Kitabı oku: «Briefe an Ludwig Tieck 3», sayfa 8
II
Erlangen d. 27ten Aug. 1840.
Liebster Tieck,
Herr Durand Stud. Theol. aus Lausanne reist von hier über Wien nach Dresden und wünscht sehr Dich kennen zu lernen. Er ist ein lieber Mensch, der unter A. mit französischem Feuer die Volkslieder seines Vaterlandes zur Guitarre singt. Auch soll er improvisiren; ein deutscher Freund in Lausanne empfahl ihn mir als einen Troubadour, was ich nicht wiederhole, um durch die Empfehlung nicht zu schaden. – Wir hören so gar nichts mehr von Dir und Deinem Hause. Mein Bruder ist auch so schreibfaul, daß ich wohl seit ½ Jahre keinen Brief erhielt und wir ganz abgeschnitten von unsrer Familie sind. – Sonst geht es uns gut, nur leidet Rikchen etwas an den Augen. Mein Rudolph ist Privatdocent und liest nächstes Semester Nibelungen, im jetzigen hat er eine Geschichte der deutschen Gramm. vorangeschickt. Hans studirt (im letzten Jahre). Dorothee will ich morgen besuchen, sie ist wohl wie meine übrigen 3 Mädchen.
Reisest Du gar nicht mehr? Kommst Du mit den lieben Cousinen nicht noch einmal nach Er., Deinen alten Lehrer Mehmel findest Du nicht mehr, er starb im 80sten Jahre an demselben Tage mit dem Könige von Preußen.
Vielleicht besuche ich Dich im künftigen Jahre, ich sehne mich recht darnach.
Rikchen grüßt mit mir Euch aufs Herzlichste.
Dein Raumer.
Recke, Elisa von der
Geboren zu Schönburg in Kurland am 20. Mai 1754, gestorben zu Dresden am 13. April 1833.
Der entlarvte Cagliostro (1787.) – Reise nach Italien, 4 Bde. (1815.) – Gebete und Lieder (1783.) – Gedichte (1806.) —
Dies Briefchen ist zwar an Gräfin Henriette F. gerichtet, doch aber nur für Tieck bestimmt, gehört also hierher, und mußte schon deshalb eingereiht werden, weil der gleichzeitige Aufenthalt Tieck’s und Tiedge’s (bei seiner Freundin Elisa lebend) in Dresden, zu manch’ ergötzlichen Qui pro quo’s Veranlassung gab, deren vorzüglich reisende Engländer und Engländerinnen, denen es nur um die obligate Quittung über glücklich absolvierte Celebritäten und Merkwürdigkeiten für ihre Notizbücher zu thun ist, die ergötzlichsten lieferten.
Dresden d. 22. Ap. 1821.
An Sie, Theure Freundin, wende ich mich, um von Ihnen zu erfahren, ob unser Freund Tieck, den nächsten Donnerstag, das ist, d. 26 dieses Monathes, die Stunden von 12 bis 5 Uhr freyhat; und ob unser Freund mir dann den Genuß geben könnte, in den Mittagsstunden von ihm das Trauerspiel seines Freundes Kleist lesen zu hören. Nur in den Mittagsstunden bin ich eines solchen Genusses fähig: wenn die sechste Abendstunde herannaht, dann drückt mich eine Schläfrigkeit, die mich jedes geistigen Genusses unfähig macht. Noch bitte ich auf diesen Fall einige wenige Freunde, die unsern Tieck noch nicht lesen gehört haben, diesen Genuß zu verschaffen. Es werden nur wenige seyn, denn immer noch werden meine Kopfnerven schmerzhaft gereitzt, wenn ich viele Persohnen um mich sehe; Sie Theure Gräfin müssen mir aber die Freude machen, unsern Tieck herzubegleiten, denn es ist mir ein doppelter Genuß, wenn ich bey jeder schönen Stelle auf Ihrem Gesichte die edlen Empfindungen Ihrer Seele lesen kann. – Können Sie beyderseits mir Donnerstag Ihre Gegenwart schenken, so wird mein Wagen Sie vor der 12ten Mittagsstunde abholen, und nach beendigter Lektüre genießen wir dann in kleinem Kreise, ein frugales Mittagsmahl.
Im Geiste freue ich mich heute schon dieser schönen Aussicht; denn ich bin dessen fest überzeugt, daß wenn Ihre beyderseitige Gesundheit es gestattet, meine Bitte erfüllt werden wird. – Mit herzinniger Hochachtung
IhreIhren Werth fühlendeElisa von der Recke.
Regis, Johann Gottlob
Geboren zu Leipzig 1791 an Shakspeare´s Geburtstage; gestorben 1854 zu Breslau einen Tag nach Goethe´s Geburtstage.
Aus dem Englischen, aus dem Italienischen, aus dem älteren Französischen, gab dieser sehr gelehrte, tief in den Geist der Zeit wie der Sprache eindringende Forscher Uebersetzungen, die vielleicht nur den Fehler haben mögen, daß sie dem ungelehrten Leser zu hoch stehen. Sowohl Shakspeares Sonette – (geläufiger scheint uns sein Timon von Athen) – als den Bojardo, vorzüglich aber den Rabelais muß der Deutsche aus Regis Verdeutschung sich gewissermaßen noch einmal übersetzen. Und deshalb dürften den ganzen unschätzbaren Werth dieser Riesenarbeit nur diejenigen vollkommen anzuerkennen fähig sein, die seine gewissenhaften Uebersetzungen als Schlüssel betrachten, der ihnen den Zugang zum Verständniß der Originale eröffnet und erleichtert.
Regis, seit 1825 in Breslau einheimisch bis zum Tode, war selbst was man „ein Original“ zu nennen beliebt, wobei sich denn freilich ein Jeder denkt, was ihm einfällt, und womit nicht viel gesagt ist. Er was menschenscheu, zurückhaltend, mißtrauisch gegen Fremde, auch möglicherweise ein Bischen cynisch, was herkömmliche Ausstaffirung des Studierzimmers und der eigenen Person betrifft, doch weit entfernt, ein Menschenfeind zu sein, wofür ihn oberflächliche Schwätzer ausschreien wollten. Was Wunder, wenn er dem Verkehre mit solchen, den Verkehr mit seinen Büchern vorzog! Seine Bedürfnisse sind gering gewesen, doch auch für diese geringen Ansprüche reichte der Ertrag so streng abgeschlossenen philologischen Wirkens nicht aus. Deshalb suchten und fanden Gönner den Weg zum Herzen des Königs Friedrich Wilhelm IV., welches dergleichen Bitten stets offen, dem bescheidenen Gelehrten ein Jahrgehalt von 300 Thl. zuwendete. Als die näheren Freunde gewahrten, daß er auch damit nicht hauszuhalten verstehe, schossen sie unter sich eine gleiche Summe zusammen, die sie ihm (um sein Zartgefühl zu schonen) alljährlich bis an seinen Tod auszahlen ließen, als ob sie Gott weiß aus welcher ebenfalls Königlichen oder andern Chatoulle flöße. Er hat den großmüthigen Betrug niemals entdeckt.
Schon zum Tode krank, sein nahbevorstehendes Ende ahnend, arbeitete er, zuletzt mit fast schwindendem Bewußtsein, ängstlich an einer Reinschrift der „Epigramme der griechischen Anthologie,“ welche, „in den Versmaßen der Urschrift verdeutscht,“ im Jahre 1856 von seinem getreuesten Freunde Professor Dr. Haase herausgegeben worden ist.
Sr. Hochwohlgeboren, dem Herrn Hofrath Ludwig Tieck.
Breslau, d. 2. Februar 1833.
Hochverehrter Freund und Gönner
Unbesorgt um Ihre gewogene Aufnahme meines endlich ans Licht dringenden Rabelais, wage ich Ihnen denselben zu senden. Denn Sie selbst waren es ja, der schon vor Jahren so gütig an ihm Theil nahm, und ihn herausgefördert hätte, wenn es an Ihnen gelegen hätte. Er tritt nun in aller seiner Sünden Maienblüthe vor Sie, „calzadas las espuelas para ir á besar las manos á V. E.“ und bittet um ein ganz offenes Gericht – denn leider weiß ich wie wunderlich seine Sprache im Deutschen lauten muß – die ich mir immer noch nicht ganz zu Dank habe bilden, aber auch, nach 20jährigen Versuchen, bei Anspruch auf Treue, (das bin ich mir bewußt) nicht besser habe machen können.
Nehmen Sie daher vorlieb mit dem Mäslein meiner Kräfte und seyn Sie versichert, daß jede Zurechtweisung, deren Sie mich würdigen wollten, dem Buche selbst in der Folge, wenn ich dazu Gelegenheit finde, zu gute kommen soll. Den Commentar, eine mühsame, aber nun doch auch schon, Gott sey Dank! größtentheils beendigte Arbeit, nehme ich mir die Freiheit, zu seiner Zeit Ihnen nachzuliefern.
Eine Freude hat mir die Zeit vereitelt; denn ich hatte schon mehr als ein Briefconzept geschrieben, womit ich es Göthen noch senden wollte!
Haben Sie noch innigen Dank für Ihre Worte zu dessen Gedächtniß, wobei Sie auch meiner gedenken wollten! Denn Carus, als er zu meinem Geburtstag sie mir schickte, schrieb daß Sie sie mir selbst bestimmt.
Durch diesen bin ich seit so manchem Jahr meiner Entfernung von Dresden, doch nie ganz von Ihnen geschieden gewesen. Denn wie könnten die Briefe eines mit Ihnen verbundenen Mannes von Ihnen leer seyn. Aber so manche herzliche Freude, die ich in einsamen Stunden auch diese Zeit her, Ihrer Muse wieder verdankte, ging doch zunächst von Ihnen aus. Seyn Sie für alles auf immer gesegnet!
Gienge es mir nach, so müßte Sie nie etwas Uebles treffen. Noch immer denke ich mit unauslöschlichem Dank Ihres unverdienten Wohlwollens, das Sie mir, hochverehrter Mann, selbst mit eigner Zeit-Aufopferung in Dresden bewiesen, und ich klage mich wegen letzterer noch oft im Stillen an, weil ich weiß, was die Arbeitsstunden werth sind, in denen ich störend bisweilen zu Ihnen hereintrat, ohne auch nur den mindesten Ersatz dafür mitzubringen. Diese Abbitte an Sie liegt mir fürwahr noch auf dem Herzen. Behalten Sie mir die Sünde nicht!
Möge dieser Sommer, wo Sie ihn auch verleben, Ihnen heilsam seyn! sowie alle folgende Jahreszeiten. Ein Wunsch, den gewiß selbst die nächsten Ihrigen nicht ehrlicher für Sie meinen können als
Ew. Hochwohlgeboren
treu verpflichteterFreund und DienerGottlob Regis.
Rehberg, August Wilhelm von
Geb. in Hannover am 15. Januar 1757, gestorben in Göttingen am 9. August 1836.
Wurde 1815 in Hannover zum Kabinetsrath ernannt. Lebte von 1820 ab Jahre lang in Dresden. —
Ueber den deutschen Adel (1803). – Constitutionelle Phantasieen (1832). – Sämmtliche Werke, 3 Bde. (1828–31).
Wir legen ein offenes Bekenntniß ab: Von den zahlreich-vorhandenen Briefschaften dieses vorzüglichen, unserm Tieck so innig ergebenen Mannes, haben wir – weniger mit sicherer Auswahl, als durch Zufall geleitet – nur diese drei Blätter entnommen.
Wir wollen unsere Schuld nicht beschönigen, aber wir hoffen auf Nachsicht, wenn wir eingestehen, daß es uns unmöglich geworden, den ganzen Vorrath aufmerksam prüfend durchzulesen. Es hat in der großen, dickbändigen Hinterlassenschaft keineswegs an schlimmen Handschriften gefehlt. Diese jedoch steht einzig da, und trotz mehrfach wiederholter Anläufe kündigten die matten Augen immer wieder den Dienst auf.
I
Dresden, 24. Jan. 28.
Ich weiß nicht für welche literarische Sünde, die vielleicht alt ist und nach vielen Jahren von der unerbittlichen Nemesis gestraft wird, ich so vielen Vergnügens entbehren muß, das doch nicht blos unschuldig, sondern noch etwas mehr wäre.
Ich soll weder Eduard den 3ten, noch Cromwell, noch die Jugendscherze Shakspears hören. Nun soll ich auch nicht einmal mich mit Ihnen unterhalten dürfen. Denn das bloße Reden erhitzt meinen Catarrh, der gar nicht nachlaßen will, und ich möchte Ihnen nicht einmal zumuthen, mit einer chinesischen Pagode zu reden, die nur mit Nicken und Kopfschütteln erwiederte, wenn ich es auch über mich vermöchte still zu schweigen, wenn ich mich über die intereßantesten Bemerkungen oder lehrreichsten historischen und literarischen mir neuen Thatsachen freue.
Sollten Sie eine Sammlung von Lessings Schriften haben, worin seine Briefe vom Jahre 1773 stehn, so bitte ich sie mir einstweilen zu schicken, bis ich Erlaubniß erhalte, Sie an das Versprechen zu erinnern, mir ein Stück von Ben Johnson zu erklären. Auch möchte ich die Herzens-Ergießungen eines Closterbruders einsehen.
Endlich aber die Hauptsache. Ist der Anfang des 2ten Theils des Dichterlebens in England wirklich zu Papiere gebracht? Ich soll es ja stückweise lesen.
Ganz der Ihrige.Rehberg.
II
Dresden, 17. September 1830.
Theuerster Herr Hofrath
Das Schicksal, welches in alle menschliche Entwürfe seine disharmonischen Querzüge einzeichnet, hat mir nicht vergönnt, so wie ich es wünschte, die Erinnerungen eines zweyjährigen glücklichen Lebens in Italien mit einer Erneuerung der so erfreulichen Unterhaltungen mit Ihnen über die Gegenstände zu verbinden, die ich in jenem reizenden Lande fast aus den Augen verlohren. Bey Ihrer unerwarteten Abwesenheit von Dresden ist es mir ein Trost, daß Sie die Zeit, die ich hier zugebracht habe, in vollkommenster Abspannung und Ruhe (soweit die Bewegungen der Welt es verstatteten) meine, durch die Unendlichkeit ansprechender Gegenstände, durch zu viele Seebäder und eine ermüdende Reise überreizten Nerven zu beruhigen, – benutzt haben, sich durch den Anblick der großen Naturscene in mir bekannten Gegenden zu erheitern. Vielleicht kann das günstigere Schicksal uns noch einmal in derselben Region zusammenführen. Wenigstens ist die Aussicht zu einer Reise nach Baden nicht so außerhalb des Wahrscheinlichen, als mein Wunsch Rom und Neapel nochmals zu besuchen. Ich habe die lebhafteste Freude empfunden, als ich von den Ihrigen hörte, daß Sie in Bern bey gutem Wetter gewesen sind. Wären Sie statt dessen am alten Markte gewesen, so hätte ich den Verdruß gehabt, die drey Schritte bis zu Ihnen nicht einmal machen zu dürfen, um einen Abend mit Shakespear, einen andern mit Merlin und den dritten mit Andalosia zuzubringen. Ich danke Ihnen von Herzen für die Zueignung des letzten. Ich kenne die Gräfin zu gut, um die Fortdauer ihrer mir gewogenen Gesinnungen zu erbitten. Ich rechne drauf. Die schöne Reise wird ihr auch wohl gethan haben.
Ganz der Ihrige.Rehberg.
III
Göttingen, 13. May 1835.
Da endlich der Frühling sich eingestellt hat, und ich eine erwartete Nachricht von der glücklichen Entbindung meiner Tochter, vor der ich nicht daran denken konnte, mich von hier zu entfernen, heute eingetroffen ist, so ist es Zeit, die Anfrage, die ich Ihnen vor mehreren Monaten angekündigt habe, im Ernste zu machen. Ich frage Sie also, Theuerster, ob wir Uns in diesem Sommer auf eine weniger beengte Weise sehn können. Es wäre Uns allen so erfreulich gewesen, mit Ihnen in dem Baden, das mit allem Widerwärtigen des vorigen Sommers doch so viele Reize hat, einige ruhige Tage zu verleben, statt dessen wir Sie wegfliegen sehn mußten, und drey Wochen lang Ihnen nachsahen. Reisen Sie dieses Jahr? und wohin? Ich werde, wenn nicht sehr unangenehme Störungen meiner Entwürfe eintreten, wieder in die Gegend, aber nicht bis nach Baden gehen. Haben Sie etwas vor, damit ich meine Anlegungen combiniren könnte, so würde ich diese danach einrichten. Nach Böhmen ist mir zu entfernt. Aber was zwischen dem Mayn und Rhein liegt, ist zu erreichen. Ich hätte einen doppelten Grund zu wünschen, mit Ihnen einige Zeit zuzubringen, da ich endlich mit der Politik schmolle, und mich in ganz andre Regionen der Beschäftigung des Geistes zurückgezogen habe: welche Uns einen für mich um so mehr erfreulichen Stoff zur Unterhaltung geben würden. Meine erste Frage würde seyn, ob Sie nicht den dritten Theil Ihrer dramaturgischen Blätter herausgeben? Wäre es auch nur um die vortreffliche Beurtheilung von des Oehlenschlägers Correggio davor zu retten, daß sie nicht in dem Wuste einer Zeitschrift, der sie beygegeben ist, vergraben bleibe. Sie wißen, daß ich das Theater und das Raisonniren darüber, – ich könnte sagen, wie Goethe sich so oft ausdrückt, mehr als billig liebe. Nun sehe ich nie Schauspiele, und zweifle gar sehr, ob ich je noch ein Haus betreten werde. Aber das Interesse an der Dramaturgie ist in mir so lebhaft, daß ich mich nicht zurückzuhalten vermag, wenn nur etwas genannt wird, das Anlaß zu Betrachtungen über Dramen geben kann. Ferner habe ich meinen lange gehegten Wunsch den divino Lope näher kennen zu lernen, immer vereitelt gesehn, und doch noch nicht aufgegeben. Viel spazieren zu gehn, ist mir eben so wenig gelegen, als Ihnen. Aber in einer schönen grünen Umgebung über Alles dieses mit Ihnen zu reden, wäre besser als Alles, was ich in der weiten Welt suchen mag. Geben Sie mir das Mittel dazu an. Ich höre mit der lebhaftesten Theilnahme, daß Ihre häuslichen Umstände sich so gestaltet haben, daß Sie Dresden verlaßen können, ohne die Sorgen mitzunehmen, die Ihnen den Aufenthalt in Baden trübten.
Nachschrift der Frau von Rehberg
Ich kann nur unterschreiben, was Ihnen R. gesagt hat, theurer Freund. Wir Alle freuen uns herzlich der ernstlichen Besserung Ihrer lieben Frau, und denken nun wieder ruhiger und heiterer an unser verlornes Paradies am Alt-Markte zurück. Wir sollen dorthin kommen, sagen Sie – und was hindert uns daran, da kein Engel mit dem Schwerdte als Schildwache davor steht? Aber wir hätten Sie da nicht allein, und müßten Sie mit Allen denen theilen, die an dem Europäischen Theetische ab- und zuströmen. In einer einsamen grünen Gegend gehörten Sie unser.
Sie sollen uns aber nicht selbst antworten – es wäre Ihren Freunden peinlich, wenn Ihre vom Schreiben müde Hand sich auch noch zu einem Briefe in Bewegung setzte. Die Gräfin oder die gute Solger sind wohl so gütig, uns in einigen Worten über Ihre Sommer-Plane Nachricht zu geben.
Vor wenigen Tagen hat meine Tochter Marianne ein zweytes Mägdlein bekommen – ich theile dies den gütigen theilnehmenden Freunden in Dresden mit, auch meiner lieben stummen Adelheid Reinbold.
Herzliches Lebewohl!
v. Rehberg.
Reichardt, Johann Friedrich
Geb. zu Königsberg 1751, gest. zu Halle den 27. Juni 1814.
Wenn er zu seiner Zeit als Komponist größerer wie kleinerer Opern, Operetten und Liederspiele einen hohen Rang einnahm; wenn er als Redakteur der musikalischen Zeitung, ja auch als politisirender Schriftsteller vielseitigen Einfluß übte, und für eine geistige Macht gelten durfte, die man bisweilen beargwöhnte, daß sie sich zu überheben suche; wenn all’ diese seine verschiedenartigen Produktionen, die den Mitlebenden imponirten, jetzt mit ihnen begraben sind… in Einem wird er doch unvergeßlich bleiben, und auch heutzutage bei gänzlicher Geschmacksveränderung jeden Unbefangenen entzücken, der ihn darin kennen lernen will: in seiner Art und Weise, Liedern unserer größten Dichter entsprechende Melodieen zu finden. Reichardt verdient vollkommen den Namen Tondichter, denn keiner hat tieferes Verständniß dabei an den Tag gelegt. Es war eine offenbare Ungerechtigkeit, daß Goethe wie Schiller sich von diesen wahrhaft klassischen Kompositionen abgewendet haben, um Zelter’n zu huldigen. Eine Ungerechtigkeit, die sich wohl nur erklären läßt durch oft anmaßendes Betragen, und durch manche kleine Charakterzüge, die ihn perfid erscheinen ließen, wo er doch in gutem Rechte zu sein glaubte. Gewiß hat dieser bedeutende Mensch Alles gethan, um sich Feinde zu machen. Auch seine Stellung bei Hofe verdarb er sich durch unüberlegte Witzworte, die er schonungslos wie Geißelhiebe austheilte. Als z. B. der vielbeliebte Kapellmeister Himmel die von Kotzebue aus Paris mitgebrachte Operette „Fanchon, das Leiermädchen“ in Musik setzte, und die darin enthaltenen unzähligen kleinen, coupletartigen Liedchen mit leichten Melodieen begleitete, äußerte Reichardt, erbittert über den beispiellosen Succeß solch´ oberflächlicher Leistung ganz laut: „In dieser Oper sieht man den Himmel für einen Dudelsack an!“ was zwiefach boshaft klang, weil dieser Ausdruck volksthümlich auf Betrunkene angewendet wird, und weil Himmel im Rufe stand, oft betrunken zu sein.
Von den Briefen R.’s an Tieck haben wir nur einen wegzulassen gewagt, – obgleich sehr ungern – aus Rücksichten für Lebende wie Todte. Dafür bringen wir als Zugabe ein Schreiben Tieck’s an ihn, womit diese Reihe eröffnet wird, und als Anhang zwei Briefe seiner Tochter Louise, die dem Freunde und Kenner deutschen Liedes werth bleiben müßte, wenn sie gleich nichts anderes gesungen hätte, als die herrliche Melodie zu Novalis unsterblicher Klage:
„Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,
Zerreißt in Dornen sein Gewand &c.“
Ludwig Tieck an Reichardt
I
Dresden … 18014.
Ich schicke Dir hier nach meinem Versprechen das Liederspiel zurück, das ich mit großem Vergnügen gelesen habe; da Du aber ein ganz aufrichtiges Urtheil von mir verlangst, so wär’ es sehr Unrecht von mir, wenn ich es Dir nicht ganz so mittheilte, wie es mir beim Lesen und beim nachherigen Ueberlegen vorgekommen ist. Du weißt, was mir in Deinen beiden ersten Stücken so sehr gefiel, war ein gewisses künstliches Gegenüberstehn der Personen und Gesangesmassen, wie ich es nennen möchte, wodurch in den Liedern selbst eine fortschreitende Handlung war, und wodurch alles korrespondirte und sich gegenseitig trug und erhielt. Dies scheint mir in diesem Stücke zu fehlen, wodurch es ein wildes verworrenes Ansehn erhält, und doch monoton wird, alle Töchter drücken einen Gedanken aus, ebenso die Künstler, Mann und Frau stehn fast ganz müssig, die Handlung erregt eine falsche Erwartung, die nachher nicht befriedigt wird. Wozu lässest Du das Theater verwandeln? Ich sollte meinen, bei einem solchen Tableau müßte wirklich die Unveränderlichkeit der Bühne ein Gesetz sein; denn durch die bloße Verwechselung der Scene entsteht schon ein viel größerer Anspruch, eine Ausbreitung, die dem kleinen Detail Schaden thut; wenn ich das Final abrechne, so hat Göthe wohl in Jery und Bâtely die Aufgabe sehr schön gelöst. Ich fürchte auch, was das Aeußere anbetrifft, die erste Scene mit dem Herunterklettern muß sich auf jedem Theater kleinlich machen, und was noch schlimmer ist, Du hast dadurch das Pikante vorangestellt; denn nachher ist es mit dem Vorfall schon vorüber, es steht nur still und erhält eine Auflösung, die ängstlich klar und deutlich ist, und die man eigentlich gar nicht erwartet. Wozu sind überhaupt die handelnden Personen Künstler? Es thut nichts zur Sache, als daß es eine gewisse Heftigkeit in dem jungen Menschen zeigt, die mir wenigstens nicht hat gefallen wollen; es geht aber mit der Liebe ein wenig zu schnell, was sich mit der großen Innigkeit besonders der andächtigen Lieder nicht vereinigen läßt. Von diesen Liedern muß ich Dir überhaupt sagen, daß sie mir in diesem Stücke keine angenehme Empfindung erregt haben, sie sind fast alle die heiligsten, die Göthe je gedichtet und Du gesungen hast, sie sind wie Kernsprüche aus der Bibel, die eine unendliche Anwendung zulassen, die aber schon für sich tausend mannichfaltige Geschichten und Empfindungsspiele enthalten; will man sie nun, wie hier geschehn, in die Welt einführen, so verlieren sie durchaus ihren Charakter von Allgemeinheit und Größe, sie erläutern einen geringfügigen Umstand, wodurch sie fast zur Parodie werden, wie es besonders mit dem göttlichen: Trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebe geschehn ist. Eben so unerwartet kam mir das Lied aus dem Meister: Kennst Du das Land, was hier nothwendig seinen (Lücken) – schöninnigen und geheimnißvollen kindischen Charakter verlieren muß. Am meisten hat mich fast der Klopstock überrascht und gestört, der doch mit seiner hohen Anmaßung noch überdies schwerfällig und unverständlich ist, so daß er gewiß mit dieser Ode nicht populär sein kann. Ich glaube überdies, diese Sachen von Göthe müssen niemals populär werden, sie können es auch nicht; auf dem Theater werden sie eben entheiligt, welcher Comödiant soll es sich unterstehn, das: Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, herzusingen? Es ist ja dieses ähnlich als im Göthe selbst der innerste Göthe, er hat dergleichen in keines seiner musikalischen Stücke aufgenommen, weil es die Andenken seiner glänzendsten Lebensmomente sind. Mir wenigstens thut es weh, diese Töne auf irgend eine Weise verknüpft wieder zu finden. Du kannst es nicht vermeiden, daß es sich nicht selbst parodirt. Warum willst Du nicht überhaupt bei kleinen Liedern stehn bleiben, die eben im Zusammenhange ergreifen, weil sie so klein und verständlich sind? Hier im Schweizerkostüm hätt’ ich mir: „Wenn ich ein Vögli wär’,“ und „Ich hab’ einmal ein Schätzel g’habt,“ erwartet und gewünscht. Es konnte eine Familie sein, die von den Unruhen vertrieben, sich hier niedergelassen, ein desperater Sohn will fort, in den Krieg, seinen Freund aufsuchen, der sich seitdem verloren; die Schwestern können ihn nicht zurückhalten, er klettert heimlich den Fels hinauf, indeß zeigt sich von oben der Freund und Geliebte, die gegenseitige Erkennung, die Liebe, die Nachricht vom Frieden und dergleichen, recht alte Schweizerleute in Mann und Frau hätten wohl etwas Schönes machen können, dazwischen einmal der Kuhreigen u. dgl. – Verzeih mir meine umständliche Kritik, die vielleicht zu strenge sein mag. – Wir sind hier alle wohl, nächster Post wird Mama schreiben, die außerordentlich munter ist. Ich danke Dir noch einmal für Deine freundliche Aufnahme, und denke noch mit Sehnsucht an Euren schönen Aufenthalt.
Grüß alle herzlich von mir.
DeinL. Tieck.