Innerrhoden und Obwalden eine relativ homogene war und es keine grossen sozialen Unterschiede gab, jedenfalls geringere als in den Ackerbaugebieten des Mittellandes. Dieser Meinung waren auch praktisch alle Interviewpartner, wobei viele nicht von einer bäuerlichen Mittelschicht sprachen, sondern meinten, es seien eigentlich fast alle gleich arm gewesen. Einige machten ferner darauf aufmerksam, dass der Schein auch trügen konnte: Von nach aussen hin reich scheinenden, gut gekleideten und spendablen Bauern mit grossen Gütern wusste man nicht, ob sie nicht daneben vielleicht auch grosse Schulden hatten.
Grossbauern mit wesentlich mehr Land, dazu schönen Alpen und merklich mehr (oder auch bloss schöneren) Kühen als im Durchschnitt gab es zweifellos, aber sie waren Ausnahmen. In Appenzell gab es 1969, also zu einer Zeit, wo sich der Trend zur Flächenvergrösserung bereits bemerkbar machte, nur 42 Betriebe mit über 20 Hektaren Land; das waren 3,6 Prozent aller Betriebe.27 In Engelberg wurden von den Interviewten einige wenige Grossbauern in der Talebene genannt; dasselbe galt offenbar auch für die Sarner Ebene. Solche Güter waren gelegentlich durch eiserne Sparsamkeit oder glückliche Erbschaften zustandegekommen; bei mehreren Söhnen wurde dann aber der eventuell mehrere Liegenschaften umfassende Betrieb meist wieder aufgeteilt und somit auf das Normalmass zurückgeführt. Oder die Grossgüter gehörten reichen Viehhändlern,28 welche mit ihrer Tätigkeit ansehnliche Gewinne gemacht hatten und damit andere Liegenschaften von tief verschuldeten Bauern aufkaufen konnten. Diese reichen Bauern waren schon von der Grösse ihrer Betriebe her auf Dienstboten angewiesen.29 Sie verfügten häufig über Pferde, hatten eventuell sogar eine auswärtige landwirtschaftliche Schule besucht und waren daher innovativer, insbesondere schon in den 1940er-Jahren als Vorreiter der Mechanisierung.30 Sie trugen gute Kleider und ihre Frauen hatten eine teure Tracht. In Obwalden verfügten sie wohl auch über ein «Chremmli», einen eigenen Sitz in der Kirche, und konnten sich vor dem Kirchgang beim Coiffeur rasieren lassen. Im Gasthaus konnten sie sich Fleisch und Wein leisten, und gelegentlich lag auch eine Reise drin. Sie trugen aber auch finanziell zum Kirchenprunk bei, und ebenso erwartete man von ihnen eine freiwillige Mitbeteiligung an den sozialen Lasten, denn sonst hätten sie sich des Geizes, bekanntlich eine Todsünde, schuldig gemacht. Vor allem aber repräsentierte diese Schicht auf der politischen Ebene die Bauernschaft, als Gemeinde- oder Bezirksräte oder sogar als Präsidenten, als Vorsteher anderer Körperschaften (Kirchgemeinde, Kommissionen, Korporationen, landwirtschaftliche Vereine usw.), bis hin zur kantonalen Ebene, zuletzt in der Regierung, namentlich im Landwirtschaftsdepartement.31 Daneben aber gelang in den Landsgemeindekantonen nicht selten auch einem «Kleinen» der Aufstieg in offizielle Ämter.
Unbestritten bleibt jedoch, dass es am anderen Ende des sozialen Spektrums arme Leute gab. Ihr Prozentsatz ist schwierig abzuschätzen, war aber sicher grösser als derjenige der Reichen. Doch waren diese Leute nicht in erster Linie unter den Bauern zu finden und wenn schon, dann eher bei den Nebenerwerbslandwirten, vor allem aber bei der dörflichen Unterschicht der einfachen Arbeiter oder Ungelernten. Der Grossteil der Bauern führte eine Existenz im mittleren Einkommenssegment: «Es reichte gerade: genug zum Leben, aber keinen Luxus», so oder ähnlich lautete die Antwort der meisten Interviewten zur Frage der Auskömmlichkeit. Die Aussage entsprach ziemlich genau den damals auf dem Lande noch einigermassen verbindlichen Idealen der christlichen Lehre, die Genügsamkeit predigte und das Ansammeln von Reichtümern verurteilte. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Definition der Armut in den letzten 50 Jahren massiv verschoben hat, darf man im Rückblick die zitierte Feststellung so interpretieren, dass damit die Lebensverhältnisse einer breiten Schicht umschrieben wurden, die sich selber vermutlich nicht als arm fühlte, aber heute, gemessen an unserem gewohnten Lebensstandard und aufgrund der amtlichen Kriterien für Armut, sicher zu dieser Kategorie gezählt würde. Soziale Gleichheit gehörte nicht zu den unbedingt erstrebenswerten Gütern dieser ländlichen Gesellschaft, jene predigten nur die Sozialisten in den Städten und praktizierten die Kommunisten im Osten, mit furchtbaren Folgen. Die «Roten» waren ja in der Nachkriegszeit der ideologische Gegner Nummer eins, wie Geistlichkeit und konservative Politiker bei jeder Gelegenheit hervorhoben.
Die Landwirtschaft bot ihren Beschäftigten in jedem Fall eine minimale Subsistenzbasis, die, wenn nicht gerade zehn und mehr Kinder am Tisch sassen, wenigstens knapp zum Leben ausreichte. Vor allem von den Obwaldnern wurde betont, dass zwar viele bäuerliche Haushalte (relativ) arm gewesen seien, aber trotzdem nie Hunger gelitten hätten. Die dort übliche Selbstversorgung mit Kartoffeln, Gemüse und Obst trug wesentlich zu dieser vergleichsweise günstigen Situation bei. Die ärmeren Appenzeller Familien waren hier schlechter dran, denn sie mussten praktisch alle Lebensmittel, ausser den tierischen Produkten, zukaufen. Gerade Bargeld war aber in solchen Haushalten rar, kam allenfalls von Nebenverdiensten. Deswegen hatte hier auch die Stickerei der Frauen eine viel grössere existenzielle Bedeutung als die Heimarbeit in Obwalden. Sie war notwendiger Teil des Familieneinkommens, nicht bloss Zustupf. Dass diese ländliche Mittelschicht auf vieles verzichten musste, war selbstverständlich – dieser Verzicht wurde aber nicht als Armutsmerkmal betrachtet. Man hatte in vielen Fällen wenigstens die Wahl, wo man sparen und was man sich als «Luxus» trotzdem leisten wollte: beim Essen und Trinken, beim Heizen oder der Wohnungseinrichtung, bei der Bekleidung oder beim Reisen.32 Gelegentlich wurden spezielle Begrenzungsstrategien angewandt: Das Milchgeld, das Einkommen aus dem Verkauf von bestimmten Produkten (Obst, Eier) oder der Lohn der Frau und so weiter mussten bestimmte Ausgabeposten ohne andere geldliche Zuflüsse abdecken. In sehr vielen Fällen waren notwendige Einschränkungen auch nur vorübergehend: Der Bauer hatte kein fixes Einkommen, für ihn war selbstverständlich, dass es gute und schlechte Jahre gab, die Ernten und Viehpreise schwankten und dass dementsprechend die Einkünfte unterschiedlich waren.
Die tatsächliche Armut, also ein Zustand, wo eine Familie wirklich zeitweise Hunger litt und die Frauen kaum wussten, womit sie am nächsten Tag Brot kaufen oder den Kochtopf füllen sollten, wo die Kleidungsstücke vor allem Löcher hatten und die Kinder einen grossen Teil des Jahres barfuss gingen, die Wohnräume erbärmlich ausgestattet und im Winter eher kalt waren, wurde verschieden bewertet. Die Kinderzahl spielte bei solchen Zuständen zweifellos eine entscheidende Rolle. Aber dieses Thema war tabuisiert und wurde von den meisten als unabänderliches Schicksal hingenommen. Es gab Arme, deren Notlage man als selbstverschuldet betrachtete – etwa bei Trinkervätern und anderen unordentlichen Verhältnissen – und die deshalb wenig Erbarmen, sondern im Gegenteil Verachtung hervorriefen. Umgekehrt stiess unverschuldete Armut auf Mitleid und Hilfsbereitschaft in verschiedenen Formen. Solche Fälle waren infolge mangelnden Versicherungsschutzes vor allem für Personen damals nicht selten.33 Längere oder komplizierte Krankheiten sowie Unfälle mit nachfolgender teilweiser oder gänzlicher Arbeitsunfähigkeit konnten eine Familie an den Rand der Existenz bringen. Besonders schlimm war der Verlust eines Elternteils durch unerwarteten Tod. Wenn, aus welchen Gründen auch immer, keine Wiederverheiratung des überlebenden Ehepartners erfolgte, so wurden die Kinder, wenn nicht Verwandte oder die Paten sich ihrer annahmen, ins Waisenhaus gegeben. In Obwalden gab es mehrere davon. Im zentralen appenzellischen Waisenhaus «auf der Steig» waren 1948 noch rund 100 Kinder untergebracht.34 In diesen Häusern erhielten sie von Ordensschwestern eine strenge und oft lieblose Erziehung, besuchten aber im Übrigen die reguläre Dorfschule. Das im Mittelland früher übliche Verdingkindersystem kannte man dagegen in unserem Untersuchungsgebiet kaum. Männliche Waisen wurden allerdings häufig Bauernknechte.
Nachdem die wesentliche Ursache struktureller Armut, nämlich die hohe Kinderzahl, nicht hinterfragt werden konnte und durfte, waren die Kirche und ihre Repräsentanten ebenso wie die einfachen Gläubigen gefordert, die in der Bibel vorgezeichnete Karitas zu üben. Diese war im katholischen Raum sehr ausgebaut. Es gab neben der staatlichen und gemeindlichen Armenpflege und neutralen Organisationen (Winterhilfe usw.) auch kirchliche Institutionen, welche sich der Fürsorge der Armen widmeten. In Appenzell etwa half ihnen der Vincentiusverein mit Sach- und Geldspenden. So konnten sie zum Beispiel bei einem Bäcker einen Monat lag unentgeltlich Brot beziehen oder bekamen einen Sack Kartoffeln.35 Andere Vereine machten dort alljährlich Weihnachtsbescherungen für die Kinder armer Familien. In Obwalden existierten alte Spendstiftungen und das «Elisabethengeld» für Arme.36 Wie auch anderswo, gab es beiderorts in jeder katholischen Kirche einen speziellen, dem Antonius von Padua gewidmeten Opferstock. In diesen warf man vor allem Geld, wenn man einen Gegenstand verloren hatte und den mit Hilfe des Heiligen wieder zu finden hoffte. Die Erträgnisse gingen an die Armen. Ferner gab es sonntägliche Kirchenopfer zu deren Gunsten. Eine in der ganzen katholischen Welt bekannte und bis in die 1960er-Jahre noch viel benutzte Einrichtung war ferner die Klostersuppe. Es gab sie in den beiden Kapuzinerklöstern von Appenzell und Sarnen, ebenso in den beiden dort ansässigen Frauenklöstern sowie im Stift Engelberg. Die nicht allzu weit entfernt wohnenden Dorfarmen konnten sie dort mittags in einem besonderen Stübchen einnehmen oder sogar in einem Kesselchen nach Hause tragen37 und hatten damit wenigstens eine warme Mahlzeit im Tag. Es war ferner üblich, dass die Armen an die Türen der Pfarrhäuser klopften, um eine Gabe zu erbitten. Das Verhalten der geistlichen Herren dabei wird von den befragten Leuten unterschiedlich geschildert: Es gab neben zugeknöpften, ja geizigen, auch solche, die trotz ihrer damals nicht seltenen geringen Entlohnung sehr mildtätig waren, ja in Ausnahmefällen die Bettelleute sogar zu Tisch luden.38 Ein solches Verhalten konnte selbstverständlich von «Berufsbettlern» auch missbraucht werden und dann auf die Dauer lästig, ja fast erpresserisch werden. Dreiste Bettler wie in früheren Jahrhunderten gab es allerdings nur mehr selten; die meisten schämten sich ihres Zustands. Bei grossen und katastrophalen Unglücken, die sogar mehrere Familien betrafen, wurden, wie anderswo auch, spezielle Aktionen in Gang gesetzt, um den Betroffenen zu helfen.
2.4
Soziale Beziehungen, Konkurrenz und Solidarität
Die oft beschriebene typische Streusiedlung im Appenzellischen – etwas weniger ausgeprägt in Obwalden und den übrigen nordalpinen Landschaften – mit ihren arrondierten und eingezäunten «Heimaten» hat einige auswärtige Beobachter zur Vermutung veranlasst, wir hätten es hier mit einer Gesellschaft von ausgeprägten Individualisten zu tun. «Hochburg des Eigenwillens» titelte Fritz René Allemann seinen Beitrag über den Kanton.39 Wollte man aber andererseits in den 1940er- und 50er-Jahren am späten Mittwochmorgen die Hauptgasse des Dorfes Appenzell queren, so kam man kaum über die Strasse und hätte, wie der Volksmund sagte, «auf den Köpfen gehen müssen». So dicht standen die Bauern jeweils dort zusammen. Individualismus und Gemeinsinn schlossen einander also nicht aus.
Die Frage nach der Solidarität wurde von den Interviewpartnern nicht selten etwas ausweichend beantwortet: Wer schon hätte unsolidarisches Verhalten und Konkurrenzdenken, erst recht dauernden Zank und Hader zugeben wollen, sei es auch nur bei anderen Mitmenschen?40 Ein derartiges Verhalten wäre Sünde und direkt gegen das christliche Liebesgebot gewesen. Auf den bestehenden, aber nicht in jedem Fall konfliktträchtigen Gegensatz zwischen der Mittelschicht und den wenigen Grossbauern wurde schon hingewiesen. Zu Konkurrenzdenken konnte vieles Anlass geben: Wer hatte die ansehnlichsten Häuser und Ställe, den grössten Landbesitz, die fettesten Alpen, die schönsten Kühe, die am reichsten geschmückte Sennentracht (im Appenzellischen)? Doch derlei dürfte allgemein verbreitet sein, fand nur in der Bauernschaft des Voralpengebiets seine spezifische Ausprägung. Gelegentlich wurde darauf hingewiesen, die Solidarität sei früher grösser gewesen als heute – eine Feststellung, die für den Kenner der gegenwärtigen agrarischen Welt wohl keines Kommentars bedarf. In der Tat war wie in anderen Gesellschaften die bäuerliche Nachbarschaftshilfe in Problemsituationen (Zeitbedrängnis beim Heuen, Unwetterschäden, Unglücksfälle usw.) früher selbstverständlich – sich abseits haltende Aussenseiter wären da noch mehr an den Pranger gestellt worden. Andererseits gab es natürlich immer wieder Schwierigkeiten beim alltäglichen Zusammenleben. Anlass zu letztlich nicht selten beim Richter endenden Auseinandersetzungen gaben etwa umstrittene Quellen- und Wegrechte.41 Jahrzehntelange Familienfehden wurden in den Gesprächen nicht erwähnt. Sie sind nicht auszuschliessen, waren aber in den Bergen aus nachvollziehbaren Gründen mutmasslich seltener als im Tiefland.
Während der Arbeit gab es im Allgemeinen wenig zwischenmenschliche Begegnungen bei den Bauern, abgesehen etwa von den unmittelbaren Nachbarn und dem Zusammentreffen bei der täglichen Milchablieferung.42 Die wichtigste Kommunikationsmöglichkeit waren der sonntägliche Kirchgang und andere kirchliche Veranstaltungen, worauf noch einzugehen sein wird.43 In Appenzell gab es ausserdem allwöchentlich den eingangs erwähnten Mittwochsmarkt, der wegen seiner Singularität44 etwas näher betrachtet werden soll, vor allem auch, weil hier neben der geschäftlichen und kommunikativen Funktion auch die barocke Komponente der Musse zum Zuge kommt: Der Mittwoch wurde nämlich auch «Bauernsonntag» genannt. Nach Erledigung der morgendlichen Stallarbeit machten sich an diesem Tag die meisten Innerrhoder Bauern zu Fuss, allenfalls mit dem Fahrrad, auf den Weg ins Dorf.45 Sie trugen ein Stoffsäcklein («Reissäckli») mit sich, in welchem sie für den Rückweg ihre Einkäufe verstauten.46 Der Markt war zunächst Viehmarkt – wer also ein Tier zu verkaufen hatte, nahm die vierbeinige Ware mit sich. Man besorgte Einkäufe, in erster Linie Lebensmittel (die ja im Appenzellischen abgesehen von den tierischen kaum selber erzeugt wurden), aber auch etwa Tabak, Eisen- und Lederwaren und dergleichen. Mit den Erlösen aus Verkäufen zahlte man fällige Rechnungen und Bankzinsen bar. Man besorgte amtliche Geschäfte und holte notwendige Informationen (insbesondere die aktuellen Marktpreise) ein. Vor allem aber wurde die Gelegenheit wahrgenommen, Alles und Jedes, mit wem auch immer, zu besprechen. Diese Kommunikation fand im Freien statt – eben in der Hauptgasse (was bedeutete, dass dort mindestens für Autos kaum mehr ein Durchkommen war), auf den Marktplätzen oder aber in den bei dieser Gelegenheit ebenso randvollen Wirtschaften.47 Diese wurden zwingend bei einem grösseren Handel aufgesucht,48 sonst je nach Einkommenslage oder aber auch nach Entfernung von zu Hause. Vermögendere assen dort eine der bekannten Appenzeller Würste und tranken Wein oder Bier, andere begnügten sich mit Suppe oder einem Kaffee mit Gebäck, viele kehrten gar nicht ein. Im Laufe des Nachmittags, nachdem vielleicht noch ein Jass49 geklopft worden war, traten dann die meisten wieder den Heimweg an, um rechtzeitig für die abendliche Stallarbeit bereit zu sein. Vereinzelte, die erst spät, nach ausgiebigem Jassen und durch allzu reichlichen Alkoholgenuss bisweilen eher schwankend ihr Heim erreichten, trafen auf allgemeine Verachtung und auf ein empörtes Eheweib.
Der «Bauernsonntag» hatte kompensatorische Funktion. Der eigentliche Sonntag war ja nie ganz frei, sondern die Besorgung des Stalls beanspruchte genau gleich viel Zeit wie an einem Werktag. Deswegen liess man am Mittwoch die Arbeit draussen etwas ruhen und nahm sich einige Stunden frei, teils für notwendige geschäftliche Dinge, aber auch einfach zum Vergnügen. Weniger wichtige Arbeiten zu Hause konnte man eventuell den Söhnen überlassen. Am Mittwoch wurde nicht geheiratet, und es fand auch kein Alpaufzug oder -abzug statt.50 Eine Ausnahme war die Zeit des Heuens und Emdens; diese Arbeit hatte selbstverständlich Priorität vor dem Markt. Der Mittwochsmarkt in seiner traditionellen Form fand in den 1960er-Jahren sein Ende. Die Forderungen des zunehmenden Autoverkehrs liessen die stundenlange Blockierung der Hauptgasse nicht mehr zu. Die Bauern konnten ihre Einkäufe und Geschäfte anderweitig besorgen, zuletzt zunehmend auch mit dem Auto. Viehhändler und Futterverkäufer kamen auf den Hof, Rechnungs- und Zinszahlungen wurden per Post erledigt und die Marktpreise jeweils im «Volksfreund» publiziert. Dazu hatte auch jeder Bauernhof jetzt ein Telefon.
Eine vergleichbare Einrichtung gab es in Obwalden nicht. Hauptgrund war vermutlich die weniger zentralisierte politische und geschäftliche Struktur. In Appenzell konzentrierte sich alles auf den Hauptort, während man in Obwalden vieles in der Gemeinde erledigen konnte und nur ausnahmsweise nach Sarnen musste. Selbstverständlich gab es hier wie auch in Appenzell und überhaupt in der ganzen ländlichen Schweiz die grösseren saisonalen Jahrmärkte, besonders im Herbst.51 Sie dienten nicht nur dem Viehhandel, sondern boten durch die vielen Stände der wandernden Krämer auch ein grosses Warenangebot, für die Leute selbst wie für ihre bäuerliche Tätigkeit. In der Zwischenzeit kamen Viehhändler und Metzger in Obwalden selbst auf die Höfe, Einkäufe von Lebensmitteln, besonders Brot, konnten Frauen oder Kinder in der Nähe besorgen. Die sozialen Kontakte fanden hier mehr am Sonntag oder unter der Woche bei der Milcheinlieferung, beziehungsweise in den Wirtschaften statt, die besonders bei Schlechtwetter auch an Werktagen besucht wurden.
2.5
Die Einteilung des bäuerlichen Arbeitstages
Die bäuerliche Arbeit im Gebiet der reinen Milchwirtschaft und Viehzucht ist von Ferdinand Fuchs am Beispiel Innerrhodens im Tages- und Jahresablauf in allen Aspekten ausführlich beschrieben worden.52 Seine Feststellungen dürften im Wesentlichen für das ganze schweizerische Voralpengebiet verallgemeinerbar sein, abgesehen von wenig wichtigen Einzelheiten. Die Techniken der Viehbesorgung und Milchgewinnung unterschieden sich ja nicht grundsätzlich. Aus diesem Grund können wir uns hier auf eine summarische Darstellung jener Sachverhalte beschränken, die für die nachfolgenden Fragestellungen wichtig sind. In erster Linie interessiert das Verhältnis zur Zeit.
Eine grundlegende Bemerkung dazu wurde von mehreren Befragten gemacht: Obwohl die Tätigkeit streng und der Arbeitstag lang gewesen sei – eben wegen der praktisch ausschliesslichen Handarbeit –, hätten bei den Landwirten weniger Hetze und Druck als heutzutage geherrscht. Man habe es gemächlicher genommen und auch immer wieder für Pausen gesorgt. Letzteres ist ohne weiteres nachvollziehbar, denn anstrengende körperliche Arbeit rief von Zeit zu Zeit nach einem erholenden Ausgleich. In grösserem Masse ermöglichten diesen die früher noch zahlreicheren Feiertage und die Wallfahrten, auch wenn sie zumeist nicht in die arbeitsreichen Zeiten, sondern gemäss dem agro-liturgischen Kalender gerade umgekehrt in eher flaue fielen.53 Zwar nicht in unseren Untersuchungsgebieten, aber zum Beispiel im Luzernischen oder im Tirol, beendete man an Samstagen die Arbeit, abgesehen von der Tätigkeit im Stall, etwas früher.54 Waren viele Leute auf dem Hof, so liessen sich die verschiedenen Tätigkeiten auch besser verteilen und man konnte sie mit Ausnahme des Heuens geruhsamer angehen. Aber nicht nur sich selber, sondern auch den Tieren liess man mehr Zeit. So waren viele Appenzeller Bauern überzeugt, dass es der Gesundheit der Kühe zuträglich sei, wenn man beim Füttern langsam vorgehe. Sie verabreichten daher das Futter nicht auf einmal, sondern in kleinen Portionen, wodurch auch sie selber immer wieder Pausen hatten. Das ermöglichte ihnen zusätzlich, die Tiere genau zu beobachten und ihre Eigenheiten kennen zu lernen. Die Kuh war für sie noch ein Individuum und nicht einfach eine serienmässige Milchproduktionsmaschine.
Die Stallarbeit musste ausnahmslos jeden Tag erfolgen, auch an Sonn- und Feiertagen, wodurch sich verschiedentlich Kollisionen mit dem Gottesdienstbesuch und der Ausübung der Religion überhaupt ergeben konnten, auf die noch einzugehen sein wird.55 Im Winter beanspruchten die notwendigen Arbeitsgänge wie das Füttern, Tränken, Melken, Putzen der Tiere und des Stalles den allergrössten Teil des Arbeitstages. Er begann in Appenzell meist zwischen 5 und 6 Uhr und dauerte in der Regel bis etwa 10 Uhr morgens. Bauern, die später begannen, sehr langsam vorgingen oder allein eine grössere Zahl Tiere zu versorgen hatten, brauchten selbstverständlich länger, manchmal fast bis zum Mittag. In Obwalden begann man offenbar noch früher, war dann aber oft schon zwischen 8 und 9 Uhr fertig.56 Am Nachmittag fing man mit denselben Tätigkeiten überall zwischen 15.30 und 16 Uhr an, sie dauerten bis maximal 19 oder 20 Uhr. Zusammengenommen kam man damit im Schnitt bereits auf einen Acht- oder Neunstundentag. Im Sommer war die Arbeit um einiges kürzer. Die Kühe suchten ja ihr Futter jetzt selbst frisch auf der Weide, bloss das Rauslassen und Einholen der Tiere brauchte ein wenig Zeit. Im Winter war auch das Tränken umständlicher und bedurfte gelegentlich der Hilfe der Frau oder der Knaben: Es fand beim Brunnen vor dem Hause statt, die Tiere mussten folglich in die Kälte und den Schnee hinaus getrieben werden.57 Auf die speziellen Probleme, insbesondere den zusätzlichen Zeitaufwand, die sich ergaben, wenn die Kühe auf einem Vorsäss oder der Alp waren, ist hier nicht weiter einzugehen. Interessant ist aber ein Detail, das mehrere Befragte in Innerrhoden erwähnten. Am Abend schob man früher vor allem in jenen stark traditionellen Betrieben, welche die Milch noch ganz oder teilweise selber verarbeiteten, zwischen Füttern und Melken oft eine Pause von etwa ein bis anderthalb Stunden ein und melkte manchmal erst gegen 20 Uhr. Wenn man sich in der Zwischenzeit nicht anderen Arbeiten widmete, etwa der Butterherstellung, oder schon das Abendessen einnahm, so vertrieb man sich die Zeit, wenigstens im Winter, zusammen mit Nachbarn mit Jassen.58 Hier wurde also wiederum noch eine gewisse bäuerliche Musse gepflegt. Diese Gemütlichkeit hörte aber auf, als die Milchzentralen, welche nur eine begrenzte Zeit für die Einlieferung vorsahen, sich allgemein durchsetzten.59
2.6
Saisonalität, Arbeitsspitzen und -flauten
Der Anfall der landwirtschaftlichen Arbeit im Verlauf des Jahres war und ist ungleich, das Agrarjahr weist eine ausgesprochene Saisonalität auf. Dies ist noch ausgeprägter in den Ackerbauregionen zu beobachten, gilt im Grundsatz aber auch für unsere Gebiete, abgesehen davon, dass die Stallarbeit, wie vorstehend beschrieben, jeden Tag gleichmässig anfällt. Wie bewältigte man die Arbeitsspitzen zeitlich, was machte man, wenn es saisonal bedingt wenig Beschäftigung gab?
Die einzige ausgesprochene Arbeitsspitze im Grasbaugebiet stellt die Futterernte, das Heuen, dar. Sie fällt fast immer in den Juni. Ihr folgt etwas später eine zweite Ernte im Hochsommer, das Emden. Schliesslich kommt meist noch eine dritte, kleinere im Herbst hinzu. In dieser Jahreszeit, aber auch schon im Sommer, können sich ferner Arbeitsspitzen ergeben, wenn, wie in Obwalden, zusätzlich Obstbau betrieben wird: Die Früchte müssen geerntet, sortiert und in vielfältiger Form weiter verarbeitet und konserviert werden.
Die strenge Zeit des Heuens – für Details der Arbeitsvorgänge kann auf Fuchs verwiesen werden60 – begann mit Frühaufstehen, noch früher als für die Stallarbeit, nämlich in der ersten Morgendämmerung um 4 oder gar schon um 3.30 Uhr. Es war immerhin die Jahreszeit mit den längsten Tagen und daher früh hell. Das Schneiden des Grases war Männerarbeit, nachher gingen sie in den Stall. Für die weiteren Arbeiten der Trocknung (Worben, Wenden, Mahden machen, Heinzen aufschichten usw.), die wegen der nie sicher voraussehbaren Wetterlage möglichst rasch erfolgen musste, wurde die gesamte abkömmliche Familie eingesetzt: Frauen und Kinder, eventuell weitere Verwandte und Bekannte unter den Nichtbauern. Soweit nicht bereits Ferien waren, versäumten Bauernkinder dabei nicht ungern sogar die Schule, ein Verschulden, das damals vermutlich noch der häufigste Konfliktpunkt der Eltern mit den Lehrern war. Die Männer fanden sich nach Erledigung der Stallarbeit sofort wieder auf dem Feld ein. Unter dem hohen Arbeitsdruck versuchte man, bei den übrigen alltäglichen Tätigkeiten etwas Zeit einzusparen. Viele Bauern gingen in dieser Zeit bei der Stallarbeit etwas rascher und flüchtiger als sonst vor. Insbesondere unterliess man gerne das Putzen der Tiere. Auch im Hause liess man den alle Tage anfallenden Schmutz für einmal grösstenteils liegen und beschränkte sich beim Kochen noch mehr als sonst auf einfache Gerichte. Alle übrigen nicht unbedingt notwendigen Hausarbeiten verschob man auf kommende Schlechtwettertage. Selbst die täglichen Gebete wurden teilweise unterlassen und dem beruflich dafür zuständigen Personal, insbesondere Nonnen und Mönchen, zugeschoben. «Man lässt die Kapuziner beten» meinte ein Gewährsmann dazu.61 Auch der Sonntag musste bei ungünstiger Witterung für das Einbringen des Heus – dies wiederum grösstenteils Männerarbeit – herhalten. Auf die dazu notwendige kirchliche Dispens wird später noch eingegangen.62 Im Übrigen holte man an diesem Tag den an den Werktagen zu kurz gekommenen Schlaf nach. Konnte doch das Heuen einen Zwölf- bis Vierzehnstundentag bedeuten!
Zeiten mit wenig Arbeit waren einerseits die monatelange Winterruhe und andererseits die kürzeren relativ ruhigen Perioden in den übrigen drei Jahreszeiten, insbesondere während des Heranwachsens des Grases zwischen dem Düngen im Frühling und dem Heuen im Frühsommer. Irgendetwas gab es immer zu tun, sagten zwar einige Interviewpartner (vermutlich die besonders fleissigen). Im genannten Zeitraum zwischen den absolut notwendigen Tätigkeiten reparierte man insbesondere die Lattenzäune. Man nahm Bodenverbesserungen vor: Unkraut («Blacken») war zu beseitigen, die von den Kühen bei nassem Wetter in den Boden getretenen Löcher zu stopfen, kleinere Rutschungen nach ausgiebigem Regen wieder zu sichern, gegebenenfalls Steine zusammenzulesen.63 Besonders eifrige und sorgfältige Bauern suchten Unebenheiten auf ihren Bodenflächen zu beseitigen, sammelten trockene Kuhfladen zur gezielten Wiederverteilung und nahmen sogar grössere Dränierungen in Angriff. Es gab zwar Klauenschneider im Nebenberuf, viele Bauern besorgten diese regelmässig anfallende Arbeit an den Tieren aber auch selber. Einige kümmerten sich um entferntere Heimweiden oder gingen nach der Schneeschmelze für Ausbesserungs- und Vorarbeiten bereits kurz auf die Hochalpen. Obstbauern mussten sich der Schädlingsbekämpfung widmen.64 Im Herbst schnitt man Riedgras oder sammelte Laub für die Einstreue.
Die Winterruhe war, wie überall, den Arbeiten im Wald gewidmet. Im Appenzellischen begannen sie die Bauern gelegentlich bereits im Herbst, um nicht in der grössten Kälte draussen arbeiten zu müssen, und führten im hohen Winter nur noch die Transporte aus.65 Wenn man keinen eigenen Wald besass, so konnte man in den Korporationsund Staatsforsten Arbeit finden. Besonders für die Transporte zu den Verbrauchsstellen (Sägereien oder Brennholzaufbereitung) arbeitete man oft für andere Waldbesitzer. Etwas weniger Bedeutung als anderswo (besonders in den Inneralpen) hatte der mit Schlitten erfolgende winterliche Transport von Heu aus entfernter gelegenen Stadeln. Einmal wurde erwähnt, dass man darauf geachtet habe, dass die Kälber im Winter geboren wurden, wo man eher für sie Zeit hatte.66 Selbstverständlich konnte man auch im Haus etwas reparieren oder verbessern. Diese Tätigkeit wurde aber kaum erwähnt.67 Von einigen befragten Bauern in Innerrhoden wurde im Gegenteil die Winterruhe betont: Zwischen den beiden fixen Zeiten der Stallarbeit sass man einfach auf dem Sofa oder beim Ofen in der Wohnung, las ausgiebig Zeitung, rauchte die Pfeife, schaute zum Fenster hinaus oder jasste mit anderen. Auch hier kam also wieder die Mussekomponente zum Tragen. Nicht wenige Bauern allerdings suchten einen Nebenverdienst, ja waren darauf angewiesen. Diese Möglichkeiten sind nun im Folgenden zu prüfen.
2.7
Nebenerwerb der Männer und Heimarbeit der Frauen
Abgesehen von den reichen Grossbauern wäre es für die hauptberuflichen Landwirte – und nur von diesen ist hier die Rede – nahegelegen, vor allem in den ruhigeren Zeiten des agrarischen Jahres einen Nebenverdienst zu suchen, um die fast immer ziemlich knappe Bargeldkasse aufzubessern. Dem stellten sich allerdings einige Hindernisse in den Weg. Wie allgemein bekannt und auch von nicht wenigen Interviewpartnern betont, war der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften begrenzt; eine berufliche Zusatzausbildung für Bauernsöhne lag aber damals jenseits der Vorstellungen. Einige der zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten waren nur im Sommer möglich, womit sie aber unter Umständen mit der bäuerlichen Arbeit kollidierten. Zu denken ist beispielsweise an die notwendigen Säumerdienste zu den zahlreichen Bergwirtschaften im Alpstein.68 Auch als Handlanger auf dem Bau zu arbeiten war nur in der schönen Jahreszeit möglich. Diese Tätigkeit wurde aber ohnehin als sozial eher diskriminierend empfunden und wenn möglich vermieden;69 auch wurde bis in die 1950er-Jahre hinein allgemein recht wenig neu gebaut. Ziemlich beliebt war bei den Appenzeller Bauern auch noch einige Zeit nach dem Krieg das Torfstechen in den Moosen von Gonten und Eggerstanden; es konnte aber auch nur erfolgen, wenn der Boden nicht gefroren war. Andere mögliche Nebenverdienste fielen für die meisten mangels der dazu nötigen Hilfsmittel aus. Für grössere Transporte – an und für sich eine beliebte Nebenerwerbstätigkeit – brauchte man Pferde, welche aber Kleinbauern nicht besassen.70 Fremdes Vieh aus dem Unterland gegen eine entsprechende Entschädigung auf seiner Alp zu sömmern setzte eine bestimmte Grösse der Alpweiden voraus, die bei kleinen und mittleren Bauern nicht zu erwarten war.
Es gab aber auch mentale Hindernisse gegen Nebenverdiensttätigkeiten, welche offenbar in vielen Fällen den potentiellen materiellen Vorteil überwogen. «Man war nicht mehr ein Bauer, wenn man sonst noch arbeiten ging», so drückte sich ein Innerrhoder unmissverständlich aus.71 Eher schränke man seine Bedürfnisse ein. Auch das Vieh liess man nicht gern länger aus den Augen, es könne ihm ja während der Abwesenheit etwas passieren.72 Einige meinten, man hätte sowieso überhaupt keine Zeit gehabt für andere Arbeit. Dieses Argument war aber, wie wir gesehen haben, mindestens für den Winter etwas vorgeschoben. Welche Möglichkeiten hatte man effektiv in dieser Jahreszeit, ausser der Waldarbeit? In Obwalden nahmen Bauern nicht selten stundenweise einfache nachgelagerte Arbeiten im Holzgewerbe an, zu Hause mit dem Herstellen von Schindeln und anderen einfachen Artikeln aus Holz, dann in Sägereien und Zimmereien, eventuell in den Parkettfabriken und Schreinereien. In Engelberg konnte man Arbeit im Zusammenhang mit dem schon stark entwickelten Wintersport finden, bei Seilbahnen und Skiliften. Die Schneeräumung der Strassen wurde nicht selten von Bauern besorgt – allerdings wurden dazu meistens Pferde gebraucht. Auch sonst nahmen Bauern Arbeiten im Strassenunterhalt an73 – es waren dies zumindest Tätigkeiten an der frischen Luft. Es gab solche, die nebenher als Klauen- und Schweineschneider oder als Störmetzger zu einem Zusatzeinkommen kamen. Einige versuchten ihr Glück im Handel mit Kleinvieh. Kaum verbreitet war, wie männliche Heimarbeit überhaupt, in unserer Untersuchungsgegend das Schnitzen und Herstellen von feineren Holzartikeln (etwa Spielzeug).74 Und insgesamt waren, um es nochmals zu betonen, die Möglichkeiten zu einem Nebenerwerb sehr begrenzt.
Ganz anders verhielt es sich bei der weiblichen Heimarbeit, insbesondere der Handstickerei in Innerrhoden.75 Von den meisten Interviewten, Männern und Frauen, wurde sie als wichtig, ja absolut notwendig für das Familieneinkommen angesehen, nur vereinzelt als blosser Zusatzverdienst gewertet. Der Zwang zum Sticken ergab sich natürlich vor allem bei sehr kleinen Landwirtschaftsbetrieben, bei vielen Kindern oder nicht sehr fähigen Ehemännern. Die Löhne aus der im Allgemeinen schlecht bezahlten Arbeit wurden vor allem für den Kauf jener Lebensmittel verwendet, die man nicht selber produzierte. Die Handstickerei hatte zwar 1945 ihre Blütezeit längst hinter sich. Schon der Ausgang des Ersten Weltkriegs und dann die Weltwirtschaftskrise hatten massive Absatzeinbrüche gebracht, umso mehr als sich auch die Mode änderte. Um 1950 beobachtete man nochmals eine kurze Konjunktur; damals soll es noch 1500 Heimarbeiterinnen gegeben haben, weit mehr als die Hälfte aller Bauernfrauen.76 Nach 1955 folgte indes der endgültige Absturz. Es wurden keine Stickereikurse mehr durchgeführt, die Stickereizentrale, welche die Schutzmarken ausgab, 1970 geschlossen. Die teils ausgefeilten Techniken gingen verloren und Wiederbelebungsversuche jüngeren Datums haben eher folkloristischen Charakter. Teils gab man den ehemaligen Stickerinnen einfachere und noch schlechter bezahlte Arbeiten («Fädelen», Roulieren) für die Herstellung von Taschentüchern77 als Ersatz mit nach Hause.
Das Sticken der Frauen fand in der Stube statt und wurde mit künstlichem Licht mittels spezieller Beleuchterkugeln teils bis spät in die Nacht hinein betrieben.78 Die Töchter lernten das Metier bei der Mutter, ausserdem gab es Kurse mit Prüfungen. Diese Tätigkeit passte gut zur appenzellischen landwirtschaftlichen Ökonomie. Die meist kleinen Betriebe benötigten nicht zwei vollzeitliche Arbeitskräfte. Die Frauen wurden, wie oben erwähnt, in der Regel nur zu Hilfsarbeiten oder beim Heuen beigezogen. Auf gröbere Arbeiten sollten sie ohnehin verzichten, denn sonst wären ihre Hände zur feinen Stickarbeit nicht mehr fähig gewesen. Weil das Sticken Priorität hatte, kultivierten die allermeisten Frauen auch keinen eigenen Garten. Ebenso machte die Kochkunst der Bäuerinnen in Appenzell keine Höhenflüge, es musste rasch und einfach vor sich gehen. Nur die Religion setzte dem Arbeitseifer Grenzen. Messbesuche, Andachten, die brauchtümlichen Gebete (vor allem der Rosenkranz), der ausgedehnte Totenkult und Wallfahrten schufen Freiräume. Und selbstverständlich durfte an Sonn- und Feiertagen nicht gestickt werden.79 An Werktagen aber konnte, alle Tätigkeiten zusammengenommen, auch für die Frauen nicht selten ein Arbeitstag von 12 bis 14 Stunden resultieren. Indessen hatte das Sticken auch eine gesellschaftliche Komponente: Es wurde nämlich vielfach gemeinschaftlich ausgeführt, und man konnte sich dabei unterhalten, gewissermassen das weibliche Gegenstück zu den geschilderten männlichen Mussestunden.
In Obwalden war die Zusatzarbeit der Frauen weniger wichtig, weil sie ja eine grössere Rolle bei der Selbstversorgung mit Lebensmitteln spielten. Eine gewisse Parallele zur Stickerei stellte dort aber das «Hüetlen» dar.80 1892 hatte ein Auswärtiger in Sarnen einen Betrieb zur Herstellung von Strohhüten gegründet. Diese wurden zunächst von Frauen in Heimarbeit angefertigt. Später wurde die Herstellung weitgehend in der Fabrik konzentriert und mechanisiert. Frauen und auch Männer arbeiteten dort im Schichtbetrieb. Nach 1945 ging es auch hier bergab, ebenfalls unter dem Diktat der Mode. 1974 erfolgte die Schliessung des einst wichtigsten Industriebetriebes in Obwalden, der auf dem Höhepunkt in der Zwischenkriegszeit noch rund 600 Personen beschäftigt hatte und auch von den Interviewpartnern bei der Frage nach einem Nebenerwerb immer zuerst genannt wurde. Eine Heimarbeit der Frauen erfolgte sonst nur partiell, vorwiegend im Textilsektor. Im Zweiten Weltkrieg waren es häufig Militäraufträge, die dann nach dem Frieden natürlich wegfielen. Ziemlich verbreitet war die Störschneiderei. In Engelberg strickten Frauen Sportartikel.81 Dort und ebenso in Appenzell gab es für Frauen selbstverständlich auch Arbeitsplätze im Tourismus (Service in Gasthäusern, Arbeit in Hotels). Die Arbeit im Service wurde von der Geistlichkeit wegen der in ihren Augen moralischen Gefährdung kritisch betrachtet.82
Anmerkungen
1 Vgl. 1.3 und die dort erwähnte Literatur.
2 Durchschnittswerte sagen wenig aus, weil die Streuung gross ist und auch das Pachtland mitberücksichtigt werden müsste. Es gab auch Nebenerwerbsbetriebe von weniger als 1 ha.
3 Zur Zauntechnik noch Enq 365; Fuchs, 76f. (mit Abb.).
4 Dazu ausführlich Inauen J., Heimweiden.
5 Schmidli, 43ff. Vgl. zur Alpwirtschaft daneben noch Fuchs, 166ff.
6 Obwaldner Heimatbuch, 303ff.; Müller; Rohrer.
7 Hess. Zum Alpwesen im inneralpinen Raum Mathieu, 234ff. Im Berner Oberland existierten die verschiedenen Typen nebeneinander.
8 Dieser Kult um das Rindvieh war zweifellos in AI ausgeprägter als in OW. Zu den Viehschauen Fuchs M. Zur früher wichtigen Unterscheidung von Sennen und Heubauern, welche nur Vieh hielten, bzw. nur Heu produzierten, vgl. Inauen J., Heimweiden.
9 Allg. Moser/Brodbeck.
10 Dies war schon vor der in den 1960er-Jahren propagierten Politik der «inneren Aufstockung», welche auch anderswo eine massive Zunahme der Schweinebestände mit sich brachte, der Fall. Bereits 1951 überstieg in AI die Anzahl der Schweine diejenige der Rinder leicht, während sie in OW nur etwa die Hälfte betrug.
11 Zu meiner Jugendzeit noch viel erwähnt; zit. auch bei Fuchs, 133.
12 Dies gilt natürlich nur für die hauptberuflichen Landwirte, bei nebenberuflichen ergab sich von selbst eine wesentlich veränderte geschlechtliche Arbeitsteilung. Dasselbe gilt für die südalpinen Regionen durch die dort häufige saisonale Abwesenheit der Männer.
13 Auch die Bauernseelsorger warnten davor, die Frauen körperlich überzubeanspruchen. Wäspi, Bauernseelsorge, 266.
14 AI M. I.; M. W.
15 Weiss, 310.
16 Schmid, 45.
17 Fritzsche, 21f., 23f., 179.
18 Ein Beispiel mit 17 Kindern aus Engelberg bei Furrer, 34ff. Vgl. auch Witzig, 206 und 247.
19 Hersche, 214ff.
20 Vgl. 9.6.
21 AI M. W.
22 Vgl. 3.6.
23 Dies weil die Grundstücke im Talgebiet ja in aller Regel umzäunt waren.
24 Ebel, 149. Die Feststellung z. B. in PB Eggerstanden 1952 und PB Haslen 1956. Vgl. zum Topos Fuchs M., 16.
25 Vgl. 9.4 und 9.5.
26 Laur, 204. Noch etwas höher war der Anteil im Wallis, Tessin und Lugnez, etwas niedriger im Luzerner Hinterland. In den klassischen Korngebieten fiel er auf weniger als 80 %. 1950 betrug der Anteil der familienfremden Arbeitskräfte in AI 9 %. Schmidli, 40. Die statistischen Zahlen geben aber keinen Aufschluss darüber, wie gross dabei der Anteil der Verwandten, also immerhin «familiennaher» Personen, ist.
27 Fuchs, 26. Etwas grösser waren die Unterschiede in Ausserrhoden.
28 Früher auch Sennen.
29 Dabei konnte dies unter Umständen wegen der auszuzahlenden Löhne das gesamte Betriebsergebnis merklich schmälern, sodass unter dem Strich oft gar nicht viel mehr als bei Durchschnittsbetrieben herausschaute.
30 Vgl. 3.6.
31 Gerade diese Funktionen – für die man ja gewählt werden musste – könnten aber dazu geführt haben, dass man den höheren sozialen Rang nicht allzusehr herausstrich, um die Neidgefühle der weniger Glücklichen im Rahmen halten zu können. Ein mir in OW geschildertes Beispiel (M. W.), wo ein reicher Bauer in seinen Wäldern Arbeitende mit Wasser und trockenem Brot abspeiste, sich selber aber an den Speckseiten, die bei ihm reichlich im Kamin hingen, gütlich tat, dürfte vereinzelt sein.
32 Beim Essen konnte man vor allem auf Fleisch verzichten, beim Trinken auf Alkohol und den Wirtschaftsbesuch überhaupt. Bei den Kleidern und Schuhen schonte man die vorhandenen schöneren Stücke, indem man sie nur am Sonntag trug. Die in den Bäuernhäusern üblichen Kachelöfen heizten nur die Stube und eventuell angrenzende Räume mehr oder weniger; die Schlafräume profitierten in aller Regel nicht oder nur wenig von dieser Wärme. Möbel mussten ein Leben lang oder noch länger halten und wurden wie alle anderen Gegenstände meist erst ersetzt, wenn sie gar nicht mehr zu reparieren waren. Ein Fahrrad war kein Luxus, sondern vor allem für Nebenverdienende eine Notwendigkeit, um an den Arbeitsort zu gelangen. Ebenso waren Skier nicht ein unnötiges Sportgerät, sondern für Kinder aus abgelegenen Berghöfen die einzige Möglichkeit, im Winter mit einem vertretbaren Aufwand die Schule im Tal besuchen zu können. Als fast einzige weitere Reisen wurden Wallfahrten unternommen, wobei man bei entfernteren Zielen, besonders Einsiedeln, auch die Bahn nahm. Vgl. 5.5. Nicht als Luxus betrachtet wurde das Rauchen, auch wenn die «Lindauerli», die charakteristischen Deckelpfeifen der Appenzeller, oft kalt im Mund hingen. Ein Abonnement der Lokalzeitung oder ein Radio waren ebenfalls in den meisten Bauernfamilien vorhanden und in gewissem Masse auch notwendig (Wettervorhersage, amtliche Bekanntmachungen, landwirtschaftliche Marktmitteilungen usw.). Am ehesten erstaunt, dass offenbar nicht wenige Bauernhaushalte über ein Grammophon verfügten (vgl. dazu 9.5 zum Tanz).
33 Vgl. zur Versicherung noch 3.5.
34 Bräuninger, 606ff.
35 AI M. K.
36 Imf VV, 24f.; 190; Imf Kerns, 217f.
37 In Engelberg gab es dafür einen speziellen Ausdruck: «kööschä». Imf MW, 470.
38 AI V. N.
39 Allemann, 285.
40 Interessanterweise wurde entgegen dem eingangs erwähnten äusseren Anschein der Landschaft die Frage in OW eher negativ beantwortet: Von Egoisten, Einzelgängern, Konkurrenten war dort mehr die Rede.
41 Zu den Wegrechten noch Fuchs, 74.
42 Vgl. 3.4.
43 Vgl. 5.4, 6 und 7.3.
44 Mir ist kein weiteres vergleichbares Beispiel bekannt. Eine gewisse Parallele war mit Einschränkungen der Freitagsmarkt im ausserrhodischen Hauptort Herisau. Auch in der lokalen Literatur wurde der Appenzeller Markt noch kaum thematisiert, abgesehen von Inauen J., Heimweiden, 42ff. Sein Entstehen liegt im Dunkeln. Allg. zu den bäuerlichen Märkten Weiss, 123f.; zu OW Hugger, Handbuch, 536ff.
45 Wer keine grösseren Geschäfte zu erledigen hatte, ging oft auch erst nach dem Mittagessen, umgekehrt kehrten nicht allzu weit entfernt Wohnende schon vor diesem nach Hause zurück.
46 Bessere verfügten über einen Tuch- oder Lederrucksack.
47 Auch das Viehinspektorat befand sich in einer Wirtschaft nahe am Viehmarkt, der «Sonne».
48 Ein Trunk besiegelte das Geschäft; es war üblich, dass dabei der Käufer die Zeche übernahm.
49 Schweizerische Variante des bekannten Kartenspiels.
50 AI R. I. Der Mittwoch galt vielfach als Unglückstag, in AI war es jedoch eher der Freitag. ASV 2/141–143, Karten 271ff.; Zihlmann, 317.
51 Zu OW dazu Imf VV, 536ff.
52 Fuchs. Der Autor war gebürtiger Appenzeller und Kapuzinerpater und promovierte mit seiner Arbeit in Volkskunde. Erstaunlich ist, dass er mögliche Zusammenhänge mit der Religion – die in unserer Untersuchung im Vordergrund stehen – kaum je thematisierte. Könnte es sein, dass er sich gerade wegen seines geistlichen Status hier mehr als nötig zurückhielt? Viele Hinweise zur bäuerlichen Tätigkeit auch bei Inauen J., Heimweiden.
53 Zum agro-liturgischen Kalender ausführlich Hersche, 635ff und Abb. S. 350.
54 Dort läutete man zwischen 14 und 16 Uhr den Sonntag ein, was das Zeichen dafür war, die Arbeit nach und nach zu beenden. Altermatt, 271; Zihlmann, 151. Zum Tirol vgl. Wopfner II, 316; III, 24. In III, 92, bringt Wopfner sogar das Beispiel eines Gelöbnisses von Bauern, den Feierabend schon um 13 Uhr zu beginnen. Mit dem auch sonst verbreiteten Brauch hängt der Begriff «Sonnabend» für Samstag zusammen. Vgl. allg. HDA, Lemmata «Abendläuten», «Feierabend», «Samstag». Auch in protestantischen Gegenden war eine frühere Arbeitsniederlegung am Samstag gebräuchlich. BE H. W.
55 Vgl. bes. 6 und 7.1.
56 Die genannten Zeiten hängen natürlich sehr stark von der Anzahl der Tiere ab, deren Bestand in OW offenbar im Schnitt etwas kleiner war.
57 Erst später tränkte man im Stall. Fuchs, 111.
58 Dieselbe Praxis soll im Ausserrhoder Hinterland üblich gewesen sein, allerdings ging man zu diesem Zweck in die Wirtschaft. AR H. H.
59 Zur disziplinierenden Funktion der Milchzentralen vgl. 3.4.
60 Fuchs, 84ff.
61 AI W. F.
62 Vgl. 7.5.
63 Diese Pflegearbeiten begannen schon im Frühjahr. Fuchs, 72.
64 Etwa in OW dem Maikäfersammeln. OW B. D. AI war von dieser früheren Plage kaum betroffen.
65 Die Waldarbeit wird von Fuchs nicht thematisiert. Sie konnte natürlich nur in den paar freien Stunden zwischen den Stallzeiten stattfinden. Das Mittagessen wurde dann, wenn das Waldgrundstück allzu weit entfernt war, vorverlegt oder mitgenommen. In diesem Fall wurden oft auch einige dem Melken vor- oder nachgelagerte Stallarbeiten anderen überlassen, etwa den Söhnen, um die Zeit im Wald besser nutzen zu können. In aller Ruhe konnte man nachher zu Hause, damals selbstverständlich noch ohne Maschinen, das Brennholz herrichten. Nur die Reisigwellen («Pöscheli») musste man im Wald selber binden.
66 AI M. S.
67 Man überliess solche Dinge eher Handwerkern, war wohl auch nicht immer genügend mit Werkzeug ausgerüstet.
68 Die Engelberger Tourismuszentren wurden schon in der Zwischenkriegszeit weitgehend mit Bahnen erschlossen, welche dann auch im Winter einige Arbeitsmöglichkeiten boten.
69 Offenbar mehr in AI als in OW.
70 Denkbar ist vielleicht das Ausleihen von Pferden an Bauern, die mit ihnen umgehen konnten.
71 AI H. K.
72 Auch die Furcht vor Diebstählen mag eine Rolle gespielt haben.
73 Die meisten Strassen waren noch nicht asphaltiert und mussten daher ständig gepflegt werden.
74 Dies war aber etwa im Berner Oberland der Fall. Im Lötschental gab es die Maskenschnitzerei.
75 Zur Stickerei bes. Neff, K. A.; Vogler; Bräuninger, 72ff.
76 Grosser, 495. Die dörfliche weibliche Bevölkerung stickte nur wenig.
77 Deren Herstellung widmeten sich nunmehr die wenigen nach der Krise verbliebenen Stickereiunternehmer bevorzugt.
78 Bilder mit stickenden Frauen im Freien sind gestellt.
79 Eine Frau, die dabei erwischt wurde, musste den Verdienst als Opfer der Kirche abliefern. Vogler, 64.
80 Garovi, 182f.; Furrer, 87.
81 Die vom Schweizerischen Heimatwerk in den 1930er-Jahren unternommenen Versuche, in OW die Handweberei einzuführen, verliefen schliesslich im Sand. Anderswo (Graubünden, Berner Oberland) waren sie erfolgreich. Vgl. zu den Anfängen Laur, 583ff.
82 PB Schlatt 1956.
3
Traditionelle bäuerliche Mentalität und Vorboten des Wandels
3.1
Hochwertung des Bauernstands und Ablehnung des Industrialismus
Eines der wesentlichsten Charakteristika der beiden grossen Konfessionskulturen in der Frühneuzeit ist ihre verschiedene wirtschaftliche Orientierung.1 Die Protestanten (und in gewissem Masse auch die Franzosen) wurden zu Vorreitern der modernen Entwicklungen in Protoindustrie, Manufakturen, Welthandel, Verkehrsinfrastruktur, theoretischer Nationalökonomie, technischen Wissenschaften, Finanzinstrumenten, Versicherungen und so weiter. Die Katholiken, vor allem in Südeuropa, zogen sich, so weit sie sich überhaupt darin betätigt hatten, seit dem frühen 17. Jahrhundert wieder daraus zurück und legten den Primat auf die Landwirtschaft. Sie entwickelten eine eigentliche agrarische Ideologie, die sich in Theorie und Praxis äusserte. In Italien kam es sogar zu Prozessen der Reagrarisierung. Diese für den Katholizismus spezifische agrarfreundliche Einstellung war in unseren beiden Kantonen um 1950 durchaus noch spürbar.
Die Bauern in Appenzell und Obwalden verfügten um 1950 noch über ein gut entwickeltes Selbstbewusstsein. Sinnfällig kam dies in Appenzell jeweils am Mittwochsmarkt zum Ausdruck, wenn die dort Zusammenstehenden nur unwillig die Hauptgasse für ein passierendes Auto frei machten. Ebenso wusste die in Innerrhoden beinahe die Hälfte der Bevölkerung ausmachende Bauernschaft, dass politisch an der Landsgemeinde nichts gegen ihren vereinigten Willen entschieden werden konnte. In Obwalden kam dieses Selbstbewusstsein vielleicht eher indirekt zum Ausdruck: Gemäss dem damals noch herrschenden und allen jungen Schweizern in der Schule vermittelten Geschichtsbild galt die Schweiz in der Vorstellung der Eliten wie des gewöhnlichen Volkes als «Bauernstaat»: Die Eidgenossen, welche 1291 auf dem Rütli den Bund geschlossen und dann heroisch in vielen Schlachten gegen den Adel gekämpft hatten, waren ja Bauern gewesen. Und Obwalden war einer der drei Urkantone, die mit Arnold von Melchtal von Anfang an dabei gewesen waren.
Die Bauern in den beiden Kantonen fühlten sich als tragender Stand, der sich seiner Wichtigkeit für die Gesamtgesellschaft voll bewusst war. Sie sicherten die Ernährung aller anderen und befriedigten damit ein menschliches Grundbedürfnis. Auch in der Fremdeinschätzung durch die Nichtbauern genossen sie in unseren beiden Gebieten ein hohes Ansehen. Nun darf man dabei allerdings den unmittelbaren historischen Hintergrund nicht vergessen: Im Zweiten Weltkrieg, als nur noch limitierte Zufuhren von Lebensmitteln über die Grenze möglich waren, hatten die Bauern grosse Anstrengungen unternommen, die minimale Ernährung des Volkes zu sichern. Die «Anbauschlacht», der berühmte «Plan Wahlen», so problematisch er sich in der Praxis manchmal auch auswirkte,2 war noch in allen Köpfen gegenwärtig und wirkte in der Politik noch eine Zeit lang nach.3 Die Bauern waren nach der Meinung fast aller Interviewpartner wichtig und ihre Arbeit wertvoll. Sie galten als «Könige im Land» und stellten (vorläufig noch) eine der tragenden Säulen der Gesellschaft dar. Gewisse Elemente des bäuerlichen Daseins wirkten prägend auf die übrige Gesellschaft ein. Nur vereinzelt tauchten negative Urteile auf, etwa in jener abschätzigen Bemerkung, dass Dumme, die zu keiner Berufslehre fähig seien, ja immer noch Bauern werden könnten.4 Ein wenig relativiert wurde die Stellung der Bauern ferner durch die bereits erwähnte Feststellung, dass sie eigentlich alle arm seien, was sie aus der Perspektive der dörflichen Oberschicht ja sicherlich auch waren.
Der Hochschätzung des Bäuerlichen entsprach auf der anderen Seite die Geringschätzung, ja Verachtung der anderen Berufe. Handwerker zu sein mochte noch angehen, denn einige von ihnen benötigte man ja selber für gewisse Bedürfnisse und diese Fachleute waren entsprechend wohl gelitten. Ganz unten in der sozialen Pyramide hingegen stand nach der Einschätzung der Voralpenbewohner klar der Industriearbeiter. Er war, weil lohnabhängig und nicht Selbstversorger, der eigentliche «Arme» und daher im Grunde genommen bedauernswerter als ein armer Bauer. Ausserdem war er stets verdächtig, vom gefährlichen Bazillus des Sozialismus infiziert zu sein. In Innerrhoden hatte man ferner die gewaltige Krise der Maschinenstickerei im benachbarten Ausserrhoden nach dem Ersten Weltkrieg noch vor Augen. Damals standen zeitweise 90 Prozent der Maschinen still, die meisten Stickerfamilien gerieten in eine existenzbedrohende Notlage, und Tausende mussten ausserhalb der Heimat ihr Brot zu verdienen suchen.5 Lieber bloss ein wenig Land und ein paar Kühe darauf als eine solche Krisenexistenz: Das war, wie die Reiseberichte zeigen, schon immer die Devise der Innerrhoder gewesen, und hatte der von Ausserrhoden gelegentlich herüber schwappenden Industrialisierung stets Grenzen gesetzt.6 Deren Ablehnung durch die Bauern korrespondierte mit der Industriefeindlichkeit der dörflichen Elite, welche ihr Kapital lieber in Boden und Schuldbriefen anlegte, als in ein unsicheres Gewerbe zu investieren.
In Obwalden war diese industriekritische Grundstimmung zwar ebenfalls vorhanden, allerdings etwas weniger ausgeprägt und weniger von Bauernstolz getragen als in Appenzell. Man hatte ja selber einige Fabriken im Land, vor allem des holzverarbeitenden Gewerbes.7 Gegen die Aufnahme von Fabrikarbeit in grösserem Umfang wurden hier vor allem praktische Gründe vorgebracht, nämlich in erster Linie die zu grosse Distanz zu auswärtigen Industriebetrieben, etwa von Sarnen in Richtung Luzern, die ohne eigenes Auto nicht gut zu bewältigen gewesen wäre. Weiter wurden mangelnde Ausbildung und ein gewisses politisch bedingtes Misstrauen erwähnt.8 Die Angst vor dem Sozialismus bestimmte sicherlich auch hier die Eliten in ihrer reservierten Haltung gegenüber dem industriellen Fortschritt. Ein Beispiel für die Ablehnung eines Industriebetriebes, der nicht mit heimischen Rohstoffen arbeitete, sind die 1939 gegründeten Pilatus-Flugzeugwerke. Sie sollten eigentlich in Alpnach entstehen, doch wurde kein Bauland zur Verfügung gestellt, sodass die Initianten die Fabrik im benachbarten Nidwalden errichteten.9
Man wollte also in unserem Untersuchungsgebiet wenn immer möglich Bauer sein und bleiben.10 Doch diesem allgemeinen Wunsch stellte sich bei vielen Familien ein gewichtiges Hindernis entgegen, das wiederum mit dem Kinderreichtum zusammenhängt und letzten Endes zu einem unauflösbaren Widerspruch im herrschenden katholischen Wertekanon führte. In aller Regel konnte nur ein Sohn den Hof übernehmen. Für die anderen war eine Einheirat in eine Bauernfamilie, welche bloss Töchter hatte, die grösste Chance. Reiche Grossbauern konnten vielleicht einem nichterbenden Sohn eine verschuldete Liegenschaft ohne eigene Zukunft kaufen. Eine Teilung der meist kleinen Besitzungen hätte die Existenz in Frage gestellt und kam daher kaum vor. Dass ledig gebliebene Brüder beim Erben des elterlichen Hofes mitarbeiteten, kam immer wieder vor, doch waren dieser Tätigkeit wegen der Grösse der Betriebe ebenfalls deutlichere Grenzen gesetzt als beim Ackerbau im Mittelland. Oder die Mitarbeit war, etwa bei Betrieben mit grösseren Alpen, saisonal beschränkt und machte deshalb im Winter die Nebenbeschäftigung in anderen Bereichen notwendig.
Welche Berufe ergriffen jene Söhne, die keinen eigenen Hof übernehmen konnten? Die Antworten auf diese Frage entsprechen dem bereits Gesagten und bezeugen einmal mehr die Skepsis gegenüber der Industrie. In eine Fabrik zu gehen, war für nichterbende Söhne in jedem Fall die letzte Möglichkeit, fast vergleichbar mit einem Gefängnisaufenthalt. Zu ihr griff man höchstens aus Verzweiflung, wenn alles andere scheiterte. Glücklich waren jene Bauernsöhne, welche in der Heimat oder auch auswärts eine Pacht übernehmen konnten. So konnte man, wenn auch ohne totale Sicherheit, völlig im angestammten Metier bleiben. Die Alternative dazu war eine Stelle als Bauernknecht in einem der grösseren landwirtschaftlichen Betriebe der angrenzenden mittelländischen Kantone, für Appenzeller also St. Gallen oder Thurgau, für Obwaldner Luzern. Diese Möglichkeit wurde sehr häufig genannt. Zuverlässige, aufmerksame und arbeitsame («schaffige») Knechte waren gesucht und verdienten dann vielfach nicht schlecht. Bei längerer Anstellung bot sich im Glücksfall die Gelegenheit, den Hof übernehmen zu können, für viele wohl die Erfüllung eines Lebenstraums. Im Grunde genommen war der Dienst als Knecht auswärts eine alte Tradition, die früher noch einen viel weiteren geografischen Radius umfasst hatte. Schon im 19. Jahrhundert waren viele dieser Bauernsöhne nach Deutschland, bis weit in den Norden und Osten, gezogen, und hatten dort als sogenannte «Oberschweizer» die Milchgewinnung und -verarbeitung auf den vergleichsweise riesigen Domänen organisiert.11 Nicht wenige waren dabei reich geworden und konnten dann in der Heimat einen ruhigen Lebensabend verbringen. Diese Möglichkeiten waren nun allerdings schon seit längerer Zeit versperrt, und massenhafte Auswanderung, wie im 19. Jahrhundert, kam nicht mehr vor.
Zweite Wahl waren Berufe, die eine gewisse Verwandtschaft zur Landwirtschaft aufwiesen oder bei denen man wenigstens im Freien arbeiten konnte. Das waren zunächst Förster und Käser, auch der Sägeroder Zimmermannsberuf, eher weniger andere Tätigkeiten auf dem Bau.12 In Obwalden absorbierte das holzverarbeitende Gewerbe viele Bauernsöhne. Auch bei der Bahn, die damals für den Geleiseunterhalt, die Güterabfertigung und den Rangierdienst noch viele kräftige Hände brauchte, arbeiteten verhältnismässig viele von ihnen. Andere wurden Briefträger oder Strassenarbeiter. Auch der Tourismus bot einige wenige, zum Teil interessante Arbeitsmöglichkeiten (Bergwirtschaften, Sportbahnen, Hotels). Eine Handwerkerlehre blieb weniger gut gestellten Kindern damals generell versagt, weil dies in der Regel einen finanziellen Aufwand bedeutete, den nicht alle ohne weiteres erbringen konnten und Bauernfamilien vielleicht auch nicht wollten. Das gleiche gilt für ein Studium, wobei praktisch nur die Theologie in Frage kam. Unter ihren zahlreichen Kindern eines dem geistlichen Stand widmen zu können, war sicherlich der Wunsch vieler frommer Mütter. Aber auch hier gab es finanzielle Probleme: Sehr viele Bauernsöhne, die später als Pfarrer und Kapläne wirkten, hatten sich das Geld für ihr Studium zusammenbetteln müssen.13 Einfacher war der Eintritt als Laienbruder in den Kapuzinerorden. Für Büroberufe oder die Tätigkeit als Lehrer interessierten sich Bauernsöhne weniger. Es gab allerdings zunehmend solche, die als Arbeiter, aber auch in anderen Berufen, definitiv in die Stadt zogen, in der Anonymität landeten und damit, wie ein Pfarrer bemerkte, schlechten Einflüssen erlagen, womöglich noch eine Mischehe eingingen und sich so der angestammten Religion entfremdeten.14 Doch dieses Problem hatte sich die Kirche mit ihrer negativen Stellung zur Geburtenregelung selber eingebrockt.
3.2
Arbeitsethik zwischen Freiheit und sozialer Kontrolle
Der Berufsalltag des Bauern war anstrengend und schweisstreibend, im Sommer lang und wegen der täglichen Stallarbeit auch kaum weniger zeitgebunden als ein Fabriktag. Gleichzeitig aber war der Stand des Bauern sozial hoch bewertet und wurde von vielen, die keinen Hof erben konnten, als Traumziel angestrebt. Wie war das Verhältnis der Bauern zur Arbeit? War sie bloss eine Last, unabänderliches Schicksal, gemäss der Bibel herrührend von Adams leidigem Fall? Oder verschaffte sie auch Freude und Befriedigung? Praktisch alle Interviewpartner waren der letzteren Auffassung und meinten, man habe trotz allen Anstrengungen gerne und deshalb, wo nötig, auch viel gearbeitet. Die Notwendigkeit der Arbeit, die Tatsache, dass man arbeiten musste, wurde kaum hinterfragt. Einige sahen Arbeitseifer als unabdingbar für den Erfolg an; ohne ständige und gute Arbeit würde der Betrieb sehr bald Rückschläge erleiden. Das ging bis zu kategorischen Aussagen, wie «Wenn einer die Arbeit als Belastung empfunden hätte, so wäre er kein guter Bauer gewesen»15 oder «Wenn ein Bauer keine Freude an der Arbeit hat, dann ist er kein Bauer».16 Gelegentliche innerfamiliäre Spannungen oder Erschöpfungszustände etwa während der belastenden Zeit des Heuens waren kein Grund, auf Dauer die Freude an der bäuerlichen Arbeit zu verlieren.
Gründe für diese positive Bewertung der eigenen Arbeit gab es viele. Der erste ist sicher die Selbständigkeit. Zwar war man, wie jeder wusste, als Landwirt stark von den Launen der Natur, insbesondere vom wechselnden Wetter, abhängig. Aber lange Erfahrung lehrte, mit diesen zuweilen widrigen Umständen so gut als möglich umzugehen, und letztlich nahm man diese Imponderabilien doch lieber hin als die Willkür eines Fabrikherrn, der einen Knall auf Fall entlassen und damit brotlos machen konnte. Eigene Lebensmittel- und Energieversorgung verschaffte ein Gefühl der Sicherheit. Auch wenn es grundsätzlich viele Zwänge, in erster Linie die zweimal täglich wiederkehrende Stallarbeit und die saisonalen Arbeitsspitzen gab, so hatte doch der Bauer gewisse Freiheiten, wie er seine Tätigkeit im Einzelnen gestaltete und wie er die Zeit genau einteilte, welche Schwerpunkte er setzte und was ihm eher vernachlässigbar schien. Der zweite Grund ist wohl die Sichtbarkeit des Arbeitsresultats, etwas, was dem Fabrikarbeiter, vor allem in grösseren Betrieben mit weitgehender Arbeitsteilung, abging. Der wohlgefüllte Heustock, die schön geformte Kuh, die vollen Milchkannen und die von Obst überquellenden Körbe: Das Produkt der eigenen Arbeit lag einem Landwirt vor Augen, und er verfügte selber und allein darüber. Allgemeiner Stolz auf das vollendete Werk und Zufriedenheit mit der eigenen Leistung waren sicherlich eine hohe Arbeitsmotivation. Dazu kam die Anerkennung (und wohl auch der Neid) von Anderen, Bauern und Nichtbauern. Ferner war das Arbeitsjahr nicht eintönig wie in der Fabrik, sondern saisonal bedingt abwechslungsreich. Es gab dabei zweifelsohne auch Tiefpunkte: langanhaltendes zu trockenes oder nasses Wetter, oder aber Viehseuchen und Unglücksfälle und dergleichen; andererseits aber auch Höhepunkte, Momente der Freude: die Geburt eines gesunden Kalbes, der jährliche Alpsommer, überreiche Ernten, eine Auszeichnung bei der Viehschau, ein geglückter Verkauf oder die traditionellen bäuerlichen Feste. Die Befriedigung, selber die Kinder zu einer sinnvollen Tätigkeit hinführen zu können, wurde in den Interviews ebenfalls erwähnt. Auch die Handarbeit wurde trotz der daraus resultierenden Körperbeanspruchung im Allgemeinen positiv bewertet, wenngleich die ersten, noch einfachen Maschinen als Entlastung von Schwerarbeit durchaus begrüsst wurden. Die spätere Entwicklung zur Vollmechanisierung hingegen wurde von einigen Befragten ziemlich skeptisch beurteilt. Sie hätte zuletzt nur mehr Stress und Hetze gebracht und den Bauern zum Sklaven der Maschine gemacht: «Man muss den Maschinen nachrennen wie ein Verrückter.»17
Bei der Einstellung zur Arbeit waren alle diese Motivationen sicher nicht nur bei den katholischen, sondern auch bei den meisten protestantischen Bauern vorhanden. Dennoch gibt es kleine Unterschiede. Auf sie hat bekanntlich zuerst Max Weber in seiner bekannten und viel diskutierten Publikation zur «Protestantischen Ethik» aufmerksam gemacht.18 Die von ihm bei den Protestanten gefundene religiöse Überhöhung der Arbeit findet sich in der Tat bei unseren katholischen Bauern trotz den erwähnten positiven Urteilen nicht: Keine Aussage ging in diese Richtung, was natürlich nicht heisst, dass sich die Interviewten keine entsprechenden Überlegungen gemacht hätten. Die wenigen Bemerkungen aus dem protestantischen Raum scheinen hingegen Webers These zu bestätigen.19 Die Arbeit war im Protestantismus, so hatte es schon Luther formuliert, Gottesdienst und eigentlich gleichbedeutend mit dem Gebet – in Appenzell oder Obwalden hätte man dabei wohl eher Andachten und den Rosenkranz im Sinn gehabt. Das Leben war für den Protestanten in erster Linie Arbeit, diese stiftete Lebensinhalt und Sinn. Man arbeitete daher auch, wenn man eigentlich keinen Anlass mehr dazu hatte. Zeitverschwendung wäre eine Sünde gewesen.20
Den Kontrapunkt zur protestantischen Arbeitsethik formulierte ein Innerrhoder etwas drastisch mit der Bemerkung, die «Überwerker», die daran gestorben wären, seien seinerzeit für die grössten Narren gehalten worden.21 Es scheint also, worauf bereits verschiedentlich hingewiesen werden konnte, im katholischen Raum in der Tat noch in grösserem Ausmass religiös-brauchtümlich bestimmte Mussezeiten gegeben zu haben. Die Mussepräferenz der Hirtenvölker ist eine Vorstellung, die bis auf das arkadische Ideal der Antike zurückgeht und dann von den Reiseschriftstellern des späten 18. und des 19. Jahrhunderts in topischer Form aufgenommen, weitergetragen und gerade auf das katholische Europa als negatives Stereotyp projiziert wurde. Allein für Innerrhoden gibt es dazu zahlreiche Hinweise, gipfelnd in den Vorwürfen der «Trägheit», der «Arbeitsscheu» und des «mangelnden Fleisses».22 Der «faule Katholik» war seit der Aufklärung innerhalb der protestantischen Eliten ein feststehender Topos. Er war aber, wie auch unsere Nachfragen residuell noch zeigen konnten, nicht ganz aus der Luft gegriffen, sondern fand in der Realität eine gewisse Stütze, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.
Zu diesem Vorwurf hinzu kam noch eine ebenfalls in der Tradition verhaftete Abwertung der bäuerlichen Arbeit überhaupt. Das Bildungsbürgertum der Moderne hatte die jahrhundertealte Bauernverachtung des Adels weitgehend übernommen. Die Arbeit in der Industrie, gar nicht zu reden von derjenigen in Büros und Studierstuben – mithin einer Produktionsweise, deren Protagonisten ja zuerst und zum allergrössten Teil protestantische bürgerliche Unternehmer waren –, bedeutete eine fortgeschrittenere und höher entwickelte Stufe der Ökonomie als die schmutzige Tätigkeit des Bauern, insbesondere die des Viehhalters, der umgeben von Kot und üblen Gerüchen seinem Beruf nachging. Auch der Arbeiter, so ausgebeutet und geradezu versklavt er zunächst auch war, konnte wenigstens auf einen noch Niedrigeren, nämlich den Bauern, hinabblicken: Von sozialistischen Ideen durchtränkt und religiös vielfach ein Atheist, sah ein Industriearbeiter wie seine Führer im Bauern bloss noch den Produzenten der notwendigen Lebensmittel, die er zu möglichst billigen Preisen liefern sollte.
Unabhängig von der Konfession ist nun allerdings noch auf eine weitere Motivation einzugehen, die ebenfalls arbeitstreibend wirken konnte, nämlich die soziale Kontrolle durch die Nachbarn, ja das ganze Dorf. Fleissige und gute Arbeit verschafften soziale Reputation. Im Umkehrschluss zogen Nachlässigkeit und Faulheit, wenn gutes Zureden, wohlwollende Kritik und nützliche Ratschläge nichts mehr ausrichteten, Ablehnung und Verachtung durch die Mitwelt, im Extremfall Sanktionen durch die Gewalthaber nach sich. Bisweilen gab es ganz konkrete Gründe, weshalb man ein solches Verhalten nicht dulden wollte und konnte: Bekämpfte ein unmittelbarer Nachbar die Blacken nicht, so riskierte man, dass sie sich schnell auf der eigenen Weide ausbreiteten. Verweigerte er landesübliche Hilfeleistungen, so sah man nicht ein, weshalb man selber Gegenrecht halten sollte.
In welchem Ausmass gab es solche Leute, und wie stellte man sich ihnen gegenüber? Die Frage wurde zunächst vielfach kaum verstanden: Angesichts der allgemeinen Knappheit, der mageren Ressourcen und der verbreiteten Armut hätte es sich niemand leisten können, die Arbeit nachlässig zu verrichten und übermässig die Musse zu pflegen – es hätte die Existenz bedroht. Auf weiteres Nachfragen hin wurden dann allerdings vielfach doch einige persönlich bekannte Beispiele genannt, relativiert durch die Feststellung, es seien dies aber seltene Fälle gewesen und es habe auch das Gegenteil gegeben, eben die genannten «Überwerker», welche keinen Moment ohne Arbeit sein konnten. Ferner wurde gelegentlich hinzugefügt, dass man es allgemein etwas gemächlicher als in späteren Zeiten genommen habe.23 Vier Kategorien von Aussenseitern schälten sich schliesslich am Ende heraus. Da gab es welche, die es bei ihrer Tätigkeit zweifellos gemütlicher als der Durchschnitt nahmen, aber trotzdem jeweils einigermassen rechtzeitig damit fertig wurden und kaum schlechtere Erträge erzielten als andere. Darüber verwunderte man sich und fragte sich, wie das möglich sei. An Zauberkräfte und hilfreiche Zwerge glaubte zwar niemand mehr. Aber vielleicht boten aussergewöhnliche Geschicklichkeit oder die (möglicherweise etwas versteckte) mehr als landesübliche Mithilfe der Ehefrau eine Erklärung. Eine zweite Gruppe dieser «Lebenskünstler», wie sie vereinzelt bezeichnet wurden, nahm es ebenfalls gemütlich, wies aber im Gegensatz zur ersten doch sichtbare Leistungsdefizite auf, die der Mehrheit eigentlich nicht mehr akzeptierbar schienen. Es waren die «Minimalisten», die mit wenig zufrieden waren. Aber sie kompensierten diesen Mangel durch andere Fähigkeiten, welche sie beliebt machten und ihnen sogar ein zusätzliches Einkommen verschaffen konnten. Als typisches Beispiel wurden Bauern als nebenberufliche Tanzmusiker genannt, die jeweils an den verschiedenen Festen aufspielten. Aber auch ausserordentliche technische Begabung, allgemein geübte Herzensgüte oder (in Appenzell) das Talent, gute Witze erfinden zu können und so weiter, liess Kritik an diesen speziellen Figuren verstummen. Eine dritte Gruppe bildeten diejenigen, die nicht auf einen grünen Zweig kamen, weil sie einfach zu ungeschickt waren, da ihnen fast alle Fähigkeiten zu einem guten Bauern abgingen, sie infolgedessen intellektuell oder körperlich von der Arbeit überfordert wurden und daher oft resignierten. Man konnte ihnen gute Ratschläge geben, aber meist blieben diese ohne erkennbare Wirkung. Solche Dorfgenossen wurden eher bedauert; manchmal wechselten sie dann wirklich nach einiger Zeit in einen anderen Beruf, überliessen die Landwirtschaft der Frau oder einem Bruder oder übten sie nur noch nebenher aus. Das allgemeine Gerede bis zur vollen Verachtung traf die vierte Gruppe. Es waren die wirklich Liederlichen: Besonders Trinker, die ständig in der Wirtschaft hockten, dort jassten und jeweils als Letzte von Festen nach Hause kamen, im Betrieb vor allem die Frau und die Kinder arbeiten liessen, selber nur das Notwendigste taten und vieles liegen liessen, sogar das liebe Vieh vernachlässigten, sowie in und um den Hof überhaupt nicht Ordnung hielten, wie jeder Vorübergehende ja leicht erkennen konnte. Kurz die «Luftibusse», «Lotschli», «Zattli», «Säuniggel» und wie alle die prägnanten dialektalen Ausdrücke dafür lauteten. Hierfür gab es im Urteil der Anderen keine Entschuldigungen.24
Was alle vier geschilderten Gruppen eint, ist die relativ grosse Toleranz der Gesellschaft gegenüber den Aussenseitern. Selbst bei der vierten Gruppe, die nicht auf allgemeines Verständnis stiess und bei der man höchstens die darunter leidenden Angehörigen bedauerte, kam es kaum zu Interventionen der Behörden. Sie schritten erst bei kriminellem Verhalten ein. Ermahnungen durch Geistliche, die oft bei der jährlichen Haussegnung mit diesen Zuständen konfrontiert oder durch besorgte Nachbarn darüber informiert wurden,25 sind sicher vorgekommen, aber nicht dokumentiert. Dass die Toleranz gegenüber Aussenseitern in der katholischen Schweiz etwas grösser als in der protestantischen war, kann nach unseren Recherchen wenigstens vermutet, wenn auch nicht stringent bewiesen werden. Als Gründe dafür können die traditionelle Mussepräferenz, die schwächere und später erfolgte Disziplinierung des Einzelnen, die weniger rigorose religiöse Ethik und der noch bescheidenere staatliche Apparat genannt werden.
3.3
Vom ästhetischen zum Renditedenken
Ordnung und Sauberkeit waren, wie eben an den wenigen von den Normen Abweichenden gezeigt werden konnte, in der bäuerlichen Welt allgemein anerkannte Prinzipien, über welche auch die soziale Kontrolle wachte. Grob gesagt, gab es hinsichtlich ihrer Arbeitsauffassung drei Kategorien von Bauern: Als Extreme die übereifrigen und überexakten Schaffer (negativ derb «Tüpflischeisser»26 genannt), deren Höfe jederzeit und überall vor Ordnung und Sauberkeit nur so strotzten, und auf der anderen Seite die Nachlässigen und Liederlichen, bei denen am Hof Vorübergehende den Kopf schüttelten und sich nach den Gründen für den Dreck und die «Sauordnung» fragten. Dazwischen stand die zahlenmässig weit überwiegende Gruppe derjenigen, die zwar den beiden eingangs genannten Prinzipien ebenfalls nachlebten, aber etwa bei hoher Arbeitsbelastung auch einmal fünfe gerade lassen konnten.
Das Ordnungs- und Sauberkeitsdenken zeigte sich beispielhaft in den bereits genannten Massnahmen zur Bodenverbesserung, die man selbstverständlich ganz verschieden intensiv vornehmen konnte. Bereits bei dieser Arbeit zeigt sich die Verschränkung von Ästhetik und Renditedenken. Für den Bauern war eine «schöne» Wiese eine solche ohne Steine und Unkraut, möglichst ausgeebnet, solid eingezäunt und akkurat von Wäldern, Flussläufen oder Tobeln abgegrenzt.27 Eine solche Wiese brachte sicher auch mehr Futter ein, sie «rentierte» besser. Ob allerdings der Mehrertrag die dafür erforderliche aufwendige Mehrarbeit immer kompensierte, sei dahingestellt: Vermutlich hätte eine genaue Berechnung das Gegenteil gezeigt. Aber solche Berechnungen stellte man in unserem Zeitraum gar nicht an, weil eben der bäuerliche Schönheitssinn an einer solchen Wiese Freude hatte und eine solche vorzuzeigen ausserdem soziale Reputation verschaffen konnte. Ohnehin war aber die Tendenz zur Renditeberechnung in der Agrarwirtschaft der Voralpen damals noch keine Tugend.28 Ähnliche Beobachtungen kann man beim Heuen machen. Auch wenn man bereits Mähmaschinen hatte, so mähte man zusätzlich Stellen, die von jener nicht erreicht wurden, also an Weiderändern, unter den Zäunen oder um Baumstämme herum, noch mit der Sense nach. Jeder Quadratmeter sei genutzt und noch das letzte Hälmchen geschnitten worden, sagten mehrere Befragte spontan.29 «Sauber mähen» hiess das und entsprach genau den Vorstellungen, die man innerhalb des Berufsstandes von einem ordentlichen Bauern hatte. Dieselbe Sorgfalt wandte man nachher beim Zusammenrechen des Heus an: Auch hier sollte kein Hälmchen durch die Zinken gehen. Rationalisieren konnte man dieses Verhalten natürlich mit den allgemein knappen Ressourcen, mit denen sorgfältig umzugehen war. Die Futterbasis konnte in der Tat auf diese Weise ein wenig verbreitert werden. Aber auch hier kann man sich fragen, ob die Kühe wirklich nicht ohne das zusätzliche Quäntchen Heu durch den Winter gekommen wären. Die Frage wurde nicht gestellt, denn auch hier überwog noch das ästhetische Denken. Dies zeigt sich auch in den abschätzigen Bemerkungen einiger Interviewpartner, die darauf hinwiesen, dass heutzutage selbstverständlich kein Landwirt mehr einen solchen Aufwand betreiben würde.30 Damals allerdings mehrte man damit auch das soziale Kapital und vielleicht war das wichtiger als der materielle Mehrertrag. Kaum eine Rolle scheinen hingegen religiös-ethische Vorgaben gespielt zu haben, zum Beispiel die, dass die Früchte der Erde Gottesgaben seien, die man nicht verschwenden dürfe. Wenn schon, dann war eher die Sorge um das Wohl der Tiere treibendes Motiv.
Von einem ökonomisch begründeten Renditedenken kann bei den angeführten Beispielen nicht gesprochen werden, eher traf das Gegenteil zu, und es waren, neben allgemeinen und familiären Traditionen und Gewohnheiten, eher ästhetische Beweggründe und die Sorge um die Reputation im Dorf, welche die Bauern veranlassten, solche nicht unbedingt sinnvollen Arbeiten auszuführen. Das Argument einer möglichst umfassenden Ressourcennutzung ist daher eher ein vorgeschobenes. Ähnliches gilt für die Viehhaltung. Allerdings kann man hier in der Nachkriegszeit sehr gut einen Wandel der Einstellung beobachten. Schon Ebel war als Merkwürdigkeit aufgefallen, dass der Appenzeller besonderen Wert auf schönes und reines Vieh legte.31 Dass man für die Viehschau die Kühe und Stiere auf Hochglanz putzte, ist selbstverständlich; wenn einige Bauern aber täglich viel Zeit für das Putzen ihrer Tiere aufwendeten, so gehört das in dieselbe Kategorie wie die Wiesenpflege oder das saubere Heuen; zusätzlich kann man dabei allerdings wohl eine Äusserung der Tierliebe sehen. Interessanter sind die angestrebten Zuchtziele. Diese waren zwar in der Schweiz landesweit ziemlich einheitlich und wurden von den jeweiligen Viehzuchtverbänden propagiert und durchzusetzen versucht. Man bekommt indes den Eindruck, dass sie besonders im voralpinen Gebiet der Braunviehzucht wirksam waren und sich länger gegenüber verändernden Einflüssen von aussen frei hielten. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde nämlich die Zucht nicht auf die rationalen Ziele der Milch- oder Fleischleistung ausgerichtet, sondern vor allem auf die äussere Schönheit der Tiere.32 Dazu gab es einen ganzen Katalog von Kriterien, nach welchen die Viehbeschauer das «Exterieur» beurteilten und, wenn genügend Punkte zusammen kamen, Prämien und Preise ausrichteten.33 Jeder Bauer war also darauf bedacht, möglichst schöne Kühe zu besitzen, die Milchleistung zählte erst in zweiter Linie.34 Wenn schon, dann achtete man bei der Milch statt auf die Menge eher auf eine gute Qualität, wie schon früher die sogenannten Vorzugsmilch produzierenden «Oberschweizer» in Deutschland. Allerdings war ein derartiger agrarischer Ästhetizismus in der Regel nur denen möglich, die es sich leisten konnten, also eher den wohlhabenden und mittelständischen Landwirten, während für ärmere und kinderreiche Familien eine möglichst hohe Milchproduktion existenziell wichtig war.
Es regierten also vor der grossen Modernisierung auch bei der Rindviehhaltung (etwas weniger ausgeprägt beim Schmalvieh) zunächst nicht Renditeüberlegungen, sondern ästhetische Kriterien, und wenn man mit seinem Bestand bei der Viehschau, jenem profanen Hochfest der voralpinen bäuerlichen Kultur, prunken und nach der Prämierung die Tiere mit Blumenkränzen wieder heimtreiben konnte, so war dies ungefähr so viel wert wie ein schöner Hof mit viel Land: Es verschaffte einem Bauern ebenfalls Bewunderung und soziale Anerkennung.35 Wenn wir indes vernehmen, dass für besonders schöne Tiere Phantasiepreise bezahlt wurden, so sehen wir allerdings das Renditedenken durch die Hintertür wieder hereinkommen: Es lohnte sich damals, auf dieses Ziel hin zu züchten, denn auf den Viehmärkten konnte man damit vor allem im Export hübsche Summen erzielen.
Der Wandel der Zucht hin zu erhöhter Milchleistung, welche auch das traditionelle Rassenspektrum der Kühe in der Schweiz durcheinander brachte,36 begann in den späten 1950er-Jahren im Mittelland und setzte sich in den 1960er-Jahren auch andernorts weitgehend durch, parallel zur allgemeinen agrarischen Modernisierung. Diese Veränderung hängt auch mit der zunehmenden Verbreitung der Milchsammelstellen sowie mit der damaligen veränderten Subventionspolitik zusammen, welche mehr und mehr nur noch «rentable» Betriebe unterstützte. Das Kriterium der äusseren Schönheit verschwand in der Folge zwar nicht ganz, wurde aber zweitrangig gegenüber dem nur noch Renditeüberlegungen gehorchenden Ziel einer möglichst hohen Milchproduktion. Damit wurde das Tier, dem man früher gewisse auch beim Menschen zu findende Qualitäten, eben zum Beispiel die Schönheit, zuerkannt hatte, zur Ware, zur blossen Produktionsmaschine.37 Das veränderte Zuchtziel führte allerdings schon bald in eine Sackgasse, nämlich zur Überproduktion, doch liegt dieses Problem ausserhalb des Zeitraums unserer Untersuchung.
3.4
Zeitbewusstsein und Zeitdisziplin
Der Umgang mit der Zeit, die Balance zwischen Arbeit und Musse, gehört, wie Max Weber in seinen grundlegenden Ausführungen zur «Protestantischen Ethik» erkannte, zu den zentralen Fragen, die sich beim Übergang zur Moderne stellten.38 Schon Ebel war die Mussepräferenz der Innerrhoder aufgefallen: «Er fühlt kein anderes Bedürfnis, als nach vollbrachter Arbeit ruhig und müssig bei Milch und Käse im Kreise seiner Familie, oder beim Glase Wein im Wirthshause unter seinen Bekannten zu sitzen und zu schwatzen.»39 Jener Innerrhoder, der die «Überwerker» kritisierte,40 formulierte auch die Gegenposition dazu: Im Gespräch unter Bauern habe man gerne gesagt «Loss de de Wyl» (Lass dir Zeit).41 Ebenso sah ein ehemaliger appenzellischer Landwirtschaftsdirektor in dieser Maxime einen der zentralen Werte seiner Gesellschaft in früheren Jahren.42 Ein deutscher Wissenschaftler, welcher die bäuerliche Mentalität in Bayern nach 1945 erforschte, fand in der Ablehnung des Übereilten und Flüchtigen, in der Ausrichtung des Lebensrhythmus auf natürliche Zeitläufe etwas dem Katholizismus eigenes.43 Aber auch ein niederländischer Autor sah hier einen zentralen Punkt des Wandels der dörflichen Gesellschaft in der Nachkriegszeit.44 Mehrere unserer Befragten erwähnten nicht ohne nostalgische Gefühle, dass man früher das Leben und die damit verbundene Arbeit gemächlicher genommen habe als heute, wo auch der Landwirt dem allgemeinen Stress unterworfen sei.45 Zeit zu haben bedeutete aber nicht zuletzt auch, über Zeit für das Religiöse zu verfügen, wie in den folgenden Abschnitten noch ausführlich gezeigt wird. Allerdings wird dabei auch zu Tage treten, dass die weniger in einen fixen Zeitrahmen eingespannten Frauen dabei besser gestellt waren. Umgekehrt waren aus religiösen Überzeugungen herrührende Verhaltensnormen einer optimalen Zeitnutzung, wie sie etwa pietistische und andere protestantische Sondergruppen befolgten, unseren katholischen Bauern völlig fremd.
Eine genaue Tageseinteilung und ein effizientes Zeitmanagement waren dem Menschen erst nach Erfindung der Uhr möglich. Ein Gewährsmann aus dem Berner Oberland berichtete, dass dort alle Bauern Uhren besessen hätten und mit deren Hilfe den Tag nach einem strikten Zeitplan gestaltet hätten.46 Auch in Obwalden besassen, nach dem Zeugnis unserer Interviewpartner, alle Bauern Uhren. Es waren, wie früher allgemein üblich, sogenannte Sackuhren (Taschenuhren). In Appenzell sollen die meisten, aber doch nicht alle Bauern, Uhren gehabt haben. Sogenannte Sennenuhren, wie sie dort einige Reichere ihr Eigen nannten, dienten eher als Schmuckstück zur Tracht denn als Zeitmesser. Die Besitzer einer Uhr nahmen diese allerdings zur Arbeit ausserhalb des Hauses in der Regel nicht mit. Wer keine Uhr besass oder sie zu Hause liess, musste wie in früheren Jahrhunderten auf Naturgegebenheiten, in erster Linie den Lauf der Sonne, achten oder aber auf den Glockenschlag der Kirchenuhr hören. Als neuer Zeitanzeiger kam die Eisenbahn hinzu, deren Vorbeifahrt oder Pfiff zu einem bestimmten Zeitpunkt, den man auswendig wusste, erfolgte. Diese Möglichkeiten wurden gelegentlich auch in Obwalden als zusätzliche Zeitorientierungsmittel erwähnt. Insgesamt waren die Möglichkeiten zur Orientierung an der Uhrzeit zweifellos viel ausgedehnter als noch 100 bis 200 Jahre früher.
In beiden Kantonen wurde aber auch bemerkt, dass man die Zeit, zu der diese oder jene Arbeit zu erfolgen hatte, «im Gefühl» hatte und auch ihre Dauer zu schätzen wusste, also sozusagen über eine innere Uhr verfügte. Dies schaffte gewisse Freiheiten für minimale Mussezeiten. Eine rigorose Zeitdisziplin war in der Tat für die landwirtschaftliche Arbeit gar nicht nötig. Die Essenszeiten waren zwar in den meisten Familien ziemlich fixiert, aber dieses Problem konnte man im Gebiet der arrondierten Streusiedlung so lösen, dass die Frau aus der Wohnung, wo es praktisch immer eine Uhr gab, sei es eine Wand- oder auch nur eine aufgehängte Sackuhr,47 die auf dem Felde Arbeitenden zum Essen rief. Eine Uhr brauchte man eigentlich nur für zeitliche Abläufe, die von Aussen vorgegeben wurden, nämlich für den Kirchgang und den Schulbesuch der Kinder. Für den ersteren wurden allerdings die Glocken geläutet und für den Hauptgottesdienst sogar vorgeläutet.48 Die Rolle der Schule wurde von den älteren Bauern ohnehin nicht ohne Vorbehalte betrachtet, und das Zuspätkommen der Kinder war für sie ein Kavaliersdelikt. Neu zu diesen alten Zeitvorgaben hinzu kam nun allerdings für sie ganz direkt die Einlieferung der Milch in die Milchzentralen. Diese waren, nach dem Urteil von mehreren Befragten in unserem Untersuchungsgebiet, vor allem in Appenzell, nebst ihrer primär wirtschaftlichen Funktion, seit den 1940er-Jahren die eigentlich wirksamen Zeitdisziplinierer der Bauern gewesen. Sie müssen daher noch kurz beleuchtet werden.
Die ersten Milchzentralen beziehungsweise -sammelstellen («Hütten») entstanden in der Zwischenkriegszeit, einerseits als Antwort auf Absatzkrisen und Verwertungsprobleme der Milch, andererseits aus dem Bestreben, ihre Weiterverarbeitung zu zentralisieren und so die Qualität der Endprodukte (Konsummilch, Butter, Käse usw.) zu verbessern.49 In Innerrhoden wurden die ersten Zentralen 1933 eingerichtet, 1938 bereits ein Verband gegründet und rasch das ganze Land mit ihnen durchsetzt: 1953 gab es 32 solcher Einrichtungen.50 Die dort gesammelte Milch wurde zum grössten Teil zentrifugiert und der gewonnene Rahm mit der Appenzellerbahn in die 1927 eröffnete Butterzentrale in Gossau spediert, welche daraus die bekannte «Floralp»-Butter herstellte. Die Magermilch wurde den Bauern zurückgegeben und diente ihnen zum Kälber- und Schweinetränken. In Obwalden verlief die Entwicklung ähnlich, jedoch etwas weniger einheitlich.51 Die Bauern lieferten dort die Milch Sennereien ab, die zum Teil schon früh entstanden waren und von denen es in jeder Gemeinde mehrere gab. Es wurde vor allem Käse fabriziert, ein Teil ging über den Luzerner Milchverband als Konsummilch in die Stadt Luzern, und der Rest wanderte als Rahm ebenfalls in die dortige Butterzentrale. Meist hielt in Obwalden der Käser die Schweine und fütterte sie mit der übrig gebliebenen Molke oder der Magermilch.52
Die Milchzentralen traten an Stelle der bisher üblichen häuslichen Verwertung der Milch zu Käse und Butter. Die Bauernfamilien betrachteten, nach anfänglicher Skepsis, die Zentralen schliesslich als Wohltat, weil ihnen das monatlich abgerechnete Milchgeld zum ersten Mal grössere und regelmässige Bargeldeinnahmen verschaffte.53 Die Familienväter indes mussten nun die Stallarbeit auf die Milchablieferung einrichten und wurden in ein Zeitkorsett gezwängt. Für die Ablieferung der Milch in die Zentralen gab es fixe Zeiten: In der Regel musste sie morgens und abends bis 8 Uhr erfolgen.54 Für die meisten bedeutete dies am Morgen einen früheren Arbeitsbeginn. Vor allem aber fielen nun die gemütlichen Abendpausen weg, die man bis anhin mit Jassen verbringen konnte. Am Sonntag konnten sich Probleme mit den Gottesdienstzeiten ergeben, worauf an anderer Stelle noch einzugehen sein wird.55 Die Milchzentralen förderten auch das Renditedenken: Menge und Fettgehalt der Milch wurden nun erstrebenswerte Ziele des bäuerlichen Wirtschaftens.56 Auf der anderen Seite sollte allerdings nicht übersehen werden, dass das Zusammentreffen der Bauern bei der Milchablieferung, auch wenn man dabei nicht so viel Zeit für lange Gespräche hatte, eine neue Möglichkeit zur Kommunikation bot. Auch in dem zur Moderne hinführenden Strom der Milchzentralen war somit noch eine Insel der Musse vorhanden.
3.5
Das Verhältnis zum Geld und zum Risiko
«Zeit ist Geld» – Das berühmte, von Max Weber als eines der sprechendsten Zeugnisse der «Protestantischen Ethik» betrachtete Wort des Amerikaners Benjamin Franklin führt uns direkt zu einem weiteren Thema, das im Rahmen einer Auflistung traditioneller Wertvorstellungen vor allem heute, angesichts einer umfassenden Ökonomisierung und Monetarisierung von immer mehr Lebensbereichen, einen zentralen Diskussionspunkt bildet.57 Zunächst ist allerdings dazu zu sagen, dass in der in unseren Gebieten vorherrschenden, mindestens noch teilweisen Subsistenzwirtschaft (ausgeprägter in Obwalden als in Appenzell) Geld keine so zentrale Rolle spielen konnte: Wie bereits erwähnt, war vielmehr Bargeldmangel ein Charakteristikum dieser Ökonomien. Ein haushälterischer Umgang mit dem Geld war somit keine besondere Tugend, sondern für die meisten Familien schlichte Notwendigkeit. Daher rührte unter anderem der sorgfältige, geradezu kleinliche Umgang mit den natürlichen Ressourcen, das Nicht-Weg-werfen-Können, das Flicken, Ausbessern und Umnutzen bis zum Letzten. Als vorsorgendes, zukunftsgerichtetes Sparverhalten kann man es wohl nicht bezeichnen.
Hatte man trotzdem einmal etwas Geld übrig, etwa nach einem einträglichen Verkauf von Vieh, so gab es drei Möglichkeiten zu dessen Verwendung. Man konnte die Banknoten auf ein Sparbuch oder – was auch vorgekommen sein soll – unter die Matratze legen. Diese Möglichkeiten wurden nicht eben häufig erwähnt, scheinen auch nicht grössere Dimensionen angenommen zu haben und erfüllten eher den Zweck eines Notgroschens als den einer habgierigen Anhäufung von Geld um ihrer selbst willen. Die zweite Möglichkeit wurde ebenfalls selten direkt erwähnt, aber vermutlich nicht, weil sie effektiv kaum praktiziert worden wäre, sondern weil sie moralisch etwas diskreditiert war. Gemeint ist das Geldausgeben für nicht notwendige und immaterielle Dinge, also etwa Wirtshausbesuche, Tanz oder andere Vergnügungen. Für diese Art Verschwendung gab es in beiden Kantonen den speziellen Dialektausdruck «vebotze» beziehungsweise «verbutzä». Dieses Verhalten existierte also zweifellos, auch wenn sich sein Umfang schwer abschätzen lässt. Im Vergleich der beiden Appenzell galten die Innerrhoder als ausgabefreudig, die Ausserrhoder dagegen als «bhäbig» (zurückhaltend), wie es der «Protestantischen Ethik» entspricht. Letztere wurden daher von der Volksmeinung auch als reicher angesehen.58 Ein grosszügiges Ausgabeverhalten von reichen Grossbauern wurde bei entsprechenden Gelegenheiten allgemein erwartet, sonst verfielen sie schnell dem Verdikt des Geizhalses.
Am häufigsten wurde nicht unmittelbar benötigtes Kapital jedoch im Betrieb investiert. Dies konnte auf zwei Arten erfolgen – traditionell oder «modern». Die traditionelle Weise bestand vor allem darin, dass man, sofern das Geld nicht von einem Viehverkauf, sondern etwa aus der Milchabrechnung herrührte, ein oder zwei Kühe zusätzlich kaufte, wenn die Futterbasis ausreichte oder mit irgendwelchen Massnahmen, etwa der Zupacht oder Alpung, etwas vergrössert werden konnte. Ferner gab es vielleicht etwas am Haus zu sanieren, wozu man Handwerker benötigte. «Modern» war man, wenn eine landwirtschaftliche Maschine angeschafft wurde, worauf gleich im nächsten Abschnitt noch eingegangen wird.
Das Gegenstück zum Sparen stellt das Kreditwesen dar. Weil die Verschuldung und die daraus resultierenden Zinszahlungen der schweizerischen Bauernbetriebe, zum Teil bedingt durch die hohen Bodenpreise, allgemein hoch waren,59 sollen hier noch einige Bemerkungen dazu angebracht werden. Die Schuldenlast war in jüngerer Zeit gestiegen, vor allem in der grossen Krise der Zwischenkriegszeit. An diese erinnerten sich noch einige Befragte mit Sorgen, doch stände eine detaillierte Schilderung dieser Zustände ausserhalb unseres Untersuchungszeitraums. Es kam damals sogar zu nicht wenigen Verkäufen überschuldeter Höfe an reiche Bürger, wobei die in Not geratenen früheren Besitzer ihren Betrieb meist als Pächter weiter betreiben konnten.60 Die Situation verbesserte sich merklich durch die gute Wirtschaftslage nach 1945. Die früher sehr üblichen Privatkredite waren damals selten geworden; Missbräuche und Ausnutzung der Notlage der Schuldner hatten sie längst in Verruf gebracht. Auch der kirchliche Kredit, der einstmals, im Barock, konkurrenzlos führend gewesen war, existierte mit einer kleinen Ausnahme nicht mehr.61 Allerdings hatten einige Geistliche bei der Gründung lokaler Banken und Leihkassen eine gewisse treibende Rolle gespielt. Fast ausschliesslich bei diesen besorgten sich die Landwirte nach 1945 notwendige Hypothekarkredite. Konsumschulden galten als ehrenrührig, gleichwohl mussten arme Familien manchmal bei Bäckern oder in Läden anschreiben lassen, bis das Milchgeld ausgezahlt wurde. In Schulden führen konnten einerseits Krankheiten, Unfälle und Viehseuchen, andererseits leichtfertige Ausgaben, vor allem für Alkohol oder Geldspiele. Letztere waren früher nicht selten, allerdings nach 1945 im Verschwinden begriffen.62
Der Umgang mit dem Risiko hängt in mehrfacher Hinsicht mit dem Bezug zum Geld zusammen. Das klassische Instrument zur Milderung und Behebung von Risiken aller Art ist die auf mathematischem Kalkül beruhende Versicherung. Sie war eine im Wesentlichen auf das 18. Jahrhundert zurückgehende typisch protestantische Erfindung und wurde danach von den Katholiken nur zögerlich und verspätet übernommen.63 Es herrschte bei ihnen die Meinung vor, man dürfe nicht in das Walten Gottes über Glück und Unglück eingreifen. Die Versicherung hängt indirekt mit dem Geldwesen zusammen, weil mit diesem Instrument die meisten Verschuldungen wegen der genannten, nicht selbst verschuldeten Ursachen hätten vermieden werden können. Umgekehrt waren aber in vielen Familien die Mittel so knapp, dass man die Prämien kaum hätte bezahlen können. Da und dort war ferner noch ein gewisses Misstrauen vorhanden, was mit dem eingegangenen Prämiengeld geschah. Infolgedessen war man im Zeitraum nach dem Krieg in den hier untersuchten Gebieten in der Regel, wenn überhaupt, nur unterdurchschnittlich versichert. Betrachten wir die Sache im Einzelnen:64
Personenversicherungen waren bei der bäuerlichen Bevölkerung eine Randerscheinung. Dies gilt in erster Linie für die Krankenkassen, die bei ihr praktisch unbekannt waren. Erst lange nach dem hier betrachteten Zeitraum (1971) wurde zum Beispiel in Appenzell durch den dortigen Bauernverband eine bäuerliche Krankenkasse eingerichtet, wodurch eine grössere Anzahl Mitglieder in den Genuss eines solchen Versicherungsschutzes kommen konnte. Für Unfälle gab es früher die sogenannten «Heftliversicherungen», mit denen man gekoppelt mit dem Abonnement auf eine illustrierte Zeitschrift auch eine relativ billige Versicherung abschliessen konnte.65 Ziemlich bedeutungslos scheint die Haftpflichtversicherung gewesen zu sein, auch weil damals das Bewusstsein dafür noch kaum ausgeprägt war.
Bei den Sachversicherungen war sowohl in Appenzell wie in Obwalden die Brandversicherung für Gebäude praktisch obligatorisch, nämlich dann, wenn sie hypothekarisch belastet waren. Diese Bestimmung lag im wohlverstandenen Interesse der Gläubiger und konnte nicht umgangen werden. Die Versicherung musste man privat abschliessen, eine obligatorische staatliche Brandversicherung gab es in beiden Kantonen nicht. Auf eine Mobiliarversicherung verzichteten aber die Bauern damals offenbar fast vollumfänglich. Wichtiger, ja von existenzieller Bedeutung war für sie die Viehversicherung. Schon früh, in Appenzell bereits 1914,66 wurden entsprechende Bemühungen unternommen, um die manchmal furchtbaren Folgen der damals noch grassierenden Viehseuchen (Maul- und Klauenseuche, Bangsche Krankheit, Tuberkulose usw.),67 aber auch von Unfällen zu mildern. Dennoch war nach der Aussage der appenzellischen Interviewpartner nur eine Minderheit der Bauern entsprechend versichert.68 In Obwalden gab es in vier Gemeinden durch entsprechenden Beschluss eingerichtete Viehversicherungskassen, die für die dortigen Bauern obligatorisch waren.69 Der Anteil der Versicherten war daher lokal unterschiedlich, scheint aber insgesamt etwa ähnlich klein wie im Appenzellischen gewesen zu sein.70 Die zweite wichtige Sachversicherung für die Landwirtschaft war die Hagelversicherung. Appenzell und Obwalden lagen witterungsmässig in einem Gebiet mit mittlerer Schadenhäufigkeit. Dennoch waren offenbar in beiden Kantonen nur sehr wenige Bauern dagegen versichert, in Appenzell weniger als ein Zehntel aller Betriebe.71 Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, dass in den Gegenden mit Graswirtschaft die möglichen Schäden viel weniger eingreifend waren als in Regionen mit Getreideanbau. Der Anteil der Versicherten könnte in Obwalden deshalb etwas grösser gewesen sein, weil hier besonders auch das Obst betroffen werden konnte. Da es allerdings fast nur für den Eigengebrauch verwendet wurde, spielten mögliche Schäden, die meist eher äusserer Natur waren, ebenfalls eine geringere Rolle als in den gewerblich betriebenen Anbaugebieten.
Das Interesse an den kommerziellen Versicherungen hielt sich vor allem in Innerrhoden aber auch deshalb in Grenzen, weil es hier noch eine Art «religiöse Versicherung» gab. Gegen Wetterunbill gab es eine ganze Reihe geistlicher Abwehrmittel.72 Trat eine Viehseuche auf, so machten offenbar einige Bauern dem zuständigen Patron, in Innerrhoden also in erster Linie dem Heiligen Sebastian,73 ein Gelöbnis, sein Heiligtum, nämlich die Kirche in Brülisau, bei Verschonung am nächsten Kirchenfest mit einer grösseren Gabe zu beschenken.74 Tatsächlich war in solchen Zeiten beim Patronatsfest am 20. Januar nicht nur die Kirche mit Gläubigen, sondern auch die Opferkasse mit Geld prall gefüllt. In Obwalden war von solch spezifischen Gelöbnissen nichts bekannt (sie wurden aber für denkbar gehalten). Allerdings sei es üblich gewesen, präventiv oder nachher zum Dank bei Verschonung von Unglück bei den Tieren, Andachten abzuhalten oder Messen lesen zu lassen.75 Das Beispiel Brülisau zeigt sehr schön, wie barocke religiöse Gewohnheiten noch lange nachwirkten und das moderne rationale Verhalten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein konkurrieren konnten.
3.6
Die Vehikel der Modernisierung: Landwirtschaftliche Schulen und Maschinen
Auf die Frage, auf welchen Wegen in unseren beiden Untersuchungsgebieten das seit dem Ende der 1950er-Jahre bemerkbare Renditedenken, die Zeitdisziplinierung, die Rationalisierung und Modernisierung der Landwirtschaft überhaupt, eingezogen seien, gaben die Interviewpartner zwei ziemlich klare Antworten: Neben den bereits erwähnten Milchzentralen seien die landwirtschaftlichen Schulen und die Mechanisierung die treibenden Kräfte des Wandels gewesen.76
In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es weder in Innerrhoden (und ebenso wenig in Ausserrhoden) noch in Obwalden so etwas wie ein landwirtschaftliches Bildungswesen. Es wurde von der grossen Mehrheit der Bauern als überflüssig, ja geradezu schädlich betrachtet. Der Sohn lernte vom Vater das Notwendige und gab dieses Wissen wiederum seinen Kindern weiter. Auf diese Weise konnten Veränderungen selbstverständlich kaum stattfinden. In einer Konferenz der appenzellischen Geistlichen im Jahre 1943, die sich mit den Problemen der Bauernschaft befasste, wurde von dem Referenten Robert Kehl, Pfarrer in Gonten, die bäuerliche Einstellung als «hyperkonservativ» bezeichnet. Sie würden alle Neuerungen ablehnen.77 Dass Bauernsöhne aus unseren Gegenden an einer der auswärtigen landwirtschaftlichen Schulen Kurse absolvierten, insbesondere die beliebten Winterschulen, war eine absolute Ausnahme.78 Ohnehin konnten sich aus Kostengründen nur ganz wohlhabende Bauern einen derartigen Luxus für ihre Söhne leisten. Die Zurückgekehrten wurden dann aber in ihrer Heimat keineswegs als mutige Pioniere betrachtet, denen man nacheifern sollte. Im Gegenteil, sie wurden misstrauisch und kritisch beobachtet, wenn sie es wagten, etwas anders zu machen, als man es seit Generationen gewohnt war. Missglückte dann das eine oder andere Experiment, so war die Schadenfreude gross. Allerdings verhinderte diese sehr skeptische Haltung nicht, dass diese Aussenseiter in der Regel bald in wichtige Positionen rückten, sei es in den lokalen landwirtschaftlichen Verbänden oder in der Politik, insbesondere im entsprechenden Departement. Dort wirkten sie als Protagonisten einer besseren Ausbildung ihres Standes. In Innerrhoden hatte man nach gescheiterten früheren Ansätzen 1945 wiederum erwogen, einen Landwirtschaftslehrer anzustellen. Da der in Aussicht genommene Kandidat aber ein Protestant war, lief die Geistlichkeit Sturm dagegen, worauf das Projekt vorläufig wieder begraben wurde.79 1957 konnten sich aber dann die «Fortschrittler» praktisch zeitgleich in beiden Kantonen durchsetzen. 1954 wurde nach ziemlichen Widerständen in Appenzell ein Gesetz über die landwirtschaftliche Fortbildung erlassen und gestützt darauf im Winter 1957/58 eine entsprechende Schule eröffnet. Ihr Leiter war der Kapuzinerpater Fintan Jäggi.80 Er hatte nach der Priesterweihe an der ETH ein Studium als Agronom absolviert und wirkte nun bis 1972 als Lehrer, Berater und Bauernseelsorger in Appenzell.81 Mit ihm war sichergestellt, dass die Ausbildung sowohl geistig wie fachlich in kompetenter Hand lag. Der Besuch dieser Schule wurde für angehende Bauern für obligatorisch erklärt, umso mehr als die Bauernsöhne ja meist nur die Primarschule absolviert hatten. Genau im selben Halbjahr wurde auch im obwaldischen Wilen eine landwirtschaftliche Winterschule eröffnet, nachdem schon in der Zwischenkriegszeit die Idee zu einer solchen aufgetaucht war.82 Leiter war ebenfalls ein Geistlicher, nämlich ein als Ingenieur-Agronom ausgebildeter Benediktiner. Die Schule wurde 1971 aus Platzmangel in erweiterter Form nach Giswil verlegt. Damit war eine minimale fachliche Ausbildung der jungen Bauern von der Ausnahme zur Regel geworden. Die auswärtige land- und hauswirtschaftliche Ausbildung der Mädchen dürfte hingegen mindestens in Appenzell bis um 1960 überhaupt nicht existiert haben; es war dies wegen ihrer Hauptbeschäftigung mit der Stickerei ja auch nicht unbedingt notwendig.83 Obwalden war hier wesentlich besser gestellt, denn es hatte mit der bereits erwähnten Bäuerinnenschule in Melchtal ein eigenes Institut dazu.84
Neben den Schulen können noch drei weitere ergänzende Möglichkeiten des Wissenstransfers in Richtung der Moderne eine gewisse Rolle gespielt haben. Die erste sind die Bauernverbände, welche schon ziemlich früh gegründet wurden, in Appenzell 1888, in Obwalden 1860.85 Allerdings waren längst nicht alle Bauern Mitglied, in Appenzell zum Beispiel im betrachteten Zeitraum kaum die Hälfte, in Obwalden noch viel weniger. Die Verbände organisierten im Winterhalbjahr Vorträge und Kurse zu allgemeinen und landwirtschaftsspezifischen Themen, wodurch Interessierte sich über neue Möglichkeiten der Bewirtschaftung informieren konnten.86 Dazu kam die lokale Fachpresse.87 In Appenzell gab es seit 1893 den «Appezeller Bur», eine vom Bauernverband betreute, zunächst monatlich, dann 14-täglich erscheinende landwirtschaftliche Beilage in der lokalen Zeitung «Appenzeller Volksfreund», die laufend über Aktuelles orientierte. In Obwalden war das Gegenstück dazu der monatlich erscheinende «Obwaldner Bauer»; dieser musste aber abonniert werden. Eine letzte Form der Vermittlung von neuem Wissens waren schliesslich jene Bauernsöhne, welche als Knechte in Betrieben des Unterlandes gearbeitet und dort andere und neue Formen des bäuerlichen Wirtschaftens kennen gelernt hatten. Auch ihnen dürfte anfänglich aber noch Skepsis entgegengebracht worden sein.
Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten sich in Appenzell und Obwalden höchstens Grossbauern mit viel Land und Geld Maschinen leisten können, Maschinen, die damals im Mittelland schon verbreiteter waren.88 Die erste Welle der Mechanisierung setzte hier, wie allgemein in den Voralpen und Alpen, erst nach dem Krieg ein, zunächst zögernd, dann ab 1950 rapid. Es waren vor allem die einachsigen Motormäher, welche die Bauern begeisterten, weil sie den Kraft- und Zeitaufwand gegenüber dem Mähen mit der Sense beträchtlich verkleinerten.89 Man konnte sie ausserdem zusätzlich als leichte Zugmaschinen brauchen. Spätestens in den 1960er-Jahren waren solche Mähmaschinen auf fast sämtlichen Bauernhöfen präsent. Die übrigen mechanischen Hilfsmittel kamen in grösserem Umfang erst gegen Ende der 1950er-Jahre auf, also nach dem hier betrachteten Zeitraum, und sind daher hier nicht zu diskutieren. In Appenzell wurden vor allem Heugebläse angeschafft, während man in Obwalden eher Seilwinden für das Einbringen des Heus von steilen Hängen den Vorzug gab. Dazu kamen Güllepumpen und -schlauchsysteme und zuletzt, im grossen Stil allerdings erst weit nach 1960, Melkmaschinen und Selbstladewagen. Soweit die Anlagen stationär waren, wurden sie zum Teil mit Explosionsmotoren, zum Teil elektrisch betrieben. Letzteres setzte den Anschluss des Landwirtschaftsbetriebs ans Stromnetz voraus. In Appenzell wurden ab 1942 auch die abgelegeneren bäuerlichen Liegenschaften systematisch angeschlossen, ein Werk, das in den frühen 1960er-Jahren abgeschlossen war.90 Vorher hatten noch Petrollampen die Stuben erhellt und Holz den Kochherd befeuert; es gab keinen Radio, und Maschinen waren bloss ein Wunschtraum.
Es scheint klar, dass die fortschreitende und immer mehr Bereiche umfassende Mechanisierung der Landwirtschaft anstelle der früher ausschliesslichen Handarbeit nicht nur im engeren arbeitstechnischen Sinn, sondern weit darüber hinaus, sogar mentalitätsmässig, eine tiefgreifende Umwälzung mit sich brachte. Doch ist hier nicht der Ort, alle ihre Konsequenzen zu betrachten, denn zu voller Wirkung gelangten diese erst gegen Ende der 1960er-Jahre. Bereits vorher hatte aber ein Prozess eingesetzt, der die Mechanisierung praktisch unumkehrbar machte und für viele Bauern ein wichtiger Grund war, sich Maschinen anzuschaffen, nämlich der Arbeitskräftemangel. Hatte man früher, in Krisenzeiten, noch problemlos billige Arbeitskräfte finden können, so änderte sich dies in der Hochkonjunktur nach 1950 grundlegend – relativ bequeme und gut bezahlte Stellen in ackerbaulicher Landwirtschaft, in Gewerbe-, Industrie- und Bürobetrieben veranlassten auch in unseren beiden Kantonen Hunderte von Bauernsöhnen ohne Aussicht auf einen eigenen Hof schliesslich zum Umzug ins Mittelland. Auch Nebenerwerbslandwirte schafften gerne Maschinen an: Sie hatten Bargeld zur Verfügung und waren auf die schnellstmögliche Erledigung der anfallenden Arbeiten angewiesen.
Für die erste Welle der Mechanisierung war aber sicher die Arbeitserleichterung und die enorme Zeitersparnis dabei das entscheidende Motiv gewesen. Dazu kam allerdings immer mehr – und das lässt sich bis heute sehr gut beobachten – das Moment, dass die Maschine auch zu einem neuen Statussymbol wurde, das immer mehr neben und anstelle der traditionellen trat. Und nachdem seit Ende der 1950er-Jahre die bäuerlichen Traditionalisten in die Defensive geraten waren, konnte man mit einer brandneuen Maschine Fortschrittlichkeit dokumentieren. Diese Einstellung geriet indes nicht selten in Widerspruch zur sonst gross geschriebenen Rentabilität. Die wenigsten Bauern stellten entsprechende Berechnungen an und waren so klarsichtig wie jener Obwaldner, der bei unserem Interview mit Bestimmtheit erklärte, niemals eine Mähmaschine besessen zu haben, weil sich unter dem Strich deren Anschaffung finanziell nicht gelohnt hätte.91 Es war und bleibt bis heute ein Problem der Landwirtschaft, dass bei Individualbesitz teure Maschinen vielfach längere Zeit ungenützt herumstehen.92 Selbst unter Vernachlässigung der Amortisation und der Unterhaltskosten kostete die Anschaffung einer Maschine eine Stange Geld und konnte, bei dem früher allgemein herrschenden Bargeldmangel, ein finanzielles Wagnis bedeuten. Es gab Familien, welche eisern auf dieses Ziel hin sparten und den Kaufvertrag erst abschlossen, wenn sie die Anschaffung bar bezahlen konnten. Andere verkauften Tiere dafür und nahmen die dadurch verringerten Milcheinnahmen in Kauf, ein nicht sehr wohlüberlegtes Vorgehen. Und wieder andere kauften auf «Pump», ohne sich grosse Gedanken über die Rückzahlung des Kredits zu machen.
Anmerkungen
1 Hersche, 442ff.
2 In AI und OW vor allem durch den ihnen dadurch aufgezwungenen Getreideanbau. Dazu war nicht bloss das Klima ungeeignet, sondern es fehlten den dortigen Bauern auch die notwendigen Kenntnisse und Geräte.
3 Besonders in dem 1952 in der Volksabstimmung angenommenen Landwirtschaftsgesetz und in den damit möglichen, nun reichlicher fliessenden Subventionen. Moser, 193ff.
4 AI M. S.
5 Schläpfer, 596ff.; Tanner.
6 Ebel, 114ff.; Zinzendorf, 215ff.; Schürmann, 229ff. Eine gewisse vorübergehende Konjunktur hatte die Maschinenstickerei in AI in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Grosser, 368f. Immer etwas offener gegenüber der Industrie war die im Vorderland gelegene Exklave Oberegg.
7 Dazu kamen einige kleinere Maschinenfabriken, ein grösserer Steinbruch (Guber), die in 2.7 erwähnte Hutfabrik, sowie kriegsbedingt besonders vor 1945 einige militärische Industrie.
8 Ein Interviewpartner (OW O. B.) erwähnte, dass sein Vater, beruflich Handwerker, eine sogenannte Dächlikappe (Schirmmütze) zu tragen pflegte, und allein deswegen schon als «Sozi» verdächtigt wurde. Bekanntlich trugen führende Kommunisten gerne solche Kopfbedeckungen.
9 OW H. G. Diese Haltung änderte sich erst in den späten 1950er-Jahren, als die Kunststofffabrik in Sarnen entstand.
10 Hier werden nur die männlichen Familienangehörigen betrachtet. Für die Frauen stellten sich ähnliche Probleme, allerdings nahm man von ihnen ohnehin an, dass sie heiraten würden, sei der Gatte ein Bauer oder nicht, oder als Ledige einen der vielen weiblichen Dienstleistungsberufe ergriffen.
11 Grosser, 501.
12 Die Maurer waren seit längerem vielfach Italiener. Für die Bauern ohne Berufslehre bliebt meist nur der wenig geschätzte und schlecht bezahlte Dienst als Handlanger. Vgl. auch 2.7.
13 Vgl. 4.1.
14 PB Haslen 1956. Nach der Aussage eines Obwaldners (E. F.) sollen viele seiner Landsleute früher bei der Zürcher Stadtpolizei gearbeitet haben.
15 AI A. H.
16 OW T. H.
17 OW A. R.
18 Zur Weber-These aus der Sicht der katholischen Kultur Hersche, 94ff.
19 Eine umfassende Untersuchung und ein systematischer Vergleich lagen ausserhalb des Horizonts dieser Arbeit. Vgl. aber die (spärlichen) Hinweise bei Weiss; Guggisberg; Reinhard; Hengartner.
20 Guggisberg, 371f.
21 AI W. F. Ueberwerker: Leute, die mehr als das Notwendige arbeiten.
22 Grosser, 352 (leider ohne Quellenangabe); Hartmann, 154; Schürmann, 241; Stark, Wessenberg, 23. Nur Ebel ist von diesem Vorurteil frei. Einen Hinweis auf das «dolce far niente» der Urner bei Matt, 64. Die Beispiele liessen sich leicht vermehren, für den südeuropäischen Raum sind sie Legion. Hersche, 601ff.
23 Vgl. dazu noch 3.4.
24 Entschuldigt waren selbstverständlich jene Höfe, die einen vernachlässigten Eindruck machten, weil wegen plötzlichen Todes, Unglücksfalls oder Krankheit des Besitzers die notwendigen Arbeiten nicht mehr regulär durchgeführt werden konnten und nicht rasch ein vollwertiger Ersatz gefunden wurde.
25 Vgl. 4.2.
26 Schweiz. für Pedanten.
27 Naturschützer haben selbstverständlich ganz andere Vorstellungen von Schönheit und Landschaftspflege – bis in die Gegenwart ein häufiger Anlass zu Konflikten mit Landwirten.
28 Laur, ein ausgesprochen zahlengläubiger Agronom, beklagt in seinem Werk die Mühe, Datenmaterial von Kleinbetrieben, wie sie für die Voralpen und Alpen typisch sind, zu bekommen. Vgl. 597f. und die interessante kartografische Darstellung dazu. Aus ihr geht hervor, dass es in AI überhaupt keinen Buchhaltungskontrollbetrieb gab (ausser einen in Oberegg), in OW nur vier. Im protestantischen Ausserrhoden waren es immerhin sieben, in den Mittellandkantonen jeweilen zwei bis drei Dutzend. Das konfessionelle Moment war hier allerdings nicht ausschlaggebend.
29 Sogar von Hand sei noch Gras an schwer zugänglichen Stellen gerupft worden. AI W. F.; OW O. B.
30 Dazu noch Felber, 94f. Sie stellt eine Veränderung Mitte der 1970er-Jahre fest.
31 Ebel, 149.
32 Bei dieser Veränderung müssen wohl auch die damals andauernd sinkenden Milchpreise in Rechnung gestellt werden. Allg. zur Milchwirtschaftspolitik und den Verwertungsproblemen in der Schweiz Moser/Brodbeck.
33 Fuchs M., 218ff. (Beitrag Eugster); Fuchs, 102.
34 Die Zucht auf möglichst hohe Milchleistung fand bei reiner Grasfütterung auch biologische Grenzen, die im grossen Massstab erst später durch die Zugabe von Kraftfutter überwunden wurden.
35 Zum Schönheitskult um die Kuh passte auch deren Ausstattung bei solchen Gelegenheiten, etwa durch die in Appenzell üblichen reich geschmückten Schellenriemen. Ebenso fand die Viehschau entsprechend dem Stellenwert der Kuh an einem prominenten Ort statt, nämlich auf dem Landsgemeindeplatz.
36 Insbesondere durch die Einkreuzung der Holsteiner und Swiss Brown aus Amerika.
37 Diese Feststellung gilt weniger für die Schweiz, wo die allermeisten Bauern immer noch eine persönliche Beziehung zu ihren Tieren haben, als für die vollautomatisierten Grossbetriebe mit Hunderten von Kühen im EU-Raum.
38 Hersche, 753ff.
39 Ebel, 161.
40 Vgl. 3.2.
41 AI W. F.
42 Inauen J., Heimweiden, 63.
43 Fellner, 91.
44 Mak.
45 So auch Siegen Jos., 101f.
46 BE E. K.
47 Diese Praxis erwähnt von AI F. B.
48 In AI «Chlenke», in OW «Wyysilyytä» genannt. Manser Joe, 47; Imf VV, 264f.
49 Allg. Moser/Brodbeck.
50 Manser E., 20. Nach Grosser, 500, wären es sogar 37 gewesen.
51 Eine ausführliche Darstellung fehlt, Angaben im Wesentlichen nach Interviews. Reine Milchsammelstellen wie in AI gab es offenbar weniger und erst spät. OW O. B.
52 Laur, 469; OW K. I. Nach ihm wäre die Schweinehaltung sogar das einträglichere Geschäft gewesen.
53 Es löste dies fast Verwunderung aus: Nach der ersten Zahlung von 240 Franken soll eine Familie ausgerufen haben: «Was machen wir mit so viel Geld?» AI E. M.
54 In OW reichte für Käsemilch eine einmalige tägliche Ablieferung am Morgen. In einigen Fällen wurde die Milch vom Käser mit einem Fuhrwerk von den Höfen abgeholt. Man brauchte dann nur die Kannen an den Strassenrand zu stellen. Der zeitdisziplinierende Effekt der Milchablieferung war daher in OW – wie auch die Interviews zeigten – wohl etwas geringer als in AI.
55 Vgl. 7.1 und 9.1.
56 Die Bezahlung richtete sich nämlich nach dem Fettgehalt der Milch.
57 Hersche, Gelassenheit, 40ff.
58 «Die Ausserrhoder haben das Geld, die Innerrhoder brauchen/verputzen es». AI L. H.; J. F.
59 Nach Schürmann, 298, war sie in AI schon im 18. und 19. Jahrhundert sehr hoch.
60 In AI wurde vor allem die Brauerdynastie Locher als Käufer genannt. Allg. noch Moser, 81ff.
61 Vgl. 8.7.
62 In AI. Es galt dort eigentlich ein Verbot für Einsätze über drei Franken, doch konnte es wegen einer unklaren Formulierung leicht umgangen werden. Enq 1038a.
63 Hersche, 767ff.
64 Das Versicherungswesen wird in der allgemeinen und speziellen Literatur zu den beiden Kantonen und der bäuerlichen Bevölkerung praktisch nie oder nur ganz marginal erwähnt. Unsere Darstellung stützt sich daher fast ausschliesslich auf die in den Interviews gemachten Angaben, die aber nicht selten etwas ungenau und widersprüchlich waren. Weitergehende Recherchen mussten aber im Rahmen der Zielsetzung dieser Arbeit unterbleiben.
65 Diese Möglichkeit bestand auch bei der damals führenden katholischen Illustrierten «Der Sonntag».
66 Sutter, 27f.
67 Vgl. im einzelnen Fuchs, 127ff.
68 AI E. M. bezifferte den Anteil auf einen Fünftel; Sutter, 28, nennt anfänglich 3–4 %, für 1988 30 %.
69 Mitteilung Paul Küchler. Obligatorisch waren Beiträge an die Kantonale Tierseuchenkasse. Diese gab es auch in AI, aber nicht obligatorisch.
70 OW P. R., ein guter Kenner, schätzte den Anteil ebenfalls auf einen Fünftel.
71 Schmidli, 26 (Zahlen von 1966).
72 Vgl. 6.6.
73 Zur Sebastiansverehrung vgl. 6.5.
74 Ein Zeitzeuge nannte Summen von Franken 20 oder 50 und meinte dazu: «Das hat funktioniert.» AI W. F.; M. W. Alternativ konnte die Gabe auch den Kapuzinern vermacht werden. AI F. R. Einige der in AI zahlreichen Kapellen und Bildstöcke dürften ebenfalls auf entsprechende Votationen zurückgehen. Belegt sind solche Vorgehensweisen für die Dreifaltigkeitskapelle Schwende und die Martins-Kapelle Schwarzenegg. Buschauer, 22 und 48. Auch in OW gibt es solche Kapellen.
75 OW P. R.; K. I.
76 Zur Agrarmodernisierung (am deutschen Beispiel) nunmehr ausführlich Uekötter, bes. 99ff. und 277ff.
77 LA M 03.02, Pfarrarchiv Appenzell B 5.8.01, Priesterkonferenzen, Prot. vom 7. Sept. 1943.
78 Für AI kam zunächst die Schule in Flawil SG oder eine der zürcherischen Schulen in Betracht, für OW wurden vor allem Pfäffikon SZ und die bernische Bergbauernschule Hondrich genannt. Die Kurse der Winterschulen dauerten meist fünf Monate und fanden zu einer Zeit statt, wo die Schüler gut vom elterlichen Betrieb abkömmlich waren. Vgl. allg. zum landwirtschaftlichen Bildungswesen Laur, 100ff.
79 LA M 03.02, Pfarrarchiv Appenzell B 5.8.01, Priesterkonferenzen, Prot. vom 4. Sept. l945. Ein entsprechender Beschluss war schon 1941 gefasst worden. Fuchs, 29; Sutter, 44f.
80 Nekrolog in IGfr 40 (1999) 166.
81 Diese Kombination war nicht so ungewöhnlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Die nach 1945 noch hohe Zahl von Welt- und Ordensgeistlichen, die gar keine adäquate Verwendung in der Seelsorge fanden, führte dazu, dass sie von ihren Obern zu einem Zweitstudium geradezu aufgefordert wurden. Die in den 1950er-Jahren in der ganzen katholischen Schweiz eingerichtete und zu einem grossen Teil den Kapuzinern anvertraute spezielle Bauernseelsorge hatte sich immer für eine bessere Fachausbildung der Bauern eingesetzt und war in vielen Kantonen mit landwirtschaftlicher Beratung kombiniert. Vgl. dazu bes. Wäspi; Bischof, 140f. Informativ die Protokolle der bis 1973 abgehaltenen Konferenzen der Bauernseelsorger in PAL Sch 645.
82 Dillier, 707; Mitteilung Petra Omlin.
83 Schmidli, 94, erwähnt den Besuch der von Ordensschwestern geführten Haushaltungsschule in Menzingen. Doch dürfte dies eine neuere Erscheinung gewesen sein.
84 Furrer, 67.
85 Zu AI Sutter; Fuchs, 29; zu OW Hundertfünfzig Jahre Bauernverband. Allg. zu den katholischen Bauernverbänden Moser, 96ff.
86 Sutter, 52ff., enthält eine Liste der in Appenzell gehaltenen Vorträge.
87 Die überlokalen Fachzeitungen dürften verhältnismässig wenige, am ehesten die bäuerliche Führungsschicht, abonniert haben.
88 1939 gab es in der ganzen Schweiz schon 8207 Traktoren, in AI aber nur einen einzigen, dazu allerdings bereits 40 Einachser. Zahlen zur Mechanisierung bei Moser, 184 (Schweiz); Schmidli, 92f. (Appenzell); Weishaupt, 582 (Gonten); Altermatt, 277 (Luzern). Zu OW fehlen spezifische Arbeiten, aufgrund der Interviewaussagen dürfte aber von einer weitgehenden Parallelität mit AI ausgegangen werden. Allg. zur Mechanisierung Uekötter, 277ff., 339ff. Vgl. auch Braudel, 477, der ebenfalls im Traktor das entscheidende Instrument der Modernisierung sieht.
89 Die ersten Modelle waren allerdings, wie einige Befragte anmerkten, schwerfällig und technisch noch nicht ausgereift.
90 Schmidli, 103.
91 OW K. M. Der Betreffende berücksichtigte auch etwas, was sonst gerne vergessen wird, nämlich die Amortisation; erwähnte aber auch technische Probleme (für sein steiles Land wäre der Messerbalken zu lang gewesen). Die Hofübergabe an den Sohn fand erst 2004 statt.
92 Vgl. dazu auch Schmidli, 93.
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