Kitabı oku: «Briefe an Ludwig Tieck 3», sayfa 7
II
Dresden, d. 13. Aug. 34.
Auf einem kleinen Ausfluge in’s sächsische und böhmische Gebirge auch Ihr liebliches Dresden berührend, war mein erster Gang in Ihre Behausung; denn obwohl Sie, verehrtester Herr! mich auf mein freilich sehr andringliches und seltsames Ansuchen noch mit keiner Antwort erfreut hatten, hoffte ich dennoch, Ihr freundliches Wohlwollen werde mir die Gunst längst ersehnter persönlicher Nähe nicht versagen. Leider will der Zufall, daß ich Sie hier nicht finde, und meine Zeit gestattet mir keinen längeren Aufenthalt: sehr schnell und sehr ungern muß ich diesem kleinen Paradies mein Lebenwohl! sagen. Dennoch kann ich nicht umhin, mich mindestens schriftlich neuerdings Ihrer Theilnahme, Ihrer freundlichen Geneigtheit zu empfehlen: wohl mögen Sie den Kopf schütteln, und ich erröthe ja auch selbst über dies ungeschickte und Ihnen wol gar verhaßte Ansuchen; aber gar zu lieblich hatte ich’s mir geträumt, die alten Zeiten neu zu machen, und wie jene wackern mittelalterlichen Sänger von dem Meister und wo möglich vor dem Meister selbst zu lernen. Jene Zeiten sind dahin, und wie so unsäglich vieles Schöne auch dies mit ihnen; aber ich weiß nicht, welche Stimme mir zuflüstert, daß sie für mich noch wiederkehren, daß Sie, Geehrtester! meinem herzlichen Gesuche um Rath, Theilnahme und Belehrung sich nicht entziehen werden. Und so hoffe ich denn bald, recht bald (denn Sie mögen denken, wie froh und zaghaft ich seit Monaten harre!) einige Zeilen von Ihnen zu empfangen. In dieser freundlichen Hoffnung und mit der wiederholten Bitte, meinem Anliegen nicht ganz abhold zu sein, empfehle ich mich Ihrer gütigen Theilnahme
ergebenstR. E. Prutz.
III
Halle, 13. April 1840.
Hochwohlgeborner Herr,
Hochgeehrtester Herr Hofrath!
Nicht ohne einige Besorgniß, durch die lange Benutzung der beifolgenden Bücher die außerordentliche Güte, mit welcher Sie mir dieselben verstattet, gemißbraucht zu haben, sende ich endlich diese Bücher, nämlich:
Oehlenschlägers Holberg, 4 Bde.
Holbergs Schr. v. Rahbek, 6 Bde.
Gherardi’s Theâtre Italien, 6 Bde.
mit meinem ebenso aufrichtigen, als ergebenen Danke sowohl für das unschätzbare Vertrauen, welches Sie mir theilnehmend bewiesen, als für die mannigfache Belehrung und Förderung, die mir aus diesen Büchern erwachsen ist, zurück.
Erlauben Sie mir, Hochgeehrtester Herr Hofrath, diesem Danke zugleich die aufrichtigsten und innigsten Wünsche für Ihr uns Allen so werthes Wohlergehen, sowie die Versicherung der dankbarsten Ergebenheit beizufügen, mit welcher ich mich empfehle als
Ew. Hochwohlgeboren
ergebensterDr. R. E. Prutz.
Quandt, Johann Gottlieb von
Geb. den 9. April 1787 zu Leipzig.
Als Kunstkenner und kunsthistorischer Schriftsteller hochgeachtet. – Streifereien im Gebiete der Kunst, 3 Th. (1819.) – Entwurf zu einer Geschichte der Kupferstechkunst (1826.) – Vorträge über Aesthetik für bildende Künstler (1844.) – Leitfaden zur Geschichte der Kunst (1852.) – u. a. m.
I
Leipzig, 12ten Okt. 1829.
Verehrter Herr Hofrath
Hätte nicht schon die innigste Verehrung und Freundschaft mich zu Ihnen hingezogen, so würde die Pflicht der Dankbarkeit es von mir unerläßlich gefordert haben, nach meiner Rückkehr von Teplitz Sie zu besuchen. Auch befand ich mich bereits an Ihrer Thür, erfuhr aber, daß Sie ausgegangen waren. Bis ich von Leipzig zurückkomme, kann ich es nicht verzögern Ihnen zu sagen, welche große, fast an Beschämung grenzende Freude, Sie mir durch Zueignung des dritten Bandes Ihrer Werke verursacht haben.
Kann wohl etwas wünschenswerther seyn, als daß wir nicht, wie ein Schiff auf dem Meere, hinter welchem die Wellen zusammenschlagen und die Furche des Kiels verwischen, spurlos vorübergehn? – Durch dieses öffentliche Zeugniß Ihres Wohlwollens haben Sie die Mitwelt mir befreundet und mein Andenken für die Nachwelt aufbewahrt und mich ohne Mühe und Verdienst, zum berühmten Manne gemacht; also für mich gethan, was ich nicht zu erreichen vermocht hätte.
Dies und noch vieles habe ich Ihnen zu sagen und zu danken. So auch die Abschrift des Prologs zum Faust und die Aufführung des Fausts selbst. Doch hievon mündlich ein Mehreres und für jetzt nur so viel; daß der Prolog als ein Wort zur rechten Zeit und am rechten Orte, nicht nur auf die große und schwerfällige Masse des Volks die rechte Wirkung belehrend hervorbrachte, sondern auch dem mit Göthe vertrauten und begeisterten Verehrer ward das Innigste und Tiefste dieses gewaltigen Dichters, mit seiner kräftigen und sonnigen äußern Erscheinung, in einer umfassenden Anschauung, vor die Seele geführt. Als ich die Rede vernahm, war mir zumuthe, wie es einem großen plastischen Künstler seyn muß, denn in mir gestaltete sich Göthes Bild zu einer colosalen Statue.
Bey einigen Mängeln im Einzelnen, war die Aufführung doch sehr gelungen, denn die Hand, welche alle Figuren lenkte und führte, hielt das Ganze kräftig zusammen und hielt es empor. Sowohl die Folgsamkeit mehrerer Talente als auch der Zuschauer, muß Sie sehr erfreut und für große Anstrengungen belohnt haben. Nur der Teufel3 schien Ihnen nicht gefolgt zu haben und trug seinen Pferdefuß zu sehr zur Schau und obwohl dieser Geist mich bisweilen störte, so ergriff mich doch das Ganze allmächtig und eine solche Wirkung von der Bühne habe ich fast noch nie erfahren.
Immer hat sonst der Faust beym Lesen eine tiefe Schwermuth zurückgelassen; so war es aber nicht, nachdem ich die Darstellung gesehn hatte.
Der Mensch ringt und quält sich nur so lange, als ihm noch eine Hoffnung bleibt und fügt sich klaglos, ernst und fest der Nothwendigkeit. Nun wurde mir es bey der Darstellung recht klar, daß Gretchen in Fausts Armen unabänderlich zermalmt, daß sie in diesem Riesenkampfe eines Geistes, wie Faust ringt, untergehen muß und darum trat auch die Fassung über ihr Schicksal ein. Auch ist es, als wenn durch die ungeheuren Leiden, Liebe, Reue, Wahnsinn, in der letzten Scene alle Schuld abgebüßt und durch den letzten Schmerzensschrey: Heinrich! Heinrich! die Seele alle Qualen ausstieße, und sich von ihnen und dem Leben befreyt und gerettet losrisse, wodurch eine Versöhnung eintritt, die allen Schmerz hinter sich liegen und keinen übrig läßt.
Der Faust selbst aber führt eine solche Kraft in und mit sich, daß diese auf den Zuschauer überströmt und ihn aufrecht erhält.
Ueber alles dieses bedarf ich von Ihnen Aufklärung und Belehrung und freue mich Sie recht bald zu sprechen. Empfehlen Sie mich unterdeß der Frau Gräfin und Ihrer verehrungswürdigen Familie, der ich mit größter Hochachtung und Dankbarkeit verbleibe
Ew. Wohlgeborenganz ergebenster DienerQuandt.
Mein guter Wagner, der eben bey mir war und Ihrer mit wahrer Verehrung gedenkt, läßt sich Ihnen freundschaftlich empfehlen.
II
Dresden, 10ten April 1843.
Da nur die Briefe, welche eine Antwort erfordern, Ihnen unwillkommen sind, so darf sich dieser wohl einer gütigen Aufnahme erfreun, weil ich damit nichts weiter will, als daß Sie, verehrter Herr Geheimer Rath, nur einen Augenblick an mich denken mögen. Auch verlange ich nicht, daß Sie das beifolgende Buch lesen. Ich halte als ein eingerosteter Legitimer so sehr auf alte, gute Gebräuche, daß ich Ihnen dieses Buch aus verjährter Gewohnheit übersende, ohne mir einzubilden, meine Schriften könnten Ihnen eine Unterhaltung gewähren. Es ist mir die größte Freude, als Zeichen und Tribut wahrster Verehrung Ihnen zu überreichen, was ich in den einsamen Winterabenden gesponnen habe. Die Recensenten, welche es nun auf die Bleiche bringen und mit Wasser begießen, werden nicht fein damit umgehn, zumal mit Stellen, wie die Vorrede und pag. 36–41, 89–93 und 290–291. Wer dem Volke nicht schmeichelt, ist jetzt der wahre Freimüthige.
Da jedermann an Ihnen den lebhaftesten Antheil nimmt, so bin ich über Alles unterrichtet und habe mich über das Gute und besonders die Wiederherstellung Ihrer Gesundheit herzlich erfreut.
Mein Leben geht in seiner, ich möchte sagen, bunten Einförmigkeit, halb auf dem Lande, halb in der Stadt, so fort, wie Sie es kennen. Bei der Academie und den Museen hat sich nichts verschlimmert. Ich wüßte Ihnen also nichts Neues zu erzählen.
Meine Frau und ich empfehlen uns der Gräfin von Finkenstein bestens und insbesondere wünscht meine Frau Ihrem Andenken freundschaftlichst empfohlen zu seyn, so wie ich mit größter Verehrung verharre
Ihrallerergebenster Dienerv. Quandt.
Rahbek, Knud Lyne
Geb. zu Kopenhagen am 18. December 1760, gest. im Jahre 1830.
Ein fruchtbarer Schriftsteller, der vielerlei litterarische, dramatische und andere poetische Werke herausgab – z. B. Poetiske Forsoeg (Versuche), 2 Bde. (1794–1802) – obwohl ihn seine Landsleute nicht zu Dänemarks ersten Dichtern zählen.
Er docirte in verschiedenen Epochen von 1798 bis 1825 Aesthetik und Geschichte, als Professor an der Kopenhagener Universität und am Christians-Institut. Dazwischen durchreiste er mehrfach Deutschland und Frankreich, mit besonderer Berücksichtigung litterarischer und theatralischer Zustände, sammelte vielseitige Erfahrungen, und wurde nach seiner Heimkehr Mitglied der Theater-Commission, so wie auch Vorstand einer durch ihn ins Leben gerufenen, von der Regierung gegründeten Theaterschule, die er zehn Jahre hindurch geleitet hat.
Hamburg, am 2ten Jan. 1823.
Ich ergreife die Gelegenheit, da mein Freund und Collega, der Herr Prof. Bang – Freund und Verwandter unseres Freundes Steffens – nach Dresden geht, um eine alte Schuld abzutragen, und Ihnen meinen innigen Dank abzustatten, für die liberale Herzlichkeit, womit Sie sich von Zeit zu Zeit so vieler meiner theuren hingeschiedenen Zeitgenossen und Freunde annehmen, gegen die.. (unlesbar) des jetzigen Zeitgeistes. Wahr ist es, wir mögen uns zu unserer Zeit wohl ein Bischen übergeschätzt, wenigstens übergelobt (sagt man so, könnte man doch so sagen! würde mein Schwager Oehlenschläger hinzufügen) haben; wie es denn nun wohl überhaupt eine etwas überhöfliche Zeit war. Daß man aber in späteren Zeiten manchmal das Kind mit dem Bade verschüttet, das haben Sie jetzt bei so mancher Veranlassung, besonders in der Abendzeitung, so deutlich bewiesen, daß mir, dem das Andenken seiner Hingeschiedenen über Alles werth und theuer ist, das Herz dabei aufgegangen, und daß ich mich seit Monaten mit dem Gedanken herumgetragen haben, Ihnen schriftlich Dank auszusprechen im Namen meiner Schröder, Fleck, Iffland, Jünger und so vieler der Meinigen; besonders da der freundliche Gruß, den Professor Rosenvinge mir vor zwei Jahren von Ihnen brachte, mir die Freude gewährt, daß Sie meiner mit Güte gedenken.
Ich werde Ihnen meinen Freund Bang nicht empfehlen, denn die Empfehlung, die er in seinem gebildeten und feinen Geiste, in seinem hellen Kopfe, in seinen mannigfaltigen Kenntnissen, und in seinem liebenswerthen Charakter allenthalben mitbringt, macht ihm jede andere Empfehlung überflüssig.
Eine andere Neuigkeit, die Sie als einen gerechten Schätzer unseres trefflichen Holberg interessiren wird, kann ich mir nicht versagen Ihnen zu melden: daß ich, durch eine Notiz in einem sehr gut gewählten, in Copenhagen erschienenen Handbuch der deutschen poet. Litteratur (von dem dasigen Professor F. C. Meyer) bewogen, Ihren alten Gryphius durchgegangen bin, und mich – gegen meine vorhergehegte Meinung – überzeugt habe, daß Holberg nicht bloß manche Idee seines „Bramarbas,“ sondern auch die prima stamina mehrerer Stücke und Scenen dem Horribili scribifax verdanke. Ich habe in einem Aufsatze meines Journales Hesperus diese Entdeckung dem dänischen Publiko mitgetheilt. Wenn es Sie interessiren sollte diesen Aufsatz, so wie auch eine eigene Schrift, die ich über Holberg im Geschmack der „Etudes sur Molière“ geschrieben, zu kennen, bitte ich Sie es mir durch meinen Freund B. wissen zu lassen, und ich werde die erste Gelegenheit ergreifen, die sich darbietet sie zu übersenden.
Genehmigen Sie die Versicherung meiner innigsten Hochachtung, und entschuldigen Sie wenn dieser Brief gar zu viele Spuren einer undeutschen Feder an sich tragen sollte.
Erkenntlichst und ergebenstK. L. Rahbek.
Rake
Professor an der Universität zu Breslau; ein schlichter, anspruchsloser Gelehrter, von dessen Leben und wissenschaftlichem Wirken wir nichts Näheres beizubringen vermögen. Sein Schreiben soll nur als historisches Dokument hier stehen, und findet sich noch eine Beziehung darauf in einem der Steffens’schen Briefe.
Breslau, d. 13ten Februar 1816.
Wohlgeborner
Hochgelehrter Herr Doctor,
Hochzuehrender Herr!
Ew. Wohlgeboren habe ich das Vergnügen bekannt zu machen, daß die philosophische Facultät der Universität zu Breslau bey Gelegenheit der Feier des Friedensfestes Ihnen die philosophische Doctor-Würde ertheilt hat. Es ist mir eine sehr angenehme Pflicht, bey diesem ehrenvollen Geschäfte das Organ der Facultät zu seyn. Indem ich Ew. Wohlgeboren hiermit das Doctor-Diplom übersende, bitte ich Sie, dasselbe als einen Beweis der Hochachtung anzusehen, welche die philosophische Facultät einem Manne von so ausgezeichneten litterarischen Verdiensten mit dem größten Vergnügen öffentlich zu erkennen giebt.
Genehmigen Sie die Versicherung der vollkommensten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu seyn
Ew. Wohlgeboren
ergebenster DienerRakez. Z. Decander philosophischen Facultätder Universität zu Breslau.
Raßmann, Christian Friedrich
Geb. den 3. Mai 1772, gestorben den 9. April 1831.
Die von ihm verfaßten Schriften sind sehr zahlreich. Meistentheils sind es Sammelwerke verschiedenartigsten Inhaltes, die Umsicht, Kenntniß und gewissenhaften Fleiß an den Tag legen.
Handwörterbuch verstorbener deutscher Dichter von 1137 bis 1824 – Kurzgefaßtes Lexikon deutscher pseudonymer Schriftsteller – Sonette der Deutschen – Triolette – Pantheon der Tonkünstler – und viele andere. – Auch Mancherlei eigene Poesieen. —
Er war gewissermaßen ein Vorläufer solcher hochverdienter Männer wie z. B. Gödeke; und wenn seine vielfach beschränkten und mangelhaften Bestrebungen auch nicht im Entferntesten hinanreichen an dessen immense Leistungen, so muß man ihm doch, seine Zeit und hauptsächlich seine gedrückten Verhältnisse im Auge, zugestehen, daß er tüchtig, redlich, unverdrossen gearbeitet hat, während er leider oft mit dem Hunger kämpfte. Er war der Sohn des gräflichen Stollberg’schen Bibliothekars in Wernigerode, wurde nach zurückgelegten Universitätsjahren Lehrer an der Marienschule zu Halberstadt, und gab diese, allerdings dürftige Stellung auf, um in seiner Vaterstadt von der Schriftstellerei zu leben, – die ihm dann, wie ach! so vielen ihrer Jünger, das Nöthigste versagte. Er kam aus Noth und Mangel nicht heraus. Uns sind Fälle bekannt, wo er ihm unentbehrliche schriftliche Zusendungen uneröffnet zurückgeben lassen mußte, weil er – die paar Groschen Postgeld nicht aufzutreiben vermochte.
Leidend und niedergebeugt wehrte er sich, so weit er konnte, durch rege Thätigkeit bis an’s Ende, und verfiel niemals – wie so mancher seiner Mitbrüder – auf das verächtliche Auskunftsmittel, seine Feder in Gift zu tauchen, damit Furcht, Eitelkeit oder Bosheit sie erkaufen möchten.
Deshalb bleibe das Andenken des armen Mannes in Ehren!
Sestine
Wer säumt, die herbe Schlehe hinzugeben,
Wird ihm die süße Traube dargeboten?
So tauschen heißt fürwahr, ein Fest begehen. —
Auch mir ist solch ein schönes Loos gefallen:
Drum laß’ ich jetzt die Lust, die nektarreiche,
Durch der Sestine Echopforten ziehen.
Wohl manches Jahr sah ich vorüberziehen,
Seit ich antiker Dichtung mich ergeben!
Nur Hellas Rhythmus konnte mir gefallen,
Der Mythen Sprache, ha! die bilderreiche;
Mit Sprea’s Schwan, der mir den Gruß geboten,
Mocht’ ich so gern im Tempel mich ergehen.
Doch endlich sollte diese Nacht vergehen,
Herauf ein helles Morgenroth mir ziehen,
Vom Auge sollten mir die Schuppen fallen,
Des argen Wahnes sollt’ ich mich begeben,
Daß Poesie die höchste Stuf’ erreiche,
Wenn Griechheit drin die Kräfte aufgeboten.
Dich sah ich, Tieck, den leichtbeschwingten Boten
Aus Südens Zone, der Romantik Reiche,
Im blüthenvollen Frühlingswalde gehen:
Da lag mir das Antike schnell zerfallen!
Mit Dir, mit Dir mußt’ ich den Wald durchziehen,
Und Deines Liedes Zauber mich ergeben.
O, könnt’ ich halb den Ton nur wiedergeben,
Den Ton, geschaffen, tief ins Herz zu gehen,
Den Du im „Octavianus“ ließest fallen!
Der Märchenwelt, der herrisch Du geboten,
O könnt’ ich meine Muse ihr erziehen,
Aufschließen Wunder in dem Wunderreiche!
Umsonst! ich bin nicht mehr der Jugendreiche,
Dem Irrlicht hab’ ich meinen Lenz gegeben!
Die Furche naht, die Stirn mir zu beziehen,
Die Locke will zur Bleichung übergehen.
Dir nachzujagen ist mir drum verboten;
Mein Schloß der Phantasie steht fast verfallen.
So oft des Lenzes Boten aber ziehen,
Und Blüthen fallen, will zum Wald’ ich gehen,
Und Deine reiche Dichtung neu mir geben.
Friedrich Raßmann.
Raumer, Karl v
Geb. am 9. April 1783 zu Wörlitz; zur Zeit der bekannten Turnstreitigkeiten Professor in Breslau; seit 1827 an der Universität in Erlangen; gelehrter und berühmter Verfasser zahlreicher geognostischer und geographischer Werke; auch einer Geschichte der Pädagogik, 3 Bde. (2 Aufl. 1846–52.)
Da wir leider keinen Brief seines Bruders Friedrich mehr vorfanden, weil diesem vertrautesten Freunde Tiecks sämmtliche Blätter von seiner Handschrift geziert zu eigner Verwendung zurückgestellt wurden, so wären an und für sich diese beiden Schreiben des Herrn Prof. Karl von Raumer schon höchst willkommen gewesen, damit solch’ hochgeachteter Name in der Sammlung nicht fehle. Doppelter Gewinn ist es nun, daß die Zuschrift von 1832 durch ihren tiefen Gehalt unschätzbaren Werth besitzt, und zu einem der anziehendsten Stücke im bunten Gemisch so verschiedenartiger Expektorationen wird.
Für diejenigen, welche den Familienverhältnissen fremd blieben, sei noch erwähnt, daß Frau von Raumer, eine Tochter Reichardt’s, die Schwester der verstorbenen Johanna Steffens, und daß Ludwig Tiecks Gemahlin ihrer Mutter Schwester war.
I
Erlangen d. 26ten Obr. 1832.
Liebster T., was mußt Du und die gute Tante von mir denken, daß ich schon mehrere Wochen zu Hause bin, ohne ein freundliches Wort über Eure so überaus freundliche Aufnahme zu schreiben. Doch denke ich, Ihr müßt mirs angemerkt haben, wie mir bei Euch so wohl war, da ich, nach dem überaus unruhigen Leben in Berlin, wieder allmählig still wurde. – Ja danke Dir, liebster T., daß Du mir so viel Zeit schenktest; mögen wir auch über manches verschieden denken, ich fühlte doch, daß ich mit Dir getrost und friedlich auch über die Differenzpunkte sprechen könnte. Ja ich fühle eine Sehnsucht, den Gedankenstrich auszufüllen, den wir am ernsten Schluß eines Abendgesprächs machten – und welcher Schluß ist denn wohl ganz geschlossen? welcher ist nicht der Prolog eines spätern Stücks! – Ich schreibe nun freilich so spät, weil ich hier viele Geschäfte vorfand, weil eine vortreffliche Frau aus unserer Bekanntschaft starb – doch der wahre Grund ist, daß ich immer damit umgieng, durch einen langen Brief jenen Gedankenstrich zu ersetzen, dazu kam ich aber nicht und komme ich auch jetzt nicht.
Ich kenne Dich und Deine Werke nun schon seit 30 Jahren, und darf sagen: ich kenne Dich nicht wie ein kühler Leser, sondern ich habe Dich innig lieb gewonnen. Deine Dichtungen haben in mein Leben eingegriffen und mich selbst auf die einsamsten Gebirgsreisen begleitet. Deine Vorlesung des Alten vom Berge war recht geeignet Alles zur Sprache zu bringen, was ich zu besprechen auf dem Herzen hatte: den Zauber der Natur, die Gewalt der Sünde, den Scheideweg zur Verzweiflung oder zur Gnade. Du hast so tief in den schauderhaften Abgrund des menschlichen Daseyns geblickt.
Wohl dem den tief die heilgen Schmerzen trafen,
Die tief im Weltall schlafen.
Der Schmerz über das verlorene Paradies erweckt die Sehnsucht nach dem neuen, nach dem Erlöser. – Immer muß ich Dich wieder fragen, warum müssen kraft Deiner Prädestination so viele Kinder Deines Geistes verloren gehn – Tannhäuser, Ekbert, Walter, Christian, der Alte vom Berge &c. Warum hast Du nicht – Gott ähnlich – keinen Gefallen am Tode des Sünders, sondern willst daß er lebe? Ich kann der Berufung auf die innere Nothwendigkeit des Individuums nicht beipflichten. Kannst Du mit Gewißheit von einem lebenden Menschen sagen: er falle der Hölle anheim!? Wer ergründet die Kraft der Gnade, die sich (scheinbar inconsequent) des Schächers am Kreuze erbarmte, wer begreift die Intensität der Sterbestunde, welche viele lange matte Jahre aufwiegt. Ja die Gnade, welche blutrothe Sünde schneeweiß macht, spottet alles poetischen Calculs der Consequenz, auch der Dichter kann von seinen Menschen nicht sagen: sie seyen verdammt. Winchester auf dem Sterbebette ist eine furchtbare Ausnahme – das Tragischste, was ich kenne, denn da spielt das Stück über den 5ten Act hinüber in die Ewigkeit. Hiernach dürfte nach christlichen Principien der Aesthetik entschieden werden, was Tragödie und tragisch sey. (Divina Comedia dagegen.)
Ich vergas auch mit Dir über Deine „Verlobten“ zu sprechen, oder verschob es auch mit, besorgt Du möchtest mich selbst zu den Pietisten rechnen. Ich meine die falschen Pietisten kommen bei Dir viel zu gut weg, die aufrichtigen Christen aber schon dadurch schlimm, daß sie vom Publicum (wie ichs erfahren) mit jenen falschen Deiner Verlobten in eine Klasse gestellt werden. Gegen eine solche Interpretation diente eine getreue Charakterschilderung eines ehrlichen Christenmenschen als die beste Widerlegung. —
Das Wichtigste worüber ich mit Dir sprechen möchte, bleibt der Gegensatz von Natur zu Gnade, Geburt und Wiedergeburt. (Joh. 3. Nikodemus.) Der Teufel macht uns weiß, daß mit dem Absterben des alten Menschen die schönsten Gottesgaben verloren giengen – als wenn Sonne und Mond und Sterne für den verloren giengen, der sich von Anbetung derselben zur Anbetung Gottes wendet. Im Gegentheil wird durch Christus die Naturgabe verklärt, geheiligt ja unsterblich – während auch die größte Gabe, ohne solche Wiedergeburt, wie eine Blume des Feldes blüht und verwelkt. Geister wie Seb. Bach, Kepler, Eyk &c. trösten am besten und zeigen den Weg. —
Doch genug mein liebster T., nimm dies als eine flüchtige Andeutung dessen, worüber ich eben gern gesprochen hätte. Du bist zu tief, als daß Du Dich selbst mit dem Trost des oberflächlichen Volks beruhigen und befriedigen könntest – auch helfen die Scherze, wie die gegen das Ende des Alten vom Berge nicht. Als die alte Schütz im Sarge lag, kam die Hendel Schütz zum Alten, und sagte ihm: er solle doch die Leiche noch einmal sehen. Sie hatte das Todtengesicht geschminkt! Der Alte sagte: der Anblick versetze ihn in seine Jugend zurück. Bald darauf meldete der Todtengräber: er könne es vor Gestank der ins Gewölbe beigesetzten Leiche nicht aushalten, und die Alte mußte nachträglich unter die Erde wandern. —
Soll ich mit der scheuslichen Geschichte schließen? – lieber ganz getrost mit 1 Corinther 15. – Die herzlichsten Grüße der lieben Tante, der Dor., der verehrten Gräfin. Auch an St. der mir so freundlich entgegenkam viele Grüße. Den besten Dank noch für den trefflichen Wein, welcher mich Nachts besonders erquickte.
Leb recht wohl.Dein K. Raumer.