Kitabı oku: «Hundert Geschichten», sayfa 5

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Vertrauliches

Ich war schon immer ein Flattergeist, damit das von Anfang an klargestellt ist. Ob von Natur aus oder durch die Umstände, wie man in solchen Fällen sagt, weiß ich nicht. Schon als Kind habe ich oft die Schule gewechselt (das besagt allerdings nicht viel, wenn man genauer darüber nachdenkt, denn meine Unbeständigkeit könnte sowohl auf diesem Tatbestand beruhen als auch genauso gut vom Gegenteil herrühren: Infolge einer genetischen Unbeständigkeit wechselte ich als Kind häufig die Schule; egal, so wichtig ist das auch nicht). Mein Vater war auch so, ich meine, wie ich; meine Mutter hingegen war beständig und saß fest auf ihrem Posten: Ihr ganzes Leben war der Hausarbeit gewidmet. Das ist das Schicksal der Frau, sagte sie, und zog dabei so viel Luft in sich hinein, dass man das Gefühl hatte, als würde das Zimmer ganz leer werden und gleich ihr Busen platzen. Heute würde sie wahrscheinlich anders reden, denn die Zeiten haben sich geändert, und sie war das lebende Beispiel für eine vollkommene Anpassung an ihre Umwelt. Bevor ich zur Kommunion ging, vertrieb ich mir sehr gerne die Zeit mit Bockspringen und Dame, ich machte tagelang nichts anderes. Aber dann setzte die Langeweile ein, und ich entwickelte eine Begeisterung für Schach und spielte auf der Straße Fußball mit Kronenkorken, doch auch diese beiden Spiele interessierten mich bald nicht mehr. (Ich weiß nicht, wer gesagt hat, ein Spiel, bei dem sich beide Spieler über die Regeln einig sind, sei unnütz und langweilig, denn das einzig Spannende entstehe daraus, sich über nichts einig zu sein, nicht einmal über die Spielregeln). Ich studierte Maschinenbau, doch schaffte ich, wie vorauszusehen, nicht einmal zwei Semester, da ich zwischenzeitlich in einer Rockband spielte und darüber das Ingenieurwesen in all seinen Varianten vergaß. Im ersten Monat lief alles gut. Im zweiten wurde ich gefeuert, weil ich so oft zu spät kam. Glücklicherweise hatte ich schon stundenweise eine Arbeit in einer Knopffabrik gefunden. Nach der Probezeit wurde ich allerdings nicht übernommen, weil ich meinen Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich freiwillig zu melden. Im Grunde genommen gefiel mir der militärische Geist nicht schlecht: Ich hatte viele Filme zu dem Thema gesehen und fand das Militär eigentlich ziemlich gut. Wie fast alle wurde ich nach Zaragoza geschickt. Ich werde Ihnen jetzt aber keine Rekrutenabenteuer erzählen, das wäre geschmacklos. Ich werde Ihnen nur mitteilen, dass ich ein stotterndes Mädchen kennenlernte, das sich anfassen ließ. Als sie bemerkte, dass sie schwanger war, trieb ich mich, Gott sei Dank, bereits in Holland herum und spielte in einer Jazzband. (Da dort alle ständig besoffen waren, spielte es kaum eine Rolle, ob man rechtzeitig oder zu spät kam.) Man muss dazu sagen, musikalisch war es eigentlich auch egal, ob man da war oder nicht. Das ging so einen Sommer lang, bis sie mich verhafteten und in den Knast steckten (nicht weil ich Free Jazz spielte, sondern weil man bei mir ein Päckchen Shit, ein Sortiment Acids und ein bisschen Heroin fand, womit ich mir ein Zubrot hatte verdienen wollen, ein schlechter Rat von Lou Reed, so ist das eben). Ein Jahr später setzten sie mich an der Grenze ab (es war ein Tag, an dem der Himmel bewölkt war und ein Wind blies, der die Fahnenmasten bog und das feuchte Grün der flämischen Wiesen silbern schimmern ließ). Langsam fuhr ich mit dem Zug nach Hause, erstens weil ich keinen Pfennig mehr besaß und zweitens weil ich vermutete, dass die Geschichte mit der Aragonesin inzwischen vergessen war. Gott sei gedankt, dem war auch so. Mit der Hilfe eines Onkels aus Sabadell bekam ich einen Arbeitslosenausweis. Ich pries mich glücklich: Arbeitslosengeld zu bekommen und nicht malochen gehen zu müssen. Doch eines Tages lernte ich einen Typen von ich weiß nicht welcher sozialistischen Partei kennen. Er machte mich verbal so lange fertig, bis ich meine kontemplative Haltung dem Leben gegenüber bereute. Da ich Reue zeigte, bot er mir einen Job in einer Werbeagentur an, mit der er irgendetwas zu tun hatte. Die Arbeit war furchtbar: Textredaktion für neurotische Kunden, die nicht im Mindesten wussten, was sie wollten, und die beim ersten Problem von ihrer Anzeige Abstand nahmen. Die Krise, sagten sie, und ich weiß nicht, von welcher Krise sie sprachen (seit meiner Geburt spricht immer irgendjemand in meinem Umkreis von Krise). Eines Morgens aber erwischte man uns dabei, die Chefsekretärin und mich, wie wir unsere gesunden sexuellen Triebe befriedigten, etwas, was zwar schlimm war, aber nicht so eine große Bedeutung gehabt hätte, wenn nicht der Herr Chef persönlich (zusammen mit allen Mitgliedern des ehrenwerten Verwaltungsrates) die Entdeckung gemacht hätte, in dem Moment, als sie zur vorbereitenden Sitzung für die Jahreshauptversammlung den Raum betraten. Man muss dazu sagen, dass die Sekretärin und ich mitten auf dem langen, lackierten und leicht ovalen Tisch des Sitzungssaales bumsten (man verzeihe mir diesen unanständigen Ausdruck), um uns herum eine Riege von ehemaligen Generaldirektoren des Unternehmens (glücklicherweise allesamt längst verschieden), die uns durch eine ölige Patina hindurch aus prunkvollen Goldrahmen zuschauten. Man entließ uns. Auf der Straße und ratlos, was tun, fühlte ich mich dazu verpflichtet, sie zum Frühstück einzuladen. Sie heulte so furchtbar, dass die Leute um uns herum mich wohl für wer weiß welchen hinterhältigen Kindsmörder hielten und mir böse Blicke zuwarfen. Meine Stelle . . ., schluchzte sie und fing erneut an zu heulen. Geschickt entschuldigte ich mich zum WC. Ich flüchtete durch das Fensterchen, wie ich es in einer italienisch-amerikanischen Koproduktion gesehen hatte, ich kann mich nicht erinnern, ob in Farbe oder in Schwarz-Weiß. Sieh an, sagte ich zu mir, ein trauriges Ende einer zu leidenschaftlichen Liebe. Und ich sage Liebe, denn ich liebte dieses Mädchen wirklich. Ich verliebte mich erst wieder einen Monat später, als ich bereits in einem Zirkus als Jongleur arbeitete (ich hatte die Arbeit über den bereits erwähnten Onkel aus Sabadell bekommen, Textilfabrikant und in seiner Freizeit Akupunkteur). Nun ja, ich verliebte mich in eine Tigerdompteuse (die einzige in ganz Europa, stand auf dem Werbeplakat). Sie war groß und blond und blauäugig und hatte einen germanischen Akzent. (In Wirklichkeit war sie eine Frau aus Narbonne, falscher als ein falscher Fuffziger.) Sie hieß Louise, aber man nannte sie Ulrike, weil das nordisch und kühn klang. Ich verfolgte sie wie ein Wahnsinniger, schickte ihr Rosen, Nelken und Pralinen, spionierte durch ihr erleuchtetes Fenster, wenn sie sich auszog, bevor sie zu Bett ging (und manchmal konnte ich ihre Umrisse erahnen, die sanfte Bewegung ihrer Brüste, den Samt zwischen ihren Schenkeln). Eines Abends entschloss ich mich schließlich (der Zirkus hatte seine Zelte außerhalb von Elx aufgeschlagen: eine heiße Landschaft, hinter den Bergketten orangefarbenes Grau, der Mond wie eine Silbermünze), ihr meine ganze Liebe zu erklären. Klopf, klopf, klopf, nachdem ich die Stufen des Wagens hinaufgestiegen war, pochte ich an die Tür. Drinnen war es dunkel, niemand antwortete. Ich suchte sie auf dem ganzen Lagerplatz. Endlich fand ich sie in dem Tigerkäfig, wo sie es mit einem der Tiere trieb. Vor der Käfigtür hockend (hinter mir ihre Lustschreie und das orgastische Brüllen des Tigers), entschied ich, dass Jonglieren doch nicht meine Zukunft war. Am nächsten Morgen war ich bereits weit weg, verschwitzt und erschöpft, unter einer sengenden Sonne mit brennenden Füßen und einem dummen Blumenstrauß in der Hand, den ich auf der Stelle fallen ließ. Danach arbeitete ich als Kellner und Nachrichtensprecher, als Nachtwächter und technischer Zeichner, als Florist, als Maître in einem drittklassigen Restaurant, als Fischer an der isländischen Küste und als Hausverwalter. Jetzt geht mir erst auf, dass alles, was ich Ihnen bisher erzählt habe, nichts mit dem zu tun hat, was mir später passiert ist. Aber vielleicht mit dem, was ich jetzt erlebe. Ich weiß nicht. Abgesehen von einem Flattergeist war ich immer auch ein Zauderer. Eigentlich wollte ich Ihnen erzählen, dass ich eines Tages während eines Urlaubs in Cadaqués gestorben bin. Ich hatte mir den Tod wie einen schmerzhaften Traum vorgestellt, ich würde das Bewusstsein verlieren und zu einem kalten Nichts werden. Nun, und da ist mein Problem: Ich habe keinerlei Veränderung gemerkt: Ich wärme mir weiter meinen Schädel, und auch wenn ich nicht Hungers sterben kann, so habe ich doch derart Lust zu essen, dass ich nicht darauf verzichten kann und mir nichts anderes übrig bleibt als wie zuvor zu arbeiten oder eigentlich noch mehr. Sprechen wir nicht von den Verdauungsvorgängen. Was für einen Unterschied gibt es also zwischen Leben und Tod? Ich habe mir den ganzen Bergman reingezogen (allein Das siebente Siegel habe ich sieben Mal gesehen) und den ganzen Espriu gelesen. Nicht ein Wort habe ich verstanden. Ich habe mich für ihre Filme und Bücher interessiert, weil es heißt, sie sprächen über den Tod. Früher machte ich mir Sorgen; jetzt nicht mehr: Neulich habe ich einen kennengelernt, der ist schon zwei Mal gestorben. Wir sind sehr gute Freunde geworden, und am Wochenende fahren wir nach Sitges zum Flirten. Wir überlegen, ob wir eine Metzgerei aufmachen. Mir würde allerdings ein Käseladen im französischen Stil besser gefallen, auch wenn ich ihn sicher bald satt hätte. In der Zwischenzeit schreibe ich, wie ihr seht: Erzählungen.

Olivetti, Moulinex, Chaffoteaux et Maury

»Je suis fier de dire que toute ma vie je me suis battu

contre les idées que je défends en ce moment.«

»Je suis fier de vous répondre que

moi, c’est exactement le contraire.«

WOLINSKI, Charlie Hebdo, Nr. 346

Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen

einer galizischen Station.

»Wohin fahrst du?«, fragt der eine.

»Nach Krakau«, ist die Antwort.

»Sieh’ her, was du für Lügner bist«, braust der andere auf.

»Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch,

daß ich glauben soll, du fahrst nach Lemberg.

Nun weiß ich aber, daß du wirklich fahrst nach Krakau.

Also warum lügst du?«

Zitiert von SIGMUND FREUD in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten

Der Aufsatz

Was machte ich am Sonntag? – Sonntag war ein ganz und gar sonniger Tag, und ich ging mit Mama und Papa spazieren. Mama trug ein beiges Kleid und darüber eine eierschalenfarbene Strickjacke, Papa einen metallblauen Pullover, eine graue Hose und ein offenes weißes Hemd. Ich hatte auch einen blauen Pullover an, meiner war aber heller als der von Papa und hatte einen runden Halsausschnitt. Dazu trug ich eine braune Jacke, etwas hellere braune Hosen und rote Sportschuhe. Mama hatte helle Schuhe an und Papa schwarze. Morgens machten wir einen Spaziergang und gingen dann am späten Vormittag zum Frühstück ins Balmoral. Wir löffelten eine dicke Schokolade mit Schlagsahne und aßen eine gefüllte Schneckennudel, und ich bestellte Croissants. Danach gingen wir zu den Blumenständen. Es gab rote, gelbe, weiße, rosa und sogar blaue Blumen. Papa behauptete allerdings, sie seien gefärbt. Dann waren da noch grüne und violette Pflanzen und große und kleine Vögel. Am Kiosk kaufte Papa die Zeitung. Wir machten auch einen Schaufensterbummel, und einmal, als wir lange vor einem Schaufenster mit Pullovern standen, sagte der Papa zur Mama, sie solle sich beeilen. Dann setzten wir uns auf eine grüne Bank auf einem Platz. Da saß auch eine alte weißhaarige Dame mit knallroten Wangen, so rot wie Tomaten, und fütterte die Tauben. Sie erinnerte mich an meine Oma. Papa las die ganze Zeit Zeitung, und ich bat ihn, die Zeichnungen anschauen zu dürfen. Er gab mir die halbe Zeitung und sagte, ich solle sie nicht kaputt machen. Weil der Papa die ganze Zeit nur Zeitung gelesen hatte, sagte Mama auf dem Heimweg zu ihm, dass sie von seinem ewigen Zeitunglesen die Nase voll habe: Er lese sie daheim, beim Frühstück, beim Mittagessen, auf der Straße, beim Laufen, in der Bar, beim Spazierengehen. Papa antwortete nicht darauf, sondern las weiter, Mama schimpfte weiter, dann tat es ihr wohl irgendwie leid, denn sie gab mir einen Kuss, und als sie in der Küche war, um den Reis zu kochen, sagte Papa zu mir, ich solle mir nichts daraus machen. Wir aßen Reiseintopf, den ich nicht mag, und Fleisch mit geschmorten Paprika. Paprika esse ich eigentlich gern, aber das Fleisch mag ich nicht, weil es noch ziemlich roh ist, die Mama sagt, es sei besser so, aber mir schmeckt es nicht. Ich esse lieber Fleisch, was richtig durch ist, wie in der Schule. Dafür mag ich in der Schule die Vorspeisen nicht, nie. Zu Hause darf ich Wein mit Limonade trinken. In der Schule nicht. Am Nachmittag bekamen wir Besuch von meinem Onkel, meiner Tante und meinem Vetter. Mein Onkel und meine Tante setzten sich mit meinen Eltern ins Wohnzimmer, plauderten und tranken Kaffee. Mein Vetter und ich gingen zum Spielen in den Garten, zuerst spielten wir mit den Madelman-Figuren, dann Tischfußball und danach Ball, dann mit dem Feuerwehrauto und schließlich Astronautenkrieg. Mein Vetter machte Theater, weil er am Verlieren war. Er kann nie verlieren, und das geht mir wirklich auf die Nerven. Also musste ich ihm eine knallen, und er fing ganz laut an zu flennen, Mama, meine Tante und mein Onkel kamen heraus, und Mama fragte, was passiert sei, und bevor ich antworten konnte, deutete mein Vetter auf mich, er hat mich geschlagen, und Mama gab mir eine Ohrfeige, ich fing auch an zu heulen, und wir gingen alle ins Wohnzimmer, Mama nahm mich an der Hand, und Papa las Zeitung und rauchte eine Zigarre, die der Onkel ihm mitgebracht hatte, Mama sagte zu ihm, die Kinder bringen sich im Garten gegenseitig um, und du machst es dir hier seelenruhig auf dem Sessel bequem. Meine Tante meinte, das ist doch nicht so schlimm, aber Mama sagte, es ist immer das Gleiche, und manchmal habe sie einfach die Faxen dicke. Dann gingen mein Onkel und meine Tante, und beim Weggehen streckte mir mein Vetter die Zunge heraus und ich ihm auch, dann machte Papa den Fernseher an, es kam Fußball, und Mama sagte ihm, er solle umschalten, denn im Zweiten gebe es einen Spielfilm, und Papa sagte, nein, er schaue sich jetzt das Fußballspiel an.

Dann ging ich in den Garten, um die Puppe zu besuchen, die ich neben dem Baum eingegraben hatte, ich buddelte sie aus, streichelte sie und schimpfte mit ihr, weil sie sich vor dem Essen nicht die Hände gewaschen hatte, dann vergrub ich sie wieder und ging in die Küche zu Mama, die weinte, und ich sagte zu ihr, weine nicht. Dann setzte ich mich aufs Sofa neben Papa und schaute ein bisschen Fußball, doch bald wurde mir langweilig, und ich schaute mir Papa an, der aussah, als würde er auch nicht Fußball gucken, sondern mit dem Kopf irgendwo anders sein. Dann kam Werbung, was ich am liebsten sehe, und die zweite Halbzeit, ich ging zu Mama, die das Abendessen vorbereitete, danach aßen wir, im Fernsehen kam ein Zeichentrickfilm und dann Nachrichten, danach ein alter Film mit einer tollen blonden Schauspielerin mit richtig viel Busen, deren Namen ich aber nicht weiß. Aber dann schickten sie mich ins Bett, weil es spät war, ich stieg die Treppen hoch und legte mich ins Bett, und vom Bett aus hörte ich den Film und wie sich Papa und Mama zankten, aber wegen des Fernsehers konnte ich nicht verstehen, was sie sagten. Dann schrien sie sich an, und ich stand auf, um an der Tür zu horchen, doch da alles dunkel war, konnte ich nicht richtig sehen, nur das Licht des Mondes schien durch das Fenster zum Garten herein, und da ich kaum was erkennen konnte, stolperte ich und musste zurück ins Bett, weil ich Angst hatte, sie könnten nachsehen, was das für ein Geräusch war, aber sie kamen nicht. Ich lauschte, wie sie weiter stritten. Jetzt konnte ich sie besser verstehen, weil sie offenbar den Fernseher ausgemacht hatten, und Papa sagte zu Mama, sie solle aufhören, ihn zu nerven, und schrie sie an und warf ihr vor, sie habe keine Ziele, Mama schrie ihn auch an und warf ihm an den Kopf, ich weiß nicht, dass er das Haus verlassen solle oder dass sie das Haus verlassen werde, dann sagte sie wütend den Namen einer Frau, und ich hörte, wie Glas zu Bruch ging, das Schreien wurde noch lauter, und zwar so laut, dass man nichts mehr verstehen konnte, dann hörte ich einen noch viel lauteren Schrei und dann nichts mehr. Danach gab es viele, aber ganz leise Geräusche, so als ob man beim Putzen die Sofagarnitur hin- und herzieht. Ich hörte, wie die Tür zum Garten geschlossen wurde. Jetzt stand ich wieder auf, draußen waren Geräusche, deshalb schaute ich aus dem Fenster, ich fror an den Füßen, weil ich barfuß war. Im Garten war es dunkel, und man konnte nichts erkennen, aber es sah aus, als würde Papa neben dem Baum graben, ich hatte Angst, er könne die Puppe entdecken und mich bestrafen, und kroch deshalb im Dunkeln ins Bett zurück und deckte mich gut zu und versteckte sogar das Gesicht unter der Decke und machte die Augen fest zu. Ich hörte, dass nicht mehr gegraben wurde, dann Schritte, die die Treppe hinaufstiegen, ich stellte mich schlafend, und wie die Tür zu meinem Zimmer aufging, dachte ich, sie schauen mich jetzt sicher an, doch ich konnte nicht erkennen, wer es war, denn ich stellte mich ja schlafend und konnte darum nichts sehen. Danach ging die Tür zu und ich schlief ein. Am nächsten Morgen, das war gestern, sagte mir Papa, Mama habe uns verlassen, dann kamen ein paar Herren, die viel gefragt haben, und ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und weinte die ganze Zeit, und dann wurde ich zu meinem Onkel und zu meiner Tante gebracht, und mein Vetter verprügelt mich ständig, aber jetzt ist ja schon nicht mehr Sonntag.

Thomson, Braun, Corberó, Philishave

Für die Herren Justerini und Brooks, mit Dank

Schon als er die Tür hinter sich schloss, fühlte sich Pol erleichtert. Die Reise war anstrengender gewesen als sonst, so als ob sich alle in den Kopf gesetzt hätten, ihm unnötig Schwierigkeiten zu machen. Er hängte seinen Trenchcoat an die Garderobe (sah, wie staubig sie war, und dabei fiel ihm auf, dass die ganze Wohnung putzbedürftig war), er drückte auf den Knopf des Stromzählers, drehte den Hauptwasserhahn auf, machte ein paar Lampen an und schaute in jedem Zimmer nach, ob alles in Ordnung war. Dann zog er im Wohnzimmer die Vorhänge auf: In der Mitte eines Kreises schneebedeckter Berge schmiegte sich das Dorf ans Ende des Tals wie eine Weihnachtskrippe.

In einem Regal fand er eine Flasche Cognac. Er nahm einen Schluck. Auf den Tisch stellte er seine in eine Schutzhülle eingepackte Schreibmaschine und den Aktenkoffer mit dem Papier und den Büchern. Aus dem Aktenkoffer holte er eine Tüte Garnelen. Er brachte sie in die Küche und legte sie auf die Marmorplatte. Er hatte Hunger. Er fühlte sich wie der Esel in der Fabel: Es drängte ihn genauso stark zum Schreiben wie zum Essen. Auf der Veranda drehte er den Gas- und den Heizungshahn auf. Er versuchte, die Flamme in der Therme anzuzünden. Er probierte es drei Mal, aber es gelang ihm nicht, die Flamme am Brennen zu halten. Für den Fall, dass er es vergessen hatte, las er die Bedienungsanleitung, die auf dem Knopf eingraviert war: »1. Ouvrir le robinet d’arrêt gaz situé au bas de l’appareil. 2. Pousser ce bouton à fond et tourner vers la droite. Allumer la veilleuse. Attendre environ 15 secondes. Pousser de nouveau à fond en tournant vers la gauche puis relâcher.« Der robinet d’arrêt gaz war bereits offen. Er drückte noch einmal ce bouton à fond und drehte ihn nach links. Langsam nahm er den Finger vom Knopf, um ihn zu relâcher. Die Flamme erlosch wieder.

Er beschloss, es eine Zeit lang sein zu lassen. Er räumte vier Dosen in der Küche ein und schloss den Kühlschrank an, füllte Wasser in die Eiswürfelschale und legte die Tüte mit den Garnelen in ein Fach. Dann sammelte er die leeren Flaschen zusammen und stellte sie in einen Korb. Alles war staubig. Er entfernte die Bezüge von den Sofas im Wohnzimmer, staubte die Möbel ab und fegte. Im Schlafzimmer holte er frische Betttücher aus dem Schrank, wendete die Matratze, machte das Bett. Er fegte auch das Arbeitszimmer aus und staubte die Bücher ab.

Am Nachmittag fiel ihm auf, dass er vor lauter Putzen das Mittagessen vergessen hatte. Er beschloss, sich die Jambalaya zum Abendessen zu kochen. Als er mit dem Putzen fertig war, fühlte er sich schmutzig und verschwitzt. Er brauchte eine Dusche. Er versuchte erneut, die Therme auf der Veranda anzukriegen. Er drückte den Knopf bis zum Anschlag, drehte ihn nach rechts und ließ ihn los; dann drückte er ihn noch einmal und drehte ihn in die Ausgangsposition zurück. Er ließ den Knopf ganz sachte los: Die Flamme erlosch. Er versuchte es noch vier Mal: nichts zu machen. Das Gerät war eindeutig kaputt.

Er duschte sich kalt (angesichts der weiten, weißen Schneefläche vor dem Fenster erschien ihm das absurd), zog sich an, nahm den Korb mit den Flaschen und lief ins Dorf hinunter. Dort kaufte er Butter, Milch, Schinken, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Petersilie und Brot. Es gab keine Möglichkeit, Worcestersoße zu kriegen; er hätte sie wie die Garnelen aus der Stadt mitbringen sollen. Die einzige Lösung war, stattdessen Essig und japanische Sojasoße zu nehmen (die es komischerweise in dem dörflichen Supermarkt gab).

Er vesperte in der Bar; weniger wegen seines Hungers als vielmehr, um den Wirt zu fragen, ob er jemanden kenne, der ihm die Therme reparieren könne. Der Wirt kannte jemanden, aber dieser jemand war gerade nicht da und würde erst morgen wiederkommen. Er brauche sich aber keine Sorgen machen, er werde sich gleich morgen darum kümmern, sobald der ortsansässige Handwerker eintreffe, werde er ihm Bescheid sagen und dieser werde ihm das Gerät reparieren. Zurück zu Hause räumte er die Einkäufe an ihren Platz. Er zog die Schreibmaschine aus der Hülle und stellte sie an ihren Platz in der Mitte auf den Tisch. Rechts legte er die weißen Blätter hin. Links die Bücher, die er brauchte. Durch das Fenster (es wurde schnell dunkel) sah der Schnee bläulich aus, der Himmel war aschgrau. Da er gerade gevespert hatte, beschloss er erst um neun Uhr mit dem Abendessen anzufangen. Er hatte also ein paar Stunden Zeit zum Schreiben. Er setzte sich daran.

Früher oder später, und stets nur halb beschrieben, landete jedes Blatt im Papierkorb. Er schob die Schreibmaschine zurück und zündete eine Zigarette an. Im Dorf brannten nur wenige Lichter, keines gehörte zu einem Laden: Es gab nur das gelbe von der Bar und die Lichter der Diskothek. Die Kälte ließ seine Wirbelsäule zu Eis erstarren. Ohne große Hoffnung versuchte er noch einmal, die Therme anzumachen. Er wiederholte jede Handlung mehrmals, ohne Erfolg. Genervt schlug er mit der Faust auf die Therme. Er erinnerte sich, dass sein Vater einmal, als er noch klein war, ein japanisches Transistorradio (den ersten Transistor, den sie hatten) mit Faustschlägen wieder zum Laufen gebracht hatte. Vielleicht brauchte dieser (nicht japanische, sondern französische) Durchlauferhitzer ähnliche Methoden. Er schlug noch einmal mit der Faust auf das Gerät, diesmal kräftiger. Das Blech quietschte, und ihm schien, als brumme die Maschinerie. Hoffnungsvoll wiederholte er die Prozedur. Doch in dem Moment de relâcher ce bouton erlosch die Flamme.

Er schlug noch einmal auf das Gerät ein, und diesmal so heftig, dass das Schild, auf dem CHAFFOTEAUX ET MAURY stand, zu Boden fiel. Er regte sich auf. Das Blech war eingebeult und das Brummen wurde immer lauter. Mit abgewandtem Gesicht wiederholte er die Abläufe, dabei schwankte seine Stimmung zwischen der Hoffnung auf eine Nacht ohne Frieren und der Angst vor einer Explosion. Diesmal gewann er: Als er den Knopf losließ, blieb die Flamme, klein und flackernd, so als sei es das Normalste auf der Welt. Es war ihm etwas unangenehm, denn er dachte, er müsse vorher etwas falsch gemacht haben, wo es jetzt so einfach gewesen war. Er betrachtete das eingebeulte Blech und hob das Schild wieder auf. Er drehte nacheinander alle Heizkörper auf.

Er war nun etwas entspannter und schaltete den Fernseher ein. Er sah nur Streifen. Er hantierte an der Antenne herum. Die Streifen verwandelten sich in ein Gewebe aus flimmernden Körnchen wie Schneeregen. In diesem Dorf hatte man einen sehr schlechten Empfang. Er versuchte eine Weile, den Fernseher richtig einzustellen. Schließlich schaffte er es, Bilder einer nicht ganz vollkommenen, aber angesichts der Umstände und der Lokalität doch immerhin passablen Qualität einzustellen. Es kam ein Fußballspiel, ein Ereignis, das ihm nicht nur nicht gefiel, sondern das ihn zutiefst deprimierte. Er drückte auf den UHF-Knopf. Über den Bildschirm bewegten sich quer laufende Streifen. Er wiederholte die Prozedur: Er versuchte, das Bild einzustellen, aber das erwies sich als wesentlich schwieriger als bei dem anderen Kanal. Plötzlich ertönte eine französische Stimme, dabei fiel ihm ein, dass es hier an diesem Ort wahrscheinlich erheblich einfacher war, den französischen VHF als den spanischen UHF zu bekommen. Er wechselte also die Seiten und versuchte, den französischen Sender zu kriegen. Doch er fand ihn nirgends. Langsam formte sich aus den Nebelschwaden ein Frauengesicht, das sich sofort wieder auflöste, als er den Knopf ein klein wenig zu weit bewegt hatte. Er suchte es hartnäckig weiter, aber fand es nicht mehr: Nun stieß er auf einen fetten Moderator, der einen Burschen, der aussah wie ein Sänger, umarmte und ihm eine fürchterliche kleine Statue überreichte. Sie bewegten die Lippen, man konnte aber nichts anderes als Gebrutzel hören. Er drehte ganz, ganz vorsichtig an der Einstellskala: Er fand die Stimme, ganz leise: Sie sprachen italienisch, ohne Untertitel und Übersetzung. Er wunderte sich. Er versuchte, das Bild scharf zu stellen, aber wenn das Bild scharf wurde, verschwand die Stimme, und wenn die Stimme deutlich wurde, steckte sich das Bild mit Masern an. Er fand einen mittleren, akzeptablen Punkt. Der Moderator verabschiedete sich auf Italienisch. Auch die Werbung war italienisch. Er hatte zweifellos den italienischen Sender RAI eingestellt. (Er hatte das einmal an der Küste geschafft, im Sommer an einem Tag, an dem der Himmel absolut klar war. Doch hier im Gebirge im Winter und mit dem drohenden Heraufziehen eines Schneesturmes?) Die offensichtliche Tatsache überzeugte ihn: Er schenkte sich noch einen Cognac ein und fühlte sich glücklich. Er trank das Glas mit zwei Schlucken aus. Es war sehr kalt. Er dachte an das Schlimmste: Die Flamme in der Therme war wieder ausgegangen. Er sprang auf und rannte hin. Die Flamme brannte. Er seufzte erleichtert auf. Doch nur kurz: Er guckte in den Zimmern nach, und alle Heizkörper waren kalt.

Als er am Fernseher vorbeiging, sang Ornella Vanoni brasilianische Songs. Er beeilte sich. Er stand vor der Therme und überlegte, ob vielleicht Wasser fehlte. (Oder war vielleicht zu viel drin?) Er öffnete den Hahn, und der Zeiger stieg langsam hoch: 1, 2 . . . Zwischen der 4 und der 5 war ein kleiner roter Strich, der aussah, als solle er Gefahr anzeigen. Die Innereien des Monsters fingen an zu knurren. Es sah aus, als müsse die Heizung von einem Moment zum anderen funktionieren. Er gab mehr Wasser dazu. Der Zeiger erreichte die 3. Er drehte den Hahn zu. Der Zeiger stieg noch ein paar Sekunden. Er blieb etwas oberhalb der 4 stehen. Er überzeugte sich, dass der Hahn richtig zugedreht war. Der Zeiger pendelte sich ein Haar vor der roten Markierung ein. Das Brummen des Monsters steigerte sich in der Tonhöhe und wurde zu einem schrillen Pfeifen: Die Flamme breitete sich auf den ganzen Brenner aus, und die Heizung kam ins Laufen.

Er überprüfte jeden einzelnen Heizkörper. Sie waren kalt, doch die Rohrleitungen gaben ein derartiges Konzert, dass augenscheinlich bald das ganze Haus ein Paradies sein würde. Bis dahin würde er sich wieder vor den Fernseher setzen: Ornella Vanoni grüßte mit einem Lächeln. Der fette Moderator umarmte die Vanoni, überreichte ihr eine andere Statuette und kündigte eine kurze Pause an, die Pol dazu nutzte, um noch einmal den Zustand der Heizkörper zu überprüfen. Von den sechs im Haus vorhandenen waren vier schon ein bisschen warm. Einer von denen, die nicht funktionierten, war der in der Diele; der war ihm egal. Der andere aber war im Schlafzimmer. Er überprüfte, ob er aufgedreht war: Dem war so. Er versuchte, das Heizkörperventil abzuschrauben. Er suchte einen Schraubenzieher; fand aber nur einen, der zu klein war. Er drehte ihn mit Gewalt. Der Schraubenzieher verformte sich zu etwas wie einem Korkenzieher, doch die Schraube drehte sich endlos weiter. Als er das Ventil herauszog, schoss ihm das Wasser entgegen: ein Strahl unter Druck.

Er war von Kopf bis Fuß klatschnass. Bett und Fußboden verwandelten sich in wenigen Sekunden in ein Schwimmbad. Nur mit Mühe gelang es ihm, das Ventil wieder hineinzudrehen (dabei spritzte er die Wände nass, die bisher verschont geblieben waren), es mit den Fingern festzuschrauben und ruhig zu stellen, es tropfte; der Heizkörper war aus. Er zog seine nassen Kleider aus und den Schlafanzug an. Er wischte den Boden auf, zog das Bett ab und breitete die Laken und seine Kleider über den Stühlen aus. Er überlegte, welche Möglichkeiten es gab: Er konnte den Hauptwasserhahn zudrehen und die Heizung reparieren (aber es hatte ihn so viel Mühe gekostet, sie in Gang zu setzen, dass er nicht das Risiko eingehen wollte, dass ihm die Therme noch einmal eins auswischte). Er gab den Heizkörper im Schlafzimmer für verloren: Er würde warten, bis morgen der Handwerker kam, den der aus der Bar ihm versprochen hatte. Derweilen würde er entweder mit noch mehr Decken im Bett schlafen oder im Schlafsack im Wohnzimmer. Er schaute noch einmal nach der Therme: Alles funktionierte perfekt.

Im Fernsehen sang eine dreiköpfige schwarze Band. Er schaute durchs Fenster: Die Bar war nun geschlossen, und außer der Diskothek lag das ganze Dorf im Dunkeln. Und wenn er jetzt schlafen ginge? Es war ein aufregender Tag gewesen. Wenn er früh ins Bett gehen würde, könnte er morgen fest arbeiten. Es tat ihm aber leid, auf das italienische Fernsehen verzichten zu müssen (das morgen vielleicht nicht mehr auffindbar war) und die Jambalaya zu verschieben. Unentschlossen rollte er sich auf dem Sofa ein. Keine Viertelstunde später war er eingeschlafen und träumte von erlesenen Speisen auf gedeckten Tischen in den sonnigen Gärten von New Orleans, in der Ferne hörte man die Straßenbahn. Als serviert werden sollte, schrien die Köche empört; er, der gerade erst eingetroffen war, fühlte sich schuldig, weil er zu spät gekommen war, und flüchtete unter Eisengitterbalkone, ohne zu wissen, wo er die Soße finden könnte. Die Köche lachten leise in sich hinein.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
811 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783627021467
Telif hakkı:
Bookwire
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Metin
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