Kitabı oku: «Codename Brooklyn.», sayfa 2

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In den biografischen Skizzen der Akteure sollen die Wege von den Herkunftsorten bis zur Rückkehr nachgezeichnet werden, aber auch ihr Einfluss auf die Entscheidungen, die zur Durchführung oder Beteiligung an der Operation Greenup geführt haben – einem Unternehmen, in dem die Fäden der jeweiligen Erfahrungen und Lernprozesse durch konkrete Entscheidungen und zufällige Fügungen verknüpft wurden. Der reiche Erfahrungsschatz durch hohe Mobilität traf auch auf die Gegner der Operation Greenup zu. Manche Beamte der Gestapostelle Innsbruck hatten nicht nur in Tirol Gegner bekämpft und Juden verfolgt, sie taten es vorher oder phasenweise auch woanders in Europa, in der Sowjetunion, in Italien, in Frankreich. Die meisten der überwiegend jungen Akteure dieser Geschichte waren in den Jahren zwischen 1938 und 1945 in vielen Ländern und zum Teil Kontinenten unterwegs. Im April und Mai 1945 befanden sie sich nicht zufällig in den Alpen: Hier dauerte der Krieg in Europa am längsten und auf diese wenigen Hundert Quadratkilometer hatten die alliierten Armeen den ehemals kontinentalen Raum der NS-Herrschaft zusammengezogen.

Im Fokus steht also das Handeln der Protagonisten vor dem Hintergrund ihrer erzwungenen, befohlenen oder freiwilligen Bewegungen durch Europa und Nordamerika, konkret: wie sich Fred Mayer und Hans Wijnberg aus der Ohnmacht der Bedrohung ihres Lebens durch den Antisemitismus lösten, wie Franz Weber zur Desertion fand und, stärker lokal verankert, wie die Frauen von Oberperfuss, allen voran die charismatische Wirtin Anna Niederkircher, dem totalen Herrschaftsanspruch des Nationalsozialismus trotzten oder ihm ein Schnippchen schlugen. Gezeigt werden soll aber auch, welche Handlungsweisen lang Angepasste und Herrschaftsträger des Regimes fanden, um sich aus der totalen Niederlage zu winden. Es handelt sich in vielerlei Hinsicht um Flüchtlings- und Fluchtgeschichten, die in der Operation Greenup aufeinandertrafen, sie aber auch generierten, weil das Auftreten der OSS-Agenten die Handlungsmöglichkeiten lokaler Akteure in den letzten Wochen und in den letzten Bastionen des Deutschen Reichs stark veränderte. Transnational bedeutet aber nicht unbedingt das Gegenteil von national. Gerade ein transnational durchgeführtes Unternehmen wie die Operation Greenup wurde von Politikern, Publizisten und Historikern, den wesentlichen Akteuren der Geschichtspolitik, wie oben skizziert, in nationale Geschichten zurückverwandelt.31

Die Operation Greenup gehört aus meiner Sicht zum jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Rahmen alliierter Kriegsinstitutionen. Die Motive der Schlüsselakteure wurzeln im Kampf gegen den Antisemitismus in Europa und im Widerstand von Jüdinnen und Juden gegen die Verfolgungsund Vernichtungspolitik des NS-Regimes. Bereits ihre Flucht vor dem Zugriff der Nazis kann als ein Aspekt von widerständigem Verhalten gelten. Wie in diesem Buch gezeigt werden soll, war sie nicht nur Voraussetzung für das Entwickeln offensiver Formen von Widerstand, für das Zurückschlagen, sondern eine Erfahrung, in der kämpferische Emotionen entstanden und subversive Techniken erlernt wurden.32 Die Operation Greenup fand im Feindesland statt, dort, wo die Verfolgung der Familien stattgefunden hatte, wo die Täter hausten, wo sich kaum Widerstand gegen sie regte. Hier aber trafen Fred Mayer und Hans Wijnberg auf Menschen, die ihre eigenen Motive und ethischen Orientierungen hatten, um sie zu unterstützten, die zum Teil ebenfalls mit der Bedrohung des Antisemitismus konfrontiert waren, sei es, weil sie nach den Gesetzen der Nationalsozialisten ›Halbjuden‹ waren, sei es, weil sie jüdische Angehörige schützten oder Flüchtlingen halfen. Feindesland traf hier im doppelten Sinn zu, was Mayer damals wahrscheinlich nicht wusste – zumindest geht es aus den überlieferten Quellen nicht hervor. Robert Mosers Frau Margot war ›Halbjüdin‹ und ihre Mutter Helene Barbolani eine ›Volljüdin‹, die jahrelang als ›U-Boot‹ in Innsbruck, geschützt von ihrem Schwiegersohn, lebte. Einer der engsten Partner Fred Mayers, Fritz Moser, war in der NS-Terminologie ebenfalls ›Halbjude‹. Dieser Aspekt des Milieus, an das Mayer anknüpfte, wurde bisher in keiner Darstellung erörtert.33

Ein unrühmliches Kapitel der Nachgeschichte der Operation Greenup, das in der amerikanischen Literatur nicht analysiert wurde, ist die alliierte, deutsche und österreichische Nachkriegsjustiz, der juristische Umgang mit den involvierten Nationalsozialisten aus den politischen, polizeilichen und nachrichtendienstlichen Apparaten des Regimes. Was für bekannte OSS-Operationen wie die Operation ›Sunrise‹ – die Verhandlungen der OSS-Stelle in der Schweiz unter der Leitung von Alan Dulles mit SS- und Wehrmachtsführern über eine vorzeitige deutsche Teilkapitulation in Norditalien – mittlerweile gut nachgewiesen ist, gilt auch für die Operation Greenup: Involvierte Nationalsozialisten, vom hochrangigen Funktionär bis zum Gestapobeamten, wurden hinsichtlich ihrer Verantwortung für und ihrer Beteiligung an politischer Gewalt, wenn überhaupt, nur in geringem Ausmaß zur Rechenschaft gezogen. Ein wesentlicher, wenn auch nicht der einzige Grund dafür war eine zunächst verdeckte, dann immer offener zutage tretende Koalition westlicher Geheimdienste mit den ehemaligen deutschen Gegnern im Kalten Krieg gegen den Kommunismus und die Sowjetunion. Westliche Geheimdienste intervenierten gegen Strafverfolgung oder leisteten Fluchthilfe.34 Gerade im Alpen-Adria-Raum mit seinen umstrittenen Grenzen waren bereits 1944 im antifaschistischen Bündnis zwischen dem Westen, der Sowjetunion und kommunistischen Widerstandsbewegungen aufgrund konträrer Nachkriegsziele deutliche Risse entstanden.35 Die Operation Sunrise ist daher ein militärisch-politischer Kontext, der für die Analyse der Operation Greenup von eminenter Bedeutung ist. Gauleiter Franz Hofer war in diese Verhandlungen auf deutscher Seite involviert, sein Lavieren und schließliches Aussteigen beeinflusste Ende April und Anfang Mai 1945 seine Handlungen gegenüber Fred Mayer, der zu diesem Zeitpunkt in der Gewalt der Gestapo war. Schließlich war der Handlungsspielraum der Gauleiter und lokalen Befehlshaber in den Ruinen des Reiches beträchtlich und es oblag ihrem Gutdünken, ob sie als Desperados Hitler in den Untergang folgen oder einen anderen Ausweg suchen wollten – unter diesen Bedingungen konnte die Operation Greenup entscheidend in das Geschehen eingreifen.

Ohne die Leistungen eines und einer jeden, die sich – früher oder später – gegen das NS-Regime gestellt haben, geringzuschätzen, werde ich im Verlauf der Darstellung gelegentlich an den Nachkriegsbereinigungen der Operation Greenup und des Widerstands kratzen, um den Übergängen und Vermischungen, dem Bastardischen und damit dem Menschlichen mehr Platz zu geben. Wichtige Quellen dieser Arbeit werden im Verlauf der Darstellung kurz vorgestellt und ihre Problematik angesprochen. Anstelle einer akademischen Abhandlung in der Einleitung wurde der Ansatz gewählt, die Dokumente und Interviews im Kontext ihrer Verwendung zu beleuchten.

Auch die Erinnerung wandert durch Transfers und verändert die Vermittlung vergangener Ereignisse. Mit den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm The Real Inglorious Bastards 2011 kehrte die Erinnerung an die Operation Greenup in Person von Fred Mayer wieder an die Schauplätze in Europa zurück. Gezeigt auf vielen internationalen Festivals und in bearbeiteten Fassungen auf europäischen TV-Kanälen, blieb der Film dem Schauplatz Tirol über einige Jahre seltsam fern. Der Artikel von Joachim Riedl auf den Österreich-Seiten der deutschen Wochenzeitschrift Die Zeit regte die Mitarbeiter des Gemeindemuseums Absam an, im Jahr 2015 das erste Screening in Tirol zu veranstalten und eine global-lokale Betrachtung der Operation Greenup zu initiieren. Das vorliegende Buch entstand aus dieser Initiative.


Das Nest der Agenten

Die Kunde von der Festnahme Fred Mayers erreichte Oberperfuss in den frühen Morgenstunden des 21. April 1945, wenige Stunden nachdem auf dem Innsbrucker Adolf-Hitler-Platz (heute ein Teil des Rennwegs) eine Kundgebung der NSDAP zum Geburtstag des Führers geendet und sich die anschließende Parade von Hitlerjugend, Wehrmachts- und Polizeieinheiten sowie der Tiroler Standschützen in der Maria-Theresien-Straße in Explosionen und Tumulten aufgelöst hatte. Luise Weber brachte die Nachricht zu Fuß aus Innsbruck in das kleine Bauerndorf, das wie ein Nest auf einer Terrasse 250 Höhenmeter über dem Inntal liegt. Um Mitternacht war ihre Schwester Margarethe Kelderer hastig in ihrem Dienstzimmer im Krankenhaus Innsbruck aufgetaucht mit dem Ersuchen, die Agenten in Oberperfuss sofort zu warnen: ihren Bruder, den Wehrmachtsdeserteur Franz Weber, und den Funker Hans Wijnberg. Mit einigen Worten erklärte sie ihrer Schwester, dass kurz zuvor Gestapomänner in ihre Wohnung eingedrungen waren und Fred und Eva, eine weitere Schwester, in Handschellen abgeführt hatten. Sie selbst war unter dem Vorwand, sich von ihren kleinen Kindern verabschieden zu wollen, der Festnahme durch einen Aufschub von 24 Stunden entgangen. Dann verschwand Margarethe.

008 Luise Weber, Krankenhaus Innsbruck, ca. 1942.

009 Margarethe Kelderer mit ihrem Bruder Franz Weber, Innsbruck, 1942.

Luise Weber benötigte etwa zwei Stunden, bis sie in ihr Heimatdorf kam. Es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit und es hatte zu schneien begonnen. Sie lief geradewegs zum Hotel Krone, wo sich ihr Bruder versteckt hielt. Die Wirtin Anna Niederkircher verbarg den Verlobten ihrer Tochter Anni seit sieben Wochen im Dachboden des stattlichen Gebäudes. Franz Weber war eines Nachts Ende Februar plötzlich aufgetaucht, mit einem jungen amerikanischen Offizier im Schlepptau. In Oberperfuss war bekannt, dass Franz Weber in Italien aus der Wehrmacht desertiert war und die Militärjustiz ihn in Abwesenheit zum Tod verurteilt hatte.36 Er bat um Aufnahme und um Hilfe für seinen Begleiter. Weber hatte die Fronten gewechselt und half nun den Amerikanern, den Krieg zu gewinnen. Das war Anna Niederkircher nur recht. Sie soll einmal gesagt haben: »Wenn Hitler den Krieg gewinnt, glaube ich nicht mehr an Gott.«37 Ohne langes Nachfragen brachte sie ihn und Fred Mayer in einer Kammer im unbewohnten Dachgeschoß ihres vollbelegten Hauses unter. Der Begleiter ihres künftigen Schwiegersohns war ein mittelgroßer, kräftiger dunkler Typ, kohlschwarzes Haar, braune Augen, und trat ihr mit einem freundlichen Lächeln entgegen. Er machte einen offenen, geradlinigen und sicheren Eindruck, sprach ruhig und überlegt in einem vertrauten schwäbischen Dialekt. Anna Niederkircher und Fred Mayer verstanden sich und mochten einander.

Unter ihrer Ägide im Hotel Krone begann Fred Mayer in den ersten beiden Wochen nach seiner Ankunft Kontakte zu knüpfen: zu Arbeitern des Rüstungsbetriebs Messerschmitt im Nachbardorf Kematen, die hier untergebracht waren, und zu Gästen aus Innsbruck, die wegen der amerikanischen Bombenangriffe in der Krone Ausweichquartier genommen hatten. Von hier flog er zu seinen ersten Erkundungen in die Umgebung und nach Innsbruck aus, hier fand er Unterschlupf und Rast, hier trafen Kurierinnen ein, wurden Nachrichten gesammelt, kamen Helfer und Mitwisser vorbei. Anna Niederkircher schützte den subversiven Verkehr unter ihren Augen mit der ganzen Autorität, die sie als Familienvorständin mit vier Kindern und als Eigentümerin des größten Betriebs im Dorf genoss, seitdem sie 1932 ihren an Magenkrebs erkrankten Mann Anton verloren hatte. Neben dem Gastgewerbe führte sie eine Land- und Forstwirtschaft und einen Schlachthof, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes errichtete sie zusätzlich eine neue Dampfbäckerei. Anna Niederkircher, eine hagere, auf Fotografien zerbrechlich wirkende, stets schwarz gekleidete Frau, führte die Geschäfte mit ruhiger Hand, ging mit ihren Angestellten und Hilfskräften, darunter wohl auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, gut um. Sie wusste, was Verantwortung bedeutete. »Sie hat nie ein lautes Wort gesagt«, erklärte Anna Weber, als der amerikanische Publizist Joseph Persico sie drei Jahrzehnte später nach der Persönlichkeit ihrer Mutter fragte. »Der Fred hat sie geliebt«, sagte die Tochter, »sie hat überhaupt keine Angst gehabt. Sie war eine Persönlichkeit. Obwohl sie ganz ruhig war, hatte jeder Mensch Respekt vor ihr.«38

010 Ortsansicht von Oberperfuss.

011 Hans Wijnberg und Maria Hörtnagl, Oberperfuss, Mai 1945.

Luise Weber weckte Anna Niederkircher und informierte sie über die dramatischen Ereignisse in Innsbruck, dann kehrte sie zurück an ihren Arbeitsplatz. Franz Weber schlüpfte in seine Wehrmachtsuniform, raffte das Nötigste zusammen, schlich aus dem Haus, lief durch zwei Hinterhöfe zum Kraxnerbauern und weckte Hans Wijnberg. Der Holländer kleidete sich an, steckte das Funkgerät in einen Rucksack, vergaß in der Hast seine Chemiebücher und einiges Zubehör, riss noch die über den Hinterhof gespannte Antennenleine ab. Dann rannten sie zwischen den Bauernhöfen auf dem zuvor festgelegten Fluchtweg aus dem Dorf, sprangen über eine hohe Geländestufe aus dem Blickfeld möglicher Beobachter und flüchteten im Schutz des Waldes in ein vorbereitetes Versteck im Nachbardorf Ranggen, von dem nur sie und Alois Abenthung, der ehemalige Bürgermeister des Dorfes, wussten. Ihre Spuren verschwanden im Schneefall.

Anna Niederkircher verständigte Maria Hörtnagl, eine Freundin ihrer Tochter, die einige Häuser weiter auf dem Bauernhof ihres Bruders wohnte. Sie war nun ebenso bedroht, als enge Vertraute, Kurierin und Helferin der Agenten. Dasselbe geschah bei Franz Webers Familie, die gleich nebenan ihren Hof hatte und wo die beiden kleinen Kinder von Margarethe Kelderer bei ihrem Großvater und ihren Tanten untergebracht waren. Auch die anderen Mitwisser und Helfer erhielten Nachricht. Alle blieben in ihren Häusern, niemand flüchtete. Nur Alois Abenthung, der im Jahr zuvor vom Sondergericht in Innsbruck wegen Unterstützung einer monarchistisch-katholischen Widerstandsgruppe zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt worden war, verließ seinen Hof und begab sich auf eine Reise zu seinem Sohn, der in Rosenheim in Bayern in einem Krankenhaus lag.

Es dauerte 24 Stunden, bis ein grüner Gefangenentransporter vor den ersten Häusern des Dorfes haltmachte. Sieben oder acht mit Maschinenpistolen bewaffnete Gestapomänner stiegen aus und zerrten Fred Mayer aus dem Fahrzeug. Dann führten ihn SS-Obersturmführer Wilhelm Prautzsch und SA-Obersturmführer Walter Güttner von Haus zu Haus. Fred Mayer kannte niemanden und niemand kannte Fred Mayer, der entsetzlich aussah. Sein Gesicht war von unzähligen Schlägen verschwollen, an der Stirn klaffte eine blutige Wunde, seine Augen waren nicht erkennbar. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und gehen, sein Rücken und sein Gesäß waren durch Peitschenhiebe schwer verletzt. Er hatte seit seiner Verhaftung weder geschlafen noch gegessen.

Im Hotel Krone gab es keine Auffälligkeiten, aber auf dem Weberhof drohten Prautzsch und Güttner, die Kinder von Margarethe Kelderer als Geiseln mitzunehmen, sollte das Versteck der gesuchten Agenten nicht verraten werden. Doch die Hausleute wussten nichts. Die Durchsuchung der ersten vier Höfe erbrachte keine Hinweise. Als die Kolonne zum Kraxnerhof kam, bemerkte Güttner bei einem Burschen Unsicherheit. Bei der Durchsuchung des Hauses fanden die Gestapomänner Ersatzteile des Funkgeräts, ein kleines Radiogerät, einige Goldstücke, Chemiebücher und drei wissenschaftliche Aufsätze, an denen Hans Wijnberg gearbeitet hatte. Güttner drohte dem Burschen und schlug ihm ins Gesicht. Schließlich gab er zu, dass er Fred Mayer kannte und der gesuchte Mann in der Nacht zuvor aus dem Haus geflohen sei. Wohin, müsse Maria Hörtnagl wissen, die den Mann geführt habe. Die Gestapo holte sie, stellte sie Fred Mayer gegenüber und konfrontierte sie mit den Aussagen des Burschen. Güttner verlangte von ihr, die Gestapo zum Versteck der Agenten zu führen, das Leben von Fred Mayer stehe auf dem Spiel. Maria Hörtnagl wusste nicht, wo Hans Wijnberg und Franz Weber waren, erklärte sich aber auf einen Wink Fred Mayers bereit, die Gestapo zu dem wahrscheinlichen Versteck in einer Berghütte oberhalb des Dorfes zu führen.

012 Anna Niederkircher, Wirtin des Gasthofs Zur Krone, Oberperfuss, Mai 1945.

013 Gasthaus Zur Krone, Oberperfuss, Mai 1945.

SS-Obersturmführer Prautzsch übernahm den Suchtrupp, während Güttner mit drei Gestapomännern zu Mayers Bewachung am Kraxnerhof blieb. Im Juni 1945 beschrieb Güttner die gespaltene Aufnahme auf dem Hof: »Mayer ließ sich von der Bäuerin verpflegen, während wir selbst ohne Nahrung blieben.« Unterdessen führte Maria Hörtnagl Prautzsch und seine Gefolgsleute auf die steilen Hänge des Rangger Köpfls und dort ziellos umher. Die Suche verlief bis zum Einbruch der Dunkelheit ohne Ergebnis. Fünf Stunden später kam der Trupp erschöpft und durchnässt zum Kraxnerhof zurück. Nach einer neuerlichen Einvernahme Hörtnagls, die glaubhaft versicherte, am Vortag einem Mann den Weg in die Berge gezeigt zu haben, entschieden Prautzsch und Güttner, die Suche vorerst abzubrechen. Sie führten Fred Mayer ab und brachten ihn in das Gestapogefängnis zurück. Die beiden Beamten waren seit vier Tagen fast durchgängig im Dienst, hatten Verhaftungen und ›verschärfte‹ Vernehmungen durchgeführt, um eine bisher unbekannt gebliebene Widerstandsorganisation rund um eine amerikanische Agentengruppe aufzudecken. An diesem Abend waren sie am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Bald nachdem der Gefangenenwagen abgefahren war, läutete in Oberperfuss die Kirchenglocke zu ungewohnter Stunde und länger als üblich. Anna Niederkircher hatte den Dorfpfarrer um eine Messe ersucht, um für Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber zu beten.

Margarethe Kelderer machte sich nach der Alarmierung ihrer Schwester Luise zu Fuß auf den Weg Richtung Bayern. Aus BBC-Sendungen wusste sie, dass die alliierten Truppen nicht mehr weit von München entfernt waren. Sie fand in einem Kloster im Münchner Stadtteil Pasing Zuflucht. Die Nonnen überließen ihr eine Zelle im Keller des Gebäudes. An einem der letzten Tage, wahrscheinlich am 27. April, beobachtete sie durch eine Kellerluke, wie SS-Männer völlig abgemagerte KZ-Häftlinge in den Garten des Klosters trieben. Ein SS-Mann schlug einen von ihnen mit einem Gewehrkolben nieder, als dieser versuchte, Wasser aus einem Bach am Rand des Gartens zu trinken. Sie sah den Todesmarsch von Häftlingen aus dem KZ Dachau in die angebliche ›Alpenfestung‹ in Tirol.

Fred Mayer sagte über die Frauen von Oberperfuss: »Die Einzigen, denen man wirklich trauen konnte, waren die Frauen, die waren stur wie Eisen.«39


Reise nach New York

Als Hans Wijnberg am 26. Februar 1945 knapp nach Mitternacht in den Stubaier Alpen aus dem Flugzeug sprang, stand er bereits seit mehr als einem Jahr im Dienst des Office of Strategic Services. Der junge Amsterdamer Jude passte ausgezeichnet in das Anforderungsprofil des OSS, als er Anfang Dezember 1943 von einem Talentesucher zu einem Interview geladen wurde. Mit seiner Herkunft, der hohen Motivation, seinen Sprachkenntnissen, seiner engagierten Persönlichkeit und seinem Scharfsinn stach er aus der Masse der frisch ausgebildeten Soldaten im Camp Fannin in Texas heraus. »Wollen Sie Ihr Land befreien?«, fragte ihn der Offizier.40 Gemeint waren die Niederlande. Ja, lautete die Antwort, aber das Land, dem Wijnberg zugehörte, waren bereits die USA – einige Tage zuvor hatte er im Camp die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen.41 Wijnberg dachte wohl weniger an sein Land als an die Menschen, von denen er seit fast zwei Jahren nichts mehr gehört hatte, nachdem er im Mai 1939 noch als Minderjähriger zusammen mit seinem Zwillingsbruder Loek über Rotterdam in die USA emigriert war und die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzt hatten. Er konnte nur hoffen, dass seine Familienangehörigen noch lebten.

014 Die Familie Wijnberg, Overveen, 17. Mai 1939.

Bereits im Mai 1938, zwei Monate nach Österreichs ›Anschluss‹ an Deutschland, hatten die Niederlande ein Einreiseverbot für jüdische Flüchtlinge erlassen und sie zu »unerwünschten Elementen« erklärt.42 Nach den Pogromen der Nationalsozialisten im November 1938 wurden die Restriktionen zwar etwas gelockert, unbeschränkte Zufluchtsorte für Juden aus Deutschland oder Österreich waren aber nirgends in Sicht. Die Situation für Flüchtlinge in den Zufluchtsländern wurde zudem immer schlechter. Die niederländische Regierung erklärte im Land befindliche Juden aus Deutschland zu illegalen Ausländern, also zu Rechtlosen. Der Druck auszureisen stieg, aber weder die USA noch Frankreich oder Großbritannien erklärten sich zur Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen aus Deutschland bereit. Dieses Dilemma hatte sich schon im Juli 1938 abgezeichnet, als in der französischen Stadt Évian 32 Staaten keine Einigung über die Aufnahme von Flüchtlingen zustande brachten. Kein Staat wollte sich die Beziehungen zu Deutschland verderben. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel und Hitler damit den Zweiten Weltkrieg auslöste, war es für die meisten noch in Europa verbliebenen Juden zu spät. Hans’ und Loeks Eltern Leonard und Henriëtte hatten nicht mehr das Glück, den Deutschen zu entkommen. Der ursprüngliche Plan war gewesen, so bald wie möglich nachzukommen – das geht aus den Einreisepapieren für Hans und Loek aus dem Jahr 1939 hervor: Beide Visa hatte ihr Vater Leonard mit der Absicht einer dauerhaften Einwanderung und der Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft beantragt. Die Ausreise der Eltern hakte an zwei Hindernissen. Das erste war finanziell: Sie hatten nach der Überweisung des Unterhalts für die Zwillinge in den USA nicht mehr genug Geld für die eigene Ausreise. Das zweite hatte mit Verantwortungsbewusstsein zu tun: Leonard, der schon früh die Amsterdamer Simson-Fabrik seines Vaters übernehmen musste, die einen Spezialleim und Flickzeug für Fahrradschläuche herstellte, fühlte sich gegenüber den zwanzig Arbeitern des Unternehmens verpflichtet. Er konnte nicht einfach die Fabrik schließen oder verkaufen und sie ihrem Schicksal überlassen – so erklärte es Hans Wijnberg später seiner in den USA geborenen Tochter Audrey.

Aus heutiger Sicht erscheint die Entscheidung der Eltern, ihre minderjährigen Söhne alleine in die USA zu schicken, vorausschauend, weise und mutig. Damals war sie jedenfalls ungewöhnlich, auch in der engeren familiären Umgebung. Die meisten Niederländer fühlten sich sicher, und als eben solche Niederländer empfanden sich auch die meisten Juden, die in den Niederlanden lebten. »Leo ist verrückt, dass er zwei Kinder allein nach Amerika schickt, wo die Indianer und die Cowboys sind und es viele Schwierigkeiten gibt«, hieß es in der Verwandtschaft, wie Hans Wijnberg sich später erinnerte. Noch im April 1940, als die meisten Fluchtrouten für Juden aus Zentral- und Osteuropa geschlossen waren und die Invasion der Wehrmacht in den Niederlanden nur einen Monat bevorstand, seien Bekannte der Familie sorglos von einem USA-Besuch in die Niederlande zurückgekehrt. »Warum fahrt ihr zurück?«, fragte Hans sie am Kai in New York. Sie aber waren vollkommen überzeugt, dass die Deutschen nicht einmarschieren würden, da sich die Niederlande wie im Ersten Weltkrieg neutral verhalten und verschont bleiben oder, wenn sie sich doch verteidigen müssten, die Deutschen besiegen würden. Dieses Vertrauen in die innere Stabilität und den Status der Neutralität spiegelt sich in der amerikanischen Einwanderungsstatistik wider. Gegenüber den 1920er-Jahren war die Auswanderung aus den Niederlanden in die USA und nach Kanada deutlich zurückgegangen, mit einem Tiefstand von nur 79 Personen im Jahr 1932. 1938 waren es 213 Personen. Erst 1939 stieg die Zahl vergleichsweise stark auf knapp 700 an.43


015 Fahrrad-Reparaturset Simson, produziert in Leonard Wijnbergs Amsterdamer Fabrik.

Aus den Briefen der Eltern erfuhren die beiden in Brooklyn, New York nicht nur vom Tod ihrer geliebten Großmutter bald nach ihrer Abreise. Leonard gab seinen Söhnen ethische und praktische Ratschläge zur Lebensführung und unterrichtete sie über die politische Entwicklung in Europa. In einem Brief vom 31. Mai 1940 schilderte er die Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Niederlanden und beschrieb das übermächtige Aufgebot der deutschen Luftwaffe, die am 14. Mai Rotterdam bombardierte und niederbrannte, nachdem die niederländischen Streitkräfte dort starken Widerstand geleistet hatten und die königliche Familie und die Regierung entkommen waren. Einen Tag später erzwang die Wehrmacht die Kapitulation. Die Söhne erfuhren zwar, dass es Festnahmen gab und Geschäfte geschlossen wurden, aber die Eltern versuchten in dem, was sie schrieben, positiv und optimistisch zu bleiben. Doch das Schreiben klang wie ein Abschiedsgruß. Die Eltern ließen die Zwillinge wissen, wie glücklich sie seien, dass diese in New York in Sicherheit waren. Im Jänner 1942 kam der letzte Brief in Brooklyn an. »Die ganze Welt steht in Flammen«, schrieb Leonard seinen Söhnen.

Nach dem deutschen Überfall auf die benachbarten Demokratien war die Flucht aus den Niederlanden fast aussichtslos geworden. Nach Süden war der Weg versperrt, was blieb, war der Seeweg nach England. Doch nur etwa 3000 Niederländer erreichten auf Booten noch die rettende Insel, unter ihnen lediglich einige hundert Juden. Etwa 130.000 Juden blieben der deutschen Besatzungsherrschaft ausgeliefert. Österreicher übernahmen in der Zivilverwaltung führende Positionen: Arthur Seyß-Inquart wurde von Hitler zum Reichskommissar bestellt, ihm unterstanden vier Generalkommissare. Neben dem Deutschen Fritz Schmidt, der die Interessen der NSDAP vertrat, handelte es sich um drei gebürtige Österreicher: Den Posten des Generalkommissars für Verwaltung und Justiz schanzte Seyß-Inquart dem Salzburger Friedrich Wimmer zu, jenen des Generalkommissars für Wirtschaft und Finanzen dem Niederösterreicher Hans Fischböck, der bereits der österreichischen ›Anschluss‹-Regierung angehört hatte.44 Der steirische SS-Mann Albin Rauter war für das Sicherheitswesen zuständig und befehligte alle deutschen SS- und Polizeieinheiten. Zusammen mit Seyß-Inquart verantwortete er die Durchführung der antijüdischen Politik in den Niederlanden. Im Februar 1944 schrieb er an den Reichsführer-SS, Heinrich Himmler: »Das eigentliche Juden-Problem in Holland kann als gelöst betrachtet werden.«45

Leonard Wijnberg hatte seine Söhne 1939 aus einem einzigen Grund in die USA geschickt: weil er befürchtete, dass Hitler bald einen Krieg beginnen, die Niederlande überfallen und die dortige jüdische Bevölkerung der Gewalt der Nationalsozialisten ausgeliefert sein würde. Aus erster Hand hatte er gehört, was sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 abgespielt hatte, von Flüchtlingen, die seit 1933 aus Deutschland und seit 1938 aus Österreich auch nach Overveen, in die Heimatstadt der Wijnbergs westlich von Amsterdam, gekommen waren. Sicher registrierte er auch, wie die westeuropäischen Regierungen auf die jüdischen Flüchtlinge reagierten und mit ihnen umgingen. Lange erklärt hatte er seinen Söhnen den Zweck der Reise nach New York nicht. »Auf das Schiff, Burschen«, lautete die Parole, erinnerte sich Hans Wijnberg viele Jahre später. »Hans, die Zukunft ist Chemie«, waren die letzten Worte, die er von seinem Vater hörte.46

Leonard und Henriëtte stammten aus streng orthodoxen jüdischen Familien in Groningen. Sie heirateten 1922, lösten sich aber schon als junge Erwachsene wie viele ihrer Generation von den frommen Traditionen und begannen ein säkulares Leben, in dem zwar hohe jüdische Festtage und die Bar Mizwa ihren Platz hatten, regelmäßige Synagogenbesuche und religiöse Unterweisungen aber nicht zum Alltag gehörten. Weltanschaulich orientierten sie sich vorwiegend an Liberalismus und Sozialismus, zwei der vier gesellschaftspolitischen Säulen neben dem Katholizismus und Protestantismus, die in den Niederlanden auf der Basis einer geteilten Akzeptanz bürgerlich-demokratischer Werte im Vergleich zu anderen europäischen Gesellschaften für relativ stabile Verhältnisse sorgten.47

Viele assimilierte Juden in den Niederlanden mag die seit Ende des 18. Jahrhunderts geltende rechtliche Gleichstellung in Sicherheit gewogen haben – unvorstellbar eine Entwicklung wie in Deutschland. Leonard jedoch war, obwohl er keine höhere Schulbildung genossen hatte, da sein Vater früh starb und er nach vierjährigem Militärdienst zwischen 1915 und 1918 die Simson-Fabrik übernehmen musste, nicht nur kulturell hochgebildet und interessierte sich für Kunst und Philosophie, sondern setzte sich auch aktiv mit dem in Europa blühenden Faschismus, dem Nationalsozialismus und ebenso mit dem Stalinismus auseinander.

016 »Wählt Demokraten«. Plakat der Eenheid door Democratie, 1937.

Auch in den Niederlanden gab es eine faschistische, später nationalsozialistische Partei, die Nationaal-Socialistische Beweging (NSB). Unter ihrem Führer Anton Mussert erhielt sie bei der Wahl 1935 knapp acht Prozent der Stimmen. Ein wesentlicher Zug der antidemokratischen Agitation der NSB kam in ihrem antikommunistischen Slogan ›Mussert oder Moskau‹ zum Ausdruck. Wie ihr deutsches Vorbild versuchte die NSB mit Aufmärschen und Kundgebungen den öffentlichen Raum zu besetzen. Um dieser Agitation auf den Straßen und Plätzen entgegenzutreten, initiierten im Juni 1935 Liberale und Sozialdemokraten die parteiunabhängige Bewegung Eenheid door Democratie (Einheit durch Demokratie, EDD). Zu ihren 71 Gründern gehörte auch Leonard Wijnberg. Der Bewegung schlossen sich bis 1939 gut 30.000 Personen als Mitglieder an. Sie veranstaltete offensive Kampagnen mit Massenkundgebungen und Aufrufen, demokratisch zu wählen (›Weder Mussert noch Moskau‹), affichierte Plakate, verteilte Flugblätter und gab eine Zeitschrift heraus. Den Gegner auf seinem eigenen Boden treffen, lautete eine Devise der EDD.48 Die Mobilisierung – auch andere antifaschistische Bewegungen trugen dazu bei – brachte die NSB in die Defensive. Bei der Wahl 1937 erhielt sie nur mehr vier Prozent der Stimmen.

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