Kitabı oku: «Geheilt statt behandelt», sayfa 6
Diabetes und der Zuckerskandal
Der zusätzlich zur Zahngesundheit bestehende und noch wichtigere Zusammenhang von Zuckerkonsum mit Diabetes mellitus und seinen lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Komplikationen ist nämlich inzwischen zweifelsfrei bewiesen. Doch es dauerte lange, sehr sehr lange, bis dies in der Ärzteschaft akzeptiert war. Alles begann mit einem der größten Wissenschaftsskandale aller Zeiten29, der zudem viele Menschenleben gekostet hat.
Er hängt eng zusammen mit der renommiertesten Universität der Welt, der Harvard University in Boston, USA, und wieder mit der Zuckerindustrie, die es schaffte, bezüglich der ernährungsbedingten Gründe für die nach dem 2. Weltkrieg stark zunehmenden Herz-Kreislauf-Toten vom Zucker auf Fett abzulenken. Die Enthüllungen sind wichtig, weil die Debatte über den relativen Schaden von Zucker und gesättigten Fetten bis heute andauert. Über Jahrzehnte hinweg ermahnten daraufhin Mediziner die Bevölkerung, ihre Fettaufnahme zu reduzieren, was viele Menschen dazu veranlasste, fettarme, aber – und was viele nicht wissen oder nicht beachten – gleichzeitig extrem zuckerreiche Lebensmittel zu konsumieren. Diese sind die eigentliche Ursache der Fettleibigkeits- und Diabeteskrise.
Aber von vorne. Aufgedeckt wurde der Skandal durch eine Publikation in der Zeitschrift der American Medical Association.30 Sie stützte sich auf Tausende Seiten Korrespondenz und andere Dokumente in den Archiven der Harvard University und anderen Bibliotheken.
In den 1950er-Jahren traten vor allem bei Männern vermehrt koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt auf. Dies veranlasste Studien, ob Ernährungskomponenten hierbei eine wichtige Rolle spielen könnten, darunter Cholesterol, übermäßige Kalorien, Aminosäuren, Fette, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralstoffe. In den 1960er-Jahren hatten zwei prominente Mediziner sich widersprechende Hypothesen zu den Ursachen entwickelt: John Yudkin (Autor des visionären Buchs „Pure, white and deadly“) identifizierte zuckerreiche Ernährung als ursächlich für die hohen Raten von Herzkrankheiten.31 Demgegenüber postulierte Ancel Keys32, Gesamtfett, gesättigtes Fett und Cholesterol seien dafür verantwortlich.
John Hickson, ein leitender Angestellter der Zuckerindustrie, schlug anderen Firmen derselben Branche einen Plan vor, den alarmierenden Erkenntnissen über Zucker mit industriefinanzierter Forschung entgegenzuwirken, um so die öffentliche Meinung durch Informationsund Gesetzgebungsprogramme zu verändern. 1965 beauftragte Hickson die Harvard-Forscher D. Mark Hegsted, der später Leiter der Abteilung für Ernährung im Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten wurde, wo er 1977 am Entwurf des Vorläufers der Ernährungsrichtlinien der Bundesregierung mitwirkte, und Fredrick J. Stare, den Vorsitzenden der Ernährungsabteilung von Harvard, einen Übersichtsartikel zu schreiben, der die Anti-Zucker-Studien entlarven sollte. Eine Übersichtsarbeit sollte es sein, weil diese – insbesondere, wenn sie in so renommierten (sogenannten „high-impact“) medizinischen Zeitschriften wie dem New England Journal of Medicine erscheinen – die gesamte wissenschaftliche Diskussion prägen beziehungsweise den Stand der Wissenschaft definieren.33 Hickson überwies Hegsted und Stare (ich möchte sie an dieser Stelle nicht mehr Wissenschaftler nennen) insgesamt 6.500 US-Dollar, was heute etwa 50.000 US-Dollar entspricht. Das Geld stammte von einer Handelsgruppe namens Sugar Research Foundation, die heute als Sugar Association bekannt ist. Erst 1984 begann zum Beispiel das New England Journal of Medicine damit, von Autoren zu verlangen, Zahlungen an sie oder ihre Arbeitsgruppen offenzulegen.
Hickson wählte selbst die Publikationen aus, die besprochen werden sollten, und machte deutlich, dass er wollte, dass das Ergebnis den Zucker „freispricht“. Hegsted beruhigte die Zuckerindustrie-Führungskräfte. „Wir sind uns Ihres besonderen Interesses sehr wohl bewusst“, schrieb er, „und werden darüber so gut wie möglich berichten.“ Während sie an ihrem Artikel arbeiteten, teilten und diskutierten Hegsted und Stare frühe Entwürfe mit Hickson, der wiederum „mit dem, was sie schrieben, zufrieden“ war. Hegsted und Stare hatten die Daten über Zucker als unzureichend und nicht aussagekräftig abgetan und die Daten, die gesättigte Fette anschuldigten, als medizinisch relevant eingestuft. „Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass dies genau das ist, was wir im Sinn hatten, und wir freuen uns auf die Veröffentlichung im Druck“, schrieb Hickson.
Nachdem der Bericht veröffentlicht war, beeinflusste Hegsted die Ernährungsempfehlungen der Regierung, Fett als treibende Kraft für Herzkrankheiten hervorzuheben, während Zucker weitgehend lediglich als leere Kalorien in Verbindung mit Karies beschrieben wurde. Und dagegen helfe ja Zähneputzen (siehe oben). Hickson erreichte also sein Ziel; die Debatte über Zucker und Herzkrankheiten verebbte, während fettarme Diäten die Unterstützung vieler Gesundheitsbehörden erhielten.
Zu den fettarmen Produkten, die bis heute vermarktet werden, gehört zum Beispiel Magermilch (im Englischen skim milk), die in der Schweinezucht für Mastzwecke genutzt wird. Kinder, die einprozentige Magermilch tranken, hatten einen höheren Body-Mass-Index, also mehr Fett am Körper, als Kinder, die Vollmilch tranken.34 Auch heute noch sind die Warnungen vor Fett, insbesondere gesättigten Fettsäuren, ein Eckpfeiler der Ernährungsempfehlungen, obwohl in den letzten Jahren auch die American Heart Association, die Weltgesundheitsorganisation und andere Gesundheitsbehörden davor warnen, dass ein zu hoher Zuckerzusatz das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Insgesamt wurde also 50 Jahre lang die Forschung über die Rolle der Ernährung und Herzkrankheiten einschließlich vieler der heutigen Ernährungsempfehlungen weitgehend von der Zuckerindustrie geprägt und die Diskussion über Zucker jahrzehntelang im Keim erstickt. Stattdessen wurde cholesterolarme Ernährung mit ungesättigten statt gesättigten Fetten, also Margarine statt Butter, gepredigt. Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal in einem amerikanischen Supermarkt ungläubig Coca-Cola mit dem Aufdruck „cholesterol-free“ sah.
Sind eine derartige Einflussnahme und ein solcher Lobbyismus Geschichte und heutzutage undenkbar? Nein, die Lebensmittelindustrie beeinflusst weiterhin die Ernährungswissenschaft.35 Coca-Cola, der weltgrößte Hersteller zuckerhaltiger Getränke, unterstützt weiterhin Wissenschaftler, die den Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen Getränken und Fettleibigkeit herunterspielen, und finanziert Studien, die behaupten, dass Kinder, die Süßigkeiten essen, dazu neigen, weniger zu wiegen als Kinder, die keine Süßigkeiten essen. Ob Studien zeigen, dass extrem zuckerhaltige Getränke wie die von Coca-Cola Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes fördern, hängt davon ab, wer für die Studie bezahlt hat. Zwischen 2001 und 2016 wurden 60 Studien über den Konsum von extrem zuckerhaltigen Getränken und deren Zusammenhang mit Fettleibigkeit und Diabetes veröffentlicht. Wurden die Studien von unabhängigen Forschern geleitet, zeigten sie einen klaren Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Fettleibigkeit beziehungsweise Diabetes. In 26 Studien wurde jedoch kein solcher Zusammenhang festgestellt. Was war anders an diesen Studien? Sie wurden alle von Forschern mit finanziellen Verbindungen zur Getränkeindustrie durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht.36
Die Getränkeindustrie bezahlt zudem Ernährungswissenschaftler und sogenannte Gesundheitsexperten dafür, in sozialen Medien Beiträge zu schreiben, die sich gegen Steuern auf extrem zuckerhaltige Getränke aussprechen und dagegen Verbraucher ermutigen, diese als gesunden Snack zu sehen.37 Als „wissenschaftsbasierte“ Lösung setzt sich Coca-Cola dafür ein, die Adipositaskrise als Bewegungsmangel- oder Energiebilanzproblem zu definieren und nicht als ein Problem des Zuviels an Kalorien und Zucker. Das Unternehmen hat hierzu eine „gemeinnützige“ Organisation namens Global Energy Balance Network unterstützt. Die Website des Netzwerks (gebn.org) ist bei der Coca-Cola-Zentrale in Atlanta registriert, von wo diese auch administriert wird. Die finanzielle Unterstützung von Coca-Cola wird nicht erwähnt. Die Unterstützung prominenter Gesundheitsforscher durch Coke erinnert an die Taktik der Tabakindustrie, die Wissenschaft zu verwirren und Zweifel über die Gesundheitsrisiken des Rauchens zu säen.
Der regelmäßige Konsum von einem zuckergesüßten Getränk pro Tag erhöht das Diabetesrisiko (unabhängig von einer Zunahme an Körpergewicht) um 13 Prozent.38 Die Länder mit dem höchsten Zuckerkonsum haben die höchsten Typ-2-Diabetesraten und umgekehrt.39 Nun könnte man argumentieren, Menschen, die viel Zucker zu sich nehmen, essen vielleicht überhaupt sehr viel und sind daher übergewichtig und bewegen sich infolgedessen auch zu wenig, und vielleicht sind Übergewicht und Bewegungsmangel die eigentlichen Gründe für die Korrelation zwischen Zucker und Diabetes. Aber auch wenn man Personen mit gleichem Gewicht oder Übergewicht beziehungsweise gleicher körperlicher Bewegung miteinander vergleicht, bleibt der Effekt des Zuckers bestehen.40 Er ist und bleibt eines der sechs wesentlichen Lebensstilrisiken für chronische Erkrankungen und erklärt die annähernde Verzehnfachung der Krankheitsrate an Diabetes in der Bevölkerung seit den 1950er-Jahren (siehe Abbildung 9).
Die Zahlen in Deutschland sind mit circa sieben Prozent Typ-2-Diabetikern in etwa gleich hoch wie in den USA.41 Diese häufigste Form von Diabetes hieß übrigens nicht immer Typ 2. Ursprünglich war dies eine Diabetesform, die meist erst im Erwachsenenalter auftrat. Noch bis in die 80er-Jahre meines Medizinstudiums wurde sie daher Altersdiabetes genannt. Allerdings sind heutzutage immer mehr jüngere Menschen betroffen und so wurde die Bezeichnung Typ 2 eingeführt, um sie von dem selteneren Autoimmundiabetes Typ 1 zu unterscheiden. Fehlernährung, oft gepaart mit mangelnder Bewegung, hat so das Stadium der chronischen Erkrankung weit in das Jugendlichenalter verschoben. Die Langzeitkonsequenzen – Herzinfarkt, Schlaganfall, Amputationen, Sehstörungen und Nierenschädigungen – lassen sich durch die sogenannten Anti-Diabetika kaum verhindern. Im Grunde sind dies auch nur Arzneimittel, die das Symptom erhöhte Blutzuckerwerte normalisieren. Die Gründe dafür, warum eine reine Symptombehandlung nicht ausreichen kann und die NNT für die relevanten Spätfolgen so hoch ist (zwischen 45 und 100), entsprechen denen beim Bluthochdruck-Beispiel (siehe Kapitel 1).42
Abb. 9: Der wachsende Anteil der Diabetiker in der Bevölkerung der USA von 1958 bis 2020.41
Die evidenzbasierte Ernährungsempfehlung lautet nicht, Zucker wegzulassen, sondern den Ball flach zu halten. Zum Beispiel empfiehlt die WHO, maximal zehn Prozent der täglichen Kalorien durch zugefügten Zucker abzudecken.43 Das sollte ja wohl jeder schaffen. Körperliche Aktivität ist natürlich auch wichtig und muss mit der Gesamtkalorienaufnahme in Balance stehen. Es dürfte klar sein, dass der an Gewicht zunimmt, der mehr isst, als er verbraucht. Bewegung regt allerdings auch den Appetit an und veranlasst dadurch, mehr Kalorien zu sich zu nehmen. Bewegung verbraucht also viel weniger Kalorien, als die meisten Menschen denken. Eine Dose Coca-Cola enthält zehn Teelöffel Zucker; um diese zu verbrennen, müssten Sie circa fünf Kilometer laufen, also eine Stunde. Wer macht das schon? Die Ergänzung eines Ernährungsprogramms durch Bewegung hilft, aber eine Ernährungsumstellung erzielt viel mehr Wirkung.44
Und noch zwei Punkte sind zu Zucker und Ernährung ebenfalls wichtig zu wissen. Auf vielen Lebensmitteln wird der Zuckeranteil durch kreative Alternativbezeichnungen versteckt. Hierzu gehören: Saccharose, Dextrose, Raffinose, Glukose, Fruktose-Glukose-Sirup, Stärkesirup, Karamellsirup, Laktose, Maltose, (Gersten-)Malzextrakt und Malto-Weizen-Dextrin, aber auch scheinbar gesunder Honig, Traubenfruchtsüße und Agavendicksäfte. So sind in Salatdressings (French, Vinaigrette) bis zu sieben Gramm Zucker pro Portion; in Suppen und Saucen zwölf Gramm; in Alkoholika wie einem Glas Cider oder einem doppelter Sherry 20 Gramm; selbst in Brot und Sandwiches ist Zucker, teilweise ein Teelöffel pro zwei Scheiben. Ebenso hohe Zuckeranteile finden sich in Frühstücks-Smoothies, Frühstücksriegeln und sogenannten fettarmen Fruchtjoghurts, die dafür dann sehr viel Zucker enthalten. Also aufgepasst!
Ein zweiter Irrtum ist, Zuckerersatzstoffe oder Süßstoffe, die zu den weltweit am häufigsten verwendeten Lebensmittelzusatzstoffen gehören, seien gesünder oder gar vorteilhaft. Süßstoffe bewirken jedoch genauso Diabetes, und zwar durch Veränderungen in der Zusammensetzung und Funktion des Darm-Mikrobioms, sind also keine Lösung, sondern eher ein anderes Problem.45 Also wenn ein bisschen Zucker, dann Zucker und nicht Süßstoffe!
Diabetes und massives Übergewicht werden gern als eine Pandemie bezeichnet, mit dramatischen Folgen für unser Gesundheitssystem beziehungsweise mit Einschränkungen der Lebenserwartung und Lebensqualität für Millionen von Menschen. Doch im Vergleich zu der Covid-19-Pandemie ab 2019 ist Diabetes keine schicksalhafte, schwer zu verhindernde, über die Welt hereingebrochene Pandemie. Mit den einfachen, gezielten und nachhaltigen Lebensstilmaßnahmen wäre es möglich, die Krankheitsrate von Diabetes wieder auf das Niveau der 1950er-Jahre zurückzubringen und das ohne Medikamente. Dann hätten wir auch wieder nur Alters- und keinen jugendlichen Typ-2-Diabetes mehr. Für Altersdiabetes, der auch ohne Über- und Fehlernährung auftritt, gibt es wahrscheinlich Risikogene, über die Forschung und eine vorbeugende Arzneimittelentwicklung sinnvoll sein könnten, nicht aber für den überwiegenden Rest der heutigen Diabetiker. Deren Diabetes mellitus ist überwiegend kein medizinisches, sondern vielmehr ein politisches Problem: der fehlende Wille zu echter Prävention und diese zudem auch durchzusetzen und zu finanzieren. Nicht viel anders ist es in weiteren Feldern von Lebensstilrisiken: Auch hier mangelt es an gesundheitspolitischem oder ökonomischem Willen zur echten Prävention.
Rotes Fleisch
Den Ball bei Zucker flach zu halten, ohne ihn ganz zu verbieten, und dies auf verschiedene Weisen auch durchzusetzen wäre einer der wichtigsten Präventionsimperative. Der einfachste Ansatz wäre, eine Zuckersteuer zu erheben, die auf all die gesundheitlichen Langzeitschäden einzahlt, die Zucker verursacht. Andere Länder haben es schon vorgemacht.46
Ähnlich deutlich wie bei Zucker ist die Sachlage bei rotem Fleisch, dem Muskelfleisch von Rind, Schwein, Lamm oder Wild.47 Zucker und rotes Fleisch (insbesondere verarbeitet48 in Wurst- und anderen Fertigwaren) sind die Lebensmittel, bei denen eine Reduktion den deutlichsten Effekt auf die Gesundheit hat. Rotes Fleisch erhöht das Risiko für Gesamtsterblichkeit, vor allem für Krebs. Immer mehr junge Menschen, vor allem im Alter von 20 bis 2949, erkranken an Darmkrebs, während dieser bei 50-Jährigen durch Früherkennungsdarmspiegelungen rückläufig ist. Eigentlich müsste das Screening-Alter dringend auf 45 Jahre gesenkt werden. Dasselbe gilt für das Sterblichkeitsrisiko infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen; auch dieses korreliert mit dem Verzehr von rotem Fleisch. Ursächlich beteiligt hieran scheint Trimethylamin-N-oxid (TMAO) zu sein, eine Substanz, die unser Darm-Mikrobiom aus Cholin, Phosphatidylcholin (Lecithin) und L-Carnitin herstellt.50 Lebensmittel mit hohem Cholin- und L-Carnitin-Gehalt sind Fleisch, Energydrinks und Eiweiß-Shakes. Rotes Fleisch verändert auch die Darmflora hin zu TMAO-produzierenden Bakterien; umgekehrt werden diese durch vegetarische Ernährung oder weißes Fleisch verringert.51
Alkohol
Neben Rauchen, von dem inzwischen jeder weiß, dass es – trotz Tabakwerbeverbot und erhöhter Tabaksteuer – noch immer die Gesundheit vieler Menschen massiv schädigt, taucht auch Alkohol unter den acht wesentlichen und vermeidbaren Gesundheitsrisiken auf. Da könnte der geneigte Leser spontan entgegenhalten: Aber ein geringer Alkoholkonsum, das Gläschen Rotwein am Abend, ist doch gesund? Leider nein. Die Diskussion um Alkohol ging in den letzten Jahrzehnten hin und her. Von „kein Alkohol“ zu „möglichst wenig“, von „welcher Alkohol ist egal“ zu „nur Rotwein ist gesund“ und wieder, dass es egal sei, woher der Alkohol komme, Hauptsache wenig. Aktueller Stand durch eine gigantische vorausschauende Untersuchung an einer halben Million Menschen über zehn Jahre hinweg, also keine rückschauende Korrelation: Es steht nun fest, dass es keine gesunde Höchstmenge an Alkohol gibt. Gen-Varianten erklären etwa die Hälfte des durchschnittlichen Alkoholkonsums; Umweltfaktoren wie Stress sind zusätzliche Auslöser. Alkohol erhöht also generell das Risiko für einen Schlaganfall um etwa ein Drittel pro 280 Gramm Alkohol pro Woche. Bei keiner Menge kommt es zu einer schützenden Wirkung durch leichten oder mäßigen Alkoholkonsum.52 Warum auch? Es muss ja nicht alles im Leben gesund sein, was Spaß macht oder Genuss bringt. Daher muss man Alkohol nicht verbieten, aber eine Steuer entsprechend dem damit assoziierten gesundheitlichen Risiko, das ja dann wieder von der Solidargemeinschaft, also uns allen, aufgefangen werden muss, wäre wie beim Zucker angebracht. Prost!
Pflanzlich und frisch
Nach den drei einzig sinnvollen Ernährungsbeschränkungen (Zucker, rotes Fleisch und Alkohol) folgt noch eine einzige sinnvolle positive Ernährungsempfehlung. Was ist nun erwiesenermaßen gesundheitsförderlich? Eine pflanzliche Ernährung mit viel Gemüse und Obst. Sie wird oft als mediterrane Diät bezeichnet, aber das trifft es eigentlich nicht ganz.53 Zum einen fallen nicht alle Komponenten der mediterranen Ernährung darunter, zum anderen ist es keine Diät. Fakt ist jedoch, dass in Ländern des Mittelmeerraums wie Spanien, Griechenland und Italien die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vergleich zu nordeuropäischen Bevölkerungsgruppen oder den USA niedriger ist. Genauer lässt sich eine gesundheitsfördernde Ernährung mit ihrem Gehalt an löslichen und unlöslichen Ballaststoffen beschreiben54, und dies erzielt man eben am besten durch eine pflanzliche Ernährung (Gemüse, Obst und Vollkornprodukte).55 Lösliche Ballaststoffe befinden sich vor allem in Obst und Gemüse, unlösliche Ballaststoffe vorwiegend in Getreide und Hülsenfrüchten.56 Leider ernährt sich nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland gesund, frisch und ausgewogen. Daher ist es fatal, dass nur noch 40 Prozent der Deutschen jeden Tag selbst kochen; die anderen essen hochgradig prozessierte Industrieprodukte57, die die Menschen dazu veranlassen, noch mehr zu essen.58
Diese zwei Leitlinien – viel pflanzlich, wenig Zucker/rotes Fleisch/Alkohol – beschreiben hinreichend die relevante Evidenz, was Prävention durch gesunde Ernährung betrifft. Mehr müssen Sie nicht wissen. Mehr Wissen gibt es auch nicht. Es ist mir ein Rätsel, wie selbst ernannte Ernährungsgurus ohne jegliche wissenschaftliche Evidenz hiervon abweichende, mit religiöser Inbrunst vertretene Ernährungsmythen generieren oder wie deren Jünger ihnen folgen und mehrere 100 Seiten dicke Ernährungskompasse lesen können. Gesunde Ernährung ist simpel, sollte in jedem Kindergarten geübt und Teil des Schulunterrichts werden, einschließlich selbst kochen.
Bewegung plus Kraft plus Beweglichkeit
Das nächste wichtige Risikoverhalten ist zu wenig Bewegung und mangelhafte körperliche Fitness. Sitzen ist das neue Rauchen, ganz besonders in Corona-Zeiten. Um die körperliche Fitness zu steigern, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention zweieinhalb Stunden körperliche Aktivität pro Woche und 10.000 Schritte täglich. Gerade letztere Zahl wurde zum Dogma erhoben und ich bin mir sicher, viele schaffen diese nicht jeden Tag auf ihrem Schrittzähler und sind frustriert. Aber sie müssen das auch nicht schaffen. Wenn man „länger leben“ als Ziel nimmt, hören die Vorteile schon bei 4.400 Schritten pro Tag auf.59 Es braucht also keine herausfordernden Trainingspläne oder Work-outs, die einen ans Limit treiben. Schon wer jede Woche zweieinhalb Stunden – das sind 21 Minuten pro Tag, jeden (!) Tag – flott spazieren geht, reduziert drei der Hauptrisikofaktoren chronischer Erkrankungen: Blutdruck, Cholesterin und Diabetes.60 Das sollte ja wohl jeder schaffen. Doch das ist nicht alles. Altern beeinträchtigt das Wachstum der Skelettmuskulatur und führt zu einer Verringerung der Muskelmasse und Muskelkraft; zwei Faktoren, die direkt mit der Sterblichkeitsrate älterer Menschen in Zusammenhang stehen.61 Eine starke, gesunde Muskelmasse führt zu verbesserter Gesundheit, Unabhängigkeit und Funktionalität und wirkt Osteoporose entgegen.62 Und als dritte Komponente ist noch ein leichtes Flexibilitätstraining notwendig, um die Lebensqualität zu erhalten und gelegentliche Schmerzsymptomatiken (Rücken, Schulter) zu behandeln oder, noch besser, zu verhindern.63 Diese drei simplen, leicht machbaren Fitness-Grundsätze – Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit – sollte jeder kennen und regelmäßig beherzigen. Sie haben einen großen Einfluss auf körperliches Wohlbefinden und das Vermeiden von Osteoporose und Fragilität. Das Wissen um die einfachsten Grundsätze eines gesunden Lebensstils erhält oder schafft Gesundheit und Wohlbefinden. Es wäre wichtig, auch dies in Schulen zu lehren, am Arbeitsplatz anzubieten und auch privat zu praktizieren.