Kitabı oku: «Täler voller Wunder», sayfa 14

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Die Beispiele von Campodolcino und Salouf zeigen deutlich, dass das Sprechen von »fehlerhafter Glaubenspraxis«, »ungenügenden Pfarrern« und von der »protestantischen Gefahr« nicht allein ein innerkirchlicher, reformkatholischer Diskurs war. Obschon ursprünglich von externen Akteuren (Kardinäle, Nuntien und Kapuziner) dazu gebraucht, um die religiösen und politischen Konstellationen im rätischen Alpenraum in nachtridentinische Wahrnehmungsmuster einzupassen, erwiesen sich bestimmte dieser Sprechweisen auch für einzelne Bündner und Veltliner Gemeinden bald als nützlich: Sie halfen ihnen, eigene Anliegen so zu artikulieren, dass sie auch durchsetzungsfähig waren. Indem sie die konfessionelle Argumentationslogik adaptierten, erhöhte sich ihre Chance, in Konflikten mit dem bischöflichen Ordinariat die Unterstützung des Nuntius oder der Kurienkongregation de Propaganda Fide zu finden. Die zunehmende (institutionelle) Verflechtung mit der päpstlichen Kurie führte folglich nicht nur zu einer stärkeren Einflussnahme der Papstkirche auf die kirchlichen Verhältnisse vor Ort, sondern bot der lokalen Gesellschaft zugleich neue Handlungsmöglichkeiten, die eigenen kirchenpolitischen Ordnungsvorstellungen – insbesondere das kommunale Pfarrwahl- beziehungsweise Nominationsrecht – gegen konkurrierende Modelle von Kirchlichkeit zu verteidigen oder in Einzelfällen die kommunalen Befugnisse sogar auszuweiten. Zweifelsohne barg dieses Mehrebenenspiel auch Risiken: Aufgrund der gesteigerten Möglichkeiten, eigenes Recht einzufordern, konnten aus punktuellen Streitigkeiten langwierige, kaum mehr einzugrenzende Konflikte mit unkontrollierbaren Dynamiken entstehen. Im Misox kam es gar zu blutig ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der einheimischen Weltpriester, »Pretisten« genannt, und solchen der Kapuzinermissionare, den »Fratisten«587.

2.4.2. Verfluchte Verflechtung? Blutige Konflikte um fremde Kapuziner und heimische Weltpriester

Vor der Wallfahrtskirche Madonna del Ponte Chiuso in Roveredo spielte sich (wahrscheinlich) im Januar 1705 eine denkwürdige Szene ab. Als Bartolomeo Barbieri († 1728) nach dem Gottesdienst aus der Kirche trat, wurde er von einem gewissen Domenico Reguzino mit einem Säbel angegriffen, wobei »der letzte Schlag bis ans Gehirn ging«588. Der Attentäter sei, so ist in den Memoiren von Barbieris Sohn Giovanni Domenico zu lesen, feige von hinten gekommen, andernfalls hätte sich Barbieri zu verteidigen gewusst, »denn auch er war bewaffnet und ein Mann, der sich mit anderen messen konnte«589. Auch im frühneuzeitlichen Graubünden kam es ab und an zu solchen Mordanschlägen, meistens im Zusammenhang mit Familienfehden oder Machtkämpfen zwischen spanischen, französischen, venezianischen oder österreichischen Parteigängern.590 Im geschilderten Fall – und dies ist das Besondere – war der Grund allerdings ein kirchenpolitischer. Barbieri war ein überzeugter Anhänger der Kapuziner, die seit den 1630er-Jahren im Misox missionierten und in einigen Gemeinden als Pfarrer amteten. Sein Gegenspieler gehörte den sogenannten Pretisten an und war als solcher der Meinung, die landesfremden Ordensgeistlichen sollten ausnahmslos durch einheimische Weltpriester ersetzt werden. Dieser innerkatholische Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern der Kapuzinermission schwelte im Misox bereits seit den 1650er-Jahren, spitzte sich um 1705 aber derart zu, dass die Exponenten beider Parteiungen sich offenbar nur noch bewaffnet in die Öffentlichkeit wagten. Wie und weshalb konnte die zunächst rein kirchlich-administrative Frage, ob die Pfarreien von Welt- oder Ordensgeistlichen betreut werden sollten, ein derartiges Klima der Angst erzeugen? Welche gesellschaftlichen und kulturellen Konfliktlinien lagen dem mit Waffengewalt ausgetragenen Streit zwischen Pretisten und Fratisten zugrunde? Und welche Rolle spielte der Gegensatz zwischen Heimischem und Fremdem?

Erste Klagen über die Kapuzinermission im Misox wurden zu Beginn der 1650er-Jahre laut. In mehreren Eingaben zuerst bei der Nuntiatur in Luzern, dann auch in Rom forderte die Talkirche591 gemeinsam mit den höchsten politischen Repräsentanten der Talschaft Misox die Eingrenzung der Mission. Inzwischen gebe es, so die Argumentation, mehrere in Wien, Dillingen, Graz und Mailand ausgebildete einheimische Priester, die auf andere Diözesen ausweichen müssten, weil die Pfarreien in ihrer Heimat von Mailänder Kapuzinern besetzt seien.592 Die externe Hilfe, mit der man sich kirchlicherseits eine intensivierte seelsorgerische Betreuung tridentinischen Zuschnitts erhofft hatte, offenbarte damit ihre ganze Janusköpfigkeit: Während die italienischen Kapuziner der rätischen Mission zunächst den akuten Priestermangel überbrückten, stellten sie ab der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Konkurrenz für diejenigen jungen Bündner dar, die im Ausland zu Priestern ausgebildet wurden.

Wortführer der einheimischen Priesterschaft waren die Chorherren von San Vittore, der Hauptkirche des Tals, die durch die Mission ihr altes Recht, über die Vergabe von Pfarrpfründen bestimmen zu können, untergraben sahen.593 In der Tat waren die Pfarreien von Soazza, Lostallo, Cabbiolo, Cama/Leggia, Verdabbio und Santa Maria per Dekret der Propagandakongregation Kapuzinern aus Mailand übertragen worden, ohne dass die Talkirche darüber hätte befinden können. Und da die Verfügungsgewalt über die Ordensgeistlichen den lokalen Kircheninstitutionen (Domherrenstift, Priesterkapitel) aufgrund des Missionsstatus weitgehend entzogen war, schwand die Kontrolle der Talkirche über die lokalen Kirchenressourcen zunehmend. Profiteure dieser Entwicklung waren die Pfarrgemeinden, insbesondere die kleineren unter ihnen. Weil die Kapuziner weitgehend von Almosen und Zuwendungen aus Mailand lebten, bedurfte es keines oder nur eines kleinen kommunalen Ressourcenpools, aus dem die Pfarrpfrund gespeist wurde. Paradoxerweise bedeutete die zunehmende Abhängigkeit von externen Akteuren und Institutionen für einzelne Gemeinden also eine stärkere Unabhängigkeit hinsichtlich der Verwaltung der vor Ort verfügbaren Ressourcen.

Diese Konstellation barg großes Konfliktpotenzial. Während die einheimischen Weltpriester und die höchsten kirchlichen Würdenträger des Tals die fremden Kapuziner ausweisen wollten, sprachen sich die von den Ordensbrüdern betreuten Gemeinden vehement für die Mission aus. Dieser Gegensatz entlud sich in zeittypischer Weise, indem nämlich der Vorwurf der Hexerei – wie in vielen anderen Verteilungskämpfen um begrenzte Ressourcen der ländlichen Gesellschaft594 – zum zentralen, konfliktverstärkenden Argument wurde. Nuntius Federico Borromeo schrieb 1656 nach Rom, viele Säkularkleriker stünden beim Misoxer Kirchenvolk im Ruf, Hexer zu sein, währenddessen die Kapuziner sehr beliebt seien, sodass ihre Ausweisung große Tumulte nach sich ziehen würden.595 Die Kapuziner selbst nährten diese Anschuldigungen, indem sie immer wieder betonten, im Misox gebe es »viele Hexen und verhexte Personen«596. Antonio Maria Laus, seines Zeichens zwar ebenfalls Apostolischer Missionar, gleichzeitig aber auch Kanoniker der Stiftskirche San Vittore und als solcher Prätendent auf eine ertragreiche Kirchenpfrund, beklagte sich an der Kurie in Rom,597 die Kapuziner schürten mit ihrem kompromisslosen Kampf gegen angebliche Hexer viel Zwietracht. So habe beispielsweise Pater Faustino da Milano einigen Kindern aus Cama und Leggia unter Gewaltanwendung das Geständnis abgerungen, dass sie Hexen seien, und sie genötigt, einige führende Männer als Mithexer zu denunzieren.598 Dadurch seien angesehene Herren, darunter auch Priester, zu Unrecht entehrt worden. Laus, einst Schüler am Kollegium der Propagandakongregation und nun erbitterter Gegner der Kapuzinermission im Misox, versuchte mit dieser Argumentation, die gegen die Weltpriester erhobenen Hexereivorwürfe ins rechte Licht zu rücken. Ganz anders der Bischof von Chur. Er war der Überzeugung, dass sich die Hexerei im Misox neuerdings ausbreiten würde, falls die Kapuziner das Tal verlassen müssten.599 Allerdings dürfte diese Einschätzung stark von seiner persönlichen Abneigung gegen Laus geprägt gewesen sein: Der Bischof befürworte lediglich »aus Hass gegenüber Laus«600 die Kapuzinermission im Misox, gab Nuntius Borromeo zu bedenken.

Angesichts dieser undurchsichtigen Konfliktkonstellationen und der sich widersprechenden Berichte entschied die Propagandakongregation 1656, die Misoxer Mission vorerst beizubehalten. Um die konfliktive Situation dennoch zu entschärfen, schlug sie zwei Maßnahmen vor: Erstens sollte der Mailänder Provinzial nur solche Kapuziner in die Mission entsenden, die keinen Anstoß erregten. Zweitens riet die Kurienkongregation jenen einheimischen Klerikern, die eine Pfarrei zu übernehmen bereit waren, sie sollten mithilfe von Verwandten und Freunden versuchen, die »Seelen zumindest der Magistraten zu gewinnen«601, um so die gewünschte Nomination zu erhalten. Vorerst beruhigten sich die Gemüter zwar, doch genau dieser zweite Punkt führte einige Jahre später dazu, dass der Streit zwischen Pretisten und Fratisten eskalierte.

Als um 1690 die lokale Priesterschaft zusammen mit der weltlichen Obrigkeit des Misox und des Calancatals erneut auf eine Auflösung der Kapuzinermission drängte, stellten die Kapuziner klar, dass dies nicht der Wille des ganzen Volkes sei. Zwar werde ihre Ausweisung »im Namen der Öffentlichkeit« gefordert, in Wahrheit aber sei sie nur im Interesse der politischen Elite, der »Herren Ministrale«. Die »arme Bevölkerung« hingegen dränge »mit allem Eifer« auf die Fortführung der Mission.602 In der Tat manifestierte sich im Streit zwischen Pretisten und Fratisten auch ein sozialer Konflikt zwischen der sich zunehmend abschließenden Führungsschicht einerseits und der Mehrheit der bäuerlichen Talbewohner andererseits. Die Verbindung der Weltpriester zur politischen Elite war dadurch gegeben, dass, wie die Propagandakongregation richtig erkannt hatte, sie fast ausschließlich aus dieser Führungsschicht stammten. Bildung, auch die theologische, war nämlich einerseits eine die Elite konstituierende Ressource, andererseits aber brauchte es bereits vorher ausreichendes politisches und soziales Kapital, um überhaupt an Studienplätze an ausländischen Bildungsanstalten zu gelangen. Erst diese enge Koinzidenz von weltlicher und kirchlicher Elite des Tals ließ die Frage, mit welchen Klerikern die Pfarreien zu besetzten seien, vollends zu einem Politikum werden. Die Amtsträger Roveredos machten 1691 eine Eingabe auf dem Bundestag der Drei Bünde, die die Ersetzung der Kapuziner durch Weltpriester verlangte.603 Gleichzeitig wandte sich die vereinigte Priesterschaft des Misox unter der Führung des Rovereder Pfarrers und bischöflichen Vikars Giovanni Tini an den spanischen Gesandten Casati in Luzern, damit er das Vorhaben unterstütze.604 Doch statt Gehör zu finden, rief dieses Vorgehen harsche Kritik hervor. Der Nuntius maßregelte den Misoxer Weltklerus dafür, dass er sich in einer rein kirchlichen Angelegenheit an die weltliche Obrigkeit der Drei Bünde gewandt hatte, und drohte ihm die »Suspension« (suspensione) beziehungsweise die Exkommunikation an.605 In den Augen des Nuntius kam das Vorgehen der Misoxer einer Zuhilfenahme der Protestanten gleich, zumal diese bekanntlich die Mehrheit auf den Bundestagen ausmachten. Auch Casati widersetzte sich dem Ansinnen der Pretisten. Er war von Kardinal Altieri dazu aufgefordert worden, sich mit allen Mitteln für die Mission stark zu machen, und so sorgte er dafür, dass die Regierung in Mailand im Sinne Roms Druck auf den Bundestag ausübte.606

Ebenso auffallend wie bezeichnend ist die Tatsache, dass in den Pretisten-Fratisten-Streit gleich mehrere Ebenen der politischen und kirchlichen Hierarchie involviert waren. Die Kapuzinermission unterstand kirchenrechtlich gesehen direkt der römischen Kurie, sodass an eine Lösung des Konfliktes ohne Miteinbeziehung des Nuntius respektive der Propagandakongregation nicht zu denken war. Dessen waren sich allen voran die Anhänger der Kapuziner bewusst. Sie versuchten, die Kurienkongregation de Propaganda Fide inständig von der Notwendigkeit der Mission zu überzeugen, indem sie immer wieder die Verdienste der Kapuziner hervorhoben607 – mit dem Ergebnis, dass die Kurie tatsächlich ihre Nuntien in Luzern, Wien und Madrid aufforderte, politische Protektion für die Misoxer Mission zu aktivieren. Während die Fratisten somit auf externe Unterstützung zählen konnten, kam die Hilfe für die Pretisten von innerhalb der Drei Bünde. Auf Ansuchen des bischöflichen Vikars Giovanni Tini und der Gemeinde Mesocco verbot Bischof Ulrich VII. 1694 den Kapuzinermissionaren im Hospiz San Rocco in Mesocco bestimmte Tätigkeiten, weil sie nach bischöflichem Urteil in den Aufgabenbereich des regulären Pfarrers fielen. Dazu gehörten das Aufbahren von Toten, Segnungen von Kerzen, Aschen und Palmen, das Austeilen des Segens an Festtagen sowie das Lesen von Messen in Zeiten, in denen auch in der Pfarrkirche Gottesdienste gefeiert wurden.608 Dieser Beschluss war nötig geworden, weil an Sonn- und Festtagen sich offenbar mehr Leute in der Kapuzinerkirche San Rocco als in der Pfarrkirche von Mesocco eingefunden hatten – ein untrügliches Zeichen, dass die religiösen Dienstleistungen der Ordensbrüder beim Kirchenvolk sehr beliebt waren.

Dass die Fratisten an landesfremde Instanzen appellierten und von diesen Recht bekamen, verlieh dem Konflikt eine neue Dimension. Bereits mit der Eingabe beim Bundestag 1691 hatten die Pretisten das Vorgehen ihrer Gegenspieler ebenso wie die Mission italienischer Kapuziner insgesamt als Verrat an den freistaatlichen Prinzipien der Drei Bünde darzustellen versucht. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelte sich dieses Argument dann zu einem Diskurs, der in einen Bürgerkrieg zu münden drohte. Auslöser war ein Legat des bekannten Baumeisters Antonio Riva609 von 1703/04, mit dem in Roveredo ein Kapuzinerhospiz samt einer dazugehörenden Schule hätte errichtet werden sollen.610 Angesichts dessen wandten sich die Rovereder Pretisten erneut an den Bundestag und erreichten, dass am 14. September 1704 ein Dekret verabschiedet wurde,611 welches der Talschaft Misox den Ausschluss aus den Drei Bünden androhte, falls bis zum 1. Januar 1705 nicht alle Kapuziner ausgewiesen würden.612 Die Pretisten argumentierten, die Mission sei »gegen die Munizipalgesetze (leggi municipali) und gegen den von der Republik geschworenen Artikel, dass keine fremden kirchlichen Amtsträger (ministri ecclesiastici forastieri) geduldet werden«613. Mit Bezugnahme auf diese verfassungsrechtliche Grundlage wurden im August 1706 auf Anordnung von Francesco Giovannelli, Ministral des Calancatals, die Kapuziner unter Waffengewalt aus Rossa, Santa Domenica, Santa Maria, Grono und Cama ausgewiesen, die entsprechenden Pfarreien mit Kanonikern von San Vittore besetzt und die Gemeinden mit je 300 scudi gebüßt.614 Als Reaktion darauf griffen die Kapuzinergetreuen ebenfalls zu den Waffen, versammelten in Lostallo eine Hundertschaft und verschworen sich gegen Giovannelli und weitere Richter (giudici) der Talschaft.615 Alfieri Tommaso Tini, ein Wortführer der Pretisten, wurde ermordet, Giovannelli und zwei weitere Richter überfallen und in Santa Maria gefangen gesetzt. Zuvor hatten die Fratisten in gedruckten Pamphleten das Gerücht in Umlauf gebracht, Giovannelli habe mit den Protestanten paktiert und ihnen eine Kirche im Tal versprochen.616 Zur Befreiung Giovannellis formierte sich eine bewaffnete Mannschaft von 600 bis 700 Pretisten, sodass nun auch die Zeitgenossen von einem »Bürgerkrieg« (guerra Civile)617 zu sprechen begannen. Der Konflikt ging letztlich so weit, dass sich die politischen Institutionen aufspalteten, das heißt die Pretisten und Fratisten je eigene Amtsträger wählten. Die Talschaft glich einem »kopflosen Körper«618, ohne funktionierende Justiz und Regierung.

In Rom ergriff man zwei Maßnahmen, um die Situation zu entschärfen. Erstens wurde 1707 die Exkommunikation über die Misoxer Priesterschaft verhängt, weil sie sich in einer kirchenrechtlichen Angelegenheit an eine weltliche Instanz gewandt hatte.619 Zweitens beauftragte die päpstliche Kurie 1708 den Bischof von Chur mit der Visitation des Calancatals. Auf Grundlage seines Berichtes entschieden die Kardinäle der Propagandakongregation am 29. Januar 1709, die Kapuzinermission auf drei Pfarreien zu beschränken.620 Die Pretisten jedoch waren damit nicht zufrieden. Am 14. Juli 1709 versammelten sich in Roveredo ihre politischen Führer und legten einen Eid ab, mit welchem sie den Kampf gegen die Ordensgeistlichen zum Kampf für die »Patria« und gegen den fremden Einfluss erhoben:

»Wir Ministrale, Statthalter, Prokurator, Kanzler, Richter und Konsuln621 und ein Teil des Volkes von Roveredo, San Vittore und Grono sowie Teile der drei Gemeinden und Calanca schwören bei Gott dem Vater, Sohn und heiligen Geist und bei allen Heiligen des Himmels, dass wir alle beschlossenen Artikel einhalten und beibehalten, und vor allem, dass wir nicht dulden, noch tolerieren und bis in alle Ewigkeit keine Kapuziner mehr in unser ›unteres Vikariat‹ berufen, stattdessen mit aller Kraft dazu beitragen, dass gegen jeden, welcher sie von Neuem einführen oder tolerieren will, unverzüglich eine Strafe in der Höhe von 2000 scudi erhoben wird, und dies alles zur Erlangung des wahren Friedens, zur Bewahrung und Aufrechterhaltung unserer lieben und kostbaren Freiheit, die wir beide, jetzt und in Ewigkeit, treu einhalten und nie mehr hergeben wollen für diese Angelegenheit, und dies alles auf Befehl der Dekrete der hochlöblichen Drei Bünde.«622

Hatten die Pretisten in früheren Zeiten vor allem damit argumentiert, dass die Kapuzinermission aufgrund genügenden Priesternachwuchses gar nicht mehr nötig sei, hieß es nun im 18. Jahrhundert, sie sei grundsätzlich unvereinbar mit dem Freiheits- und Staatsverständnis623 der Drei Bünde. Die »fremden« Kapuziner mussten daher ausnahmslos durch »nationale Priester«624 ersetzt werden. Wer trotz aller Verbote die Kapuziner behalten oder neu einführen wollte, galt als »Rebell gegen die Heimat« (ribelle della Patria)625 und musste mit der Todesstrafe rechnen. In dieser Hinsicht lassen sich Parallelen zu den blutigen Strafgerichten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erkennen, als der wachsende Druck von außen und die durch ihn verursachten Parteikämpfe ebenfalls zu einem »patriotischen« und »radikal-populistischen« Argumentarium führten,626 das den Ausweg aus der tiefgreifenden Krise der politischen Ordnung zu weisen schien. Der »Patria«-Diskurs ist insofern eine typische Antwort auf die politischen und sozialen Risiken der grenzüberschreitenden Verflechtung. Er wurde jeweils dann bemüht, wenn gesellschaftliche (oder politische) Teilgruppen ihre umstrittenen Interessen mithilfe landesfremder Akteure durchzusetzen bereit waren und so die innere Kohäsion der Gesellschaft aufs Spiel setzten. Im Falle des Pretisten-Fratisten-Streits wirkte sich konfliktverstärkend aus, dass wegen der institutionellen Verflechtung mehrere Rechtsgrundlagen existierten, auf die sich die Konfliktparteien berufen konnten: die Pretisten auf das Landesrecht, die Fratisten auf die Entscheidungsbefugnisse der Kurienkongregation de Propaganda Fide. Und so hielten die einen unnachgiebig an der Ausweisung der Kapuziner, die anderen an deren Beibehaltung fest. Die grenzüberschreitende Verflechtung katholischer Spielart bedeutete deshalb nicht nur neue Chancen und Handlungsmöglichkeiten, sondern auch eine große Herausforderung für die lokale politische, soziale und kirchliche Ordnung.

Wie ging nun aber die blutige Kontroverse um die Kapuzinermission im Misox aus? Darauf eine detaillierte Antwort zu geben, ist kaum möglich, weil die Lösung des Konfliktes weniger stark Eingang in die Archivquellen gefunden hat als die Klagen und Gegenklagen auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung. Gesagt werden kann lediglich, dass sich die Lage ab 1709 allmählich beruhigte, ohne dass aus den Quellen die genauen Gründe hierfür ersichtlich würden.627 In der Folge scheinen die Pfarreien unter dem Welt- und Ordensklerus aufgeteilt worden zu sein, wie es schon der Beschluss des Bischofs von 1708 vorgesehen hatte.

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Serideki Beşinci kitap "Kulturgeschichten / Studien zur Frühen Neuzeit"
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