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Kitabı oku: «Briefe an Ludwig Tieck 4», sayfa 15

Various
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V

Berlin, den 18ten Juni, Montag Abend.

Da ich versprochen habe, Dir wiederzuschreiben, so kann ich unmöglich Deine Erwartung täuschen. Ich halte solch ein Versprechen, dir gethan, für das kräftigste Mittel, mich zu etwas zu zwingen, wenn das Geschäft an Dich zu denken, das mir das süßeste ist, noch eines Zwanges bedürfte. Aber wahrlich, ich fühle es, ich hätte Dir ganz gewiß, wenigstens ein Paar Zeilen geschrieben, wenn ich auch die zeitraubendsten Abhaltungen gehabt hätte, denn ich weiß es selber gar zu gut, was es heißt, vergeblich warten und seine sicheren Hoffnungen vereitelt sehn. Aber Abhaltungen und Zerstreuungen habe ich jetzt doch bis zum abscheulichsten Ueberdruß. Es ist ein großer Trost, den ich Dir geben kann, daß du frey, nach Deiner eigenen Willkühr, in schöner Unabhängigkeit Deiner Zeit genießen kannst; indeß ich durch Geschäftsgänge, und durch überhäufte Vergnügungen, durch meinen trägen Körper, der eines eisernen Schlafes gewohnt ist, und durch die inkonvenienten Verhältnisse mit manchen meiner Bekannten beständig nicht nur an Beschäftigungen, sondern auch an selbstgewählten Erholungen und an besserem Umgange gestört werde. Rambach und Bernhardi lieb’ ich sehr. Letzteren kenn’ ich bis jetzt noch besser und bin ihm also auch noch mehr zugethan als jenem. Ich habe mich gewundert neulich, als er mir manchen geheimen Winkel in seinem Inneren aufdeckte und mich mit allerhand sehr feinen Bemerkungen unterhielt, in ihm so viel Aehnlichkeit mit Dir zu finden. Wisse, daß Du ein sehr lieber Gegenstand unsers Gesprächs bist; und werde durch mich überzeugt, daß er Dich innig schätzt, und von den Abenden, da Du mit ihm zusammen gewesen bist, mit einer lebhaften und frohen Erinnerung redet. Ich bin mit ihm seit ein Paar Wochen 2 mal im Theater gewesen, und habe beydemal dicht bey ihm vorn in der Mitte gestanden. Wenn ich so einen Menschen zu meiner Seite habe, von dem ich weiß, daß er alles so tief fühlt als ich, – ich weiß nicht, dann ists mir immer so wohl, und ich finde mich in dem Gewühl der Menge Zuschauer so glücklich, als wäre ich allein auf meiner Stube mit einem Freunde. Stehe ich aber so verlohren und einsam in dem lachenden und witzelnden und albernen Parterre, so ist mir alles so öde und wüst. Bey keinem aber, als bey Dir, ist mir jenes Gefühl so laut und deutlich gewesen: faßte ich Dich unterm Arm, so wars mir so wohl, als wenn ich mich nach einer erschlaffenden Ermattung des Abends in mein Bett warf, oder als wenn ich mich vor Wintersturm und Regen in mein sicheres Stübchen rettete. – Die 2 Stücke die ich sah, waren, – höre hoch auf, denn ich spreche große Worte: – Kabale und Liebe, und Ifflands Elise von Valberg, Schauspiel in 5 Aufzügen. Ist das letztere, das von Kennern für das Meisterwerk des Verfassers erklärt wird, gedruckt, so lies es ja. Es macht einen erhabneren, weniger rührenden Eindruck, als die Hagestolzen und hat eine weit, weit lebhaftere, raschere Handlung. Nichts übersteigt das Interesse der Situationen, den originalen Stempel einiger großen Scenen, den Effekt, den kleine Züge hervorbringen, – und nichts übertraf, als ich das Stück sah (es ward zum erstenmale gegeben), das Spiel von Fleck, der Unzelmann, Garly (kennst Du diesen talentvollen Anfänger?) u. s. w. Auch Czechtizky, auch die Baranius spielten gewiß sehr schön; auch Mattausch übertrieb seine Gebehrden wenigstens nicht. Als die unschuldige, unbefangene Elise mit der Fürstinn sprach, als das ungezierte, offene Mädchen Muth bekam, ihr Dinge zu sagen, die ein Kenner der Menschen und des Hofs an dieser Stelle kaum zu denken gewagt hätte, als sie die Fürstinn überzeugte, daß sie völlig rein, vom Fürsten noch nicht befleckt sey, und ihr dagegen ihre Pflicht als Gemahlinn ans Herz legte, und ihre Kälte, ihren anscheinenden Stolz gegen ihn ihr vorhielt; da dacht’ ich an die Scene in Maaß für Maaß, wo auch das schüchterne Mädchen in Gegenwart des Herzoges so enthusiasmirt wird. Das Stück ist höchst vollendet und ausgearbeitet; der Gang höchst natürlich. Und noch eines, was ich noch nicht gesagt habe, setze ich hinzu; die Feinheit und Delikatesse in den Aeußerungen der Personen ist unübertrefflich, unnachahmlich. Beyspiele liefern besonders die Abschiedsscene zwischen Elise und Witting, und die Versöhnungsscene zwischen dem Fürsten und der Fürstinn. – Kabale und Liebe hat auf mich gewirkt wie es soll: stark, entsetzlich stark. Ich freute mich, das Ganze besser zu verstehen, als da ich es vor einigen Jahren las. Ich weiß mich der Zeit noch sehr gut zu erinnern, da ich diese Verse von Göthe: „Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebe! Auch dem halbtrocknen Auge schon, wie öde, todt ist die Welt!“ – gar nicht verstand. Aber, als ich das Gefühl der Liebe, in seinem schönsten Aufblühen, in seiner reinsten, sich selbst nicht kennenden Unschuld, in dem Reiz, wie die edelsten und süßesten Minnedichter es schildern, – als ich es empfand, – da empfand ich auch, was jene Verse sagen wollten. So erweitert sich allmählig der Kreis der Empfindungen, und wo vorher das Herz kalt blieb, treibt es das Blut nun rascher und wärmer durch die Adern. So gings mir ohngefähr bey einigen Stellen in Schillers Stück. Ich habe es nun göttlich gefunden: es gehört mit zu den einzigen Triumphen, die den glorreichen Dichter zum höchsten Gipfel des Ruhms erheben. Wer hat die Empfindung stärker gemahlt, als er, in der Scene, da der Vater die Geliebte des Sohnes seinen Händen entreißen läßt? Diese hat mich am schrecklichsten erschüttert. Und das Ende! Es kann keine heftigere Spannung der Leidenschaften geben! Ich fühlte es, wäre ich in Ferdinands Lage, – wahrlich, Tieck, ich hätte kaum anders gehandelt. Was meynst Du? Fleck, die Unzelmann, Herdt und vornehmlich auch Unzelmann als Kammerdiener, spielten herrlich. Kaselitz hat nur wenig edles und ausdrucksvolles; und die Engst schien in den großen originellen, vielumfassenden Charakter der Brittinn nicht ganz zu passen. Ihr Mund will sich immer nur zu einem leichten Lächeln verziehen; ihr Auge immer unter den schwarzen Augenbrauen mit schalkhaftem Muthwillen hervorblicken, ihre Stimme immer über anmuthige Scherze mit einem sanften Accente dahingleiten: und dieser ihr angebohrner Charakter, wie es scheint, schimmerte immer hervor, wenn sie sich auch Mühe gab, mit ihrem Arm pathetisch zu gestikuliren und mit ihrer Stimme die treffenden Töne wahrer, erhabener Empfindung zu modulieren. Die ächt Schillersche Sprache in dem Stück ist oft der kühnste Schwung der Poesie.

Ich habe Göthens Groß-Cophta gelesen, worin sehr viel artiges ist. Auch habe ich Pfeffels Gedichte durchgelesen, die zwar manche allerliebste, anpassende Fabel enthalten, aber auch einiges, was nicht für meinen Geschmack ist, als: Romanzen auf alte Leisten, vom gewöhnlichen Schlage; gemeine, alberne Erzählungen; kleine Erzählungen, die nakt da stehn ohne Interesse, und man weiß nicht wozu, in eine geringe Anzahl von Versen zusammengepreßt sind; endlich, mehrere fade oder läppische Witzeleien, die für Epigramme verkauft werden. Daß man es sich doch nicht der Mühe verdrießen läßt, sogar solch allgemeines und gemeines Courantgeld, als die Epigramme sind, zu verfälschen! – Uebrigens scheint mir Pfeffel der einzige blinde Dichter zu seyn, der in seinen Werken keine Spur von finstrer Phantasie zeigt, sondern vielmehr durch seine heitere Laune sich und andre aufheitern will. Wie kommt das? Es ist viel!

Wenn Burgsdorff wieder solider geworden ist, so freut michs sehr. Grüß’ ihn herzlich. – Die Geschichte Deiner selbst wird mir immer willkommen seyn, und mir zu einem heiligen Unterpfande unsrer immerwährenden Freundschaft dienen.

Bernhardi denkt, wenn er irgend kann, in den Hundstagsferien nach Halle zu reisen, und freut sich sehr zu Dir. Er hatte schon auf einen Brief von Dir gewartet. Ich habe ihm Deinen gegeben; auch die an Deine liebe Schwester hab’ ich abgegeben. Warum schreibst Du ihr nicht öfter? Versäume ja nicht, lieber Tieck, an sie und Deine Aeltern zu schreiben. Hörst Du? Deine Schwester verräth ein so gutes, sanftes Gefühl, und so viel Liebe und Zärtlichkeit für Dich! —

Dienstag Mittag.

Ueber das Naive hab’ ich noch nicht recht Muße gehabt, nachzusinnen. Es ist ein so schwerer als interessanter Gegenstand. Bernhardi hat jetzt Deine Anna Boleyn. Es geht ihm beynahe so wie mir: es wird ihm schwer, etwas zu tadeln oder Verbesserungen vorzuschlagen. Ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben; aber glaub’s mir, ich finde wahrlich nichts. Den 2ten Akt versteh ich immer besser, und find ihn immer schöner und schöner. Ganz vortrefflich ist’s, daß die Anna am Ende vornehmlich nur ihrem Heinrich zu Gefallen entfliehen will; nur ihm zu Liebe, damit ihre Gegenwart ihn nicht stören soll. Aeußerst feiner, trifftiger, rührender Grund!

Lebe wohl und sorge für Deine Gesundheit und Zufriedenheit. Schreib mir bald, lieber Tieck.

Dein
ewiger Freund
W. H. Wackenroder.

VI

Freitag, den 20ten Juli.
Mein zärtlich geliebter Tieck

Endlich hör’ ich einmal wieder etwas von Dir. Gewiß hätt’ ich schon lange, wirklich lange schon wieder an Dich geschrieben, wenn ich nicht so viel Zerstreuungen gehabt hätte. Ich habe in der That allen meinen Verstand und meine Ueberredung, d. h. all mein Phlegma aufbieten müssen, um bey Deinem Stillschweigen, das mich so lange beunruhigt hat, nicht zu unruhig zu werden. Da ich Deine Harzreise ahndete, so war ich ungewiß, ob mein Brief Dich schon wieder in Halle antreffen würde; auch erwartete ich immer einen von Dir, heute aber am sichersten, und – ich bin inniglich froh, daß ich mich nicht getäuscht habe. Aber glaube es mir auf mein Wort ich hätte, wenn Du auf noch längere Zeit geschwiegen hättest, es doch kaum über’s Herz bringen können, Dir Vorwürfe darüber zu machen: ich hätte es wahrlich nicht gethan.

Seit Deinem letzten Briefe habe ich oft mit sehr zärtlicher Rührung und reger Empfindsamkeit an Dich gedacht; und ich bin über alles glücklich, daß Du, wie ich sehe, auch an mich noch immer mit einer Innigkeit denkst, die ich erst seit Deiner Entfernung aus Deiner Schriftsprache recht erkenne.

Verzeihe es meiner Freundschaft, wenn ich in meinem vorletzten Briefe das demüthige Gefühl der Hochschätzung, den meisternden Ton heftiger Vorwürfe angenommen hatte. Aber Du hast mir schon verziehen. Ich weiß es ja auch selbst, wie übel dieser Ton mir steht, und wie häßlich dabey meine Empfindungen verzerrt werden. Doch der Fall, der diese Diskursion veranlaßte, hatte mich zu gewaltsam erschüttert, als daß, – nun – möge ewige Vergessenheit darüber ruhn. Daß grade jenes Dein Uebelbefinden nicht eine Frucht der Tollkühnheit war, die ich schon manchmal, wenigstens in Gedanken, an Dir gerügt habe, kann seyn; daß Du aber die großscheinende Schwachheit sonst gehabt hast, – (Tieck, verzeih um’s Himmels willen, daß ich es wieder Schwachheit nenne; ins Gesicht könnt ich’s Dir wahrlich nicht sagen, ich weiß nicht, warum ich’s mir vergebe zu schreiben? – ) nun, das gestehst Du selber ein. Und davon Dich abzubringen, (wohl Dir, wenn Du Dich selbst schon geheilt hast,) das allein war die Absicht meiner Invektive gegen Dich. Und o! wie erhaben dünk’ ich mich als ein Glied der Kette, die Dich an diese Erde fesselt. Ich glaube, ich habe meine Bestimmung in der Welt genugsam erfüllt, wenn ich nur ein starkes Glied dieser Kette bin. Möchte sie nimmer zerreissen.

Du bestrafst mich mit der größesten Belohnung, wenn Du zu meinem Einwand wegen Deiner Wahl von Erlangen blos sagst, ich hätte Dich mißverstanden. Wenn ich aber in einer Sache, wo Eigennutz, (doch der edelste denk’ ich,) mit der Besorgniß für die Zufriedenheit des Freundes kämpft, nicht so nachsichtig wäre, wenn ich strengere Beweise von Deiner Seite fordern könnte, daß nicht das Glück, was mir zu Theil werden soll, Dir abgehen würde, so würde ich in der That Deine Erklärung hierüber wenig befriedigend finden. Du hättest in Halle keine Verbindungen, deren Auflösung Dir wehe thun könnte? Hast Du nicht die Reichardtsche Familie, Burgsdorff, und vielleicht noch andere? Hast Du nicht schöne Gegenden, die Dich kennen und die Du liebst, Flumina nota u. s. w.? Bist Du Deinen Aeltern nicht näher? – Doch meine selbstsüchtige Seele hält mir den Mund zu, da meine liebende Seele mich fortfahren heißt.

Scheine ich Dir nicht einem Kinde ähnlich, das nur darum sich so lange nöthigen läßt, ein Geschenk anzunehmen, um es nachher mit desto größerm Scheine des Rechts, mit desto begierigeren Händen ergreifen zu können? Ich will nicht entscheiden, in wie fern Du in dieser Vorstellung unrecht haben möchtest. Dennoch, – überlege: sieh auf Dich selbst. Wenn dann unser beiderseitiger sehnlichster Wunsch erfüllt werden kann, wenn wir an Einem Orte die blumenreichsten Jahre des Lebens zubringen dürfen: – o welche unaussprechlich reizende Aussicht in die Zukunft. Zwey Wesen, von dem traurigen Schwall und Wuste der Welt isolirt, in einer Freiheit, die Götter beneiden könnten, in einer Sorglosigkeit, die man vergeblich an andern Orten der Erde und in andern Zeitpunkten des menschlichen Lebens sucht, – durch nichts an die Menschen, blos an einander mit den unauflöslichsten Banden gekettet: – so setzen wir uns dann mit Entzücken auf die Schaukel des Glückes, und lassen uns zusammen von unseren Freuden in herrlichem Schwunge bis an die Sterne schleudern: Coetusque vulgares udamque spernimus humum! – Aber ich schweife wieder aus! Ach! diese Seligkeit scheint mir zuweilen so groß, daß, – soll ich nach der bäurischen Einfalt meiner dunkeln, ahndungsvollen Empfindungen sprechen? – daß ich bange davor bin. Denn ich kann mich nicht überreden, wie das im Guten so haushälterische Schicksal, das so genaue Rechenbücher über die Freuden und Leiden hält, die es uns zutheilt, mich mit einem so großen Kapital beschenken könnte, ohne mir nachher dafür die drückendsten Zinsen abzufordern. Doch ich trage diese Beschwerden, wenn Du mich so glücklich machst. Und ich nehme Deine Wohlthat, die Du an mir thun willst, mit dem dankbarsten Gemüthe an, wenn sie Dich nicht gar zu viel kostet. Dabey bleibt’s. O ich habe heut schon herrliche Scenen aus unserer künftigen Gemeinschaft geträumt! —

Du wirst es wohl ahnden, daß ich den 2ten Theil des Genius nicht ohne besorgliche Gedanken, und nicht ohne etwas dagegen eingenommen zu seyn, kurz nicht ohne fatale Nebenideen zur Hand genommen habe. Aber daß der Verfasser ein origineller Kopf ist, der die Sprache so in seiner Gewalt hat, wie ein Schauspieler seine Stimme, der das Blut durch alle Adern jagen, der kalte Thränen des Schreckens aus den Augen pressen, der die Seele in ein Meer der entzückendsten Gefühle eintauchen kann, das ist unwidersprechlich. Um seinen Styl zu schildern und zu loben, müßte man selbst schreiben wie er. Um nur der Charakterzeichnungen zu gedenken, die im 2ten Theil so häufig vorkommen, welche Meisterstücke! Ich kenne wenigstens keine höheren Muster. Da sind Ideen gehascht und in Worte gekleidet und hell vor die Seele gestellt, die man gewöhnlich nur in einem Nebel sieht, ohne sie sich selbst deutlich erklären zu können; da sind die feinsten Falten des Herzens aufgedeckt; da ist das ganze Aeußere und Innere des Menschen in ein Gemählde von Worten gebracht, wo alle Züge wahr, bedeutend und treffend, und mit der schönsten Kunst ausgeführt und vereinigt sind. Die Scenen beym Einsiedler sind vortrefflich.

Deine Bücherrekommandationen sind mir natürlich immer sehr willkommen. Den Tasso werde ich mir zu verschaffen suchen. Wie heißt aber eigentlich der Roman von Florian? Estelle? Ich kann’s nicht recht herausbringen.

Im Großkophta hab’ ich freilich auch nicht etwas außerordentliches, so wie man es von dem Verfasser des Werther gewohnt ist, entdeckt. – Der Charakter des Sekretärs ist Dir in Cabale und Liebe zu abscheulich, und mehr als Franz Moor? Mir scheint selbst der letztere weit mehr zu entschuldigen zu seyn; wie wohl immer mehr Scharfsinn, als ich besitze, dazu gehört, um dergleichen seltene Ungeheuer im Drama zu rechtfertigen. Du weißt, daß sie mir leicht mit zu starken Farben gezeichnet sind, und daß ich auf der Bühne eine Person verabscheue, die gar nichts Menschliches an sich hat, und nicht das geringste uns auffordert, uns mit ihr nur einigermaßen auszusöhnen, wenigstens unsern Abscheu in dem Grade zu dämpfen, daß doch das Gefühl des Mitleids und des Bedauerns dabey in unserer Seele noch Platz behält. Und freilich habe ich noch nichts gefunden, was dies bey der genannten Rolle veranlaßte. Ich sprach vor einiger Zeit auch mit Bernhardi davon. Mich dünkt, daß er in der Anhänglichkeit an den Präsidenten, in dem Diensteifer, den so ein teuflischer Diener gegen seinen Patron hat, etwas zu seiner Entschuldigung dienendes wollte entdeckt haben. Aber ich sage kein Wort darüber. Denn ich möchte Bernhardi’n etwas falsches unterschieben, weil ich dergleichen Dinge nicht immer mit dem geschicktesten Handgriff zu fassen weiß.

Elise von Valberg wirst Du noch tausendmal vortrefflicher finden, als ich bis itzt wenigstens im Stande gewesen bin, es zu finden, da ich es nur einmal gesehen habe; und da Du die Schönheiten und Feinheiten dramatischer Plane und Situationen Dir auseinanderzusetzen verstehst. Aber, o Himmel! was ist diesem Meisterstücke für ein Ding gefolgt! Hieronymus Knicker, Operette in 2 Akten von Dittersdorf, ist schon 3mal gegeben, und scheint leider Beyfall zu finden! Nach dem was ich nur von solchen, die nicht Willens waren, dem Dinge ihren hohen Beyfall ganz zu versagen, gehört habe, muß es, was Musik, Geist und Geschmack des Gesanges, u. s. w. betrifft, fast noch unter dem rothen Käppchen stehn. Es hat denn doch bis itzt noch alles sein Ende in dieser Welt erreicht; selbst die verderbliche Dürre, die über 14 Tage gewährt hat, ist nun durch ein Gewitter, wenigstens zum Theil, gebrochen; aber die unsinnige Operettenwuth der Berliner scheint nur mit der Zeit immer mehr Nahrung zu bekommen, und noch nicht den höchsten Grad erreicht zu haben. Ist dieser da, so muß nothwendig eine Revolution erfolgen, sonst werden wir so barbarisch in der Kunst als – die Lappländer. – Fort mit dem Gedanken an diese verdammte Seuche. Ich will Dir etwas besseres erzählen. Und das ist, daß ich neulich Diderots Hausvater und den Traktat über die dramatische Dichtkunst, der das Stück begleitet, gelesen habe. O was ist dieser Diderot für ein verehrungswürdiger Mann! Wie weicht sein Charakter, sein Geschmack, doch so ganz von dem empfindungslosen französischen Geist ab! Was hat Er für Fülle des Herzens, für alte Gutherzigkeit, für alten Edelmuth, (denn nach dem modernen Geschmack scheint das nicht recht zu seyn.) Man sollte ihn, wäre sein Name nicht französisch, für einen Deutschen oder Engländer halten. Erinnere Dich an die herrlichen Grundsätze, Vorschläge und Aeußerungen, die in der Poetik vorkommen. Erinnere Dich jener herrlichen Stellen, die mich vorzüglich entzückt haben, und die so sehr für Dich als für mich schön seyn müssen!

Von Deiner Harzreise schreibst Du mir vielleicht künftig noch etwas. Weißt Du denn schon, daß Bernhardi Dich bald vielleicht besuchen dürfte? Aber rechne noch nicht sicher darauf; denn er hat mir gesagt, daß er noch nicht gewiß wäre, ob es Zeit und Umstände erlaubten. Ich rathe ihm sehr zu. Seine Freundschaft ist mir itzt viel, sehr viel werth. Wir kennen uns itzt genauer als sonst, und sprechen sehr vertraulich, ungleich vertraulicher als sonst. Wenn Du wüßtest, wie sehr er Dich liebt! wie sehr er Deine ganze Gegenliebe verdient! Rambach seh ich seltener. Er ist gewöhnlich, oder doch oft nicht zu Hause, wenn ich ihn besuchen will. – Daß Du auf Michaelis herkommst, ist doch in höchstem Grade wahrscheinlich? – um nicht mit einem: Gewiß, Dir Einwendungen, wider meinen Willen, zu entlocken. Deine Schwester und ich wir trösten uns dadurch über Deine Abwesenheit, wenn ich sie spreche. Soll ich Dich bey Dir selber verklagen? Soll ich Dich nicht auffordern, an Deine liebe gute Schwester und Deine Aeltern öfter und länger zu schreiben? Sie würden sich sehr freuen, wenn Du es thätest. – Dein Bruder ist ein paarmal bey Bernhardi gewesen, der ihn zuerst wegen Deines Gesichts und Gleichheit im Aeußern liebgewonnen hat. – Ich lege einen Brief von Deiner Schwester ein. Ich habe es ganz vergessen, es ihr eher anzubieten.

Liebst Du mich, so antworte mir bald, damit unser Briefwechsel in ordentlichem Schritte geht. Ich für mein Theil werde alles dazu beytragen. – Die Zeit vergeht mir jetzt schneller als jemals, und deswegen werde ich verleitet, fast alle Tage schon an meine Abreise aus Berlin zu denken. Sie wird mich Thränen kosten; und käm’ ich ohne Freund auf eine 56 Meilen entfernte Universität, so würde ich mich gar nicht wohl befinden.

Noch habe ich versäumt, Dir vom Père de Famille zu sagen, daß meine Erwartung hier einmal wieder um ein kleines Haarbreit getäuscht ist. Der natürliche Sohn von Diderot hat mich wegen der vielen schönen Empfindung, die darin herrscht, zu heißen Thränen gerührt, und thut dies bey wiederholtem Lesen gewiß immer. Den Hausvater find’ ich schön, – aber – so innig habe ich nicht Antheil genommen, so lebhaft bin ich lange nicht erschüttert, als bey jenem Stück. Liegt beim Hausvater die Schönheit mehr im Plan? Vielleicht fühl’ ich sie bey wiederholtem Lesen tiefer. Der Sohn, der Hausvater, und die Geliebte des erstern, sind herrlich gezeichnet. Aber ich muß gestehn, was z. B. die Putzhändlerin in der 1. Scene des 2. Akts thut, was diese ganze Scene wirken soll, oder warum sie nothwendig war, sehe ich noch nicht ganz ein. Belehre mich hierüber etwa einmal, wenn Du willst.

In der Hoffnung, Dich auf Michaelis hier zu sehn und baldige Antwort von Dir zu erhalten, bin ich

Dein
Wackenroder.

P. S. Bernhardi schreibt künftigen Posttag, ob er noch nach Halle kommt, und schickt Dir kleine Bemerkungen über die Anna Boleyn.

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12+
Litres'teki yayın tarihi:
01 kasım 2017
Hacim:
370 s. 1 illüstrasyon
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