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Kitabı oku: «Briefe an Ludwig Tieck 4», sayfa 23

Various
Yazı tipi:

III

Berlin, 12ten Jan. 1829.
Hochgeehrter Herr Hofrath

Aufrichtigen Herzensdank für Ihre erfreulichen Zeilen; sie kamen zurecht und machten mich leicht. Das unbedingte Streben, wie sehr es sich erheben mag, erschlafft, sinkt ein, tief, tief ein, und wenn es auch von Neuem aufsteht, excentrisch ist sein Aufflug und sein Fall – es bedarf der Schranke, soll es menschlich sein und schön. Das Leben will Thaten, wie die Kunst Mitgenuß, Kritik. Glauben Sie nicht, verehrter Mann, ich wolle nun so einzig und ausschließlich von Ihnen behandelt sein – gewiß nicht! Ich erkenne im Allgemeinen meine Stellung wohl und weiß mich zu bescheiden; – aber wen ein unaussprechlicher Hang nach Einigkeit und Liebe, eine Reihe widerwärtiger Lebensumstände auf sich zurückgebracht, wer ergriffen von seinen Idealen und dem verneinenden Wesen der irdischen Dinge nach Darstellung seines Lebens ringt, wird der nicht um Theilnahme eifern müßen, daß er wieder eintrete in den verstandenen Kreis seiner Mitgeschöpfe, selbst verstanden nun? ich weiß nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke, ich meine aber, den Verlust des Zusammenhangs mit dem Leben durch das Spiegelbild desselben wieder einzubringen, das mir die Gleichgesinnten befreundet, (deren Gemeinschaft mich dem wirklichen Leben retten muß,) das zu bilden mich ein Innerstes treibt, mich die Welt lockt.

So eben erhalte ich dieselben Dramen, die auch in Ihren Händen sind, von dem Herrn Grafen von Redern (interimistischen Generalintendanten der Königl. Schauspiele) mit einem Begleitungsschreiben zurück, des Inhalts: „so gedankenreich und ausdrucksvoll auch die Sprache in den Stücken quaest. wäre und wie schätzenswerth sie als dramatische Dichtungen auch stets erkannt werden müßten, so wären sie doch in dieser Gestalt nicht darstellbar.“ Ich glaubte: gerade dieß sei ihr Fehler nicht und wenn ich in anderer Hinsicht einigen itzt lebenden dramatischen Schriftstellern weichen müßte, meint’ ich, ihnen hierin überlegen zu sein. Ist auch die Handlung in Gustav Adolph nicht reißend, so geht sie doch lebhaft fort und eine oder zwei Scenen ausgenommen, ist stete Action auf der Bühne. In „die Freunde“ opferte ich sogar der heutigen Bühne viele sich hervordrängende Gedanken, die Darstellung ist fast melodramatisch geworden, um nur der raschen Zeit zu genügen, die nicht denken mag, nur schauen, schauen. „Die Rückkehr“ ist ausgeführter behandelt, aber rednerisch und erhoben, was die Zeit ja auch nicht ganz verschmäht; dabei ist der dritte Act rasch und treibend und ich zählete darauf, daß, würden beide Stücke an einem Abende (es sind ja auch fast wesentliche Seitenstücke) aufgeführt, so würde das ungeduldige Publicum sich doch einige vertiefende Ruhe des Geistes gefallen laßen. „Dichterliebe“ ist kurz und handelt ja durchaus! „Hugo und Elise“ freilich ist mehr Spiel der Laune und scheinet unsern Brettern fremder.

Ihr Urtheil, verehrter Herr Hofrath, mag entscheiden, wie fern diese Betrachtung richtig ist, denn ich bin freilich in technischen Bühnensachen nicht sonderlich erfahren. Der Herr Graf Redern setzt hinzu: „auf wie viele treffliche Dichtungen muß das Theater verzichten, eben weil sie nicht darstellbar sind.“ Freilich wohl! aber auf dem itzigen Wege werden wir nimmer dahin gelangen, sie dargestellt zu sehen, ja, wir werden dahin kommen, auch das itzt noch geduldete Gute verschmähet zu sehen, Schlachtroße werden von den Brettern wiehern, Vesuve donnern, einzig sie – Thespis mag wieder seinen Karren packen und – vielleicht – nach America fliehn. Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein, weßwegen man der Willkühr einer verworrenen Zeit Thor und Thür öffnet. – Es mag aber alles in der Wirklichkeit anders sein, als ich mir’s denke. Sollten auch Sie aus Ueberzeugung oder Accomodation die übersendeten Dramen nicht aufführbar finden, so bitte ich abermals um Adresse an einen Buchhändler von Namen. Dichtungen, die itzt schon von manchem Kenner und, daß ich’s nur sage, von Ihnen mit Vergnügen gelesen wurden, verdienen, denk’ ich, einen größeren Kreis von Lesern, der bald auf sie aufmerksam gemacht würde. Dieß würde nicht geschehen, fürcht’ ich, wenn ich sie dem ersten, dem besten Verleger anböte, außerdem widert mir die Prostitution – ich bitte Ew. Wohlgeboren, berücksichtigen Sie diese inständige Bitte auch. Mein Gott! wenn ich bedenke, um was ich Sie nicht alles bitte und dafür – was biete ich Ihnen? aber noch glaub’ ich an uneigennützige Menschen. —

Mit herzlicher Hochachtung

Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster
S. Wiese.

IV

Berlin, 16ten Juni 1829.
Hochverehrter Herr Hofrath

Wenn mein Verhältniß zur Generalintendantur der hiesigen Königl. Schauspiele bis jetzt auch zu keinem sichtlichen Erfolg geführt hat, so brachte es mir doch wiederholt warme Anerkennung und heftigen Tadel ein; Sie hingehen bleiben theilnahmslos und kalt. Ich bitte also, meine Stücke, die ich Ihnen zutrauensvoll übersandt, an die Hofintendanz der Dresdner und Leipziger Bühnen geneigtest abgeben zu lassen mit dem Hinzufügen meiner Bitte, dieselben behufs der Bühnendarstellung prüfen zu wollen. So sind Sie der Mühe des Emballirens überhoben und – meiner auf gute Art los. Ich fühle die Bitterkeit und Rücksichtslosigkeit dieser Aeußerung, aber auch ihre Wahrheit, deßhalb bleibe sie denn stehen. Die &c. Hofintendanz wird mich gewiß schneller bescheiden, als ich es auf diesem unsäglich langweiligen Wege erwarten darf. Unter solcher Bedingung war meine Idee von einem persönlichen Verhältnisse zu Ihnen, worauf es mir bei meinem Verfahren hauptsächlich ankam, ein Traum. Wie hyperbolisch es hier klingen mag, doch drängt sich mir auch itzt der Gedanke auf, den ein alter Prophet wo sagt: „verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt.“

Aber mit treuer Liebe und Verehrung, die ich von je Ihren Werken gezollt

Ew. Wohlgeboren
ergebenster
S. Wiese.

V

Berlin, 15ten Dec. 1829.

Wie kann ich sagen: Dank! da mein Inneres von Freude, Scham, Stolz glüht, ich muß Sie lieb haben, innigst lieb haben. Sie haben mein räthselhaftes Wesen so tief erkannt, daß ich Ihnen nur mit Schüchternheit nahen konnte. Und wie schreiben Sie mir – ach ich kann nicht sagen, wie das mein Herz getroffen. Solche Momente sind heilig, ewig! und wie mein Sehnen, Dringen immer auf Gott gerichtet ist, fühlte ich seine Nähe und schauderte. So hab’ ich denn Ihr Gemüth gewonnen und darf einen Mann ausdrücklich Freund nennen, den ich seit meinen Knabenjahren innig liebte und verehrte – doch jetzt ist das anders, persönlicher, kräftiger, näher. Erhalten Sie mir aber um Gotteswillen, erhalten Sie mir Ihre Liebe, ich habe so viele schmerzliche Erfahrungen gemacht, daß mein Gemüth immer wieder scheu zurückfliehen will, da es doch in aller Freude und Kraft sich hingegeben hat. Das Leben ist furchtbar, nur Liebe lehrt es tragen.

Die schöpferische Kraft des Genius, bei welchem Begeisterung gestaltendes Bewußtsein ist, ahn’ ich. Er schafft unvermittelt, ursprünglich, nothwendig, frei. In gänzlicher Vollendung, mein’ ich, hat er nie gelebt, oder die Poesie an sich hätte die Welt erlöst. Abfall muß sein, der Mensch ist nicht absolut. Das unmittelbarste Bewußtsein ist das poetischte, aber auch dieß kann nicht ganz fessellos sein. Was Sie Kunst heißen, scheint mir das Ideal der Poesie zu sein. Das anschauende Gemüth urtheilt: es giebt kein vollendet schönes Kunstwerk, nur Annäherung an daßelbe. Ich weiß nicht, mein verehrungswürdiger Lehrer, ob ich hierin nicht wesentlich mit Ihnen übereinstimme, die Abweichung könnte nur in meiner Annahme der Approximation bestehn, aber ich weiß nicht deutlich, ob Sie Selbst diese nicht auch anerkennen. – Das Naturell, welches ohne jenes stäte, ordnende und befassende Bewußtsein schafft, wenn es auch göttlich begabt wäre, es wird frech, unbändig sein, wie Natur; aber auch hier ist das Extrem unmöglich. Wer nun fühlt, wie ich, daß seine Gaben ausarten möchten, eben weil die Begeisterung, wann sie ihn überströmt, bis zum Wahnsinn taumelnd bewußtlos wird, ist gezwungen, wenn er das Schöne will, sich in der Conception durch die messende Vorstellung zu zügeln, bei der Ausführung aber, so viel er vermag, das Schwere fallen zu lassen und sich die schöne, alte Freiheit zu bewahren. Gegen das letztere fehlt’ ich oft. Reflexion sollte eigentlich gar nicht da sein, wo sie nicht durchaus individuell beseelt ist, doch ist sie da und wie vielleicht „die Rückkehr“ und „Freund und Geliebte“ Schillern zum besten gefallen hätten, gefallen sie Ihnen und – darf ich mich hier nennen – mir jetzt zum wenigsten. Sie haben die Freiheit meines Geistes bei der Ausführung schon durch Ihren früheren herrlichen Brief mehr geweckt, ich danke Ihnen viel. Zeugniß dafür seien zwei Werke, die ich nach der Zeit verfaßt und die ich Ihnen mit der herzlichen Bitte übersenden will, sie ganz nach Ihrer Muße zu lesen und mir, wie Sie pflegen, einige wahre Worte darüber zu sagen. Welch schaales, nüchternes Zeug, was mir von der hiesigen Intendantur zugesendet worden! Wie unsäglich erquickend die Wahrheit und Tiefe Ihres Urtheils! Nur Eines bät’ ich, wenn ich darf, ausgeführteren Tadel! ich weiß, es ist Mehreres tadelnswerth in meinen Versuchen, als Sie aussprechen, aber ich kann es nicht bestimmt nennen. Führen Sie mich mehr und mehr zum Bewußtsein, denn darin besteht ja die Weise unseres Verhältnisses, mein väterlicher Freund.

Was Sie mir im Einzelnen über meine Schriften sagen, unterschreib ich alles bis auf zwei Punkte. Der Schluß von „Beethoven“ dünkt mir befriedigend; es war still und ruhig in meiner Seele, als ich ihn schrieb. Die Transcendenz seiner Natur gestattet Beethoven keine Freude am Vergänglichen, aber die Muse sühnt ihn. Diese Sühne, unterstützt von der sittlichen Kraft, die ihn vor dem Schicksal eines Faust bewahrt – sollte sie nicht befriedigen? Aber ich glaube, es mag an der Darstellung liegen; ich will viel und – wie viel erreich’ ich?! – Dieß fühl’ ich wohl, ein dunkler Mensch schreitet hier wie das Grauen der Nacht durch die hellen, warmen, freundlichen Verhältnisse des Lebens, schreckt, peinigt, wie er gleich zum Ewigen will, aus dem er geboren, und lebt nur in furchtbarer Resignation, aber gesühnt doch, da – er ein Künstler ist. Meine Conception war so und sah ich das Stück im Weiten, scheint mir Manches erreicht, doch ist Darstellung und erste Anschauung himmelweit verschieden. Mein verehrter, geliebter Freund, was Sie mir Herzliches über dieß Stück sagen, hat mich erschüttert. – Noch einen Punkt wollt’ ich erwähnen. Mir scheint das Gefühl, was man von „Clothar und Sulamith“ hinweg nimmt, doch nicht Verdruß. Verdruß auch wohl, denn der Schluß erregte mir Pein und Schmerz, Graun aber empfand ich auch und – in der Liebe der beiden Menschen Erhebung; ist Liebe doch unvergänglich! – ich hätte noch viel zu sagen – auch über äußere Dinge, das Theater und einen dereinstigen Verlag – aber – darf ich ja nun öfter schreiben. Sie sind in mein Herz beschlossen und ich vertraue Ihnen innigst.

Wiese.

Witte, Karl

Geb. am 1. Juli 1800 zu Lochau bei Halle. Kam 1822 als Extraordinarius zur juristischen Fakultät nach Breslau, wo er sehr bald eine Heimath fand und in verschiedensten Kreisen gelehrter, litterarisch-wirksamer, strebender, heiterer Genossen einen belebend-anregenden Mittelpunkt bildete. Poesie, Philologie, ästhetische Studien, trieb er neben seiner Berufswissenschaft, der Jurisprudenz. Er übersetzte Michel Angelo’s Sonette, dichtete selbsteigene, vertiefte sich in Dante’s Unergründlichkeit, schrieb treffende und eingehende Aufsätze über Kunstausstellungen und behielt immer noch Zeit übrig für geselligen Verkehr, den er mit Frohsinn, stets guter Laune und herzlicher Freundlichkeit zu schmücken wußte. Früh vermählt, wurde er sehr bald wieder Wittwer. Durch zweite Ehe zu vielen schlesischen Familien in verwandtschaftliche Beziehung getreten, rief ihn doch die Beförderung im Amte aus Schlesiens Hauptstadt gen Halle, wo er als K. Geheimerath seit geraumer Zeit lebt, lehrt, arbeitet – und immer noch seiner geliebten romanischen Poesie anhängt. Die rechtswissenschaftlichen Werke die er edirte, haben der Uebertragung von Dante’s lyrischen Gedichten, 2 Bde. (1842–43) – nicht im Wege gestanden.

I

Halle, 25. Mai 1840.
Verehrter Herr Hofrath!

Es geschieht mir so sehr selten, daß von mir Gedrucktes irgend sich eignete, Ihnen angeboten zu werden, daß ich die beifolgenden Bogen, die ein uns gemeinsam theures Land betreffen, schnell, wie sie als Aushängebogen ohne Inhaltsangabe u. s. w. mir gestern zugekommen sind, zusammenpacke, um einen Vorwand zu gewinnen, mich Ihnen wieder in’s Gedächtniß zu rufen. Daß ich wünschte, Sie könnten Sich entschließen, ein wenig von dieser Speise zu kosten, das kann ich freilich nicht läugnen; verzeihn Sie mir aber, wenn ich, um ihr einen etwas neapolitanischen Geschmack zu geben, ein Paar Flaschen Calabreser Wein (Diamante), den ich kürzlich aus Italien zum Geschenk erhielt, mit beipacke.

Noch habe ich ein Geständniß Ihnen abzulegen: Vor wenig Tagen habe ich einen, nun fast 11 Wochen alten, Knaben taufen, und ihm in der Taufe den Namen Ludwig beilegen lassen. Wollen Sie es, theurer Herr Hofrath, genehm halten, daß der Knabe, hoffentlich nach manchem Jahrzehend, sich stolz erinnere, daß er diesen Namen von dem Manne trägt, den noch manches kommende Geschlecht eben so innig verehren wird, wie ich es thue. Daß diese Bitte nicht minder die meiner Frau als die meinige ist, darf ich wol nicht erst aussprechen, da Sie ihre Gesinnung kennen.

Zum 31. Mai wäre ich dies Jahr, wo die Communication erleichtert ist, und der Tag auf einen Sonntag trifft, sehr gern nach Dresden gekommen, Ihnen mündlich meine Verehrung und meine Wünsche zu sagen, die beide gleich innig sind. Ich fühle indeß, wie Viele an diesem Tage Sie umgeben werden, die Ihnen näher stehn und denen mich beizuzählen mir nicht ziemt. —

Meine Frau und ich, wir haben uns Ihres gütigen Andenkens, von dem Professor Erdmann uns berichtet, sehr gefreut. Die Erstere geht mit zweien der Kinder in den nächsten Tagen nach Kösen in das Bad. Hoffentlich führt noch der Sommer uns, oder doch Einen von uns nach Dresden.

Der gnädigen Gräfinn und Ihren Fräulein Töchtern empfehlen wir Beide uns angelegentlich, ich aber bin mit der innigsten, Ihnen wohlbekannten Verehrung

Ihr
ergebner
Karl Witte.

II

Halle, 26. Dec. 1846.
Innigst verehrter Herr Geheimer Rath!

Zu einer Zeit, als ich kaum umgekehrt war von der Schwelle des Todes erquickten mich unbeschreiblich die theilnehmenden Grüße und Anfragen, welche Frau Professorin Solger von Ihnen meiner Frau überbrachte. Haben Sie dafür tausend herzlichen, wenn auch verspäteten, Dank. Allmälig ist denn die Krankheit nun ja mehr und mehr gewichen. Einige im Westen und Süden verbrachte Monate haben neue Kräfte gegeben, und als Zeichen, daß der Genesene nach seinen Vorlesungen und überhäuften Acten-Arbeiten auch noch zu andern Dingen rüstig ist, sende ich Ihnen beifolgendes, freilich ziemlich interesseloses Sendschreiben. Vielleicht indeß erinnern die Notizen über alte Ausgaben der göttlichen Komödie Sie an eine Episode einer Ihrer herrlichen Novellen.

Auf das Aeußerste erschreckte mich, als ich von Mailand zurückkehrte, die Nachricht von Ihrer bedenklichen Erkrankung. Zwar lauteten seitdem die Nachrichten Gottlob fortwährend günstiger, doch werde ich erst dann vollkommen beruhigt seyn, wenn ich sie durch die zum Feste nach Berlin gegangenen Freunde zu weiterem Guten bestätigt höre. Wie gerne wäre ich während dieser kurzen Ferienzeit selber nach Berlin geeilt, um mich persönlich von Ihrem Befinden zu überzeugen, wäre diese kalte Winterluft meiner noch immer leidenden Brust nicht allzu gefährlich und hätte nicht der ungewöhnliche Schnee mein sonst so beliebtes Communicationsmittel, die Eisenbahn, fast außer Thätigkeit gesetzt.

Meine Frau, die mich beauftragt, ihre wärmste Verehrung und Anhänglichkeit Ihnen auszudrücken, wie wir beide der Frau Gräfin uns angelegentlich empfehlen, ist schon seit ein Paar Jahren fast immer etwas leidend und der Gebrauch von Ems hat ihr dieses Jahr eher übel als gut gethan.

Möchten im neuen Jahre meine herzlichen Wünsche für Ihr Ergehn recht vollständig erfüllt werden, und möchten Sie Ihr theures Wohlwollen auch ferner Dem erhalten, der mit innigster Verehrung sich nennt

Ihren
Ihnen ganz ergebnen
Karl Witte.

Wolff, Pius Alexander

Geb. 1782 zu Augsburg, gestorben 1828 zu Weimar.

Von Weimar, wo er zuerst das Theater unter Goethe’s Leitung betreten hatte; wo er, anfänglich mehr durch gesellige Bildung als durch sichtbaren Beruf, das Wohlwollen des Meisters gewann; wo er nach und nach sein Darstellungstalent entfaltete und jene unvergeßliche Epoche mit erleben und befördern helfen durfte, von welcher wir uns einmal zu schreiben erlaubt haben: „Jahrhunderte werden verrinnen; kommende Geschlechter werden die Tage in W. aufzeichnen, und auf den goldnen Blättern, die Göthe’s und Schillers Namen tragen, wird auch ihres Schülers und jungen Freundes gedacht werden.“ —

Von Weimar kam er mit seiner Frau (Amalie Malcolmi) nach Berlin, um dort, allen Anfechtungen und plumpen Kabalen zum Trotz, die Ehrenstelle zu erringen und zu behaupten, welche Geist, Seele, edler Sinn, guter Geschmack, Humor, Fleiß, höchstes Streben einzunehmen verdienen. Es gelang ihm auf Kosten schwächlicher Gesundheit, die solchen Aufregungen unterliegen mußte. Mehrfache Reisen in mildere Klimate vermochten nicht mehr zu heilen. Sterbend kehrte er zurück; in kleinen Tagereisen brachte ihn die Frau bis Weimar… und dort liegt er begraben. Eine Leier bezeichnet sein Grab.

Wo er begann, durfte er enden. Wo Schiller und Goethe ruhen, fand auch Er die Ruhe.

Er hat Mancherlei für die Bühne geschrieben. Sein altes Lustspiel Cäsario ist reich an komischen Situationen und eigenthümlichen Charakteren; es wirkt heute noch.

Die Parodie: „Der Hund des Aubri“ ist voll von prächtigen Scherzen. Eben so das Lustspiel: „Der Kammerdiener.“ – „Der Mann von Fünfzig Jahren“ darf für eine geistvoll dramatisirte Ausführung der Goethe’schen Idee gelten. – Dasjenige seiner Schauspiele, welches die größte Verbreitung gefunden, möchte die schwächste seiner Dichtungen sein. Doch bleibt ihr der unsterbliche Ruhm, daß ohne Preciosa die Welt C. M. Weber’s Musik entbehren würde; zu solcher Composition die Anregung gegeben zu haben, ist schon ein großes Verdienst.

I

Berlin, d. 16ten Nov. 1820.
Mein hochverehrter vielgeliebter Freund!

Ich wage es, Ihnen diesen Titel zu geben und hoffe, daß Sie mir deßhalb nicht zürnen werden, denn warum hätten Sie mir während meines Aufenthalts in Dresden ein so schätzbares Wohlwollen gezeigt, mich Ihren lehrreichen Umgang so freundlich genießen laßen, die Aeußerungen meines Gemüths, das sich durch Ihren Geist und Ihre Persönlichkeit so sehr angezogen fühlte, so liebreich aufgenommen? Ich verdanke Ihnen die genußreichsten Stunden, die ich seit langer Zeit erlebt habe, in deren Erinnerung mir unauslöschliche herrliche Eindrücke bewahrt bleiben. Warum ist es mir nicht vergönnt, in Ihrer Nähe zu leben! wie freue ich mich darauf, Sie wiederzusehen, meine Darstellungen Ihrer Prüfung zu übergeben und Ihr Urtheil darüber zu empfangen; aber leider kann ich noch nicht sagen, wann. Die Einweihung des neuen Schauspielhauses ist noch immer unbestimmt, es war jetzt wieder davon die Rede, daß sie zum Carneval stattfinden dürfte, es ist aber in allen diesen Angelegenheiten kein rechter Ernst. Die Sache wird als ein Amusement angesehen und so behandelt; eröffnen wir zum Frühjahr die Bühne, so kann ich an keine Reise dencken vor dem Herbst; auf alle Fälle wird man zu Neujahr sehen und schließen können, wie es wird. Die Paar Wochen Ruhe in Dresden, wo ich Gelegenheit hatte, über unser Treiben und Thun hier etwas nachzudenken, haben meinen Mißmuth an dem hiesigen Theaterwesen nur vermehrt, und so wie ich die Sache gefunden habe, auch die Stimmung des Publikums, dem die Ohren noch von dem Gebrüll der †††† ausgeweitet sind; so könnte es wohl kommen, daß ich mich nach einem anderen Wirkungskreiß umsehe. Das Trauerspiel hat keine Aussicht aus dem jetzigen gedrückten Zustande herauszukommen, die Oper breitet sich immer mehr aus, und es mag wohl auch eine Folge der Trompeten und Pauken sein, daß man hier das Beste der Schauspielkunst in derben Lungenflügeln sucht. Auf Lebensgenuß muß man ganz verzichten, es ist kein Ruhepunkt in unserer Theatermaschine; von Vergangenem nie die Rede, eine ewige Sorge für den anderen Tag, so peitscht man das Leben vor sich her, als ob man es nicht erwarten könnte, damit zum Schluß zu kommen. – Verzeihen Sie, ich klage Ihnen über Dinge vor, die Ihnen vielleicht längst gleichgültig geworden sind, weil Sie einsahen, daß da keine Hülfe ist, wo man sie nicht anwenden kann oder darf.

Das beste Theater in Deutschland ist jetzt in Ihrem Zimmer, an Ihrem runden Tische, bei 2 Lichtern, das dritte ist noch zu viel. Da ist Ensemble, Styl, Harmonie, Inspiration, Humor und Alles was wir nur wünschen können; dabei machen die Schauspieler dem Director keine Noth, und er hat ein dankbares Publicum. – An den König Johann habe ich noch nicht kommen können, obgleich ich bereits alles vorbereitet habe. Da ist noch so viel bestellte Arbeit, die ich erst vom Halse schaffen muß; ich habe indessen den Spieler von Iffland einstudieren müssen, und den Leuchtthurm in Scene gesetzt, der getheilten Beyfall fand; das ist zwar bei Allem in der Welt der Fall: aber ich meine hier, die Aeußerungen darüber waren getheilt. – Mit Ihrer Ansicht von dem Hamlets-Monolog kann ich mich noch immer nicht befreunden. Wenn seine Reflectionen nicht auf den Selbstmord gerichtet sind, wie erklären Sie die Worte: „Wer trüge Lasten und stöhnte unter Lebensmüh, wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte &c.?“

Vorige Woche hatte ich Maria Stuart und Wallenstein, diese Woche: Kaufmann von Venedig, Ingurd und Lear; Sie können daraus sehen, wie ich den Congreß in Troppau zu benutzen verstehe, dabei fahre ich noch einen Tag in dieser Woche nach Potsdam und lasse dort die Sappho ins Wasser springen; die Armen sehnen sich lange darnach, etwas Aehnliches fällt dort das ganze Jahr nicht vor, als wenn sie ihre Katzen ersäufen.

Angeschlossen folgt denn auch das Schauspiel von Ihrem ergebensten Diener, es ist mit Gesang und Tanz, denn es ist in Berlin gedichtet. Halten Sie es würdig in dem geistreichen Kreise vorzutragen, der Sie umgiebt, so möge es mein Andenken auf eine freundliche Weise hervorrufen, und meine schönsten Grüße in die Mitte einer Versammlung bringen, deren ich mit Dankbarkeit und herzlicher Zuneigung gedenke. Das Manuscript bitte ich dann an den dortigen Theaterintendanten Herrn von Könneritz abzugeben, der für eine sächsische Preciosa zu sorgen für mich die Gefälligkeit haben wird.

Wie gern setzte ich diesen Brief fort, könnte ich mich überzeugen, daß meine Aeußerungen einiges Interesse für Sie haben dürften. Wie nützlich und erfreulich würde es mir sein, wenn ich in der Folge meine Zweifel dem Meister schriftlich mittheilen, und seinen Rath erbitten dürfte, doch darüber erwarte ich erst Erlaubniß. Ihre Zeit ist kostbar, sie sei Ihrer Erholung oder dem Ruhme der Nation ferner geweiht, ich habe Ihnen während meines Aufenthalts schon viel davon entwendet; aber das sage ich Ihnen von Herzen, daß mich dieser Raub recht glücklich macht. Es ist etwas Unschätzbares um die persönliche Bekanntschaft eines Dichters, den man durch seine Werke liebgewonnen; ich fange von vorn an Sie wieder zu lesen mit neuem doppelten Genusse. —

Für heute wie für immer bitte ich um Entschuldigung und Nachsicht, wenn meine Briefe abgerissen und verwirrt scheinen, dieß ist eine Folge meines métiers, es giebt der ruhigen Augenblicke so wenige, und man muß sich den Kopf auf so mancherlei Weise füllen. Die Ifflandsche Prosa muß auf der selben Stelle Platz nehmen, wo zuerst der Shakespear noch nicht weichen will, das macht denn manchmal Unordnung im Gehirn, und so muß ein tüchtiger Schauspieler wenn auch nicht verrückt, doch eigentlich immer ein wenig verwirrt erscheinen.

Ich bitte den Damen meine Verehrung zu bezeigen, und meine neuen Bekannte vielmal zu begrüßen; Ihnen mein lieber herrlicher Freund und Meister meine unwandelbare Ergebenheit und Hochachtung.

Wolff.

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Litres'teki yayın tarihi:
01 kasım 2017
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