Kitabı oku: «Bildungsphilosophie für den Unterricht», sayfa 4

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2.2 Epikur: Das richtige Leben beginnt, wenn wir innerlich unabhängig werden

Epikur war kein Epikureer. Epikur (341–270) ist heute bekannt für eine Meinung, die er selbst so nie vertreten hat, nämlich dass wir ein ausschweifendes Genussleben führen sollen. Auf Englisch heißt Genussmensch epicurean. Tatsächlich fragte Epikur eher danach, welche innere Haltung wir brauchen und wie wir unser Leben führen sollen, wenn wir zufrieden und frei von unnötiger Sorge leben möchten. Verfolgen wir ernsthaft dieses Ziel, so Epikur, dann sollten wir gerade nicht unseren Begierden folgen und unsere Genüsse immer noch steigern, sondern, im Gegenteil, wir sollen uns unabhängig machen von unseren Begierden und Wünschen. Dass dies dazu führen wird, dass uns die Genüsse ganz neu zugänglich werden, das vertieft unser Leben: Wenn wir sehr durstig sind, schmeckt Wasser besser als das teuerste Getränk schmeckt, wenn wir gar keinen Durst haben. Wie aber können wir loskommen von unseren Begierden, Wünschen und Leidenschaften? Indem wir in uns die Vernunft stark machen und uns selbst durch Vernunft führen.

Klug mit den Bedürfnissen umgehen. Es geht darum, sich wohlzufühlen beim einfachen Dasein. Und diese besondere Lust ist Ursprung und Ziel des wirklich glücklichen Lebens. Manchen Genuss müssen wir vermeiden, weil er auf Dauer nicht zuträglich ist. Und manche Schmerzen müssen wir auf uns nehmen, um später davon zu profitieren. Eine kluge Selbstführung ist viel wichtiger als die immer weitere Steigerung der Lust. Wir wählen

auch nicht jede Lust, sondern übergehen von Zeit zu Zeit viele Lustempfindungen, wenn aus ihnen für uns in höherem Maße Unangenehmes folgt; und viele Schmerzen halten wir für vorteilhafter als Lustempfindungen, wenn für uns größere Lust folgt, nachdem wir die Schmerzen lange Zeit ertragen haben. (Epikur 2014, 139)

Unsere Vernunft besiegt unsere Angst. Epikur gibt uns Hinweise, wie das von Aristoteles beschriebene Vernunftleben aussehen kann. Nehmen wir als Beispiel die Angst vor dem Tod. Den Tod müssen wir nicht fürchten, wenn wir uns klar machen, dass das Nicht-Leben bzw. das Nicht-am-Leben-sein weder gut noch schlecht ist, sondern einfach nicht vorstellbar und außerhalb jeden Vergleichs.

Demnach betrifft das schauderhafteste Übel, der Tod, uns nicht: denn der Tod ist nicht da, solange wir leben, doch wenn der Tod da ist, dann sind wir nicht mehr. (Epikur 2014, 133)

Oder wir haben Angst vor der Zukunft. Doch das Zukünftige liegt nicht in unserer Macht, darüber müssen wir uns immer wieder klar werden. Stattdessen liegt es in unserer Macht, hier und jetzt für Körper und Seele zu sorgen:

Denn die unbeirrte Betrachtung dieser Zusammenhänge kann jede Entscheidung über Tun und Lassen an der körperlichen Gesundheit und dem störungsfreien Zustand der Seele orientieren, da dies das Ziel eines glücklichen Lebens ist. […] Wenn uns dies einmal gelingt, löst sich der ganze Sturm in der Seele auf. (Epikur 2014, 137)

Der Sturm legt sich. Epikur rät also dazu, uns emotional zu distanzieren von dem, was uns Sorgen macht. Unsere Angst lässt sich durch Vernunft einklammern und immer wieder verabschieden. Nicht muss die Angst uns beherrschen, sondern wir können durch Vernunft die Angst beherrschen. Der Sturm legt sich nach und nach. Diesen Zustand des ungetrübten Genusses, der Angstfreiheit, überhaupt der Freiheit von Sorge, Unruhe, Leidenschaften und Antrieben, diesen Zustand nennt Epikur Lust – und meint damit gerade keine ausschweifenden Genüsse.

Vernunft ist Unabhängigkeitskompetenz. Dies sind Epikurs Antworten auf die Frage, was es heißt, das richtige, das in vollem Sinn gute Leben zu erreichen. Es handelt sich nicht um ein Leben, das einfach unseren Wünschen und Antrieben folgt. Sondern um ein Leben, das durch viel Reflexion und Bewusstsein geprägt ist sowie auch durch ständiges Üben. Wenn wir das, was wir zunächst vorfinden, Normalität nennen, also unsere Ängste und Unruhe, unsere Leidenschaften und Begierden, dann rät uns nach Aristoteles nun auch Epikur: Gebt Euch mit dieser Normalität nicht zufrieden, baut an einer neuen, an einer eigenen und vor allem freien Normalität. Euer Ziel ist eine durch Vernunft geprägte Lebensform, in der ihr Euch maximal unabhängig gemacht habt von all dem, was Euch normalerweise beunruhigt, ob im negativen oder im positiven Sinn. Durch vernünftiges Nachdenken und Uns-selbst-Bestimmen zu verändern, was Normalität heißt, das ist auch ein Ziel Foucaults (siehe Kap. 8).

Epikur als Kollege an Ihrer Schule. Was erhofft sich Epikur für Ihre Schüler:innen? Vielleicht kann man wieder sagen: Sie sollen die Unabhängigkeitskompetenz Ihrer Schüler:innen stärken. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, frei zu werden von der Sucht nach Vergnügen, auch von der Sucht nach Anerkennung. Nicht weil diese Süchte moralisch schlecht sind, sondern weil sie abhängig, unfrei und unglücklich machen. Stattdessen sollen Ihre Schüler:innen ein Leben einüben, das frei und unabhängig ist, weil es sich selbst durch Vernunft bestimmt. Wenn sich das Leben nicht durch übermäßigen Ehrgeiz, Machtgier und Anerkennungssucht führen lässt, sondern durch Vernunft, wird es zu einem eher bescheidenen Leben, das sich verwirklicht als Freude einer unerschütterten Seele am Dasein.

Epikur trat für eine vernünftige Lebensführung ein, welche sich möglichst unabhängig macht von Begierden und Ängsten. Klug und überlegt gilt es das zu tun, was unserem Wohlbefinden wirklich zuträglich ist. Dazu gehört auch der Verzicht auf kurzfristiges Vergnügen zugunsten von längerfristigem Nutzen.

2.3 Auch Epiktet sieht in der inneren Unabhängigkeit und Freiheit das eigentliche Ziel

Epiktet im Freibad. Epiktet (50–138), ein Vertreter der Stoa, einer spätantiken Philosophenschule in Griechenland und Rom, die besonderen Wert auf Seelenruhe und Gelassenheit durch vernünftige Selbstbeherrschung legte, ist bekannt für genau das, worum es in Kapitel 2 geht: Die Fähigkeit, sich zu befreien von seinen Ängsten, Leidenschaften und Begierden und sich ganz der Leitung seiner Vernunft anzuvertrauen. Schon ein kleines Beispiel kann das erläutern: Stellen Sie sich vor, Sie besuchen ein Freibad, das aufgrund des schönen Wetters und der Schulferien, die gerade begonnen haben, viel zu voll ist. Kaum haben sie ihr Handtuch ausgebreitet, nerven Sie die anderen Besucher:innen, die viel zu nah bei Ihnen liegen: ihr lautes Reden, ihr aufdringliches Lachen, ihr rücksichtsloses Benehmen. Was können Sie gegen ihren aufkommenden Zorn tun? Epiktet hält einen Ratschlag bereit. Es ist zu erwarten, dass wir im vollen Schwimmbad von unseren Mitmenschen genervt sein werden und dass sich Ablehnung, Zorn und Groll in uns erheben werden. Doch wir können uns gegen diese Gefühle wappnen, wenn wir uns ganz unter unsere Vernunft stellen, die Gefühle antizipieren und sie so einklammern und verabschieden:

Wenn du zum Beispiel zum Baden gehst, dann stell dir vor, wie es in einem öffentlichen Bad zugeht, wie sie dich naßspritzen, hin und her stoßen, beschimpfen und bestehlen. Du wirst daher mit größerer Ruhe und Sicherheit hingehen, wenn du dir von vornherein sagst: „Ich will baden und meiner sittlichen Entscheidung treu bleiben, durch die ich mich in Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunftnatur befinde“. (Epiktet 2006, 13f.)

Vernunft ist Unabhängigkeitskompetenz. Hier ist sie wieder: die Vernunft als eine Instanz in uns selbst, die uns führen kann. Üblicherweise führt sie uns nicht, üblicherweise werden wir, bezogen auf dieses Beispiel, beherrscht von Ärger, Zorn oder Aggression. Doch indem wir üben, die Stimme der Vernunft stark zu machen und ihr immer mehr zu vertrauen und auf sie zu hören, kann es uns gelingen, das Band zu durchtrennen, das uns von einem wirklich unabhängigen Leben abhält. Oft wissen wir, was gut für uns wäre, doch wir sind zu schwach es einfach zu tun. So gesehen ist es eine Bewegung des empowerment, der Selbstermächtigung, jene Instanz in uns zu stärken, welche uns Freiheit geben kann, nämlich unsere Vernunft.

Auch Epiktet geht es um eine vernüftige Lebensführung, in der wir uns unabhängig machen von den Stimmungen, die unser Wohlergehen trüben, z.B. Sorge und Angst, Begehren und Ärger. Für ihn beginnt das menschliche Leben ebenfalls erst richtig, wenn es durch Vernunft bestimmt ist.

2.4 Vernunft ist großartig. Aber es gibt im Menschen auch noch anderes Großartiges

Unabhängig zu werden durch Vernunft ist gut. In diesem Kapitel ist deutlich geworden, weshalb in unserer Kultur, die stark beeinflusst wurde von der Antike, Vernunft so hoch im Kurs steht. Wir können nachvollziehen, was Aristoteles, Epikur und Epiktet damit meinen, wenn sie sagen, der Mensch komme dort ganz zu sich selbst, wo er sich durch Vernunft unabhängig macht von seinen übertriebenen Ängsten und seinen übertriebenen Begierden, von seinen Wünschen nach Anerkennung und nach Erfolg. Normalerweise sind wir Menschen in diesem Sinne, wie man sagt, ‚Fässer ohne Boden‘. Die Vernunft kann uns helfen, uns davon unabhängig selbst zu bestimmen. Unsere Kultur hat dies als Lebens- und Bildungsziel auch aus der Antike übernommen.

Liebesfähig zu werden, ist auch gut. Die antike Anthropologie, derzufolge der Mensch vor allem durch Vernunft ausgemacht wird, können wir heute ergänzen. Auch die Liebe ist etwas Großartiges bei uns Menschen (Kap. 13), dazu gehören Herzensbildung (Kap. 14) und der Sinn für das bedingungslos Gute, die Fähigkeit, füreinander das Beste zu wollen und zu tun (Kap. 3 und 14). Und es gibt noch anderes Großartiges: Das Ideal, ein ganz eigenes Leben zu führen und seine individuellen Eigenschaften zu verwirklichen (Kap. 7 und 11). Zu diesem Ideal gehört es auch, für dieses Eigenste die Stimme zu erheben und dadurch ein wenig zu verändern, was Normalität heißt (Kap. 8).

Ihre Antwort auf die Frage Ihrer Schüler:innen:

Warum steht die Vernunft so hoch im Kurs? Ist Vernunft wirklich so wichtig? So könnten Sie antworten:

 Beim Vernünftigsein geht es erstmal nicht um etwas Moralisches, sondern um Unabhängigkeitskompetenz: um Eure Fähigkeit, innerlich frei zu sein.

 Als lebendige und soziale Wesen sind wir alle getrieben und beherrscht von Leidenschaften und Bedürfnissen: Wir haben Angst um unseren Körper. Wir sind abhängig von sozialer Anerkennung. Wir wollen Ruhm und Ehre. All das gehört zum normalen Leben dazu. Vernunft kann Euch immer wieder aus dieser Abhängigkeit befreien.

 Je stärker Eure Vernunft ist, je besser Ihr sie ‚trainiert‘ habt, desto freier werdet Ihr – und desto besser könnt Ihr Euch selbst bestimmen.

Wenn Sie sich noch weiter interessieren

Die Vernunft als kulturelles Ideal sowohl in der Antike als auch in der Moderne ist stark verbunden mit dem Ideal des Selbstdenkens (Kap. 1) und jener Richtung des moralischen Gutseins, bei der es um die Unabhängigkeit von Leidenschaften oder Bedürfnissen und die Selbstbestimmung geht (Kap. 3.3). Das Ideal der Vernunft hat ebenso enge Verbindungen zum Ideal der Selbstbestimmung (Kap. 11). Charakteristisch für Vernunft ist es auch, dass unser vernünftiges, d.h. freies und kritisches Nachdenken seine eigenen Grenzen immer wieder wahrnimmt, in Frage stellt und so diese Grenzen denkend überschreitet. Ein Beispiel: Das kritische Entlarven scheinbarer Wahrheiten ist wichtig – doch es kann auch zur Pose werden, wenn es andere allzu sehr belehrt. Also wird das Kritisieren durch Vernunft überschritten in Richtung eines bewusst zugelassenen Ernstes (Kap. 13.2). Der kritische Blick auf die eigenen Grenzen ist Teil der Vernunft und macht diese so attraktiv. Hier kann es auch um prinzipielle Grenzen des sicheren Wissens gehen. Dann wird das Wissen durch Vernunft überschritten in Richtung der Weisheit (Kap. 4).

Doch die laufende Selbstkritik der Vernunft geht sogar so weit, dass Vernunft sich selbst fragt, ob es vielleicht zu ihrem Kern gehört, anderes auszuschließen: kulturell Fremdes (Kap. 12), Gefühle, Leiblichkeit oder das Weibliche, siehe BÖHME/BÖHME 1983.

3 Lohnt es sich, moralisch gut zu sein? (Jonas, Levinas, Kant, Camus)

Sieh hin und du weißt.

HANS JONAS (1984, 235)

Worum geht es?

Ganz unabhängig davon, welches Fach Sie unterrichten, in der ein oder anderen Hinsicht fordern Sie Ihre Schüler:innen immer wieder dazu auf, gut zu handeln, das Gute zu tun, gut zu sein oder einfach, sich gut zu verhalten. Oft geht es dabei um den normalen Unterricht, z.B. möchten Sie von Ihren Lerngruppen, dass sie miteinander gerecht umgehen, dass sie sich gegenseitig helfen oder dass sie einander nicht die Unwahrheit sagen. Aber das Gute und das Gutsein ist mitunter auch ein eigenes Thema: in Ethik, Religion, Gemeinschaftskunde, Geschichte oder Deutsch, in Sport oder Fremdsprachen.

Angesichts dieser täglichen Forderung, gut zu sein, fragen Ihre Schüler:innen eines Tages: Weshalb sollen wir eigentlich immer gut sein und uns moralisch richtig verhalten? Können Sie uns da einen einzigen wirklich zwingenden Grund nennen? Oder läuft es darauf hinaus, dass wir gehorchen, höflich sind und uns richtig benehmen? Ist das Gute einfach Erziehung? Jedenfalls funktionieren unser Leben und auch die Welt ganz anders. Dort geht es eher darum, stark oder clever zu sein – und das ist dann ‚gut‘. Wie können Sie auf solche Fragen antworten? Genauer geht es um Folgendes:

 Wenn wir ein ‚gutes Leben‘ führen – gehört es dann zwingend dazu, dass wir moralisch gut sind?

 Wie können wir philosophisch begründen, dass wir moralisch gut sein sollen, obwohl die Welt ganz anders funktioniert?

 Wenn das Gute ein Bildungsziel ist: wie können wir dafür motivieren?

3.1 Das gute Leben und die Unterscheidung zwischen dem für uns Guten und dem an sich Guten

Gut leben – heißt das auch: moralisch gut? Offensichtlich gibt es das Gute als etwas, das in unserem eigenen Interesse liegt – und neben diesem Guten gibt es so etwas wie das Gute selbst, also das Gute unabhängig von unseren eigenen Interessen. Leicht lässt sich diese Unterscheidung am Begriff des guten Lebens erklären. Das gute Leben, das wir uns alle wünschen, ist ein Leben, in dem wir Glück, Zufriedenheit und Sinn erfahren. Meist geht es um das Gute für uns. Wie kann ich mein Leben für mich selbst günstig einrichten? Wo sollte ich auf meinen Vorteil achten, wo kann ich etwas für mich tun? Allzu restriktive moralische Vorschriften und allzu überzogene und anstrengende ethische Ideale könnten dem eigenen guten Leben durchaus abträglich sein.

Gut leben – ja, das heißt auch: moralisch gut! Andererseits ist uns auch klar, dass etwa sehr ungerechte Verhältnisse, in denen wir gesamtgesellschaftlich leben, unser gutes Leben verderben, selbst wenn wir selbst nicht darunter zu leiden haben. Offensichtlich wollen wir in unserem guten Leben auch in einer guten Welt leben, es geht uns nicht nur um unseren Vorteil. Hinzukommt, dass wir aus Erfahrung wissen, wie beglückend es sein kann, Gutes zu tun: Geben ist seliger als nehmen. Auch das gute Gewissen ist hier wichtig. Zwar wollen wir uns nicht durch allzu äußerliche oder altmodische moralische Ansprüche ein schlechtes Gewissen machen lassen. Doch wir spüren andererseits, dass wir ein schlechtes Gewissen haben, wenn andere unter uns leiden müssen, etwa wenn wir andere verletzt haben. Echte Schuldgefühle passen nicht zu unserem Wunsch nach einem guten Leben. Das Gute selbst gehört zu unserem guten Leben. Nicht nur unsere Freuden und unser Vorteil, für die wir clever sorgen.

Was genau bedeutet ‚gut‘? Die Frage Why be moral? ist eine klassische Frage der philosophischen Ethik (Bayertz 2014). Die Kapitel 3.2–3.4 stellen hierzu drei Antworten vor. Zunächst ist fraglich, ob die bisherigen Überlegungen wirklich schon echte Begründungen dafür sind, weshalb wir moralisch gut sein sollen? Geht es nicht immer noch allzu sehr um uns selbst, wenn wir zum Ergebnis kommen: Damit unser Leben gut ist, brauchen wir wirklich Gutes? Die Frage ist auch: Wenn es stimmt, dass Bildung mehr ist als Ausbildung, inwiefern ist das Gute ein notwendiger Teil der Bildung?

Wenn wir ein ‚gutes Leben‘ führen möchten, gehören dazu auch ein gutes Gewissen, gerechte Verhältnisse und das schöne Erlebnis, Gutes zu tun. So zu begründen, dass wir gut sein sollen, ist allerdings noch nicht genug.

3.2 Das Gute tun, weil man sofort spürt und weiß: Das Gute ist das Richtige (Jonas, Levinas)

Sieh’ hin und du weißt, was zu tun ist! Der erste philosophische Begründungsversuch für das Gutsein, den ich Ihnen vorstellen will, geht davon aus, dass wir gewissermaßen unmittelbar von unserer Umwelt aufgefordert werden, das Gute zu tun und wir darauf nur reagieren müssen. Es ist nicht etwa der Ruf unseres Gewissens, sondern etwas noch Ursprünglicheres. Etwas in der Welt stellt eine Forderung an uns, tritt also als ein Sollen an uns heran.

Hintergrund: Philosophie unter Hitler. Bevor Jonas, geboren in Mönchengladbach, in New York Philosophieprofessor und weltberühmt wurde, kämpfte er fünf Jahre lang in verschiedenen Armeen gegen Hitlerdeutschland. Studiert und promoviert hatte er bei Martin Heidegger. 1933 war er aus Deutschland geflohen. Seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993) nennt in seinem Werk Das Prinzip Verantwortung das Beispiel eines Säuglings (Jonas 1984, 235). Vom neugeborenen Kind gehen die Forderung und der Anspruch aus, sich um dieses Wesen zu kümmern. Tatsächlich fiele es uns nicht im Traum ein, diesen Anspruch des Säuglings für überzogen oder für ungerechtfertigt zu halten. Ein moralischer Anspruch ist zusammen mit dem Säugling in der Welt, hier und jetzt. Wir selbst sind gemeint. Das Gute besteht darin, im Sinne dieses Anspruchs zu handeln.

Zeigt uns einen einzigen Fall […] wo jener Zusammenfall stattfindet [von Sein, also dem Dasein des Säuglings, und dem Sollen, das von diesem Sein ausgeht, also etwa der Aufforderung, dem Säugling zu helfen, Ph.Th.], so kann man auf das Allervertrauteste hinzeigen: das Neugeborene, dessen bloßes Atmen unwidersprechlich ein Soll an die Umwelt richtet, nämlich: sich seiner anzunehmen. Sieh hin und du weißt. Ich sage „unwidersprechlich“, nicht „unwiderstehlich“: denn natürlich läßt sich der Kraft dieses wie jedes Soll widerstehen, sein Ruf kann auf Taubheit stoßen […] oder durch andere „Rufe“, wie etwa vorgeschriebene Kindesaussetzung, Erstgeburtsopfer und dergleichen […] übertönt werden – an der Unwidersprechlichkeit des Anspruchs als solchen und seiner unmittelbaren Evidenz ändert dies nichts. Ich sage auch nicht: eine „Bitte“ an die Umwelt („nehmt euch meiner an“), denn der Säugling kann noch nicht bitten […]. So ist auch von Mitgefühl, Erbarmen, oder welche Gefühle unsererseits ins Spiel kommen mögen, sogar von der Liebe hier nicht die Rede. Ich meine wirklich strikt, daß hier das Sein eines einfach […] Daseienden ein Sollen für andere immanent und ersichtlich beinhaltet. (Jonas 1984, 235)

Der moralische Anspruch ist schon in der Welt. Tatsächlich kennen wir alle solche Situationen, in welchen aus einem Sein ein Sollen folgt, wie man in philosophischer Begrifflichkeit sagt. Wichtig ist: Dieses ‚Folgen‘ des Sollens aus dem Sein ist kein kognitives Folgern oder logisches Schließen. Vielmehr ist hier das Sein, also eine bestimmte Situation in der Welt, identisch mit dem Sollen. Weshalb sollen wir gut sein? Lohnt sich das denn? Jonas’ Begründungsversuch des Guten zielt darauf, dass das Sein selbst schon ein Sollen ist. So ließe sich auch sagen: In der Wahrnehmung des Seins, wie z.B. des Säuglings, liegt schon die Erfahrung, die Einsicht und das Wissen darum, was von uns verlangt wird und was hier und jetzt das Gute ist. Eigens begründen müssten wir allenfalls, weshalb wir trotz dieses Wissens das Gute nicht einsehen oder tun.

Von meinem Gegenüber geht etwas Absolutes aus, eine ethische Forderung. Ähnlich denkt der Philosoph Emmanuel Levinas (1906–1995).

Hintergrund: Philosophie unter Hitler. Bevor Levinas, geboren in Kaunas/Litauen, in Paris Philosophieprofessor und weltberühmt wurde, war er fünf Jahre in deutschen Arbeitslagern inhaftiert. Als Juden wurden seine Eltern und Brüder während dieser Zeit ermordet. Studiert hatte er u.a. bei Martin Heidegger in Freiburg.

Levinas spricht vom Antlitz des Anderen, welches uns gewissermaßen in Beschlag nimmt, und zwar, noch bevor wir denken oder abwägen können. Das Antlitz meint mehr als das menschliche Gesicht des Gegenübers, es stellt so etwas wie dessen eigentümliche Präsenz dar, eine Art Aura. Und von dieser Aura, die uns fordert und in Anspruch nimmt, sagt Levinas, dass sie eine kontextlose und damit absolute Bedeutung hat. Was ist damit gemeint? Üblicherweise ergibt sich die Bedeutung von etwas immer aus dem Kontext. Die Bedeutung von Wörtern oder Zeichen verweisen immer auf das Ganze eines Satzes, seinen Sinn und Inhalt, wodurch der Satz erst seine bestimmte Bedeutung erhält. Wenn Sie etwa sagen: ‚Das ist mir zu schwer‘, dann ist die Bedeutung des Satzes und auch der Satzteile nur aus dem Kontext heraus zu verstehen. ,Das‘ kann ein schwerer Gegenstand, eine komplizierte Rechenaufgabe oder ein schwerer Schicksalsschlag sein. Entsprechend ändert sich auch die Bedeutung von ‚schwer‘. Beim Antlitz aber scheint es anders zu sein.

[Interviewer, Ph.Th.]: Kriegserzählungen besagen tatsächlich, daß es schwer ist, jemanden zu töten, der einem ins Gesicht blickt.

[Levinas, Ph.Th.]: Das Antlitz ist Bedeutung, und zwar Bedeutung ohne Kontext. Ich will damit sagen, daß der Andere in der Geradheit seines Antlitzes nicht eine Person innerhalb eines Kontextes darstellt. Normalerweise ist man eine ‚Person‘: man ist Professor an der Sorbonne, Vize-Präsident im Staatsrat, Sohn eines Soundso, alles das, was im Paß vermerkt ist, die Art sich zu kleiden, sich zu präsentieren. Und jede Bedeutung, im üblichen Sinn des Begriffs, bezieht sich auf einen derartigen Kontext: Der Sinn einer Sache beruht in ihrer Beziehung zu etwas anderem. Hier hingegen ist das Antlitz für sich allein Sinn. Du, das bist du. In diesem Sinn kann man sagen, daß das Antlitz nicht ‚gesehen‘ wird. Es ist das, was nicht ein Inhalt werden kann, den unser Denken umfassen könnte; […] Aber die Beziehung zum Antlitz ist von vornherein ethischer Art. Das Antlitz ist das, was man nicht töten kann oder dessen Sinn zumindest darin besteht, zu sagen: ‚Du darfst nicht töten.‘ (Levinas 1996, 65f., Hervorhebung i. O.)

Das Antlitz des Anderen. Jonas spricht vom Beispiel des Neugeborenen, Levinas dehnt dies aus auf jedes Gegenüber und seine Präsenz oder Aura, sein Antlitz. Das Antlitz ist schon der Anspruch des Anderen an uns, sich seiner anzunehmen. Wir müssen nicht erst folgern vom Sein, vom Antlitz, auf ein Sollen, die Fürsorge. In diesem Sinne kann Levinas sagen, dass wir das Antlitz nicht sehen – nämlich nicht in der Art, wie wir ein Objekt sehen und wie wir es dabei als etwas Bestimmtes, zum Beispiel als eine bestimmte Person, erkennen und wiedererkennen, einordnen und identifizieren. Wir nehmen nicht die ganze Situation wahr, von der unser Gegenüber ein Teil ist, um diese dann ethisch zu analysieren, zu bewerten und schließlich begründet einen möglichen Entschluss zu fassen, hier müsse so oder so gehandelt werden. Sondern bevor wir überhaupt ein neutrales Erkenntnissubjekt sein können, das dann ethisch nachdenkt, stehen wir schon im Anspruch des Anderen. Wir entwickeln uns nicht unabhängig zu Subjekten. Wir werden Subjekte erst durch den Anspruch des Anderen.

Das Ethische geht allem voraus und liegt ihm zugrunde. Philosophen wie Jonas oder Levinas geht es darum, dass wir das Gute nicht durch eine philosophische Ethik rational begründen müssen. Die ethische Reflexion einer möglichen Handlung fragt, ob diese gut oder schlecht ist, ob man zu ihr verpflichtet ist oder nicht. Der Anspruch eines Seins, das zugleich ein Sollen ist, geht einer solchen ethischen Reflexion voraus. Natürlich werden wir oft taub für diesen Anspruch sein, natürlich haben wir viele Gründe, um uns auf die eine oder andere Weise diesem Anspruch zu entziehen. Doch Jonas und Levinas beharren darauf, dass wir diesen Anspruch dennoch erfahren. Eine solche philosophische Ethik ist nicht naiv, sie setzt das Gute nur viel grundsätzlicher an und sieht es als etwas, das als ein Sollen unser Leben bestimmt, noch vor aller Reflexion.

Sich dem Anspruch des Anderen zu öffnen, heißt ganz Mensch zu werden. Fragen wir uns von hier aus, weshalb wir eigentlich gut sein sollen, dann ließe sich so antworten: Zwar können wir dem Anspruch des Anderen nicht immer entsprechen, doch es gehört ein gewisser Aufwand dazu, diesen Anspruch des Anderen laufend zu verdrängen. Anders gesagt: Ohne dass wir das Sollen (uns des Anderen anzunehmen), welches uns mit dem Sein des Anderen unmittelbar gegeben ist, zumindest erfahren und fühlen, werden wir als Menschen nicht ganz Menschen sein können. Ohne dass wir dem Sollen wahrnehmend, erfahrend oder handelnd entsprechen, kann unser Leben nur auf eine eingeschränkte Weise ein gutes Leben werden. Öffnen wir uns dagegen dem Anspruch des Anderen, dann öffnen wir uns für so etwas wie die Tiefe des Lebens, die immer auch unbequem ist, die uns aber überhaupt erst richtig leben und, so ließe sich sagen, die uns überhaupt erst richtig Mensch sein lässt.

Weshalb sollen wir gut sein? Ethiken, die schon im Dasein unseres Gegenübers selbst (Sein) einen Anspruch an uns (Sollen) beschreiben, geben diese Antwort: Weil wir nur auf volle Weise Mensch sein können, indem wir diesen Anspruch wahrnehmen und ihm folgen.

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