Kitabı oku: «Codename Brooklyn.», sayfa 3
Die antifaschistische Haltung und das Engagement des Vaters beeindruckten die Söhne. Einige Ereignisse prägten sich Hans Wijnberg besonders ein: Der Vater war drauf und dran, nach Spanien zu reisen, als die Faschisten 1932 erstmals gegen die gewählte demokratische Regierung putschten. »Wenn ich keine Familie hätte, würde ich im Spanischen Bürgerkrieg kämpfen«, sagte er dem damals zehnjährigen Sohn. Er drehte eine Radioübertragung der Olympischen Spiele 1936 aus Berlin ab, weil sich Hitler geweigert habe, dem schwarzen US-Athleten Jesse Owens die Goldmedaille umzuhängen.49 Vor Wahlen agitierte er gemeinsam mit den zwanzig Arbeitern seines Betriebs auf der Straße gegen die Mussert-Partei. Denn obwohl sich das Leben der Familie in nichts von dem ihrer Umgebung unterschied, wusste Leonard um die Differenz, der nicht zu entkommen war: Sie waren Juden, und es waren die Juden, die zuallererst von den Nazis bedroht sein würden.
Einiges, das wir über die Wijnbergs aus dieser Zeit wissen, stammt aus Filmszenen, die mit Sicherheit Jo Paerl gedreht hat, der Mann von Leonards Schwester Rosa. Anders als Leonard hatte er in Amsterdam nicht das Gewerbe des Vaters übernommen, in seinem Fall Diamantenschleifer, sondern sich in den 1920er-Jahren in der aufstrebenden Unterhaltungsindustrie selbstständig gemacht. Bis 1940 spielte er mit seinem Filmverleih Universal Film Agency und als Miteigentümer der Produktionsfirma Holfi eine wichtige Rolle im holländischen Filmgeschäft.50 Als die deutsche Wehrmacht am 10. Mai frühmorgens die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich zugleich und ohne Kriegserklärung angriff, befand sich Jo Paerl gerade für Dreharbeiten in Brüssel, seine Frau Rosa und seine Tochter Jetty waren ihm am Tag zuvor nachgereist. Kaum jemand hatte die Vorstellungskraft für ein derart radikales Vorgehen Hitlers aufgebracht.51 Mit einem Auto schafften die Paerls noch knapp die Flucht von Brüssel nach Bordeaux, von wo aus sie per Schiff nach England gelangten. Jo und Jetty Paerl beteiligten sich im Exil an der Propaganda gegen die deutsche Herrschaft in ihrem Land. Unter dem Spitznamen Jetje trat Jetty ab März 1941 regelmäßig als Sängerin in Radio Oranje auf, der Radiostation der niederländischen Exilregierung in London zur Unterstützung des holländischen Widerstands. Sie sang Lieder, die ihr Vater schrieb und arrangierte, etwa das Spottlied auf die NSB, Voor zes rooie centen (Für sechs rote Cent).

017 Jetty Paerl, Stimme des niederländischen Exil-Widerstands, 1940–1942. Cover einer LP mit ihren Liedern, 1968.
| Op den hoek van de straat | An der Straßenecke |
| Staat een N.S.B.-er, | Steht ein NSBer, |
| Is geen man, ’t is geen vrouw, | Es ist kein Mann, es ist keine Frau, |
| Maar een ras-plebejer! | Sondern ein Rassen-Prolet! |
| Met een krant in zijn hand, | Mit einer Zeitung in der Hand, |
| Staat hij daar te venten; | Steht er da, um zu agitieren; |
| En verkoopt zijn vaderland | Und verkauft seine Heimat |
| Voor zes rooie centen. | Für sechs rote Cent. |
Jetje van Radio Oranje wurde während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden berühmt und beliebt, zumindest unter jenen, die das Ende der deutschen Herrschaft herbeisehnten. In England trat Jetty dem Frauenhilfskorps der niederländischen Exilarmee bei. Nach der Befreiung Belgiens und der Niederlande sang sie mit Marlene Dietrich für die amerikanischen Soldaten.52 Als 1956 in Lugano zum ersten Mal der Eurovision Song Contest stattfand, wurde ihr die Ehre zuteil, die Niederlande zu vertreten.
Jetty dürfte nach dem Versiegen der Korrespondenz mit den Eltern nach dem Jänner 1942 auch die Letzte aus der Familie gewesen sein, von der Hans Wijnberg noch gehört hat – und zwar über die BBC. Als er im Dezember 1943 als Infanteriesoldat der US-Armee jenen Personalbogen ausfüllte, der ihm die Aufnahme in das OSS bescherte, führte er jedenfalls unter der Rubrik ›Verwandte, die im Ausland leben‹ Onkel Jo an, eine genaue Adresse wusste er nicht, deshalb schrieb er: Radio Oranje, London.

018 Bay Ridge in Brooklyn, erster Wohnbezirk von Hans und Loek Wijnberg nach der Emigration 1939.
Da hatte Hans Wijnberg in den USA schon lange eine neue Heimat gefunden. Angekommen mit der SS Statendam am 25. Mai 1939 in den Docks von Hoboken, New Jersey, waren Bruder Loek und er so wie hunderttausende Migranten vor ihnen zuerst in Brooklyn gelandet. Und hatten wie so viele vor ihnen Aufnahme bei Menschen gefunden, die bereits zuvor als Immigranten angekommen waren. 3600 Dollar hatte Vater Leonard auf einem Bankdepot in New York hinterlegt, die er letztlich nur durch eine Hypothek auf das Haus der Familie aufbringen konnte – der Betrag entsprach in etwa seinem Jahreseinkommen. In Brooklyn gewann er zudem einen Bekannten, Joseph Ritmeester, dafür, die Buben bei sich aufzunehmen. Mit dem Bankdepot konnte Ritmeester gegenüber den US-Einwanderungsbehörden den Unterhalt der Zwillinge garantieren, was eine Voraussetzung für die Erteilung der Visa war.
Joseph Ritmeester war 1896 als Dreijähriger mit seinen Eltern nach New York gekommen, hatte das Handwerk eines Diamantenschleifers erlernt, der einzigen Profession, in der die Juden in den Niederlanden den Ton angaben, nachdem sie über Jahrhunderte eine ihrer wenigen Erwerbsmöglichkeiten gewesen war. Er hatte zunächst in einer Fabrik gearbeitet und war nun bei einem Juwelier angestellt, während seine 42-jährige Frau Charlotte den Haushalt in der 70. Straße in Bay Ridge führte. Sie war als Kind polnischer Eltern, die aus Deutschland immigriert waren, bereits in New York geboren. Wie Joseph hatte sie nicht mehr als acht Jahre Elementarschule absolviert, beide waren seit mehr als zwanzig Jahren kinderlos verheiratet.
Bay Ridge im südwestlichen Teil Brooklyns lag am Ende einer endlosen Strecke von Docks und Kais mit einem zum Teil maroden Hinterland aus Lagerhallen, Speichern, Kohlen- und Steinhalden, Zuckerfabriken, Brauereien und Schiffsausrüstern. Es war ein ursprünglich von holländischen Siedlern gegründetes Dorf, Anfang des 20. Jahrhunderts ein beliebter Sommeraufenthaltsort reicher Industrieller und Bankiers und nun ein Stadtteil der weißen Mittelklasse, ähnlich, aber wohl etwas weniger gepflegt als Overveen. Von den 120.000 Einwohnern war ein Viertel noch in Europa geboren, vorwiegend in Skandinavien. In den Straßen rund um die 70. lebten hauptsächlich italienische Einwanderer.53
Sobald Hans und Loek den Schulabschluss in der Tasche hatten – inzwischen waren sie mit den Ritmeesters schon zweimal umgezogen, zuletzt in die 83. Straße –, machten sie sich selbstständig. Loek wurde wenige Wochen nach Schulschluss in die Armee einberufen, Hans zog weiter in den Norden Brooklyns in ein Heim der Young Men’s Christian Association (YMCA). Das Geld des Vaters war aufgebraucht und die Beziehung zu den Ritmeesters wohl eher eine Zweckbeziehung gewesen, denn Hans führte die beiden gegenüber dem OSS nicht als Bezugs- oder Auskunftspersonen an. Auch aus der späteren Zeit, als er abends Organische Chemie studierte, zunächst am Polytechnic Institute Brooklyn und danach an der Brooklyner St. John’s University, gab er im OSS-Personalbogen auf die Frage nach drei Nachbarn an seinem letzten Wohnort lediglich an: Billy, Kellner im Restaurant gegenüber der YMCA, sowie den Portier und den Bibliothekar der YMCA, von denen er jeweils den Namen nicht kannte.
Dennoch empfanden sich die Zwillinge binnen kürzester Zeit als Amerikaner, erinnerte sich Hans Wijnberg später, was wesentlich damit zu tun hatte, dass sie sich in der Schule rasch integriert hatten und ausgezeichnete Leistungen erbrachten. In den Niederlanden hatten sie zwar das Kennemer Lyceum besucht, eine liberale Privatschule, die den Ruf einer ›Reichenschule‹ hatte, aber wie Hans Wijnberg erzählte, gab es dort zwei Arten von Schülern: jene, die zu Hause Tennisplätze hatten, und jene mit Tennisschlägern. Die Wijnberg-Zwillinge selbst besaßen gebrauchte Tennisschläger. Hans war auch alles andere als ein herausragender Schüler, eher unruhig, ungeduldig und eigensinnig, und hatte dafür viele Strafen kassiert. Beide Söhne wiederholten die dritte Klasse der Mittelschule. Sicher war das Niveau der Schule hoch: Sie lernten dort Englisch, Französisch und Deutsch so gut, dass sie in New York keine Sprachprobleme hatten und die US-Armee Hans’ Französisch- und Deutschkenntnisse 1943 als ›fließend‹ einstufte. In New York hatte der Vater für sie die Brooklyn Technical High School ausgewählt, eine Bubenschule mit 6000 Schülern, die ein naturwissenschaftliches Curriculum anbot. Hans tat sich als Redakteur der Schulzeitung hervor, war Präsident des Schachklubs und Kapitän des Schulschachteams.54 Schließlich graduierte er mit Auszeichnung, nur zwölf von 400 Schülern seines Jahrgangs waren besser als er. Sein Interesse galt der Chemie, er schloss das Fach als Zweitbester der Schule ab.
019 Hans Wijnberg in New York, ca. 1939.
Mit diesem Zeugnis hatte Hans keine Schwierigkeiten, einen Job als Chemiker zu finden. Unweit der YMCA, in Williamsburg, fand er Beschäftigung als Assistent im Forschungslabor von Charles Pfizer & Co, einem der damals innovativsten Pharmaunternehmen der Welt, gegründet von einem deutschen Einwanderer. Unter der Anleitung von Peter Regna führte Hans dort organische und anorganische Analysen durch. Regna arbeitete mit Hochdruck an einem Verfahren zur industriellen Produktion von Penicillin, das aufgrund der beschränkten Herstellung bisher nur innerhalb des Militärs, aber nicht im zivilen Leben Verwendung fand. Die US-Regierung finanzierte diese Arbeiten im Pfizer-Labor, die 1944 schließlich zum Erfolg führten. Regna erfand eine Methode der Isolation und Reinigung des neuen Antibiotikums, die die bisherige Herstellung durch Fermentation verschiedener chemischer Substanzen revolutionierte.55
Hans fuhr jeden Tag mit dem Rad fünfzehn Minuten ins Labor und verdiente die für einen 20-jährigen Schulabsolventen stolze Summe von 30 Dollar in der Woche. Ausgaben hatte er wenige: sechs Dollar pro Woche für die Unterkunft, ansonsten kaum Zeit für Vergnügungen. Das soziale Leben spielte sich woanders ab: bei der aus Deutschland stammenden Familie Frank in Teaneck, New Jersey, mit deren zwölf Jahre älterem Sohn Albert Hans und Loek eng befreundet waren. Nach dem Eintritt in die Armee hatte Hans bei ihnen seinen legalen Wohnsitz. Am wichtigsten aber war für Hans die Familie Dekker, die in der Bronx lebte. Die Dekkers wurden aus mehreren Gründen zu einer Art Ersatzfamilie: Sie waren eine jüdische Familie, die aus Amsterdam kam und ebenso eng mit den Naturwissenschaften verbunden war wie die eigene. Vater Maurits Dekker hatte Chemie studiert, sich aber weniger im Labor denn als Pionier des wissenschaftlichen Publizierens verdient gemacht, indem er in den Niederlanden den ersten Direktversand für chemische und pharmazeutische Literatur aufbaute. 1939 betraute ihn das traditionsreiche Amsterdamer Verlagshaus Elsevier mit der Aufgabe, in New York eine Niederlassung zu gründen. Unter dem Eindruck des deutschen Angriffs auf Polen entschied er sich im Oktober 1939, nicht alleine nach New York zu gehen, sondern seine Familie mitzunehmen. Das Elsevier-Projekt hatte das Ziel gehabt, ein englischsprachiges Programm einzurichten und so den wissenschaftlichen Austausch zwischen den USA und Europa voranzutreiben. Mit dem deutschen Angriff auf die Niederlande war es tot. Zudem würden jüdische Wissenschaftler nicht mehr in dem Amsterdamer Verlag publizieren können. So gründete Dekker 1940 in der Bronx gemeinsam mit dem deutschen Chemiker Eric Proskauer den Wissenschaftsverlag Interscience, der auf Deutsch erschienene Forschungsarbeiten für den angloamerikanischen Raum zugänglich machte und europäische Publikationstraditionen, etwa die Einführung von Reihen, erfolgreich in den USA etablierte. Sehr rasch publizierte Interscience heute als Klassiker der Chemie geltende Werke wie die Encyclopedia of Chemical Technology.56 Dekker gehörte zu der Minderheit jüdischer Immigranten aus Europa, die unter schwierigen Bedingungen schnell im amerikanischen Business Fuß fassen konnten. Im Haus der Dekkers fand Hans eine offene Atmosphäre, die ihn so inspirierte und anspornte, wie es seine Eltern getan hatten. Und da war Elizabeth, die 16-jährige Tochter der Dekkers, mit der sich Hans im Dezember 1943 verlobte und die er 1946 heiraten sollte.
Zu diesem Zeitpunkt war Hans bereits Infanterist der US-Armee. Als niederländischer Staatsbürger hätte er auch in die Streitkräfte der Niederlande eintreten können, die in New York ein Rekrutierungsbüro unterhielten und in Kanada Rekruten ausbildeten, allerdings für den Einsatz gegen Japan, das im Jänner 1941 als Verbündeter Deutschlands die niederländischen Kolonien in Südostasien besetzt hatte. Die Vorstellung, nach Kanada transferiert zu werden und dann in Indonesien gegen Japan zu kämpfen, passte nicht zum neuen Zugehörigkeitsgefühl, das Hans und Loek in den vergangenen Jahren in Brooklyn entwickelt hatten: »Wir waren vollkommen amerikanisch.«57
Die Brüder beantragten die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im Juli 1943 erhielt Hans den Einberufungsbefehl zur Infanterie, fünf Monate Grundausbildung im Camp Fannin folgten. Ein Viertel der Soldatenschar, die mit Hans im Zug nach Texas saß, war ausländischer Herkunft, schätzte er später. Die rein materiellen Lebensumstände änderten sich in der Armee zum Besseren: gute Unterkunft, echt gutes Essen, gute Kleidung. Zudem gab es 20 Dollar Taschengeld im Monat, mit denen man nicht mehr tun konnte als rauchen, trinken und zu Prostituierten gehen – nichts von dem hatte Hans bisher getan und er beließ es dabei. Nach vier Monaten in Texas schrieb der einfache Soldat in seinen Personalbogen auf die Frage, ob er Rauschmittel konsumiere oder konsumiert habe: nur Champagner zu Silvester, sonst nein.
So angenehm die Rundumversorgung durch das Militär war, so schwer fiel ihm die Unterordnung unter das militärische Regime von Befehl und Gehorsam. Er wusste vieles besser als die Vorgesetzten und hatte stets eigene Ideen, erinnerte sich Hans. In der Beurteilung durch seinen Offizier am Ende der Grundausbildung liest sich das so: intelligent, couragiert, aber noch etwas kindisch. Arbeitet hart und verlässlich. Unter richtiger Führung ein äußerst nützlicher Nachwuchsoffizier für Einsätze im Kampfgebiet.
Der Sicherheitscheck verlief ohne Überraschungen. Die vertraulichen Auskünfte, die das OSS über Hans Wijnberg einholte, standen der Beurteilung durch die Armee in nichts nach. Sie empfahlen ihn aufgrund seiner Loyalität, seiner Fähigkeiten und seines Charakters in höchstem Maße für Spezialeinsätze in Europa. Ein anderer der 35 Soldaten, die sich damals in der OSS-Zentrale in Washington eingefunden hatten, war Frederick Mayer.

Freiburg und Brooklyn
Die Aufnahme läuft. Der Interviewer beginnt damit, den Tag und den Ort des Gesprächs aufzuzeichnen. Es ist Dienstag, der 5. Juli 1977. Wir befinden uns im Haus von Frederick Mayer in der Stadt Avon Bend, West Virginia, Vereinigte Staaten von Amerika. »Let’s see how we are doing« – »Schauen wir, was uns gelingt«, murmelt ein Mann mit sonorer Stimme und stellt die erste Frage: »I want you to tell me a little bit about your family background, how you wound up in the United States, how you wound up in the American military. – Well, we came over in 1938 and the whole family emigrated. – From where? – From Freiburg, Black Forest. – How did the family come to leave Germany? – Oh, because of Hitler. We were Jewish. Still are. So … we came over with the whole bunch.«58 Es sind immer die ersten Fragen, die Emigranten gestellt werden: Woher kommst du? Wie bist du hierhergekommen? Und: Warum hast du dein Land verlassen?
Der Mann, der die Fragen stellt, ist der Autor Joseph E. Persico, langjähriger Redenschreiber des Gouverneurs von New York und amerikanischen Vizepräsidenten Nelson Rockefeller. Nun, nach dem Ende von Rockefellers Amtszeit, arbeitet er an seinem ersten Buch zum Zweiten Weltkrieg. Piercing the Reich. The Penetration of Nazi Germany by American Secret Agents during World War II wird 1979 in New York in dem renommierten Verlag The Viking Press erscheinen. Drei Jahre zuvor hat der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA einen 1947 verfassten und bislang unter Verschluss gehaltenen Bericht über das Office of Strategic Services freigegeben und damit erstmals einen Einblick in die geheimdienstlichen Praktiken im Kampf gegen die Achsenmächte ermöglicht.59 Durch seine guten Beziehungen war Persico unter den Ersten, die eine Kopie des Berichts erhielten. Ihn faszinierte vor allem der letzte, knappe Teil über Aktionen direkt im Dritten Reich. Die Entdeckung, dass es dem OSS 1944 und 1945 gelungen war, fast 200 Spione nach Deutschland einzuschleusen, in den Herrschaftsbereich der Gestapo, der als allmächtig, allgegenwärtig und grausam geltenden Geheimpolizei Hitlers, verlangte geradezu nach einem Buch. Doch die Central Intelligence Agency, die Nachfolgeorganisation des OSS, hielt die Dokumente dazu weiter unter Verschluss. Persico ließ sich nicht abwimmeln. Unter Berufung auf das Gesetz über die Freiheit der Information (Freedom of Information Act) forderte er die Herausgabe der Akten für die historische Forschung und erhielt schließlich immerhin 520 relevante Dokumente. Nun machte sich Persico auf die Suche nach den beteiligten Agenten, deren Namen die CIA in den Akten geschwärzt hatte und deren Identität sie verständlicherweise nicht preisgab. Es war schließlich eine private Vereinigung von Veteranen des OSS, von der Persico eine Liste ihrer Mitglieder erhielt. Einmal begonnen, verlief die Suche nach dem Schneeballsystem und am Ende hatte Persico in Europa und Amerika mit 122 Beteiligten gesprochen und die Interviews auf Tonband aufgezeichnet. Vorbildlich im Sinne wissenschaftlicher Transparenz und historischer Überlieferung stellte er die Tonbänder dem Archiv der Hoover Institution an der Universität Stanford zur Verfügung. Dort wurden sie digitalisiert und sind heute durch Onlineversand jedem Interessierten rasch zugänglich. Sie sind eine wesentliche Quelle für dieses Buch.
Dem OSS-Bericht von 1976 konnte Persico entnehmen, dass die Operation Greenup der erfolgreichste Einsatz des amerikanischen Geheimdiensts in Österreich gewesen war, dass der Leiter des Agententeams der Folter durch die Gestapo standgehalten hatte und die Gefangennahme sogar zum Vorteil der US-Streitkräfte nutzen konnte, indem er den Gauleiter von Tirol und Vorarlberg davon überzeugte, Innsbruck ohne Blutvergießen an die Amerikaner zu übergeben. Damit, so konnte Persico lesen, habe das OSS bewiesen, dass es möglich sei, selbst in die am strengsten bewachten Gebiete einzudringen – gemeint war die ›Alpenfestung‹.60 Den Namen und die Adresse dieses herausragenden Greenup-Agenten fand Persico sehr bald heraus, denn er – Fred Mayer – war unter den Veteranen des OSS längst eine Legende. Auf das Interview mit ihm hatte sich Persico durch das genaue Studium der ihm vorliegenden OSS-Dokumente akribisch vorbereitet. Er nutzte das Interview hauptsächlich, um die darin enthaltenen schier unglaublichen Schilderungen von Mayers Aktionen in Tirol zwischen Ende Februar und Anfang Mai 1945 zu überprüfen. Über weite Strecken des Gesprächs las er ihm Zitate aus der Einsatznachbesprechung vom Juni 1945 vor und konfrontierte ihn mit Einschätzungen seiner Person durch andere Akteure. Mayer antwortete einsilbig, knapp, selten sagte er mehr als einen oder zwei Sätze. Gegen Ende der langen Befragung wurde die Atmosphäre etwas gelöster und Persico lenkte das Gespräch auf die Persönlichkeit von Fred Mayer, der ihm ins Wort fällt und mit einem leichten deutschen Akzent sagt: »I have always been best under pressure. I worked best under pressure. If you put pressure against me of any kind, even now, you can’t keep up with me.«
Das Gespräch war keines der später populär gewordenen lebensgeschichtlichen Interviews, in denen der Fragende möglichst wenig interveniert und der Interviewte seine Geschichte frei erzählt. Persico ging es um Fakten, nicht um Erinnerung. Das entsprach sowohl der politischen Atmosphäre der 1970er-Jahre als auch dem Alter der Gesprächspartner. Zum Zeitpunkt des Interviews war Persico 47, Mayer 55 Jahre alt. Persico begann sich gerade als freier Autor zu etablieren, er benötigte eine gute, aber glaubwürdige Story. Mayer zog sich gerade aus einem Berufsleben zurück, an dessen Beginn die Operation Greenup zweifellos gestanden war. Sie war noch nicht Geschichte.
Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen beim OSS hatte Mayer 1949 ein Angebot des staatlichen US-Auslandssenders Voice of America erhalten und war für den technischen Betrieb der Sender in Europa und Asien verantwortlich. Nach Einsätzen auf den Philippinen und in Marokko arbeitete er von 1958 bis 1964 in München, wo die Voice of America einen Langwellensender betrieb, der ihre Sendungen in die kommunistischen Staaten des Ostblocks ausstrahlte. So war Fred Mayer ein Akteur der Spionage gegen Nazi-Deutschland und ein Akteur der Propagandaschlacht des Kalten Krieges. Diese Gegenwart bestimmte in den 1970er-Jahren die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in den USA und Westeuropa. Unmittelbar nach Kriegsende hatten die USA die geheime Kriegsführung gegen Nazi-Deutschland gegen die Sowjetunion gewendet (und vice versa). Vom OSS zur CIA und den Propagandasendern wie Voice of America und Radio Free Europe gab es viele personelle Kontinuitäten. Davon abgesehen nutzte die CIA viele mittlere und hochrangige Nationalsozialisten, die in den Sicherheitsapparaten des NS-Staates tätig gewesen waren, als Informanten, Experten und sogar als Mitarbeiter. Im antikommunistischen Kampf gab es wenige bis keine Berührungsängste zum ehemaligen Feind, bekannt werden sollten diese Verbindungen jedoch tunlichst nicht. Vor diesem Hintergrund waren die lange Geheimhaltung und die spärlichen Auskünfte von beteiligten Personen wenig verwunderlich, genauso wie das immense Interesse von Historikern und Publizisten daran, diese Geschichten geheimer Kriegsführung zu erzählen.
Für die Herkunfts- und Emigrationsgeschichte der Beteiligten interessierten sich wenige, einmal abgesehen von der möglichen Identifizierung als Juden, denn das machte die Geschichte der Spionage gegen die Nationalsozialisten noch einmal interessanter – entweder weil es dem Klischee von Juden, besonders ausgefuchst zu sein, entsprach, oder weil es der in den 1970er-Jahren noch weit verbreiteten Vorstellung widersprach, dass sich die europäischen Juden von den Nazis wie Lämmer zur Schlachtbank hatten führen lassen. Im Fall Persicos traf das Zweite zu. Er nannte sein Kapitel über Fred Mayer ›The Jew who dared return‹ – der Jude, der es wagte zurückzukehren.
Joseph Persico: When you made this jump, what was your mood?
Fred Mayer: I was anxious to get the war over. That was the most it was about. I always thought that I have a personal stake in that since Hitler was a bastard.
Aber über die Biografien der Agenten und das persönliche Interesse (›personal stake‹) erfahren wir in Persicos Buch wenig. Darüber schrieb als Erster der amerikanische Diplomat Gerald Schwab in seinem Buch OSS Agents in Hitler’s Heartland. Destination Innsbruck, das 1996 in den USA erschien. Auch das war kein Zufall. Schwab und Mayer kannten einander aus Kindheitstagen. Schwab stammte ebenfalls aus einer bürgerlich-jüdischen Familie in Freiburg im Breisgau. Beide Eltern waren Kaufleute gewesen – die Väter eng befreundet –, beide Familien fanden in den USA eine neue Heimat. Beide waren mit der US-Armee gegen NS-Deutschland in den Krieg gezogen. Schwab kämpfte 1944 als Infanterist in der 10. US-Gebirgsdivision in Italien gegen die Wehrmacht, danach arbeitete er in den Jahren 1945 und 1946 als Übersetzer und Dolmetscher für den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, wo einigen führenden Nationalsozialisten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht wurde.61
Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber waren nach 1945 miteinander in Kontakt geblieben, sie trafen sich mehrfach in Oberperfuss und brachten ihre Familien dorthin mit, um gemeinsame Urlaubstage zu verbringen. 1991 lud Mayer seine Greenup-Freunde sowie die Piloten und Besatzungsmitglieder des Bombers, aus dem die Agenten in Tirol abgesprungen waren, dazu ein, seinen 70. Geburtstag in Freiburg zu feiern. Gerald Schwab lernte bei dieser Gelegenheit alle Beteiligten kennen, hörte ihre Geschichten und Anekdoten und stieß mit seiner Idee, ein Buch über Greenup zu schreiben, auf keine Widerrede. Mayer, Wijnberg und Weber standen ihm für lange Gespräche und Nachfragen zur Verfügung. Die Crew des Liberator-B-24-Bombers – der Pilot John Billings, der Bombenschütze Richard Gottleber, der Navigator Charles Smith und der Absetzer Walter Haass, der die Agenten im Laderaum zum Absprung fertigmachte – schilderte ihm die Vorbereitung und Durchführung der außergewöhnlichen und deshalb denkwürdigen Mission in allen Einzelheiten. Schwabs Darstellung blieb sehr nahe an den handelnden Personen und war ihrer Geschichte verpflichtet. Mit den vielen militärischen Details liest sie sich wie eine Veteranengeschichte der Befreiung, eine universelle Emanzipationsgeschichte, in der zwei junge Juden den Antisemiten entkommen, sich in der Emigration behaupten, sich ausbilden, rüsten und furchtlos werden. Sie verbünden sich mit einem Wehrmachtsoffizier, der sich nach langem Ringen von den Nazis löst, und treffen mit der Macht der US-Armee im Rücken in einem Tiroler Bergdorf auf tiefkatholische Frauen und Männer, die nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, sich aufzurichten und ihren Teil dazu beizutragen, eine Stadt vor der Zerstörung zu retten. In diese Stadt, Innsbruck, sind Mayer und Wijnberg zwar einige Male zurückgekehrt, und Weber hat dort bis zu seiner Pensionierung als Landespolitiker gearbeitet und gelebt. Öffentlich erzählt haben sie ihre Geschichte in Innsbruck jedoch nie.
Fred Mayer vermied – bis auf eine Ausnahme – öffentliche Auftritte auch in seiner Herkunftsstadt Freiburg im Breisgau. Die Mayers gehörten 1938 zu den am längsten in Freiburg ansässigen jüdischen Familien. Ihr Stammbaum reichte in Süddeutschland zwei Jahrhunderte zurück. Als das liberale Großherzogtum Baden 1862 als erster deutscher Staat die Juden als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannte, war Freds Großvater Julius Mayer unter den ersten, die vom Land in die Stadt zogen und eine jüdische Gemeinde gründeten.62 Als erster Jude seit der mittelalterlichen Vertreibung kaufte er sich in der Universitätsstadt ein Haus, in der Herrenstraße im Stadtzentrum.63 Er eröffnete eine Eisenhandlung, die er am Sabbat geschlossen hielt, worauf er in seinen Annoncen, etwa bei der Suche nach Personal, ausdrücklich hinwies.64 Einer ersten Ehe entstammten fünf Kinder, der zweiten Ehe mit Rachel Weingärtner zwei Söhne, der ältere, Freds Vater Heinrich, trat nach Lehrjahren in Frankfurt und Hannover die Nachfolge im Betrieb an.65 Zur Jahrhundertwende befand sich das jüdische Leben in Freiburg in einer Blüte, die der Stadtrabbiner Adolf Lewin in höchsten Tönen würdigte: »So ist die Fremde uns zur Heimat geworden. So fühlen wir uns nicht als Fremde – werden auch nicht als solche angesehen – denn ein Gefühl der Liebe umschlingt uns alle und unsere andersgläubigen Mitbürger, das Band der Liebe zu Fürst und Vaterland, zu unserer schönen Mutterstadt.«66
020 Heinrich Mayer im Ersten Weltkrieg.
Die Loyalität der Freiburger Juden gehörte gleichermaßen Kaiser Wilhelm. Heinrich Mayer meldete sich 1906 freiwillig zu einem einjährigen Militärdienst. Im Ersten Weltkrieg diente er vom ersten bis zum letzten Tag, von August 1914 bis November 1918, meist im Stellungskampf im Oberelsass, in Verdun und an der Mosel.67 Im Rang eines Leutnants mit dem Eisernen Kreuz Zweiter Klasse ausgezeichnet, bildete das Militär einen positiven Bezugsrahmen der deutsch-jüdischen Identität des Vaters. Fred sollte später, so berichtet es Gerald Schwab, seinen Eifer, als Soldat Außergewöhnliches zu leisten, auf die einprägsamen Erzählungen seines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg zurückführen.68 Die militärischen Erinnerungen pflegte Heinrich Mayer im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, dessen Ortsgruppe Freiburg er zehn Jahre lang leitete und dessen Aufgabe es war, die Leistungen der deutschen Juden für das Vaterland herauszustreichen, um der antisemitischen Agitation entgegenzutreten.69
Gerald Schwab zeichnete das Leben der Mayers in den 1920er-Jahren als eine bürgerlich-jüdische Idylle. Bereits 1918 heiratete Heinrich seine Frau Hilda, Tochter des Metzgermeisters Ludwig Dreyfuß in Bretten im Landkreis Karlsruhe. Das Nachkriegselend überstand die Familie dank der Solidarität von bäuerlichen Kriegskameraden, die sie mit Lebensmitteln versorgten. Sie bildeten auch den treuen Kundenstock des Eisenwarenhandels. Im Hof hinter dem Laden entdeckte Sohn Friedrich – die Namensänderung auf Frederick und die Kurzform Fred werden 1938 der erste Tribut an New York sein – die Liebe zu Motoren und Fahrzeugen aller Art, die dort repariert wurden. Er besuchte das Rotteck-Realgymnasium, fuhr Ski und war Athletiker. 1931 brachte seine Mutter Hilda nach zwei Söhnen, der ältere nach dem Großvater Julius benannt, und einer Tochter, Ruth, noch ein Mädchen, Ellen, zur Welt.
