Kitabı oku: «Bildungsphilosophie für den Unterricht», sayfa 5
3.3 Das Gute als Vernunft, das Gute als Pflicht (Kant)
3.3.1 Etwas tun, weil wir spüren, dass es unsere Pflicht ist
Der Selbsterhaltungstrieb ist stärker als alles andere. In folgendem Beispiel aus seinem ethischen Hauptwerk Kritik der praktischen Vernunft fordert uns Kant (1724–1804) dazu auf, uns einen Mann vorzustellen, der von sich behauptet, sein Geschlechtstrieb sei so stark, dass er diesem nichts entgegensetzen könne. Er ist gerade dabei, ein Bordell zu betreten. Nun zeigt man ihm vor dem Bordell einen Galgen. An diesem soll er aufgehängt werden, gleich wenn er das Haus verlässt. Wie wird sich der Mann entscheiden? Ist der Geschlechtstrieb die stärkste Kraft in seinem Inneren? Nein, der Selbsterhaltungstrieb ist stärker als der Geschlechtstrieb, und der Mann verzichtet aufgrund der angedrohten Todesstrafe auf den Bordellbesuch.
Setzet, daß jemand von seiner wollüstigen Neigung vorgiebt, sie sei, wenn ihm der beliebte Gegenstand und die Gelegenheit dazu vorkämen, für ihn ganz unwiderstehlich: ob, wenn ein Galgen vor dem Hause, da er diese Gelegenheit trifft, aufgerichtet wäre, um ihn sogleich nach genossener Wollust daran zu knüpfen, er alsdann nicht seine Neigung bezwingen würde. Man darf nicht lange rathen, was er antworten würde. (Kant 1908 (a), 30)
Noch stärker als der Selbsterhaltungstrieb kann der Sinn für das ethisch Richtige, das Gute sein. In einem zweiten, ganz anderen Szenario droht man einem Mann dieselbe Todesstrafe für einen anderen Fall an. Eine ehrliche Person soll aus politischem Kalkül von den Machthabern vernichtet werden. Gegen diese Person soll der Mann, um den es im Beispiel geht, ein falsches Zeugnis aussprechen, damit sie verhaftet und zu Unrecht verurteilt werden kann. Tut er dies nicht, so soll er gehenkt werden. Kant fordert uns nun auf, die innere Situation des Mannes nachzuvollziehen. Insbesondere möchte er, dass wir die enorme Kraft spüren, die im menschlichen Pflichtgefühl liegt. Der Mann im Beispiel spürt, wir spüren, dass die ganze Situation ein riesiges Unrecht bedeutet und wir spüren auch, dass wir bei diesem Unrecht auf keinen Fall mitspielen dürfen. Es wäre, nein, es ist unsere unbedingte Pflicht, das falsche Zeugnis gegen die unschuldige Person zu verweigern. Zugleich erfährt der Mann und erfahren wir, wenn wir in uns gehen, dass prinzipiell die Freiheit bestünde, dem zu folgen, was wir als unsere Pflicht sehen, also trotz der angedrohten Strafe beim geplanten Unrecht nicht mitzumachen. Zwar mögen wir aus Angst vor dem Tod am Galgen schließlich doch anders handeln. Aber wir wissen, was richtig wäre, was richtig ist und wir wissen zugleich, dass wir es in einem enormen Akt der Selbstüberwindung auch wirklich tun könnten. Wir haben die Freiheit dazu.
Fragt ihn aber, ob, wenn sein Fürst ihm unter Androhung derselben unverzögerten Todesstrafe zumuthete, ein falsches Zeugniß wider einen ehrlichen Mann, den er gerne unter scheinbaren Vorwänden verderben möchte, abzulegen, ob er da, so groß auch seine Liebe zum Leben sein mag, sie wohl zu überwinden für möglich halte. Ob er es thun würde, oder nicht, wird er vielleicht sich nicht getrauen zu versichern; daß es ihm aber möglich sei, muß er ohne Bedenken einräumen. Er urtheilt also, daß er etwas kann, darum weil er sich bewußt ist, daß er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre. (Kant 1908 (a), 30)
Mit diesem Beispiel will Kant zeigen, wie stark unser Pflichtgefühl und unser Sinn für das ethisch Gute ist. Pflicht ist für Kant ein wichtiger Begriff. Gemeint ist immer eine innere Pflicht, die alle Vernunftwesen in sich entdecken und die uns nicht anerzogen ist. Wenn wir diesen Sinn für das Gute, die Pflicht, vergleichen mit unseren stärksten Antrieben, nämlich dem Geschlechtstrieb und dem Selbsterhaltungstrieb, und wenn wir erkennen, dass unser Pflichtgefühl noch stärker ist, dann können wir die Kraft ermessen, welche das Gute für uns darstellt. Hier erleben wir eine innere Instanz, und diese scheint völlig unabhängig zu sein von unseren Ängsten und Neigungen, von unserem Selbsterhaltungstrieb. Faktisch wird dieser dennoch gegen die Pflicht oft den Sieg davontragen. Aber auch dann können wir nicht vergessen, was wir eigentlich hätten tun sollen und wir können auch nicht vergessen, dass wir prinzipiell frei dazu gewesen wären, das Richtige, das Gute zu tun.
Oft tun wir, so Kant, aus Angst oder anderen Gründen nicht das, von dem wir tief in uns ahnen, ja sogar wissen, dass es eigentlich moralisch richtig wäre. Unsere moralische Intuition, die Gewissheit unserer Pflicht, scheint sehr stark zu sein. Das Wissen um das Gute gehört zum Innersten des Menschen.
3.3.2 Die Fähigkeit unserer inneren Instanz zu wissen, was wir eigentlich tun müssten, nötigt uns Respekt für diese Instanz ab. Es ist eine Achtung vor etwas in uns, das mehr ist als Natur
Der kategorische Imperativ. Kant stellt sich vor, dass wir alle als Vernunftwesen in uns die allgemeine Regel für das gute Handeln vorfinden, er verwendet die Begriffe kategorischer Imperativ (etwa: Befehl, der keinen Widerspruch duldet) oder auch Sittengesetz, inneres Gesetz oder innere Pflicht. Er spricht von einer großen Bewunderung, die wir gegenüber unserer inneren Instanz der Pflicht haben. Das innere Gesetz lebendig zu spüren, gibt uns als Menschen große Selbstachtung. Damit ist kein staatliches Gesetz gemeint, sondern das allgemeine, für alle vernünftigen Wesen geltende Gesetz des ethischen Handelns selbst, der kategorische Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ (Kant 1908 (a), 30).
Um zu verstehen, was gemeint ist, machen Sie sich am besten folgenden Reim darauf: Das vernünftige Gesetz des ethischen Handelns folgt einem einzigen rein logischen Kriterium, nämlich dem Kriterium der Verallgemeinerbarkeit der Handlungsmaxime. Wird die Maxime einer Handlung (‚immer wenn ich x möchte, dann tue ich y‘, also eine Art Lebensregel) verallgemeinert zum allgemeinen Gesetz (,wer immer x möchte, soll und muss y tun‘), dann darf sich, wenn die Handlung ethisch gut sein soll, in diesem Gesetz kein logischer Selbstwiderspruch ergeben.
Die Widerspruchsfreiheit der verallgemeinerten Handlungsmaxime zeigt die gute Handlung. Ein Beispiel. Fragen wir uns etwa, ob es erlaubt ist zu lügen (Kant 1903, 402f.), dann probieren wir, was passiert, wenn wir die Maxime unseres Lügens zum Gesetz verallgemeinern. Maxime: ,immer, wenn ich mir einen Vorteil davon verspreche (x), dann lüge ich (y)‘ (= dann setze ich die Sprachhandlung ‚Lüge‘ ein). Verallgemeinerung zum Gesetz: ‚wer immer sich einen Vorteil davon verspricht (x), soll und muss lügen (y)‘. Was passiert? Kommt es zu einem logischen Selbstwiderspruch in dem aus der Maxime verallgemeinerten Gesetz oder nicht? Im Fall der Lüge tritt ein solcher tatsächlich ein: Wäre es für jeden Menschen Gesetz, dass er die Unwahrheit sagen soll und muss, wenn das für ihn von Vorteil ist, dann zerstörte sich sozusagen die Bedeutung einer wahren Aussage und damit auch einer Lüge selbst, darin liegt der Widerspruch. Unsere gemeinsame Sprachwelt würde den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge einebnen. Auch könnte niemand davon ausgehen, dass irgendeine Aussage wahr ist, niemand würde mehr dem anderen glauben. Jede Kommunikation, welche auf Wahrheit beruht, wäre zerstört. Allein aufgrund dieses logischen Selbstwiderspruchs, so Kant, kann es nie erlaubt oder gut sein zu lügen. Ob uns Kants Begründung restlos überzeugt, ist hier nicht das Wichtigste, darüber wird seit Jahrhunderten viel geschrieben. Hier soll nur klar werden, von welcher Art Kants Ethik ist: Ihr Kern ist rational und logisch. Die gute Handlung ist eine, die der Vernunft selbst nicht widerspricht. Für Kant ganz wichtig: Wir finden all das in unserer Vernunft schon vor.
Unsere innere Gewissheit des Guten nötigt uns Respekt ab. Auf diese recht logisch anmutende Weise zeigt Kant auf, wie klar wir Menschen uns darüber sein können, was richtig und was falsch ist. Kant ist nun wichtig, dass uns diese innere Gewissheit Respekt abnötigt. In uns lebt eine Stimme, eine Instanz, welche unabhängig von unseren Interessen, Neigungen und Ängsten völlig unbestechlich das Gute kennt. Jene Bewunderung für die innere Instanz, die uns sagt, was eigentlich unsere Pflicht wäre, diese Bewunderung ist in Kants ethischen Schriften lebendig und stark und sie ist mehr als die Bewunderung für ein ethisches Kalkül, für den kategorischen Imperativ als logischen Denkakt. Kant nennt diesen Respekt, diese Bewunderung Achtung (Kant 1903, 400f.). Es gibt offenbar etwas in uns, das noch schwerer wiegt als der stärkste natürliche Trieb, der Selbsterhaltungstrieb. Tief in uns gibt es die Stimme der Vernunft. Unbestechlich und unerbittlich fordert diese Stimme das Gute. Die Achtung vor dieser inneren Instanz ist die Achtung vor uns selbst als Wesen, die mehr sind als Wunsch und Neigung und Angst: mehr als Natur.
Pflicht ist die Nothwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz. (Kant 1903, 400)
Eigentlich ist Achtung die Vorstellung von einem Werthe, der meiner Selbstliebe Abbruch thut. […] Der Gegenstand der Achtung ist also lediglich das Gesetz und zwar dasjenige, das wir uns selbst und doch als an sich nothwendig auferlegen. (Kant 1903, 401)
Wir empfinden Achtung vor derjenigen Instanz in uns, die sieht, was zu tun ist, auch wenn unsere Selbstliebe (z.B. unsere Angst um uns) zu etwas anderem rät. Dass wir uns das Gesetz selbst geben, heißt lediglich, dass es für Vernunftwesen identisch unmittelbar aus der Vernunft hervorgeht und weder vom Staat noch von der Kirche o.ä. kommt. Es heißt nicht, dass wir uns individuell eigene Gesetze geben. Als Lebewesen sind wir schwache Menschen, sind Natur, doch als die innere Instanz, die wir als Vernunftwesen auch sind, sind wir mehr als Lebewesen, mehr als Natur. Kant spricht von der Menschheit in uns. Ihr gilt unsere Achtung. Fragen wir uns von hier aus, weshalb wir gut sein sollen, können wir sagen: um ganz Menschen zu sein, um jeder Instanz des Guten in uns gerecht zu werden.
Mit großer Sicherheit, so Kant, können wir wissen, was gut ist und was wir eigentlich tun müssten. Diese innere Instanz unseres unbestechlichen ethischen Urteils, die ‚Menschheit in uns‘, nötigt uns eine große Achtung ab.
3.3.3 Unsere Pflicht und unsere Fähigkeit zum Guten lassen uns mehr sein als Natur, mehr sein als einfach nur Lebewesen
Naturgewalten sind stärker als wir. Ein letztes Beispiel, um uns verständlich zu machen, was Kant mit der inneren, vernünftigen und unabhängigen Instanz meint, die vollkommen sicher um das Gute weiß: Stellen Sie sich vor, wie ohnmächtig und verletzlich Sie sich gegenüber den Gewalten der Natur fühlen, etwa wenn Sie schutzlos im Gebirge den Blitzen eines Gewitters ausgeliefert sind oder einem reißenden Fluss bei einer Überschwemmung. Nichts können Sie der Natur hier entgegensetzen. Im Gegenteil, Sie können nur hoffen, dass Sie sich retten können und am Leben bleiben.
Kühne, überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich aufthürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend, Vulcane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt, Orkane mit ihrer zurückgelassenen Verwüstung, der gränzenlose Ocean, in Empörung gesetzt, ein hoher Wasserfall eines mächtigen Flusses u. d. gl. machen unser Vermögen zu widerstehen in Vergleichung mit ihrer Macht zur unbedeutenden Kleinigkeit. (Kant 1908 (b), 261)
Doch stärker als die Naturgewalten ist unsere innere Instanz des Guten. Zusammen mit unserer physischen Ohnmacht als natürliche Lebewesen entdecken wir aber auch jene andere Seite in uns und erleben sie als eine Macht, die über alle Naturgewalten hinausgeht und von diesen vollkommen unabhängig ist. Im Augenblick unserer Todesangst ist uns klar: Als Individuen können wir von den übermächtigen Naturgewalten jederzeit vernichtet werden. Doch jene innere Vernunftinstanz, welche Kant als die Menschheit in unserer Person bezeichnet, sie ist unvergänglich, sie steht außerhalb der Macht der Natur.
[…] so giebt auch die Unwiderstehlichkeit ihrer Macht [der Natur, Ph. Th.] uns, als Naturwesen betrachtet, zwar unsere physische Ohnmacht zu erkennen, aber entdeckt zugleich ein Vermögen, uns als von ihr unabhängig zu beurtheilen, und eine Überlegenheit über die Natur, worauf sich eine Selbsterhaltung von ganz andrer Art gründet, als diejenige ist, die von der Natur außer uns angefochten und in Gefahr gebracht werden kann, wobei die Menschheit in unserer Person unerniedrigt bleibt, obgleich der Mensch jener Gewalt unterliegen müßte. (Kant 1908 (b), 261f.)
Natur kann uns als Menschen vernichten, nicht aber die innere Instanz des Guten, nicht die Menschheit in uns. Es ist, als ob ein von einem Diktator zum Tode verurteilter Mensch vor seiner Exekution noch ausruft: ‚Mich könnt ihr vernichten, doch die Idee der Gerechtigkeit könnt ihr nicht vernichten, solange es Menschen gibt, wird diese Idee weiterleben!‘ Auch in diesem Beispiel und Gedankenexperiment kommt es Kant nicht so sehr auf das rationale Kalkül des kategorischen Imperativs an als vielmehr auf die Bewunderung für und die Achtung vor jenem Kern der menschlichen Vernunft.
Weshalb sollen wir moralisch sein? Warum sollen wir das Gute tun? Weil wir darin uns überhaupt erst als diejenigen Wesen erweisen, die wir eigentlich sind, nämlich als Wesen, welche die Menschheit in sich beherbergen: als jene innere Instanz des Wissens um das Gute. Diese nimmt uns in die Pflicht, doch wir bewundern und achten sie, weil sie völlig unabhängig von unseren Ängsten und Neigungen zu uns spricht. Das Gute gehört zu uns Menschen, doch es gehört zu uns gerade, indem wir mehr sind als bloße Naturwesen. Das Gute erreicht uns über die alle Menschen verbindende universale Vernunft.
Die innere Instanz des Guten, so Kant, lässt uns mehr sein als Naturwesen. Diese Instanz macht uns Menschen erst zu Menschen im eigentlichen Sinn. Moralisch gut sollen wir sein, um der Menschheit in uns würdig zu sein.
3.4 Das Gute tun, weil wir damit ein Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Unrecht, zwischen Liebe und Tod immer wieder neu erkämpfen (Camus)
Das Gute tun, um ihm im Kampf gegen das Böse zu helfen. Um diese letzte Begründung des Guten zusammenzufassen, ließe sich vorläufig sagen, dass Menschen in der Lage sind, das Gute zu sehen, zu tun und selbst gut zu sein, aus einer Haltung ohnmächtiger und trotziger Solidarität und Liebe heraus. Schon in Kants Beispiel von dem mit dem Tod am Galgen bedrohten Mann, der dabei mithelfen soll, einen Unschuldigen zu vernichten, ist sofort klar, dass die Macht der Obrigkeit, welche den einzelnen mit dem Tode bedrohen kann, zusammen mit der enormen Angst vor dem Tod, d.h. zusammen mit dem Selbsterhaltungstrieb, letztlich wohl oft die größte Macht ist. Und dieser Zusammenhang beherrscht weite Teile der Menschheitsgeschichte: Die Mächtigen können durch die Angst der Unterdrückten herrschen. Dennoch wird schon in diesem Beispiel eine Gegenmacht sichtbar, die Macht dessen nämlich, was eigentlich das Richtige und das Gute ist. Es ist, als habe die Macht, grausam und ungerecht, überall das letzte Wort. Zugleich aber gibt es eine Gegenmacht und, so ließe sich sagen, auch diese hat das letzte Wort oder kann es zumindest haben. Als Menschen können wir all dies vor uns sehen wie einen ungleichen Kampf. Indem wir uns dafür entscheiden, dem Guten zu helfen, entscheiden wir uns dafür, dass die Macht der Herrschaft und der Angst zumindest nicht immer das letzte Wort hat. Ohnmächtig und trotzig versuchen wir, ob erfolgreich oder nicht, eine Art Gleichgewicht herzustellen. Dies betrifft auch die Macht des Todes selbst, es betrifft Krankheit und Sterblichkeit.
Das Gute tun, ohne einen höheren Grund dafür zu brauchen. In Albert Camus’ (1913–1960) Roman Die Pest von 1947 wird solch ein ohnmächtiger Kampf gegen die Macht des Todes beschrieben. In der Stadt Oran wütet die Pest und verlangt tausende Todesopfer. Die Stadt wird von der Außenwelt abgeriegelt. Der Tod zeigt sich als Übermacht. Die Krankheit tötet Alte und Kinder, sie tötet gute wie schlechte Menschen. In dieser Situation kämpft der Arzt Bernard Rieux einen ungleichen, einen sinnlos anmutenden Kampf, um, so gut er kann, Menschen zu retten. Der Priester Paneloux vertritt in seinen Predigten die Meinung, die Pest sei eine Strafe Gottes, er gibt also den Menschen mehr oder weniger selbst die Schuld an ihrem Schicksal. Rieux, der Atheist ist, verfügt über keine derartige Erklärung der schrecklichen Situation und damit nicht über die Möglichkeit, diese in einen größeren, irgendwie sinnvollen Zusammenhang einordnen zu können. Ihn trifft die Ohnmacht, die Vergeblichkeit und die schier unerträgliche Sinnlosigkeit des menschlichen Schicksals umso härter. Absurd ist daher sein Kampf gegen den Tod: grundlos, sinnlos, aussichtslos.
Absurd: widersinnig. Angesichts der Sinnsuche Rieux’ ist sein erfolgloser Kampf gegen die Pest sinnlos. Doch gerade in diesem widersinnigen Handeln findet er Sinn. Der Kampf der ohnmächtigen Liebe gegen den übermächtigen Tod ist sinnvoll, weil er ein Zeichen menschlicher Solidarität und Revolte gegen das Böse ist.
Camus schildert in seinem Roman Rieux’ Handeln als eine Art grundlose, trotzige und zugleich solidarische und liebende Haltung, die sich in den Dienst einer ohnmächtigen Macht gegen den Tod stellt. Rieux kämpft für das Gute – scheinbar ohne Grund. Als sein junger Nachbar Tarrou ihn fragt, woher er die Kraft nimmt, diesen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, erklärt Rieux seinen trotzigen, atheistischen und engagierten Standpunkt. Das Elend und das Leiden der Menschen ist Grund genug, das Gute zu tun, auch wenn es aussichtslos ist.
„Wissen Sie, daß es Leute gibt, die sich weigern zu sterben? Haben Sie je eine Frau ‚Nein!‘ schreien hören, die im Sterben lag? Ich schon. Und dann habe ich gemerkt, daß ich mich nicht daran gewöhnen konnte. Ich war damals noch jung, und mein Ekel glaubte sich gegen die Weltordnung selber zu richten. Seither bin ich bescheidener geworden. Nur habe ich mich einfach immer noch nicht daran gewöhnt, sterben zu sehen. […] Aber schließlich…“ […] „Schließlich?“ sagte Tarrou sanft. „Schließlich…“ begann der Arzt, und wieder zögert er und blickte Tarrou aufmerksam an, „ist es etwas, das ein Mann wie Sie verstehen kann, nicht wahr; aber da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es vielleicht besser für Gott, wenn man nicht an ihn glaubt und dafür mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu dem Himmel zu erheben, wo er schweigt.“ „Ja“, stimmt Tarrou zu, „ich verstehe. Nur werden ihre Siege immer vorläufig bleiben, das ist alles.“ Rieux’ Gesicht schien sich zu verdüstern. „Immer, ich weiß. Das ist kein Grund, den Kampf aufzugeben.“ „Nein, das ist kein Grund. Aber nun kann ich mir vorstellen, was die Pest für Sie bedeuten muß.“ „Ja“, sagte Rieux, „eine endlose Niederlage“. (Camus 1995, 104f.)
Das Gute als trotziges Zeichen der Solidarität. Die Menschen kommen vielleicht nicht an gegen die Übermacht der Ungerechtigkeit und der Willkür menschlicher Gewaltherrschaft, gegen die Macht des Stärkeren, der eigentlich kein Recht hat, der sich das ‚Recht‘ jedoch rücksichtslos nimmt. Und, wie bei Camus, das Handeln der Menschen kommt nicht an gegen die Macht des Todes, der Krankheit und Sterblichkeit. In ihrer trotzigen Entscheidung für das Gute können Menschen dennoch ein Zeichen setzen, ein Zeichen nämlich für die Gegenmacht gegen den Tod, für die Liebe. Ein Zeichen für das Recht und gegen das Unrecht, gegen das ‚Recht‘ des Stärkeren. Es ist ein Zeichen für die Solidarität und Liebe unter den Menschen. Selbst angesichts hoffnungsloser Zustände können Menschen eine Art absurden Sinn in der ohnmächtigen Liebe und im ohnmächtigen Guten erfahren und behaupten. Absurd (widersinnig) ist dieser Sinn, weil der trotzige Einsatz gegen die Macht des Todes erfolglos bleiben mag. Dennoch kann er als nie aufhörendes Engagement für das Gute Hoffnung geben. Es ist, als seien wir erst dann richtig Menschen, wenn wir das Ungleichgewicht zwischen dem übermächtigen Tod und der ohnmächtigen Liebe immer wieder korrigieren helfen (Thomas 2020, 235ff.).
Indem wir trotz aller Vergeblichkeit das Gute tun, setzen wir ein Zeichen der Solidarität und der Liebe. In dieser trotzigen Solidarität gegen Unrecht und Leiden werden wir auf ganz besondere Weise Menschen. Wir gewinnen eine Haltung angesichts des Ganzen und unserer Frage nach Sinn: Wir helfen immer wieder dem Guten gegen das Schreckliche und Böse.
Ihre Antwort auf die Frage Ihrer Schüler:innen:
Warum sollen wir moralisch gut sein, lohnt sich das überhaupt? So könnten Sie Ihren Schüler:innen antworten:
Wenn Ihr ein ‚gutes Leben‘ führen wollt, sucht Ihr nicht nur Euren Vorteil, sondern Ihr möchtet in einer gerechten Welt leben, möchtet ein reines Gewissen haben und freut Euch auch daran, Gutes zu tun.
Es gibt viele Situationen, in denen wir uns von dem, was wir wahrnehmen, herausgefordert fühlen, z.B. zu helfen. Das zu verdrängen, macht uns unmenschlich, das immer stärker zu erfahren, macht uns menschlich. (Erst durch das Gute wird der Mensch richtig zum Menschen I (Jonas, Levinas)).
In Situationen großer Ungerechtigkeit haben wir spontan eine Einsicht, was jetzt zu tun eigentlich unsere Pflicht wäre, unabhängig davon, ob wir uns das dann auch trauen oder nicht. Hier erfahren wir eine innere unbestechliche Instanz. Vor dieser inneren Gegenmacht können wir Respekt und Achtung empfinden. Ihr zu folgen macht uns menschlich. (Erst durch das Gute wird der Mensch richtig zum Menschen II (Kant)).
Schließlich können wir einen Sinn in menschlicher Solidarität erfahren – gegen die Übermacht des Unrechts und des Todes, die in unserer Welt immer das letzte Wort zu haben scheinen. Der oft ohnmächtigen Liebe zu helfen gegen diese Übermacht, das macht uns menschlich. (Erst durch das Gute wird der Mensch richtig zum Menschen III (Camus)).
Bildung ist mehr als Ausbildung. Zur Bildung gehört die Kultivierung der menschlichen Möglichkeit, das Gute zu erfahren und das Gute zu tun.
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