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Kitabı oku: «Ferdinand Lassalle», sayfa 11
„aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue) ‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar). Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt, setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation vermittelt werden können?”
Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem ‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß, würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum. Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von Rodbertus-Jagetzow.)
Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet, wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel, und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” – worunter er den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand – bereits zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte, stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.
Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er „listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen, daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht, wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend, der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” – Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums.
Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits enthalten, daß hier in der Tat – worauf er so großes Gewicht legte – „das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen” sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit, und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen, welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige „wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben29. Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen. Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß.
Aber es genügt noch nicht, daß Lassalle an die Richtigkeit seines Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, daß er über sein Ziel sich so unbestimmt wie nur möglich äußerte. Er, der in dem schon zitierten Aufsatz über den „Franz von Sickingen” so trefflich dargelegt hatte, welche Gefahr darin liegt, „die wahren und letzten Zwecke der Bewegung andern (‚und beiläufig eben dadurch häufig sogar sich selbst’) geheim zu halten”, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen „sittliche Schuld” erblickt hatte, die seinen Untergang herbeiführen mußte, den Ausfluß eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm vertretenen Idee, ein „Abweichen von seinem Prinzip”, ein „halbes Gebrochensein” – er gerade zuletzt hätte sich darauf verlegen dürfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck zuzuspitzen. Die Entschuldigung, daß man diesen Zweck dem „Mob” noch nicht sagen durfte, oder daß die Massen für ihn noch nicht zu gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen für das wirkliche Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese überhaupt verfrüht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn erlangt, nicht zum Ziele führen. In den Händen einer Arbeiterschaft, die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag, konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als nützen und mußten die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prätorianer liefern. War aber die Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen, dann mußte dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit noch nicht als unmittelbares, über Nacht zu verwirklichendes Ziel hingestellt zu werden, aber nicht nur der Führer, sondern auch jeder der Geführten mußte wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und daß es nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wäre dadurch nicht mehr vor den Kopf gestoßen worden, als es durch den Kampf um das Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz handelt. „Individuen,” sagt er in dieser Beziehung mit Recht, „sind zu täuschen, Klassen niemals.”
Wem das im Vorstehenden Ausgeführte doktrinär erscheint, der sei auf die Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit will ich zum Schluß auf dieses Thema übergehen.
Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation können hier nicht dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen Werkes annehmen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, vorderhand nur die allgemeinen Züge der Bewegung hervorzuheben.
Das „Offene Antwortschreiben” hatte zunächst nur zum Teil die Wirkung, die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in Düsseldorf und andere schreiben: „Das Ganze liest sich mit solcher Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter sofort sein muß, als wüßte er es schon jahrelang!” Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk, sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu verfallen, voller Wärme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben. Aber – die Arbeiter lasen sie vorerst überhaupt nicht; nur wo der Boden bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen in Frankfurt a. M., in einigen größeren Städten und Industrieorten am Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurückgekehrte politische Flüchtlinge eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus der Zeit vor und während der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf längere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberührt und betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Führer der Fortschrittspartei – als einen Handlanger der Reaktion.
Was nämlich die Fortschrittspartei in Preußen und außerhalb Preußens anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das „Antwortschreiben” einen wahren Sturm erregt – nämlich einen wahren Sturm der Entrüstung, der leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so groß vorgekommen, so erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und nun wurde ihnen plötzlich von links her zugerufen, daß sie keinen Anspruch auf diesen Titel, daß sie sich des Vertrauens, das ihnen das Volk bisher entgegengebracht, unwürdig erwiesen hätten und daß daher jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder Arbeiter, ihnen den Rücken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung verträgt keine kämpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die Feindseligkeiten zwischen ihr und der preußischen Regierung hatten allmählich einen Höhegrad erreicht, daß eine gewaltsame Lösung des Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mußte man sich auf das Äußerste gefaßt machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, daß die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe, hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten können, das Volk, das politisch denke, stehe einmütig hinter ihr, und in dieser Zuversicht hatte sie eine immer drohendere Sprache geführt. Denn wenn die Fortschrittler auch keine große Lust hatten, Revolution zu machen, an Drohungen mit ihr ließen sie es darum doch nicht fehlen30.
Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne, der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen, man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte? Das hieß ihnen Unmenschliches zumuten.
Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr Möglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu lassen, und die nachträgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist, um zu irgendwelcher Betrachtung Anlaß zu bieten. Die Art der Gegenwehr nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: kläglich. Daß die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf gemacht werden könnte. Denn es läßt sich nun einmal nicht bestreiten, daß Lassalles „Antwortschreiben” zunächst Wasser auf die Mühle der preußischen Regierung sein mußte. Statt sich aber darauf zu beschränken, Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine starke Position, oder, wie die Engländer es nennen, „einen starken Fall” ihm gegenüber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit hätte Mitleid erregen können, wenn sie nicht zugleich mit einer so riesigen Dosis von Selbstüberhebung gepaart gewesen wäre. Lassalles einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des Staats gegenüber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die platteste Verherrlichung der bürgerlich-kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaßen sie so sehr alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst früher in bezug auf die nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben hatten, daß sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die Übertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbürgerlichen Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen über Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszüge aus der 1858 erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausführungen Schulzes in seinem „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” – eine Zusammenstellung von sechs Vorträgen, die letzten davon bestimmt, Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Während dort es als eine der schönsten Wirkungen der selbsthilflerischen Assoziationen bezeichnet wurde, daß sie den Unternehmergewinn herunterdrücken hülfen, heißt es hier, daß „die Wissenschaft ein solches Ding wie Unternehmergewinn” gar nicht kenne und also auch natürlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn. Sie kenne nur „a) Unternehmerlohn und b) Kapitalgewinn” (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenüber solcher „Wissenschaft” brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu sein, um mit ihr fertig zu werden.
Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger Schloßkirche genagelten Thesen – wie sie Lassalle sich laut dem bereits erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach – konnte zunächst auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen „Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln, Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet, auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte. Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische, was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an. Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein. Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.
Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige Erholungsreise an – zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee. Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen. Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”, womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu schweben.
Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt, stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium, andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul. Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das Werbegeschäft fördern solle.
Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser Frage einzugehen – vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation usw. S. 83) – , er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.
Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag”.
Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in Barmen, Solingen und Düsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in seiner Agitation. Welche Einflüsse während der Sommermonate auf ihn eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden können, indes wird man nicht fehlgehen, wenn man auf die Gräfin Hatzfeldt und ihre Verbindungen schließt. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein noch größeres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als dieser selbst; für sie ging das Interesse am Sozialismus vollständig auf im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie überhaupt erst zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre große Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet, die wohl versprachen, seinem persönlichen Ehrgeiz Befriedigung zu verschaffen, die aber die Bewegung selbst im höchsten Grade kompromittieren konnten. Für sie war eben die Bewegung Lassalle und Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigennützigen Freunde sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbständigen Wirkungskreis, so wirkt ihre Fürsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie bestärken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und Schwächen, sie reizen beständig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache für dieses Unrecht, sie hetzen und schüren und intrigieren – alles in bester Absicht, aber zum größten Schaden dessen, für den es vermeintlich geschieht.
Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf Erfahrung überlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab er viel auf ihren Rat; er mußte doppelt auf ihn wirken, wo er seinen Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schluß seiner Laufbahn geschriebenen Briefe an die Gräfin macht Lassalle dieser gegenüber die Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des Präsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlaßt habe. Das ist sicherlich nicht wörtlich zu nehmen. Lassalle hätte wohl auch ohne die Gräfin das Präsidium angenommen. Aber in solchen Situationen läßt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was man selbst möchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint. Die Gräfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es liegt der Schluß mehr als nahe, daß sie es mit Verweisung auf die Dinge getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preußens damals vorbereiteten. Es sei nur an die Erklärung Lassalles in seiner Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß erinnert, daß er schon vom ersten Tage, wo er seine Agitation begann, gewußt habe, daß Bismarck das allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklärung, daß, als er das „Offene Antwortschreiben” erließ, ihm „klar” war, daß „große auswärtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es unmöglich machen, das Volk zu ignorieren”. Er stellt es zwar dort so hin, als ob dies jeder hätte wissen müssen, der die Ereignisse mit sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die „Informationen” beeinflussen ließ, die ihm aus „diplomatischen Quellen” über die Vorgänge in Regierungskreisen zugingen.
Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttäuscht worden, als Lassalle selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und stillen Diplomatie abgerichtet, mußte sie auch jetzt darauf verfallen, hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um jeden Preis zu erzwingen, an seinem rücksichtslosen Temperament und seinem hochgradigen Selbstgefühl nur zu bereitwillige Unterstützung. Inwieweit damals schon die Fäden angeknüpft waren, die später Lassalle ins Palais des Herrn von Bismarck führten, läßt sich heute nicht mehr feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede „Die Feste, die Presse usw.” für den Druck niederschrieb, an seinen Freund Levy richtete: „Was ich da schreibe, schreibe ich bloß für ein paar Leute in Berlin,” als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst beweisen, daß an diesen Fäden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die teilweise sehr übertrieben sind, während dagegen dem Minister Bismarck unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so meistert hier der Demagoge die ersteren.
Im Juni 1863 hatte die preußische Regierung, nachdem sie den Landtag nach Hause geschickt, die berüchtigten Preßordonnanzen erlassen, welche die Verwaltungsbehörden ermächtigten, nach vorheriger zweimaliger Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inländischen Zeitung oder Zeitschrift „wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd” zu verbieten. Die liberale Presse, ausschließlich in den Händen von Privatunternehmern, hatte daraufhin meist es vorgezogen, während der Dauer der Preßordonnanzen überhaupt nichts mehr über die innere Politik zu schreiben. Das war gewiß nichts weniger als tapfer, aber es war auch nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es hinstellt. Lassalle übersah geflissentlich, daß Bismarcks Absicht beim Erlaß der Preßordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaßten Blätter der Opposition geschäftlich zu ruinieren, um seine eigene oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der Begründung der Preßordonnanz hatte es ausdrücklich geheißen:
„Die positive Gegenwirkung gegen die Einflüsse derselben (d. h. der liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon deshalb den wünschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die meisten der oppositionellen Organe durch eine langjährige Gewöhnung des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu bekämpfen ist.”
Wenn also die liberalen Blätter es nicht darauf ankommen ließen, verboten zu werden, so erhielt die Regierung auch keine Möglichkeit, andere Blätter an deren Stelle einzuschmuggeln oder jenen die Annoncen abspenstig zu machen. Der eine Zweck der Maßregel wurde also gerade durch dies zeitweilige Schweigen über die innere Politik vereitelt. Nicht minder aber auch der zweite, direkt politische Zweck. Lassalle meint in seiner Rede, wenn die liberale Presse sich hätte verbieten lassen, wenn der Spießbürger nicht mehr beim Frühstück seine gewohnte Zeitung bekommen hätte, dann würde die Erbitterung über die Preßordonnanzen im Volke aufs höchste gesteigert worden sein und die Regierung sich gezwungen gesehen haben, nachzugeben. Indes, die Erbitterung war nicht minder groß, wenn der Spießer zwar seine gewohnte Zeitung forterhielt, aber ihm zugleich Tag für Tag am Inhalt derselben vordemonstriert wurde, daß seinem Organ ein Knebel angelegt war, wenn er zwar sein Blatt, aber ohne den geliebten Leitartikel erhielt.
Zudem war die Preßordonnanz eine Maßregel, die nicht aufrechtzuerhalten war, sobald der Landtag wieder zusammentrat. Es handelte sich um ein Provisorium, und die liberalen Blätter hatten gar keine Ursache, während desselben, Bismarck zuliebe – wie Lassalle es ausdrückt – „mit Ehren zu sterben”.
Die Wut der Regierung war denn auch eine nicht geringe, und ihre Organe spiegelten diese Wut natürlich entsprechend wieder. Lassalle drückt das so aus, daß er sagt: „Selbst (!) die reaktionären Blätter wußten damals ihrem Erstaunen und ihrer Entrüstung über dieses Gebaren kaum hinreichenden Ausdruck zu geben.” Und er zitiert als Beweis die „Berliner Revue”, das Organ des reaktionärsten Muckertums.
Natürlich benutzten die Reaktionäre die Finte, ihren Angriffen auf die liberale Presse ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, sich zu gebärden, als ob sie ihres kapitalistischen Charakters halber angriffen. Statt jedoch gegen diese Fälschung des sozialistischen Gedankens zu protestieren und jede Solidarität mit ihren Urhebern zurückzuweisen, leistete Lassalle dem Spiel der Bismärcker noch Vorschub, indem er ihre Blechmünzen den Arbeitern als echtes Gold ausgab.
