Kitabı oku: «Hundert Geschichten», sayfa 4
Die Schöpfung
Für Biel mit seiner Sprachtheorie nach Art von Marguery à la Diamond Jim
Am Anfang ist Nacht: Eine falsche ewige Nacht, die niemals auch nur zur Morgendämmerung wird, deshalb schafft der Herr, unser Gott (nachdem er sich selbst erschaffen hat), den ersten Tag, und da er nach diesem Werk so erschöpft und müde ist, dass er nicht mehr so ganz durchblickt, legt er sich schlafen, das tut er bis zum sechsten Tag, an dem er aufwacht und in aller Eile das Universum erschaffen muss: die Welt, das Pflanzenreich, die Tiere, die Hominiden, die Nuklearphysik und die Geister, die (außer Rand und Band, wie sie nun mal sind) den Himmel blau anmalen, denn Ihr sollt wissen, dass am Anfang (das heißt in den ersten fünf Tagen) der Himmel grün war, weshalb man ihn häufig mit den Wiesen verwechselt hat, die ihre grüne Existenz nun aber ziemlich monoton finden und deshalb in den schönsten Farbabstufungen schillern und die Regenbogen vor Neid ganz verrückt werden lassen, die wiederum, um nicht zurückzustehen, die Form geometrischer Figuren annehmen: Quadrate, Dreiecke, Kuben, Zylinder und vor allem Pyramiden, das erschreckt nun die ägyptischen Pharaonen, diese sich so leicht verliebenden Personen, die daraufhin beschließen, sie unter ihre Vormundschaft zu nehmen. Das macht die Pyramiden so unsäglich traurig, dass sie die Farbe des Staubes annehmen, als Folge der Traurigkeit und der über dem Nil vergossenen Tränen, der damals noch kein Fluss war, sondern ein von Agaven gesäumter Bach mit einem Kiosk voller Jugendstil-Getränke, und dort verlangt ein Herr mit Gicht ein Mensch-ärgere-dich-nicht, und ein Kerl mit dickem Hals verlangt den Streuer mit dem Salz, und irgendein Straßenbahnfahrer verlangt Eselskopf mit Scholle, und eine Hure mit blondem Schnauz verlangt Schwarzbrot und einen reichen Kauz, und ein Progressiver mit Dauerwelle verlangt Weißwein mit einer Kelle, und ein Zigeuner mit Hängeohren verlangt einen gehörnten Toren (und kriegt einen von den Azoren!), und ein Herr aus Etzenrot verlangt ein neues Butterbrot (weil das alte vertrocknet ist), und ein Taxifahrer ohne Orientierung verlangt eine schnelle Amputierung, und die Herzen von Clavé verlangen Tee, und eine Dame aus Moskau verlangt Eier mit Wildsau, und ein Kapuziner verlangt etwas mehr Veltliner, und eine Gruppe Kommunisten verlangt andere Exorzisten, und eine Gruppe buckliger Greise verlangt den Kaviar löffelweise, und einer jener Novellisten verlangt die Keulen von Artisten (auf baskische Art), und ein Konzeptkünstler verlangt Bier, und ein Wächter verlangt Räucherlachs, und ein schwuler Gent verlangt einen Cent, und ein Heterosexueller verlangt einen roten Heller, und ein Advokat aus Perpignan verlangt, dass man ihm die Hand abschneidet, und ein Heer von Echsentieren bekommt rein gar nichts zum Dinieren, und einem starken Esser kappt man die Eichel mit dem Messer, und ein Arbeiter lässt einen fahren, und ein Bürger gehört ins Kittchen, und ein neues Flittchen legt ihre Schenkel hin und verlangt Salate, und man gibt ihr die Zitzen der Teufelin, und sie sagt, wow, Granate, und sie geht in die Bar an der Ecke (mit Orgasmus auf halber Strecke), und ein ganzer Stamm Apachen findet keinen passenden Reim, und sie sterben direkt am Tresen, nun kommt der Straßenkehrer (aus den Vogesen) und führt sie zum Weiden, und es folgt die Schlacht am Wounded Knee, und fast alle sterben, nur Charles Bronson und Karen Black nicht, die sind beim Vögeln und schenken der Welt viele Kinder, und eines von ihnen (schon groß) bestellt Milchkaffee, und der Kellner sagt, er habe nur Tee, und bestellt dann ein Aspirin und erhält Kokain und berauscht sich ein wenig in der Annahme, es sei ein großer Rausch, und dann nehmen sie den Bus, und ein plumper Homunkulus killt sie mit einem Haubitzenschuss und verlangt ein Wörterbuch, mit Senf oder ohne?, und da er zögert, gibt es eine Melone, und sie schmeckt ihm sehr und macht ihm Lust auf mehr, er rülpst und bellt einen Hund an (der ist entsetzt), alldieweil er eine Katze hetzt, die Milch verlangt und Fisch kriegt, doch wählerisch, wie sie ist, läuft sie ins Ritz und bestellt Reis, doch man bringt ihr ein Schwein, sie frisst die Augen auf und stirbt (weil sie verseucht sind), man beerdigt sie rasch an einem schlüpfrigen Abend, der in morgendliche violett-gelb-graue Töne getaucht ist, die den Himmel mit Sehnsuchtsflecken bestücken und die Flügel der Vögel schwarz färben, die immer leiser piepsen, bis sie gar nichts mehr sagen (vielleicht weil sie nichts zu sagen haben), und sie kaufen sich einen Zeitlupenprojektor und verschlingen alle Filme von Claude Lelouch und sterben (offensichtlich) auch, man wirft sie dann ins Meer mit Kapitäns- oder Generalsehren, mit dreizipfligen Fahnen, die es nachts mit dem Fahnenmast treiben und um eine geflohene Zeit weinen, die nie wiederkommen wird, bis sie dann doch wiederkommt und Hallo sagt, und alle tun, als sei nichts geschehen, als seien die vergangenen Jahre wiederherstellbar, und doch ist sie vergangen, stellt eine dunkle, unheimliche Stimme klar, es ist die Stimme des Gewissens, die sich einen blauen Porsche gekauft hat und Alka-Seltzer, und sie verlangt Geduld, man jagt sie zum Teufel, wohin sie auch geht und nicht zurückkommt, stattdessen schickt sie exotische Postkarten und Liebesbriefe, solche, wie du mir geschickt hast, erinnerst du dich?, und sie hören France Inter, Abend und Hoffnung, und eine Blondine in der Nacht kommt auf mich zu und lacht: hvor meget skal man give for en pähaengsmotor?, en kompomisløs pris, vil Johnson-ejerne sige, und ich zweifle (immer wenn ich zweifle, gucke ich meine Fingernägel an), dann blicke ich entschlossen auf und werfe ihr an den Kopf: og der er flere, der floretraekker Johnson-motorer, frem for noget andet maerke i prähaengemotorer, ein Satz, der sie Tränen aus geschmolzenem Glas weinen lässt, die bei der Berührung mit der Erde zu Gin-Flaschen kristallisieren, die ausgemergelte Hände (vergesst nicht: die Wüste tritt euch in den Rücken) an dürstende Münder führen, die mit einem einzigen Schluck den Inhalt leeren, und die Zungen schnalzen an den Gaumen, der so ausgetrocknet ist, dass er in tausend Stücke zerspringt, in denen sich in jedem Einzelnen eine Miniaturreplik unserer eigenen, kleinen, schäbigen Welt befindet und obendrein noch ein orangefarbener Volkswagen, aus dem es aus allen Ritzen qualmt, und vier Paparazzi, die alte Bettdecken in der lobenswerten Absicht schwenken, die Rauchwolken einzudämmen, die sich rosa färben und in die Himmel bis zu den Planeten, den Asteroiden und den Sputniks steigen, und in einem dieser Sputniks sitzt Gott, der mir die Hand schüttelt: Enchanté, sage ich zu ihm, Herr Gott, je suppose? Der große Gauner antwortet mir: Nein, Herr Rott, zu ihren Diensten. Er hält sich den Bauch vor Lachen und macht sich auf in Richtung Paradies, zwischen Wolken aus Engeln und Erzengeln hindurch, die mit Pimmeln und Muschis aus Plastik (da schau mal her, die alte Neigung zur Haarspalterei) auf die Erde pinkeln, und die Haarpracht der Engel und Erzengel ist aus gelber merzerisierter Baumwolle, sie kämpfen miteinander und fallen (oder steigen) durch die intergalaktischen Räume und stolpern über Sterne und Sternchen* und Punkte und Klammern und Buchstaben aller Art, sodass wir gezwungen sind, uns an die Wand zu quetschen, um aus der Druckerei herauszu-kommen, die nach Druckerschwärze stinkt, und wir nehmen ein Taxi und bitten es, uns nach Arrabassada zu bringen, und der Taxifahrer fährt (mit hundert!) los und wir sind umgehend am Hafen. Hier, sagte er, lagerte J. V. Foix Holz. Sie sind verrückt!, antworten wir ihm, Foix hat nie Holz an der Mole gelagert, er hat eine Konditorei in Sarrià! Außerdem hatte ich sie gebeten, mich nach Arrabassada zu bringen! Wütend zieht der Mann einen zerknitterten, in kleiner Schrift bedruckten Zettel voller roter Siegel und blauer Stempel aus der Tasche, die ihm einen offiziellen Anstrich geben. Sehen Sie, da, sagt er, hier steht, dass es verboten ist, nach Arrabassada zu fahren. Und schon gar allein! Sie können sich glücklich schätzen, dass ich Sie nicht anzeige! Los, geben Sie mir das Geld. Ich gebe ihm einen Fünfhundert-Peseten-Schein. Ich kann nicht herausgeben, auf Wiedersehen! Und er flüchtet wie ein Besessener mit dem Schein in der Hand, hui!, und lässt mich allein am Meer und in der sprichwörtlich urbanen Einsamkeit zurück, die genau in dem Moment mit einem norwegischen Seemann anbandelt, blond und hell wie ein Bier, und sie zieht mit ihm von dannen, um eine wahnsinnige Liebesgeschichte zu erleben, die an einem regnerischen Nachmittag an der Côte d’Azur zu Ende gehen wird, in voller, überbordender blauer Menstruation, während Schiffe ohne Heck die atlantischen Meere durchfurchen und die weißen Bierschaumkronen den Sand, die Häfen und Felsenküsten zärtlich lecken und die Möwen verschlingen, die knapp über den Wellen fliegen (die Wellen, die als Wasserscheitel die Mähne des Meeres zerzausen). All das am sechsten Tag. Am siebten Tag ruht Gott, unser Herr. Danach kommt Haydn und komponiert das Oratorium.
Die deutschen Reime sind von Harald Bronstering.
* »Sternchen: sternförmiges Kennzeichen in Texten, grafischen Darstellungen o. Ä. als Verweis auf eine Anmerkung, Fußnote«, Duden, Deutsches Universalwörterbuch. – 4., neu bearb. u. erw. Aufl., Mannheim 2001, S. 1517
Über die Nichtigkeit menschlicher Wünsche
Als ich die Insel erreichte, wähnte ich mich dem Tode nah und zweifelte an meiner Fähigkeit, so viel rote Sonne und ebenso viel Einsamkeit zu ertragen: überall Wasser, Wasser im Norden, im Süden, im Osten, im Westen, wohin auch immer sich mein Blick wandte, blaues oder graues oder grünes oder schwarzes Wasser, ein verschlafener Horizont und der kalte Klang der Wellen, die das Weiß des Sandes tränkten. Ich schwamm ans Ufer, völlig erschöpft, und als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch, wie der hintere Teil des Schiffes (das man Heck nennt) endgültig in der Tiefe versank. Ein paar riesige Luftblasen stiegen vom Meeresgrund empor, und schon gab es kein Schiff mehr. Jetzt war ich völlig allein und überlegte, ob vielleicht irgendeine andere Person die Tragödie überlebt hatte, doch offenbar war ich der einzige Überlebende, der Einzige, der es geschafft hatte, diese Insel zu erreichen, auf der weit und breit keine Menschenseele zu sehen war. Demnach waren alle tot: der Tod, Herr der Dämmerung, die über meinen Kopf und meinen Körper hereinbrach. Wundgescheuert und zermürbt, war ich überzeugt, dass diese klitzekleine Insel nicht meine Rettung war, sondern vielmehr das Hinauszögern meines endgültigen Todes, mein zukünftiges Grab, der Stein, der mein Grab nach ein oder zwei Tagen verschließen würde, je nachdem, wie lange mein Körper kämpfte. In meiner Hoffnungslosigkeit nahm ich an, keine Nahrung zu finden, doch die Insel war voller Früchte und Pflanzen und seltsamer Tiere (beispielsweise Kaninchen mit Entenköpfen und Greifzungen). Am zweiten Morgen (ich hatte den ganzen Tag und die ganze Nacht geschlafen) schlug ich die Augen auf und hatte das Gefühl, Feuer peitsche meine Haut: Es war die Sonne, die mich verbrannte. Bald sah ich ein, der einzige Ausweg war Überleben. Und Überleben bedeutete zu lernen, mit dieser Einsamkeit, diesem heißen Wind und der ewigen über dem Meer vor meinen roten Augen schwebenden Zeit zu leben. Ich wanderte am Strand entlang, ging schwimmen, kühlte meinen verbrannten Rücken mit Wasser und kehrte an den Strand zurück. Und da fand ich die Leiche, eine alte, traurige Leiche, an eine glitschige Holzplanke geklammert, die genauso nutzlos war wie sie selbst. Ertrunken und namenlos lag sie nun ausgestreckt im Sand. Mit der Fußspitze drehte ich sie auf den Rücken und erkannte einen der Matrosen vom Schiff: mit Augen wie Nacktschnecken und einem dunklen, aufgeblasenen Kindergesicht. Ekel. Vielleicht würden noch weitere Leichen angeschwemmt werden, doch weit und breit war nichts zu sehen. Alle anderen sind im Meer, sagte ich zu mir und schubste ihn dabei mit dem Fuß ins Wasser, in der Hoffnung, die Wellen trügen ihn mit sich fort (eine sinnlose Hoffnung, denn die Leiche kam immer wieder, ein ums andere Mal, jeden Tag). Manchmal blieb sie eine Weile verschwunden, und wenn ich schon dachte, ich sähe sie nie wieder, lag sie am Tag darauf wieder am Strand, zehn Meter weiter vielleicht oder gar auf der anderen Seite der Insel. Diese verrückte, schmutzige, alte, traurige und dumme Leiche ließ mich einfach nicht in Ruhe, so oft ich sie auch ins Meer schubste, sie kam immer wieder, bis sie eines Tages dann doch wegblieb, so als hätten die Fische sie endlich aufgefressen. Mit ihrem Verschwinden wurde mir erst bewusst, wie allein ich war, mir fiel (wie könnte es anders sein?) Robinson Crusoe ein, und ich machte mich auf die Suche nach einem Freitag, aber es gab hier nicht eine verdammte Menschenseele. Ich begann die winzige, aber hügelige Insel zu erforschen, mit ihren kleinen Anhöhen und den Buchten durchsichtigen, rosigen Wassers, den weißen Stränden und lilliputanischen Felsenküsten. Ich entdeckte eine kühle Höhle, die ich umgehend zu meiner Behausung machte. Allerdings lief sie bei Regenwetter mit Wasser und Schlamm voll. Ich aß Früchte vom Baum, seltsame Fische und zwischendurch auch mal eines dieser behaarten Entenkaninchen, das ich mit Steinen jagte. Ich stellte mir auf niedrigstem Niveau ein Programm für ein zufriedenstellendes Leben zusammen: Ich schlief viel, ging schwimmen, doch vor allem dachte ich nach (es ist schrecklich, wie viel Zeit man unter solchen Umständen zum Überlegen hat, alles wie in einem Film, den man mal in einem Kiezkino gesehen hat, mit dem einzigen Unterschied, dass hinterher nicht die Lichter angehen und wir nicht das Kino verlassen, denn dieser Film lief ununterbrochen Tag und Nacht, er war meine alltägliche Existenz). Meine ganze Umgebung schien nichts anderes als Kulisse zu sein, so als müsste ich eines Tages aufstehen, in die Hände klatschen und ausrufen: Auf, es reicht jetzt, Schluss mit dem Theater. Und danach wäre alles wieder normal. Das heißt: Ich würde wieder ein Standardleben in einer fernen Standardstadt leben. Doch aus Angst vor der schlimmsten aller Enttäuschungen konnte ich mich nicht dazu durchringen, in die Hände zu klatschen. Auf der ganzen Insel fand ich nie eine menschliche Fußspur. Nichts. Da die Gegenwart sich für mich eher verdrießlich darstellte, pflegte ich die Erinnerung an vergangene Zeiten: als ich klein war und in die Schule ging, an die Schulfreunde, an meine Zeit bei der Armee, an die Straßen voller Menschen, an meine Kinobesuche, an Vanilleeis und Orangeade, literweise Orangeade, holländisches Bier, Omelett aus zwei Eiern und Tomatenbrot, Salat, Schneckennudeln, Paprikawurst, Filetsteaks, Seehecht auf baskische Art, Schokolade mit Sahne in der Petritxolstraße, Mandelmilch und Coca-Cola, ans Fernsehen und ans Einschlafen beim Radiohören, wenn ich es satt hatte, spätnachts mit Unbekannten in lauten Kneipen zu reden. Beim Onanieren denke ich an all die namenlosen Frauen, mit denen ich im Bett war. Wie weit entfernt diese Welt doch war und wie gruselig, den Samen auf den weißen Sand des Strandes spritzen zu müssen. Die Landschaft vor mir verändert sich kein bisschen: monoton und konzentrisch, gleichgültig und geschlechtslos. Eines Tages sah ich ein Flugzeug, das den Himmel von einem Horizont zum andern durchquerte. Nach ein paar kurzen Sekunden verschwand es. Am nächsten Tag kehrte ich an denselben Ort zurück und beobachtete den ganzen Tag lang den Himmel. Es ödete mich an, von morgens bis abends dieses selbe fade Blau zu sehen, welches sich verdunkelte und zu einem besternten Schwarz wurde. Ich sah nie wieder ein Flugzeug. Verrücktes Flugzeug, enigmatisches Charterflugzeug, das sich in der Route geirrt hatte.
An dem Tag, an dem in Erfüllung ging, was ich mir so lange erträumt hatte, war ich wie an jedem Morgen der vielen tausend Morgen meiner wilden Existenz aufgestanden. Ich hatte in den durchsichtigen Gewässern gebadet und wollte gerade ein paar Früchte essen. Da merkte ich plötzlich, wie ich meine Augen überrascht aufriss: Vor mir lag ein riesiges, weißes, schweigendes Schiff. Das Wunder verschwand nicht, als ich meine Augen rieb. Ich rannte ins Wasser und machte vor lauter Freude Luftsprünge, während sich ein Boot mit vier oder fünf Männern an Bord, die mir Handzeichen machten, langsam dem Strand näherte. Ich weinte vor Freude: Bald wären das Vanilleeis, das holländische Bier, die heiße Schokolade mit Sahne in der Petritxolstraße, die Nächte, in denen ich bei Radio Joventut einschlief, wieder da. Nach ihrer Ankunft am Strand mit den vorhersehbaren Umarmungen und den Versuchen, in einem Kauderwelsch ein Gespräch zustande zu bringen, gab man mir ich weiß nicht was für Pillen gegen alle Krankheiten der Welt, ein Arzt untersuchte mich von oben bis unten und erklärte schließlich, ich sei vollkommen gesund. Doch sie schauten mich alle etwas komisch an. Ich dachte, das läge vielleicht an meiner Magerkeit oder an meinem Bart . . . Unterdessen landeten sie weiter an (sie waren viele: Dutzende von Personen, Männer und Frauen) und durchforschten das Gelände. Ich fragte mich, warum sie in so großer Zahl an Land gingen und was sie hier wollten, anstatt mit mir ins Boot zu steigen und zum Schiff zu fahren, das uns ein für alle Mal heimbringen würde (und heim bedeutete jeden Ort, an dem ich die Möglichkeit hatte, mich in einem Bad mit glänzenden Kacheln zu duschen, mich mit einem Handtuch abzutrocknen, deutsche Küche zu essen, Leute zu treffen, wieder ins Kino zu gehen und mich zu besaufen). Weitere Boote landeten an, voll bepackt mit riesigen Bündeln und Kisten. Ich näherte mich dem, der aussah, als habe er am meisten zu sagen, und fragte ihn, wann wir abfahren würden. Wir werden nicht mehr von hier fortgehen, antwortete er. Wir haben uns entschlossen, vor dem Wahnsinn der jetzigen Welt zu fliehen und an einem fernen Ort, ohne Qualm und Neid, Furcht und Angst, eine Gemeinde zu gründen, eine neue Welt, in der wir alle Brüder sind (dabei öffnete er lächelnd seine Arme, schaute eine lange Weile in den Himmel und fuhr fort): Wir sind hierhergekommen, um unsere Gemeinde aufzubauen. Während er das sagte, nahmen seine Gefährten schon das Schiff auseinander und begannen, mit den Brettern Wände und Dächer zu errichten.
Frau mit Mehari
Die Diskrepanz zwischen den beiden sich überlagernden Bildern diesseits und jenseits der Scheibe (das eine der bucklige Alte, der ein Glas Rotwein für ein paar Peseten trank, und das andere du, das goldene Mädchen mit dunkler Brille, du, die du dabei warst, einen orangefarbenen Citroën Mehari einzuparken) war so groß, dass ich nie mit deinem Eintreten in diese Bar aus glänzendem Resopal gerechnet hätte, in der ich den ersten Gin Tonic des beginnenden Abends austrank. Als du dich direkt neben mir auf dem Barhocker niederließest, verstand ich in einer diffusen Art und Weise, dass sich die Welt manchmal in unserem Sinne dreht.
Du bestelltest einen Martini Bianco, öffnetest deine Reisetasche und holtest ein Päckchen Dunhill heraus. Du zündetest dir eine Zigarette an und bliest weiße Ringe hoch in die kalte Luft zu der dunkel verkleideten Decke. Es ist müßig, sich jetzt noch daran erinnern zu wollen, wie wir ins Gespräch gekommen sind; ich weiß es nicht: Vielleicht hat einer, du oder ich, um Feuer gebeten oder machte irgendeinen Kommentar und fand ein offenes Lächeln, oder einer von uns beiden schaute in die Augen des anderen, in eine warme, sanfte Tiefe.
Wir schütteten Gin Tonics und Martinis in uns hinein: Vor unseren Augen verwandelte sich der Tresen in ein Schachspiel aus durchsichtigen Flaschen. Wir rauchten deine Zigaretten auf und mussten dann Ducados kaufen, weil es in dieser unbestimmten Bar aus metallischem Schweigen nichts anderes gab.
Draußen auf der Straße war der Himmel bereits ein schwarzer Fleck, und vor unseren Augen öffnete sich eine schiefe, aus Lichtpunkten, Farben, trockenen Tönen und unbestimmten Düften verdichtete Nacht. Wir stiegen in den Mehari, und du behauptetest, du habest ihn gestohlen, was ich mir erlaubte, nicht zu glauben, während ich euch im Geiste in die entsprechende Schublade steckte: dich als Tochter aus gutem Hause und das Auto als Geburtstagsgeschenk von Papa. Wo willst du hinfahren?, fragte einer von uns beiden, der andere deutete mit einer vagen Handbewegung einen unbestimmten Ort an, nickte lächelnd mit dem Kopf und atmete tief durch, um den Alkohol in den Magenkanal zu befördern.
Wir aßen belegte Baguettes auf der Rambla, bevor wir in ungemütlichen Bars mit exotischen Namen Unterschlupf suchten, wo wir sogenannte polynesische Flüssigkeiten zwischen heimischen Mittelmeerpflanzen zu uns nahmen. Schließlich umarmten wir uns in einer kalten, lauten, verrauchten Disco. In dem Rotlicht-Abschnitt der Rambla tranken wir mehrere Kaffee, hörten Musik im La Chapa und machten uns über die Leute lustig, über die Snobs mit Schrumpfgeist, wie wir sie nannten.
Wir kehrten zu deinem Auto zurück und setzten uns hinein. Eine Weile lang sagte keiner von uns beiden ein Wort. Schließlich hob einer den Kopf und merkte, dass der andere ihn beobachtete und lächelte. Wir lächelten. Du warst es dann, die von deinem Apartment sprach, anfuhrst, in den zweiten Gang schaltetest, noch einmal die ganze Stadt durchquertest und in einer einsamen Straße mit weit auseinanderliegenden Straßenlaternen und schlaflosen Bäumen parktest. Wir betraten eng umschlungen den Fahrstuhl, suchten unsere Zungen, bis der Ruck unserer Ankunft uns überraschte, er unterbrach unseren Kuss, brachte uns zum Lachen.
Ich ließ mich in die bunten, barocken Kissen fallen. Du fragtest mich, was ich trinken wolle, und ich antwortete, einen Wodka Orange. Du legtest brasilianische Musik auf: Samba, Vinícius de Moraes, der die Nacht mit unendlich blauem Wasser füllte, mit Licht, mit weißem Sand, auf dem du mich vor Lust badetest, mir in die Lippen bissest, mich in den Ecken des Gelächters suchtest, deine Haare wie einen Fächer auf meiner Brust ausbreitend, mit deinen so weiß blitzenden Zähnen und deinen lachenden Augen, grün wie feuchte irische Wiesen. Vinícius verlor sich in der Ferne jenseits der Noten, sentindo a terra toda rodar, eine flüssige Musik, die deine Brüste streichelte, indem sie über deine Bluse strich, während du meine Hände den Reißverschluss deiner Jeans öffnen ließest und wir uns hastig auszogen, dein Mund verlor sich zwischen Zärtlichkeiten und Bissen im Dickicht meiner Schenkel, wir hielten oft inne und schauten uns lange an, zornige Schatten mit einer Spur Alkohol.
In dem Augenblick sah ich deine Brüste: Deine Bluse war aufgeknöpft, und ich erstarrte vor Schreck, mein Mund blieb offen stehen. Du sagtest lachend: Jetzt bist du erstaunt? Ich wusste nicht, was tun, was sagen, wie reagieren. Sicher verstehst du, dass es keineswegs normal ist, auf zwei durchsichtige Brüste zu blicken, in denen eine Art tropische Flora mit Talipotpalmen, Dattelbäumen und Zwergpalmen wächst, die sich in assyrischen Brisen, ägyptischen Nordstürmen und amazonischen Monsunwinden wiegen und in denen vor einem Hintergrund aus fast reifen Granatäpfeln kleine Papageien, Aras, Kakadus und Tauben in hunderttausend Farben herumflattern.
Du wirst auch verstehen, dass ich für einen Moment lang kurz davor war, die Flucht zu ergreifen. Und jetzt erinnere ich mich, es war dein lustiges Bild, was mich zum Bleiben bewegte, deine roten Lippen, deine ironischen Augen, der Speichel, der deine Zähne glänzen und mich Durst fühlen ließ. Ich spürte, wie meine Erektion zurückkam, ich kniete nieder und beugte mich über dein braunes Fleisch, um es zu zerfetzen und zu zerlegen. Ich streichelte deine Brüste, diese weichen, durchsichtigen Brüste, und beobachtete, wie sie sich bewegten und wie drinnen die Papageien sangen und die Pflanzen bei jedem Stoß lachten. Ein Chor von gelben Papageien schmetterte, als wir uns küssten, und die Tauben flogen in die Luft über einem Meer aus zitternden Algen. Bei unserem Orgasmus wehten die heißesten Winde durch die Palmblätter, über die dunklen Schaumkronen auf deinen Ozeanen und durch die roten gelben weißen orangefarbenen Federn, die bereits auf meinem Rücken wuchsen, aus dem schnell die Flügel herausstießen, kurz bevor ich schrumpfte und dieser goldene Schnabel entstand, mit dem ich jetzt mit dir rede. Und nie wieder werde ich eine Brille tragen müssen, nie wieder Hemd und Krawatte, ich werde keine dummen Wechsel mehr begleichen und keine U-Bahn-Fahrkarte in der Rushhour kaufen müssen, nun, als grün-gelb-roter Papagei in deiner glücklichen, heißen Brust.