Kitabı oku: «Im Schatten des Burn-outs», sayfa 4

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BURN-OUT-EPIDEMIE

Vor einhundert Jahren gab es schon einmal eine allgemeine quälende Erschöpfung, die damals Neurasthenie genannt wurde. Das vegetative Nervensystem gerät ins Ungleichgewicht und man fährt zur Kur. Freud sexualisierte diese Störung und machte ein Übermaß an Masturbation dafür verantwortlich. Im Übrigen wurden Konkurrenzdruck und Industrialisierung ursächlich einbezogen. Heute, im Zeitalter der digitalen Revolution, heißt es Burn-out. Im Grunde genommen wiederholt sich alles auf einem (höheren?) Niveau. Der Hegelsche Weltgeist ist in Perfektion begriffen. Geprägt hat den Begriff „Burn-out“ der Psychoanalytiker Freudenberger, der das Phänomen an sich selbst nach exzessivem Arbeiten und Schlafmangel beobachtet hat. Es entwickelt sich schleichend, sozusagen durch die Hintertür, aber legt seitdem ganze Betriebe lahm, wie eine Virus-Epidemie. Die Mitarbeiter im Konzern halten nicht Schritt mit der Beschleunigung in der modernen Zeit, hecheln ihr im Hamsterrad gefangen hinterher. Es gibt den Zwang, sich beständig zu wandeln. Flüchtige Kontakte unter Fremden. Beständig ist nur die Unbeständigkeit, die orkanartige Beschleunigung der Zeit, die jedes Gefühl betäubt. Gesundung hat nur ein Ziel: Die leistungsstarke Rückkehr in das Hamsterrad, um Tempo zu gewinnen.

Auch ich fühlte diese quälende Schlaflosigkeit und grübelte mit Schrecken darüber, wie ich den nächsten Tag mit allen seinen Anforderungen übermüdet überstehen sollte, kam kaum noch zur Ruhe, fühlte mich verbittert, deprimiert und immer wieder todmüde und ausgelaugt. Ein schuldiges Subjekt, denn es gelang mir nicht, die elektronischen Aktenberge zu erklimmen und meine E-Mails zu lesen, geschweige denn zu beantworten. Ich versetzte in letzter Minute Freunde an Geburtstagen mit einer fadenscheinigen Entschuldigung, weil ich den Kalendereintrag einfach übersehen hatte. Ich wagte es vor Scham nicht, selbst anzurufen, sondern bat Felix, uns zu entschuldigen. Abends war ich häufig zu müde, um mit ihm auszugehen. Ich nickte auf dem Sofa ein und schleppte mich erst weit nach Mitternacht in unser Kämmerlein, wenn quälende Rückenschmerzen mich weckten. Felix getraute sich nicht, mich vorher aufzuwecken, da ich dann noch fertiger war. Manchmal war ich so erschöpft, dass er mich kurzerhand tragen musste.

So konnte das nicht weitergehen. Meine Arbeitsleistung ließ sichtbar nach. Wie durch ein Wunder waren der Stau in meinem PC und meine Reizbarkeit Mr. Y bisher entgangen. Offenbar und Gott sei Dank hatte er wichtigere Missionen zu erfüllen. Ein circulus vitiosus aus aktivierter Stressachse, Muskelverspannungen, Schlaflosigkeit und tiefster Erschöpfung, der in die Depression zu münden drohte. Die Zeit war plötzlich eingefroren. Es war wie eine temporäre Erstickung, ein plötzlich erzwungener Stillstand, lebende Mumifikation. Auch die Resonanz verstummte. Viele Kollegen, selbst die robuste Gesine und der ehemals lustige Chirurg Gert mit den Zwillingen, waren schon krankgeschrieben. Zurück blieb noch mehr Arbeit, die auf den Schultern derer lastete, die sich mühsam am Rande der Dekompensation dahinschleppten. Selbst aus dem Urlaub hagelte es Krankmeldungen, da die Körper die plötzliche Entlastung nicht tolerierten. Der Sympathicotonus schnurrte in sich zusammen wie ein Gummiband durch die plötzlich fehlende Anspannung, das Immunsystem lag darnieder und man war verschnupft oder erlitt Unfälle.

Wer nicht schnurrte, war Panther, denn dieses „Schwächeln“, wie er es nannte, behagte ihm gar nicht. Inzwischen hatte er mit dem Konzern zahlreiche Auszeichnungen errungen und war zum Geheimrat ernannt worden. Er blieb energiegeladen und dynamisch wie immer und erwartete unbedingt, dass die harten Maßstäbe, denen er sich selbst unterwarf, auch von seinen Mitarbeitern in Perfektion erfüllt wurden. Ein rigides Über-Ich sorgte für die Aufrechterhaltung des pathologischen Bedingungsgefüges, ein Perpetuum mobile.

Jeder, der länger als eine Woche arbeitsunfähig war, musste Blutproben abgeben. Die Chemiker arbeiteten fieberhaft an den diesbezüglichen Analysen, was zur Folge hatte, dass auch sie vom Burn-out erfasst wurden. Ein Bereitschaftsdienst musste eingerichtet werden. Panther tobte – in wachsender Ohnmacht. Selbst Biokoka half nicht weiter, im Gegenteil, dieses Lebenselixier schien ab einer gewissen Höchstdosis eine paradoxe Wirkung zu entfalten, die Lebensenergien zusätzlich zu dezimieren. Es hatte seine betäubende Wirkung eingebüßt und steigerte den stechenden Schmerz und die Übelkeit in meiner geplagten Magengrube. So schüttete ich es kurzentschlossen in den Ausguss, nicht ohne vorher den Computer herunterzufahren, um Mr. Y daran zu hindern, mich über Skype auszuspähen.

Was tun? Zunächst erkannte ich, dass ich an meinen Grenzen angelangt war und dringend soziale Unterstützung benötigte, wenn nicht die Wogen der Hilflosigkeit über mir zusammenbrechen sollten. Da ich über tiergestützte Therapien gelesen hatte und zudem den Missbrauchsskandal lösen sollte, bot es sich an, einen Suchtmittelspürhund zu meiner Unterstützung zu beantragen. Hunde wurden inzwischen auch zur Senkung des Cortisolspiegels als Vorlesehunde bei leseschwachen Kindern eingesetzt. So erhoffte ich mir eine Besänftigung meiner unter Strom stehenden Stressachse und die Lösung der an mich herangetragenen Aufgabe.

SUCHMITTELSPÜRHUND

Überraschenderweise wurde mein Antrag positiv von Fade entschieden, zu groß war die Befürchtung, auch ich könnte noch arbeitsunfähig werden. Aber aus Kostengründen war es erforderlich, einen Welpen im Tierheim auszusuchen. Nach anfänglichem Widerstand konnte ich meine hilfsbereite Kollegin Dina überreden, mich zu begleiten. Wir klingelten an einer wackeligen, hohen Jägerzaunpforte. Laut vernehmbares Bellen, Jaulen, Kläffen und leiseres, warnendes Knurren hallte uns entgegen, das auch nicht abebbte, als eine weibliche Stimme energisch rief: „Aus jetzt!“

Die Stimme kam näher und – kontrastierend zu der Stimmgewalt – humpelte uns ein verhärmtes Weiblein in einem schmutzigen, geblümten Kittel entgegen. Sie lächelte bereitwillig, als wir unser Anliegen äußerten, und gab den Blick frei auf ein sanierungsbedürftiges Gebiss.

„So, einen Suchtmittelspürhund suchen Sie“, wiederholte sie und brach in ein skurriles, meckerndes Lachen aus. „Nun, mit so was kann ich nicht dienen. Ausbilden müssen Sie Ihren Hund selbst.“

Hierbei bedeutete sie uns mit der Hand, ihr zu folgen, und schlurfte voran zu den Zwingern. Ein stechender Geruch strömte uns entgegen und reizte unsere sensiblen Nasen, verwöhnt durch die von Klimaanlagen gefilterte Luft.

Unwillkürlich zuckte ich zusammen, als ein besonders aggressiver Kampfhund einen Laut gab, die Lefzen drohend hochzog und gegen das Gitter sprang, um nach uns zu schnappen, fette Beute wähnend, oder zumindest einen Leckerbissen, den Dina und ich wohl zusammen abgegeben hätten. Andere Vierbeiner verteidigten nicht ihr Revier, sondern schauten uns schüchtern, treu oder verängstigt an. Wir gelangten zum letzten Käfig der Reihe, in welchem sich fünf Mischlingswelpen in einem Weidenkorb tummelten. Sie waren acht Wochen alt, knuddelige kleine Wollknäuel, die bei uns spontane Zuneigung auslösten. Rosarote Zungen leckten unsere Finger oder schienen mit „Bäh“ uns schelmisch anzulachen. Wer konnte da widerstehen? Wir suchten einen frechen Rowdy aus, der sich auch beim Händeklatschen nicht einschüchtern ließ, sondern scheinbar unbeeindruckt und neugierig blieb und freudig mit uns und seinen Geschwistern weiter herumbalgte.

„Spielfreudig ist er“, bestätigte das Weiblein. „Leider ist die Mutter nach der Geburt überfahren worden.“

„Was ist das für ein Abzeichen?“, fragte ich und strich über den umgekehrten Aalstrich am Rücken.

„Da ist wohl Rhodesian Ridgeback mit drin,“ antwortete sie, erneut ihre Zahnpracht entblößend, während sie zwischen ihren aufgesprungenen Lippen gierig an einem Zigarettenstummel sog, um ihn schließlich verächtlich auszuspeien und mit ihren ausgelatschten Schuhen auszutreten. „Väterlicherseits auch altdeutscher Schäferhund, sehr gutes Blut, begabter Charakter“, pries sie ihren Zögling an, als sie spürte, dass wir Feuer gefangen hatten.

Auch Dina war fasziniert von seinem offenen Charakter, den bernsteinfarbenen Augen, die uns vertrauensvoll ansahen, und von diesem Haarkamm, der entgegen der normalen Richtung verlief. Sie strich darüber, ohne dass sich dies änderte. Dem Welpen schien das zu behagen, denn er kullerte sich auf den Rücken und eine Springbrunnenfontäne des Übermuts sprühte uns entgegen. Freudentränen waren das nicht. Nachdem die Spuren beseitigt, alle Formalitäten erledigt waren und das Weiblein sich Gewissheit verschafft hatte, dass ihr Schützling in gute Hände geraten würde, besiegelten wir unsere Wahl mit einem Handschlag und einer Unterschrift unter den Kaufvertrag. Dieser wies sogar eine Ahnentafel auf und natürlich die vorgeschriebenen Impfungen. Glücklich machten wir uns auf den Heimweg und für Augenblicke war mein Burn-out in Vergessenheit geraten.

Ich brachte Einstein, so hatten Dina und ich ihn getauft, nach Hause. Dort zeigte sich Felix spontan begeistert von seiner aufgeschlossenen Lebendigkeit.

„Wir müssen ihn autoritär erziehen“, erklärte ich, „das heißt nicht, dass er geschlagen wird, aber er muss sich uns Rudelführern unterordnen. Durch kurzes Schütteln am Nackenfell und Pfui müssen wir darauf hinweisen, was sozial erwünschtes Verhalten ist, und was nicht“, dozierte ich stolz aus meinem kürzlich angelesenem, praktischen Wissensfundus.

„Rudelführer“, neckte mich Felix, „ich dachte, ich führe dich, zumindest beim Tanzen.“

Die ersten Nächte verliefen anstrengend, aber ich blieb konsequent und reagierte nicht auf das Gewinsel, als ihm das Alleinsein nicht passte und er um Gesellschaft auf seinem Hundelager in der Diele jammerte. Erst als er stubenrein war, durfte er mit in den Konzern als mein ständiger Begleiter. Schon bald war Einstein festes Mitglied im Kollegenkreis, insbesondere sein nachdenklich wirkendes Stirnrunzeln und sein umgekehrter Aalstrich waren von Interesse und er wurde immer wieder getätschelt. Die angespannte Stimmung lockerte sich spontan auf. Sogar Fade wollte seine Bekanntschaft machen, zeigte sich aber eingeschüchtert, als Einstein ihn übermütig ansprang und zum Spielen aufforderte.

„Wir sind noch bei den Grundübungen der Erziehung“, erklärte ich entschuldigend.

„Bitte alles im Detail elektronisch dokumentieren und eine Kopie zu Panthers und meinen Händen“, wies Fade mich mit der gewohnten Fantasielosigkeit an, nachdem er sich gefangen hatte, deutlich bemüht, Souveränität zu bewahren. „Die Kosten für das Futter werden mit der allgemeinen Gehaltserhöhung verrechnet, ebenso wie für alle Pflegeartikel und die spielerische Erziehung“, fügte er im Hinausgehen wie beiläufig hinzu.

AUF LEISEN PFOTEN

Ich träumte. Die Lipizzaner in meinem Büro verwandelten sich in die gewaltigen Meerespferde des Neptunbrunnens in Wien, der zu der Gartengestaltung Maria Theresias in Schönbrunn gehörte. Links von Neptun fand ich mich als Nymphe wieder, rivalisierend mit der Meeresgöttin Thetis zu seiner Rechten. Die Tritonen – halb Mensch, halb Fisch – bedrohten uns. Es wimmelte von giftigen Schlangen, die sich um die Fischmenschen wickelten und sie ebenfalls zu ersticken drohten. Ein kleines, knopfäugiges Gila-Monster, das zur einzigen giftigen Echsenart gehörte und aus dem trockenen Mexiko stammte, ruderte im Wasser und wirkte eher hilflos als gefährlich. Felix wartete mit Einstein und einer Latte Macchiato auf der Gloriette, denn wir hatten geplant, die Tierbabys im Tiergarten Schönbrunn zu besuchen, sofern mir die Befreiung aus meinem frustranen Nymphendasein gelingen würde. Ich ruderte wild mit den Armen, um den Meeresungeheuern und Neptun zu entrinnen. Schließlich fuhr ich – wild entschlossen – aus der Haut und ließ die Nymphendame als hohlen Kokon zurück, hohl wie Panther und seine Scheinwelt, die nur der Redakteur Shiny in seinem Konzern-Käseblatt zum Leuchten bringen konnte.

Im Tiergarten erspähte uns als erstes, trotz seines noch relativ kurzen Halses, das Giraffenjunge, eine Miniaturausgabe seiner Mama. Es hatte bei seiner Geburt unbeschadet den Sturz aus zwei Metern Höhe überstanden, ohne posttraumatische Belastungsstörung, und benötigte keine EMDR zur Desensibilisierung. Das Affenkind der Kaiserschnurrbarttamarine wurde hingegen von seinem Papa spazieren getragen und hatte erst einen Mini-Bartansatz, im Gegensatz zu seinen Eltern, deren lange, struppig-weißen Barthaare es beim Kuscheln an der Nase kratzten. Einstein verliebte sich in das heulende, noch braunhaarige Wolfsbaby, das uns neugierig entgegentapste. Am liebsten hätte er es abgeleckt, wenn nicht ein schützender Maschendrahtzaun ihn gehindert hätte. So bildeten beide einen A Cappella-Chor, bis ich mir die Ohren zuhielt und Einstein ungeduldig weiterzerrte.

Plötzlich näherte sich uns auf leisen Pfoten das knopfäugige Gila-Monster, das dieses Mal gefährlicher aussah, als es war, denn Panther führte es an der Leine. Oder irrte ich mich, schleifte es nicht eher Panther hinter sich her? Während ich noch hierüber nachgrübelte, biss es hinterlistig und überraschend Einstein in den Hals. Er jaulte vor Schmerz schrill auf, sodass ich aus dem Schlaf hochschreckte und erwachte.

Uff, da war ich aber froh, dass dieses Komplott nicht real eingetroffen war und Einstein friedlich und unversehrt auf seiner alten Wolldecke in der Diele schlummerte, nur gelegentlich kurz aufseufzend, als er wohl ebenfalls von seinem Freund, dem Wolfswelpen träumte.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Felix, der in seiner Praxis selbstbestimmter arbeitete, nahm mich tröstend in den Arm.

„Wenn du erst deinen Cappuccino getrunken hast, wirst du dich besser fühlen. Du kannst dich ja nach der Arbeit wieder hinlegen.“

Einstein, blutjung und übermütig, kontrastierend mit seinem vielversprechenden Namen, der Weisheit vermuten ließ, vollführte tollkühne Freudensprünge, als die morgendlichen Sonnenstrahlen auf den Tautropfen glitzerten. Wie bei Heranwachsenden war sein Stirnhirn beim Reifungsprozess zunächst vom limbischen System überholt worden. Das bedeutete, bildlich betrachtet, das rosa Kaninchen übernahm zeitweise impulsiv und emotional die Steuerung über den grauen Elefanten, Symbol für die Vernunft. Seine männlichen Hormone trugen dazu wesentlich bei. Riskseeking gehört zum Reifungsprozess und fördert die Autonomie-Entwicklung, kann allerdings auch gefährlich werden. So hatten besonders große Vierbeiner es Einstein angetan. Er liebte es, Pferde zu jagen. Nun war Antoinette zum Glück nach Abebben der Flutkatastrophe nicht mehr auf der Konzernarche untergebracht. Auf der Zwischenstation in meinem Mondscheingarten konkurrierte sie gemeinsam mit einem zutraulichen, behänden Reh gefräßig um die zart-violetten Bodendecker, bis Einstein sich an ihre Fersen heftete. Fast wäre sie trotz ihres alten Sehnenschadens wie in früheren Zeiten über den hölzernen Gartenzaun gehüpft, hatte das Reh es ihr doch mit einem grazilen Haken vorgemacht. Einstein entrann nur durch meine beruhigende Intervention mit einer Möhre der drohenden Gefahr, von ihren Hufeisen vor Schreck zertrümmert zu werden.

So viel Aufregung war mir nach einer lebhaft durchträumten Nacht eindeutig zu viel. Hoffentlich würde Mr. Y mich heute im Konzern nicht noch zusätzlich piesacken. Kurzerhand mischte ich etwas Biokoka mit Baldriantropfen für Einstein und platzierte ihn unter meinem Schreibtisch im Büro, in der Hoffnung, dass er Ruhe geben würde. Erzieherische Maßnahmen wie das Erlernen des Aufspürens von Drogen mussten auf einen späteren Zeitpunkt vertagt werden.

Es war nicht mein Tag. Seitenweise elektronische Akten mussten durchgearbeitet und geordnet werden. Ich fühlte, wie sich meine Rückenmuskulatur verkrampfte, mein Nacken und meine Schulterpartie blockierten und bohrende Schmerzen vom Hinterkopf bis in die Stirn zogen, als ob ein eiserner Helm mich einzwängte. Die Zeilen verschwammen vor meinen Augen und ich verstand kaum noch, was ich eigentlich längst gelesen haben sollte.

„Bist du okay?“, hörte ich wie aus weiter Ferne Dinas freundliche, teilnahmsvolle Stimme. Noch ehe ich antworten konnte, erschallte fast zeitgleich ein metallisches Signal, Zahlenkauderwelsch von Mr. Y als Testmail traf auf meinem Desktop ein, eine Art Warnschuss, da meine Ampel bereits auf gelb stand und die Entwicklung eines Staus ankündigte. Die E-Mail musste unmittelbar dekodiert und beantwortet werden, sonst drohten hierarchisch gestaffelte Sanktionsmaßnahmen. Die Schmerzen in meinem Nacken vermischten sich mit einem Kälteschauer. Ich war völlig übermüdet, ich fror und versuchte, meine Füße unter Einsteins wärmenden Bauch zu schieben. Unglücklicherweise weckte ihn dies, er sprang unter dem Schreibtisch hervor und forderte uns schwanzwedelnd zum Spiel heraus. Bei so viel Arbeit war aber gar nicht daran zu denken. Dina war so freundlich, mir die Testmail zu dechiffrieren, während ich ihr vorjammerte, wie erschöpft und müde ich wäre.

„Du hast nur die Einladung zur Kryptoparty im Dachgarten bekommen“, beruhigte sie mich.

„Was ist das denn schon wieder für ein Schwachsinn?“, wetterte ich gereizt.

„Aber Pina, hast du in der letzten Besprechung nicht mitbekommen, dass Lilly in ihrem Bericht neue Abwehrmaßnahmen gegen die digitale Überwachung durch Fremdkonzerne und Geheimdienste gefordert hat? Auf der Party soll spielerisch geprobt werden, das elektronisch verschlüsselte Wirrwarr wechselseitig zu entschlüsseln, ohne an Geschwindigkeit einzubüßen.“

„Oh je“, stöhnte ich. „Hoffentlich ist das nicht heute.“

„Nein, nein, wir können uns für morgen einchecken. Bis dahin bist du mit Einstein durch die frische Luft spaziert und hast wieder einen klaren Kopf. Lass dich noch ein wenig von Felix verwöhnen“, sprudelte es weiter aus Dina heraus, die heute erstaunlich energiegeladen schien, da ihre Familie ihr freigegeben hatte. Die Söhne waren zur Klassenfahrt und ihr Mann auf Dienstreise, sodass sie in ihrer Dreifachfunktion als Papiertiger, Küchenfee und Entertainer eine Atempause bekam. „Wir sehen uns morgen in aller Frische. Die Party heißt Abwehr auf leisen Pfoten.“

Sie verabschiedete sich, da sie ihr Tagessoll schon erfüllt hatte, in Vorfreude ihres freien Nachmittags, während ich zähneknirschend nachsitzen musste, um angehäufte Defizite aufzuholen.

Doch die Party klang vielversprechend, musste ich einräumen, obwohl meine Stimmung eher gedrückt als aufgeräumt war, zumal ich Einstein noch gerade durch einen energischen Klatsch mit einer alten Fachzeitschrift aus der Papierepoche in Richtung seiner hoch angesetzten, aufmerksam gespitzten schwarzen Ohren davon abhalten konnte, das PC-Kabel vollends durchzunagen, auch wenn Mr. Y es verdient hätte. Als Einstein daraufhin nur das getroffene Ohr einklappte, während das andere aufgestellt blieb und seine Stirn noch mehr in Falten legte, musste ich unweigerlich lauthals lachen, so drollig sah das aus. Eigentlich war mir nicht danach zumute.

Die Party wurde für mich tatsächlich ein Reinfall. Und ich hatte mir so viel Mühe gegeben, Helena unbemerkt durch den Notausgang einzuschleusen.

„Klasse siehst du aus“, begrüßte ich sie und freute mich, wie erholt sie nach ihrer Pensionierung aussah. Sie hatte Peter im Schlepptau. Er stiefelte widerwillig hinterher, da er lieber zum Fußballmatch gegangen wäre.

„Hi, Pina“, begrüßte Helena mich fröhlich. „Du Ärmste, man sieht dir an, dass du mal wieder eine Auszeit von all dem Stress brauchst. Heute Abend lassen wir es uns gut gehen“, kündigte sie erwartungsfroh an.

Auch Einstein erkannte sie wieder und kläffte schwanzwedelnd vor Freude.

„Psst“, mahnte ich, besorgt, dass Fade & Co die ungeladenen Gäste bemerken könnten. „Hier, eure Tarnkappen.“

Ich reichte Helena passend zu ihrem modischen Outfit eine rot-schwarz gestreifte Augenmaske, die sie hervorragend kleidete. Peter bekam entsprechend eine dunkle im Herrendesign.

Leider verlor ich Helena in dem anschließenden Getümmel aus den Augen. Ich hoffte nur, dass sie sich wenigstens amüsierte. Es bestand allgemein Maskenzwang zur weitgehenden Anonymisierung à la heiteres Beruferaten, Künstlerrunde. Allerdings war es leidlich möglich, sich durch die Augenschlitze zu orientieren, wenn auch die genaue Physiognomie der anderen Gäste nicht erkannt werden konnte. Sprechen war ausdrücklich nur den Führungskräften gestattet (irgendwie mussten sie ja bemerkt werden und sich Respekt verschaffen können). Wir gehörten also lediglich zum Instrumentarium. Einziges verfügbares Getränk war Biokoka, für Führungskräfte mit Schuss. Ich kam mir vor wie ein stummer Diener und versuchte vergeblich, vertraute Silhouetten durch meine Augenschlitze einzufangen, was mir nicht gelang, da zu allem Überfluss meine Gleitsichtbrille beschlug. Ups, nun war ich auch noch in ein besonderes Fettnäpfchen getreten und hatte Fade angerempelt, so unscheinbar hatte er gewirkt in der grauen Masse. Er schnappte hörbar nach Luft, während ich „Entschuldigen Sie bitte vielmals“ stammelte.

Aufgrund der gebrochenen Schweigepflicht wurde sogleich ein langgezogenes, surrendes Signal ausgelöst. Eilig tippelte die Chef-Assistentin Yolanthe herein, des feierlichen Anlasses wegen diesmal auf lack-roten High Heels und im kleinen Roten in Signalfarbe. Alle Augenschlitze richteten sich mehr oder weniger mitfühlend auf mich, als sie mich zu einem Sonderplatz geleitete, wo eine Testbatterie am PC auf mich wartete zur wandorientierten Lösung. Wie sollte ich diese Buchstabensalate jemals in einer Nacht entziffern? Ich fühlte einen stechenden Schmerz in der Magengegend, Übelkeit stieg in mir hoch. Schweißperlen rannen mir über die Stirn, durchtränkten die Augenmaske, bissen in meinen Augen, da sie sich mit Tränen und Mascara vermischten, sodass schwarze Farbspuren meine Wangen verunzierten.

Um mich herum setzte sich ein lustiges Treiben fort. Ich meinte, Gert und Gesine zu erkennen, die wild gestikulierten und sich in einer Art Zeichensprache verständigten. Dort hinten, das war den lebhaften Bewegungen und der Statur zur Folge sicher Estrella, die mich noch nicht entdeckt hatte und offensichtlich angeregt mit Roswitha und Katinka tuschelte. Wo steckte nur Dina?, fragte ich mich. War sie aufgehalten worden? Hoffentlich hatte Mr. Y sie nicht wieder durch seine lästigen Kontrollen beschäftigt.

Hilflos und resigniert starrte ich schließlich auf meinen Desktop. Wie sollte ich diese schwierige Aufgabe ganz allein bewältigen? Ich würde dabei sicher festwachsen, während alles sich zu amüsieren schien. Das vervielfältigte noch meine Pein.

Inzwischen schlug Liliane, zu erkennen an ihrer Katzenmaske und ihren eleganten, schwarzen High Heels, energisch mit dem Messerrücken an ihr Champagnerglas, dass daraufhin klirrend zerbarst, sodass Yolanthe rasch in kleinen Schritten herbeistöckelte, um die Scherben mit spitzen Fingern und perfekt gestylten, rot lackierten Nägeln auf ein zierliches, silbernes, blank poliertes Tablett zu fegen. Liliane schien keinerlei Notiz von ihrem Missgeschick zu nehmen. Sie schürzte ihren mit Hyaluronsäure unterspritzten Schmollmund und bemühte sich, herzlich zu lächeln, aber es wirkte eine Spur gequält, als ob sie sich an den Glassplittern verletzt hätte.

Nun trat Seine Majestät – Panther – in Erscheinung. Seine Bewegungen waren souverän und langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Die Gäste verharrten ehrfurchtsvoll an ihrem Platz, als hätte eine Fee den Zauberbann gesprochen und sie in Ewigkeit versteinert. Sie wussten, dass er sich im nächsten Augenblick sekundenschnell auf sein Opfer stürzen konnte. Panther schien sich derweil in der ungeteilten Aufmerksamkeit zu sonnen und benetzte sich genüsslich die schmalen, zerkniffenen Lippen mit Speichel, der sich in seinem Schlund bereits reichlich in Antizipation des reichhaltigen, für Führungskräfte doppelten (sowohl kalten als auch warmen) Büffets angesammelt hatte. Seine zerklüftete Zunge zog auf ekelhafte Weise einen Speichelfaden in die Länge, sodass mein Magen sich umzudrehen drohte. Ich war froh, dass er leer war, fast so leer wie die hohlen Floskeln, die nun folgten.

„Willkommen auf unserer Krrypto-Party“, begrüßte er uns, Beifall heischend. „Wir wollen heute das Angenehme und das Nützliche in gehobenem Ambiente zu unser aller Wohl und dem Wohlergehen der Allgemeinheit verbinden. Während der Feierlichkeiten erproben Sie bitte spielerisch die neueste Abwehrsoftware. Knacken Sie gegenseitig die Codes und versuchen Sie, ihr Gegenüber cybertechnisch zu enttarnen, ohne ihre Identität preiszugeben. Für Ihr körperliches und seelisches Wohlergehen ist hinreichend gesorgt.“

„Es lebe Panther!“ Fade applaudierte und hob gehorsam sein mit perlender Flüssigkeit gefülltes Champagnerglas, während die Gäste uniform wie eine losgetretene Lawine skandierten: „Hoch, hoch, dreimal hoch“, bis frenetischer Applaus durch den Saal schallte und die vollen Gläser sich wohlklingend prostend trafen. Anschließend bot Panther seiner Herzdame Liliane den Arm und eröffnete den Tanz. In geschmeidigen Tangoschritten glitten sie über das spiegelblanke Parkett, tanzten Carrés, Ochos und Ausfallschritte in unendlichen Reigen, einfallsreichen Kombinationen und fantasievollen Figuren. Das hätte ich ihnen gar nicht zugetraut.

Allmählich füllte sich die Tanzfläche. Gebannt schaute ich zu.

Trixi verteilte fast unbemerkt orangefarbene, langstielige Rosen an die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen. Plötzlich kam es zu einem kleinen Tumult, diejenigen, die leer ausgegangen waren, fühlten sich offensichtlich ausgegrenzt und übergangen und scharten sich traubenförmig, wild gestikulierend und diskutierend um Gesine.

„Mir hat Trixi gestern den Hasenkäfig zurückgebracht, den ich ihr geliehen hatte“, beschwerte sich Roswitha lautstark. „Ihren Hasen hat sie wegen Scheinschwangerschaft und Bissigkeit einfach ins Pflegeheim zurückgebracht. Das ist doch keine Art. Wie soll ihre Tochter das verkraften? Und nun noch der Fauxpas mit den Rosen!“

Auch Gary erschien plötzlich auf der Bildfläche, setzte sein mir unsympathisches, anbiederndes Lächeln auf und warf eine bunte Mischung Rosenblätter in die Luft, die er vermutlich zuvor unbemerkt aus der aufwändigen Tischdeko entwendet hatte. Sie segelten langsam auf die Damen herab, vereinzelt verfingen sie sich in den Nadeln, die Gesines Haarnest zusammenhielten.

„Give me roses“, forderte er in einschmeichelndem Ton auf und touchierte dabei wie zufällig Kollegin Mopsies ausladendes Hinterteil. Ihr Igelhaarschnitt ließ sie besonders rundlich erscheinen. Offensichtlich machte ihn das aber nicht an, denn er wandte sich wieder ab. Sein breites Lächeln wurde leicht verächtlich und ließ Zynismus erahnen, als sich seine rissigen Mundwinkel angedeutet nach unten zogen. Stattdessen musterte er abschätzend die wohlproportionierte, fesch gestylte Ilse, zog sie quasi mit den Blicken aus. Mich würgte es Sekunden lang, als ich es wahrnahm. Glücklicherweise war Ilse zu sehr in ein Gespräch vertieft, um es zu bemerken. „Oder ignorierte sie es aus taktischen Gründen zur Extinktion?“, sinnierte ich.

„Dass wir keine Rosen bekommen haben, ist wirklich unerhört“, ereiferte sich nun die füllige Mopsie, hinter der ich mich gern in Besprechungen versteckte, und lief dunkelrot an vor Ärger, als drohe sie, wie eine überreife Erdbeere aus Roswithas ergiebiger Ernte zu platzen. „Das ist ein wirkliches Komplott. Sie hat sich mit der Kollegin verbündet, die nach dem letzten Streit bei mir aus- und bei ihr eingezogen ist!“

„Und die war noch so unverschämt, mich aus dem Zimmer werfen zu wollen“, keifte Trixi bestätigend, dass es bis zu mir herüberhallte.

„Contenance“, beschwichtigte Tom, der turnusmäßig eingeteilte Sicherheitsagent mit den buschigen Augenbrauen über seiner Perchtenmaske gutmütig und hob seine übergroß geratenen Hände. „Vielleicht war das gar nicht so gemeint. Denken Sie an die Achtsamkeitsübung Der Nachbar grüßt mich nicht. Sie kennen die Geschichte?“

Die Fortsetzung konnte ich nicht mehr verstehen, denn die Musik wurde lauter und Disko-Fox war angesagt. Zahlreiche Anüs tummelten sich auf der Tanzfläche, einige klatschten im Takt, bis Fade intervenierte und sich gedämpftere Klänge ausbat. Aber ich kannte die Geschichte vom Nachbarn und der Hypothese, er habe absichtlich aus Unfreundlichkeit nicht gegrüßt, die dann disputiert und kognitiv positiv umstrukturiert wurde. Bei Konfrontation und Überprüfung der Hypothese (er könnte nicht wohlgesonnen sein) stellte sich heraus, dass er lediglich in Gedanken versunken war und es entwickelte sich wider Erwarten ein freundschaftlicher Kontakt.

In unmittelbarer Nähe entdeckte ich die Kollegin Katinka – ebenfalls mit Augenmaske, die sie hervorragend kleidete und ihr etwas Mysteriöses verlieh. Sie schien mir heute Abend zierlicher und zerbrechlicher als üblich. Sie war mit einer weißen Thermo-Skihose gekleidet, um nicht zu frieren. Statt einer Weste trug sie eine Brusttasche, aus der vorsichtig ein junges Chihuahua-Hündchen mit rosa Schleifchen im Pony herauslugte.

„Ich habe elektromagnetische Hypersensitivität und reagiere auch äußerst elektrosensibel“, jammerte sie mitleidheischend. Es klang herzzerreißend. „Diese Kryptoparty ist pures Gift für mich und wird mich noch umbringen.“

Elektromagnetische Hypersensitivität war kürzlich als Krankheitsbild offiziell anerkannt worden, nachdem es lange Jahre umstritten war und in Doppelblindstudien nicht nachgewiesen werden konnte. Vorreiter dabei war vor Jahren zunächst Österreich gewesen, das als erstes eine Leitlinie für Diagnose und Therapie herausgebracht hatte. Personen mit einer diesbezüglichen genetischen Disposition reagieren mit den unterschiedlichsten körperlichen und psychischen Symptomen auf eine derartige Belastung wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Gedächtnisstörungen und Ähnlichem. Wirksam war außer einer Smogreduzierung eine Lebensstilberatung und ganzheitliche Therapie zur optimal achtsamen lifestyle balance, da nur hierdurch die ungünstige Gen-Umweltinteraktion durch chemische Aktivierung des Kontrollgens verhindert werden konnte.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
270 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783961450411
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